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Full text of "Plastik und Medizin"

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American  Foundation 

ForTHEBLIND  INC. 


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Plastik  und  Medizin 


In  gleichem  Verlcige  sind  von  demselben  Herrn  Verfasser 
in  den  letzten  jähren  erschienen: 


Die  Karikatur  und  Satire  in  der  Medizin.  Mediko-kumthistonsche 

Studie.     Mit   lO  farbigen  Tafeln   und   223  Abbildungen  im  Text.     Hoch  4". 

Kart.  24  Mark.     Elegant  gebunden   27  Mark 

Die  Medizin  in  der  klassischen  Malerei.    Mit  165  in  den  Text  ge- 
druckten Abbildungen.     Hoch  4 ". 

Geh.  in  Mappe    16  Mark.     Elegant   gebunden    18   Mark 


Digitized  by  the  Internet  Archive 

in  2010  with  funding  from 

Lyrasis  Members  and  Sloan  Foundation 


http://www.archive.org/details/plastikundmediziOOeuge 


Plastik  und  Medizin 


VON 

EUGEN  HOLLÄNDER 

PROF.  DR.  MED.,  BERLIN 


MIT  1   TITELBILD  UND  433  TEXTABBILDUNGEN 


VERLAG  VON  FERDINAND  ENKE  IN  STUTTGART 

1912     ^^^ 


Das  Übersetzungsrecht  für  alle  Sprachen  und  Länder  vorbehalten. 


Copyright  l'Jll  by  Ferdinand  Enke,  Publisher,  Stuttgart. 


Druck  der  Union  Deutsche  VcrlagsgeseUschaft  in  Stuttgart. 


Gefördert  wurden  diese  Studien  in  dankenswerterweise  durch  die 
Untersti'itzung  des  Ministerium  der  geistlichen,  Unterrichts-  und 
Medizinalangelegenheiten.  Seinem  Beistande  verdanke  ich  das  be- 
sondere Entgegenkommen  der  Museumsverwaltungen   im  Auslande. 


Folgende  Institute   und  Museen    haben    mein  Unternehmen   ge- 


fördert : 

Generalvcrwaltung   der  Kgl.  iMuseen 

(Exzellenz  Bode). 
Kaiserl.  Deutsches  Archaol.  Institut  tur  ägypt. 

Altertumskunde  (Prof.  Borchardt). 
Kaiserl.  Deutsches  Archäol.  Institut  in  Rom. 
Kaiserl.  Deutsches  Archäol.  Institut  in  Athen 

(Prof.  Caro). 
Die  Antikensammlung,  Berlin  (Prof.  \V  i  n  n  e- 

feld,  Prof.  Zahn). 
Das  MĂĽnzkabinett  (Dr.  Regling). 
Ägypt.  Abteilung  (Prof.  Schäfer). 
Museum  für  Völkerkunde,  Amerikan.  Abtg. 

(Prof.  Seeler,  Dr.   PreuĂź). 
Museum    für   Völkerkunde,    Indische   Abtg. 

(Prof.   GrĂĽnwedel). 
Museum  für  Völkerkunde,  Japanische  Abtg. 

(Prof.  KĂĽmmel). 
Königl.  Sammlung  für  Deutsche  Volkskunde 

(Dr.  K.  Brunn  er). 
Das    Medico- Historische    Institut,    Leipzig 

(Geh.  Rat  Prof.  Karl  Sudhoff). 
Das  Medico-Historische  Institut,  Jena 

(Prof.  Meyer- St  eineg). 
Das  Kunsthistorische  Institut,  Florenz 

(Prof.  Brock  haus). 
Kaiserin-Friedrich-Haus,  Berlin 

(Prof.  R.  Kutner). 


The  Free  Public  Museums,  Liverpool 
(Dr.  Clubb). 

The  British  Museum. 

.Vlusei  e  Gallerie  Pontificie,  Rom. 

Museo  Arqueologico  Nacional,  Madrid 
(Francisco  A 1  v  a  r  e  z  -  O  s  s  o  r  i  o). 

.\Iuseo  e  Biblioteca  Guarnacci  in  Volterra. 

ThorwaldsenMuseen,Kopenhag.  (Hauberg). 

Metropolitan  Museum  of  Art,  New  York. 

Archäolog.  Museum,  Florenz  (Dir.  Milani). 

Victoria  and  Albert  Museum,  London 
(Eric  Maclagan). 

SchloĂźverwaltung  der  Barberini  in  Palestrina. 

Evangelische  Schule  und  Bibliothek,  Smyrna. 

Musees  Imp^riaux  Ottomans ,  Konstanti- 
nopel. 

Kaiser- Wilhelms- Akademie  für  militär- 
ärztliches Bildungswesen  (Exzellenz  von 
S  c  h  j  e  r  n  i  n  g) . 

K.  K.  Blinden-Erziehungs-Institut,  Wien. 

Ägyptolog.  Institut  der  Universität  Leipzig 
(Prof.  Steindorff). 

K.  Skulpturensammlung Albertinum, Dresden. 

Altcrtumssammlung  der  Stadt  Mainz. 

Musees  Royaux  du  Cinquantenaire,  BrĂĽssel. 

National  Museum,  Athen  (V.  Staisl. 

Athen.  MĂĽnzkabinett  (J.  N.  Svoronos). 


Es  unterstĂĽtzten  mich  in  derselben  Richtun"   die  Herren: 


Dr.  Gustav  Alexander,  Wien. 

Prof.  Rieh.  Andrea,  MĂĽnchen. 

Dr.  Kronfeld,  Wien. 

Geh.  Rat  Prof.  Hirschberp;,  Berlin. 

Prof.  W.  A.  Freund,  StraĂźhurg-Berlin. 

Dr.  C.  E.  Daniels,  Amsterdam. 

Prof.  N  eeb,  Mainz 

Jean  Capart,  BrĂĽssel. 

Prof.  Kastriotes,  Athen. 

Prof.  Po  litis,  Athen. 

W.  Vogelsang,  Utrecht. 


Prof.  Alexander  Meli,   Wien. 
Prof.   Schiff,  Wien. 
Prof.  Kubitschek,   Wien, 
Prof.  Dr.  Th.  Wiegand,   Konstantinopel- 
Berlin. 
Dr.  Felix  Regnault,  Paris. 
Dr.  M.  Meyerhoff,  Kairo. 
Dr.  Hoffa,  Rom. 
Dr.  Arguropulos,  Smyrna. 
Dr.  LaĂźwitz,  Konstantinopel. 
HerrE.  Froeschle,  Karlsruhe,  als  Korrektor. 


Berlin,  Dezember   191 1. 


INHALT. 


Seite 

Allgemeine  Einleitung i 

Die    medizinische   Kunsthistorie,    ihre   Bedeutung,    Aufgabe   und  Ent- 
wicklung. 

Spezielle  Einleitung 8 

Die  Heilgötter  in  der  Mythenbildung  der  verschiedenen  Völker. 

Griechisch-römische  Heilgötter                               8 

Asklepios,  sein  Geschlecht  und  seine  Mythen H 

Die  Asklepieien II 

Das  Bildnis  des  Heilgottes 40 

Die  Rundstatuen 4° 

Der  Typus  seines  Kopfes 73 

Der  thronende  Gott 66 

Seine  Attribute  und  Embleme 81 

Der  Nabel 83 

Der  Stab 86 

Die  Schlange 87 

Der  Hund 95 

Die  Ziege 99 

Der  Hahn 99 

Die  Votivreliefs  und  andere  anaglyphe  Darstellungen  der  Asklepieien  103 

Votivsteine  mit  der  Darstellung  der  Opferszene 104 

Der  sogenannte  Krankenbesuch  des  Asklepios 119 

Das  sogenannte  Totenmahl 123 

Andere  Heilgötter  und  Heildämonen 125 

Telesphorus i-5 

Hygieia Mo 

Epione '49 

Janiscos ^50 

Isis,  Sarapis  und  andere  Heilgottheiten ijS 

Hera — Artemis — Eileithyia '59 

Jesus  Soter '65 

Exvotos ^75 

Antike  Körper-  und  Organdarstellungen 175 

Skelett ''^^ 

Eingeweide '^o 


VIII  INHALT. 


Seite 

Eingeweidesitus  und  -traktus 200 

Die  ältesten  Darstellungen  der  Leber 214 

Körperexvoto  aus  Griechenland 215 

Die  \'otivopftr  gesunder  und  kranker  GliedmaĂźen  aus  neuerer  Zeit  220 

Allgemeine  Körperdarstellungen 236 

Mode  und  KĂĽnstlerstil 2^6 

Hermaphroditen 247 

Adam  und  Eva 255 

Schwangerschaft 259 

Die  Geburtsdarstellung 267 

Krankheitsdarstellungen 28 1 

Antike  Exvotos  mit  Krankheitsdarstellungen 286 

Brüste ■     •     •     ■     •  299 

Gesichter 302 

Extremitäten 5'^5 

/^Augen 308 

Ohren 309 

Genitalien 3^2 

Porträtstatuen 3 '  6 

Böser  Blick  und  Buckel 32J 

Groteskköpfe 33' 

Masken  und  Verwandtes 333 

Zwergenwuchs 33" 

Bes— Pataikos— Ptah 345 

Satyrspiel  und  Komödie 55^ 

Dämonische  Krankheiten,  Alkohol,  Wahnsinn 354 

Die  Skulptur  der  Blindheit 3^7 

Die  anthropomorphen  altperuanischen  Terrakotten 391 

Verletzungen  und  Verwundungen 44" 

Instrumentenkasten   und    Schröpfkopf,    die    antiken    Wahr- 
zeichen ärztlicher  Kunst 448 

Heilhandlung,  Hygiene,  Bad 4^8 

Die  Inkubationsheiligen  und  Patrone  der  Ärzte 500 

Monumente,  Embleme  und  Krankenhausschmuck    ....  527 

Literaturverzeichnis 57- 


EINLEITUNG. 


|g5S3^eistungen  irgendeiner  kĂĽnstlerischen  Art,  sei  es,  daĂź  es  sich 
t  ^^^'  "■""  '■^''"'  Schöpfung  eines  Dichters  handek  oder  um  eine 
P  ^^^^t  bildnerische  Gestaltung,  sollten  von  dem  Gebildeten,  auf 
den  sie  einwirken,  ohne  Erklärung  empfunden  und  verstanden  werden. 
Das  erklärende  Plakat  ist  von  Wert  tür  denjenigen,  der  ein  Neuling 
ist  und  in  die  W'erkstätte  eines  Künstlers  noch  nicht  hineingesehen 
hat;  der  Kenner  aber  genieĂźt  und  wĂĽrdigt  auch  ohne  UnterstĂĽtzung 
des  Katalogs  und  die  FĂĽhrung  durch  die  Sterne  des  Baedekers.  So 
ist  es  auch  innner  ein  Zeichen  der  Schwäche,  einleitend  den  Sinn 
und  den  Zweck  eines  Buches  angeben  zu  mĂĽssen.  Es  ist  das  so 
eine  Art  von  Selbstanpreisung,  und  allzu  leicht  kommt  der  Autor 
in  den  W'rdacht,  daĂź  er  das  unbequeme  GefĂĽhl  hat,  sich  entschul- 
digen zu  mĂĽssen.  Ein  in  sich  abgerundetes  und  einheitliches  Werk 
mag  eines  Prologes  entbehren,  aber  ich  selbst  muĂź  diese  KrĂĽcke 
benutzen,  weil  ich  hier  in  einem  Bande  Dinge  vereinige,  die  zeitlich 
und  räumlich  wenig  miteinander  zu  tun  haben,  welche,  heraus- 
gerissen aus  verschiedenartigen  Disziplinen  und  Epochen,  nur  etwas 
gemeinsam  haben:  Innerlich  den  festeren  oder  loseren  Zusanmien- 
hang  mit  der  Medizin,  äußerlich  die  plastische  Form  und  das  körper- 
liche GefĂĽge.  Es  kommt  hinzu,  daĂź  dieses  verschiedenartige 
Rohmaterial  nicht  dadurch  innerlichen  Halt  erfährt,  daß  es  das 
Forschungsergebnis  einer  Fland  ist.  \'ielmehr  stĂĽtzt  sich  diese 
mediko-historische  Studie  aut  verstreute  Vorarbeiten.  Was  jedoch 
vielleicht  diese  Studien  und  Referate  aus  den  verschiedensten  Kultur- 
zentren, aus  heterogenster  Lebensauffassung  und  Kunstwerkstätten 
auĂźerdem  noch  zu  einem  Ganzen  verkittet,  ist  vornehmlich  der  Zweck 
dieses  Buches.     Ihm  ordnet  sich  harmonisch  alles  unter.     Dies  Buch 

Holländer,  Plastik  und  Medizin.  ^ 


EINLEITUNG. 


gehört  in  erster  Linie  dem  deutschen  Arzt,  ihm,  der  im  täghchen 
Schaffen  seiner  menschentreundHchen  Arbeit  und  wissenschaftlichen 
Forschung  nicht  die  Ruhe  und  MuĂźe  findet  zum  Studium  der  Ge- 
schichte seines  Standes;  ihn  will  es  bekannt  zu  machen  versuchen 
mit  den  Ergebnissen  medizin-historischer  Einzelforschungen.  Dies 
Buch  setzt  die  Bestrebungen  fort,  die  kĂĽnstlerischen  Dokumente  zu 
sammeln,  um  unter  ihrer  bildlichen  \'orfĂĽhrung  gewisser- 
m  a  Ăź  e  n  A  n  s  c  h  a  u  u  n  g  s  u  n  t  e  r  r  i  c  h  t  in  der  Geschichte  de  r 
Medizin  zu  geben.  Entrollte  »die  Medizin  in  der  klassischen 
Malerei«  mit  Bevorzugung  Szenen  aus  dem  i6.,  17.  und  18.  Jahr- 
hundert, ließ  »die  Satire  und  Karikatur«  zum  Teil  etwas  frühere 
medizinische  Zeitgeschichte  erstehen  und  gab  Ausschnitte  aus  dem 
18.  und  19.  Jahrhundert,  so  tĂĽhren  wir  mit  diesen  Untersuchungen 
den  Arzt  in  die  Zeiten  der  Antike.  Aucli  hier  lag  wieder  der  be- 
sondere  Reiz  in  der  Sammlertätigkeit  an  Ort  und  Stelle  und  der 
wissenschaftlichen  Bearbeitung  der  meist  ja  archäologisch  schon 
beschriebenen  Objekte  der  Weltmuseen  im  medizin- historischen 
Sinn.  Die  kritische  Beurteilung  der  Fachleute  bestätio;te  mir  den 
Wert  solcher  Studien.  Nur  wenigen  \'oreingenommenen  galten 
diese  medizinischen  kunsthistorischen  Studien  nichts;  sie  waren  im 
Wahne,  daĂź  man  aus  ihnen  nĂĽchterne,  praktisch  verwertbare  Er- 
kenntnisse extrahieren  könne,  für  die  es  Kassenbons  gibt.  Sie 
verlangten  bei  der  Betrachtung  der  Rembrandtschen  Anatomie  eine 
Erweiterung  ihrer  Kenntnisse  in  der  Armmuskulatur,  und  aus  der 
gelegentlichen  Krankheitsporträtierung  eine  Bereicherung  ihrer  medi- 
zinischen Diagnostik. 

Die  Bewegung  der  mediko- artistischen  Studien,  die  durch 
Charcot  und  seine  Schule  ihre  Wiedergeburt  feierte,  geht  in  ihren 
Anfängen  weit  zurück.  Die  größere  klassische  Bildung,  die  Zu- 
gehörigkeit zu  mehreren  Fakultäten  brachte  es  von  selbst  schon 
mit  sich,  daĂź  die  medizinischen  Professoren  des  16.  und  17.  Jahr- 
hunderts   und   auch   gelehrte    Ärzte,    namentlich    der   süddeutschen 


EINLEITUNG. 


freien  Städte,  ein  größeres  Interesse  an  den  Kitnsterzeugnissen  hatten, 
und  diese  gelegentlich  zu  ihrem  engeren  medizinischen  Fache  in 
Beziehung  brachten.  So  hat  schon  der  alte  XĂĽrnhcrgtr  Stadtarzt 
Michael  F.  Lochner  von  Hummelstein,  zu  FĂĽrth  1662  geboren, 
sich  aus  den  Darstellungen  der  Antike  Anregungen  tĂĽr  seine  pharma- 
kologischen Studien  geholt.  Dies  kommt  zum  Ausdruck  in  seinem 
Werke  »Papaver  ex  omni  antiquitate  erutum,  gemmis,  nummis, 
statuis  et  marmoribus  aere  incisis  illustratum,  Xürnberg  17  13«.  Für 
die  damalige  Zeit  stellt  dieses  Buch  mit  seiner  reichen  bildnerischen 
Ausstattung  fĂĽr  das  spezielle  Gebiet  bereits  ein  trefl  liebes  Beispiel 
ähnlicher  Bestrebungen  vor.  Unter  der  Zahl  der  kunstgelehrten 
Ärzte,  welche  sich  vornehmlich  mit  Numismatik  beschäftigten,  er- 
wähnen wir  den  Helmstedter  Professor  Heinrich  Meibom  be- 
sonders deshalb  an  dieser  Stelle,  weil  er  sich  eingehend  dem  Studium 
der  o-riechischen  und  römischen  Heilgötter  auf  Münzen  und  Medaillen 
hingab  und  damit  wohl  als  erster  die  Spezialität  »Medicina  in 
nummis«  pflegte.  Auch  erwähnen  wir  die  Beschreibung  einer  ber- 
linischen Medaillensammlung  der  Gedäcbtnismünzen  berühmter 
Ärzte,  in  welcher  verschiedene  Abhandlungen  zur  Erklärung  der 
alten  und  neuen  Münzwissenschaft,  »im  gleichen  zur  Geschichte  der 
Arzneigelahrtheit  und  der  Literatur  eingerückt  sind«.  I.C.W.Moehsen, 
des  Joachimsthalschen  Gymnasii  bestellter  Medikus,  hat  diese  fleiĂźige 
Arbeit  mit  dem  langen  Titel,  in  der  eine  auĂźerordentliche  Arbeit 
steckt,  verfaßt,  und  durch  ihn  erfahren  wir,  daß  schon  der  erwähnte 
Loch n er,  offenbar  angeregt  durch  seine  Spezialstudien  ĂĽber  den 
Mohn,  auch  den  erweiterten  Plan  zu  einem  Werke  dieser  Art  unter 
den  Händen  hatte,  «Die  Historia  medica  nummaria,  seu  de  Honore 
Medicis  olim  et  nuper  habito,  Xummisque  et  Statuis  iisdem  cusis 
et  erectis«.  Das  ALmuskript  hierzu  scheint  aber  verloren  gegangen 
zu  sein.  Die  Beziehungen  zwischen  der  Medizin  und  der  dar- 
stellenden Kunst  hat  der  Göttinger  Professor  Karl  Friedrich 
Heinrich    Marx    im    Jahre    186 1    in    einer    Akademiearbeit    im 


EINLEITUNG. 


lo.  Bande  der  Abhandlungen  der  Göttinger  Königl.  Gesellschaft  der 
Wissenschaften  verfolgt.  Doch  die  medizinischen  Aphorismen  zur 
Kunst-  und  Kulturgeschichte,  die  Marx  mit  genialer  Begabung 
hinwarf,  landen  wenig  Anerkennung.  Es  lag  dies  offenbar  daran, 
daß  den  Zuhörern  dieses  ganze  Gebiet  fernlag,  und  die  damalige 
Technik  der  Reproduktion  es  noch  nicht  in  dem  Maße  ermöglichte, 
durch  eine  beigegebene  Abbildung  Interesse  zu  erwecken.  Es  war 
der  französischen  Schule  unter  Charcot  vorbehalten,  in  dem  tür 
Kunst  an  und  tür  sich  emptänglicheren  Eande  die  Autmerksamkeit 
und  die  Mitarbeit  der  Mediziner  tĂĽr  diese  kĂĽnstlerische  Seite  der 
Medizinhistorie  zu  erwecken  und  anzuregen.  Dieser  Schule  ver- 
danken wir  in  der  »Iconographie  de  la  Salpetriere«  eine  ununter- 
brochene Reihentolge  von  Publikationen,  und  RichersW'erk  »E'Art 
et  la  Medecine«,  das  sich  auch  aut  Skulpturen  stützt,  ist  gewiß  der 
wertvolle  Extrakt  dieser  Artikeltolge. 

Nachdem  ich  in  Deutschland  zuerst  mit  der  »Medizin  in  der 
klassischen  Malerei«  den  Reigen  dieser  mediko-artistischen  Studien 
eröffnete,  sind  mir  viele  aut  dieses  blumige  Grenzgebiet  gefolgt  und 
haben  auf  ihm  schöne  und  wertvolle  Erüchte  gepflückt.  Sie  ver- 
folgten dabei  den  Gedanken,  den  aut  anderen  Gebieten  schon  ge- 
lehrte Eorscher  erfüllt  hatten,  Botaniker,  welche  auf  alten  (jemälden 
Pflanzenkunde  studierten,  und  Zoologen,  die  den  Tierschilderungen 
vergani^ener  Kunstepochen  nachgingen.  Während  nun  namentlich 
die  medizinischen  Spezialarbeiten  auf  graphischer  Arbeit  basieren 
und  vor  allem  Malerei  und  Karikatur  berĂĽcksichtigten,  ergibt  sich 
aus  dem  von  uns  in  diesem  Werke  bearbeiteten  ALiterial  eine  un- 
vergleichlich größere  historische  Breite,  welche  uns  sogar  den  Zeiten 
zufĂĽhrt,  vor  denen  die  (jeschichtskunde  halt  machen  muĂź.  Ar- 
chäologische Eunde  führen  uns  in  die  Kinderstube  der  Heilkunst, 
in  der  ein  heiliger  Mann,  meist  mit  der  Rute  in  der  Hand,  schaltete. 
Diese  Priestermedizin  schuf  sich  allmählich  in  den  Asklepieien  eine 
W^irkungsstätte  mit  dem  monumentalsten  Hintergrund;   die  Marmor- 


EINLEITUNG. 


trümmer  dieser  Kultstätten  werden  wir  sammeln  und  studieren. 
Diese  Aufgabe  ist  deshalb  so  ĂĽberaus  reizvoll,  weil  sie  der  Hinter- 
lassenschatt  des  Volkes  entstammt,  welches  der  W'elt  das  Schön- 
heitsideal schenkte.  Mit  dem  Studium  der  eingeborenen  Attribute 
des  hellenischen  Heilgottes  bereichern  wir  unsere  Kenntnisse  der 
medizinischen  Symbolik  und  Emblemkunst.  In  der  weiteren  \"er- 
folgung  des  Ausganges  des  gräkolateinischen  Gottesdienstes,  der 
zuletzt  pantheistische  Form  annahm,  begeben  wir  uns  zu  einer 
lii-ichtigen  Betrachtung  des  Ăśbergangs  heidnischer  Darstellungen  und 
Gebräuche  aut  den  christlichen  Kult  und  damit  zu  den  Inkubations- 
heiligen und  zu  den  Patronen  der  Medizin.  Ein  intimes  Studium 
der  Weihgeschenke  in  Körpertorm  sowohl  heidnischer  wie  christ- 
licher Religionskulte  fĂĽhrt  uns  hinĂĽber  zu  dem  bisher  zerstreuten 
Material  der  plastischen  Schilderung  antiker  krankhafter  Körpertorm. 
Wir  suchten  namentlich  der  ursächlichen  Bedeutung  dieser  auf  den 
Grund  zu  kommen  und  streiften  damit  abergläubische  \'orstellungen 
der  antiken  Welt,  deren  Reste  und  Spuren  noch  heute  massenhatt 
an  die  Oberfläche  kommen.  Eine  \'orbedingung  aber  für  diese 
»plastische  Pathologie«  ist  die  Kenntnis  der  allgemeinen  Körper- 
darstellung in  ihrer  durch  Mode,  KĂĽnstlerstil  und  Technik  ewig 
abwechselnden  Ausdrucksweise.  Die  Skulptur  des  »Hermaphrodi- 
tismus«, der  »Schwangerschaft«,  des  »ersten  Menschenpaares«  und 
der  »Blindheit«  landen  eine  eingehende  Betrachtung.  Eine  Exkursion 
zu  den  Töpferwaren  der  Altperuaner  zeigt  uns  die  Krankheitsbildner 
par  excellence  aus  vorkolumbischer  Zeit.  An  der  FĂĽlle  dieser  eigen- 
artigen Krankheitsdarstellungen  studieren  wir  nicht  nur  die  Spezial- 
diagnostik  mit  RĂĽcksicht  auf  den  eventuellen  amerikanischen  Ur- 
sprung der  Svphilis,  sondern  wir  lernen  an  diesen  vollkommen 
anonvmen  Kunstwerken  auch  die  Schwierigkeit  und  die  Grenzen 
der  Krankheitsbestimmung  aus  der  reinen  Form  ĂĽberhaupt  kennen. 
Es  folgt  sodann  das  Kapitel  der  Heilhandlung,  sowohl  der  ärztlich- 
operativen  wie  der  kirchlich-symbolischen.     Das  antike  Wahrzeichen 


EINLEITUNG. 


der  ausübenden  Heilkunde,  der  Schröptkopt  und  Instrumentenkasten, 
interessiert  in  demselben  Grade  wie  der  kurze  Blick  in  die  Pro- 
phylaxe der  alten  Welt:  das  Bad  und  seine  Einrichtungen.  Zum 
SchluĂź  dieser  medizin-historischen  Betrachtungen  plastischer  Kunst- 
gegenstände bieten  die  über  die  ganze  Welt  zerstreuten  Denkmäler 
von  Ärzten  und  Xaturtorschern  die  leider  noch  sehr  lückenhafte 
Unterlage  einer  monumentalen  Ikonographie  der  Medizinheroen. 
Der  x'Vnblick  einiger  alter  Krankenhäuser  mit  ihrem  architektonischen 
Schmuck  und  sinngemäßen  Supraporten  berechtigt  zu  dem  Bedauern, 
daß  die  modernen  Krankenhauspaläste  in  ihrer  übermäßiger  Nüchtern- 
heit tĂĽr  die  Entwicklung  dieser  Schmuckart  nichts  getan  haben. 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


ic  Medizin  ist  ein  Attribut  der  Gottheit,  der  Mediziner, 
göttergleich  oder  wenigstens  ein  Diener  des  Gottes  selbst. 
Der  Arzt,  seine  männliche  und  weibliche  Dienerschaft, 
die  Statte  seiner  Tat,  Teil  und  Bezirk  der  Klerisei.  Das  ist  ein 
beinahe  bei  allen  Kulturvölkern  anerkanntes  Frühstadiuni  ärztlicher 
Standesentwicklung.  »Der  theurgisch- mystische  Charakter  be- 
herrschte die  Medizin  aller  Völker  während  der  Periode  ihrer  frühe- 
sten Kulturentwicklungcc  (Pu  seh  mann).  Je  nach  der  geistigen 
Veranlagung  und  dem  Charakter  des  Wilkes  variierte  der  Inhalt  des 
medizinischen  Religionsdienstes.  Offenbar  spielte  hierbei  die  größere 
Rolle  nicht  die  Demut  und  die  Hingabe  des  Volkes,  sondern  der 
Fanatismus,  die  Begehrlichkeit  und  die  Kenntnisse  der  Priesterärzte. 
An  ihnen  lag  es,  wenn  bei  dem  einen  Volke  der  erzĂĽrnte  Gott  fĂĽr 
den  NachlaĂź  einer  Seuche  und  Plage  blutige  Menschenopfer  ver- 
langte, oder  wenn  der  Krankheitsdämon  nur  durch  Schläge,  üble 
Räucherungen  und  andere  Schrecknisse  davon  abzubringen  war, 
seine  Opfer  loszulassen.  Ging  solchen  wilden  Gang  die  Phantasie 
des  einen  Volkes,  das  in  den  Göttern  nur  die  strafende  und  deshalb 
manchmal  auch  listig  und  sogar  betrüglich  abzulösende  Macht  sah,  so 
bereicherte  sich  die  medizinische  Priesterklasse  anderer  Volksstämme 
dadurch,  daĂź  sie  sich  fĂĽr  die  Vollstrecker  einer  heilenden  Macht, 
als  die  Abwehrer  des  MiĂźgeschicks  ausgab,  an  Gold  und  ^^'issen. 
Es  ist  von  vornherein  ersichtlich,  daĂź  diese  letztere  Klasse  als  Ver- 
treter eines  Helfers  notwendigerweise  ärztliche  Funktionen  ausüben 
und  Kenntnisse  erwerben  muĂźte,  und  daĂź  sie  in  ihrem  Entwicklungs- 
gange von  den  mystischen  Beschwörungsorgien  aut  die  Bahn  der  em- 
pirischen \'olksmedizin  gedrängt  wurde.  Auf  dem  \\' ege  eines  theur- 
gisch-empirischen  Heildienstes  wurden  wohl  auch  gelegentlich  Priester 


8  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

der  Heilkunst,  die  sich  durch  besonders  glĂĽckliche  Heilhandlungen  be- 
währt hatten,  nach  ihrem  Tode  heroisiert  und  selbst  wieder  verehrt. 

Für  die  spätere  Entwicklung  der  verschiedenen  Völkerstämme 
ist  es  auch  in  religiös-dynastischer  Beziehung  eine  interessante  Stich- 
probe, wie  die  Legendenbildung  sich  die  lokale  Urgeschichte  ihrer 
nationalen  Heilkunde  formte.  Asklepios  z.  B.,  der  BegrĂĽnder 
griechischer  \'olksmedizin,  wurde  später  von  den  Hellenen  unter 
die  Götter  versetzt.  Sie  wußten  seine  Gestalt  mit  so  viel  männlicher 
Heroenschönheit  und  Innerlichkeit  zu  bilden,  daß  seine  Idealgestalt, 
umgeben  von  Familiengliedern,  geschmĂĽckt  mit  den  x^ttributen 
seiner  Kratt,  noch  heutzutage  der  kĂĽnstlerische  Ausdruck  fĂĽr  den 
göttlichen  Gedanken  in  der  Medizin  aller  europäischen  Kulturvölker 
geblieben  ist.  In  dieser  Beziehung  kann  man  von  einem  Siege  der 
Antike  ĂĽber  den  christlichen  Gedanken  sprechen. 

Die  Chinesen,  leidende  Sklaven  einer  ultraimperialistischen 
Idee,  erkennen  als  BegrĂĽnder  ihrer  eigenartigen  Heilkunde  den  halb- 
mvthischen  Kaiser  Shinnong  an,  der  ungefähr  um  das  Jahr  3216 
V.  Chr.  regiert  haben  soll.  Wm  ihm  berichtet  die  Ăśberlieferung, 
daß  er  persönlich  alle  Pflanzen  durchkostete  und  sie  nach  Heilkraft 
und  Giftwirkung  schied.  Die  Akupunktur  wird  als  kaiserliche  Er- 
findung dieses  Mannes  ausgegeben. 

Es  darf  nicht  wundern,  daß  der  Ärztegott  der  Ägypter  in 
einem  Lande,  in  dem  die  Astronomie  die  hohe  Entwicklung  erreicht 
hatte,  in  der  ältesten  Zeit  gleichzeitig  Mondgott  war.  Von  Ütele 
berichtet,  daß  nach  der  altägyptischen  Mythe  der  Ärztegott  Thout 
(Thot)  alle  \\^rlagen  für  die  späteren  .Medizinbücher  eigenhändig 
geschrieben  und  verfaĂźt  habe.  Zwischen  Mvthe  und  Historie  stehen 
die  drei  ersten  Dvnastien  Ägyptens.  Angeblich  haben  diese  Be- 
gründer der  ägyptischen  Königsdynastie  große  ärztliche  Kenntnisse 
besessen  und  waren  Verfasser  anatomischer  und  physiologischer 
BĂĽcher.  Zosersa  (dritte  Dynastie),  der  in  .Memphis  residierte,  erhielt 
den  Namen  Imhotep   als   ägyptischer   Asklepios.')    (Fig.  i.) 

')  S.  auch  Kurt  Sethe,  Imhotep  der  .\sklepios  der  Ägypter,  ein  vergötterter  .Mensch 
aus  der  Zeit  des  Königs  Doser.  Leipzig  1902,  Untersuchungen  zur  Geschichte  und  .\ltertums- 
kunde  .Ägyptens,  Bd.  II. 


PERSER.     JUDEN.     INDER. 


9 


Bei  den  Persern  und  Medern  geht  eine  Art  von  Phar- 
makotherapie aut  den  Namen  des  Zarathustra  (Zoroaster)  zurĂĽck. 
Auch  bei  ihnen  stand  die  Medizin  ganz  im  Banne  einer  religiösen 
Bevormundung.  Ihr  Grundgedanke  war  die  Anschauune;  des  Un- 
reinen  jegUcher  menschhchen  Aus- 
scheidung. Die  angebHche  Ohn- 
macht der  ahpersischen  Heilkunde 
erkennt  von  Ă–fele')  an  dem  Tode 
der  Schwester  des  Cambvses  durch 
einen  traumatischen  Abort,  an  dem 
Tode  des  Cambvses  selbst  infolge 
einer  infizierten  Fleisch  wunde,  an 
der  Hiltlosigkeit  bei  der  Sprung- 
gelenksluxation  des  Königs  Darius 
und  dem  Ahmmiaabszeß  der  Kö- 
nigin Atossa.  Ähnlich  wie  bei  den 
Persern  liegt  auch  bei  den  j  u  d  e  n 
die  erste  Medizingeschichte  in  ihrer 
Religion  begraben.  Alles  geht  aut 
den  Pentateuch  zurĂĽck  und  die 
Offenbarungen,  die  Mose  auf  dem 
Sinai  ertuhr.  Bei  ihnen  waren  die 
Priester  und  Propheten    die  Heiler. 

Über  die  Originalität  der  i  n- 
d  i  s  c  h  e  n  H  e  i  1  k  u  n  d  e")  bestehen 
groĂźe  Meinungsverschiedenheiten. 
Ihr  Antang  ist  jedenfalls  auch  ein 
rein  theurgischer.  Gebete  und  iMa- 
gie  beherrschen  die  vedische  Kunde. 
Als  Vermittler  treten  bei  den  alten  Vedas  die  Asvins,  die  roĂź- 
gestalteten Himmelsärzte,  auf.  Auf  ihren  dreirädrigen  goldenen 
Wagen  fliegen  sie   zur  Erde,    um    kranke  Menschen    zu    heilen,  die 

')  V.  Ofele  im  Handbuch  von  Th.  Puschmann.     Jena  1902. 

-)  Iwan    Bloch,    Indische    Medizin    in    Th.  Puschmanns    Handbuch    der    Geschichte 
der  Medizin  (s.  dort  die  Gesamtliteratur). 


Fig.  I. 
Imhotcp,  ägyptische  Bronze. 


1  o  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  ^ 

Fruchtharkeit  der  Frauen  zu  hetördern  und  das  Leben  durch  Arzneien 
zu  verlängern.  Auch  als  Chirurgen  genießen  sie  einen  großen  Rut. 
Sie  verstehen  es,  abgeschlagene  Köpfe  mit  Erfolg  wieder  anzusetzen, 
heilen  die  Armlähmung  des  Indra  und  sind  auch  die  Arzte  der 
übrigen  Götter.  Von  ihnen  ging  die  Kenntnis  des  heiligen  Opter- 
trankes,  des  Sona,  aus,  der  den  GenieĂźer  unsterblich  macht. 

Auch  bei  den  alten  Germanen  schwankte  jegliche  Heilkunst 
zwischen  Kräuterkunst,  Stein-  und  Runenzauber,  und  bei  ihnen 
und  auch  den  indischen  Ariern  genoĂź  der  durch  bloĂźe  Zauber- 
und  Bannworte  heilende  Arzt  weit  größeres  Ansehen  als  der  mit 
dem  Steinmesser  heilende  Schnittarzt;  und  später  noch,  als  die 
Germanen  die  griechisch-lateinischen  MedizinbĂĽcher  bereits  in  ihre 
Muttersprache  übersetzt  hatten,  zogen  sie  einheimische  Kräuter  den 
indischen  Drogen  und  römischen  Instrumenten  vor.  Der  Stein- 
zauber, die  Heilkraft  des  schneidenden  Steins  svmbolisierend,  ver- 
wandelt sich  in  das  mit  Runenzeichen  geschmĂĽckte  Amulett,  das 
sich  schon  in  den  prähistorischen  Gräbern  findet.  Allvater  \Witan 
war  der  Heilgott,  der  die  Nachtelten  und  die  Krankheiten  abwehrte. 
Er  vertrieb  mit  seinem  einen  Auge,  der  Sonne,  die  Xachtschaden 
und  Krankheitsdämone.  Die  erste  Aufgabe  des  altgermanischen 
Medizinmannes  war  das  Austreiben  der  bösen  Geister  und  das 
Verjagen  der  Krankheitsdämonen  in  den  Wald  oder  in  sein  Zauber- 
gerät, in  die  Fetischkröte.  Um  die  Götter  zu  versöhnen,  gab  es 
nur  BuĂźgaben  und  blutige  Opfer.  Der  zauberkundige  nordgermanische 
Medizinmann  trug  sein  Zaubergewand  und  den  Zauberstab;  Pferde- 
zähne, Luchskrallen,  Luttröhren  der  \"ögel,  ^^"irbelknochen  der 
Schlangen,  Knochen  der  Toten,  Kieler  der  Eichhörnchen,  Bernstein 
und  Feuerstein  beherbergte  seine  Ledertasche.  Sein  Name  sei 
»Laecknari«,  Lachner,  gewesen.  Mit  seinem  Heiltinger  machte  er 
ein  Mennigmal  auf  die  schadhatte  Stelle  und  unter  Beschwörungs- 
formeln markierte  er  den  Sitz  des  die  Krankheit  verursachenden 
Dämon.  Ein  Zauberspruch  begleitete  die  Berührung.  »Astrunen 
sollst  du  kennen,  ehe  du  willst  Lachner  werden«,  lehrte  Siegtraut 
den  Siegfried.     Neben  dem  feierlichen  Krankheitssegen  verscheuchte 


GERMANEN.  i  i 


der  Lachner  durch  hiutes  Geschrei,  durch  gellen  Laut  als  Galler 
oder  Galsterer  die  Dämone,  wie  man  umgekehrt  auch  durch  Be- 
schreien  und  Berufen  imstande  war,  Krankheiten  hervorzurufen.  Ale- 
mannische Gefi^ngene  rühmten  sich,  durch  Zauherwort  den  römischen 
Kaiser  Caracalla  wahnsinnig  gemacht  zu  haben.  Laute  Lieder  und 
Rufe  begleiteten  die  Geburt;  das  xMitweib  singt  gewaltige  Weisen 
den  Gebärenden  zum  Beistand.  Nutzten  die  Schrei-  und  Droh- 
worte nicht,  so  ging  man  dem  krankmachenden  Dämon  unter  Um- 
ständen mechanisch  zu  Leibe,  d.  h.  man  verprügelte  den  Kranken. 
M.  Hötler'),  dem  wir  diese  Mitteilungen  entnehmen,  meint,  daß 
sich  aus  diesen  Prügeln  allmählich  die  AL^ssage  entwickelt  habe. 
Jedenfalls  war  der  Aber-  und  Wunderglaube  bei  diesem  \\ilke  so 
ins  Blut  übergegangen,  daß  auch  eine  zweitausendjährige  Erziehung 
diese  Neigung  nicht  bannen  konnte.  Auch  heute  noch  liebt  es 
zuweilen  der  Deutsche,  bevor  er  sich  einem  JĂĽnger  des  Hippokrates 
anvertraut,  vorher  einen  Versuch  zu  machen  mit  dem  Runengesang 
einer  Gesundbeterin  und  dem  heilenden  kinger  und  dem  Kräutersud 
eines  naturheilkundigen  Schusters. 

Die  größte  Bedeutung  für  die  Entwicklung  der  modernen  Medizin 
liegt  nun  in  der  griechischen  Heilkunst,  nachdem  im  frĂĽhen  Mittel- 
alter die  zu  einer  Wunderblume  erblĂĽhte  a  rabisch- j  ĂĽ  di  sehe 
Medizin  ihren  Duft  zwar  ĂĽber  das  ganze  Abendland  verbreitet  hatte,  aber 
nicht  imstande  war,  reife  FrĂĽchte  hervorzubringen.  Die  Renaissance 
grub  griechische  Weisheit  und  vor  allem  auch  griechische  Schön- 
heit aus.  Und  die  plastischen  Denkmale,  die  die  Hellenen  ihren 
Heilgöttern  setzten,  halten  noch  heute  die  Erinnerung  lebendig  an 
ihren  Heilgott  und  seine  Heilstätten. 

ASKLEPIOS  UND  SEINE  HEILSTÄTTEN. 

Bevor  wir  uns  dem  Genuß  einer  Betrachtung  der  hehren  Männer- 
gestalt des  bartlosen  Vaters  bärtigen  Sohnes,  des  Asklepios,  hin- 
geben, und   den  vollendeten  Typus  betrachten,  den  der  MeiĂźel  der 


')  M.  Höfler-Tülz,  Altgermanische  Heilkunde. 


1 2  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

besten  hellenischen  Kunstepoche  schui,  bevor  wir  uns  ein  Bild  zu 
machen  versuchen  von  den  Heilstätten  und  Tempeln,  in  denen 
seine  Säule  verehrt  wurde,  müssen  wir  es  unternehmen,  uns  von 
der  Lebenso-eschichte  dieses  Mannes  einen  UmriĂź  zu  zeichnen. 

Die  Wie2:e  dieses  Gottes  stand  im  Mvthenlande.  \"on  den  vielen 
Ăśberlieferungen  der  Herkunft  seiner  \'erehrung  weisen  drei  allein 
nach  Thessalien.  Die  eine  Sage  nennt  ihn  den  Sohn  des  Lapithen- 
königs  Ischvs.  Auch  seine  Söhne  Machaon  und  Podaleirios  stammen 
aus  Trikka,  wo  übrigens  nach  Strabo  auch  die  älteste  Kultstätte  des 
Asklepios  gewesen  sein  soll.  Erst  später  wird  Apollo,  der  Sonnen- 
gott und  gleichzeitig  der  Götterarzt,  zum  Vater  des  ganzen  Ge- 
schlechts gemacht  (s.  Pausanias  VII.  23)').  Mit  Aigla,  der  sonst 
Unbekannten,  erzeugte  er  den  berĂĽhmten  Sohn.  Diese  \'ersetzung 
des  Asklepios  unter  die  Götter  datiert  zurück  über  das  fünfte  Jahr- 
hundert hinaus.  Seine  erste  Gemahlin  ist  Epione,  die  Schmerz- 
linderin;  aus  der  Ilias  als  Wunderheiler  besonders  bekannt  und 
rühmend  erwähnt,  sein  Sohn  Machaon,  gewissermaßen  der  erste 
Spezialist  für  Chirurgie,  während  der  andere,  Podaleirios,  auf  dem 
Gebiete  der  inneren  Diagnostik  Hervorragendes  leistete. 

Am  deutlichsten  tritt  diese  Mythenbildung,  die  sich  um  die 
Familiengeschichte  des  Arztes  rankte,  aus  der  Benennung  seiner 
Töchter  hervor.  Neben  der  jungfräulichen  Hvgieia,  deren  ^'er- 
ehrung  von  der  peleponnesischen  Stadt  Titane  aus  ihren  Ausgang 
nahm,  ist  am  meisten  bekannt  Panakeia,  »das  Allheilmittel«,  Jaso, 
»die  Heilung«,  Ak'eso,  »die  Rettung«.  Auch  Machaons  Söhnen 
werden  besondere  Heillunktionen  (z.  B.  Errettung  vom  Ertrinken) 
zugeschrieben.  So  sehen  wir,  daĂź  in  der  Spezialisierung  dieser 
Götterfamilie  für  einzelne  Krankheitsgruppen  schon  das  antike  Vor- 
bild gegeben  ist,  fĂĽr  die  abenteuerliche  Entwicklung  der  Krankheits- 
patrone und  heiligen   Krankenheiler  der  katholischen  Kirche. 

Anders  die  epidaurische  Überlieferung.  Sie  läßt  Asklepios  nicht 
als  Fremden  ins  Fand  kommen,  sondern  erblickt  in  ihm  einen  ein- 
heimischen  Gott,   dessen   Geschlecht  der  Fandschaft    entsproĂź.     Die 

')  Pausanias  Beschreibung  von  Griechenland.    Ăśbersetzt  von  J.  11.  Schubart. 


ASKLEPIOS. 


13 


besondere  Genealogie  unseres  Gottes  erfahren  wir  aus  einem  in- 
schrittlichen  Funde  des  Hiercm  zu  Epidauros.  Der  Dichter  Isyllos 
von  Epidauros')  erzählt  der  Überlieferung  seiner  Vorl^ahren  folgend, 
daĂź  Zeus  die  Muse  Erato  dem  Malos  zur  Gattin  gegeben.  Aus 
diesem  Geschlecht  entstammt  Aigla,  die  aber  ihrer  Schönheit  wegen 
Koronis  zubenannt  wurde.  Im  Hause  des  Malos  nahte  ihr  in  Liebe 
Phöbus,  und  der  Sohn  des  Apollo  erhielt  den  Xamen  Asklepios. 
Malos  selbst  erscheint  in  einer  anderen  Inschrift  als  BegrĂĽnder  des 
Kults  des  Apollo  Maleatas,  dessen  Heiligtum  1896  wieder  aufgedeckt 
wurde.  Pausanias,  unser  Hauptgewährsmann  in  diesen  Dingen, 
erzählt  eine  Überlieferung,  die  zu  seiner  Zeit  bei  den  Epidauren 
noch  in  Umlaut  war  (Paus.  II.  26).  Koronis,  von  Apollo  schwanger, 
konunt  mit  ihrem  \'ater  Phlegyas  aus  der  Fremde  in  die  Peloponnes. 
Sie  setzt  ihr  Kind  aus  aut  dem  Berge  Titthion  (Zitze).  Hier  wird  es 
von  den  aut  dem  Berge  weidenden  Ziegen  gesäugt  und  von  dem 
Schäferhunde  bewacht  (die  späteren  Attribute  des  Gottes).  Als  der 
Hirt  Aresthanas  das  Kind  hndet,  erstrahlt  vom  Knäblein  aus  heller, 
göttlicher  Glanz  (d.  i.  Aigla)  und  schreckt  ihn  zunächst  zurück. 
Sofort  verbreitet  sich  ĂĽber  Land  und  Meer  die  Kunde,  daĂź  dies 
Kind  Kranke  heilen  und  Tote  erwecken  werde. 
Man  beachte  die  anklingenden  ĂĽberirdischen 
Phänomene  bei  der  Geburt  anderer  Gottessöhne. 

Eine   MĂĽnze    mit    der  Darstellung   der  Auf-  f  f 

findung  des  an   der  Ziege  trinkenden  Gottes  ist  '    r--.-     ''  ' 

abgebildet    bei  Panofka-)    (siehe   nebenstehende  -     ^"T^^ 

Fig.  2).    Dieser  erwähnt  in  seiner  Arbeit  »Askle-  ^.      ,,  "" 

*â–   -^  l-ig.2.  ,\lui;  ,    :iiymen. 

pios  und  Asklepiaden«  eine  andere  Legende.  Da-  Auffindungdesjungenanderziege 

*"  trinkenden  Gottes  durch  den  Hir- 

nach  hatte  der  Gott  zunächst  den  Namen  Epios,  '"  -'^'«"^''"='=- 

der  Sanfte,  der  Milde.     Erst  nach  glĂĽcklicher  Behandlung  des  Herr- 
schers von  Epidauros,  Askles,  erhielt  er  seinen  späteren  Namen. 
Robert  Fuchs,    der  beste  Kenner  dieser  Dinge,  hält  die  Deu- 


')  V.   W  il  am  owi  t  z-M  ĂĽl  lendo  I  ff,     Heft  9    der    Philol.    Untersuchungen    Isyllos    von 
Epidauros. 

-)  Panofka,  Abh.  der  kĂĽnigl.  Akad.  d.  Wiss.  zu  Berlin  1S45,  Taf.  I,  i   u.  2 


14 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


tungsversuche  des  Namens  fĂĽr  unbefriedigend.  Aisclapius  lautet 
der  Name  auf  einer  etruskischen  Schale,  woraus  durch  Vokalein- 
schaltung der  Äskulapius  der  Römer  wurde.  Ionisch -attisch  ist 
Asklepios  mit  der  Betonung  auf  der  letzten  Silbe.  Unter  dem 
Protest  der  /Athener  soll  Demosthenes  die  Akzentuation  aut  das  e 
gelegt  haben  (Plutarch).  Die  Alten  dachten  sich  den  Namen  durch 
Zusammensetzung  von  y.'iy.-.'i.zz  und  â– f^-'-oz  entstanden,  die  neueren 
Etymologen  bezogen  ihn  auf  askalabos,  die  Eidechse  (Welcker 
nach  Schwenck).  S  ick  1er')  vertritt  durchaus  die  semitische  Ab- 
stammung des  Wortes,  der  Svmbole  und  der  Person.  Nach  ihm 
hat  die  auch  von  uns  später  noch  angeführte  Stelle  des  Pausanias, 


wonach  die  Phönizier  in  göttlichen  Dingen  bessere  Einsicht  hätten, 
prinzipielle  Bedeutung  (Paus.  \'II.  443).  Die  historische  Tatsache, 
daß  sie  den  Heilgott  (Esmun)  gekannt  hätten,  ferner  die  Über- 
legung, daß  die  Hebräer  die  Heilschlange  am  Stabe  bis  zur  Re- 
gierung des  Königs  Hiskia  verehrt  haben,  legen  nach  Sickler  die 
Vermutung  nahe,  daß  auch  die  semitisch- hebräische  Sprache  die 
Auflösung  des  Rätselwortes  geben  müsse.  Er  besorgt  dies  in  der 
ausfĂĽhrlichen  Weise,  daĂź  er  in  den  die  Gottesstatue  umgebenden 
Symbolen  den  Namen  des  heilenden  Apollosohnes  siebenfach  und 
sein  Wesen  fĂĽnft'ach  in  der  uralten  Bilderschrift  ausgedrĂĽckt  wieder- 
findet. Der  Stab  (Äschkol),  die  Schlange  (Epeh)  =  der  Schlangen- 
stab (Askolepe);  die  Ziege  (Äs),  Milch  (Chaleb)  =  Ascalab  (Ziegen- 
milch). Der  Hund  (Keleb)  vereinigt  mit  dem  Worte  Eeuer  (Asch) 
gibt  Aschkeleb  =  Feuerhund.  Der  Stab  mit  Schlangen,  vollkommene 
Hieroglyphe  des  heilbringenden  Anubis-Asklepios  (Äskoloph)  »ge- 
flügelter Stab«.  Die  wahrsagenden  Vögel  der  Vorwelt  Eule,  Hahn 
und  Rabe,  die  gelegentlich  in  des  Gottes  Nähe  vorkommen,  sind 
alle  »Askalaphoi«  Nachtvögel. 

Aus  diesen  interessanten  Untersuchungen,  die  zu  einer  Zeit  ge- 
macht waren,  bevor  der  englische  Arzt  Thom.  Young  den  SchlĂĽssel 
für    die   ägyptische  Hieroglyphenschritt   1814    tand,    entnehmen    wir 


')  F.  C.  L.  Sickler,  Die  Hieroglyplien  in  dem  Mythus  des  Asklepios.     Meiningen  1819. 


ASKLEPIOS. 


15 


noch  die  semitische  Wortauslegung  von  Epidauros.  Epheidur  grä- 
zisiert  Epiduros  —  Schhtngenwohnung,  Schlangentempel.  Wir  müssen 
die  Prütung  dieser  Prägen  Sachverständigen  überlassen  und  be- 
gnĂĽgen uns  mit  diesem  Hinweis. 

Nach  anderer  Sage  (Pindar)  gab  sich  die  bereits  von  Apollo  ge- 
schwängerte Koronis  dem  Ischys  hin,  und  der  eifersüchtig  zürnende 
Gott   vom  Raben  über    diese  Untreue    belehrt,  tötete    sie  durch  die 


Fig.  3.     Geburt  des  Asklepios. 

Majolikaschale  (Gubbio)  1534. 

Pfeile  der  Artemis.  Schon  sollte  ihr  Leib  auf  dem  Scheiterhaufen 
verbrannt  werden,  da  rettete  Apollo  durch  Hermes  den  Sohn  und 
brachte  ihn  aus  den  Elammen  nach  dem  Berge  Pelion  zum  Ken- 
tauren Chiron,  damit  dieser  ihn  in  Jagd-  und  Heilkunde  unter- 
richte. Die  Größe  der  zukünftigen  Persönlichkeit  spiegelt  sich  bei 
unserem  Gotte  wider  sowohl  in  den  Gefahren,  denen  er  bei  der 
Geburt  ausgesetzt  war,   nicht  minder    auch    in   den    ĂĽbernatĂĽrlichen 


I  6  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

Kräften,  die  seinem  Leben  ein  Ende  setzten.  Die  Szene,  wie  Koronis 
auf  dem  Scheiterhauten  liegend,  von  dem  jungen  Asklepios  ent- 
bunden wird,  ist  mehrfach  Gegenstand  einer  halb  realistischen, 
halb  phantastischen  Darstellung  geworden. 

Unsere  Illustration  (Fig.  3)  entstammt  einer  keramischen  Arbeit^) 
des  Maestro  Giorgio  (Gubbio)  1534.  ImWudergrunde  auf  einem  reich 
mit  Renaissanceornamenten  geschmĂĽckten  Sarkophag  liegt  der  grĂĽn- 
lich-blasse Leib  der  toten  Königstochter.  Apollo  entnimmt  diesem 
durch  Kaiserschnitt  den  jungen  Asklepios.  Die  Leibwunde  blutet. 
Pteil  und  Bogen  hat  der  Gott  zur  Seite  gestellt.  Amor  sieht  weinend 
dem  Geschehnis  zu.  Im  Hintergrund  Palastarchitektur;  aut  dem 
Baume  sitzt  der  Rabe  des  Apollo  und  eine  Krähe  (Koronis). 

Dankt  so  die  antike  Welt  Leben  und  Wirken  des  göttlichen 
Arztes  einem  von  jeher  als  höchste  Betätigung  ärztlicher  Kunst 
anerkannten  Eingriff:  dem  sogenannten  Kaiserschnitt,  so  starb  der 
Arztgott  gerade  den  Tod,  den  von  altersher  die  Menschheit  als  das 
feierlichste  Symbol  überirdischer  Macht  angestaunt.  Auf  dem  Höhe- 
punkt seiner  Kunst  angelangt,  entvölkerte  der  Arztgott  durch  beispiel- 
lose Heilerfolge  das  Schattenreich,  und  er  entfachte  auĂźerdem  noch 
den  besonderen  Zorn  Plutos  dadurch,  daĂź  er  Tote  erweckte. 
Solchen  Argumenten  des  Schattenkönigs  konnte  Zeus  aut  die  Dauer 
nicht  widerstehen,  und  er  sandte  dem  geliebten  Enkel  den  tötenden 
Blitzstrahl. 

DaĂź  meist  erst  nach  dem  Tode  eines  groĂźen  Mannes  seine 
Verehrung  eine  allgemeine  wird,  daß  Leben,  Wirken  und  Persönlichkeit 
erst  die  gĂĽldene  Patina  der  Legende  bekommen  muĂź,  die  ĂĽber  die 
reine  Menschlichkeit  erhebt,  das  bewahrheitet  sich  auch  bei 
dem  griechischen  lieilgotte.  Homer  kennt  eine  Tempelverehrung 
des  Asklepios  noch  nicht.  Hesiod  und  Homer  sprechen  mit  Worten 
großer  Anerkennung  von  den  Söhnen  des  göttlichen  Arztes,  die 
aber    nicht    nur    Ärzte,    sondern    auch    wackere  Streiter    im   Kampte 


')  Meine  Hoffnung,  diese  in  ockergelben  und  Icarminroten  LĂĽstern  gehaltene  Majolikavase 
für  die  mediko-historisclie  Sammlung  des  Kaiserin-Friedrich-Hauses  erwerben  zu  können, 
scheiterte  leider  am  Auktionspreise  von   16000  (!i  Älark. 


ASKLEPIOS.  1 7 


waren.  Sie  nahmen  an  der  Spitze  ihrer  thessaUschen  Mannen  mit 
30  Schiften  am  Trojanischen  Kriege  teil  (Hom.  Jl.  11.  729)  und 
in  ihm  hatte  namentlich  Machaon,  der  Feldscher  des  Krieges, 
Gelegenheit,  sich  als  Chirurg  zu  hewähren.  Als  Menelaos  vom 
Pfeil  des  Paris  am  Schenkel  getrofi'en  war,  wurde  schnell  Machaon 
herbeigeholt,  der  den  Pfeil  aus  der  Wunde  zog  und 

»als  er  die  Wunde  geschaut,  wo  das  herbe  Geschoß  ihm  hineindrang, 
sog  er  das  quellende  Blut  und  legt  ihm  lindernde  Salb  aut, 
die  einst  dem  Vater  verliehen,  der  gewogene  Chiron.« 

Diese  Szene  bildet  Panofka  ab.  (Tafel  VII,  Nr.  9;  Furtwängler, 
Gemmen,  siehe  Tafel  XXIII,  Nr.  6,  Machaon  härtig,  in  kurzem 
Chiton,  verbindet  den  rechten  Oberschenkel  des  mit  Helm  und 
Schild  bewaffneten  Menelaos.) 

Auf  dem  flachen  Relief  eines  etruskischen  Spiegels  ist  (Panotka, 
Tafel  VII,  Xr.  3  und  Gerhard,  etruskische  Spiegel  IV,  394  11)  Ma- 
chaon dargestellt,  in  den  Mantel  gehĂĽllt,  wie  er  mit  der  rechten 
Hand  den  verwundeten  linken  FuĂź  des  auf  seine  Lanze  gestĂĽtzten 
Philoktet  verbindet.  Zwischen  beiden  steht  auf  einem  Schemel  ein 
Fläschchen  und  ein  Schwamm,  oftenbar  zu  wundärztlicher  Be- 
nutzuntr.  Als  Attribut  seiner  heilenden  Kraft  blickt  eine  Schlange 
Machaon  an. 

Derartige  Darstellungen  gab  es  viele  und  auch  Machaons  Bild- 
nis wurde  verehrt.  Nachdem  der  Held,  der  zu  den  Auserlesenen 
gehört  hatte,  die  im  Trojanischen  Pferd  verborgen  waren,  gefallen 
war,  soll  Nestor  des  Machaon  Gebeine  gerettet  haben  und  ihm 
in  Gerenia  ein  Grabdenkmal  gesetzt  haben.  Der  heilige  Ort,  wo 
das  Hieron  stand,  hieĂź  Rhodon,  das  Standbild  selbst  war  aus  Erz, 
und  um  den  Kopf  trug  Machaon  einen  Rosenkranz.  Auch  bei  dim 
fanden  HilfsbedĂĽrftige  und  Kranke  Heilung.  Des  Machaon  Kinder, 
die  Asklepiaden  Gorgasos  und  Nikomachos,  wurden  nach  ihrem 
Tode  als  Heroen  verehrt  und  standen  noch  zu  des  Pausanias  Zeit 
in  dem  Ruf,  Krankheiten  und  VerstĂĽmmelungen  zu  heilen.  Der 
Name  des  Asklepios  Enkel  »Gorgasos«  erinnert  an  die  Sage,  daß 
Asklepios   von  Athene    das   Blut   der   enthaupteten   Gorgo  ^erhielt; 


ö 


H  oll. Inder,   Plastik  und  Medizin. 


l8  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  ^ 

und  er  gebrauchte  das  von  der  linken  Ader  zum  Verderben  der 
Menschen,  das  von  der  rechten  zu  ihrer  Rettung.  Ein  weiterer 
Sohn  des  Machaon  »Alexanor«  errichtete  in  l'itane  das  berühmte 
Heihgtum  des  Asklepios,  von  dem  wir  bereits  gesprochen  haben. 
Doch  auch  des  Alexanors  Bildsäule  stand  daselbst  und  ihm  »dem 
Helfer«  wurden  auch  Opter  gebracht.  Auch  die  anderen  Brüder 
ererbten  vom  GroĂźvater  die  lindernde,  heilende  Kraft  und  ihnen 
waren  HeiligtĂĽmer  geweiht.  Podaleirios,  der  weiĂźfĂĽĂźige,  schnelle, 
der  viel  und  schnell  herumlaufen  muĂź,  um  Kranke  aufzusuchen  und 
zu  behandeln,  hatte  nach  dem  Trojanischen  Krieg  ein  abenteuerliches 
Schicksal.  Nach  Karlen  verschlagen,  rettete  ihn  ein  Ziegenhirt. 
Dieser  brachte  ihn  zum  König,  dessen  Tochter  durch  einen  Sturz 
vom  Dach  schwer  erkrankt  war.  Podaleirios  heilte  das  Mädchen 
durch  einen  Aderlaß  und  bekam  sie  vom  König  zur  Gemahlin. 
Abweichend  von  dieser  Sage  berichtet  Strabo  von  dem  Heroen, 
daĂź  er  in  Italien  gestorben  sei;  in  Kalabrien  stand  sein  Grabmal, 
am  Fuße  des  Hügels  Drion,  »wo  sie  sich  auf  Schaffellen  nieder- 
legten, um  Traumorakel  von  ihm  zu  bekommen«.  Zwei  weitere 
Söhne  des  Asklepios  waren  Telesphorus  und  Janiscus;  von  ihnen, 
die  bereits  beinahe  vergessen  waren,  werden  wir  noch  besonders 
sprechen  mĂĽssen. 

Doch  nicht  allein  die  männliche  Nachkommenschaft  des  Askle- 
pios hĂĽtete  des  Vaters  heilige  Kraft,  auch  seine  Frau  Epione  und 
die  Töchter  gelten  der  antiken  Welt  als  Trägerinnen  des  göttlichen, 
heilenden  Gedankens.  HvQieia  vor  allen,  die  häufigste  Gefährtin 
des  \'aters.  Dann  auch  Jaso,  Panakeia  und  Aigle;  sie  alle  genossen 
die  Ehren  von  Heilgöttinnen. 

So  trug  erst  der  Same  des  Asklepios  seinen  Ruf  in  alle  ^^'inde 
Griechenlands,  und  es  scheint,  daĂź  erst  die  Enkel  seinen  Heildienst 
von  Thessalien  aus  ĂĽber  ganz  Griechenland  verbreiteten.  Die  Urenkel 
aber,  »die  Asklepiaden«,  schlössen  eine  Gemeinschaft.  Zuerst  war 
wohl  Blutsverwandtschaft,  später  auch  die  durch  Wahl  \'eranlassung 
zum  ZusammenschluĂź  und  der  Zweck  Lernen  und  Lehren  der  Medizin. 
Der  Eid    der  Asklepiaden    bietet    auch    dem    modernen    JĂĽnger    des 


ASKLEPIOS. 


19 


Asklepios  ein  ethisches  Evangelium  fĂĽr  die  AusĂĽbung  seines  Be- 
rufes. Alhnähhch  ging  die  besondere  beschränkende  Bedeutung  dieses 
Asklepiadentitels  verloren.  Nicht  nur  die  »Logenmitglieder«  besaßen 
diesen  Beinamen,  den  sich  später  jeder  Jünger  der  Kunst  anmaßte. 
Von  den  Kultstätten  galt  als  älteste  überhaupt  Trikka,  welches 
Kastriotis  ausgrub.  Aber  das  weitaus  berĂĽhmteste  Heiligtum,  welches 
seinen  Glanz  und  Ruhm  noch  in  die  ersten  nachchristlichen  Jahr- 
hunderte hinĂĽberrettete,  war  Epidauros  (Fig.  4);  von  hier  gingen 
weitere  Pflanzstätten  aus,  so  nach  Athen,  Sikyon,  Pergamon,  Rom. 
Aus  der  groĂźen  Zahl  von  ĂĽber  80  uns  bekannt  gewordenen  Kult- 
stätten erwähnen  wir  noch  Titane,  Tithorea,  Eleusis,  Messene, 
Rhodos,  Melos,  Samos,  Kos  (Fig.  j)  usw. 

Bevor  wir  uns  nun  selbst,  Bewunderer  und  Diener  des  Gottes, 
zu  den  FĂĽĂźen  seines  Standbildes  niedertun,  betreten  wir  das  Heilig- 
tum und  versuchen  es,  einen  Einblick  zu  gewinnen  in  das  seltsame 
Wechselspiel  von  kirchlicher  Andacht  und  therapeutischer  Betätigung, 
religiöser  Selbstbetörung  und  frommer  Heilkunst.  Auch  dem  Zeit- 
genossen der  Flugmaschine  und  der  citerlosen  und  schmerzlosen 
operativen  Behandlung  wird  es  nicht  schwer,  sich  in  den  Geist  jener 
klassischen  Naivität  zu  versenken  und  auf  Traumorakel  des  Gottes 
an  einem  Tage  zu  sinnen,  an  dem  er  durch  die  Operation  eine 
Geschwulst  entfernte,  die  bisher  —  allerdings  erfolglos  —  der  heil- 
samen Betastung  und  Gesundbeterei  unterworfen  war.  Treten  wir 
ein,  der  Geist  jener  Zeit  soll  uns  milde  umrauschen  wie  die  Zypressen 
des  Tempelhofs.  Der  fromme  Schauder,  der  uns  seit  der  Knaben- 
zeit beim  Betreten  des  Fichtenhains  des  Poseidon  ergreift,  den  ĂĽber- 
trasfen  wir  in  unserer  Phantasie  allzuleicht  auch  aut  die  ĂĽbrigen 
Bezirke  der  Göttertempel.  Offenbar  war  aber  bei  der  Anlage  der 
Asklepios-Kultstätten  in  erster  Linie  auf  die  natürliche  Hygiene 
des  Ortes  RĂĽcksicht  zu  nehmen.  Gesunde  frische  freie  Luft  mit 
reichlich  flieĂźendem  Wasser  zum  Baden  und  Trinken,  kein  dĂĽsterer 
Ort.  Selbst  in  dem  Tempel  des  Asklepios  in  Athen  war  eine 
Quelle.  Manchmal  sind  Mineralquellen  erwähnt  (»salziges  Wasser: 
dem   ähnlich,    welches    zu    kochen    anfängt«),    oft   auch    Zellen    für 


20 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


ASKLEPIOS. 


21 


22  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

Bäder  und  Räume  für  gymnastische  Übungen.  Also  der  Ein- 
druck muĂź  gewesen  sein  weniger  ein  frommer  Schauder  als  das 
tiefe  Aufatmen  in  wĂĽrziger,  frischer  Bergluft.  Man  orientiere  sich 
ĂĽber  die  Landschaft  an  den  Ansichten  vom  heiligen  Epidauros 
und  von  Kos.  Der  Tempelbezirk  war  heilig  und  rein;  ganz  im 
Sinne  des  Pentateuch.  Im  ganzen  Weichbild  tand  kein  Toter 
seine  Ruhestätte,  weder  verbrannt  noch  begraben  durfte  er  werden, 
ebensowenig  wie  eine  Frau  in  der  Nähe  des  Tempels  gebären 
durfte.  Antoninus  Pias  errichtete  deshalb  zu  Epidauros  ein  be- 
sonderes Gebär-  und  Sterbehaus.  Der  Andrang  der  Hilfesuchenden 
aus  der  Umgehung  und  von  weit  her  war  nun  bei  manchen  Heil- 
stätten ein  derartig  großer,  daß  in  der  Nähe  Quartiere  entstanden, 
schon  tĂĽr  die  Begleitung  der  Hiltesuchenden.  Die  Art  und  Weise, 
mit  der  nun  der  Geist  und  das  GemĂĽt  des  Pilgers  in  den  heiligen 
Bann  der  Gottheit  getan  wurde,  die  entspricht  ganz  dem  kirch- 
lichen Raffinement  des  römischen  Kultus;  was  hier  die  großartige 
Architektur  der  Kirche  und  der  Farbenglanz  der  Fenster,  Wand- 
gemälde und  Priestergewänder  tat,  was  hier  den  frommen  Büßer 
durch  Orgelklang  und  Choräle,  bußfertige  Stellung  und  Weihrauch 
in  den  frommen  Rausch  versetzte,  das  muĂźte  in  der  klassischen 
Zeit  die  Kunst  der  Priester  und  der  Priesterinnen  auf  andere  Weise 
erreichen.  Die  Kranken  oder  deren  Stellvertreter  muĂźten  fasten 
und  dursten,  Waschungen  vornehmen.  Räucherungen  erdulden  und 
kamen  so  mĂĽde  und  abgespannt  zum  Heiligtum.  Ihre  Einbildungs- 
kraft und  Phantasie  wurde  dann  noch  gestärkt  durch  die  Erklärung 
und  Betrachtung  der  von  Geheilten  gestifteten  Weihtafeln.  Danach 
wurden  Bäder  genommen  in  warmen  t)der  kalten  Quellen  mit  folgen- 
dem Salben  und  Abreiben  des  Körpers.  Dann  versetzte  das  Tier- 
opter  vor  des  Gottes  Bildnis  in  eine  weihevolle  Stimmung.  Jetzt 
erst  sank  der  Kranke  erschöpft  nieder,  möglichst  nahe  zu  den  Füßen 
des  Gottes,  oder  wenigstens  in  der  Xähe  des  Tempels  und  suchte 
Schlat  und  Traum  bisweilen  auf  dem  Fell  des  geopferten  \\'idders. 
Zwischen  den  Träumenden,  Schlafenden  oder  sich  schlafend  Stellenden 
schritt  der  Priester  mit  seinen  Töchtern,  selbst  der  irdische  \'ertreter 


ASKLEPIOS. 


23 


des  Asklepios,  die  Jungfrauen  in  der  Tracht  der  Göttinnen,  einlier 
und  waltete  des  heiligen  Dienstes.  Dabei  spielte  (offenbar,  wenn 
auch  ungesprochen,  die  Hypnose  und  Suggestion  und  der  heilende 
Zauber  iMesmers,  oder  wie  man  es  sonst  historisch  nennen  soll, 
seine  therapeutische  Rolle.  Der  Wille  zum  Heil  schläferte  den 
Kranken  ein;  seine  Phantasie  umgaukelte  ihn  mit  Traumgesichten, 
deren  Auslegung  das  Geschält  des  Priesters  war. 

Es  ist  begreiflich,  daĂź  diese  mystischen  Verzierungen  eines 
Heilkultus  aut  Gebildete  und  geistig  Hochstehende  geringeren  Hin- 
druck machen  muĂźten,  und  aus  allem  geht  auch  hervor,  daĂź  schon 
sehr  frühzeitig  diese  Kultstätten  im  wesentlichen  von  den  kleineren 
Leuten  aus  der  ungebildeten  Klasse  oder  auch  von  schwärmerisch  \'er- 
anlagten  autgesucht  wurden.  Die  Asklepiospriester  waren  oftenhar 
mehr  die  Xaturärzte  unserer  Tage  und  standen  schon  frühzeitig 
in  geringerem  Ansehen.  Aristophanes  machte  sich  in  recht  derber 
Weise  in  seinem  Plutos  ĂĽber  den  Heildienst  lustig  und  sein  mut- 
williger Spott  wirkt  ausfallender  wie  Bernhard  Shaws  Hyperbeln. 
Sehr  bezeichnend  sind  des  Dichters  vielfach  falsch  zitierte  Worte, 
als  es  sich  darum  handelt,  den  blind  gewordenen  Reichtumsgott 
Plutos  wieder  sehend  zu  machen.     Plutos  406: 

B/t/^sidoiios. 
Ich  dächte,  wir  holten  schleunigst  einen  Medikus. 

Clnctiivlos. 
Wo  gab's  noch  einen  Medikus  im  Bereich  Athens? 
Denn  wo  die  Kunst  nach  Brote  geht,  da  sinkt  die  Kunst. 
Was  mir  dagegen  langst  hei  Zeus  im  Sinne  schwebt, 
Im  Asklepiostempel  ihn  zu  betten,  dieses  ist  das  beste. 

Der  dritte  Akt  fĂĽhrt  uns  nun  die  so  interessante  Szene  vor,  in 
welcher  der  Knecht  Karion  seine  Erlebnisse  berichtet,  die  er  im 
Tempel  des  x^sklepios  gehabt  hat;  dorthin  hatte  er  den  blinden 
Gott  Plutos  geführt.  Die  Erzählung  des  Knechtes  und  die  Schilde- 
rung von  der  Blindenheilung  durch  des  Asklepios  gnadenreiche 
Meisterhand  ist  charakteristisch  genug  fĂĽr  des  Aristophanes  Stil  und 
bedeutsam  in  medizinischer  Hinsicht  fĂĽr  die  Heilhandlung  selbst, 
so  daĂź  wir  die  ganze  Szene  unverkĂĽrzt  hier  wiedergeben  wollen. 


24 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


Karion. 
Gebt  acht !    Wir  waren  kaum  zum  Tempel  gelangt  mit  ihm, 
Dem  Alten,  der  noch  eben  so  schlimm  beschlagen  war, 
Und  jetzt  so  selig  und  hochbeglĂĽckt  wie  einer  ist, 
Da  führten  wir  ihn  zuvörderst  nach  dem  Meer  hinab, 
Um  ihn  zu  baden. 

Frau. 
Wahrlich,  bei  Zeus,  ein  hohes  GlĂĽck 
FĂĽr  einen  Greis,  gebadet  zu  werden  in  kalter  See! 

Karion. 
Als  dies  geschehen  war,  kehrten  wir  zum  Gott  zurĂĽck. 
Sobald  den  Altar  aber  Gebäck  und  Räucherwerk 
Zur  Weihe  schmückte,  »Speise  für  Hephästos  Glut«, 
So  betteten  wir  den  Plutos,  wie  der  Brauch  gebot; 
Dann  flickten  wir  jeder  unsere  Streu  daneben  an. 

Fraii. 
Gab's  auch  im  Tempel  noch  andere  Hilfesuchende? 

Karion. 
Jawohl !    Neokleides  ersichtlich,  zwar  ein  blinder  Wicht, 
Der  aber  im  Stehlen  ĂĽbermeistert  die  Sehenden; 
Und  auĂźerdem  noch  vielerlei  Gebrechliche. 
Der  Tempeldiener  löschte  nun  die  Lampen  aus, 
Und  hieß  zum  Schlaf  uns  legen,  und  wofern  Geräusch 
Sich  hören  ließe,  befahl  er  jedem  Schweigen  an ; 
So  lagen  wir  denn  allsämtlich  in  Ordnung  hingestreckt. 
Allein  ich  vermochte  nicht  zu  schlafen !    Es  brachte  mich 
Fortwährend  aus  dem  Häuschen  ein  Topf  mit  Hirsebrei, 
Der  einem  alten  Mütterchen  nah'  zu  Häupten  stand: 
Allmächtig  zog  mich's,  hinzukriechen  zu  dem  Topf! 
Inzwischen  das  Aug'  aufschlagend,  was  erblick'  ich  da? 
Die  Stollen  und  die  Feigen  reiĂźt  der  Priester  rasch 
Von  der  heiligen  Tempeltafel  herab !    Die  Runde  dann 
Um  all  Altäre  macht'  er,  rings  herum  und  späht, 
Ob  irgendwo  nocli  ein  Fladen  darauf  zu  finden  sei : 
Und  was  er  gefunden,  weiht  er  schnell  in  seinen  Sack. 
Ein  hehres  Beispiel,  wie  mich  dĂĽnkt!    Ich  fĂĽhle  Mut 
Und  erhebe  mich  tapfer  nach  dem  Topf  mit  dem  Hirsebrei. 

Frau. 
Elendester  Schlucker,  bangte  dir  nicht  vor  dem  Tempelgott? 

Kario)i. 
Bei  den  Göttern,  freilich  hatt'  ich  Furcht!    Doch  nur  die  Furcht, 
Daß  er  im  Kranzschmuck  eher  des  Topfs  sich  bemächtige! 
Sein  eigener  Diener  hatte  mir  ein  Licht  gesteckt. 
(In  der  Erzählunw  furtfahrendi 


ASKLEPIOS.  25 


Wie  sie  indes  mich  rauschen  hörte,  das  Mütterlein, 

So  schob  sie  die  Hand  vor:  zischend  biĂź  ich  ihr  hinein, 

Als  war'  ich  eine  der  heiligen  Schlangen  Äskulaps. 

Da  zog  sie  jach  die  Hand  zurück,  und  mäuschenstill 

In  ihre  Decke  gewickelt,  lag  sie  wieder  da. 

Nur  jug  der  Schreck  ihr  —  schlimmem  Gestank  als  dem  Iltis  ab. 

Ich  machte  flugs  ein  tiefes  Loch  in  den  Hirsebrei, 

Und  als  ich  den  Leib  mir  vollgestopft,  so  walzt'  ich  mich. 

Frau. 
Der  Gott  indessen,  kam  er  nicht? 

Karion. 

Noch  inmier  nicht ! 
Ein  neckischer  Streich  passierte  mir  vielmehr  zuletzt. 
Als  nämlich  der  Gott  sich  wirklich  nahte,  da  entfuhr 
Mir  just  ein  Donnerwetter;  denn  mir  schwoll  der  Bauch. 

Fron. 
Da  kehrt'  er  gewiĂź  mit  Ekel  stracks  von  dir  sich  ab. 

Kanon. 
O  keineswegs !    Nur  Jaso,  seine  Begleiterin, 
Errötete  leicht,  und  Panakeia  wandte  sich, 
Die  Nase  klemmend;  freilich,  Weihrauch  blas  ich  nicht. 

Fraii. 
Und  er,  der  Heilgott? 

Karion. 
SpĂĽrte  's  nicht  einmal,  bei  Zeus! 

Frau. 
Zum  wahren  Bauer  machst  du  den  Gott  ja ! 

Karion. 

Keineswegs ! 
Ein  Exkrementenfresser  nur  ist  er! 

Fran. 

Flegel  du! 
Karion. 
Nach  diesem  Intermezzo  mummt  ich  mich  geschwind 
Aus  Furcht  ins  Lager:  er,  der  Gott,  visitierte  nun. 
Die  Runde  machend,  alle  Kranken  der  Reihe  nach. 
Ein  Bursch  erschien  dann,  einen  steinernen  Mörser  ihm 
Hinsetzend,  einen  Stampfer  und  ein  Schächtelchen. 

Frau. 
Auch  steinern? 

Karion 
Nicht  doch,  jenes  Schächtelchen  nicht,  bei  Zeus! 


26  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 

Frau. 
Wie  konntest  du  das  denn  sehen,  Erzhalunke  du  ? 
Du  warst  ja  vermummt  ins  Lager! 

Karion. 
Durch  mein  Kittelchen ! 

(Indem  er  den  zerrissenen  Mantel  emporhebt) 
Denn  an  Löchern  fehlt  es  diesem  nicht,  beim  hohen  Zeus: 

iln  der  Erzählung  fortfahrend) 
Für  Neokleides  huh  der  Gott  nunmehr  zunächst 
Ein  Salbmittel  an  zu  reiben,  indem  er  drei 
Der  schönsten  Tenischen  Zwiebelköpf  in  den  Mörser  warf, 
Sie  zerstampfte,  Mastix  mischte  dazu,  nebst  Feigensait, 
Und  Sphettischen  Essig  endlich  unter  die  BrĂĽhe  goĂź : 
Drauf  salbt'  er  die  Augenlider  ihm,  umstĂĽlpend  sie. 
Den  Schmerz  des  Burschen  zu  steigern.     Dieser  heult'  und  schrie 
Und  entsprang  im  Sturmschritt;  lachend  rief  der  Gott  ihm  nach: 
»Da  sitze  still,  gesalbt  wie  du  bist!    Du  brauchst  hinfort, 
Trotz  Schwur  imd  Eid,  die  Ekklesie  nicht  zu  besuchen  mehr.« 

Frau. 
Wie  bĂĽrgerfreundlich  und  wie  klug  ist  doch  der  Gott! 

Karion. 
Nach  diesem  Vorgang  setzt'  er  sich  zum  Plutos  hin, 
Und  zwar  zuerst  betastet  er  ihm  das  Haupt  und  nahm 
Alsdann  ein  sauberes  Leinentuch  und  wusch  damit 
Dem  Gott  die  AugenHder,  worauf  Panakeia  kam 
Und  Kopf  wie  Antlitz  ihm  verhĂĽllte   rundherum 
Mit  purpurner  Decke:  schnalzend  pfiff  nun  Äskulap. 
Da  schössen  aus  dem  Tempel  jach  hervor  ein  paar 
Gewaltige  Schlangenbestien. 

Fraic. 

Gute  Götter  ihr! 
Karion. 
Sacht  unter  die  Purpurdecke  schlĂĽpften  die  Bestien 
Und  leckten  ihm  die  Augenlider,  so  viel  mir  schien; 
Und  ehe  du  schlürfen  könntest  ein  Dutzend  Schälchen  Wein, 
Stand  unser  Plutos,  staune  Herrin,  sehend  auf! 
Ich  schlug  entzückt  die  Hände  zusammen  meinerseits. 
Und  weckte  meinen  Gebieter.     Äskulap  indes 
Verschwand  sofort  samt  seinen  Drachen  im  Tempelraum. 
Die  andern,  die  bei  Plutos  schliefen,  du  glaubst  es  kaum, 
Wie  sie  den  Gott  nun  herzten  und  die  ganze  Nacht 
Wach  blieben  und  munter,  bis  der  helle  Tag  erschien. 
Ich  lobt"  und  pries  aus  vollster  Kehle  den  Äskulap, 
Daf)  sehend  gemacht  er  den  Plutos  mit  so  schnellem  Ruck, 
Den  Wicht  Neokleides  aber  blinder  gemacht,  als  erst. 


ASKLEPIOS.  27 


Dieser  Spott  des  Aristophanes  klingt  wie  Hohngelächter;  der 
Satiriker  kannte  sein  Publikum.  Er  schlug  diese  Saite  der  Dis- 
kreditierung pfäffischer  Habgier  und  frommen  Betruges  nicht  ohne 
die  Sicherheit  an,  ein  lautes  Echo  zu  finden  in  der  Brust  seiner 
Zuhörer  auf  den  oberen  Reihen.  Denn  der  Wunderglaube  war 
damals  schon  viel  zu  vielen  abhanden  gekommen,  und  die  Schar 
derer,  die  vergebens  dem  Gotte  geopfert  hatten,  die  Reihe  der 
Schicksalsgenossen  des  Xeokleides,  war  eine  bedenklich  lange  ge- 
worden. 

Ein  anderer  klassischer  Zeuge  —  Pausanias  —  ging  für  uns  zu 
einer  Zeit  in  Griechenland  herum,  alles  was  er  in  Erfahrung  brachte, 
notierend,  als  noch  ein  großer  Teil  der  Kultstätten  in  Blüte  stand, 
als  die  erste  Patina  die  Kunstwerke  einer  Meisterepoche  zu  ĂĽber- 
ziehen begann. 

Wir  wollen  nun  aus  des  Pausanias  Reisebeschreibungen  der 
schon  erwähnten  Periegesis  (zur  Zeit  der  antoninischen  Kaiser, 
zweite  Hälfte  des  zweiten  Jahrhunderts  n.  Chr.  geschrieben)  einige 
der  Stellen  von  größerer  Wichtigkeit  für  die  Handhabung  des 
religiös -medizinischen  Gottesdienstes  in  den  Heiligtümern  wört- 
lich zitieren.  So  beschreibt  er  den  Tempeldienst  von  Epidauros 
fokendermaĂźen  (2.  Buch,  Korinthiaka,  27.  Kapitel,  Ăśbersetzung 
von  J.  H.  Schubart): 

»Den  heiligen  Hain  des  Asklepios  umgeben  ringsum  Grenzsteine; 
weder  sterben  sie,  noch  gebären  ihre  Weiber  innerhalb  des  heiligen 
Raumes,  gerade  wie  dieses  auch  auf  der  Insel  Delos  nicht  erlaubt 
ist.  Das  Geopferte,  mag  nun  ein  Epidaurier  oder  ein  Fremder  der 
Opfernde  sein,  verzehren  sie  innerhalb  der  Grenzsteine.  Denselben 
Gebrauch  kenne  ich   auch  von   Titane. 

Jenseits  des  Tempels  ist  der  Ort,  wo  die  bei  dem  Gotte  Hilte- 
suchenden  schlaten. 

Ein  sehenswertes  rundes  Gebäude,  von  weißem  Marmor,  Tholos 
(Kuppel)  genannt,  ist  in  der  Nähe  errichtet.  In  demselben  ist  ein 
Gemälde  des  Pausias,  Eros,  der  Bogen  und  Pfeile  weggeworfen 
und  an   ihrer  Statt  eine  Leier  genommen  hat  und  sie  trägt.     Daselbst 


28  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

ist  auch  die  Methe  (Trunkenheit)  gemah,  wie  sie  aus  einer  Schale 
trinkt,  ebenfalls  ein  Werk  des  Pausias.  Man  erkennt  selbst  auf  dem 
Gemälde,  daß  die  Schale  von  Glas  ist  und  durch  dieselbe  das  Ge- 
sicht der  Frau.  Innerhalb  des  heiligen  Raumes  stehen  Denksäulen, 
vor  alters  mehrere,  zu  meiner  Zeit  aber  waren  nur  noch  6  ĂĽbrig. 
Auf  diesen  sind  die  Namen  der  Männer  und  Frauen  geschrieben, 
welche  durch  Asklepios  geheilt  worden  sind,  auĂźerdem  noch  die 
Krankheit,  an  welcher  ein  jeder  gelitten,  und  wie  er  geheilt  worden ; 
alles  ist  in  dorischem  Dialekt  geschrieben. 

Abgesondert  von  den  übrigen  ist  eine  alte  Denksäule;  sie  sagt 
aus,  Hippolvtos  habe  dem  Gott  zwanzig  Pferde  geweiht.  Ăśber- 
einstimmend mit  der  Inschrift')  dieser  Säule,  erzählen  die  Aricier, 
daĂź  Asklepios  den  Hippolvtos,  der  durch  den  Fluch  des  Theseus 
gestorben  war,  wieder  auferweckt  habe;  er  aber,  als  er  wieder  zum 
Leben  gekommen,  wollte  seinem  \'ater  nicht  verzeihen,  sondern 
ging,  aut  sein  Bitten  nicht  achtend,  nach  Italien  zu  den  Ariciern 
und  wurde  dort  König  und  weihte  der  Artemis  einen  heiligen 
Raum,  wo  bis  auf  diesen  Tag  das  Priestertum  der  Kamptpreis  tĂĽr 
den  Sieg  im  Zweikampfe  ist.  Dieser  Kampf  ist  nicht  fĂĽr  Freie 
angesetzt,  sondern  fĂĽr  Sklaven,   die  ihren   Herren  entlauten  sind. 

Die  Epidaurier  haben  in  dem  heiligen  Bezirke  ein,  nach  meiner 
Meinung,  höchst  sehenswertes  'Fheater,  denn  an  Pracht  übertreffen 
die  römischen  weit  alle  anderen  in  der  Welt,  an  Größe  das  zu 
Megalopolis  in  Arkadien;  welcher  Baumeister  aber  könnte  es  wagen, 
sich  in  bezug  auf  Ebenmaß  und  Schönheit  mit  Polykleitos  zu 
messen?  Denn  Polvkleitos  ist  der  Baumeister  dieses  Theaters  und 
des  runden  (jebäudes.  Innerhalb  des  Haines  ist  ein  Tempel  der 
Artemis  und  eine  Bildsäule  der  Epione,  ein  Heiligtum  der  Aphrodite 
und  der  Themis,  ein  Stadium,  wie  bei  den  Griechen  gewöhnlich, 
ein  Erdwall  und  ein  Brunnen,  wegen  der  Decke  und  der  ĂĽbrigen 
Auszierung  sehenswert. 

Was    zu    meiner  Zeit    der    Senator   Antoninus   angelegt  hat,   ist 


>)  Die  sehr  bedenkliche  Stelle   ist  nach    der   herkömmlichen   Lesart   übersetzt;   von   den 
verschiedenen  Änderungsvorschlägen  scheint  keiner  überzeugend. 


ASKLEPIOS.  29 


ein  Bad  des  Asklepios  und  ein  Heiligtum  der  Götter,  welclie  sie 
Epidotai  (spendende)  nennen;  auch  hat  er  einen  Tempel  gebaut 
für  die  Hygieia,  den  Asklepios  und  den  Apollo,  sämtlich  mit  dem 
Beinamen  die  Ägyptischen.  Es  gab  auch  eine  nach  der  Kotys 
o-enannte  Stoa ;  da  das  Dach  derselben  eingestürzt  und  sie  —  denn 
sie  war  von  ungebrannten  Ziegeln  errichtet  —  schon  beinahe  völlig 
zuo-runde  gegangen  war,  so  baute  er  auch  diese  wieder  auf.  Die 
Epidaurier,  welche  mit  dem  Tempeldienst  beschäftigt  waren,  be- 
fanden sich  in  der  traurigsten  Lage,  weil  ihre  Erauen  nicht  unter 
dem  Schutze  eines  Obdachs  niederkommen  konnten  und  die  Kranken 
unter  freiem  Himmel  starben.  Er  nun  brachte  auch  dies  m  Ord- 
nuno-  und  errichtete  ein  Gebäude,  wo  das  Sterben  für  die  Menschen 
und  das  Niederkommen  fĂĽr  die  Erauen  ohne  Verletzung  des  heiligen 
Ortes  gestattet  war. 

Berse  erheben  sich  ĂĽber  den  Hain,  der  Titthion  und  ein  anderer 
namens  Kynortion  ;  auf  ihm  ist  ein  Heiligtum  des  Apollo  Maleatas 
(vom  Vorgebirge  Malea);  dieses  gehört  zu  den  alten;  was  aber 
sonst  um  den  Tempel  des  Maleatas  ist,  und  eine  Zisterne,  in  welcher 
sich  das  Regenwasser  sammelt,  hat  ebenlalls  Antoninus  den  Epi- 
dauriern  angelegt. 

28.  Kapitel.  Die  ĂĽbrigen')  Drachen  und  eine  andere  Art,  deren 
Earbe  mehr  ins  Rötlichgelbe  spielt,  gelten  für  den  Asklepios  ge- 
heiligt und  sind  zahm  gegen  die  Menschen;  sie  kommen  nur  im 
epidaurischen  Lande  vor.  Ähnliche  Erscheinungen  finden  sich  auch 
in  anderen  Gegenden;  so  bringt  Libyen  allein  Landkrokrodile  hervor, 
die  nicht  kleiner  sind  als  zwei  Ellen;  allein  von  den  Indern  bringt 
man  unter  anderen  die  Papageien;  die  groĂźen  Schlangen  aber,  die 
ĂĽber  dreiĂźig  Ellen  lang  werden,  wie  sie  bei  den  Indern  und  in 
Libyen  vorkommen,  erklären  die  Epidaurier  für  eine  andere  Gattung 
und  nicht  für  , Drachen'.« 

Recht   anschaulich    beschreibt   Tansanias   (Korinthiaka  II,  1 1.  3) 
das    Heiligtum    von    Titane:     »Späterhin    gründete    Alexanor,    des 

>)  Das  Wort,  welches  hier  durch   „ülirige-,    und   das  einige  Zeilen  weiter  unten,  welches 
durch  „große"   Schlangen  übersetzt  ist,  ist  auch  wahrscheinlich  verdorben. 


30 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Machaon  Sohn,  des  Asklepios  Enkel,  hei  seiner  Ankunft  in  Sikyonien 
das  Asklepieion  in  Titane.  Um  dasselbe  herum  wohnen  unter  an- 
deren auch  hauptsächlich  die,  welche  bei  dem  Gotte  Hilfe  suchen ; 
innerhalb  des  heiligen  Raumes  stehen  alte  Zvpressenbäume.  Von 
was  fĂĽr  einem  Holze  oder  Metalle  das  Bild  ist,  kann  man  nicht  er- 
fahren, auch  kennen  sie  den  Meister  nicht,  wenn  man  es  nicht  etwa 
bis  auf  den  Alexanor  selbst  zurĂĽckfĂĽhren  will.  Von  dem  Bilde  sind 
nur  das  Angesicht  und  die  Spitzen  der  Hände  und  Füße  sichtbar; 
denn  es  ist  ihm  ein  weiĂźes  Chiton  und  ein  Himation  (Unter-  und 
Oberkleid)  übergeworfen.  Ebenso  ist  es  mit  der  Bildsäule  der 
Hygieia.  Auch  diese  kann  man  nicht  leicht  sehen,  so  sehr  ist  sie 
eingehĂĽllt  von  Haaren  der  Frauen,  die  sich  ihr  zu  Ehren  scheren, 
und  von  Bändern  babvlonischen  Zeuges.  Auch  Bildsäulen  des 
Alexanor  und  des  Euamerion  sind  da.  Jenem  bringen  sie  wie 
einem  Heros  Totenopfer  nach  Sonnenuntergang.  Dem  Euamerion 
aber  opfern  sie  wie  einem  Gotte.  Vermute  ich  recht,  so  nennen 
die  Pergamener  nach  einem  Orakelspruche  diesen  Euamerion  Tele- 
sphoros,  die  Epidaurier  x\kasis.  Auch  ein  Schnitzbild  der  Koronis 
ist  da,  jedoch  nirgends  im  Tempel  aufgestellt,  sondern  nachdem 
ein  Stier,  ein  Lamm  und  ein  Schwein  dem  Gotte  geopfert 
sind,  trägt  man  die  Koronis  in  den  'Fempel  der  Athene  und  ver- 
ehrt sie  dort.  Alles  was  zum  Geopferten  gehört,  verbrennen  sie 
und  es  genĂĽgt  ihnen  nicht,  die  Schenkel  auszuschneiden ;  sie  ver- 
brennen es  aber  auf  der  Erde  mit  Ausnahme  der  Vögel,  diese  nur 
auf  dem  Altare. 

In  der  Halle  sind  Bildsäulen  aufgestellt  des  Dionysos,  der  Hekate, 
Aphrodite  etc.,  alle  diese  von  Holz;  von  Marmor  Asklepios,  mit 
dem  Beinamen  der  Gortynische.  Zu  den  heiligen  Drachen  wollen 
sie  aus  Scheu  nicht  hineingehen,  sondern  sie  legen  ihnen  das  Futter 
vor  den  Eingang  und  kümmern   sich   nicht  weiter  darum.« 

Verschiedene  Male  ist  Pausanias  ĂĽber  die  Person  der  dargestellten 
Gottheit  im  unklaren.  Manchmal  besteht  ein  Zweifel,  ob  Herakles 
oder  Asklepios  dargestellt  sein  soll.  In  einem  Gebäude  der  Phokier- 
stadt  Panopeus  (X.  Buch,  4)  beschreibt  unser  ReisefĂĽhrer  ein  Bild 


ASKLEPIOS. 


31 


aus  pentelischem  Marmor,  von  dem  einige  sagen,  es  sei  Asklepios, 
andere  aber  Prometheus.  FĂĽr  das  letztere  geben  sie  als  Beweis, 
daĂź  in  der  Nahe  der  Schlucht  zwei  groĂźe  lehmartige  Sandsteine 
liegen  mit  dem  typischen  GerĂĽche  der  menschlichen  Haut.  Diese 
Steine  sollen  die  Ăśberbleibsel  des  Lehms  sein,  aus  welchem  Pro- 
metheus das  ganze  Menschengeschlecht  gebildet  haben  soll. 

(X.  Buch,  32)  »Die  Phokier  besitzen  noch  einen  zweiten  Tempel 
des  Asklepios  mit  dem  Xamen  Archagetas,  70  Stadien  von  Tithorea 
entfernt.  Innerhalb  des  heiligen  Bezirkes  haben  die  Hilfesuchenden 
und  die  Sklaven  des  Gottes  ihre  Wohnungen;  in  der  Mitte  steht 
der  Tempel  und  das  Bild  von  Marmor  mit  einem  wohl  ĂĽber  zwei 
FuĂź  langen  Barte.  Zur  Rechten  des  Bildes  ist  ein  Ruhebett.  Der 
Gebrauch  gestattet  ihm  alles  zu  opfern  mit  Ausnahme  der  Ziegen.« 

Aus  diesen  Berichten  des  Pausanias  entnehmen  wir  schon 
die  Tatsache,  daĂź  neben  dem  allgemeinen  Tvpus  jedes  Heiligtum 
beinahe  seine  Sonderheiten  zeigte  im  Kultus,  in  der  Art  der  Opter- 
gaben,  wohl  auch  in  der  Art  der  Behandlung,  und  daĂź  oft  neben 
der  Bildsaule  des  Asklepios  noch  andere  Heildämonen  und  andere 
Gottheiten  verehrt  wurden.  Ja,  was  uns  sogar  durch  Inschriften  ĂĽber- 
liefert wird,  die  einzelnen  Heilbezirke  konkurrieren  miteinander, 
und  wie  das  der  Konkurrenzkampfund  Neid  mit  sich  bringt:  die 
Priester  machten  sich  gegenseitig  schlecht,  um  die  groĂźe  Masse 
der  Pilger  dem  eigenen  Heiligtum  zuzuwenden.  Es  scheint,  als 
ob  in  den  kleineren  HeiligtĂĽmern  der  Priester  auch  gleichzeitig 
ärztliche  Funktionen  ausgeübt  hatte,  und  daß  er  so  vielleicht  sich 
ärztlich  besser  bilden  konnte.  Wilamowitz-Möllendorf  spricht 
sogar  die  Vermutung  aus,  daĂź  Kos  und  Knidos  vielleicht  der  Ent- 
wicklung der  wissenschaftlichen  Medizin  Hilfe  geleistet  haben,  nicht 
aber  Epidauros,  wo  noch  im  3.  Jahrhundert  v.  Chr.  durch  Träume, 
Wunder,  Schlangen  und  Hunde  geheilt  wurde.  Der  traumdeutende 
Oberpriester  ging  in  der  Kleidung  des  Gottes  und  unterstĂĽtzt  von 
Jungfrauen,  die  die  Töchter  des  Asklepios  in  der  Tracht  vorstellten, 
wie  wir  ja  schon  aus  des  x\ristophanes  Beschreibung  wissen,  im 
Tempel  umher  und  waltete  des  heiligen  Dienstes. 


32 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


Inzwischen  hatte  sich  der  Kranke  (oder  auch  dessen  Angehörige 
oder  stellvertretende  Diener)  aut  dem  Fell  des  geopferten  Widders 
oder  auch  auf  einem  Bette,  möglichst  in  der  Xähe  des  Standbildes 
des  Gottes,  zum  Schlafen  niedergetan.  Dem  Inkubierten  offenbarte 
sich  der  Gott  durch  Traumgesichte,  aus  denen  wiederum  die 
Priester  den  Weg  zur  Heilung  bestimmten.  Waren  es  auch  am 
häufigsten  der  Genuß  oder  die  äußere  Anwendung  des  Opferblutes, 
ferner  diätetische  Mittel,  so  berichten  doch  schon  Galen,  Aristides 
und  andere  die  Verordnung  außergewöhnlicher  xMittel,  teils  solcher, 
welche  mit  der  Medizin  zunächst  überhaupt  ohne  Zusammenhang 
erscheinen,  z.  B.  Reiten,  Besuch  eines  Theaters,  Anhörung  eines 
Gedichtes  (der  trüber  gelähmte  Hermodikos  mußte  einen  großen 
Stein  in  das  Hieron  tragen),  teils  aber  auch  in  der  ^'ornahme  von 
medizinischen  Handlungen,  die  heute  unser  ausgesprochenes  Interesse 
verdienen.  Es  wäre  aber  ganz  falsch,  aus  diesen  Verordnungen 
irgendwelche  SchlĂĽsse  zu  ziehen  auf  den  Stand  der  wissenschaft- 
lichen Medizinkunst  jener  Zeit. 

Denn  es  muĂź  betont  werden,  daĂź  wir  ziemlich  im  dunkeln 
sind  darüber,  wer  nun  eis'entlich  die  rein  ärztlichen  Funktionen 
ausĂĽbte.  Es  ist  zwar  eine  Tatsache,  daĂź  einzelne  Inschriften  darauf 
deuten,  daĂź  unter  den  Tempelpriestern  auch  gelegentlich  Arzte 
waren.  So  wird  nach  einem  Funde  auf  der  Akropolis  ein  gewisser 
Onetor  als  Arzt,  später  als  Asklepiospriester  erwähnt  (Bull,  de  corr. 
hell.  II,  p.  422,  423,  426).  Aber  sicher  war  das  eine  Ausnahme. 
Schon  die  Art  der  Priesterwahl  deutet  darauf  hin;  denn  nicht  durch 
die  »Cheirotonia«  wurde  der  Priester  gewählt,  sondern  durch  das 
Los;  also  der  Zufall  macht  ihn  zum  Priester,  nicht  un  choix  re- 
flechi,  wie  Paul  Girard')  dies  ausfĂĽhrt.  Und  es  kommt  noch 
hinzu,  daĂź  die  Amtszeit  eine  begrenzte  war.  Im  Prinzip  also,  und 
auch  meist  in  der  AusfĂĽhrung,  waren  die  Priester  nur  die  obersten 
Vorsteher  des  Tempels,  hatten  gewissermaĂźen  die  Aufsicht,  sorgten 
für  die  Reinhaltung  der  Kultstätte,  hatten  die  \'erantwortung  über 
den  Tempelschatz  und  natĂĽrlich  auch  den  ^^Tmsch,  daĂź  unter  ihrer 

')  Paul  Girard,   L'AsclOpieion  d'Athcnes  d'aprcs  de  rccentes  dccouvertes.     Paris  iSSi. 


ASKLEPIOS. 


33 


Priesterzeit  möglichst  viele  glückliche  Kuren  vollbracht  wurden. 
Ausübende  Faktoren  scheinen  mehr  die  »Zakoren«  gewesen  zu 
sein,  Tempeldiener  oder  Assistenten  des  Priesters,  die  offenbar 
nicht  so  oft  wechselten  und  im  Laute  der  Zeit  sich  wohl  aus- 
gedehntere ärztliche  Kenntnisse  aneigneten.  Früher  wohl  unter- 
geordnete Domestiken  des  Tempels,  wurden  sie  in  der  römischen 
Zeit  gewichtigere  Persönlichkeiten ,  die  längst  nicht  mehr  den 
niedrigen  Dienst  des  Lampenlöschens  usw.  tun,  wie  noch  zu 
Aristophanes'  Zeit.  Nach  Aristides  scheint  ihnen  die  direkte  Sorge 
um  die  Kranken  obzuliegen,  und  sie  sind  es  wohl  auch,  die  Ader- 
lässe ausführen  oder  doch  wenigstens  dabei  sind.  Wir  müssen 
uns  damit  begnĂĽgen,  hier  Vermutungen  Raum  zu  geben.  Nach 
Hippys  aus  Rhegion  waren  es  die  Zakoren,  welche  der  armen 
»Tänienbehalteten«  Frau  in  Fpidauros  den  Kopf  abschnitten  und 
ihn  nicht  wieder  autsetzen  konnten.  Eine  Illustration  dieser  Auf- 
fassung finde  ich  in  dem  Fragment,  Svbel  3010,  Nationalmuseum 
Athen,  wo  wir  die  erhaltene  Figur  eines  »Zakoren«  sehen,  wie 
er  den  Kopf  eines  auf  der  Kline  liegenden  Patienten  befĂĽhlt ;  da- 
neben steht  der  Priestergott  (s.  S.  121).  Das  Personal  der  groĂźen 
Tempel  wie  in  Fpidauros  oder  Athen  war  offenbar  ein  aus- 
gedehntes. Da  werden  auLk'r  Priestern  und  Zakoren  erwähnt  die 
Schlüsselträger,  die  Feueranzünder,  die  Männer,  die  auf  den  Altären 
das  Feuer  entfachten,  dann  Frauen  »Kanephoren  und  Arrhephoren«. 
Alle  diese  zunächst  niederen  Dienstleistungen  verloren  allmählich 
ihren  Charakter  und  wurden  zu  Ehrenämtern,  um  die  man  sich 
bewarb  und  beneidete. 

Die  erwähnten  Heilberichte  sind  nun  natürlich  gefälscht  und 
lĂĽgen  mehr  wie  die  Marktschreizettel  der  mittelalterlichen  reisenden 
Scharlatane.  Wie  auch  heute  noch  an  Wallfalirtsstätten  es  Sitte 
und  Gebrauch  ist,  den  Vorgang  der  Erkrankung  und  Heilung  ge- 
malt zu  opfern  oder  die  KrĂĽcken  nach  Wunderheilungen  am  heiligen 
Orte  zu  hinterlassen,  so  schenkten  schon  in  frĂĽher  Zeit  die  Pilger 
dem  Gotte  Votivglieder.  Solche  Anatheme  geheilter  Finger,  Arme, 
Beine  wurden  vielfach    in  edlen  Metallen,  Silber,  Gold  und  Elfen- 

Holländer,  Plastik  und  Medizin.  J 


34  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

bein  dargebracht  (nicht  in  Epidauros).  Andere  wieder  berichteten 
gelegentlich  auf  Silbertafehi  Krankheit  und  Ilcilungsart.  Auf  Grund 
dieser  Krankengeschichten,  die  zum  Teil  noch  als  BeweisstĂĽcke  in 
den  Tempeln  hingen,  zum  Teil  wohl  aber  auch  denselben  Weg  ge- 
gangen sind,  wie  die  Stollen  und  beigen  beim  Aristophanes,  d.  h. 
in  den  Sack  des  Priesters,  den  groĂźen  Magen  der  Kirche,  wurden 
von  der  Priesterschaft  Heilungsberichte  auf  Marmortateln  zusammen- 
gestellt, von  denen  z.  B.  in  Epidauros  Pausanias  noch  sechs  Stelen 
im  Hieron  betrachten  konnte.  Ohne  Zweifel  sind  das  dieselben  In- 
schriften, von  denen  iS^^  und  1884  zwei  intakte  und  zwei  trag- 
mentierte  Stelen  ausgegraben  wurden.  Die  Inschritten  werden  in 
den  Anfang  des  dritten  vorchristHchen  Jahrhunderts  verlegt,  und 
wurden  damals  wahrscheinlich  umbearbeitet  oder  nach  älteren  Ur- 
kunden abgeschrieben.  Doch  um  diese  Urkunden  webte  die  Tradition 
ein  dichtes  Maschennetz  von  Legenden.  Lehrreich  ist  in  dieser  Be- 
Ziehung  der  Fall  der  Kleo,  den  S.  Herrlich')  in  seiner  Arbeit 
»Epidauros,  eine  antike  Heilstätte«  berichtet').  Die  Kleo  hatte  als 
Weihgeschenl{  einen  Pinax  gestiftet,  aus  dessen  Versen  hervorging, 
daĂź  sie  fĂĽnf  Jahre  schwanger  war,  der  Gott  aber  habe  sie  im  Schlafe 
gesund  gemacht.  Die  Stele  aber,  welche  diesen  Fall  ausschlachtet, 
läßt  die  Kleo  sofort  einen  Knaben  zur  Welt  bringen,  der  sich  so- 
gleich nach  der  Geburt  im  heiligen  Quell  waschen  und  mit  der 
Mutter  zusammen  fortgehen  konnte.  Solche  Pinakes  werden  nicht 
nur  in  Epidauros,  sondern  auch  in  Trikka  und  Kos  erwähnt.  Bei 
Strabo  steht  die  berĂĽhmte  Stelle,  nach  der  in  Kos  Hippokrates  sich 
an  ihnen  gebildet  habe.  »Aus  den  in  diesem  Tempel  aufgehängten 
Heilungstafeln,  soll  Hippokrates  größtenteils  die  Diätetik  erlernt 
haben.«  Diese  lamatainschriften  berichten  nun  über  eine  große  Reihe 
der  verschiedensten  Krankheiten,  unter  denen  sowohl  ausgetallene  und 
durch  ihre  Seltsamkeit  schon  imponierende  Ciebresten  vorkommen, 
wie  auch  die  kleinen  und  groĂźen  Leiden,  die  das  Menschengeschlecht 
seit  Jahrtausenden  an  allen   Punkten   der  Erde  gequält  haben. 


1)  S.  Herrlich,  Epidauros  eine  antike  Heilstätte.    Jahresber.  d.  Ilumbuldtsgymnas.    1S9S. 
^)  Vgl.   auch:  To  Upiv  t&ü  'A3x).v]7f.oü  iv  'EniSaupui,  üüi  ü.  Ka°ßa5i'ot.     'Aö-f,vrj':cv  1900. 


ASKLEPIOS. 


35 


Der  gelehrte  Augenarzt  Julius  Hirsch  berg,  der  auf  seinen 
Weltwanderungen  mit  klugen  und  klassisch  geschulten  Augen, 
namentlich  alles  vereinigte,  was  sein  Spezialfach,  die  Augenheil- 
kunde, vom  historischen  Standpunkt  interessierte,  hat  die  Weihe- 
tafeln in  Epidauros  studiert  mit  Bezug  aut  die  Augenleiden  und  sie 
auch  in  seiner  »Geschichte  der  Augenheilkunde«  und  in  seinen 
»Hellasfahrten«  übersetzt.  Gerade  diese  Geschichten  von  Erblindeten 
und  wieder  durch  die  Gnade  Gottes  Sehendgewordenen  charakteri- 
sieren das  Getriebe  dieser  Heilstätte.  Nur  zwei  von  ihnen  wollen 
wir  hier  wiedergeben: 

1.  Ambrosia,  bisher  einseitig  blind,  erhält  das  volle  Gesicht 
von  dem  Gott.  Ambrosia  aus  Athen,  auf  einem  Auge  blind.  Diese 
kam  hilfesuchend  zu  dem  Gott,  umherspazierend  in  dem  Heiligtum, 
verspottete  sie  einige  von  den  Heilungsgeschichten  als  unglaublich 
und  unmöglich,  daß  Lahme  und  Blinde  einfach  nach  einem  Traum- 
gesicht gesund  geworden  seien.  Aber  im  Tempelschlaf  sah  sie  ein 
Gesicht:  es  schien  ihr,  als  ob  der  Gott  zu  ihr  trete  und  ihr  sage, 
daĂź  er  sie  zwar  gesund  machen  werde,  daĂź  sie  aber  als  Honorar 
im  Tempel  ein  silbernes  Schwein  aufstellen  (weihen)  mĂĽsse,  zur 
Erinnerung  an  ihre  Torheit.  Nach  diesen  Worten  habe  er  ihr  mit 
einem  Messer  das  kranke  Auge  geritzt  und  ein  Heilmittel  ein- 
geträufelt.    Als  es  Tag  wurde,  ging  sie  gesund  von  dannen. 

2.  Hernion  aus  Thasos.  Diesen  heilte  der  Gott  von  seiner 
Blindheit;  und  als  er  das  Honorar  nicht  an  das  Heiligtum  zahlte, 
machte  er  ihn  wieder  blind.  Als  er  aber  kam  und  wieder  im  Tempel 
schlief,  machte  er  ihn  gesund. 

Die  fahrenden  HeilkĂĽnstler  unserer  Zone  waren  dagegen  ge- 
legentlich humaner;  sie  heilten  Arme  um  Gotteslohn,  und  »der 
es  vermag,  um  ein  bescheiden  Geld«.  Hier  noch  andere  Heil- 
geschichten und  Heilmärchen. 

Ein  Mann  aus  Thorone  hat  eine  Menge  Blutegel  verschluckt, 
die  ihm  die  böse  Stiefmutter  in  den  Trank  geschüttet  hatte.  Ithmonika 
befindet  sich  seit  drei  Jahren  in  anderen  Umständen.  Erwähnt  wird 
namentlich    einseitige    oder     doppelseitige    Blindheit,     Lähmungen, 


36  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

GeschwĂĽre,  Bandwurm,  Steinleiden,  Verwundungen,  alle  diese 
mehrfach,  auch  Wassersucht,  Magenleiden,  Koptweh,  Schwindsucht, 
Stigmata,  Sprachlosigkeit. 

FĂĽnfmal  bitten  Frauen  um  Nachkommenschaft.  Als  Kuriosa 
unter  den  42  Fällen  erwähnt  Herrlich  einen  Kahlkopf  und  einen 
von  Läusen  geplagten  Thebaner.  Die  Heilung  ertolgt  meist  wäh- 
rend der  Inkubation.  Der  Gott  erscheint  allein  oder  von  seinen 
Gehilfen  und  Töchtern  begleitet  und  vollzieht  die  Heilung.  Die 
Kranken  erhalten  auch  Traumorakel,  durch  die  Weisungen  erteilt 
werden,  die  sie  zu  ihrer  Heilung  zunächst  ertüllen  müssen.  Daß 
der  Gott  auch  operativ  vorgeht,  das  verbĂĽrgen  die  Inschriften  zu 
Epidauros  ausdrĂĽcklich.  DaĂź  es  sich  dabei  nicht  nur  um  etwas  Er- 
träumtes handeln  kann,  beweisen  die  Tatsachen,  daß  die  \'erwun- 
deten  am  Morgen  Lanzen  und  Pfeilspitzen,  die  vordem  in  ihrem 
Körper  gesessen,  in  den  Händen  haben,  genau  so  wie  1000  Jahre 
später  der  heilige  Benediktus  den  steinkranken  Kaiser  Heinrich  durch 
Mirakel  heilt  und  ihm  seinen  Blasenstein  in  die  Hand  gibt.  Doch 
noch  etwas  berichtet  die  Säule:  Xach  einer  Operation,  die  der  Gott 
vollzogen,  war  noch  am  anderen  Morgen  der  ganze  FuĂźboden  des 
Abaton  voller  Blut.  Die  fĂĽnfte  Geschichte  der  zweiten  Inschrift, 
wo  diese  blutige  Operation  geschildert  wird,  könnte  man  beinahe 
geneigt  sein,  an  die  Schilderung  eines  wahrhaltigen  Vorganges  zu 
denken,  so  modern  klingt  die  Erzählung.  Der  Kranke,  welcher  an 
einem  Magengeschwür  leidet,  wird  während  der  Inkubation  von  den 
Dienern  des  Gottes  festgebunden.  Asklepios  öffnet  die  Bauchhöhle, 
schneidet  das  Geschwür  heraus  und  näht  den  Bauch  wieder  zu. 
Der  Patient  selbst  verläßt  geheilt  das  noch  blutige  Abaton.  Den 
Wert  dieser  an  sich  interessanten  Darstellung  verzerrt  in  das  Grotesk- 
Komische  die  Geschichte  der  WassersĂĽchtigen  und  der  an  einem 
Bandwurm  leidenden  Aristagora.  Der  Gott  schneidet  nämlich  einer 
an  W'assersucht  leidenden  Patientin  den  Kopt  ab,  hängt  dann  den 
Körper  an  den  Füßen  auf  und  setzt,  nachdem  eine  Menge  Wasser 
abgelaufen  ist,  der  geheilten  Patientin  den  Kopt  wieder  aut.  Man 
wäre  ja  geneigt,    hier  an  eine  starke  Übertreibung   zu   denken    und 


ASKLEPIOS.  3  7 


wissenschaftlich    die  Heilung  der  Ă–deme    durch  Einschnitte   zu   er- 
klären, wenn  nicht  der  folgende  analoge  Fall  eine  solche  Auslegung 
unmöglich  machte.    Aristagora  litt  an  einem  Bandwurm,  die  Söhne 
des  Asklepios  schnitten  ihr,  es  ist  nicht  gesagt  zu  welchem  Zweck, 
in  Trözen,   vielleicht  aus  irgendeiner  falschen  Diagnose,   den  Kopt 
ab,  konnten  aber,  wie  das  bei  Assistenten  schon  einmal  vorkommen 
soll,  die  Operation  nicht  zu  Ende  führen.     Die  Ärmste   mußte  in- 
fokedessen  einen  Tag  ohne  Kopf  bleiben.     In  ihrer  Ohnmacht  und 
Ano-st   holen  die  Mitarbeiter  den  Herrn  Chef  selbst  aus  Epidauros, 
und    der   geht    radikal    vor.      Er    befestigt    zunächst    der   Patientin 
wieder  den  Kopf,  sodann  schneidet  er  ihr  den  Bauch  aut,  holt  den 
Wurm    heraus    und    näht    den    Leih    wieder    zu;    geheilt    und    er- 
hobenen Hauptes   verlieĂź   sie   das   Lokal.     Zwei  Dinge   lieĂźen   sich 
aus    dieser    letzten    Geschichte    leicht   vom    zeitgenössischen    Leser 
eruieren.    Die  eine  deutlich  genug  unterstrichene  Tatsache,  daĂź  der 
Gott  von  Trözen  ein  Stümper  war  gegen  den  epidaurischen  Asklepios. 
Diese  Empfehlung  paßte  sehr  wohl  in  die  Preisliste  pfäffischer  Be- 
gehrlichkeit.   Aber  die  blutigen  Geschichten,  die  da  erzählt  wurden, 
sollten  doch   auf  das  eine  oder  andere  Bäuerlein    nicht  gerade  an- 
lockend gewirkt  haben.    Aber  schlieĂźlich  muĂź  doch   die  Psyche  der 
antiken  Welt   anders   gestaltet  gewesen   sein.     Denn    die  Aussicht, 
die    kranken   Teile   von  Schlangen   geleckt    zu    bekommen,    sowohl 
Augen  wie  FuĂźgeschwĂĽre,  wie  das  berichtet  wird,  und  wie  wu'  das 
ja  auch  schon    aus    dem  Plutos  kennen,    oder   sich,   wie  der  letzte 
Fall  der  zweiten  Inschrift  zeigt,    die  Gicht  durch  Bisse  einer  Gans 
kurieren  zu  lassen,  war  doch  eigentlich  wenig  verlockend;  es  sind 
das  Kuren,  welche  die  Wundertaten  eines  Doktor  Eisenbart  in  den 
Schatten  stellen.    »Man  sieht  in  ein  Getriebe  von  Trug  und  Heuchelei 
hinein,    dem    das   entschuldigende  Prädikat   der  Frömmigkeit   nicht 
mehr   zukommt ,«    sagt    \\'  i  1  a  m  o  w  i  t  z  -  M  ö  1 1  e  n  d  ort,    aber    wir 
müssen  auch  bei  der  Verdammnis   solchen   pfätlischen  Gaukelspiels 
an    das  Publikum  denken,   welches  sich   zu    den  Tempeln  drängte. 
Es   waren   die   MĂĽhseligen   und  Beladenen,    die   sich   zum   philan- 
thropischen Gotte  drängten.     Vielleicht  hat  Di  eis  recht,   wenn  er 


38  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

von  diesen  Vorgängen  folgendes  sagt:  »Diese  Berichte  spiegeln  die 
Tugenden  und  Fehler  des  hellenischen  Volkes  in  seinen  niederen 
Schichten  wieder;  sie  zeigen  neben  Toleranz  und  Menschenfreund- 
lichkeit auch  zugleich  die  schamlose  BetrĂĽgerei,  Aufschneiderei  und 
Geldschneiderei  der  Priester.«  Bedenken  müssen  wir  übrigens  bei 
der  Betrachtung  dieser  Heilberichte  aus  Hpidauros,  daĂź  die  Stelen 
zwar  aus  dem  dritten  vorchristlichen  Jahrhundert  stammen,  daĂź  der 
Text  aber  in  Wirklichkeit  aus  einer  bei  weitem  älteren  Zeit  herrührt; 
diese  Neuschritt  und  Umarbeitung  war  nötig  tür  die  Masse  der 
Pilger,  welche  die  altertĂĽmlichen  Buchstaben  nicht  mehr  entziffern 
konnten.  Die  Quellen  über  Heilvorgänge  und  Kurarten  der  späten 
Zeit,  namentlich  auch  aus  der  römischen  Kaiserzeit,  fließen  äußerst 
spärlich.  Sie  zeigen  aber,  daß  der  Gott  in  seinen  Verordnungen 
sich  mehr  auf  hygienische  Winke  und  Ratschläge  beschränkt  hat. 
Diät,  Kleidung,  Bewegung  und  Abhärtung  waren  die  Heilmittel,  die 
der  zeitgemäß  fortgeschrittene  Gott  jetzt  offenbarte.  Die  Kon- 
kurrenz mit  der  wissenschaftlichen  Medizin  hatte  diese  Priesterkunst 
auf  den  Weg  des  sogenannten  Naturheilverfahrens  gedrängt.  Der 
Vergleich  mit  modernen  Zuständen  läßt  mit  Sicherheit  vermuten, 
daß  jene  klassischen  Polikliniken  des  Asklepios  auch  später  noch 
zur  Zeit  des  höchsten  Glanzes  der  griechischen  Avissenschaltlichen 
Medizin  nicht  leer  standen. 

Ein  tadellos  erhaltener  Stein,  der  sich  in  Epidauros  fand,  be- 
stätigt, daß  spätere  Behandlung  sich  abenteuerlicher  Scharlatanerie 
enthielt  und  mehr  in  die  breite  LandstraĂźe,  sagen  wir,  einer  Natur- 
heilbehandlung eingelenkt  war.  Die  Kur  des  M.  Julius  Apellas  ist 
zuerst  von  Kabbadias  1883  veröffentlicht  und  von  Ulrich 
V.  W  i  1  a  m  o  w  i  t  z  -  M  ö  1 1  e  n  d  o  r  f  f  kommentiert  worden  ').  Seine 
Ăśbersetzung  lautet: 

»Ich  M.  Julius  Apellas  aus  Idrias  und  Mylasa  ward  \on  dem 
Gotte  herbeschieden,  als  ich  eine  Krankheit  ĂĽber  die  andere  bekam 
und  an  Indigestionen  litt.  Auf  der  Reise,  in  Aigina,  gebot  er  mir, 
ich  sollte  mich  nicht  so  viel  ärgern.    Als  ich  im  Hicron  angelconunen 


')  Isyllos  von  Epidauros:    Philolog.  LTnters.    i8S6.    Heft  9. 


ASKLEPIOS.  39 


war,  gebot  er  mir,  ich  sollte  zwei  Tage  den  Mantel  ĂĽber  den  Kopf 
gezogen  tragen;  die  beiden  Tage  regnete  es;  Käse  und  Brot  essen, 
Selleriesalat  mit  Lattiiga,  mich  im  Bade  selbst  bedienen,  Dauerlaut 
ĂĽben,    Limonade  trinken,    neben    den  aquae   im  Bade  mich    an   der 
Wand  reiben,  auf  der  Loggia  spazieren  gehen,  schaukeln,  mich  mit 
Staubsand  einreiben,  barfuĂź  gehen,  in  der  Badeanstalt  in   das  heiĂźe 
Wasser,  ehe  ich  hineinstiege,  Wein  zugieĂźen,  allein  baden  und  dem 
Bademeister  eine  Drachme  attisch  geben;  dem  Asklepios,  der  Lpione 
und    den    Eleusinischen    Göttinnen    gemeinsam    opfern,    Milch    mit 
Honio-  o-enieĂźen;  und  als  ich  eines  Tages  bloĂźe  Milch  trank,  sagte 
er  mir  ,tu  Honig  in  die  Milch,  damit  es  abfĂĽhren  Icann'.     Als  ich 
den  Gott  bat,  er  möchte  mich  schneller  abfertigen,  da  war  mir,  als 
o-ino-e  ich  mit  Senf  und  Salz  am  ganzen  Körper  eingerieben  an  den 
aquae  zum  Kurhaus  hinaus,   voran    einen  Jungen  mit  dampfendem 
RauchfaĂź,  und  der  Priester  sagte  ,kuriert  bist  du,  nun  muĂźt  du   das 
Honorar  bezahlen'.     Und  ich  tat  nach   dem  Gesichte,   und  wie  ich 
mich    mit  dem  Salz    und  dem  Senfteig    feucht  einrieb,    tat  es  weh. 
Beim  Waschen  aber  tat  es  nicht  weh.     Das  geschah  in  den  ersten 
neun   Tagen   nach    meiner   Ankunft.      Er  faĂźte   mich    auch   an   die 
rechte  Hand  und  die  Brust;  und  tags  darauf  schlug  die  Flamme,  als 
ich  das  Räucherwerk  hineinwarf,    in  die  Höhe  und  verbrannte  mir 
die  Hand,  so  daĂź  es  Blasen  gab.     Aber  die  Hand  ward  bald  wieder 
heil;    ich    blieb    noch    länger    da,    und    er   gebot    mir   Anis    mit    Ol 
gegen    die  Kopfschmerzen    anzuwenden.     Nun    hatte    ich    aber    gar 
keine    Kopfschmerzen;    da    begab    es    sich,    daĂź   ich   vom   Studieren 
Blutandrang   nach  dem  Kopf  bekam.     Ich  wandte    das  Ă–l  an    und 
wurde    die  Kopfschmerzen   los.     Gegen   Geschwulst    des  Zäpfchens 
kaltes  Wasser,    Gurgeln  (danach    hatte   ich    auch    beim  Gotte  Hilte 
(besucht),  seeen  geschwollene  Mandeln   dasselbe.    Er  gebot  mir  auch 
dieses  aufzuschreiben.     Dankbar  und  geheilt  bin  ich  abgereist.« 

Ich  muĂź  sagen,  wenn  ich  so  den  fetten,  durch  Studieren  und 
GenieĂźen  vor  der  Zeit  gealterten  Mann  vor  mir  sehe,  mit  schlapper 
Muskulatur  und  schlechter  Zirkulation,  so  verraten  die  angeordneten 
Mittel  den  Kennerblick  eines  guten  Praktikers.     Denn  alle  Verord- 


40 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


nungen  laufen  schließlich  auf  die  modernste  Diät  und  physikalische 
Therapie  hinaus.     FaĂźt  man  so  das  Limonadetrinken   auf  als  Ver- 


J.'us.  Xatwtt. 


Fig.  6.     AsklepiĂĽs,  antike  Marmorstatue.     Neapel. 

bot  des  Weintrinkens  und  das  Alleinbaden  als  die  W-rmeiduno;  von 


Erresuns:, 


so 


können    wir    alle    diese  Maßre2:eln    "e^en    den    alten 


Hypochonder   und  Fettbauch    mit   Kopfschmerz   und    Kongestionen 


ASKLEPIOS.  41 


nur  bewundern.  Das  Hokuspokus  dran  und  darum  scheint  gewissen 
hiatrischen  MaĂźnahmen  up  to  dav  auch  nicht  ĂĽberlegen  gewesen 
zu  sein.  Im  Gegenteil,  der  moderne  Xaturarzt  und  Spezialist  tĂĽr 
physikalische  Therapie  kann  noch  allerlei  aus  dieser  Kur  lernen : 
Die  Schaukelkunst  und  die  Massage  im  Wasser.  Was  der  Priester 
sagte,  »Kuriert  bist  du,  nun  mußt  du  das  Honorar  bezahlen«,  sollte 
sogar  als  geflĂĽgeltes  Wort  der  Verabschiedung  wieder  modern 
werden. 

Zu  den  wenigen  authentischen  Berichterstattern,  welche  uns  das 
Intime  des  Asklepioskultes  als  Selbstbeobachter  schilderten,  kommt 
hinzu  als  Hauptgewährsmann  Aristides,  der  Rhetor,  der  129  nach 
Christus  in  Mvsien  geboren,  um  189  gestorben  war.  Eine  17  Jahre 
dauernde  Krankheit  trieb  diesen  Mann  mit  dem  komplizierten  ^^^ese^ 
eines  dekadenten,  ĂĽberaus  begabten,  universell  gebildeten  und  doch 
pietistisch  hohlen  Mannes,  durch  alle  HeiligtĂĽmer  des  Heilgottes  in 
Asien,  Ägypten,  Griechenland  und  Italien.  In  den  fünf  berühmten 
»heiligen  Reden«  hat  er  nun  seine  Erlebnisse  in  einer  ziemlich 
ĂĽberschwenglichen  Eorm  geschildert.  Ich  muĂź  gestehen,  daĂź  ich 
nur  auszugsweise  diese  genossen  habe,  und  daĂź  ein  starker  Appetit 
dazu  gehört,  aus  diesen,  im  übrigen  vom  Standpunkt  der  rhetori- 
schen Technik  und  äußerer  Formgewandtheit  geschätzten  Reden,  die 
uns  besonders  interessierenden  Stellen  herauszusuchen.  Das  hat  nun 
in  gewissem  Sinne  F.  G.  Welcker')  in  seinen  kleinen  Schritten  tĂĽr 
uns  schon  besorgt,  und  verweisen  wir  diejenigen,  welche  Interesse 
für  das  Nebelland  der  Träume  haben  und  welche  sich  aus  der  zu- 
fälligen Kongruenz  von  Gedachtem  und  wirklich  Erlebtem,  aus 
Selbsttäuschung  und  betrüglicher  Ideenverbindung  ein  System  be- 
reiten wollen,  auf  diese  Fundgrube  von  unkontrollierbarem  Zu- 
sammenwirken von  Phantasie  und  W^ihrheit.  Ăśberlegen  wir  noch, 
daß  die  Träume  des  Rhetors  und  die  daraus  sofort  meist  von  ihm 
selbst  gefolgerten  Weisungen  des  Gottes  jahrelang  nach  der  wirk- 
lichen Inkubation    in    dem  Tempel   rhetorisch    von    ihm  verarbeitet 


')  F.  G.  Welcker,  Kleine  Schriften,  Bd.  III,  Zu  den  AlterthĂĽmern  der  Heilkunde  bei  den 
Griechen.     Bonn   1S50. 


42 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


sind,  so  ist  die  Bewertung  dieses  Stoffes  gegeben.  Was  sollen 
wir  dazu  sagen,  wenn  er  z.  B.  aus  der  Erscheinung  der  Athena, 
die  ihm  tröstlich  zuspricht,  sogleich  aut  ein  Klistier  aus  attischem 
Honig  schlieĂźt,  welches  ih.n  dann  von  der  Galle  betreit  und  den 
Anfang  einer  langsamen  Genesung  begründet?  Ein  Traum  läßt 
ihn  einmal  ungewiĂź,  ob  Easten  oder  Vomitiv  gemeint  sei.  Er  bittet 
den  Gott,  es  doch  deutlich  anzuzeigen,  welches  von  beiden  er  ver- 
hinge,  schläft  wieder  ein  und  es  wird  ihm  ein  delphischer  Vers  als 
Orakel,  den  er  dann  aut  ein  Bad  im  heiligen  Brunnen  deutet.  So 
sieht  er  im  Traum  ein  anderes  Mal  den  Arzt  Asklepiakos  zu  sich 
hereinkommen  und  ihm  ein  gewisses  Kataplasma  fĂĽr  30  Tage  vor- 
schreiben. Alle  Mittel,  die  der  Gott  ihm  betiehlt,  werden  dem 
Enthusiasten  leicht,  die  Philonische  Mixtur,  die  er  sonst  nicht 
riechen  konnte,  schmeckt  ihm  wohl  und  hilft  sogleich  (eine  Er- 
innerung aus  der  Kinderstube).  Ein  anderes  Mal  schickt  ihn  der 
Gott  mit  einem  Umschlag  von  gestoĂźenem  Zimt  um  den  Hals 
240  Stadien  weit,  aber  er  trägt  den  Durst  hin  und  zurück  leichter, 
als  »wer  ein  gewöhnliches  Stadtbad  besucht«.  Überaus  über- 
schwenglich sind  Worte  und  \'ergleiche,  die  er  zu  Ehren  des  Heil- 
gottes verwendet.  Sie  erinnern  stark  durch  das  Gesuchte  ihrer 
Devotion  an  die  kirchlich  poetischen  Erzeugnisse  des  Mittelalters. 
»Habe  ich  doch  selbst  unter  dem  Gott  nicht  zweimal,  sondern  viele 
und  mannigfache  Eeben  gelebt  und  erachte  die  Krankheit  demnach 
vorteilhaft,  fĂĽr  die  ich  wenigstens  nicht  die  gesamte,  unter  den 
Menschen  sogenannte  (jlückseligkeit  annehmen  möchte.  Und  daher 
soll  man  nicht  auch  diesen  Ort  hatenlos  nennen  (er  spricht  von 
Pergamos,  dem  ersten  Sitze  des  Gottes  in  Asien),  sondern  er  ist 
von  allen  Häfen  der  festeste  und  sicherste,  in  welchem  von  Asklepios 
allen  die  Taue  der  Rettung  befestigt  werden.«  In  diesem  gottseligen 
Tone  gerät  er  gelegentlich  in  direkte  Verzückung,  so  nennt  er  den 
Gott  in  Smvrna  selbst  mit  dem  'f  itel  Zeus.  Er  ist  ihm  der  Retter 
von  allem,  der  Steuermann,  der  das,  was  ist  und  was  entsteht, 
erhält.  »Wenn  man  ihn  für  Apollons  Sohn  und  den  Dritten  von 
Zeus  hält,   so  fasse  man  ihn  auch   wieder  in  den  Xamen  zusammen 


ASKLEPIOS. 


43 


und  sage,  daĂź  er  selbst  der  Zeus  sei  und  stelle  ihn  dar  als  Vater 
und  Schöpfer  aller  Dinge.  Indem  er  alle  Gewalten  habe  durch  das 
All,    ziehe  er  vor,    den  Menschen  wohlzutun    und    jedem    das    ihm 


KollUpkot.  Alinari.     Kot/ 

Fig.  7.     Asklepios,  antiker  Marmor. 


Zukommende  zu  geben.  Die  größte  und  gemeinsamste  Wohltat  er- 
weise er  allen,  indem  er  das  Geschlecht  unsterblich  mache  in  Aut- 
einanderfolge, Ehe,  Erzeugung  und  Ernährung  der  Kinder,  schaffend 


44 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


durch  die  Gesundheit.«     Interessant  ist  nun  besonders  die  Stellung 
der  Ärzte  zu  den  im  Traume  gespendeten  Verordnungen.    Zunächst 
erfahren  wir,  daĂź  sich  der  chronisch  Kranke  trotz  seiner  ungemessenen 
Verehrung  zum   Heilgotte   auch   noch    und  ott  zu  gleicher  Zeit  der 
Ärzte,    d.   h.    der   wissenschaftlichen  Stadtärzte,    bedient.     Folgende 
Notiz  ist  bemerkenswert.    Hin  Arzt  kommt  zu  ihm  und  macht  An- 
stalt, seine  Hilfe  zu  gewähren.    Als  er  aber  von  den  Träumen   hört, 
hatte  er  den  \'erstand,   dem  Gotte  nachzugeben.     Dies  war  der  Arzl 
Theodotos,  von  dem  auch  ein  anderes  .Mal  noch  berichtet  wird,  daĂź 
er  sich   durch   den  Traumbericht  in   seinen  Anordnungen  habe  um- 
stimmen lassen.     Hin  anderes  Mal  aber  setzt  sich  ein  berĂĽhmter  Arzt 
aus  Pergamos  in  direkten  Gegensatz  zu  den  göttlichen  \'erordnungen 
und  widerrät  ihm    die    ihn  vollkommen    auflösenden   großen  Blut- 
entziehungen.    Aristides  half  sich   nach  bekannter  Art;  er  lieĂź  sich 
trotzdem  schröpfen  und  gleichzeitig  nahm  er  die  Arznei  des  Arztes. 
Geaen   die  Ansicht  der  Ärzte  nimmt  er  ein   ibm   dinx'h  X'ision  vor- 
geschriebenes  FluĂźbad  im  A\'inter.    Teils  aus  Neugier,  teils  aus  Be- 
sorgnis begleiten  ihn  dabei   »von   den  Ärzten  sowohl  die  bekannten 
als  auch  andere«.     Bei  einer  ansteckenden  Krankheit  kommen  Ärzte 
nht  ihren  Gehilfen   in  sein   Haus.     Gegen  die  Ansicht  der  Doktoren 
nimmt  er  eine  gewisse  Arznei,  doch  tut  er  es   dicht  beim  heiligen 
Dreifuß,    damit   es  um  so  weniger   schade.     Einmal    erträgt   er  ein 
Mittel,    welches   ein  Arzt  für  tödlich    erklärt   hatte.     In  seiner  pie- 
tistischen Hingabe  verstieg  er  sich  schlieĂźlich  zu  tollenden  Worten; 
»Wir  wandten   auch,   am  Heibe  getroffen,    uns  nicht   mit  niedrigen 
Hilfeflehen  an   die  Ärzte,  sondern,  obgleich  wir  mit  Gott  zu  reden 
die  besten   der  Ärzte  als  Hreunde  besaßen,  nahmen   wir  unsere  Zu- 
flucht   zu  Asklepios    und  glaubten,    daĂź    es,    wenn    es    sein    sollte, 
schöner  sei,   durch  ihn  gerettet  zu  werden,  wenn  es  nicht  angehe, 
Zeit  sei,  zu  sterben.«     Zwei  Dinge  sind  es,  aut  welche  auch   die  in 
vieler  anderer  Beziehung  mediko-historisch  interessanten  Reden  ein 
helles  Schlaglicht  werfen.    Wir  sehen  da,  daĂź  noch  beinahe  600  Jahre 
nach  ihrer  Begründung,  diese  göttliche  Traumheilung  parallel  neben 
der  wissenschaftlichen  Medizin,    fast  ohne  jede  BerĂĽhrung,  einher- 


ASKLEPIOS. 


45 


ging,  wie  heutzutage  aucli  noch  Aberglaube  und  positives  Können, 
Gesundbeterei  und  Naturheiltum  und  wissenschaftliche  Medizin. 
Und  damals  wie  jetzt  gab  es  unter  den  Ärzten  Männer,  die  sich 
unter  dem  kirchlichen  Deckmantel  wohlfĂĽhlten  und  bei  diesem  Ge- 
schäft auf  die  Kosten  kamen,  und  solche,  die  sich  der  Zeichen  und 
Hieroglyphen  wehrten  und  zwischen  sich  und  dieser  göttlichen 
Heilkunde  des  Messers  Schneide  legten.  Von  diesen  und  jenen 
scheint  die  Umgebung  des  Heiligtums  voll  gewesen  zu  sein;  beide 
interessierte  die  herbeiströmende  Krankenmenge  in  gleichem  Maße, 
wenn  auch  in  umgekehrter  Richtung.  Was  uns  aber  als  zweiter 
Punkt  besonders  wichtig  erscheint,  ist,  daĂź  auch  noch  in  den 
späteren  nachchristlichen  Jahrhunderten  hochgebildete  Männer,  die 
wir  heute  noch  unter  die  Klassiker  zählen,  in  schwärmerischem 
Pietismus  dergestalt  dem  Heilgotte  ergeben  waren,  daĂź  er  in  ihren 
Augen  selbst  die  anderen  Götter  überragte,  und  daß  sein  Kult  pan- 
theistische  Formen  annahm  (wie  der  des  Serapis  in  Alexandrien), 
so  überall  den  Boden  vorbereitend  für  den  größeren  Heiland,  der 
bald  die  Welt  beherrschen  sollte. 

Es  ist  zu  hoffen,  daĂź  mit  dem  Fortschritt  der  Altertums- 
wissenschaft wir  neue  Autklärungen  erhalten  werden  über  die 
Wandlungen  der  Heilbehandlung  in  dem  Asklepiostempel.  Der 
athenische  stand  noch  gegen  Ende  des  3.  nachchristlichen  Jahrhunderts 
unversehrt,  der  Neuplatoniker  Proklos  war  noch  ein  begeisterter 
Anhänger  des  Asklepios  Soter.  Der  Tempelschlaf  als  solcher  hat 
sich  bis  heute  an  manchen  Stellen  erhalten;  in  einzelnen  Kirchen 
Griechenlands  soll  er  noch  heute  florieren  (s.  d.  Inkubationsheiligen). 
Geschaffen  wurde  der  Heilkult  offenbar  dem  schönsten  und  edelsten 
menschlichen  Impulse  zufolge,  das  lehrt  uns  ein  Blick  aut  die  Ver- 
körperung des  Gottes,  dem  man  sich  mit  menschlicher  Bürde  be- 
laden nahte.  In  seiner  Gestalt  schuf  das  hellenische  Volk  in  erster 
und  seine  Künstler  in  letzter  Linie  das  Ideal  männlicher  Hoheit, 
Reinheit  und  Milde.  In  seinem  Antlitz  sehen  wir  das  xMensch  ge- 
wordene Göttliche  in  uns;  Zeusgleich  und  doch  ein  Mann  mußte 
sein  Blick  dem  kranken  Pilger  ein  seliges  Hoffen  und  vertrauensvolle 


46  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  ^ 

Hingabe  erwecken.  Das  war  auch  die  \'orbedingung,  die  der  Heil- 
gott selbst  zunächst  verlangte.  An  dem  Eingange  seines  Heiligtums 
zu  Epidauros  standen  ungefähr  folgende  Worte ^): 

»Rein  sei  jeder,  der  tritt  in  den  Weihraucii  duftenden  Tempel, 
Rein  aber  ist,  wer  im  Sinn  heilige  Gedanken  nur  hegt.« 

Ein  gĂĽtiges  Schicksal  lieĂź  vor  nicht  so  langer  Zeit  im  Britischen 
Museum  in  einem  umfänglichen  Rollenbruchstück  einen  für  unsere 
Anschauung  wichtigen,  so  gut  wie  verschollenen  griechischen  Poeten 
des  3.  vorchristlichen  Jahrhunderts  neu  erstehen.  In  seinen  Mim- 
iamben  schildert  Herondas  vortreft'lich  das  Milieu  eines  Askle- 
pieion  mit  all  seinen  Statuen,  und  das  was  wir  das  Lokalkolorit 
nennen.  Dabei  scheint  er  sich  vollkommen  an  die  Wirklichkeit  zu 
halten,  und  deshalb  hat  ihn  schon  Otto  Crusius,  sein  Bearbeiter 
(Göttingen  1893),  einen  antiken  Realisten  genannt.  Im  Gegensatz 
zu  des  Aristophanes'  Schilderungen,  der  leider  in  seiner  Dichtung 
die  Kulissen  der  Handlung  im  Asklepiostempel  als  allen  bekannt 
nur  ganz  nebensächlich  behandelt,  zeichnet  uns  Herondas  in  seiner 
Skizze  des  Besuches  opfernder  Erauen  im  Asklepiostempel,  aller- 
dings mit  flĂĽchtigen  Strichen,  mehr  als  die  Silhouette  des  berĂĽhmten 
Heiligtums  von  Kos.  Kokkaie  hat  hier  Genesung  gefunden  und 
kommt  zum  Dankgebet  und  zur  Darbringung  eines  Opfers.  \\'ir 
sehen  den  Tempelwart  in  geschäftig  vertrauter  Weise  verkünden, 
wie  das  Opfer  ausgefallen  ist,  und  der  Kokkaie  und  ihrer  Quartier- 
geberin  Kvnno  den  Segen  erteilend.  Nun  kommt  der  Passus, 
welcher  uns  hier  imd  wohl  auch  den  Dichter  am  meisten  interessiert. 
Die  Weiber  bewundern  bei  ihrem  Gange  durch  die  Tempelhalle 
die  dort  aufgehäuften  Kunstschätze  und  Götterbilder,  die  sie  in  ihrer 
naiv  bäuerischen  Weise  kritisieren.  Der  ortsfremden  Kokkaie  machen 
die  Gegenstände  einen  überraschenden  Eindruck.  Dabei  ist  es  viel- 
leicht charakteristisch,  daĂź  sie  weniger  sich  fĂĽr  die  berĂĽhmten 
Tempelstatuen  des  Kephisodotos  und  Timarchos  interessiert  als 
fĂĽr  die  berĂĽhmte  Gruppe  des  Boethos,  des  Knaben  mit  der  Gans 
und   fĂĽr    andere    ihr   als   Genredarstellung   gefallende   Gruppen,   die 

')  Porphyr,  de  abst.  II,   ly  und  Clemens  Alex.,  ström.  5,1. 


ASKLEPIOS. 


47 


wohl  aber  in  Wirklichkeit  doch  DarsteUungen  aus  der  Mythologie 
sind.  Nachdem  dann  Kokkaie  ihre  Weihtafel  zur  Rechten  der 
Hvgieia  aufgestellt  hat  und  der  TempelkĂĽster  den  opfernden  Frauen 


l'-trUn,  Museum. 

Fig.  8.     Asklepios,  antike  Marmorstatue. 


im  Namen  von  Paieon-Asklepios  Dank  gekĂĽndet,  entfernen  sie  sich, 
nicht  ohne  dem  Gotte,  falls  er  sie  und  die  ganze  Familie  gesund 
erhalte,  größere  Opfer  versprochen  zu  haben. 


^8  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 

DIE  OPFERNDEN  FRAUEN  IM  ASKLEPIOSTEMPEL'). 

Personen. 
Kokkaie,  eine  Fremde,  die  dem  Asklepios  eine  Weihgabe  stiftet. 
Kynno  (auch  Kynna  Kynnis),  ihre  Freundin,  eine  Ansässige. 
Der  KĂĽster  oder  TempelhĂĽter. 

Stumme  Personen. 

K  V  d  i  1 1  a ,  die  Sklavin  der  Kynno. 

Die  Szene  spielt  in  dem  Asklepiosheiligtum  zu  Kos. 

Kokkalc  (vor  den  Tempelstatuen). 
Sei  mir  gegrĂĽĂźt,  o  Herrscher  Paian,  der  du 
Waltest  auf  Trikka  und  im  trauten  Kos 
Und  Epidauros  wohnhaft  bist;  Koronis 
Zugleich,  die  dich  geboren,  und  ApoUon, 
Sie  sei'n  gegrĂĽĂźt;  und  die  du  mit  der  Rechten 
BerĂĽhrst,  Hygieia;  und  die  Herrinnen 
Auf  diesen  Ehrensitzen,  Panako, 
Und  Epio  und  leso,  sei'n  gegrĂĽĂźt; 
Und  die  Laomedons  Haus  und  Mauerwall 
Zerstörten,  die  Ärzte  in  grimmen  Krankheiten, 
Podaleirios  und  Machaon,  soU'n  gegrĂĽĂźt  sein, 
Und  was  an  Göttern  dir  am  Herde  wohnt 
Und  Göttinnen,  Vater  Paian!    Gnädig  nehmt 
Den  Hahn,  den  Herold  unsres  Hausbezirks, 
Den  ich  hier  opfere,  bitte,  als  Zukost  an ! 
Denn  spärlich  fließt  ja  unser  Brünnlein  nur  — 
Sonst  hätten  wir  dir  ein  Rind  oder  'ne  Mastsau 
Mit  Speck  gepolstert,  keinen  Hahn,  als  Kurlohn 
Gebracht,  weil  du,  o  Herr,  die  Krankheit  uns 
Mit  linder  Handauflegung  weggewischt  hast. 

Kynno. 
Zur  Rechten  der  H\-gieia,  Kokkaie, 
Stell'  deine  Tafel  auf. 

Kokkalc 
(tritt  dabei  näher  und  betrachtet  sich  die  Statuen  genauer). 
Ah,  liebe  Kynno, 
Die  schönen  Statuen !    \\'elcher  Meister  nur 
Schuf  dieses  Steinwerk  und  wer  ist  der  Stifter  ? 

Kynno. 
Die  Söhne  des  Praxiteles  -).     Siehst  du  nicht 
Am  Sockel  dort  die  Schrift?    Und  Euthies, 
Der  Sohn  des  Prexon,  hat  sie  gestiftet. 


')  Nach  der  Ăśbersetzung  von  Otto  Crusius,  Gottingen  1S93. 
-)  Timarchos  und  Kephisodotos. 


ASKLEPIOS.  49 


Kokkaie. 

Gnädig 
Möge  den  beiden  Päon  sein  um  solcher 
Herrlichen  Werke  willen,  und  nicht  minder 
Dem   Euthies.      (Vor  ein  anderes  Kunstwerk  tretend) 

Sieh,  Beste,  das  Mädchen  dort; 
Das  aulguckt  nach  dem  Apfel!    Meint  man  nicht, 
Es  stĂĽrbe  gleich,  wenn's  nicht  den  Apfel  kriegte? 
Und  dort  den  Alten,  Kynno !    (Weitergehend)    Bei  den  Mören, 
Die  wilde  Gans,  wie  die  der  Knabe  wĂĽrgt! 
Nur  in  der  Xähe  erkennt  man,  dalJ  die  Arbeit 
Von  Marmor  ist:  sonst  könnte  man  wirklich  glauben, 
Er  wolle  sprechen.     Nein,  die  Menschen  lernen 
Mit  der  Zeit  noch  Leben  in  die  Statue  schlieĂźen. 

(Vor  einer  F'orträtstatue,  in  der  sie  eine  Bekannte  erkennt) 
Siehst  du  denn,  Kynno,  Batale  nicht,  die  Tochter 
Des  Myttes,  wie  sie  dasteht,  lebensgroĂź? 
Wer  nicht  die  Batale  selber  sah,  der  blicke 
Auf  dieses  Bild  —  die  richtige  braucht  er  nimmer. 

Kynno. 
Komm  mit  mir.  Beste,  und  ich  zeige  dir 
Was  Schönes,  wie  du's  in  deinem  Leben  nie 
Gesehn  hast.  (Zur  Sklavin)    Geh,  Kydilla,  und  ruf  den  KĂĽster! 
Du  bist  ja  nie  und  nirgends,  nicht  inr  Tempel 
Und  nicht  auf  dem  Markt  zu  brauchen.     Ăśberall 
Liegst  du  wie  ein  Stein  im  Wege.     Zum  Zeugen  ruf  ich 
Kydilla,  diesen  Gott  an,  wie  du  mich 
Trotz  aller  Selbstbeherrschung  in  Hitze  bringst. 
Zum  Zeugen  ruf  ich  ihn!    Einst  kommt  der  Tag, 
Wo  du  diesen  dummen  Schädel  kratzen  wirst! 

Kokkole. 
Ach,  Kynno,  nimm  dir  doch  nicht  alles  gleich 
Zu  Herzen!    Sie  ist  ja  'ne  Magd,  und  Mägde, 
Schlafhauben  tragen  sie  alle  um  die  Ohren! 

Kynno. 
Allein  je  heller  der  Tag,  je  toller  treibt  sie's. 

i^Sie  will  davonstĂĽrzen,  um  der  Sklavin  eins  zu  versetzen) 

Kokkalf   (sie  zurĂĽckhaltend). 
He,  bleibt  doch  hier!    Die  Tür  ist  ja  geöffnet, 
Auf  steht  der  Tabernakel !  —  (näher  tretend)   Liebe  Kynno, 
Was  das  fĂĽr  Werke  sind!    Sieh  doch  nur  her! 
Eine  neue  Pallas,  meint  man,  bildete 
Die  Herrlichkeiten  • —  (mit  einer  Verbeugung)  sei  gegrüßt  mir,  Herrin. 

Holländer,   Plastik  und  Medizin.  4 


50 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


(Vor  einem  Tafelgemälde  des  Apelles) 
Den  nackten  Knaben  hier,  wenn  ich  den  kneife, 
Kriegt  der  niclit  bkue  Flecke,  Kynna?    Denn 
Die  Fleischpartien  auf  dem  Bilde  sehn  doch  aus 
Wie  warm  pulsierend !    Und  das  silberne 
Opfergerät,  wenn  das  Mvellos  oder 
Pataikiskos  sieht,  der  Sohn  des  Lambrion, 
Wird  so  ein  Diebsgesell  sich  nicht  die  Augen 
Aus  dem  Kopf  glotzen,  in  der  Meinung,  daĂź  es 
Wirklich  von  Silber  angefertigt  sei? 
Der  Ochs  dann  und  sein  Treiber  samt  dem  Weibe 
Daneben;  mit  dem  Geierprotile  dort 
Der  Mann  und  mit  der  stumpfen  Nase  der  — 
Blickt  ihnen  allen  nicht  das  helle  Leben 
Aus  ihren  Augen?    Meint"  ich  nicht,  es  wäre 
Unschicklich  für  ein  Weib  —  laut  schrie  ich  auf: 
Der  Ochse,  Kynnis,  tut  mir  noch  ein  Leids  an. 
So  schielt  er  mit  dem  einen  Aug'  herĂĽber. 

Kynuo. 
Ja,  Beste,  wahr  ist,  was  des  Ephesiers 
Apelles  Hand  erschuf  in  jedem  StĂĽcke, 
Und  man  kann  nicht  sagen :  Dieser  Mann  besaĂź 
FĂĽr  das  eine  Blick,  doch  andres  lag  ihm  fern. 
Nein,  was  ihm  nur  in  den  Sinn  kam,  darin  könnt'  er 
Sich  selbst  mit  Göttern  messen.     Aber  wer 
Nicht  voll  Bewundrung,  wie  es  sich  gebĂĽhrt. 
Zum  Meister  wie  zu  seinen  Werken  aufschaut, 
Der  mög'  am  Ful]  in  der  Walkerbude  hängen. 

A7/.sV(V. 
\'ollkommen  schön,  ihr  Frauen,  ist  euer  Opfer; 
Und  GlĂĽck  verheiĂźt  es  euch.     Mehr  Wohlgefallen 
Fand  niemand  vor  Paieon,  als  wie  ihr. 

(Zur  Tempelstatue  gewandt) 
Heil,  Heil,  Paieon,  wohlgewogen  sei 
Den  Spenderinnen  dieser  schönen  Opter. 
Und  denen,  die  als  Ehegenossen  etwa 
Und  Blutsverwandten  ihnen  nahestehn. 
Heil,  Heil,  Paieon !    Also  mag's  geschehn. 

Kokkalc. 
Ja,  mag's  geschehn,  Allmächt'ger  du,  und  möchten 
Wir  kerngesund,  um  größere  Opfer  dir 
Zu  bringen,  wiederkommen,  Ehemänner 
Mit  uns  und  Kinder  — 


ASKLEPIOS.  5 1 


Kymio. 

Kokkaie,  zerschneide 
Den  Vogel  hĂĽbsch  und  gib  das  Beinchen  dann 
Dem  KĂĽster,  merk'  es  wohl;  leg  auch  den  Kuchen 
Still  betend  in  das  Schlangenloch  und  feuchte 
Die  Opfergerste  an.     Das  andre  woll'n  wir 
Am  Herbergstisch  verzehren.     Und  hör,  vergiß  nicht 
Weihbrot  uns  mitzubringen.     Erst  genommen, 
Und  dann  gegeben!    Ist  beim  Opfer  nämlich 
Des  Küsters  Anteil  noch  in  Sicht,  so  fällt 
Auch  mehr  vom  W'eihbrot  fĂĽr  den  Spender  ab. 

Im  Gegensatz  zu  solchen  ottiziellen  Kultplätzen  des  Asklepios 
existierten  kleinere  Orakelplätze  mit  heimlicher  Betätigung.  Einen 
Einblick  in  das  Cjctriebe  eines  solchen  »x\sklepieion«  tun  wir  durch 
den  Bericht  eines  Augenzeugen,  der  bisher  nicht  zu  A\'orte  kam, 
obwohl  er  Bedeutendes  zu  sagen  hat:  ich  meine  des  Lukian  Er- 
zählungen von  Alexander,  dem  falschen  Propheten.  Lukianos,  der 
griechisch-svrische  ausgezeichnete  Schriftsteller  (123  bis  180  n.  Chr.), 
der  sich  in  seinen  satirischen  Schritten  als  sarkastischen  Kritiker 
des  Aberglaubens  und  mystischer  Schwärmerei  bekannte,  erzählt 
da  in  einem  vielfach  ftir  uns  wichtigen  Artikel  die  Geschichte  des 
falschen  Asklepios  II,  den  er  selbst  entlarvte,  wobei  er  aut  ein 
Haar  jedoch  ums  Leben  kam.  Ein  offenbar  geistig  hochstehender 
Abenteurer,  gewandt,  verschlagen  und  mit  der  Sinnesrichtung  aut 
das  GroĂźe,  alles  auf  eine  Karte  setzend  und  dabei  von  offenbar 
gottbegnadetem  Äußern,  hatte  es  verstanden,  das  römische  Reich 
in  seiner  ganzen  Ausdehnung  jahrelang  zu  dĂĽpieren,  und  eine  be- 
rĂĽhmte Orakelstelle  zu  schaffen,  zu  der  man  von  allen  Orten  her 
pilgerte.  Lukian  charakterisierte  ihn  mit  tolgenden  Worten:  »Er 
war  groß  von  Statur,  schön  von  Gesicht,  er  trug  sein  eigen  Haar, 
aber  mit  falschen  Locken  so  kĂĽnstlich  vermehrt,  daĂź  die  wenigsten 
etwas  von  diesem  Zusatz  merkten.  In  seinen  Augen  tunkelte  das 
ehrfurchtgebietende  Feuer  eines  Menschen,  der  von  einem  Gotte 
besessen  ist.  Der  Ton  seiner  Stimme  war  äußerst  angenehm  und 
wohlklingend.  Wenige  Menschen  in  der  Welt  waren  an  Verstand, 
schnellem   Begriff   und    Scharfsinn    mit    ihm    zu    vergleichen.      Ge- 


32  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

schmeidigkeit,  Gelehrigkeit,  Gedächtnis  und  natüi liebes  Geschick 
zu  allem,  was  Kunst  und  Wissenschaft  heißt,  besaß  er  in  höchstem 
Grade.«  Nachdem  dieser  Mensch  als  Knabe  bei  einem  Scharlatan 
gedient  hatte  und  sich  die  Kniffe  dieses  SchĂĽlers  des  berĂĽhmten 
Apollonios  angeeignet  und  auch  den  Geist  seiner  Zeit  mit  so  viel 
Verständnis  studiert  hatte,  um  daraus  Kapital  zu  schlagen,  ging  er 
daran,  mit  groĂźer  Diplomatie  seine  Landsleute  zu  neppen  und  zwar 
dies  in  größtem  Stil.  Zunächst  ließ  er  im  uralten  Apollontempel 
zu  Abonuteichos  eherne  Tatein  zutage  tördern,  auf  denen  ge- 
schrieben stand :  »Asklepios  wird  demnächst  mit  seinem  \'ater 
Apollo  in  den  Pontus  kommen  und  zu  Abonuteichos  seinen  Sitz 
aufschlagen!«  Nachdem  durch  diese  Ankündigung  der  Nährboden 
für  seine  Schurkerei  reit  war,  läßt  er  sich  in  dieser  Stadt  nieder 
und  weiß  durch  allerlei  markierte  prophetische  Wutantälle  seine 
dickköpfigen  Paphlagonier  derartig  vorzubereiten,  daß  sie  tähig 
waren,  der  Geburt  des  Asklepios  beizuwohnen.  In  der  Nähe  des 
Apollotempels  stĂĽrzt  er  in  die  dort  befindliche  Quelle,  stimmt  aus 
voller  Brust  dem  Apollo  und  Äskulap  einen  Lobgesang  an  und 
wĂĽnscht  der  Stadt  zu  der  heilbringenden  Gegenwart  des  angekom- 
menen Gottes  Glück.  Er  läßt  sich  eine  Schale  geben,  taucht  in 
das  Wasser,  holt  aus  ihm  nach  Gauklersitte  ein  großes  Gänseei, 
in  dem  er  eine  kleine  Schlange  vorher  geborgen  hat.  Das  Ei  zer- 
bricht  er  vor  den  Augen  der  Menge,  holt  die  kleine  Schlange  heraus 
und  rief,  sie  in  die  Höhe  haltend:  »Hier  habe  ich  den  Asklepios!« 
Mittlerweile  hatte  er  nun  bereits  in  seinem  Hause  eine  groĂźe 
Schlange  abgerichtet,  deren  Kopt  er  unter  seiner  Achsel  versteckte, 
und  die  sich  in  dieser  warmen  Stellung  wohl  tĂĽhlte.  Statt  dessen 
ließ  er  den  Körper  dieser  großen  Schlange  in  einen  Drachenkopt  aus- 
laufen, der  einige  Ähnlichkeit  mit  einem  Menschengesicht  hatte. 
Dieser  leinene  und  kĂĽnstlich  bemalte  Kopt  konnte  mittels  eines 
Pterdehaares  den  Mund  auf-  und  zumachen,  auch  reckte  er  nach  Art 
der  Schlangen  eine  zweigespitzte  Zunge  heraus.  Durch  den  Mund 
dieses  künstlichen  Asklepioskopfes  gab  er  nun  demnächst  in  dem 
neu  errichteten  Tempel  seine  Orakel   und   ĂĽbte  sein  ĂĽber   alles  Er- 


ASKLEPIOS. 


53 


warten  glänzendes  Prophetenhandwerk  aus.  Lukian  weiht  uns  nun 
in  den  von  ihm  aufgedeckten  Schwindel  ein,  wie  es  der  sich  selbst 
»Glvkon  der  dritte  von  Zeus«  nennende  Gaukler  anstellte,  richtige 


KohUj<h>^t.   Aluutri.     Koni.    I  titivan.    t'r,n\ 


Fig.  9.     Asklepios,  Porträtstatue. 

Orakel  zu  erteilen.  Die  Anfragen  wurden  auf  kleinen  Täfelchen 
niedergeschrieben,  um  die  ein  versiegelter  Bindfaden  geschlungen 
war.     Lukian  lehrt   uns  die   Technik    der   Siegellösung   durch   eine 


54 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


glĂĽhende  Nadel.  Jeder  fand  dann  in  seiner  Tafel  mit  unerbrochenem 
Siegel  die  metrische  Antwort,  von  denen  uns  der  Satiriker  einige 
Proben  gibt.  Auf  viele  Fragen  antwortete  er  in  zweideutigen 
Orakeln,  aber  auf  Grund  guter  medizinischer  Kenntnisse  gab  er 
auch  Heilmittel  und  richtige  VerhaltungsmaĂźregeln  an.  Besonders 
verordnete  er  oft  eine  von  ihm  erfundene  »schmerzlindernde«  Salbe. 
Obwohl  die  Taxe  fĂĽr  jedes  Orakel  nur  eine  Drachme  und  zwei 
Obolen  war,  stieg  so  das  Einkommen  des  Mannes  durch  den 
eminenten  Zuspruch  ins  Ungemessene.  Damit  bestritt  er  seinen 
groĂźen  Aufwand,  unterhielt  er  die  groĂźe  Menge  von  Gehilfen,  Aut- 
wärtern, Kundschaftern,  Orakelschmieden,  Registratoren  und  Ob- 
signatoren;  und  vor  allem  die  Emissäre,  die  er  in  fremde  Länder 
sandte,  und  die  ihm  die  Kundschalt  der  ganzen  Welt  einbrachten. 
Um  seine  Einnahmen  zu  steigern  und  die  Wirkung  zu  erhöhen, 
erfand  der  Mann  die  a  u  t  o  p  h  o  n  i  sc  h  e  n  Orakel.  Er  lieĂź  den 
Pappkopf  des  Äskulap  mit  einem  Sprachrohr  in  Verbindung  setzen, 
und  während  die  Riesenschlange  ihren  Leib  bewegte  und  der  Kopt 
des  Gottes  Sprechbewegungen  machte,  schrien  Gehilten  die  Ant- 
wort durch  das  Sprachrohr,  so  daĂź  es  klang,  als  ob  der  Schlangen- 
gott selbst  zu  seinen  Adoranten  spräche.  Um  ganz  im  Rahmen 
einer  antiken  Kultstätte  zu  bleiben,  schul  er  seine  xMysterien.  Hören 
wir,  was  der  Dichter  von   diesen  sagt: 

»Er  ordnete  aber  überdem  noch  besondere  Mvsterien  mit  Fackel- 
trägern und  Hierophanten  an,  deren  Begehung  drei  Tage  dauerte. 
Am  ersten  geschah  wie  zu  Athen  der  öffentliche  Autru(:  Wotern 
ein  Gottesleugner,  Christianer  oder  Epikuräer  gekommen  sein  sollte, 
diese  Orgien  in  verräterischer  Kundschaft  auszukundschaften,  der 
begebe  sich  von  hinnen.  Die  aber  an  unseren  Gott  glauben,  mögen 
mit  GlĂĽck  dieser  Mysterien  teilhaftig  werden.  Und  nun  wurde 
sofort  zur  Austreibung  der  Profanen  geschritten.  Alexander  selbst 
finsf  an:  Hinaus  mit  den  Christianern!  \Jnd  die  gan/e  (jemeinde 
rief  hintendrein:  Hinaus  mit  den  Epikuräern!  Hierauf  wurde  die 
Niederkunft  der  Latina,  die  (ieburt  des  Apoll  und  die  Hochzeit 
der  Koronis  dargestellt,  und  Äskulap  wurde  geboren.     Der   zweite 


ASKLEPIOS. 


55 


Tag  feierte  die  F.piphanie  des  Glykon  und  die  CTehurt  dieses  Gottes. 
Am  dritten  war  die  Hochzeit  des  Podaleirios  mit  Alexanders  Mutter. 
Dieser    Tag     hieĂź    ,Dadis',    weil    er    mit    Fackeln    gefeiert    wurde. 


Fig.   10.     Asklepios,  antike  :\[armorstatue  im  Louvre  i  Paris). 

Stab  rechlä.     Schlange  links'      (Falsche  Ergänzung.) 

wobei  Alexander  selbst  das  oberste  Amt  eines  Hierophanten  ver- 
waltete. Den  BeschluĂź  machte  der  Liebeshandel  zwischen  Luna  und 
Alexander,  und  die  Geburt  der  Gemahlin  des  Rutilianus  (sein 
Schwiegersohn  in  Rom).    Der  neue  Endvmion  lag  mitten  auf  dem 


56 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


Schauplatz  schlafend  und  nun  stieg  aus  dem  Dache  wie  vom 
Himmel  statt  der  Göttin  Luna  eine  wunderschöne  Person,  die  Frau 
eines  kaiserlichen  Prokuratoren  herunter,  die  in  ganzem  Ernst 
in  Alexander  verliebt  war  und  von  ihm  geliebt  wurde,  und 
ihren  Tropf  von  Mann  zusehen  ließ,  wie  zärtlich  sie  sich  ihrer 
Rolle  gemäß  vor  allen  Augen  küßten  und  umarmten ;  wer  weiß 
was  noch   weiter  unter  dem  Mantel  vorging,  wenn  nicht  mehr  viel 


Fig.   II.     Asklepios-Terrakotten  aus  Kos. 

Fackeln  brannten.«  Zum  Schluß  scheinen  dann  diese  Mysterien  in 
wilde  Orgien  ausgeartet  zu  sein.  Fr,  Alexander  selbst,  zeigte  sich 
dann  im  hierophantischen  Ornat  beim  Fackeltanz  und  wuĂźte  dabei 
seine  vergoldeten  Schenkel  zu  zeigen.  Wir  ĂĽbergehen  die  Dumm- 
heiten, die,  durch  seine  Orakel  verleitet,  ganze  Völker  in  Krieg 
brachten,  und  auch  die  Art,  wie  Lukian  selbst  ihn  zuerst  toppte 
und  entlarvte,  um  schlieĂźlich  doch  dem  klugen  Manne  auf  den 
Leim   zu  gehen,    und  auf  ein  Haar  sein  Leben    dabei  zu  verlieren. 


ASKLEPIOS. 


57 


Interessenten  empfehle  ich,  die  Stelle  hei  Liikian  selbst  zu  studieren. 
Der  geniale  BetrĂĽger  und  falsche  Asklepiospriester  konnte  sein 
Prophetenhandwerk  ungestört  wohl  30  Jahre  mit  steigendem  Erfolg 
ausfĂĽhren,  setzte  zum  SchluĂź  noch  beim  Kaiser  durch,  daĂź  der 
Name  seiner  Stadt  Abonuteichos  in  Jonopolis  umgewandelt  wurde, 
und  daĂź  aut  ihn  MĂĽnzen')  geschlagen  wurden  mit  seinem  Kopfe, 
bekränzt  mit  dem  Lorbeer  des  xA-sklepios.  Er  starb,  wie  es  scheint, 
an  einer  Altersgangrän  eines  Beines;  dann  entstand  ein  Kampf  um 
seine  Nachfolgerschaft,  an  dem  sich  auch  ein  Arzt  beteiligte. 
Unter  des  Alexander  Namen  wurde,  wie  es  scheint,  fĂĽr  Rechnung 
der  Witwe  das  einträgliche  Prophetengeschäft  noch  eine  Zeitlang 
fortgesetzt. 

Lukian  hat  diese  Schritt  und  seine  Erlebnisse  niedergeschrieben, 
um,  wie  er  sagt,  den  göttlichen  und  heiligen  Epikur  zu  rächen. 
Wir  aber  ersehen  aus  ihr,  daĂź  um  die  Mitte  des  2.  nachchristlichen 
Jahrhunderts  die  damalige  gebildete  Welt  eine  derartige  mystische 
Neigung  erfaĂźt  hatte,  daĂź  ein  geriebener  Scharlatan  den  Gott  mit 
GlĂĽck  spielen  konnte,  und  daĂź  der  Ruf  des  Asklepios  und  seiner 
Wunder  noch  mit  Erfolg  den  Kampf  mit  dem  jungen  Christentum 
aufnahm.  Wir  blicken  hinter  die  Kulissen  eines  ganz  auf  betrĂĽg- 
licher  Basis  stehenden  Asklepieion,  welches  den  alten  Orakelstätten 
mit  gleichem  Eriolg  Konkurrenz  machte.  Eine  Stätte  raffinierter 
Ausbeute,  avo  die  Gewinnsucht  Geschäftsprinzip  und  das  Stamm- 
kapital der  Firma  allein  die  bis  in  die  letzte  Konsequenz  ausgenutzte 
Erkenntnis  war,  »das  Volk  will  betrogen  sein«.  So  artete  aus,  hier 
und  wohl  noch  an  anderen  Stellen,  was  heiliger  kindlicher  (jlaube 
geschaffen  und  was  im  Rahmen  frĂĽhester  Kultur  wohl  auch  ein- 
mal wirklich   heiliii   und  heilsam  war. 


DAS  BILDNIS  DES  HEILGOTTES. 

Die  Botschaft  Mosis   vom    Berge   Sinai   an   sein  Volk   als  Echo 
von  des  Höchsten  Stimme:   »Du  sollst  keine  anderen  Götter  neben 


MĂĽnze  der  Stadt  mit  dem  Schlangengott;  abgebildet  bei  Panofka,  Taf.  II,  7. 


58 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


mir  haben,  du  sollst  dir  kein  Bildnis  noch  irgend  ein  Gleichnis 
machen,  weder  des,  das  oben  im  Himmel,  noch  des,  das  unten  aut 
der  Erden,  oder  des,  das  im  Wasser  unter  der  Erde  ist,«  und  dann 
weiter  »silberne  und  güldene  Götter  sollt  ihr  nicht  machen«  war 
die  radikalste  Forderung  fĂĽr  eine  reinste  Religionsverinnerlichung. 
Es  kann  hier  nicht  untersucht  werden,  ob  nicht  erst  spätere  Könige 
fĂĽr  dieses  Gebot  verantwortlich  sind,  auch  nicht,  ob  die  damaligen 
Menschen  fortgeschritten  genug  waren  fĂĽr  eine  solche  abstrakte 
Religiosität  ohne  jeden  Kirchenkult.  Der  Götzendienst  ringsum  und 
namentlich  die  ägyptische  Gemeinschaft,  die  Neigung  des  Volkes 
zu  Rückfällen  (goldenes  Kalb)  zwangen  wohl  zu  solchem  Vorgehen. 
»Verstöret  alle  Orte,  da  die  Heiden,  die  ihr  vertreiben  werdet,  ihren 
Göttern  gedient  haben,  es  sei  auf  hohen  Bergen,  aut  Hügeln  oder 
unter  grünen  Bäumen;  reißt  um  ihre  Altäre  und  zerbrecht  ihre 
Säulen  und  verbrennet  mit  Feuer  ihre  Haine,  und  die  Bilder  ihrer 
Götter  zerschlaget.«  In  letzter  Konsequenz  verlangt  er  für  den 
alleinigeinzigen  Gott  nur  einen  Altar  aus  Erde  oder  nichtgehauenen 
Steinen,  und  auch  nicht  mit  Stufen,  die  hinauitühren.  »Du  würdest 
sonst  den  Altar  entweihen;  und  wenn  ihr  ĂĽber  den  Jordan  kommt, 
so  sollst  du  groĂźe  Steine  aufrichten  und  sie  mit  Kalk  tĂĽnchen  und 
daraufschreiben  alle  Worte  dieses  Gesetzes;  und  daselbst  sollst  du 
dem  Herrn,  deinem  Gotte,  einen  steinernen  Altar  bauen,  darĂĽber 
kein  Eisen  fährt,  von  ganzen  Steinen.«  Also  nur  der  Xame  des 
Herrn  und  die  Schriftzeichen  seines  göttlichen  Gebotes  sollten  die 
einzig  sichtbaren  Zeichen  religiöser  Verehrung  sein.  Selbst  plastisches 
Ornament  ist  verdammt.  Wahrlich  in  ihrer  monumentalen  Einfach- 
heit von  kolossaler  Größe.  Und  doch  hat  dieses  Ciebot,  welches 
die  Grenzen  menschlicher  Gedanken  verlegte  und  das  GetĂĽhl  in 
der  Brust  des  Kleinbürgers  überschätzte,  in  seinem  \'olke  den  Sinn 
für  die  künstlerische  Darstellung  des  Körpers  und  damit  den  Sinn 
fĂĽr  Plastik  verkĂĽmmert.  Neigung  und  Talent  zu  Kunsthandwerken 
finden  wir  im  Pentateuch  schon  (z.  B.  als  die  Juden  aus  dem  Ge- 
schmeide und  den  Ohrspangen  der  Weiber  das  goldene  Kalb  ver- 
fertigen —  die  eherne  Mosesschlange  —  der  Tempel  in  Jerusalem). 


ASKLEPIOS. 


59 


Wenn  wir  die  Kultur-  und  Kunstgeschichte  verfolgen,  so  werden 
wir  immer  bestätigt  linden,  daß,  wenn  auch  nicht  aus  religiösem 
GefĂĽhl  heraus  die  Meisterwerke  geschallen  wurden,  daĂź  doch  die 
Kirche  Pate  stand.  Canova  fand  den  A'lut,  den  groĂźen  Korsen,  als 
er  ihm  Modell  saĂź,  von  dem  triumphierenden  EinfluĂź  von  Kirche 
und  Religion  aut  bildende  Kunst  so  zu  ĂĽberzeugen,  daĂź  dieser 
zum  Schluß  zögernd  zugestand,  daß  die  Religion  die  Nährmutter 
aller  KĂĽnste  sei.  Der  mosaische  Gesetzgeber  vergaĂź  auch,  daĂź 
anderseits  wieder  die  reinen  und  groĂźen  Werke  der  Kunst  imstande 
sind,  auch  voraussetzungslos  betrachtet,  religiöse  Gefühle  zu  er- 
wecken. Denn  Schönheit  und  Religion  sind  verwandte  Gebiete. 
Es  ist  das  unsterbliche  Verdienst  des  Griechenvolkes,  diese  Nachbar- 
länder zu  einem  harmonischen  Ganzen  gebracht  zu  haben.  Sie 
Schuten  zur  Versinnbildlichung  überirdischer  Krälte,  zur  Personi- 
hkation  der  körperlichen  und  seelischen  \'orgänge  Göttergestalten 
von  so  berückender  Schöne  und  Reinheit,  daß  deren  auf  uns  ge- 
kommene Reste,  selbst  noch  losgelöst  vom  erhabenen  Throne  ihres 
Heiligtums,  auch  noch  heute  imstande  sind,  dem  nahenden  Fremd- 
ling das  ReingetĂĽhl  innerlichster  Freude 
und  Hingabe,  und   damit  auch  der  Demut  ^ 

und  Religion  zu  erwecken.     Solchen  Be-  / 

trachtungen  mĂĽssen  wir  uns  hingeben, 
wenn  wir  vor  das  Antlitz  des  Heilgottes  ,    ^ 

treten.  Und  dieses  Antlitz  des  Gottes 
allein  schon  ist  es,  welches  uns  heute  noch 
in  den  Bann  des  klassischen  Altertums  tut. 
Man  darf  wohl  unbestritten  behaupten, 
daß  die  Göttergestalt  des  Asklepios  heut- 
zutage noch  eine  populäre    ist,    und   daß 

'~^  ^       '  Vergröfserte  Originalphotographie. 

der  aut  den  Schlangenstab  gestĂĽtzte  Gott 

im  Geistesleben  der  modernen  Menschheit  lebendig  ist.  Auch  heute 
noch  sind  die  Attribute  des  Gottes  oder  er  selbst  symbolisch  in 
der  Medizin.  Und  als  man  in  Berlin  in  diesen  Tagen  daran  ging, 
ein    neues    imposantes    Heim    der    Kaiser-Wilhelm -Akademie    zu 


' 

1 

'S  - 

} ,  ; 

v^< 

'  *  '  /  r 

F 

ig.  12 

.    MĂĽnze  aus  der 
Stadt  Teos. 

ionischen 

60  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

bauen,    da    stellte    man    seine    Kolossalfigur    an    das    Eingangstor 
(s.   hinten). 

Obwohl  wir  aus  der  BlĂĽtezeit  griechischer  Kunst  nur  Fragmente 
besitzen,  und  auch,  was  die  großen  Statuen  betrifft,  auf  spätere 
griechische  und  römische  Kopien  angewiesen  sind,  wie  wir  ja  später 
noch  sehen  werden,  so  ist  uns  durch  diese  und  durch   eine   groĂźe 

Reihe   von    Terrakotten,   Bronzen,   Miinzen 
/^^'/'^^'^^  ^'  (Fig-   II  — 14)    '•"'"-^    Grabreliefs    des    Gottes 

.V  -  1  .  ji,  Bildnis  bis  in  die  kleinsten  Nuancen  hin  be- 
',^^1  kannt.  Das  Gemeinsame  aller  Darstellungen 
des  Asklepios  ist  die  gelassene  Ruhe  des 
(jottes,  sei  es,  daĂź  er  dargestellt  wird  in 
der  häufigsten  Form  stehend  und  aui  den 
Schlangenstab  leicht   gestĂĽtzt,   ruhig  dahin- 

Fig.   13.     .Xthenische  Tetra-  ,        .  ,  .  .  1  r        •  o- 

drachme  mit  Asklepios  als     schreiteud,  sei  es  thronend  aui  seinem  Sitze. 

Beizeichen.  ^    ,  -p,     ,         .  ,,  ,-, 

,,      ,.      „..  ,,  Gelassene  Ruhe    m   allen  Bewegungen,    vor 

Vergrofserte  Origioalphotographie.  ^  ^ 

allem  auch  im  Spiel  der  Mienen.  Thrämer 
unterschied  zunächst  vier  Typen  des  stehenden  Gottes.  Dabei  zeigt 
die  Statue  folgende  gemeinschaftlichen  Merkmale  der  Anordnung: 
der  Oberkörper  ist  zum  Teil  nackt,  ein  Arm  gewöhnlich  verhüllt, 
die  Füße  meist  bekleidet.  Das  trennende  Prinzip  ist  die  Länge 
und  die  Verwendung  des  Schlangenstabes.  Je  nachdem  der  Stab 
unter  der  rechten  oder  linken  Achsel  gestĂĽtzt  wird,  je  nachdem  die 
rechte  oder  die  linke  Hand  den  Schlangenstab  gefaßt  hält,  entstehen 
vier  Tvpen  mit  verschiedener  Körperhaltung.  Allerdings  meint 
\\'olters  wohl  mit  Recht,  daĂź,  wenn  der  Stab  nur  bis  zur  Hand 
reichte,  dies  ott  nur  eine  Nachlässigkeit  des  Kopisten  bedeute. 

I.  Typus:  Charakteristisches  Beispiel  hierfĂĽr  ist  der  von  der 
Tiberinsel  stammende,  im  Neapeler  Nationalmuseum  befindliche 
Äskulap  (Fig.  6).  Der  Körper  stützt  sich  mit  der  rechten  Achsel 
aut  den  langen  Stab,  die  Hand  ruht  an  ihm  ausgestreckt.  Der  linke 
Arm  ist  in  die  Seite  gestemmt,  meist  ganz  verdeckt  durch  das 
Gewand,  wodurch  dieses  etwas  Geschlossenes  erhält.  Denselben 
Typus  zeigen    der    schöne   Asklepios    aus    dem  Lateran  (s.  Fig.  7), 


ASKLEPIOS. 


Gl 


der  jugendlich  unbärtige  aus  dem  Vatiican  (s.  Fig.  9),  sowie  der 
Gott  aus  der  Villa  Borghese,  und  auch  eine  stark  restaurierte,  aber 
sonst  in  der  Anordnung  identische  Bildsäule  im  Berliner  Aken 
Museum  (s.  Fig.  8).  Diese  Anordnung  des  Gottes,  der  aut  dem 
linken  Fuße  die  ganze  Körperlast  trägt  und  den  rechten  zurücksetzt, 
den  Stab  unter  die  rechte  Achsel,  ist,  soweit  wir  das  ĂĽberkommene 
statuarische  Erbe  als  Beweis  heranziehen  können,  das  gangbarste 
Modell   des  Gottes,  das   auch   auf  MĂĽnzen  und  Reliefs  vorherrscht 

(s.  Fig.  11  —  14)- 

2.  Tvpus:  Der  Gott  stĂĽtzt  sich  auf  den  Knotenstab  mit  dem 
linken  Arm,  das  Gewand  läßt  die  rechte  Seite  bis  zur  stark  aus- 
gebogenen HĂĽfte,  wie  auch  den  einge- 
stemmten rechten  Arm  unbedeckt.  Eine 
Anzahl  in  Epidauros  gefundener  Wieder- 
holungen (Fig.  13)  zeigt  die  Beliebtheit 
des  Tvpus  gerade  in  dieser  Stadt.  Zu 
der  besten  epidaurischen  Replik  stimmt 
in  Umrissen  wie  Kopfhaltung  der  be- 
rĂĽhmte Kopf  aus  Melos,  der  somit  einer 
Statue  dieser  Art  angehört  haben  muß. 
Erwähnenswert  ist  auch,  daß  Ovid  den 
Stab    links   führen    läßt    (Metamorphos. 

Buch    13,  \'ers   634): 

qualis  in   aede 
Esse  solet,  haculumque  tenens  agreste  sinistra. 

Bei  dieser  verschiedenen  Anordnung  der  Verwendung  des  charak- 
teristischen Schlangenstabes  ist  folgender  Punkt  beachtenswert. 
Der  KĂĽnstler,  der  den  Tvpus  schuf,  wollte  durchaus  den  Eindruck 
vermeiden,  daĂź  der  Gott  mĂĽde  oder  der  StabstĂĽtze  bedurfte.  Der 
Stab  war  offenbar  nur  die  körperliche  Verbindung  und  die  Be- 
ziehung zum  Schlangentier.  StĂĽtzt  sich  nun  der  Gott  mit  der 
Rechten  auf  den  Stab  und  hat  die  Linke  unter  dem  Himation 
versteckt,  so  hat  er  keine  Hand  frei;  fĂĽr  das  Bildnis  eines  werk- 
tätigen Gottes    ein    schlechter  Ausdruck!     Die  Künstler  halfen  sich 


/ 


Fig.  14.    Römisches  Bronzemedaillon 
des  Kaisers  Hadrian. 


62 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


in  der  Weise,  daĂź  der  rechte  Arm  dann  schlaff  herunterhing,  die 
Hand  in  der  Ruhestellung,  fast  nie  den  Stab  umfassend,  oder  mit 
dem  Kopf  der  Schlange  spielend. 


Origr^hot.     Athen,  Nat.-Iiltiseum. 

Fig.  15.     Asklepios,  antike  Statue  aus  Epidauros. 


Ich  weiß  nicht,  ob  der  schöne  Äskulap  aus  dem  Thermenmuseum 
(Fig.   16)  in  Rom  seine  Originalhand  besitzt;  in  dem  Falle  ist  es 


STATUEN.  63 


bedeutungsvoll,  daĂź  der  Gott  die  Finger  nicht  um  die  Keule  legt, 
und  auch  die  Linke  lugt  aus  dem  Gewände  hervor  und  trägt  eine 
Schrit'trolle.     Auf    ieden    Fall    also    bedeutet    der    Stab    nicht    eine 


Phot.  Alinari.     Rom,    i hertnentituseiiii 

Fig.  16.     Asklepios,  antike  Marmorstatue. 


Keule,  die  der  Gott  kraftvoll  umspannt,  etwa  wie  Herakles,  und 
ist  auch  nicht  eine  Stütze,  auf  welche  der  müde  Körper  sich  aut- 
stemmt, oder  mit  Hilfe  dessen  er  vorwärts   schreitet,   sondern   nur 


64  ĂźlE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  ^ 

ein  Mittler  zwischen  dem  Gott  und  dem  Tier.  Nicht  wunder 
aber  darf  es  nehmen,  wenn  spätere  Künstler  diesen  Sinn  ver- 
kannten   und    einen  abweichenden  Ausdruck  und  Stellung  schufen. 


Fig.  17.     Asklepios,  antike  Statue. 

Das  kleine  Kunstwerk  aus  Bronze  aus  dem  Berliner  Antiquarium, 
das  Thrämer  abbildet,  bei  dem  der  Gott  sich  mit  beiden  Händen 
aut  den  langen  Stab  stĂĽtzt,  zeigt  ganz  fremde  ZĂĽge;  der  grĂĽbelnde, 


ASKLEPIOSSTATUEN. 


65 


f/ 


sinnende,  besorgte  Zug  im  Antlitz  des  Arztes  stimmt  nicht  mit  der 
hellenischen  Auffassung  überein;  es  ist  nach  Furtwänglers  Nach- 
weis eine  Arbeit  aus  dem  16.  bis  17.  Jahrhundert.  Die  Bronze  ist 
jetzt  aus  der  Sammlung  genommen.  Eine  ähnliche  Anordnung 
zeigt  allerdings  die  Liverpooler  Flachrelieffigur  des  Gottes  in  Elfen- 
bein geschnitzt.  Hier  steht  der  Gott  auf  dtm  rechten  Standbein, 
eine  mächtige  Keule  stützt  die  linke  Schulter,  an  ihr  ringelt  eine 
Riesenschlange;  der  Gott  aber  hält  in  der  Rechten  eine  Rolle,  die 
er  mit  sinnendem  Ausdruck  seinem  Barte  nähert.  Neben  ihm  steht 
der  winzige  Telesphorus,  der  in  einer  aufgeschlagenen  Rolle  liest 
(s.  Fig.  61).  Alles  dies  nach  Konzeption 
und  Anordnung  Zeichen  der  späten  Ent- 
stehung und  der  Vertallzeit. 

Der  dritte  Typus  ist  bereits  flĂĽchtig  er- 
wähnt. Der  Gott  hat  in  der  rechten  Hand 
den  Knotenstab.  Beispiele  hiertĂĽr  sind  Sta- 
tuen aus  dem  Thermenmuseum  (s.  Fig.  16), 
aus  den  Uffizien  in  Florenz  (Fig.  17),  so- 
wie die  Statue  aus  schwarzem  Marmor  aut 
dem    Kapitol    (Fig.  ao).      Es    bringt    diese    ^''g-  'S-   '^'""^^  von  Pergamon. 

-  .  .  1      T  I  r^  1  •  Statue  des  Asklepios  in  einem  Naos 

Haltung       mit       sich,       daĂź       der       Gott       als        im  tetrastylos.    Ki^iser  Caracalla  lafst  ein 

"^  '  Zebu  opfern. 

Dahinschreiten  daroestellt  werden  soll.    \'on 

diesem    Gesichtspunkte    aus    erscheint   die    Ergänzung    des    rechten 

xA.rmes  bei    der  Florentiner  Statue  (Fig.    17)  falsch. 

Der  vierte  Tvpus  (der  Gott  hält  in  der  linken  Hand  den  Stab) 
erklärt  sich  aus  oberflächlicher  Behandlung  des  zweiten  l'vpus. 
Der  Stab  wird  einfach  nicht  bis  zur  Achsel  modelliert.  Oft  wird 
gänzlich  der  Stab  vermißt;  auch  die  Anordnung  der  Falten  läßt 
nichts  mehr  von  einem  Drucke  gegen  die  Falten  und  die  Achsel 
erkennen,  und  so  fĂĽhrt  der  (jott  den  Stab  nur  in  der  Hand. 
Daraus  er"ibt  sich  dann  die  iranze  Haltung  der  Figur.  Man  kann 
die  epidaurisch-athenische  Statue  in  diesem  Sinne  auttassen.  Sonst 
kommt  der  Tvpus  vor  nur  aut  Münzen  oder  als  Spätarbeit  (s.  z.  B. 
den  Asklepios  aus  dem   Palazzo  Massimo,  Fig.   60). 


Orig.-Plwt. 


Holländer,   Plastik  und  Medizin. 


()(,  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

Die  Frage,  welche  die  Archäologen  besonders  beschäftigte,  näm- 
lich die,    wer  der    Schöpfer    des    Ask  1  e  p  iost  ypu  s    war,    hat 
fĂĽr  unsere  Arbeit  schon  deshalb  weniger  Interesse,  weil  die  antike 
Welt    eine    zweite    Kunstform    des    Gottes    kannte    und    liebte,    die 
des   thronenden  Gottes.     Nach    den  Berichten   scheinen    gerade  die 
hervorragendsten  Tempelbilder,   die  Gold-Eltenbeinstatuen,   es  ge- 
wesen zu  sein,  die  den  Gott  in  thro- 
nender, sitzender  Stellung  gezeigt  haben. 
In    dieser   Stellung   hat    nun    aber    der 
Schlangenstab  seine  entscheidende  Rolle 
'>  verloren.    \'on  diesem  thronenden  Gott 

j  besitzen  wir  viele  Ansichten;    so  z.  B. 

zeigt    uns    eine  MĂĽnze   aus    Pergamos 
den    thronenden    Gott   in    einem    Xaos 
tetrastvlos,  wie  ihm  der  Kaiser  Caracalla 
Fig.  19.   Nackter  Askiepios.  gerade  ein  Zebu  opfern  läßt  (s.  Fig.  18); 

Eronzemedaiilon  des  Mark  Aurel.  •  1       "  1  "    ]      ,*.:        1     ^  ,     C  4-  .U,,..^^      U^l   J  ^4- 

m  bemahe  identischer  Stellung  oiluet 
ihn  eine  epidaurische  MĂĽnze  des  Antoninus  Pius.  So  sah  ihn 
Pausanias  noch,  und  er  gibt  von  ihm  folgende  Beschreibung:  »Das 
Bild  des  Askiepios  in  Epidauros  ist  um  die  Hälfte  kleiner  als  der 
olvmpische  Zeus  in  Athen,  er  ist  von  Gold  und  Elfenbein  (siehe 
oben  Lukian).  Die  Inschrift  nennt  den  Thrasymedes,  des  Arignotos 
Sohn,  aus  Faros  als  Meister.  Er  sitzt  auf  einem  Thron,  einen 
Stab  haltend,  die  andere  Hand  hält  er  über  den  Kopf  des  Drachen, 
auch   ein   Hund  liegt  neben   ihm.« 

.Man  hat  nun  zwei  kostbarere  Reliefs  in  Epidauros  gefunden, 
welche  man  bei  oberflächlicher  Betrachtung  zunächst  als  eine  Seiten- 
ansicht dieser  Gold-Elfenbeinstatue  ansprechen  möchte.  Über  das 
uns  vorliegende  Relief,  dessen  Schönheit  noch  aus  den  Resten 
hervorleuchtet,  entnehmen  wir  sowohl  Tatsächliches  als  auch  Emp- 
fundenes aus  den  von  i.  N.  Svoronos')  gemachten  Mitteilungen. 
Zunächst  bringt  er  die  Abbildung  der  Pendants  (s.  Fig.  22  und  23). 
Aus  der  GegenĂĽberstellung    beider   glaubt   man   im  ersten  Moment 


')  I.  N.  Svoronos,  Das  Athener  Nationalmuseum,  Athen  190S.     Deutsch  von  Barth. 


ASKLEPIOSSTATUEN. 


67 


an  eine  doppelte  Wiedergabe  desselben  Gegenstandes.  Beide  Reliets 
zeigen  einen  männlichen  Gott  in  beinahe  derselben  Stellung,  von 
derselben  (köße,    beide   aus    pentelischem  xVIarmor,    beide    in    sehr 


#  '^  l|(Hi 


.\,>/!/t-/'/i''(    Aiiinti-!       Korn,   Kaf<itol.  Hluseujn. 

Fig.  20.     Asklepiosstntuc,  antiker  schwarzer  N[armor. 


hohem  Relief  gearbeitet.  Dasjenige,  welches  auch  Svoronos  mit 
Sicherheit  als  des  Heilgottes  Bildnis  erkennt,  wurde  1884  bei  den 
Ausgrabungen  des  heiligen  Bezirkes  in  Epidauros  gefunden,  ein- 
gemauert in  einer  mittelalterlichen  Mauer,   das  GegenstĂĽck   dagegen 


68 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


in  den  Trümmern  des  an  der  nördlichen  Seite  desselben  gelegenen 
Bades  des  Antoninus.  Die  Betrachtung  des  GegenstĂĽckes  zeigt  nun 
folgende  Abweichungen:  Das  Haupthaar  und  der  Bart  ist  länger, 
die  um  den  Kopt  laufenden  Löcher  beweisen,  daß  das  Haupt  mit 
einem  Metallkranz  geschmĂĽckt  war.  Aus  dem  einfacheren  Sessel 
des  Heilgottes  wurde  ein  Thronsessel,  der  ornamental  durch  Sphinx 
und  Widder  geschmückt  war.  Der  Oberkörper  ist  entblößter,  beide 
Füße  ruhen  auf  dem  Boden,  die  Haltung  dieses  Körpers  ist  da- 
durch  vielleicht  etwas  majestätischer.     Der  unersetzliche  \'erlust  des 

\'orderkoptes  ist  aus  der  Abbildung  er- 
sichtlich. Diese  beiden  Reliefdarstellungen 
wurden  nun  von  Kavvadias  als  getreue 
Nachbildungen  der  berĂĽhmten  Gold-Elfen- 
beinstatue des  Asklepios  in  Epidauros  von 
der  Hand  des  Thrasvmedes  aus  Faros  be- 
schrieben und  auch  bisher  allgemein  dafĂĽr 
gehalten.  Diese  Meinung  bekämpft  Svo- 
ronos  mit  besonders  einleuchtenden  Be- 
weisen. \un  ist  uns  auch  diese  Statue 
des  Thrasvmedes  genau  bekannt  aus  der 
Darstellung  des  Pausanias  (ii.  27.  2.)  und 
den  zahlreichen  MĂĽnzen  aus  Epidauros. 
Aus  diesen  geht  als  wichtigstes  Kriterium 
hervor,  daß  der  Gott  mit  entblößtem  Oberkörper  auf  dem  Throne 
saß,  die  Linke  in  Kopthöhe  einen  Zepterstab  haltend,  die  Rechte 
vorgestreckt  ĂĽber  die  Knie  herausragend,  die  sich  autrichtende 
Schlange  berührend.  Die  bland  ist  dabei  nach  unten  geöfinet, 
während  sie  auf  unserem  Bilde  seitlich  steht,  und  zwar  so,  daß 
auf  keinen  Fall  eine  Schlange  ergänzt  werden  kaim.  (Ein  gut  er- 
haltenes Relief,  auf  dem  der  Heilgott  in  ähnlicher  Stellung  dasitzt 
und  welches  bei  der  Ergänzung  der  Metope  aus  Epidauros  nützlich 
sein  könnte,  befmdct  sich  übrigens  eingemauert  in  dem  Kapitolmuseum 
in  Rom.)  Der  Finger  ist  ausgestreckt  wie  im  Gespräch  mit  einem 
Adoranten.     \\'as  auf  der  Photographie  nicht  ersichtlich   ist,  ist  die 


\, 


Berl.  Ulis. 

Fig.  21.     Renaissanceplakette. 

Originalaufnahme  nach  Gipsabguli. 


ASKLEPIOSSTATUEN. 


69 


Angabe  des  Forschers,  daĂź  der  entsprechende  Platz  fĂĽr  den  Hund 
unversehrt  gebUeben  sind.  Aus  diesen  GrĂĽnden  kommt  der  Forscher 
zu  dem  SchluĂź,  daĂź  der  oder  die  offenbar  tĂĽchtigen  Meister  des 
4.  Jahrhunderts  nicht  die  Statue  des    Thrasymedes   genau   kopieren 


-Fhct.     Athen,   Xut.-Muii-itii:. 


Fio.  22.     Asklepios,  JMetope  aus  Epidauros. 


wollten,  sondern  sich  nur  an  den  Typus  hielten.  Svoronos  glaubt 
nun  dafĂĽr  eintreten  zu  mĂĽssen,  daĂź  beide  Bildwerke  gleiche  VorzĂĽge 
und  gleiche  Technik  zeigten  und  demnach  offenbar  von    derselben 


Hand    seien. 


Er  nimmt    an,    daĂź    beide   Kunstwerke    Metopen    des 


â– yO  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  ^ 

Asklepiostempels  waren,  doĂź  der  eine  den  Gott  seihst,  die  andere 
Figur  aber  den  Zeus  darstellte,  und  daĂź  sich  dadurch  die  strengere, 
steifere  und  schwerfälligere  Pose  erkläre.  In  einer  Bauinschriit,  in 
der  die  Kosten  der  Herstellung  des  Tempels  aufgefĂĽhrt  werden, 
wird  Timotheos  mit  Wahrscheinlichkeit  als  Hersteller  der  Me- 
topen  angefĂĽhrt.  Der  Direktor  des  Athener  .MĂĽnzkabinetts  glaubt 
nun  mit  um  so  größerer  Sicherheit  darin  die  Arbeit  dieses  Meisters 
wiederzuerkennen,  weil  auch  die  tief  eingeschnittenen  und  scharf 
gebrochenen  Furchen  des  Gewandes  mit  den  sonst  bekannten 
Werken  des  Timotheos  ĂĽbereinstimmen.  An  den  Umrissen  dieser 
Beweisführung,  von  denen  nur  das  auch  dem  Laien  Verständliche 
herausgenommen  ist,  möge  der  Mediziner  aut  der  einen  Seite 
die  Schwierigkeit  einer  archäologischen  Diagnose 
ersehen,  wie  er  anderseits  das  subtile  Urteil  und 
seine  immerhin  hypothetische  Begründung  schät- 


zen   lernen  möge. 


\J,i,'f\     ,  Fine  naheliegende  Vermutung  ist  es  nun,  das 

â–   --.  '-  Urbild    des    stehenden  Gottes    in    dem    Standbild 

flg.  23.    MĂĽnze  aus  parischem  Marmor  zu  suchen,  welches  nicht 

Epidauros  mit  thronen-       "â– -â– -     ^  â– > 

dem  Askiepios.  j^^^  Tempel  selbst,  sondern  in  der  Stadt  der  Fpi- 
daurier  unter  freiem  Himmel  in  einem  heiligen  Bezirke  stand, 
neben  dem  Bildnis  der  Fpione,  seiner  Gemahlin.  Dieser  Typus 
wurde  dann  von  einem  PhidiasschĂĽler  nach  dem  olympischen  Zeus 
umsjemodelt.  Keinesfalls  kann  das  xMonument  aus  dem  arkadischen 
Tesea  von  der  Meisterhand  des  Skonas,  oder  das  von  Strabo  be- 
sonders  gerĂĽhmte  wundervolle  Flfenbeinbildnis  aus  Kyllene,  dem 
Hafenplatz  der  Eleer,  von  Kolotus  gefertigt,  noch  als  Modell  fĂĽr 
die  Schaffung  des  Tvpus  als  solchen   in  Betracht  kommen. 

Wir  haben  bisher  eine  Gattung  von  Asklepiosstatuen  zu  er- 
wähnen vermieden,  welche  den  jugendlichen  Gott  vorstellt  und  deren 
Tvpus  durch  die  berĂĽhmte  Statue  in  dem  Braccio  nuovo  des  \'atikans 
(Fig.  9)  zu  einem  bekannten  geworden  ist.  Allerdings,  um  dies 
gleich  vorweg  zu  nehmen,  hat  diese  Statue  wenig  zu  tun  mit  der 
jugendlichen    Auffassung    des    göttlichen    Knaben,    von    dem    Pau- 


ASKLEPIOSSTATUEN. 


71 


sanias  an  mehreren  Stellen  berichtet.  Es  ist  natĂĽrlich  durchaus  un- 
kĂĽnstlerisch, einen  JĂĽngling  auf  einen  Stab  gestĂĽtzt  in  dieser  ma- 
jestätischen Haltung  des  Heilgottes  zu  modellieren.  Die  Statuetten, 
welche  uns  als  Bildnisse  einer  noch  ephebenhaften  Männlichkeit 
anmuten,  zeigen  denn  auch  eine  größere  Beweglichkeit  des  ganzen 
Körpers.  Als  treffliche  Beispiele  dieses  Apollotvpus  des  jugend- 
lichen Heilgottes  können  einige  Statuetten  im  Athener  National- 
museum selten.  Bemerkenswert  ist  unter  diesen  das  Bild,  welches 
sich  in  dem  Heiligtume  des  Apollo  Maleates  1896  in  Epidauros 
fand  (Eig.  32)  und  auf  gute  griechische  Zeit  hinweist;  das  Original 
geht  vielleicht  auf  Polvklet  zurück.  Eine  andere  ähnliche  Dar- 
Stellung  des  jugendlichen  Gottes  ist  als  Weihgabe  aufzufassen,  die 
ein  gewisser  Ktesias  dem  Helfer  und  Retter  stittete. 
Ganz  anders  die  Statue  im  Vatikan.  Hier 
stĂĽtzte  sich  der  Bildhauer  auf  sein  Vorbild  und 
kopierte  dasselbe  bis  auf  die  kleinsten  Fähchen 
des  Gewandes.  Die  Repliken  derselben  Statue 
aus  Neapel  (Eig.  6)  und  Elorenz  (Eig.  17)  weisen 


auf   das    gemeinschaftliche    groĂźe   Vorbild.      Die 


Fig.  24.  Asklepiosstatue 
im  Tempel, 


schlichte  und  einfache  Größe  dieser  Statuen  eines 
reifen  Mannes,  die  ĂĽberlegene  Ruhe  seiner  Haltung  paĂźt  zu  dem 
ernsten,  reifen,  männlichen  Kopf;  auf  diese  Statue  aber  das  jugend- 
lich frisierte  Haupt  dieses  jungen  Mannes  gesetzt,  zerstört  den 
ganzen  Eindruck.  Man  wird  den  Gedanken  nicht  los,  daĂź  hier 
Unpassendes  zusammengefĂĽgt  ist.  Da  nun  diese  Statue  von  ganz 
ausgezeichneter  Erhaltung  ist  und  zu  den  wenigen  gehört,  deren 
Kopf  sich  vom  Rumpf  nicht  auch  nur  vorĂĽbergehend  trennte,  so 
glaube  ich  entschieden,  daĂź  diejenigen  recht  haben,  welche  in  diesem 
Standbilde  das  Porträt  eines  hervorragenden  Arztes  sehen  wollen. 
Es  war  ja  in  Rom  Sitte  geworden,  sich  in  der  Stellung  berĂĽhmter 
antiker  Skulpturen  porträtieren  zu  lassen.  So  bildete  z.  B.  Kleomenes 
einen  vornehmen  Römer,  indem  er  eine  berühmte  Hermesstatue 
des  3.  Jahrhunderts  seinem  Werke  zugrunde  legte.  Ich  erinnere 
ferner  an  die  sogenannte  Domitia  im  Berliner  Museum  als  Hygieia 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


und  ferner  an  die  Liebhaberei  der  Kaiserinnen  und  vornehmen  Rö- 
merinnen, sich  im  Typus  aher  griechischer  Originalwerkc  porträtieren 
zu  lassen.  Daß  dieses  Bildnis  ein  Porträt  sein  soll,  das  lehrt  schon 
die  Betrachtung  der  ganz  eigentĂĽmlich  geformten  Ohren,  die  ziem- 
lich weitabstehend  durch  die  flache  Behandlung  der  Muschel 
charakterisiert  sind.  Gegen  die  Annahme  freilich,  daĂź  dies  Bild 
das  Porträt  des  Pomponius  Musa,  des  freigelassenen  Leibarztes  des 


Orig.-Ait/n.     Athc»,  Sat  -Musfuiii. 

Fig.  25.     Metope  aus  Epidauros. 

Augustus,    vorstellen    solle,    spricht    der  Stil    der  Arbeit,    der    dem 
Zeitalter  der  Antonine  angehört. 

LĂĽr  denjenigen,  der  sich  im  besonderen  mit  der  Rekonstruktion 
der  überkommenen  Torsos  beschäftigen  will,  sei  aut  die  fleißige 
Arbeit  von  Emil  Löwe')  besonders  hingewiesen.  Ahm  bekommt 
durch  die  Gegenüberstellung  von  des  Pausanias  Erklärungen  mit  den 
sieben   epidaurischen  Münzen    eine   ungefähre  Vorstellung   von    der 


')  Emil  Löwe,  De  Aesculapi  figura.     Argentorati  1888. 


ASKLEPIOSSTATUEN. 


73 


von  Thrasvmedes  geschaffenen  Bildsäule  des  thronenden  Gottes. 
Als  Kuriosum  erwähne  ich  noch  schließlich,  daß  kürzlich  ganz 
ernsthaft  der  Versuch  gemacht  wurde,  die  wechselnde  Stellung  des 
Standbeins  bei  dem  Gott  medizinisch  zu  erklären:  »der  Gott  habe 
an  Hüftgelenksverrenkung  gelitten«,  deshalb  habe  er  sich  auch  der 
Heilkunde  gewidmet.  (!) 

Wir  haben  bereits  gelegentlich  des  verschiedenartigen  Materials 
Erwähnung  getan,  aus  dem  die 
Standbilder  gefertigt  waren.  Da 
fällt  mir  eine  Stelle  aus  dem 
Lukian  ein,  wo  in  humoristischer 
Weise  im  »Zeus  Tragoedus«  die- 
ser Gegenstand  behandelt  wird. 
Zeus  hat  sich  ĂĽber  die  Debatte 
des  Stoikers  Timokles  und  des 
Epikureers  Damis  mächtig  erregt. 
Letzterer  hatte  die  Existenz  der 
Götter  überhaupt  geleugnet  und 
unter  ungeheurem  Zulaut  die 
Opfer  und  Weihgeschenke  tĂĽr 
überflüssig  erklärt.  Dieser  Wett- 
streit zwischen  den  beiden  Philo- 
sophen sollte  am  nächsten  Tage 
wieder  öffentlich  weiter  verhan- 
delt werden  und  der  Oflenbach- 

Zeus  ruft  nun  eine  Versammlung  der  interessierten  Götter  zu- 
sammen. Wie  die  Sache  endete,  lese  man  im  Original  nach.  Hier 
ist  das  amüsante  Vorbild  für  »Orpheus  in  der  Unterwelt«. 

Zeus:  Brav  so,  Hermes,  du  hast  deine  Sache  vortrefflich  gemacht;  und  sie 
(die  Götter)  eilen  schon  herbei.  Empfange  sie  also  und  placiere  sie  nach  dem 
Werte  ihres  Materials  oder  der  Kunst,  mit  der  sie  gefertigt  sind:  die  aus  Gold 
in  der  vordersten  Reihe,  hinter  ihnen  die  aus  Silber,  dann  die  aus  Elfenbein, 
hierauf  die  aus  Erz  oder  Marmor,  und  unter  diesen  letzteren  sollen  die  von 
Phidias  oder  Alkamenes  oder  Myron  oder  Euphranor  oder  den  ahnlichen 
Künstlern  den  \'orzug  haben;  das  kunstlose  Lumpengesindel  aber  möge  in  einen 


Orig.-Phot.  nach  Gipsahgu/s.     Bril.  Museum. 

Fig.  26.     Asklepioskopf  von  Melos. 


74 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


entlegenen  Winkel   gestoĂźen   werden,   nur   um    stillschweigend  die  \"ersammlung 
zu  fĂĽllen. 

Hermes:  Das  soll  geschehen,  sie  werden  placiert  werden,  wie  es  sich  geziemt. 
LaĂź  mich  aber  auch  das  wissen;  wenn  einer  aus  Gold  ist  und  viele  Talente 
wiegt,  die  Arbeit  aber  nicht  akkurat,  sondern  vollständig  stümperhalt  und  ohne 
jedes  EbenmaĂź  ist,  wird  dieser  vor  denen  des  Myron  und  Polyklet  aus  Erz  oder 
des  Phidias  und  Alkamenes  aus  Marmor  sitzen ,  oder  soll  die  Kunst  fĂĽr  wert- 
voller gelten? 

Zeus:  Zwar  sollte  es  so  sein,  allein  dem  Golde  muĂź  der  ^'orrang  zuge- 
standen werden. 

Hermes:  Ich  verstehe,  du  befiehlest,  daĂź  sie  nach  dem  Reichtum  und  nicht 
nach  dem  Verdienste  sitzen  sollen.  Kommt  ihr  Goldenen  also  auf  den  ersten 
Platz!  Wie  es  scheint,  Zeus,  werden  nur  solche  aus  dem  Ăźarbarenland  vorn 
sitzen.  Du  siehst,  wie  die  aus  Hellas  sind,  zwar  anmutig  und  schön  und 
kunstgemäß  geformt,  aber  sämtlich  aus  Marmor  oder  Erz,  nur  die  kostbarsten 
aus  Elfenbein,  bloĂź  mit  so  viel  Gold,  um  Farbe  und  Glanz  zu  bekommen; 
inwendig  sind  auch  diese  von  Holz  und  bergen  in  sich  ganze  Scharen  da  hausen- 
der Mäuse.  Hier  die  Bendis,  dort  der  Anubis,  neben  ihm  der  Attis,  der  Mithras 
und   der  Men,   die   sind  ganz    von  Gold  und  schwer  und  in  Wahrheit   wertvoll. 

Poseidon:  Ist  das  recht,  Hermes,  daß  dieser  Ägypter  mit  dem  Hundsgesicht 
den  Platz  vor  mir,  dem  Poseidon,  einnimmt? 

Hermes:  Ja,  weil  die  Korinther  damals  nicht  Gold  hatten,  formte  dich. 
ErderschĂĽtterer,  Lysippus  als  armen  Mann  aus  Erz.  Dieser  hier  ist  reicher  als 
ganze  Bergwerke;  du  muĂźt  es  dir  also  gefallen  lassen,  auf  die  Seite  geschoben 
zu  werden  und  nicht  in  Unwillen  geraten,  daß  einer  mit  einer  so  mächtigen 
goldenen  Nase  dir  vorgezogen  wird. 

Aphrodite:  So  nimm  mich  denn,  Hermes,  bei  der  Hand  und  fĂĽhre  mich  in 
die  erste  Reihe:  ich  bin  golden! 

Hermes:  Nicht,  soviel  ich  sehen  kann;  falls  ich  nicht  sehr  kurzsichtig  bin, 
bist  du  aus  dem  weiĂźen  Gesteine  des  Pentelikon,  wenn  ich  nicht  irre,  gebrochen, 
und  wurdest,  weil  Praxiteles  es  so  wollte,  als  Aphrodite  den  Knidiern  ĂĽbergeben. 

Aphrodite:  Ich  werde  dir  einen  glaubwĂĽrdigen  Zeugen,  den  Homer,  stellen, 
der  mich  allerorten  in  seinen  Gesängen  die  goldene  Aphrodite  nennt. 

Hermes:  Ach,  eben  der  nannte  auch  den  Apollo  reich  an  Gold  und  Schätzen; 
nichtsdestoweniger  wirst  du  ihn  jetzt  irgendwo  unter  der  dritten  Klasse  sitzen 
sehen ;  Räuber  haben  ihm  die  Kränze  weggenommen  und  sogar  die  Wirbel  aus 
der  Lyra  gestohlen.  Sei  also  zufrieden,  wenn  du  nicht  gar  in  der  letzten  Klasse 
an  der  Versammlung  teilnehmen  mußt.  —  — 

Wir  haben  bisher  mit  einer  ge\Yissen  Absicht  es  vermieden,  von 
der  Krönung  der  Statue,  welche  Körperhaltung  auch  vom  Künstler 
gewählt  war,  von  dem  Kopfe  des  Gottes  selbst,  zu  sprechen;  es 
tritt  an  uns  die  wichtige  Frage  heran,  ob  die  alten  KĂĽnstler  das 
Äskulapshaupt  so  charakteristisch  gestaltet  haben,  daß  es  als  solches 


ASKLEPIOSKĂ–PFE.  n  z 


unzweifelhatt  erscheint.  Diese  Frage  hat  deshalb  nicht  nur  theo- 
retische Bedeutung,  weil  wir  gerade  bei  den  Schöpfungen  der  Antike 
auf  Ausgrabungstunde  angewiesen  sind,  bei  denen  der  Kopf  häufig 
isoliert   ohne  Körper   zutage   gefördert   wurde.     Und   es   ist  gerade 


Fhot .  Alirtarl.     Rom,    Vatihai: , 

Fig.  27.     Zeus  von  Otricoli. 


wohl  kaum  ein  Spiel  des  Zufalls,  wenn  um  den  schönsten  und  reiz- 
vollsten aller  Asklepiosköpfe,  den  in  Melos  gefundenen,  ein  Streit 
entstehen  konnte.  Bei  einzelnen  antiken  Köpfen  finden  wir  charak- 
teristischen Kopfschmuck,  so  daĂź  jeder  Zweifel  schwindet,  so  z.  B. 
bei  der  Minerva,  bei  Hermes,    Mars    oder   Jupiter  Ammon.     Auch 


j6  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  ^ 

des  Herkules  Kopf  ist  durch  die  starke  Betonung  des  Überkräftigen 
genĂĽgend  charakterisiert.  Beim  Asklepios  aber  ist  schon  deshalb 
die  Situation  ganz  anders,  als  sein  Kopt  in  offenbarer  Anlehnung 
an  das  Antlitz  des  höchsten  Gottes  Zeus  (Fig.  27)  geschaffen  ist. 
Das  Ideal  des  Asklepiosantlitzes  ist  die  reine  Vermenschlichung 
des  Göttervaters  unter  Beibehaltung  seiner  sonst  so  charakteristischen 
ZĂĽge   und    unter   bloĂźer  ZurĂĽcktĂĽhrung    des  Ăśberirdischen    auf  ein 


Orig.-Pliot    nach   Gipsabgii/s .      Brit.  Miis.-uin. 

Fig.  28.     Asklepioskopf  von  Melos.     Profilansicht. 

rein  menschliches  Maß.  Durch  diese  enge  Verwandtschaft  erklärt 
es  sich  schon,  daĂź  der  linkcl  mit  dem  GroĂźvater  verglichen  und 
verwechselt  werden  kann,  da  beide  mit  X'orhebe  auch  als  im 
crleichen  Alter  stehend  dartrestellt  wurden.  Und  so  linden  wir  in 
manchem  .Museum  einzelne  Köpfe  mit  offenbar  falscher  Bezeichnung. 
So  bemerkt  Kekule  von  Stradonitz  von  dem  Gesichtstypus  des 
Zeus,  daß  er  namentlich  später  dem  des  Asklepios  immer  ähnlicher 
wurde.  Im  ganzen  genommen  jedoch  bleiben  die  ZĂĽge  des  As- 
klepios einlacher  und  weniger  gewaltsam.     »Sie  bewahren  viel  \on 


ASKLEPIOSKĂ–PFE.  77 


dem  schlichten  Stil,  in  dem  der  Gott  nach  der  ölientlichen  Aut- 
nahme  seiner  Verehrung  in  Athen  im  Jahre  420  v.  Chr.  zuerst 
dort  gebildet  wurde.«  Über  denselben  Gegenstand  spricht  sich 
O  V  e  r  b  e  c  k  folgendermaĂźen   aus ')  : 

»Demnächst  dürfte  man  berechtigt  sein,  mit  nicht  geringer  Wahr- 


lii'iii ,    rlteriiit'iiiititsi'Uni 


Fig.  29.     Asklepioskopf. 


scheinlichkeit  das  Ideal  des  Asklepios,  für  dessen  Schöpfung  durch 
den  späten  pergamenischen  Künstler  Phvromachos  man  nichts 
als  die  allerunzulänglichsten  Gründe  angeben  kann,  aut  das  Tempel- 
bild dieses  Gottes  von  Alkamenes  in  Mantineia  (Pausanias  8,  9,  i) 


')  Overbeck,  Geschichte  der  griechischen  Plastik.     4.  Auti,  I,  Seite  37g. 


y8  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

zurĂĽckzufĂĽhren  und  zwar  deshalb,  weil  das  Ideal  des  Asklepios 
wesentlich  als  eine  geistreiche  Umbildung  des  von  Phidias  aus- 
geprägten Zeusideals  erscheint,  eine  Umbildung,  die  unter  Beibe- 
haltung der  meisten  charakteristischen  Formen  doch  vermöge  ihrer 
Herabsetzuno  auf  ein  reiner  Menschliches  die  Hoheit  des  Welt- 
regierers  durch  die  herzliche  Milde  und  Klugheit  des  hilfreichen 
Heilgottes  zu  ersetzen  weiß.  Ein  solches  Anlehnen  an  die  Schöpfung 
des  Meisters  und  zugleich  ihre  so  feine  und  geistreiche  Umgestaltung 
dĂĽrfen  wir  Alkamenes  wohl  zutrauen  und  ein  solches  Festhalten 
des  Zeustvpus,  der  ja  an  sich  nicht  im  Wesen  des  Asklepios  not- 
wendig begrĂĽndet  ist,  am  ehesten  von  einem  SchĂĽler  Phidias'  er- 
warten. Und  da  wir  nun  endlich  wissen,  daß  spätere  Meister,  wie 
z.  B.  Skopas,  den  Heilgott  jugendlich  auffaĂźten,  also  seinen  Typus 
wesentlich  änderten,  so  haben  wir  wenigstens  einigen  Boden  unter 
den  FĂĽĂźen,  wenn  wir  es  als  nicht  unwahrscheinlich  hinstellen,  daĂź 
das  Ideal  des  zeusartig  aufgefaßten  älteren  x\sklepios  auf  Alkamenes 
zurückgehe.« 

Von  diesen  Asklepiosköpfen  steht  an  erster  Stelle  der  von  Melos 
(s.  Titelbild  und  Fig.  26  und  28);  die  Photographie  versagt  voll- 
kommen bei  der  Wiedergabe  einer  Plastik;  sie  spiegelt  je  nach  der 
Beleuchtung  und  Stellung  Trug-  und  Zerrbilder  vor,  der  Gips- 
abguĂź gleicht  dem  Grammophon  der  Stimme.  Das  Unvergleich- 
liche, Rührende  und  Überwältigende  erfaßt  erst  den  Beschauer,  der 
selbst  nach  einem  (iang  durch  all  die  Herrlichkeiten  des  Briten- 
museums verwöhnt  und  ermüdet  zugleich  vor  das  Antlitz  des  Gottes 
tritt.  Der  wohl  durch  Alterspatina  oder  auch  Farbreste  geschaffene 
Kontrast  des  blassen  Marmorgesichtes  mit  den  bräunlich-blonden 
Locken  und  Bart  erhöht  noch  den  Gesamtausdruck;  das  aut  dem 
Bilde  zu  schmale  Antlitz,  das  sich  in  der  Flut  der  Haare  verliert, 
wächst  im  Steine  zu  herrlicher,  milder  Größe. 

Diesem  Meisterwerk  gegenĂĽber  verliert  der  Kopt  aus  dem 
Thermenmuseum  in  Rom  (Fig.  29)  an  (iröße;  verglichen  mit  dem 
Zeus  von  Otricoli  (Fig.  27)  erkennt  man  beinahe  Zug  um  Zug 
dessen  reduzierte  Ausgabe.     Obwohl   die  Wendung  des  Kopfes  auf 


ASKLEPIOSKĂ–PFE.  yo 


unserer  Photographie  fĂĽr  den  Vergleich  ungĂĽnstig  ist,  hesteht  doch 
eine   große  Ähnhchkeit  in  der  Behandlung  des  Ausdrucks  und    der 


Orig.-Au/ji.     Athen,  Nat. -.Museum. 

I'ig.  30.     Asklepiostorso  aus  Piräus  (Kunstrichtung  der  Skopas). 

Haar-  und  Bartbildung  namentlich  mit  den  Kopten  in  Neapel  und 
im   Louvre.      EigentĂĽmlich    bei    diesem    Kolossalkopt    ist    nur    der 


80  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

Ăśbergang  der  Haargrenze.    Wenn  nicht  ausdrĂĽcklich  der  Kopt  und 
der  Oberkörper  des  athenischen  Xationahiiuseums,  der  in  Piräus  1888 


.'-    Brogi.     Arckaol.  JJustit/n. 

Fig.  31.     Asklepios,  antike  Marmorstatue.     Syrakus. 

gefunden  wurde,  von  den  Archäologen  als  Resle  einer  Askulapstatue 
anerkannt  wären,  so  müßte  die  Vergleichung  mit  den  übrigen 
Asklepiosstatuen    starke    Zweifel    nach     der    Richtung    autlamimen 


ASKLEPIOSKĂ–PFE.  8 1 


lassen  (s.  Fig.  30).  Sowohl  der  Ausdruck  des  Kopfes  als  namentlich 
auch  seine  Haltung  mit  ihrer  scharfen  Drehung  nach  oben,  die 
völlige  Nacktheit  der  ganzen  Brustpartie  bis  unterhalb  des  Nabels 
unterstützen  diese  Zweifel.  Die  Augenhöhlen  waren  offenbar  von 
künstlichen  Augen  erfüllt,  das  Wirre  und,  man  möchte  beinahe 
sagen,  Leidenschaftliche  der  Lockenbildung,  der  ziemlich  geöffnete 
Mund,  das  stärkere  Hervortreten  der  Backenknochen  verändern  d;is 
gewohnte  Bild,  und  man  denkt  zunächst  vielleicht  an  einen  Xeptun. 
Die  starke  Vorwölbung  und  Neigung  des  unteren  Bauchabschnittes 
haben  schon  V.  Stais  veranlaĂźt,  anzunehmen,  daĂź  eventuell  eine 
Statue  des  sitzenden  Gottes  in  Frage  kommen  könne.  Dagegen 
spricht  aber  dann  die  Kopfhaltung.  Anderseits  haben  wir  es 
sicher  hier  mit  einer  vorzĂĽglichen  Kopie  einer  Arbeit  des  4.  Jahr- 
hunderts zu  tun. 

Dem  unbärtigen  Jünglingskopf  unseres  Gottes,  wie  ihn  z.  B. 
Kaiamis  (Pausanias  IL  10.  3)  darstellte,  fehlen  jegliche  charakteri- 
stische Attribute,  selbst  wenn  der  Kopf  in  irgendeiner  Weise  bekränzt 
dargestellt  ist.  Da  ist  denn  der  darstellende  KĂĽnstler  auf  die  anderen 
Attribute  angewiesen,  und  von  diesen  besitzt  der  Heilgott  eine 
ganze  Anzahl  charakteristischer  und  schmĂĽckender. 

Wenn  wir  uns  jetzt  zu  diesen  Attributen  wenden,  so  scheint 
es  zunächst  vielleicht  seltsam  und  merkwürdig,  daß  wir  Herkunft 
und  Inhalt  dieser  Verkörperungen  oftmals  nur  ahnen,  und  daß  diese 
demgemäß  die  verschiedenen  Autoren  verschieden  auslegen.  Nur 
darĂĽber  kann  eine  Teilung  der  Ansichten  wohl  kaum  entstehen, 
daĂź  der  verschiedene  Kopfschmuck  des  Gottes  gewissermaĂźen  nur  als 
Epitheton  ornans  zu  gelten  hat.  Denn  das  Theristrion,  die  glatte 
oder  auch  die  gedrehte  Binde,  die  »vitta  tortilis«  der  Römer,  finden 
wir  bei  verschiedenen  Göttern.  Sie  wechselt  bei  dem  Asklepios 
von  der  anspruchslosen  Binde,  die  nur  die  FĂĽlle  der  Locken  meistert 
und  die  Haare  am  Schädel  anlegt,  bis  zu  einem  richtigen  Kopf- 
schmuck-, den-  den  Kopf  krönt,  wie  bei  der  Statue  im  Nationalmuseum 
Neapels  und  ihn  gloriolenhaft  verschönt.  Wenn  echt,  belastet  die 
schlangenleibdicke  Wulstung    des    Berliner   Gottes  (Fig.  8)   dessen 


Holländer,  Plastik  und  Medizin. 


82 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


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Fig.  32.     Asklepios-Apollo,  antike  IMarmorstatue. 

r.eriinden  in  Epidauros  im  Heiligtum  der  ApoUon  Maleatas  1896. 


DER  OMPHALOS.  83 


frisiertes  Haupt,  vielleicht  von  unten  betrachtet,  weniger  ungĂĽnstig. 
Dasselbe  gilt  von  der  Syrakuser  Gottheit  (s.  Fig.  31),  einer  offen- 
bar schwachen  \'erkörperung  unseres  Ideals.  Solchen  Kopfschmuck 
sehen  wir  vielfach  verwendet.  Doch  auch  mit  anderem  ungewöhn- 
licherem Schmuck  umgab  man  das  geliebte  Haupt;  ein  Lorbeerkranz 
machte  ihn  wiederum  dem  Zeusvater  ähnlicher.  \\>lches  Diadem 
den  himmlisch  schönen  Kopt  des  Britenmuseums  krönte,  ist  nicht 
mehr  zu  sagen,  es  wird  wohl  ein  goldenes  Theristrion  gewesen 
sein  oder  ein  Kranz  von  größerer  Ausdehnung  und  Gewicht;  dafür 
sprechen  noch  die  Ăśberreste  der  umfangreichen  Befestigung  am 
Stein.  Wir  erinnern  noch  an  den  Rosenkranz  seines  Sohnes  Machaon. 


DER  NABEL. 

Vielfach  finden  wir,  so  z.  Ăź.  bei  dem  Neapolitaner  Standbilde, 
dem  Syrakuser  und  anderen,  neben  dem  linken  FuĂźe  des  Gottes 
einen  eitörmigen,  rundlichen  Körper,  der  durch  Netzwerk  verziert 
erscheint;  derselbe  Gegenstand,  von  einer  Schlange  umgeben,  wieder- 
holt sich  auf  pergamenischen  und  anderen  MĂĽnzen.  Panofka  IL  13 
bildet  einen  solchen  aus  Nakrasa  in  Lydien  ab.  Die  Deutung  dieses 
Körpers  gelingt  nicht  ohne  weiteres.  Zunächst  ist  man  versucht 
an  einen  groĂźen  Pinienzapten  zu  denken,  denselben,  den  der  Gott 
bisweilen  in  der  Hand  trägt.  Doch  die  nähere  Betrachtung  lehrt, 
daĂź  die  kreuzweise  gestellte  Ornamentik  mit  dem  rundlichen  mĂĽnzen- 
förmigen Kreuzungspunkt  der  geometrischen  Linienführung  eines 
Pinienzapfens,  wie  er  in  der  griechischen  Kunst  seltener,  in  der 
römischen  Kunst  aber  häufiger  dargestellt  wurde,  widerspricht. 
Dabei  ist  die  erhabene  Ornamentik  dieses  Steinkegels  durchaus  keine 
willkürliche,  und  finden  wir  sie  auch  hei  den  offenbar  späteren 
Wiederholungen  in  der  charakteristischen  Form,  so  z.  B.  auch  bei 
dem  vatikanischen  jugendlichen  Äskulap. 

Auf  der  Suche  nach  der  Deutung  dieses  benetzten  rundlichen 
Körpers,  finden  wir  auch  einen  ähnlich  behauenen  großen  weißen 
Marmorblock  aus  Delphi,  der  mit  Recht  wohl  als  zum  delphischen 


84 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Orakel  gehörig  angesprochen  wird.  Tansanias  sagt  von  diesem, 
den  »Oniphalos«,  den  Nabel  darstellenden  Werk,  daß  er  nach  der 
Sage  der  Delpher  der  Mittelpunkt  der  ganzen  Erde  sei,  und  Pindar 
habe  in  einer  Ode  Gleiches  gesungen  (Pausanias  X,  i6).  Dieser 
antike  Reiseführer  erwähnt  noch  einen  zweiten  Omphalos  (II,  13), 
nämlich    in  Phliasia,  »nicht    weit   vom    Markte   ist  der  sogenannte 

Omphalos,  der  Mittelpunkt  des 
ganzen  Peloponnes,  wenn  sie 
nämlich  die  Wahrheit  sagen«. 
Die  Betrachtung  dieses, 
dicht  neben  dem  groĂźen  Altar 
gefundenen  delphischen  Nabels 
zeigt  in  der  Form  zwar  eine 
genaue  Ăśbereinstimmung  mit 
dem  abgeplatteten  zuckerhut- 
artigen  Gebilde  zu  FĂĽĂźen  des 
lleilgottes:  aber  im  Gegensatz 
zu  der  regelmäßigen,  quadra- 
tischen Benetzung  dieses  zeigt 
er  eine  ähnliche,  aber  erheb- 
lich kompliziertere  Ornamen- 
tik. Verfolgen  wir  diese,  so 
macht  es  den  Eindruck,  als 
wenn  Binden  und  Bänder  um 
den  Stein  gelegt  seien,  die 
sich  parallel  begegnen  und 
rechtwinklig  kreuzen,  aber  in  der  Weise,  daĂź  sie  nicht  miteinander 
verschlungen  und  geknotet  sind,  sondern  unter-  und  ĂĽbereinander 
um  den  Stein  gelegt  erscheinen.  Diese,  dadurch  wie  die  Glieder 
einer  Tänie  gestalteten  Bandornamente  müssen  wir  uns  wohl  larbig 
vorstellen,  schwarz  und  weiĂź,  als  Ausdruck  des  Wechselspiels 
zwischen  Leben  und  Tod.  Mit  der  Betrachtung  dieser  Stein- 
symbolik  aus  Delphi  werden  wir  der  innere]!  Auflösung  des  Attri- 
butes unseres  Gottes  nahekommen.     Dem    Apollo,    dessen    Kultus 


W  4 


/â– //â– .'     .-iniiari.      Delphi 

Fig-  33-     Der  Omphalos  von  Delphi. 


OMPHALOS. 


85 


als  des  Gottes  der  Weissagung  in  Delphi  seinen  Höhepunkt  fand, 
war  der  7Aim  Orakel  gehörige  Omphalos  eigentümlich.  Auf  dem 
Omphalos  sitzend,  verkĂĽndet  Apollo  nach  Euripides  seine  SprĂĽche; 


Orig.-Phot.      AtJuii,   Nat.-MliSiiun. 

Fig.  34.     Asklepios  auf  dem  Omphalos  sitzend. 

das  Symhol  des  groĂźen  Vaters  ging  aut  den  kleineren  Sohn  ĂĽber, 
und  auch  neben  dem  weissagenden  und  traumdeutenden  Gott  in 
Hpidauros  war  ganz  am  Platz  gewissermaĂźen  die  kleinere  Ausgabe 
des  delphischen  Omphalos.     Inwieweit  die  Eitorm  dieses  Symbols 


86  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


dem  mythischen  Urei  und  dem  Dualismus  des  männlich-weiblichen 
Prinzipes  nahekommt,  wie  das  Bachofen')  in  seiner  »Gräber- 
symbolik der  x-\lten«  annimmt,  das  soll  an  dieser  Stelle  in  den 
Hintergrund  treten.  Als  Basis  von  Apollostatuen  diente  der  Om- 
phalos  gelegenthch.  Eine  solche  befindet  sich  mit  den  FuĂźresten 
im  Athener  Museum,  Nr.  46  des  Katalogs. 

Xoch  eine  andere  Möglichkeit  verdient  genannt  zu  werden, 
wenn  auch  dieser  Gedanke  auf  Widerstand  stoĂźen  wird.  Es  ist 
immerhin  möglich,  daß  die  Gestalt  des  Schröpfkopfes,  wie  wir 
noch  zeigen  werden,  die  offenbare  Marke  ärztlicher  und  heilhelfe- 
rischer  Tätigkeit,  gelegentlich  zur  Anwendung  kam,  und  daß  diese 
formverwandte  Linie  fĂĽr  den  Omphalos  gehalten  wurde  oder  um- 
gekehrt, wie  sie  anderseits  auch  eine  Personifikation  im  Telesphorus 
fand.  ĂśberflieĂźen  undeutlich  gewordener  mythologischer  Ideen  in 
verwandte  Formen  finden  wir  bei  Religionsvorstellungen  häufig. 

Völlige  Aufklärung  bringt  das  quadratische  Relief  (60x33  cm 
1388)  aus  dem  Athener  x'\sklepieion ,  eine  strenge  Arbeit  des 
3.  Jahrhunderts,  im  attischen  Stil  (s.  Fig.  34).  Auf  einem  groĂźen 
Omphalos  sitzt  x'Vsklepios,  den  Kopf  nach  rechts  wendend;  der 
rechte  Arm  rechtwinklig  erhoben.  Der  Stab,  den  er  hier  hielt,  ist 
zwar  verloren  gegangen,  aber  am  Grunde  ist  seine  Befestigung  noch 
erkennbar.  Der  Gott  sitzt  ungeschickt  und  gezwungen;  der  Ober- 
körper ist  ziemlich  entblößt,  er  wendet  sich  zu  einem  jugendlichen 
Manne,  dessen  Größe  es  erkennen  läßt,  daß  kein  Sterblicher  gemeint 
ist.     Neben    ihm    sitzt  Hygieia,    die    züchtig   mädchenhafte   Göttin. 

In  dem  Ornament  zu  des  Gottes  FĂĽĂźen  mĂĽssen  wir  also  den 
plastischen  Ausdruck  der  prophetischen  Gabe  des  Heil- 
gottes erlvcnnen.  In  der  antiken  ursprünglichen  Machtsphäre  des 
Asklepios  überwog  die  göttliche  Kraft  der  Orakelspende,  die  der  Tiefe 
der  Erde  entsprang.  Wie  des  \'aters  xA.pollo  Sehergabe  beim  heiligen 
DreifuĂź  sich  in  den  Orakeln  der  Pythia  kund  tat,  so  gab  unser  Gott 
durch  die  beim  Tempelschlaf  gespendeten  Träume  die  Richtung  auf 
das  Heil.     Der  Omphalos  ist  also  das  Svmbol  göttlicher  Intuition. 

')  J.  J.  Bachofen,  Versuch  über  die  GräbersymboHk  der  Alten.     Berlin  1859. 


DIE  SCHLANGE.  ^n 


DIE  SCHLANGE. 

Das  charakteristische  Svmbol  des  Heikottes  ist  die  Schlange. 
Doch  sofort  bedarf  es  einer  ziemHchen  Einschränkung,  denn  von 
den  Zeiten  primitivster  Mythenbildung  bis  in  die  KlĂĽgelei  der  mo- 
dernen Zeit  war  das  Schlangensymbol  die  vulgärste  Attrappe  für 
allerlei  andere  Vorstellungen.  Bei  allen  \'ölkern  und  zu  allen  Zeiten 
spielt  diese  Tierform  in  Sagen  und  Märchen  eine  bedeutsame 
Rolle,  und  unter  ihrer  Gestalt  iinden  wir  selbst  kontrastierende  Yor- 
stellungen  vereinigt.  Gott  strafte  die  Paradiesschlange  folgender- 
maĂźen: er  nahm  der  Schlange  die  Sprache  und  ihrer  Zunge  gab  er 
Gitt,  erklärte  sie  für  einen  Feind  des  Menschen- 
geschlechts und  verhieĂź  ihr,  daĂź  ihr  der  Kopf 
zerschlagen  werden  sollte,  er  beraubte  sie  der  FĂĽĂźe 
und  hieß  sie  sich  im  Staube   der  Erde  wälzen').    ^BK^'^  K  iJ\ 

Wenn  wir  uns  bei  dem  Studium  einer  Schlan-     V^^^J")      A 
gensymbolik   nur  auf  das   Altertum   beschränken  '■'''' \-'.i-iV'' 

wollen,    so    hnden   wir  diese   Tiere  als  Begleiter     i'ig.  35.   A^kicpios  auf 


ö 


■    1         /^     . .  1      ■  o  •  •  1         1 «-  neflügelter  Schlange. 

Vieler  Gottheiten.     So  wissen  wir   aus    der  Mv-  . 

Münze  aus  Nikäa  in  Eithynien. 

thologie,    daĂź    die    Schlangenform    beliebt    war, 
wenn  Götter  in  Verwandlungen  heimliche  Taten  vollbrachten.     So 
verwandelte  sich  z.  B.  Zeus  in  eine  Schlange,    als   er  der  Demeter 
oder   Rheia    sich    näherte.     Im    Piräus    wurde   Zeus  Meilichios    als 
Schlange  verehrt  (s.  Fig.   37). 

Auch  Apollo  ist  die  Schlange  beigeordnet.  Die  delphische 
Orakelstätte  war  durch  Schlangengewinde  geschmückt,  dem  Svmbol 
der  erdständigen  chthonischen  Gottheit.  Es  genügt  aber,  nur  an  den 
Hermesstab  zu  erinnern,  um  darauf  hinzuweisen,  daĂź  die  Schlange 
durchaus  kein  charakteristisches  Symbol  des  Heilgottes  sei.  Auch 
der  wesensverwandte  Sarapis  fĂĽhrt  gelegentlich  den  Schlangenstab. 

Eine  besondere  Schwierigkeit  erwächst  uns  noch,  wie  wir  bei 
der  Besprechung  der  Grabdenkmäler  sehen  werden,  durch  die  so- 
genannte   Toten  seh  lange,    welche     dort    direkt    zu    Verwechs- 

')  Fla  vi  US  Joseph  US,  JĂĽd.  AltertĂĽmer,   i.  Band. 


88  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

lungen  mit  der  Schlange  des  Äskulap  auffordert.  Im  Gegensatz  zu 
der  freieren  Verwendung  der  Asklepiosschlange  bei  seiner  häufigsten 
Begleiterin,  der  Tochter  Hygieia,  finden  wir  bei  den  statuarischen 
Denkmälern  des  Gottes  fast  eine  einzige  Anordnung.  Zu  den  Füßen 
des  Gottes  ringelt  sich  die  Schlange,  und  der  Stab,  an  dem  sich 
das  Tier  emporwindet,  bildet  die  innige  Verbindung  zwischen  beiden. 
Die  Auffassung,  daß  der  Gott  einen  Vv-^tnderstab  trägt,  auf  den  er 
sich  stützt,  entspricht  nicht  dem  göttlichen  Wesen  des  Heilers.  Ist 
der  Gott  sitzend  dargestellt,  so  finden  wir  die  Schlange  meist  unter 
seinem  Sessel,  aber  der  Stab  charakterisiert  den  Gott ;  kĂĽnstlerische 
Momente  veranlaĂźten  hier  wieder  die  Trennung.  FĂĽllt  die  LĂĽcke 
unter  dem  Sessel  ein  Hund,  so  ist  die  Schlange  am  Stabe  ange- 
deutet, oft  fehlt  auch  der  Stab,  den  man  sich  dann  aber  gemalt 
oder  sonstwie  ergänzt  denken  muß. 

Wie  kam  nun  unser  Gott  zu  dem  Symbol?  Da  muĂź  nun  zu- 
nächst darauf  hingewiesen  werden,  daß  eine  antike  Wortauslegung 
den  Namen  Asklepios  als  Askalabos  definierte;  die  ältesten  Griechen 
stellten  sich  die  Erdgeister,  die  den  Menschen  im  Schlummer  er- 
scheinen und  weise  Ratschläge  geben,  besonders  solche,  die  sich 
auf  die  Gesundheit  erstreckten,  in  Schlangengestalt  vor,  wie  ja  die 
Schlange  in  der  Symbolik  jener  frĂĽhen  Zeit  als  der  Arzt  unter  den 
Tieren  galt').  Ob  diese  Voraussetzung  richtig  ist,  ist  hier  nicht 
möglich  zu  entscheiden.  Wir  erinnern  nur  an  die  Vorstellung  des 
Zeus  Meilichios  als  Schlangentier  und  an  die  Mythe,  daĂź  der  Heil- 
gott selbst  der  Aristodeme  als  Schlange  beiwohnte.  Jedenfalls  hat 
die  freisinnis:e  Griechenseele  von  einem  Tierfetischismus  sich  bald 
abgewandt.  Die  Ursachen,  der  Schlange  dämonische  Kratt  zu  vin- 
dizieren, sind  vielfache.  Ihr  BiĂź  als  Gift  und  Gegengift,  die  Ge- 
schwindigkeit ihrer  Fortbewegung,  ihr  ZĂĽngeln,  ihre  Vielgestaltigkeit, 
ihre  innige  Verbindung  mit  der  Erde,  vor  allem  aber  die  Beobach- 
tung ihrer  scheinbar  einzigartigen  Häutung  als  autdringliches  Symbol 
von  \'erjĂĽngung  und  Wiedergeburt. 


')  O.  Gruppe,  Griech.  Mythologie  und  Religionsgeschichte,  i\IĂĽnchen  1906,  im  Handbuch 
von  I\v.  V.  MĂĽller. 


DIE  SCHLANGE.  89 


Sinngemäß  linden  wir  so  einmal  die  Schlange  als  Personifikation 
des  »Giftigen  Bösen«,   Unheilbringenden   und  Unheilverkündenden. 
Mit  dem  Ăśbergang  zum  Schlangendrachen  sehen  wir  bei  den  ver- 
schiedensten Kulten   immer  wieder   die   Figur  des  »Drachentöters« 
als  des  befreienden  Helden.    Bei  dem  antiken  hellenischen  Glauben 
überwiegte  jedoch  die  gegenteilige  Vorstellung  des  rein  Göttlichen. 
Ihre  enge   Beziehung   zur   Erde  galt   als  chthonischer  Gedanke  par 
excellence;    die   Schlange   wurde   in   erster  Linie    zum  Genius  loci, 
zum  Wächter  und  zum  orakelspendenden  Schützer  eines  Tempels, 
eines    Ortes,    und   auch    vor   allem    des    letzten  Ortes,    des    Grabes. 
Römische  Monumente  und  Altäre  waren  den    »sanctis   draconibus« 
geweiht,  und  die  Unterscheidung  zwischen   ihnen    und    den   Laren 
und  Penaten   verwischt.     Die  Orakelidee   knĂĽpft   sich   des  weiteren 
an  dieses    Tier,    das    lehrt    schon    die    Geschichte    der   Erechtheus- 
schlange,  welche  durch  das  UnberĂĽhrtlassen  der  Speise  das  drohende 
Unheil  voraussagt.     Nur  die  fressende  Schlange  bedeutet  glĂĽckliche 
Wendung  und  so  wird  mit  Vorliebe  das   göttliche  Heilerpaar   und 
namentlich    Hvgieia    mit    fressender    Schlange    bildlich    verkörpert. 
Honig  und  Honigkuchen  sind  die  Lieblingsbissen  für  die  Äskulap- 
schlange.    Hier   sei    noch   daran  erinnert,   daß  erdgeborene  Götter, 
die    Giganten    in    hellenischer    Zeit,    einen    Schlangenleib    zeigten. 
Das  Kind   der  Gäa,    »die   Schlange«,   gehörte   naturgemäß  auch  an 
den  Platz  der  Erde,  wo  aus  ihrer  Tiefe  die  Zauberkraft  der  ^^>is- 
sagung  hervorging,    und    der  Drache   ist  der  HĂĽter  der  ersten  und 
bedeutendsten  Orakelstätte  Delphis.    Und  der  feuerspeiende  Drachen, 
der  Furcht  und  Schrecken  und  grauliche  Verehrung  der  ĂĽberheiligen 
Stelle  hervorruft,  verkleinert    sich    zur   glatten  Schlange    des  Heil- 
gottes.    Alles  das  sind  Momente,  die   der   reflektierende  Geist  aus 
dem    Mythenkranz   hellenischer  Vorstellung    als   BegrĂĽndung    dafĂĽr 
losgelöst   hatte,    um    die  Schlange   zu  Füßen   des  Gottes  zu  moti- 
vieren.   Es  steht  demnach  im  Belieben  des  einzelnen,  aut  das  eine 
oder    andere    Motiv    mehr    Gewicht    zu    legen    und    entweder    des 
Plinius  Auslegung   zu  folgen,  der  (Hist.  nat.  VI,  22)  die  Symboli- 
sierung damit  erklärt,   daß   die    Schlange    selbst  eine    Menge   Heil- 


90  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  ^ 

mittel  liefere  und  besonders  scharfe  Augen  habe,  oder  Welcker  zu 
folgen,  wenn  er  das  Orakeltier  bevorzugt,  oder  Maehlv,  wenn 
er  in  dem  Häutungsvorgange  das  Verjüngungsprinzip  als  Vor- 
stellung der  Genesung  und  ewiger  Jugend  das  Entscheidende  sieht. 
Das  scheint  mir  heutzutage  mehr  persönlicher  Geschmack,  da  der 
Beweis  auch  schon  vor  beinahe  2000  Jahren  nicht  mehr  erbringlich 
war.  Hier  hilft  vielleicht  nur  die  vergleichende  Sagengeschichte, 
und  da  muĂź  ausdrĂĽcklich  darauf  hingewiesen  werden,  daĂź  schon 
die  Mosesschlange  den  Beweis  bringt,  daĂź  auch  in  der  Vorstellung 
der  alten  Juden  der  Heilbegritf  der  Schlange  existierte,  und  daĂź 
auch  den  Ägyptern  die  Schlange  das  Symbol  der  Unsterblichkeit 
war.  Jedenfiills  imponierte  den  Römern,  als  sie  gelegentlich  einer 
Pest  sich  von  Epidauros  293  v.  Chr.  die  Äskulapschlange  herüber- 
holten, das  GewĂĽrm  auĂźerordentlich.  Die  Schlan2;e  bĂĽr2;erte  sich 
derartig  in  Rom  ein,  daĂź  man  von  einer  wirklichen  Schlangen- 
plage reden  konnte.  Sie  wurde  zum  richtigen  Haustier  und  damit 
schließlich  zu  einer  Belästigung.  Wir  können  verstehen,  daß  man- 
chem weniger  Tierliebenden  und  weniger  Kultfreudigen  dieses 
Getier  unangenehm  war,  namentlich  wenn  sich  die  heiĂźblĂĽtigen 
Römerinnen  den  epidaurischen  Gott  zur  Kühlung  um  Hals  und 
Busen  legten,  und  daß  die  Mißgünstigen  die  vielen  Stadtbrände 
nur  unter  dem  Gesichtswinkel  betrachteten,  daĂź  dadurch  wenigstens 
die  Schlangenbrut  mit  zerstört  wurde.     (Siehe  Maehlv.) 

Es  ist  bekannt,  daß  die  Römer  der  Tiberinsel  äußerlich  durch 
eine  Travertinverkleidung  die  Form  eines  Schiffes  gaben  und  daĂź 
ein  Obelisk  die  Stelle  des  Mastes  versah.  Das  taten  sie,  als  Rom 
bei  Epidauros  Hilte  suchte  gegen  eine  Epidemie  und  man  dem 
Schlangengott  in  der  eigenen  Stadt  eine  Kultstätte  geben  wollte. 
Angeblich  entschlĂĽpfte  die  Epidaurosschlange  den  Heimkehrenden 
aut  der  Insel  unil  darin  sah  man  des  Gottes  V/unsch,  hier  sein 
Heim  zu  haben.  Römische  Reliefs  und  Medaillons  aus  antoni- 
nischer  Zeit  halten  diesen  Moment  fest;  aber  auch  die  Insel,  jetzt 
Isola  S.  Bartolommeo  genannt,  zeigt  noch  einige  Erinnerungen  alter 
Bestimmung.     An    der   östlichen  Kante  hat  sich  ein  Teil  der  alten 


DIE  SCHLANGE. 


91 


Travertinverkleiduna:  erhalten.  Man  sieht  da  die  Reste  des  Schiff- 
bugs  und  die  x^usladung  des  Rumptcs  fĂĽr  die  Ruderer.  Aut  unserer 
Abbildung    (s.  Fig.   36)    sehen   wir  noch   die  Stelle,    wo    die  BĂĽste 


Fig.  ö''-     Ustecke  der  Tiberinsel  S.  Baitulcimmeo. 

.Alle  Travertinbekleidiing  mit  Emblemrestea, 

des  Gottes  als  Verzierung  angebracht  war.  Es  mui:^  wirkungsvoll 
gewesen  sein,  denn  sonst  hätte  man  sich  nicht  die  Mühe  gegeben, 
es  glatt  abzusägen').     Vielleicht   Inndet   es    sich,    kenntlich    an    der 

')  In  den  .Annnli  deU'  Istit,  1S67,  tav.  d'agy.  K.  findet  sich  noch  eine  vollständigere  Abbildung. 


92  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  ^ 

glatten  Hinterflachc,  noch  irgendwo.  Eine  im  Winde  flatternde 
Locke  hat  sich  noch  aut  dem  Fond  erhalten.  Ebenso  der  Stab  mit 
der  Schlange  und  seitlich  vorspringend  ein  Stierlcopf.  Offenbar 
korrespondierten  an  den  andern  Stellen  der  W'rkleidung  ahnliche 
Embleme.  Unsere  Abbildung  entstammt  älterer  Zeit,  wo  man  die 
Stelle  archäologisch  untersucht  und  freigelegt  hatte.  Die  ganze 
Schiffsflanke  ist  aber  jetzt  wieder  versandet  und  bis  beinahe  zur 
Höhe  der  Schlange  mit  Schlamm  und  Sand  bedeckt. 

Die  Schlange  als  Symbol  der  Heilkratt  schlängelt  sich  bis  in 
die  modernste  Zeit.  Es  war  die  Autgabe  gestellt,  fĂĽr  den  Berliner 
Hygiene-KongreĂź  eine  symbolisierende  Plakette  zu  schaffen.  Bei 
dieser  Gelegenheit  zeigte  sich  die  Armut  unserer  Zeit  an  sinn- 
fälliger Allegorie.  Mein  Vorschlag,  eine  Giftschlange  zu  bilden,  der 
eine  nervige  Faust  den  Hals  zudrĂĽckt,  wurde  mit  RĂĽcksicht  auf  die 
Heiligkeit  der  Schlange  abgelehnt.  Man  rekurrierte  schlieĂźlich  auf 
eine  Hygieia,  die  allerdings  so  unklassisch  wie  möglich  des  \'aters 
Schlangenstab  fĂĽhrt;  trotzdem  ein  Beweis,  daĂź  wir  auch  im  Zeit- 
alter der  Flugmaschine  noch  von  den  Göttern  Griechenlands  ge- 
leitet werden,  wenn  wir  das  Land  der  reinen  Vorstellung  betreten. 

Die  Schlange  kam  in  drei  verschiedenen  Spezies  in  den  Heilig- 
tümern vor.  »Die  Drachen,  deren  Farbe  etwas  mehr  ins  Rötlich- 
gelbe spielt,  gelten  fĂĽr  geheiligt  und  sind  zahm  gegen  die  Menschen. 
Sie  kommen  nur  im  epidaurischen  Lande  vor«  (Paus.  II,  28).  Von 
den  Schlangen,  die  im  Asklepieion  in  Titane  sich  betanden,  erwähnt 
derselbe  Autor,  daĂź  man  sich  diesen  Schlangen  aus  Scheu  nicht  zu 
nähern  wagte,  sondern  man  legte  ihnen  das  Futter  vor  den  Eingang 
(Paus.  II,  11).  Es  ist  dann  ferner  bekannt,  daĂź  noch  eine  sehr  groĂźe 
Spezies  von  Schlangen  unter  den  Ptolemäern  aus  Äthiopien  nach  dem 
Asklepieion  von  Alexandria  verpflanzt  seien.  Es  ist  das  offenbar  die 
Sorte,  von  der  auch  unser  Gewährsmann  in  diesen  Dingen,  Pau- 
sanias,  im  neunten  Buch  seiner  Reisebeschreibung,  21.  Kapitel,  spricht. 
Wir  wollen  den  ganzen  Passus  hier  anfĂĽhren,  weil  hier  die  moderne 
Anpassungsidee  im  Prinzip  eindeutig  schon  vorgetragen   wird. 

»Ich  glaube,  wenn  jemand  die  äußersten  Gegenden  Libyens  oder 


DIE  SCHLANGE. 


93 


Indiens  oder  Arabiens  bereisen  wollte,  um  Tiere  aufzusuchen,  die  bei 
den  Griechen  vorkommen,  so  wĂĽrde  er  einige  davon  gar  nicht  finden, 
bei  anderen  aber  wĂĽrde  er  bemerken,  daĂź  sie  nicht  gerade  so  aus- 
sehen. Denn  nicht  allein  der  Mensch  nimmt  mit  der  \'eränderung  der 
Luft  und  des  Landes  eine  verschiedene  Gestalt  an,  sondern  auch  alles 
ĂĽbrioe  dĂĽrfte  dasselbe  erfahren;  so  z.  B.  haben  unter  den  Tieren  die 
hbyschen  Nattern  eine  andere  Farbe  als  die  ägyptischen,  und  in 
Äthiopien  nährt  das  Land  schwarze  Nattern  nicht  minder  als  Men- 
schen. Darum  soll  ein  jeder  mit  seiner  Meinung  weder  voreilig 
sein,  noch  auch  ungläubig  bei  Dingen,   die   seltener  vorkommen.« 


Eis. 


Orig.-Au/ti.     Bertin,  Altes  Museum. 

Att.  Votivrelief  des  4.   Jahrhunderts.     (Zeus  Meilichios  in  Schlangengestalt.) 


Der  Schlangenstab,  d.  h.  ein  von  einer  Schlange  umringelter 
Stab,  erscheint  als  Wappen  der  Stadt  Kos  nachweislich  nicht  vor 
dem  ersten  nachchristlichen  Jahrhundert.  Als  Kopf  finden  wir  sie 
auf  der  Stele  von  Bujukdere'),  auf  der  ĂĽbrigens  erstmals  von  einem 
Marinearzt  ĂĽberhaupt  die  Rede  ist. 

Die  Schlange  allein  bietet  also  ohne  weiteres  noch  gar  keinen 
Hinweis  auf  den  Heilgott.  Es  war  demnach  eine  Entgleisung, 
gewissermaĂźen    als   Motto    fĂĽr    ein  Buch    ĂĽber    den   Heilgott   einen 


')  Abbildung  s.  Haberling,    Die   römischen  :\Iilitärärzte.     Veröflentl.  aus  dem  Gebiete 
des  ]\Iilitärsanitäts\v.  19 lo. 


94 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Votivstein  mit  einer  Riesenschlange  zu  setzen,  welcher  wahrschein- 
lich gar  keine  Beziehungen  zum  Asklepios  hat^).  An  und  fĂĽr  sich 
gibt  dieser  A'otivstein  dem  Archäologen  Rätsel  aut;  wir  sehen  da 
auf  einer  großen  Sandale  einen  bärtigen  Mann  in  Adorantenstellung, 
darunter  die  groĂźe  Schlange.  Die  Inschrift  gibt  nur 
den  Namen  des  Spenders;  der  Fundort  des  Pilasters  war 
in  der  Xähe  des  Temenos  des  Heilgottes  in  Athen. 
Wir  werden  noch  sehen,  daĂź  man  den  verschiedenen 
Göttern  und  auch  dem  Heilgotte  Füße  weihte,  d.  h. 
nackte  oder  in  Sandalen  steckende.  Hier  aber  ist 
auffälligerweise  die  Sandale  allein  in  effigie  geweiht. 
Prof.  Tsountas  hat  nun  gezeigt,  daĂź  man  einem  be- 
sonderen Heros  in  Athen  seine  Sandalen  weihte;  dann 
ist  aber  wiederum  die  Frage  der  Schlange  ungelöst. 
Als  Weihgabe  wegen  glĂĽcklicher  Pilgerschaft  eventuell 
zum  Asklepiosheiligtume  kommt  die  \'erbindung 
nicht  in  Frage.  Vielleicht  ist  folgender  Gesichtspunkt 
bei  diesem  singulären  Votiv  einer  Beachtung  wert. 
In  Athen  war  die  Epidaurosschlange  heimisch.  Das 
Loch,  in  welchem  sie  angeblich  ihre  Heim-  und 
Brutstätte  hatte,  wird  im  Heiligtume  noch  gezeigt. 
Sie  gehört  zu  den  kleineren  Spezies,  die  abgebildete 
I^H^H  Schlange  aber  ist,  dafĂĽr  haben  wir  ja  das  Vergieichs- 
IE»^H  maß  daneben  im  geringelten  Zustand,  j'janal  so  lang 
wie  der  Schuh.  Zu  den  zahlreichen  H3'pothesen  käme 
also  noch  die  Möglichkeit  hinzu,  daß  der  Träger  der 
Sandale  durch  ihre  Hilfe,  d.  h.  schnelle  Flucht,  einer 
Schlangengefahr  entgangen  ist,  und  daĂź  er  deshalb 
aus  Dankbarkeit  das  Bildnis  beider  dem  Retter  weiht. 
Der  Hermesstab  hat  seiner  ganzen  Entwicklung  nach  gar  keine 
Beziehungen  zu  dem  Schlangenstab  des  Asklepios.  Zunächst  war 
er  in  seiner  älteren  Darstellung  eine  Gerte  mit  oben  umgebogenem 


Athen,  Aat.-Miis. 

Fig.  38. 
Votivstein. 


')  Aravantinos  Asklepiaka   bei    W.  Drugulin.    Leipzig  1907.     Amelung,    Archiv  f.  Reli- 
gionswiss.  VIII.   1905. 


DER  HUND.  95 


Zwiesel,  der  deutschen  WĂĽnschelrute  verwandt.  Der  geflĂĽgelte 
Schlangenstah  entstand  erst  in  späterer  Zeit,  und  ist  diese  jüngere 
Form  nach  Prell  er  aus  mehr  dekorativen  RĂĽcksichten  hervor- 
gegangen. Der  Stab  (Kerykeion,  Caduceus)  war  Heroldszeichen 
und  eine  Zauberrute,  mit  der  Hermes  alles  in  Gold  verwandeln 
konnte.  Auf  iViercur  Caducifer  ist  eben  nur  einer  der  vielen  Cha- 
raktere des  Hermes  ĂĽbergegangen. 


DER  HUND. 

Ein  standiges  InventarstĂĽck  der  HeiligtĂĽmer  des  Gottes  war 
der  Hund.  Die  BegrĂĽndung  seiner  Verehrung  haben  wir  ja  schon 
in  den  Sagen  gefunden,  die  die  Geburt  des  Gottes  umgeben.  Ein 
Hund  fand  den  auf  dem  Berge  Titthion  ausgesetzten  Knaben  und 
es  scheint,  daĂź  auch  die  nichtepidaurischen  Tempel  sich  heilige 
Hunde  hielten. 

Dieses  Sinnbild  der  Wachsamkeit  und  Treue  zu  FĂĽĂźen  eines 
Helfers  scheint  nun  zunächst  einer  besonderen  Erklärung  nicht  zu 
bedĂĽrfen.  Aber  solch  einfachen  Weg  geht  der  Mythus  nicht.  Wir 
wissen  aus  unseren  Betrachtungen,  daß  die  Göttlichkeit  des  Heilers 
zunächst  keine  menschlichen  Charakterzüge  autweist.  Im  äußersten 
Gegensatze  zu  dem  Charakter  des  größeren  Gottessohnes  ragte  der 
Kopf  des  Enkels  des  Zeus  hinaus  ĂĽber  alles  Irdische,  Menschliche. 
Zu  eines  solchen  Olvmpiers  FĂĽĂźen  kann  der  Hund  nicht  die  Be- 
deutung einer  menschenfreundlichen  Gesinnung  von  Treue  und 
Anhänglichkeit  haben. 

Auf  der  Suche  nach  der  Wesensart  dieses  Begleiters  des  Gottes 
erinnern  wir  uns  zweier  anderer  Hunde,  die  in  der  griechischen 
Mvthologie  eine  größere  Rolle  spielten,  des  Ürthros,  des  Hundes 
des  Gervoneus,  und  des  den  Hades  bewachenden  Kerberos.  Nach 
der  altmvthologischen  \'orstellung,  welche  diese  Hunde  der  Unter- 
welt sich  vielköpfig  denkt  —  bei  Pin  dar  hatte  Kerberos  noch 
hundert,  bei  Hesiod  noch  fünfzig  Köpfe  — ,  liegt  die  Erklärung 
nahe,     daĂź    das    entfernte     vulkanische    Erdbeben     und     das 


c)6 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


unterirdische  Tosen  dieser  Tiere  der  Unterwelt  als  das 
BrĂĽllen  eines  Hundes  aufgefaĂźt  wurde.  Der  Odem  dieser 
Hunde  war  feuerspeiend.  Bis  in  die  spätere  Zeit  hinein  wurden 
solche  vulkanische  Stellen  und  Grotten,  wo  aus  der  Erde  flĂĽchtige 
und  flĂĽssige  Zeichen  unterirdischer  Feuerglut  an  den  Tag  treten, 
mit  Hundenamen  helegt.  Ich  erinnere  nur  an  die  bekannte  Grotta 
del  Cane  bei  Puteoli.  Wer  einmal  den  Boden  der  Soltatara  be- 
treten, der  heute  noch  dieselben  Eigenschaften  besitzt  wie  in  der 
antiken  Zeit,  wo  an  allen  Stellen  sprudelnde  heiĂźe  Sandquellen 
oder  rauchende  Gase  zum  Vorschein  kommen,  wenn  nur  der 
Boden  etwas  gelockert  wird,  der  wird  den  A'ergleich  eines  unter 
der  Erde  hausenden  Feuerhundes  verstehen,  um  so  mehr,  wenn 
gerade  unterirdisches  Grollen  zu  hören  ist. 

So  ist  auch  der  Hund  des  Asklepios  kein  gewöhnlicher  Hirten- 
hund, sondern  das  Symbol  der  feurigen  unterirdischen  Kratt,  die 
sich  in  heiĂźer  sprudelnder  Quelle  kundgibt.  So  waren  es  auch  in 
erster  Linie  vulkanische  Stellen,  bei  denen  die  ersten  Kultstätten 
des  Gottes  errichtet  waren.  Über  der  Hauptkultstätte  Epidauros 
erhob  sich  der  Berg  Kvnortion.  Andere  Hundeberge  oder  vulkanische 
Umgebung  mit  warmen  Quellen  zeigen  sowohl  die  italischen  als 
auch  griechischen  und  kleinasiatischen  Kultstätten.  \'ergegenwärtigen 
wir  uns  nun  noch,  daĂź  die  Wortauslegung  sowohl  wie  auch  die 
Bedeutung  des  Gottes  die  einer  Personifikation  der  Heilkratt  der 
gesunden  Natur  bedeutet,  daĂź  ferner  seine  Feuergeburt,  sein  Blitz- 
tod und  seine  Beinamen  in  dieser  physikalischen  Richtung  liegen, 
daß  sein  Grab  in  dem  allerdings  problematischen  »Kynosura«,  das 
Panofka  nach  Arkadien  verlegt,  gezeigt  wurde,  ziehen  wir  viel- 
leicht noch  die  orientalisch-semitische  Auslegung  hinzu,  welche  in 
dem  Namen  des  Hundes  (Kelep  =  IIund  und  Esch  =  Feuer,  Eschkelep 
=  Feuerhund)  die  Hieroglyphe  fĂĽr  den  (Jott  selbst  sieht,  so  ist 
der  Ring  genĂĽgend  geschlossen,  um  in  dem  Hunde  das  Symbol 
seiner  primären  und  bedeutendsten  Heilpotenz  der  warmen  Mineral- 
quelle zu  finden.  Dieser  »Hundemarke«  sollte  irgendein  modernes 
Heilwasser  neue   Popularität  geben. 


DER  HUND. 


97 


Bezeichnend  ist  auch  die  Sarapisstatue  aus  dem  Serapeum  unter- 
halb  der  Solfatara.     Zur  Seite  des  Gottes,  der  den  Kahithos  auf  dem 


Xfafiei,  Nat.-Museuiit. 

Fig-  39-     Sarapis,  antik.  Marmor  aus  dem  Serapeum  von  Puteoli. 

Kopfe    trägt,    steht    der    Kerberos    mit    der    umwundenen    Schhtnge 

(s.  Fig.  39). 

Die  zwei  Hunde  des  Königs  Yama,  Urahns  der  Menschheit,  be- 
wachen in  den  indischen  \'eden  den  Pfad  zum  Paradiese,  wo  dieser 
Herrscher   wohnt;    auf   einer    spartanischen    Statuette    l^auert    neben 

Holländer,   PListik  und  Medizin.  ' 


98 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


dem  Untcrwcltsgott,  hier  »Zeus«  benannt,  ein  Hundepaar,  das  dem 
indischen  in  jeder  Hinsicht  entspricht,  so  daĂź  wir  nicht  fehlgehen, 
wenn  wir  die  zugrunde  hegende  Ghiubensvorstellung  als  indo- 
germanisches Gemeingut  ansprechen '). 

Es  findet   sich  im  Athenischen  Nationalmuseum,   aus   der  Pan- 
grotte    des  Parnes    stammend,    eine   Relietplatte    mit    dem    wunder- 


Orig.-Phoi ,     Athen,  Nat.- Museum. 


Fig.  40.     Acheloos? 

Reliefplatte  aus  der  Parnesgrotte. 

schönen  Kopte  eines  bärtigen  Mannes,  dessen  Züge  dem  Ideale  des 
melischen  Heilgottes  ähneln  (Fig.  40).  Quellnvmphen  scheinen 
ihn  zu  umtanzen,  doch  hat  dieser  Gott  ausgesprochene  Tierohren. 
Archäologischerseits  hat  man  diesen  Kopf  als  den  eines  Fluß-  oder 
Qiiellgottes  (Acheloos)  angesprochen.  Die  mythischen  und  mytho- 
logischen   Beziehungen    des    Hundes    zur    warmen   Quelle    scheinen 


Vgl.  Loeschcke,  Aus  der  Unterwelt  (Dorpater  Programm). 


DIE  ZIEGE.     DER  HAHN.  99 


mir  nach  dieser   Untersuchung  auch  diese   auffallende  Kombination 
der  Form  innerlich  zu  motivieren'). 


DIE  ZIEGE. 

Die  Vorstellung,  daĂź  eine  Ziege  die  x'Vmme  des  Kindes  war,  be- 
grĂĽndet die  Heiligkeit  dieses  Tieres.  AusdrĂĽcklich  verboten  waren 
die  Ziegenopfer,  wenigstens  in  Epidauros.  Von  diesem  allgemeinen 
Verbot  des  Ziegenopfers  machten  aber  einige  Stätten  eine  Aus- 
nahme; so  erwähnt  Pausanias,  daß  die  Kyrenäer  Ziegen  opferten. 
Eine  absurde  Erklärung  hierfür  bringt  Serv.  ad  Virg.  Georg.  11,  380: 
Item  capra  immolatur  Aesculapio,  qui  est  deus  salutis:  cum  capra 
nunquam  sine  febre  sit.  Kaum  eine  größere  monumentale  Dar- 
stellung des  Gottes  mit  einer  Ziege  hat  uns  die  Antike  geschenkt, 
häufiger  daseien  sehen  wir  auf  Münzen  den  Hirten  Aresthanas,  wie 
er  den  von  der  Ziege  gesäugten  Gott  auftindet.  (Siehe  Abbildg. 
Panofka,  Tafel  I,   i   und  2  und  Fig.  2.) 


DER  HAHN. 

Es  ist  eine  auffallende  Tatsache,  daĂź  die  beiden  dem  Gotte  in 
erster  Linie  geheiligten  Tiere,  Hund  und  Ziege,  die  Renaissance- 
kunst und  auch  die  Moderne,  trotz  ihres  Hungers  nach  Allegorien 
und  Emblemen,  ganz  vergessen  zu  haben  scheint.  Statt  dessen  ist 
ein  anderes  Tier  zu  dieser  fĂĽhrenden  Stelle  gekommen,  welche  es 
im  Altertum  nicht  in  dem  Maße  besessen  hat.  Diese  Popularität 
verdankt  wohl  der  Hahn  dem  berĂĽhmten  Worte,  das  em  sterbender 
Großer  als  letzte  Äußerung  seines  Ingenium  von  sich  gegeben.  Als 
das  Schierlingsgift  schon  eine  Erstarrung  des  sterbenden  Sokrates 
herbeigefĂĽhrt  hatte,  da  enthĂĽllte  er  sich  noch  einmal  und  sagte  zu 
seinen  Freunden  (s.  Piatons  Phaedon):  »O,  Kriton,  wir  sind  dem 
Asklepiüs   einen   Hahn    schuldig,    entrichtet  ihm  den  und  versäumt 

1)  Der  Flufwott  Krimisos  erscheint  nachvveislicii  in  Hundegestalt  (Virg.  Aen.  I.  55°);  vgl. 
auch  die  Beziehung  des  Sternbildes  Sirius  (Canicula)  mit  der  schwĂĽlen  Sommerzeit  (29.  August 
bis  29.  September). 


lOO 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


Orig.-Aufn. 


Fig.  41.     Terrakottahahn. 


es  ja  nicht.«  Nun  ist  gerade  das  Asklepieion  von  Athen  am  Süd- 
abhange  der  Burg  genauer  studiert  wie  irgend  ein  anderes,  und 
man  hat  die  Inschriften  vieler  Inventare  des  HeiHgtums  gefunden; 
an    keiner   Stelle    wird    weder   unter    den   Opfertieren,    noch   unter 

den    Weihgaben    ein    Hahn 
erwähnt,  nur  einzelne  Terra- 
küttahähne    fand   man    auch 
hier  wie   an    vielen    anderen 
Stellen    (s.    Fig.  41).     Sieht 
man  von  einem  Karneol,  der 
eine  Herme  eines  fraglichen 
Asklepios    zwischen    einem 
groĂźen     Hahn      und     einer 
Krähe  zeigt,  und  dem  Frag- 
ment   eines    1876    in  Athen 
gefundenen   \'otivsteins   mit 
einem  Hahn  auf  dem  Giebeldach  ab,  so  bleibt  nur  die  groĂźe  Statue 
aus  dem  Heiligtume  der  Juthurna  im  Forum  Romanum,   ĂĽber  die 
wir  noch    eingehender    sprechen    mĂĽssen,    die    einen  Hahn    in   Be- 
ziehung bringt  zum  Heilgott.    In  literarischer  Hinsicht  sichert  aller- 
dings den  Hahn  als  Optertier  von  Kos  der  vierte 
Mimiambus    des    Herondas  \',    12    (s.  S.  42  ff.). 
,->  Ferner  wird  berichtet  (Allan,  bist.  anim.  10,  17), 

*       ;  daß    im    athenischen    Asklepieion    heilige    Hähne 

\^.  gehalten  wurden;   aber  auffallend  ist  es,  daĂź  auf 

keinem  einzigen  Weihrelief  ein  Hahn  als  Opfer- 
tier  vorkommt,  in  entiernter  Beziehung  hierzu 
steht  noch  die  Abbildung  eines  groĂźen  Hahnes 
aut  den  SilhermĂĽnzen  der  durch  heiĂźe  Quellen 
berĂĽhmten  Stadt  Himera  auf  Sizilien  (s.  Fig.  42). 

Ăśber  den  Hahn  als  Optertier  ĂĽberhaupt  ist  noch  die  Stelle  er- 
wähnenswert aus  Pausanias  II,  34,  2:  »Worüber  ich  mich  in  Methana 
hauptsächlich  gewundert  habe,  das  will  ich  berichten.  Wenn  der 
SĂĽdwind  ĂĽber  den  Saronischen  Busen  her,  ĂĽber  die  ausschlagenden 


Fig.  42.     SilbermĂĽnze 
der  sizilischen  Bäder- 
stadt Himera. 


DER  HAHN. 


lOI 


Weinstöcke  fällt,  verdorren  die   jungen   Triebe,     ^^'eht   nun    dieser 
Wind,  so  zerreißen  zwei  Männer  einen  Hahn,  der  durchaus  weiße  Federn 
hat,  laufen  in  entgegengesetzter  Richtung  um    die  Weingärten,  ein 
jeder  von  beiden  mit  der  Hälfte  des  Hahnes.    Diese  vergraben  sie  da, 
wenn   sie  wieder  an   dem  Punkte  zu- 
sammentreffen, von  wo  sie  ausgegan- 
gen   waren.     Dieses   Mittel    haben    sie 
segen  den  Südwestwind  erfunden.«  Im 
ĂĽbrigen  aber  wissen  wir  noch,  daĂź  der 
Hahn   gelegentlich    dem    Helios,    dem 
Hermes,  der  Köre  und  den  Heroen  ge- 
opfert wurde.     DafĂĽr  spricht  auch  eine 
Stelle    Plutarchs     aus     seiner    Schrift: 
»Warum  Pvthia  nicht  mehr  in  \'ersen 
antwortet.«     »So    wie   jener   Künstler, 
der    dem  Apollo    einen    Hahn    auf    die 
Hand   setzte,    dadurch   die  Morgenzeit 
und    den    ersten    x\ufgang    der    Sonne 
andeuten    wollte«.     Einer    mündlichen 
Mitteilung    zufolge    forderte    die    Gra- 
bung durch  Kastriotis  im  Heiligtum  des 
Gottes   in  Trikka  einen  groĂźen  Hahn. 
Dies  Tier   war   ĂĽbrigens    das  Wappen 

der  Stadt  Phokaea,  die  Massalia  (Marseille,  gallischer  Hahn)  grĂĽndete. 
Immerhin  verdient  des  Sokrates  Ausspruch  eine  besondere 
WĂĽrdigung  und  dies  um  so  mehr,  wenn  wir  wissen,  daĂź  der  Hahn 
nur  gelegentlich  das  bescheidenste  Opfertier  fĂĽr  Asklepios  war. 
Die  Annahme  erscheint  mir  ungezwungen  und  die  einzige  Folgerung 
des  wahrhaft  und  wirklich  unsterblichen  Gespräches  dieses  Mannes 
ĂĽber  die  sogenannte  Unsterblichkeit  der  Seele,  die  uns  Piaton  in 
so  grandioser  Form  ĂĽberUefert  hat,  daĂź  der  Weise  in  dem  Hahne 
das  Emblem  des  neuen  Lebens,  die  VerkĂĽndigung  des  jungen  neuen 
Tages  nach  dem  Dunkel  der  Todesnacht  gesehen  hat.  Wenn  dem- 
nach  spätere  Künstler  dem  Heilgott   einen   Hahn    zugesellten,    oder 


Fig.  43.     Nach  einer  Zeichnung 
von  D.  Chodowiecki. 


I02  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

seine  Art  durch  einen  womöglicli  nocl:  krähenden  Hahn  versinn- 
bildhchen  wollten,  so  begingen  sie  zwar  eine  geringere  Geschmack- 
losigkeit, aber  dieselbe  tragikomische  Taktlosigkeit  wie  diejenigen, 
welche  die  Personifikation  der  Heilkunde  durch  einen  Totenschädel 
ausdrĂĽckten;  oder  wollten  beide  durch  diesen  Architektenscherz  zum 
Ausdruck  bringen,  daĂź  die  Heilkunde  nur  den  Weg  in  den  Himmel 
oder  zur  Erde  beschleunige?  (s.  Fig.  43). 

Die  gewöhnlichen,  dem  Gott  geopferten  Tiere,  urkundlich  und 
kunstmvthologisch  vielfach  als  solche  bezeugt,  waren  Stier,  Schwein, 
Widder  und  Schat,  deren  Terrakottabilder  zu  den  gewöhnlichsten 
Funden  gehören;  man  versprach  ein  Schwein  zu  opfern  und 
schenkte  es  dann  aus  gebrannter  Erde. 

Zu  diesen  Attributen  des  Gottes,  deren  statuarische  ^'erwendung 
im  Belieben  des  darstellenden  KĂĽnstlers  stand,  kamen  namentlich 
in  der  späteren  Zeit  noch  Gegenstände  wie  Bücherrolle  und 
Talel,  die  die  ärztliche  Wissenschaft  bezeichnen  sollen,  mit  der 
der  Heilgott  zunächst  so  gut  wie  gar  nichts  zu  tun  hat.  Finden 
wir  aber  eine  derartige  Darstellung,  bei  welcher  der  Gott  eine 
Schriftrolle  in  der  Hand  hat,  so  möchte  ich  auf  keinen  Fall  dies 
als  gewollten  Ausdruck  wissenschaftlicher  Gelehrtheit  anerkennen, 
denn  der  Heilgott  war  nicht  gelehrt,  sondern  gottbegnadet.  Hält 
er  eine  Rolle,  so  hat  er  sie  soeben  den  Händen  eines  Hilfe  suchenden 
Adoranten  entnommen  und  entspricht  nicht  dem  in  das  Studium 
vertieften  Imhotep. 

Rückblickend  fragen  wir  uns  nun,  was  bleibt  als  köstlicher  Besitz 
der  Menschheit  von  jener  Gottgestaltung  griechischer  KĂĽnstler; 
was  aus  einer  Kunstepoche,  deren  Schönheitsideal  noch  heute  die 
Welt  beherrscht  und  erfĂĽllt?  Den  statuarischen  Habitus  des  mit 
seinem  Schlangenstabe  dahinschreitenden  oder  sich  leicht  auf- 
stĂĽtzenden Gottes  geben  wir  gerne  preis.  Er  langweilt  auf  die 
Dauer  durch  das  Einerlei  der  Auffassung  und  verliert  allzuleicht 
seine  Größe  in  schwächerer  Ausführung;  die  in  Einfachheit  ge- 
borenen Attribute  des  Gottes  besitzen  nicht  den  Reiz  geistreicher 
Komposition,    und    andere    Völker    schufen    ähnliche    gleichwertige 


DIE  VOTIVRELIEFS.  IO3 


mythologische  Vorstellungen;    nichts   bleibt  als  des  Gottes  Antlitz, 
und    das    ist    übergenug.     Das    männlich    schöne  Haupt,    in  dessen 
ZĂĽgen    alle    liigenschaften    sich   widerspiegeln,    die    von    Anbeginn 
jeweilig   das    Mienenspiel   eines    Götterarztes    prägten;    je    nachdem 
Mito-efühl  und  milde  Schwermut  erkenntnisvoll  die  schönen  Augen 
des  Arztsehers  umflorten,  Freude  oder  Frohsinn  ĂĽber  hoffentlichen 
Erfolg    und   gĂĽnstige   Wendung    sein    Herz    erfĂĽllten.     Und    blickt 
nur  hinein  in  die  Züge  des  melischen  Gottes,  auch  das  souveräne 
Lächeln   zuckt    um   den    halbgeöffneten    Mund,    nnlde,    schonende 
Ironie  des  überlegenen  Philosophen   über   die  Schwäche   des  Men- 
schengeschlechtes.    Alles  das  findet  man  in  dieses  Mannes  Antlitz, 
ein    seltenes    Gemisch    sich    in    stetem    Wechselspiel    begegnender 
Empfindungen;  solche  drängen  gerade  im  ärztlichen  Beruf  sich  der- 
artig  zusammen,    daĂź   ein    Widerschein    dieser  Kontraste  im  Faule 
der  Jahre    der    meisten   wirklichen  Ärzte    Blick    und  Ausdruck  ver- 
edelt, vergöttlicht.    Und  wem  ein  Wiederscheinen  solcher  Heilands- 
gefĂĽhle auf  starrer  Maske  versagt  ist,  der  war  nie  ein  GroĂźer  unter 
den  Ärzten;  unter  den  Gelehrten  vielleicht  ein  Heros,  unter  Heilern 
und  Ärzten  aber  kein  Gesegneter. 

DIE  VOTIVRELIEFS  UND  ANDERE  ÄNAGLYPHE 
DARSTELLUNGEN  DER  ASKLEPIEIEN. 

Unsere  Erhebungen  und  Feststellungen  bei  den  statuarischen 
Asklepiosbildern  übertragen  sich  meist  ungezwungen  auf  die  Flächen- 
plastiken. Sind  jene  monumentale  Begriffsverwirklichungen  der 
göttlichen  Person,  so  bringen  diese  das  Abbild  seiner  Tätigkeit 
und  seiner  Verehrung.  Am  vollendetsten  sind  die  kĂĽnstlerischen 
Leistuno-en  bei  denen  dieser  Kontrast  scharf  zum  Ausdruck  kommt; 
wir  werden  in  der  Mehrzahl  Bildwerke  kennen  lernen,  bei  denen 
inmitten  einer  religiösen  Zeremonie  nicht  ein  werktätiger  beweg- 
licher Gott,  sondern  der  Denkmalsgott  in  seiner  marmornen  Pose 
steht.  Der  KĂĽnstler,  oft  nur  ein  Handwerker  und  kopierender  Stein- 
metz, variierte  aber  die  vorgeschriebene  Note  ein  wenig;  er  war  nur 


104  °^^  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

an  bestimmte  Ăśberlieferungen  gehalten.  Wenn  so  eigentlich  nur 
Paraphrasen  desselben  Themas  vorkommen,  so  ist  doch  in  manchen 
Punkten  die  Deutung  dieser  Darstellungen  schwierig  und  nur  un- 
befriedigend. Die  traurige  Tatsache,  daĂź  last  keines  der  athenischen 
Votivreliefs  intakt  blieb,  ist  ja  vom  kĂĽnstlerischen  Standpunkt  be- 
dauernswert ;  aber  die  Fülle  der  \'arianten  läßt  doch  meist  das 
Bild  der  gewollten  Darstellung  restlos  erkennen.  Stais,  Köhler, 
V.  Duhn,  Schöne,  Ziehen,  Svoronos  und  andere  haben  sich 
Verdienste  erworben  um  die  Autlösung  der  archäologischen  Rätsel, 
die  diese  Steinvierecke  nach  Zeit  und  Inhalt  aufgeben.  Es  lassen 
sich  aus  den  nach  vielen  Hunderten  zählenden  \'otivdenkmälern 
im  wesentlichen  drei  Gruppen  herausschälen  mit  gleichlautendem 
Inhalt  und  gleichem  Zweck;  die  Unterschiede  ergeben  nur  die  zeit- 
lichen und  kĂĽnstlerischen  Werte.  Unsere  besondere  Aufgabe  ge- 
staltet sich  wesentlich  einfacher;  der  mediko-historische  Standpunkt 
vereint  und  sammelt  mehr,  als  er  trennt.  Die  erste  und  Haupt- 
gruppe vereinigt  alle  reinen  Wnivsteine,  d.  h.  Bitt-  und  Dank- 
zeremonien \-  o  r  dem  Gott  u  n  d  seiner  F  a  m  i  1  i  e.  Die 
zweite  kleine  Gruppe  umfaĂźt  den  sogenannten  Krankenbesuch, 
dessen  archäologische  Bezeichnung  ebensowenig  befriedigt  wie  die 
der  dritten  Gruppe,  des  sogenannten  Totenmahls. 


VOTIVSTEINE  MIT  DER  DARSTELLUNG  DER  OPFERSZENE. 

Von  allen  \'otivsteinen  ĂĽberhaupt  ist  diese  bildliche  Darstellung 
des  Opfers  die  gewöhnlichste.  Neben  den  Grab-  und  Urkunden- 
reliefs spielen  diese  Anatheme  eine  bevorzugte  Rolle.  Die  Antiquarien 
zeigen  uns  viele  Beispiele  von  Weihreliefs  an  die  verschiedenen  Götter 
und  Göttinnen.  Der  gemeinschaftliche  Inhalt  aller  dieser  Weih- 
geschenke ist  der,  daĂź  dem  verehrten  Gotte  gegenĂĽber  die  Familie 
des  Stifters  dargestellt  wird.  Die  Ehrfurcht  vor  den  Göttern  ver- 
langte dabei,  daĂź  die  Donatoren  in  auffallender  Kleinheit  gebildet 
wurden:  Im  Gegensatz  zu  den  Kunstwerken  der  Renaissance,  aut 
denen    sich    die   Stifter    von    Kirchenhildern    in    ganzer   Größe  im 


DIE  VOTIVRELIEFS. 


105 


/^"^ 


:^ 


j06  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Vordergrund  knieend  breit  machen.  Es  macht  gelegenthch  dabei 
Schwierigkeiten,  festzustellen,  welchem  Gott  die  Steine  gelten  sollen. 
Uns  hilft  nicht  nur  der  charakteristische  Habitus  unseres  Gottes,  son- 
dern auch  der  bezeichnende  Fundort  aus  irgendeinem  Asklepieion. 
Oftmals  aber  sind  wir  völlig  im  unklaren  über  die  göttlichen  Begleit- 
personen des  Asklepios.  Namentlich  die  meist  ganz  nackt  dargestellten 
erwachsenen  Söhne  lassen  jede  individuelle  Persönlichkeit  vermissen. 
Wir  werden  dagegen  später  erkennen,  daß  die  weiblichen  Personen, 
die  des  Heilgottes  Thron  umgeben,  leichter  auseinanderzuhalten  sind. 

Als  schönes  Beispiel  dieser  Gruppe  wählen  wir  zunächst  das  als 
Ganzes  ziemlich  erhaltene,  uns  auch  im  GipsabguĂź  vorliegende 
Relief  aus  Patras   (s.  Fig.  44). 

Wir  sehen  hier  in  einen  von  einfachen  Säulen  umgebenen 
Tempel  hinein.  Seitenpfeiler,  Epistyl  mit  Architrav  und  Dach- 
bekrönung  umgeben  die  Szene,  in  deren  Mitte  die  \'orderkante 
eines  einfach  gehaltenen  Altars  hineinragt.  Aut  der  einen  Seite 
stehen  die  Gottheiten,  auf  der  anderen  Seite  die  Adoranten.  In  der 
äußersten  Ecke  in  typischer  Stellung  mit  linkem  Standbein,  die 
Rückenfläche  der  linken  Hand  in  die  Seite  gestemmt,  posiert  der 
Denkmalsgott  in  seiner  ruhenden  und  doch  bewegten  Haltung. 
Weitaus  der  Größte,  berührt  er  mit  dem  Haupt  des  Tempels  Decke; 
als  wenn  ihn  die  ganze  Szene  nichts  anginge,  steht  er  da,  sein 
Antlitz  von  den  kleinen  Menschlein  abwendend.  Dasselbe  gilt  von 
seinen  drei  Begleitern,  die  dadurch  mehr  als  statuarische  Werke,  als 
personifizierte  Götter  gedacht  sind.  Ihm  zunächst  steht  eine  Göttin 
im  Unter-  und  Oberkleid,  das  Gesicht,  soweit  dies  die  Zerstörung 
erkennen  läßt,  zum  Teil  verschleiert;  nicht  der  Anblick  einer 
blühenden  Jungfrau,  in  welcher  Form  Hygieia  meistens  verkörpert 
wird,  sondern  eher  als  wĂĽrdige  x\4atrone.  Es  ist  Epione,  seine 
Gattin.  Die  beiden  nackten  Jünglinge,  die  dem  Altar  genähert  sind, 
müssen  demgemäß  die  Söhne  Machaon  und  Podaleirios  sein.  In 
der  Zusammensetzung  der  den  Heilgott  umgebenden  Gestalten 
herrscht,  wie  wir  sehen  werden,  eine  größere  Abwechslung,  je  nach 
lokaler  Sitte,  wie  in  der  gegenĂĽberstehenden  Adorantengruppe.    A'on 


DIE  VOTIVRELIEFS. 


107 


den  aut  diesem  Steinbilde  sichtbaren  sieben  Personen  legt  der  Fa- 
milienvater gerade  einen  Gegenstand  auf  den  Altar.  Gelegentlich 
sieht  man  auch,  daĂź  ein  Adorant  nur  eine  Ecke  dieses  als  Ausdruck 
eines  Gelübdes  berührt').  Zu  seinen  Füßen  drängt  sich  das  Opfer- 
schwein    vor,    dessen    fĂĽhrender  Sklave    auf  dem    Relief  (Fig.  44) 


.^:1^|  '-'--  *^ 


Fhot.  Aliiiari. 


Fig.  45.     Adorantengruppe  aus  dem  Athener  Asklepieion. 


nicht  sichtbar  ist.  Es  folgt  die  Ehegattin  mit  erhobener  Hand  und 
die  Kinder.  Zuletzt  die  Dienerin,  die  aut  dem  Kopfe  einen  groĂźen 
Kasten  trägt.  Diese  runde,  oft  mit  einem  Tuche  bedeckte  Kiste, 
kehrt   sehr   häufig    als    Abschluß    der   \\)tivsteine    wieder.     In    ihr 


')  Otto  Weinreich,  Antike  Heilungswunder.     Rehgionsgeschichtl,  Vers.  VIII.    GieĂźen 
1910,  Seite  63. 


io8 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


befanden  sich  allerlei  Opfergegenstände;  meist  werden  es  leichte 
Dinge,  wie  Backwaren,  Opferkuchen,  FrĂĽchte,  gewesen  sein,  die 
dieser  Kasten   barg.     DaĂź  aber  auch  gelegentlich   schwerere  A\^eih- 


gaben  den  Kasten  fĂĽllten ,  das  geht  aus  dem  BruchstĂĽck  hervor, 
welches  eine  schön  erhaltene  Gruppe  (Athenisches  Xationalmuseum 
1429)  verewigt  (big.  43).  Bemerkenswert  ist  es,  daĂź  hier  ein 
Mann  die    Kiste    trägt,    und    daß   er   zum    Schutze    ein    Tragkissen 


DIE  VOTIVRELIEFS. 


109 


untergelegt  hat.  Auch  hier  legt  der  FĂĽhrer  der  Gesellschaft  einen 
Gegenstand  aut  den  Altar.  Es  scheint  dabei  sehr  fraglich,  ob  es 
sich  hier  um  ein  Familienopfer  gehandelt  hat,  denn  es  ist  auffallend, 
daß  die  hinter  dem  Familienvater  stehende  Frau  größer  ist  als 
dieser,  und  daĂź  die  drei  tolgenden  Ehepaare  einen  Stier  als  auĂźer- 
ordentliche Optergabe  bringen.  Das  störrische  Tier  selbst  wird 
von  einem  Sklaven  dadurch  dem  Altare  genähert,  daß  er  es  an  den 
Nasenlöchern  testhält.  Leider  ging  die  Gruppe  der  Gottheiten  ver- 
loren. Ein  Teil  dieser  erhielt  sich  auf  dem  folgenden  \'otivstein, 
der  aus  dem  athenischen  Asklepieion  stammt  und  wahrscheinlich 
noch  eine  Arbeit  des  3.  Jahrhunderts  ist  (s.  Fig.  46). 

Die  Gruppe  der  Adoranten  zeigt  hier  eine  besonders  geschlossene 
Anordnung  dadurch,  daß  die  Männer  sich  gegenseitig  die  Hände 
auf  den  RĂĽcken   legen. 

\\:)n  den  vielen  Wiederholungen  desselben  Gegenstandes  aus 
dem  Athenischen  Nationalmuseum  bringen  wir  noch  die  Abbildung 
des  schönen  Reliefs  aus  dem  Beginn  des  4.  Jahrhunderts.  Hier 
steht  in  etwas  freierer  Bildung  der  Gott  vor  dem  Altar,  auf  welchem 
eben  noch  die  Opfergabe  sichtbar  wird  (s.  Fig.  47). 

Die  Haltung  des  übrigens  barfüßig  dastehenden  Asklepios  läßt 
hier  noch  ein  geneigtes  Entgegenkommen  tĂĽr  die  Adoranten  er- 
kennen. Dahinter  stehen,  oftenbar  in  Anlehnung  an  die  Vorbilder 
der  attischen  Jungfrauen  vom  Parthenont'ries  gearbeitet,  zwei  seiner 
Töchter,  vielleicht  Jaso  und  Panakeia,  wenn  man  auch  bei  der  letz- 
teren wegen  ihrer  autgelösten  herab  wallen  den  Haare,  vielleicht  an  die 
Köre  denken  kann.  In  ähnlicher  Stellung  zeigt  sich  der  Gott  auf 
dem  ältesten  Relief,  welches  im  atlienischen  Asklepieion  gefunden 
wurde  (s.  Fig.  48).  In  seiner  flachen  AustĂĽhrung  und  durch  fehlende 
Umrahmung  erinnert  diese  Arbeit  noch  an  archaische  \'erhältnisse. 
Hier  nähert  sich  der  Bitttiehende  mit  erhobener  Hand  dem  Gotte 
selbst;   der  trennende  Altar  existiert  noch  nicht  auf  dem  Anaglyph. 

Bisher  sahen  wir  auf  diesen  Anathemen  den  Gott  in  seiner 
typischen  Denkmalstellung  stehend  oder  dahinschreitend.  Noch  be- 
liebter und  vom  kĂĽnstlerischen  Standpunkte  aus  ein   willkommener 


HO 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Vorwurf  war  eine  Wiederholung  oder  wenigstens  docli  eine  An- 
lelinung  an  den  thronenden  epidaurischen  Gott.  Bei  dieser 
sitzenden  Stellung  gruppieren  sich  seine  mitverehrten  Familien- 
mitglieder besser  zu  einer  plastischen  Einheit.    Der  Kontrast  zwischen 


Ul««IH|i>l- jtJaott:.. -tv- .^^■f-  ■••a*r 


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/^Aat.  Aiinari,     Athen ^  Nat.-Muscum. 

Fig.  47.     Weihrelicf  an  Asklepios. 


der  Größe  der  Göttergruppe  und  der  Kleinheit  der  sich  nahenden 
Adoranten,  welcher  auf  den  bisher  beschriebenen  Reliefs  unheilvoll 
eine  Teilung  des  Steines  herbeifiihrte,  laßt  sich  hier  in  einer  schö- 


neren Linie  zum  Ausdruck  bringen. 


DIE  VOTIVRELIEFS.  III 


Die  Haltung  des  sitzenden  Gottes  ist  eine  wechselnde;  der 
Künstler  nahm  sich  dabei  allerlei  Freiheiten  heraus.  So  hält  einmal 
der  Gott  einen  Stab  in  der  Iland,  ein  andermal  sitzt  er  da  in  der 
Thrasymedes'schen  Pose  oder  auch  mit  der  schönen  Geste,  die  das 
Relief  aus  Epidauros  zeigt.  Unter  seinem  Sitz  ringelt  sich  meist 
die  heilige  Schlange.  Der  Sitz  ist  oft  ein  Thron  mit  Lehne,  manch- 
mal auch  nur  ein  Sessel.  Ăśber  diesen  beugt  sich  mit  Vorliebe  seine 
jugendlich  schöne  Tochter,  die  Hygieia,  oder  sie  lehnt  sich  auch 
an  ihn  selbst  an.  Ein  anderes  Mal  wieder  stiitzt  sie  sich  an 
einen  Baumstamm,  der  dann  die  Mitte  des  Ganzen  einnimmt.  \'or 
dem  Gc)tt  steht  der  Altar,  dem  Adoranten  mit  den  ĂĽblichen  Opter- 
tieren,  Schwein,  Rind  oder  Schal,  sich  nähern.  Als  Beispiel  dieser 
in  mehr  oder  weniger  verstĂĽmmelten  Exemplaren  zahlreich  vorhan- 
denen Weihreliefs  mögen  die  Trümmer  eines  1876  in  Athen  ge- 
fundenen StĂĽckes  aus  pentelischem   Marmor  gelten  (s.  Fig.  49). 

Auf  ihm  sieht  man  einen  jungen  Hierodulen,  wie  er  vor  einem 
Adoranten  ein  Opferschwein  einem  eben  noch  angedeuteten  Altar 
zufĂĽhrt.  Hvgieia  lehnt  sich,  zur  Seite  des  \'aters  stehend,  mit  dem 
rechten  Arme  an,  der  Gott  sitzt  recht  bequem  auf  einem  Thron- 
sessel. Die  etwas  klobig  geratene  Hygieia  trägt  einen  gegürteten 
Chiton  mit  Achselbändern. 

Aus  der  Zahl  dieser  nach  bestimmten  Schemen  gearbeiteten 
Votivsteine  fallen  natĂĽrlich  manche  heraus  mit  Besonderheiten. 
So  das  Weihrelief  sorgfältiger  Arbeit  aus  der  ersten,  nach  tran- 
zösischer  Meinung  zweiten  Hälfte  des  4.  Jahrhunderts,  welches 
Gegenstand  mehrfacher  archäologischer  Untersuchungen  geworden 
ist  (Köhler,  Paul  Girard,  Svoronos)  (Fig.  50).  Auf  diesem 
Relief  mit  Tempeleinfassung  finden  wir  den  Gott  in  der  Mitte 
stehend,  auf  seinen  (verloren  gegangenen)  Schlangenstab  gestĂĽtzt; 
hinter  ihm  eine  sitzende  und  eine  stehende  weibliche  Figur.  Die 
sitzende  ist  Demeter  (Ceres),  die  dahinter  stehende  Kore-Tersephone 
mit  ihrer  brennenden  Doppelfackel  und  den  wallenden  Mädchen- 
haaren. In  dieser  Weise  hnden  wir  die  eleusinischen  Gottheiten 
häufig  dargestellt.     Trotz  der  Fraktur  in   der  Mitte  ist  der  Stein  gut 


112 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


erhalten.  Die  sechs  sich  nähernden  Männer,  die  eine  geschlossene 
Gruppe  bilden,  bringen  keine  Opfergaben,  sondern  erscheinen  in 
devoter  oder  versprechender  Stellung  vor  dem  göttlichen  Dreigestirn. 
Fernerhin  ist  auffallend,  daß  die  breite  Basis  von  fünf  Lorbeerkränzen 


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Orig.-Aitfn.     AHtett,  Xat  -Miiseiun. 


Fig.  48.     Votivreliet  an  Asklepios. 


eingenommen  wird,  in  deren  Innern  Xamen  aus  der  Zeit  ein- 
gegraben sind.  Köhler  und  Girard  haben  nun  die  Ansicht  aus- 
gesprochen,  daß  dieser  Denkstein  von  den  öffentlich  bekränzten  \'er- 
anstaltern  eines  besonders  gelungenen  Festes  der  »Epidauria«  her- 
stamme. Hierzu  sei  bemerkt,  daĂź  von  den  drei  Asklepiosfesten  in 
Athen   das   im  August-September    zu    des    Gottes    Ehren    gefeierte 


DIE  VOTIVRELIEFS. 


I  I 


das  bedeutendste  war.  Eine  alte  Ăśberlieferung  meldet,  daĂź  der 
Gott  von  Epidauros,  als  gerade  die  Athener  in  Eleusis  die  Myste- 
rien der  Demeter  und  der  Köre  feierten,  abends  zur  Teilnahme  am 


J'fiot.    ^iiinari. 


Fig.  49.     Weihrelief  an  Asklepios  und  Hygieia. 

Aus  dem  Athen.   Heiligtum. 

Feste  erschienen  sei,  und  daĂź  erst  seit  jener   Zeit   die  Athener   den 
Asklepiosdienst  bei  sich  eingeführt  hätten. 

Svoronos  dagegen  ist  der  Ansicht,  daĂź  hier  eine  Gruppe  be- 
rühmter, historisch  sogar  namentlich  bekannter  athenischer  Ärzte 
aus    der   zweiten    Hälfte   des    4.  Jahrhunderts   den   attischen    Heil- 

Holländer,   Plastik  und  Medizin.  " 


114 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


göttern  zum  Gebete  nahen.     Aus  einem  uns  unbekannt  gebliebenen 
besonderen  Grunde  wurden  diese  öffentlichen  Stadtärzte  von  Athen, 


deren   Namen   angeiührt    werden,   mit   Kränzen    beschenkt.     Dieser 
gewissermaßen  öffentliche  Asklepioskult  wird  uns  sogar  durch  eine 


DIE  VOTIVRELIEFS.  I  I  j 


am  Südabhang  der  Burg  gefundene  Inschrift  näher  gebracht.  Es 
war  nach  ihr  in  Athen  eine  hergebrachte  Sitte  der  Ärzte,  »dem 
Asklepios  und  der  Hygieia  zweimal  im  Jahre  zu  opfern  tĂĽr  sich 
selbst  und  die  von  ihnen  geheilten  Patienten«. 

Wenn  nun  aus  diesem  Grunde  eine  Darstellung  von  Ärzten, 
deren  Namen  uns  ĂĽberkommen  ist,  in  mediko-historischer  Beziehung 
für  uns  von  doppeltem  Interesse  wäre,  so  scheint  es  mir  als 
zweifelloses  Ergebnis  dieser  archäologischen  Untersuchung,  daß  dem 
Heilgotte  neben  privaten  Weihegaben  dankbarer  Bürger  auch  öffent- 
liche Gaben  von  Behörden  und  Genossenschaften  und  eventuell 
von  Ärztekollegien  gespendet  wurden. 

Einzig   ist   die  Anordnung  einer  Reliefplatte  in  Verbindung  mit 
einem  Tempel  (s.  Fig.  ^i),  die  den  Athener  Museumssaal  schmĂĽckt, 
nachdem  man   das   antike  Kunstwerk    restauriert   hat.     Im   Hinter- 
grunde  steht   der   Heilgott   auf  der  Abbildung   durch    die   ergänzte 
Säule  verdeckt.     Man   sieht  die  Schlange,   die,  am   Stabe  sich  aul- 
rincrelnd   dem  Gotte  die  Hand  leckt.    Neben  ihm  steht  seine  Tochter, 
mit  der  Linken  ihr  Gewand  an  der  Schulter  ordnend,  die  Rechte  aut 
den  Vater  gestĂĽtzt.     Vor  beiden  sitzt  auf  einem    Sessel   eine  Frau, 
die  dadurch  charakterisiert  wird,  daĂź  unter  ihrem  Sitz  der  ihr  heilige 
Vogel,    die   Gans,    sich    erhalten    hat;    es   ist    Epione,    die    Gattin. 
Ihnen  nahen  sich   vier  Paar  Eheleute   mit  ihren  Kindern;    als  Ab- 
schluĂź   wieder    die    Dienerin    mit    der    Opferkiste.      Bemerkt     sei 
noch,    daß   die    freistehende   hintere    und   Seitenfläche  bemalt   und 
bearbeitet   ist.     Das  Relief  läuft   hier   in    eine  Herme   des  bärtigen 
Dionys   mit   dem  Phallus   aus;   die  Seitenfläche   zeigt   die  eleusini- 
schen  Göttinnen  Demeter  und  Köre.    (Arbeit    des  4.  Jahrhunderts.) 
Wir  sahen,   wie  sich   des   Heilgottes   Persönlichkeit  allmählich, 
namentlich  kĂĽnstlerisch   gesprochen,    als    die   verkleinerte   Ausgabe 
von  Allvater  Zeus  herausstellte;  wir  werden  ferner  aber  auch  sehen, 
daĂź  in  den  nachchristlichen  Jahrhunderten,  als  die  olympischen  Be- 
wohner in   ihrer  Existenz   bedroht  wurden,    durch   eine   neue    Gi- 
gantomachie  des   Geistes,   Asklepios    Soter   den   Anlauf   nahm,   auf 
seine  Person  alles,  was  von  hellenischem  Götterghuiben  den  Menschen 


ii6 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTER  TUMS 


DIE  VOTIVRELIEFS. 


II' 


<:^. 


gebliehen  war,  zu  vereinigen.  Diese  Entwicklungskurve  hat  in 
ihrer  Höhe  und  in  ihren  Niederungen  künstlerische  Reminiszenzen 
hinterlassen.  Eine  offenbare  Verschmelzung  des  Kultus  von  Zeus 
und  Asklepios  linden  wir  schon  frĂĽh  in  dem  Zeus  Meilichios,  welcher 
dara:estellt  wird  unter  dem  Bilde  einer  riesengroĂźen  Schlange. 
Das  Berliner  Museum  besitzt  ^ 

allein  drei  derartige  Votiv-  -â– < 
reliets  an  diesen  Gott.  Aul 
dem  einen,  welches  gleich- 
zeitig mit  dem  von  uns  ab- 
gebildeten am  Haien  Zea  ge- 
funden wurde,  sehen  wir  eine 
Riesenschlange  in  vielfachen 
Windungen  aut  felsigem  Bo- 
den sich  fortbewegend.  Auf 
dem  oberen  Rande  steht  die 
\\'idmung:  »Dil  meilichio«. 
Unsere  Abbildung  zeigt  ein 
zweites  Relief  von  flĂĽchtiger 
Arbeit  aus  dem  4.  Jahr- 
hundert. Der  sich  hoch  auf- 
bäumenden Schlange  nahen 
sich  in  anbetender  Stellung 
eine  verschleierte  Frau  und 
zwei  Männer  (s.  Fig.  32). 
Das  dritte  Relief,  welches  aus 
Böotien  stammt  (s.  Fig.  37), 
wird  in  der  Beschreibung 
der  antiken  Skulpturen  als  \'otivrelief  fĂĽr  Asklepios  aufgefaĂźt;  auf 
ihm  sehen  wir  eine  Schlange,  welche  aus  ihrem  Felsennest  heraus  sich 
dem  nahenden  Mann  entgegenstreckt,  um,  wie  es  scheint,  von  ihm 
eine  Opfergabe,  vielleicht  einen  Honigkuchen,  zu  erhalten.  Auch 
hier  handelt  es  sich  wohl  um  ein  Opfer  an  Zeus  Meilichi(.)s. 
^^'ahrscheinlich    rührt    der  Beiname   her    von    dem    besänftigenden 


Orig.-Au/n.     Berlin,  Museitn 

Fig.  52.     Votivstein  an  Zeus  Meilichios, 


ii8 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


Honigopfer,  welches  Göttern  gespendet  wurde,  um  sie  zu  ver- 
söhnen. Außer  Zeus  und  Dionysos  opferte  man  den  Erdmächten, 
also  auch  den  Schlangen,  Honig.  Es  ist  uns  bekannt,  daĂź  diesem 
Zeus  Meilichios  eine  Reihe  von  Kultstätten  geweiht  waren,  unter 
anderen  auch  in  Piräus.     Von  hier  stammt  nun  das  schöne  Votiv- 


Orig.-Ati/n.     Athen,  Nat.- Museum  Xr.  I^oy. 

Fig.  53.     Votivrelief  an  Zeus  ]\Ieilichios  aus  dem  Piräus. 


relief  aus  dem  Athenischen  Xationalmuseum  (Fig.  -^^^').  Melleicht 
wegen  dieser  Herkunft,  vielleicht  auch  wegen  der  Riesenschlange, 
ist  es  als  Opferstein  an  Zeus  Meilichios  bezeichnet;  der  Gott  aber, 
der  das  Opfer  eines  Widders  gnädig  entgegennimmt,  steht  da  auf 
dem  linken  Standbein,  rechts  auf  den  Stab  gestĂĽtzt,  genau  in  der 
typischen  attischen  Pose.  Wir  werden  also  besser  tun,  auch  dieses 
Relief  als  ein  Opfer  an  unseren  Heilheros  aufzufassen. 


DIE  VOTIVRELIEFS.  I  1 9 


DER  SOGENANNTE  KRANKENBESUCH  DES  ASKLEPIOS. 

In  der  Flächcnlamst  der  Asklcpieicn')  befindet  sich  eine  Anzalil 
allerdings   leider   nur   als   BruchstĂĽcke    erhaltener   Rclietplatten,    aut 
denen  Asklepios  abweichend,  d.  h.  passiv   handelnd,  heilend,  oder 
doch  eine  Behandlung  durch  einen  Heilgehilfen  (Zakoren)  patroni- 
sierend  dargestellt  wird.     Es  ist  zu    erwarten    und    zu    hoflen ,    daĂź 
weitere  Grabungen,  wie  sie  in  neuester  Zeit  wieder  beschlossen  sind, 
uns  auch  ĂĽber  diese  Form  vollkommeneres  Material  bringen  werden. 
So  kann  ich  nur  auf  die  interessante  Arbeit  von  Julius  Ziehen") 
und  auf  die  letzten  Publikationen  von  Svoronos  (Athen.  National- 
museum) verweisen.     Es  steht  Asklepios  in  typischer  Stellung  neben 
einer    Kline.     Der    Kopf   des  Kranken   wird    sichtbar,    ein    kleinerer 
bärtiger  Mann  mit  nacktem  Oberkörper  betastet  mit  beiden  Händen 
den    Kopf    (Svoronos    vermutet    eine    Trepanation)     (Fig.   36). 
Bruchstücke    ähnlicher    Art    werden    mehrere    beschrieben    und    ab- 
gebildet.    Die  Kleinheit  dieses  Mannes  gegenĂĽber  dem  Gotte  schlieĂźt 
eine  Deutung   auf  einen    der  Asklepiossöhne   aus.     Wir   sehen  nur 
das   Hantieren    eines    seiner    sterblichen    Heilgehilfen.     Interessanter 
ist  das  allerdings  stark  an    der  Oberfläche   abgestoßene  Relief,   das 
im  Hofe  eines  Privathauses  in  Piräus  eingemauert  ist.     Der  bartuße 
Heilgott    ist   an    das    häusliche  Lager  eines  Kranken  getreten.     Auf 
zv/ei  Kissen  ruht  der  Patient,  scheinbar  auf  der  linken  Körperseite. 
Um  ihn  sind  zwei  Personen,    mit  Wahrscheinlichkeit  Frauen,    be- 
schäftigt.    Am  Boden  steht  eine  Schüssel.     Diese  Krankenpflege  geht 
offenbar   unter   der  gĂĽnstigen  Protektion  des  die  Mitte  des  Steines 
ausfĂĽllenden  Gottes  vor  sicli;  auf  der  linken  Seite  stehen  zum  Gotte 
Hebende   Verwandte    oder    Freunde,    im  Vordergrunde    drängt    sich 
wieder  das  zu  opfernde  Schwein,  von  einem   Knaben  gefĂĽhrt,  vor. 
Wieso    haben    sich     nun     unter    der    groĂźen    Anzahl    von     diesen 
Votivreliefs    nur   ausnahmsweise    einige    weniger   beschädigte    vor- 
gefunden?   Schon    die  Tatsache,    daĂź   fast   immer    dasjenige    StĂĽck, 


')  F.  V.  Duhn,  Archäologische  Zeitung  1878. 

^1  Julius   Ziehen,    Athenische   Abteilung   der   Mitteilungen    des   Kaiserlich   Deutschen 
Archäologischen  Institutes  1892,  S.  229  ff. 


I20 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


dem  wir  das  größte  Interesse  entgegenbringen,    der  Kopf  des  As- 
klepios,  abgeschlagen  ist,  und  daß  auch  die  Häupter  der  Adoranten 


Orig.-Aufn.     Athen,  Xat-. Museum. 

Fig.   54.     BruchstĂĽck  einer  Votivplatte  an  Aslclepios. 

und  der  Göttinnen  nicht  verschont  gebheben  sind,  spricht  für  eine 
zielbewuĂźte  Demolierung.  In  der  Tat  finden  sich  an  den  Votiv- 
reliets  BeweisstĂĽcke  dafĂĽr,  daĂź  der  Kampf  des  Christentums  gegen 


DIE  VOTIVRELIEFS. 


121 


hellenische  Götter  zu  diesen  nach  heutigem  Sinne  barbarischen 
MaĂźregeln  greiten  lieĂź.  Durch  Ăśberstreichen  mit  roten  Kreuzen 
sinci  nämlich  mehrfach  solch  heidnische  Reliefs  unschädlich  gemacht. 
Dann  drehte  man  sie  um  und  benutzte  sie  nach  alter  beliebter 
Sitte   als   Bausteine   fĂĽr   christliche   Kirchen.     Auf  diese  Weise  hat 


J 


mm"^ 


f  ^ 


U'u'i,  Xa!  Museum, 


F'o-  55-     Votivrelief.     Asklepius    Krankenbesuch. 


der  \'andalismus  Kulturdenkmäler  einer  Kunstepoche  vernichtet,  mit 
deren  Erlös  man  heutzutage  alle  Missionen  der  christlichen  Welt 
unterhalten  könnte.  Dies  ist  auch  der  Grund,  daß  der  Ausgrabungs- 
ort topographisch  nicht  als  Beweismaterial  verwertbar  ist.  Wo  sie 
aber  im  Altertum  aufgestellt  waren,  das  zeigen  noch  die  Bettungen 
an  den  antiken  Mauerresten. 

Unsere  Aufnahmen    der   BruchstĂĽcke    aus    dem    Heilbezirke   am 


122 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Südabhang  der  Athenischen  Burg  sind  trotz  ihrer  Unvollständig- 
keit  von  Interesse;  dokumentieren  sie  doch  den  Gegensatz  zu  den 
viel  häufigeren  reinen  Opferszenen. 


Orig.-Aujn.     Athen,  Sat.-Musctim. 

l''&-  56-     BruchstĂĽck  einer  Reliefplatte  mit  Operationsdarstellung  aus  dem  Athen.  Asklepieion. 


Die  Abbildung  (s.  Fig.  34)  zeigt  uns  nur  eine  Hand  mit  einem 
Gefäß,  welches  von  einer  weiblichen  Person  empfangen  wird. 
Diese  Hand  ist  die  rechte  des  Asklepios,  der  durch  den  Schlangen- 


DIE  VOTIVRELIEFS. 


123 


st;ib  charakterisiert  wird.  Die  weibliche  Person  ist  durch  ihre 
Kleinheit  als  bittflehende  Klientin  gekennzeichnet,  die  vom  Gott 
einen  Heiltrank  oder  ähnliches  erhält. 

Fig.  )')  ist  leider  wesentlich  zerstört;  wir  erkennen  nur  den  zu 
einem  Kranken  getĂĽhrten  Gott;  der  Patient  liegt  auf  einem  Lager 
halb  aufgerichtet;  vor  ihm  sitzt  die  Gattin. 

Das  letzte  der  BruchstĂĽcke,  welches  wir  im  Bilde  bringen 
(Fig.  )6)  und  bereits  erwähnten,  zeigt  den  nächsten  Akt.  Der 
Zakore,  der  auf  dem  vorigen  Relief  den  Gott  gefĂĽhrt,  scheint  hier 
bei  der  Arbeit.  Der  Patient  liegt  seitwärts;  der  Heilgehilfe  bear- 
beitet ihn  mit  einem  mit  der  rechten  Hand  gefĂĽhrten  Instrumente 
am  Schädel.  Der  Denkmalsgott  steht  daneben;  unwillkürlich  denkt 
man  an  die  gefährlichen  Operationen  der  alten  Schnitt-  und 
Wundärzte,  die  manche  Operationen  ausdrücklich  nur  »mit  Gottes 
Hilfe«  ausführten. 


DAS  TOTENMAHL. 

Wir  halten  uns  verpflichtet,  wenigstens  an  dieser  Stelle  einen 
Hinweis  zu  geben  auf  die  von  dem  Franzosen  Banquett  genannten 
Darstellungen,  deren  Zugehörigkeit  zum  Kreis  des  Asklepioskultus 
jedoch  fraglicher  Natur  ist.  Das  Gemeinsame  dieser  sogenannten 
Totenmahle  stellt  die  Speisung  eines  meist  auf  einem  Bette  in 
nachlässiger  Haltung  liegenden  Mannes  dar,  der  sich  durch  seine 
Größe  von  den  die  Lagerstätte  umgebenden  Personen  unterscheidet. 
Neben  dem  Manne  befindet  sich  meist  noch  in  gleicher  Größe 
gearbeitet  eine  Frau  oder  auch  ein  Mann,  die  in  eine  engere  Ver- 
bindung mit  ihm  gebracht  werden.  Die  Nebenpersonen  nehmen 
eine  ehrfurchtsvolle  adorierende  Haltung  ein.  Der  auf  der  Kline 
liegende  Mann  ist  oft  so  dargestellt,  daĂź  er  seine  Trinkschale  aus- 
streckt, um  eine  Weinspende  zu  erhalten.  Ein  nackter  Diener  mit 
einer  Schöpfkanne  ist  meistens  in  der  Nähe.  Vor  dem  Bett  steht 
ein  Tisch  mit  mannigfaltigen  Speisen,  der  auf  den  späteren  Exem- 
plaren dieser  Darstellung  kaum  fehlt.     Gelegentlich  nun  tĂĽhren  die 


124 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Anbetenden  auch  ein  Opferschwein  mit,  und  ein  Ahar  wird  auf 
dem  Rehef  sichtbar.  Kommt  nun  noch,  wie  auf  dem  Grabrelief 
(Friederichs-Wolters  Nr.  1038)  das  Schlangensymbol  hinzu,  oder 
daß  zu  Füßen  des  meist  bärtigen  Mannes  ein  Hund  kauert,  oder 
daĂź  (1039)  die  letzte  der  herantretenden  Personen  eine  Kiste  auf 
dem  Kopf  trägt,  so  wird  die  Ähnlichkeit  eines  Votivreliefs  für 
Asklepios  eine  sich  autdrängende.  Auf  der  Mehrzahl  dieser  Toten- 
mahlreliefs  wird  noch  ein  Pterd  sichtbar,  entweder  nur  dessen  Kopt, 
der  oftmals  ziemlich  unmotiviert  angebracht  aus  einem  Rahmen  her- 
ausschaut, oder  auch  ein  ganzes  RoĂź,  welches  vom  Diener  des  \'er- 
storbenen  herbeigefĂĽhrt  wird.  Die  deutsche  Ansicht  folgt  der  Er- 
klärung von  M.  Holländer'),  welcher  alle  diese  Reliefs  für  Totensteine 
hält;  auf  ihnen  sei  der  heroisierte  Tote  dargestellt,  dem  seine  Familie 
das  traditionelle  Mahl  offeriert.  Als  Unterlage  fĂĽr  diese  Auffassung 
diente  in  erster  Linie  die  Schlange,  die  Wächterin  des  Grabes,  und 
das  Pferd,  welches  in  der  alten  Kunst  das  Symbol  des  Heros  war. 
Es  ist  schwer  fĂĽr  uns,  sich  in  die  antike  Vorstellung  hinein- 
zuleben, welche  die  Toten  betrachtete,  als  wenn  sie  auch  nach  dem 
Tode  die  Tätigkeit  des  Lebens  fortsetzten.  \'on  diesem  Gesichts- 
punkte aus  konnte  die  Antike  Grabmäler  Schäften,  aut  denen  der 
Gestorbene  die  überlebende  Gattin  tröstet  oder  ihr  die  Hand  reicht, 
oder  sein  kleines  Kind  herzt.  So  konnte  die  Idee  populär  werden, 
daĂź  der  Tote,  vielleicht  an  seinem  Geburtstage,  am  reichgedeckten 
Mahle  Freude  und  GenuĂź  findet.  Gegen  diese  Ansicht,  daĂź  es  sich 
um  Totenmahle  handelt,  deren  Erklärung  sicherlich  tür  uns  in 
vielen  Punkten  unklar  ist  und  bleibt,  wenden  sich  die  Franzosen 
und  namentlich  Girard  und  macht  folgende  allerdings  sehr  schwere 
Bedenken  geltend,  denen  wir  die  größte  Bedeutung  zuerkennen 
mĂĽssen.  Als  gewichtigsten  Einwand  mĂĽssen  wir  den  anerkennen, 
daĂź  diese  angeblichen  Totensteine  innerhalb  des  Bezirkes  des  athe- 
nischen Asklepieion  gefunden  wurden,  wo  uns  doch  mit  Bestimmt- 
heit überliefert  ist,   daß  der  heilige  Bezirk  durch  Gräber  verunreinigt 


')  M.  Holländer,    De    anaglyphis  seimlcralibus ,    ([uae  coenam  repraesentare  dicuntur. 
Berlin   1865. 


TELESPHORUS.  I25 


wĂĽrde,  und  solche  deshalb  streng  verboten  waren.  Es  kommt 
hinzu,  daĂź  fast  stets  die  Inschriften  auf  diesen  Reliefs  fehlten,  nicht 
einmal  irgend  ein  Hinweis  auf  die  Person  des  Heroisierten  zu 
erkennen  ist,  und  das  ist  zum  mindesten  seltsam  fĂĽr  ein  Grab- 
monument. Die  Unterschrift  unter  dem  attischen  Reliet  im  Briti- 
schen Museum  (Fr.  W.  1054),  welches  ein  typisches  Totenmahl 
darstellt,  »Aeskulapio  Tarentino«  ist  eine  spätere  Fälschung.  Ein 
weiterer  Punkt,  der  gegen  die  Auffassung  eines  Grahmonumentes 
spricht,  ist  die  Kleinheit  derartiger  behauener  Steine  im  Verhähnis 
zu  den  uns  als  Grabmäler  gesicherten. 

Dem  gegenĂĽber  halten  die  Wage  Argumente,  die  Ulrich 
Köhler')  für  die  Anschauung,  daß  es  doch  Monumente  des  Toten- 
kultus seien,  abgibt.  Er  weist  darauf  hin,  daĂź  im  Asklepieion  auch 
Totenfeierlichkeiten  stattgefunden  hätten  zu  Ehren  von  Asklepios- 
priestern,  die  Heroa,  und  daĂź  dadurch  der  Totenmahlbefund  er- 
klärbar wäre.  Daß  keine  Inschrift  die  Steine  schmückte,  vergleicht 
er  mit  der  Tatsache,  daĂź  auch  Priester  wie  die  \'erstorbenen  nach 
Übernahme  ihres  Amtes  den  bürgerlichen  Namen  verlören  und  unter 
den  allgemeinen   Heroanamen  fielen. 

TELESPHORUS. 

Wir  haben  schon  mehrfach  auf  den  Weihreliefs  die  erwachsenen 
Söhne  des  Heilgottes  gesehen.  Es  ist  uns  dabei  aufgefallen,  daß 
sie  ohne  jegliches  Attribut  meist  als  nackte  schöne  Epheben  ge- 
zeichnet wurden,  durch  ihre  Göttlichkeit  gleichgroß  dem  Vater. 
Ihnen  dbt  man  die  Namen  Machaon  und  Podaleirios.  Von 
zwei  anderen  Söhnen  des  Asklepios  soll  in  folgendem  die  Rede 
sein,  von  denen  der  eine,  miĂź-  und  unverstanden  schon  in  der 
antiken  Zeit,  bisher  geringe  Beachtung  gefunden  hat,  von  denen 
aber  der  andere  eigentlich  erst  in  unseren  Tagen  wieder  entdeckt 
wurde,  ohne  jedoch  bisher  legitim  anerkannt  zu  sein.  Zunächst 
Telesphorus.     Es   ist   ein    eigentĂĽmliches    Schicksal     dieses   kleinen 

')  Mitteilungen  des  Deutschen  Archäologischen  Instituts  in  Athen,  Bd.  II,   1S77. 


126 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


göttlichen  Knaben,  und  wenn  man  will  ein  persönliches  Mißgeschick, 
daĂź  die  groĂźen  monumentalen  Statuen  des  Heilgottes,  die  an  den 
Hauptverkehrswegen  der  Kunst  stehen,  den  kleinen  Burschen  als 
Begleiter  des  2;roĂźen  Heilers  vermissen  lassen.    Es  ist  auĂźerdem  ein 

weiteres  persönliches  Pech  für  diesen 
Gott,  daĂź  er  im  Gegensatz  zu  seinem 
Konkurrenten  Eros,  statt  einen  schö- 
nen gefälligen  Bau  kindlicher  Glied- 
maĂźen zu  zeigen,  vollkommen  in 
einen  Mantel  eingehĂĽllt  ist  und  daĂź 
dieser  Mantel  noch  eine  Kapuze  trägt, 
aus  welcher  ein  zum  mindesten  un- 
schönes, oft  aber  auch  direkt  ge- 
â–   ^  ^  ^  w.-  -^^F  dunsenes  Gesicht  herausschaut.    Als 

W^/fm^^9m  i'^1''  '^'o^   Jahren   zum  ersten  Male  in 

\    /    ''W        ^  *^^^"^  Museum  Borghese  in  Rom  den 

Knaben  sah,  da  wuĂźte  ich  nichts 
mit  ihm  anzufangen,  und  es  ging 
mir,  der  ich  die  anderen  groĂźen 
statuarischen  Darstellungen  des  Heil- 
gottes ziemlich  kannte,  wohl  so  wie 
der  Mehrzahl  der  Ärzte,  welche  von 
diesem  Zuwachs  ihres  göttlichen  Pa- 
tronates  keine  \'orstellung  hat.  Ich 
habe  mich  seit  jener  Zeit  fĂĽr  diesen 
Burschen  grĂĽndlich  interessiert  und 
habe  ihn  in  fast  jedem  Museum  wiedergefunden;  zwar  nur  ge- 
legentlich als  Einzelfigur,  die  häufig  genug  noch  falsch  ergänzt  ist. 
Diese  Werke  monumentaler  Kunst,  die  den  Gott  allein  oder  als 
Nebenfigur  darstellen,  sind  noch  an  den  Fingern  abzuzählen'),  aber 
seine  Darstellung  in  der  Kleinkunst  ist  Legion.  Wir  finden  ihn 
namentlich    in    dem    hellenistischen   Kunstgebiet    häufig   als   kleine. 


Pltot.  Alinari.     Rom,    Villa   Bprgliese. 

F'g-  57-     Telesphorus  ? 

,\ptike  rest.  Marmorstatue. 


•)  In    Berlin    ziert    seine    Figur    ein   Relief   am   Hause    des  General -Chirurgus   Goercke, 
Dorotheenstr.  5. 


TELESPHORUS. 


127 


ernsthatte  oder  karikierte  Einzeliigur  in  Terrakotta,  z.  B.  auch  als 
Lampe  verarbeitet  (Fig.  38).  Auch  in  Bronze  steht  er  in  mancher 
Vitrine,  oft  unerkannt  und  mit  falscher  Bezeichnung  und  vor  allem 
auf  MĂĽnzen  und  Gemmen.  Das  Wiedererkennen  ist  ungemein 
leicht,  denn  beinahe  allzu  charakteristisch  ist  sein  Äußeres,  welches 
aus  der  sonstigen  Formenschönheit  der 
hellenischen  Kunst  ganz  herausfällt. 
Doch  erfahren  wir  zunächst  das  Wenige, 
was  wir  von  diesem  Gotte  durch  lite- 
rarische Hinterlassenschaft  wissen.  Bei 
der  Beschreibung  des  Asklepieion  in 
Titane  mit  den  beiden  auffallenden  Bild- 
säulen des  Asklepios  und  der  Hvgieia 
—  beider  Körper  ist  umhüllt  teils  von 
weißen  wollenen  »Gewändern« ,  teils 
von  einem  Mantel  aus  geopferten  Haar- 
flechten —  sagt  Pausanias  (2.  Buch  XI  6): 
»auch  die  Bildsäule  des  Euamerion  ist 
dort;  diesem  aber  optern  sie  wie  einem 
Gotte.  Vermute  ich  recht,  so  nennen 
die  Pergamener  nach  einem  Orakelspruch 
diesen  Euamerion  Telesphorus,  die  Epi- 
daurier  aber  Akesis« !  Zur  Erklärung  dieser 
Worte  müssen  wir  noch  ergänzend  nach- 
tragen, daĂź  neben  dem  Standbild  unseres 
Dämonen  der  Sohn  des  Machaon  Alexanor 
ein  Standbild  hatte.  Diesem  Enkel  des 
Heilgottes  aber  opferten  sie  wie  einem 
Heros,  d.  h.  nach  Sonnenuntergang. 
Darauf  bezieht  sich  die  Stelle,  daĂź  man  dem  Telesphoros  wie  einem 
Gotte,  d.  h.  bei  Tagesanbruch  opferte.  Die  sonstigen  literarischen 
Erwähnungen  des  göttlichen  Begleiters  sind  recht  wenig  zahlreich. 
Ludwig    Schenk')    notierte    seine    Erwähnung    bei   dem   Rhetor 


Fig.  58.     Telesphorus  als 
Terrakottalampe. 


')  Ludwig  Schenk,  De  Telesphoro  deo.     Inauguraldissertation  Göttingen  iS88. 


128  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

Aristides  und  bei  Marinus.  In  beiden  Fällen  erschien  der  Gott  beim 
Tempelschlaf  und  brachte  sowohl  bei  einer  akuten  wie  bei  einer 
chronischen  Krankheit  Krisis   und  Lysis    mit  Ausgang    in  Heilung. 

Bei  den  wenigen  existierenden  Einzelfiguren  muĂź  man  schon 
deshalb  gelegentlich  an  Verwechslungen  mit  Knabendarstellungen 
anderer  mythologischer  Herkunft  denken,  weil  fast  immer  der- 
artige durch  Ausgrabungen  gewonnene  Marmorfiguren  bruchstĂĽck- 
weise zutage  gefördert  und  ergänzt  wurden.  In  Betracht  kommen 
hierbei  Herakles  als  Kind,  Telephos,  Harpokrates  oder  auch  Eros. 
AuĂźerdem  werden  wir  nicht  in  der  Annahme  fehlgehen,  daĂź  auch 
die  Spätantike  in  der  Verkennung  des  Wesens  dieses  kleinen  Gottes 
dessen  Äußeres  zu  genrehatter  Darstellung  benutzt  hat.  Ich  denke 
dabei  z.  B.  an  die  liebliche,  wenn  auch  auttallende  Knabenstatue 
mit  der  Lampe  im  Thermenmuseum  in  Rom;  anderseits  aber 
erhellt  aus  den  schönen  Karikaturen  dieser  Persönlichkeit,  daß  der 
kleine  Gott  im  Leben  des  Volkes  eine  gewisse  Rolle  spielte.  Auch 
die  Marmorfigur  des  Berliner  Museums  (Katalog  Nr.  488) ,  die 
wohl  ohne  Zweifel  unseren  Heildämon  vorstellen  soll  und  von  der 
sich  Repliken  in  London  und  Paris  befinden,  wird  im  Katalog  nur 
als  Knabe  im  Mantel  erwähnt.  Unsere  Abbildung  zeigt  eine  Statue 
aus  der  \'illa  Borghese,  welche  mit  der  Berliner  ziemlich  ĂĽberein- 
stimmt und  die  man  als  eine  abweichende  Darstellung  des  Heil- 
dämonen auttassen  kann.  Die  Figur  wird  jetzt  noch  aufgefaßt  als 
kindlicher  Hermes,  wie  er  sich,  von  Apollo  wegen  seines  Rinder- 
diebstahls gesucht,  in  ein  Bettuch  gewickelt  und  versteckt  hat.  Die 
Werke  der  ersten  Zeit  und  namentlich  diejenigen  hellenistischen 
Ursprungs  zeigen  allerdings  eine  andere  Gewandung,  indem  der 
Kopf  in  einer  Kapuze  steckt  und  der  Mantel  bloĂź  bis  zur  Mitte 
der  Unterschenkel  geht. 

Doch  wechselt  diese  Kleidung  auch  bei  den  Darstellungen  dieser 
kleinen  Persönlichkeit,  die  durch  den  großen  \'ater  in  ihrem  Wesen 
sichergestellt  sind.  Als  Einzelfigur  beschreibt  Schenk  noch  eine 
Statue  aus  rotem  Marmor  in  dem  nicht  zugänglichen  römischen 
Privatmuseum  Torlonia. 


TELESPHORUS. 


129 


Oris.-Au/n.      Rom,    l'iäa  ßprghese. 

Fig-  59-     Asklepios  und  Teiesphorus. 


Holländer,  Plastik  und  Medizin. 


130  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  ^ 

Betrachten  wir  nun  zunächst  einmal  den  Gott  zu  Füßen  des 
groĂźen  Vaters  in  der  Sammlung  der  \'illa  Borghese  in  Rom 
(s.  Fig.  39).  Die  ziemlich  mäßige  Statue  des  dahinschreitenden 
und  den  Schlangenstab  in  der  rechten  Hand  fassenden  Gottes 
brauchen  wir  nach  dem  austĂĽhrlich  geschilderten  Tvpus  nicht  be- 
sonders zu  analysieren.  Neben  ihm  zur  Linken,  dort  wo  sonst 
der  Omphalos  steht,  erhebt  sich  ziemlich  unmotiviert  die  selt- 
same Figur  dieses  Knaben.  Er  steht  da,  um  mich  eines  modernen 
Ausdrucks  zu  bedienen,  FuĂź  bei  FuĂź  mit  durchgedrĂĽckten  Knieen, 
in  militärischer  Haltung,  die  Arme  auftallend  nach  vorne  gehoben, 
wodurch  das  hemdartige  Gewand  eine  z^rt  Glockenform  erhält. 
Auch  die  bilateral  svmmetrische  Anordnung  ist  seltsam  und  merk- 
wĂĽrdig. Das  Gewand  setzt  sich  nun  in  eine  Kapuze  fort,  die  man 
fälschlich  als  phrygische  Mütze  bezeichnete.  Die  Kleinheit  der  Figur 
wird  gemildert  durch  den  rundlichen  Untersatz,  auf  dem  der  Bursche 
steht.  In  das  Denkmal  als  Ganzes  ist  etwas  mehr  Geschlossen- 
heit dadurch  gekommen,  daĂź  die  linke  Hand  des  Gottes  sich 
nicht  in  gewöhnlicher  Weise  aufstützt  oder  im  Gewände  verbirgt, 
sondern   daß  sie  einen  Salbentopf  in  der  Hand  hält. 

Viel  interessanter  ist  die  Statue  im  Palazzo  Massimo  in  Rom 
(Fig.  6ü).  Hier  sehen  wir  zunächst  eine  interessante  Abweichung 
von  dem  epidaurischen  Tvpus  des  Gottes.  Eine  kraftvoll  in  ĂĽber- 
mäßiger Größe  und  Gesundheit  strotzende  robuste  Männergestalt 
steht  vor  uns  in  der  tvpischen  Pose.  Er  stĂĽtzt  sich  nicht  auf  einen 
Stab,  der  hier  zu  einem  kleinen  Baum  ausgewachsen  ist,  an  dem  sich 
eine  ganz  kolossale  Riesenschlange  emporringelt,  sondern  er  hält  ihn 
nur  mit  erhobener  Hand.  Neben  diesem  Krattmenschcn  verschwindet 
beinahe  das  kleine  Männchen,  dessen  Ausführung  aber,  was  Haltung 
und  Stellung  anbetritit,  absolut  tvpisch  ist  und  ofl'enbar  eine  ge- 
treue Kopie  eines  alten  ĂĽberkommenen  \'orbildes.  Haben  wir  uns 
erst  einmal  dieses  groteske  Götterbildchen  gemerkt,  so  werden  wir 
einerseits  es  nie  vergessen,  anderseits  uns  auch  tür  die  Autlösung- 
des  Rätsels  interessieren,  welcher  Charakter,  welches  Wesen  ihm 
innewohnte,    welchen    Gedankens    mvthologische    Verkörperung    er 


TELESPHORUS. 


m 


PJwt.  Moscioni.     Koni,   Falazzo  Massimo 

Fig.  60.     Asklepios  mit  Teiesphorus. 


132 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


J 

l 


Fig.  61.     Antike  Elfenbeinplatte. 


TELESPHORUS. 


133 


'^.) 


I- 


Orig.-Aufn, 

Fig.  62.     Telesphorus 

zwischen  Asklepios  und 

Hygieia. 

MĂĽnze  aus   Apamea  in  Eithynien. 


bedeute,  und  dann  aus  welchem  Grunde  diese  Körperform.  Bevor 
wir  nun  an  die  Auflösung  dieser  Figur  gehen,  müssen  wir  noch 
erwähnen,  daß  er  auch  namentlich  auf  Münzen  und  Gemmen  neben 
und  in  \'erbindung  mit  der  Hvgieia  und  auch  in  ihrer  Mitte  als 
Heiltrias  vorkommt.  Ja  wir  hnden  ihn  ge- 
legentlich einmal  auch  zur  Seite  der  Ceres.  Als 
letzte  Kombination  begleitet  er  den  Sarapis  oder 
die  Isis  manchmal  neben  dem  dicken  gedun- 
senen Harpokrates,  Gottheiten,  deren  Kulte  aus 
Ägypten  übernommen  wurden  und  Irühzeitig 
zu  dem  des  Asklepios  in  Beziehung  traten. 
W'ir  würden  aus  all  diesem  kunstarchäologi- 
schen Nachlasse  auch  unter  Zuhilfenahme  der 
literarischen  Notizen  doch  vor  einem  Rätsel 
stehen,  wenn  uns  die  Numismatik  nicht  zu  Hilfe  käme.  Denn 
es  ist  selbstverständlich,  daß  diese  autfallende  Körperform  eine  ganz 
bestimmte  \'oraussetzung  haben  muĂź.  Man  klammerte  sich  zu- 
nächst zur  Erklärung  des  mythologischen  \'organges  an  die  ver- 
schiedenen und  doch  alle  gleichlautenden  Namen  des  Gottes,  die 
alle  auf  dasselbe  hinauslaufen,  des  \^ollenders,  des  \'ollbringers,  des 
Gottes  des  Wirksamen,  des  Endebringers,  und  konstruierte  daraus 
d  a  s  Prinzip  der  R  e  k  o  n  \'  a  1  e  s  z  e  n  z  ,  der 
Genesung,  indem  man  die  auffallende  Figur 
und  Tracht  durch  den  Hinweis  auf  die  Vermum- 
mung und  die  Heimlichkeiten  der  Mysterien  zu 
erklären  suchte  oder  auch  auf  das  Nationalkostüm 
der  Thrakier,  bei  denen  sein  Kult  schon  frĂĽhzeitig 
nachgewiesen  war.  Doch  alle  diese  Erklärungen 
befriedigen  nicht.  Der  ganze  Mythus  des  Heil- 
gottes zeigt  seine  rein  ĂĽberirdische  Natur  und  auch  eine  von  mensch- 
lichem Können  weltferne  Heilkraft:  durch  das  Orakel,  durch  gött- 
liche Inspiration. 

Als  Svmbol  der  rein  dämonischen  Kratt  steht  zu  des  Gottes  Füßen 
der  Omphalos,  der  Nabel  der  Erde,  Sitz  und  Stelle  der  Orakelspende. 


Orig.-Au/n. 

Fig.  63.     MĂĽnze  aus 
Nil<äa  in  Bithynien. 


134 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Er  versinnbildlicht  gewissermaßen  den  göttlichen  Gedanken  in  der 
Heilkunde.  Doch  mit  der  Inkubation  allein  war  es  meist  nicht 
getan,  der  Weg  zur  Gnade  ging  oftmals  ĂĽber  Hindernisse  hinweg, 
die  der  Klient  erfüllen  mußte.  Es  wurden  Ratschläge  erteilt,  wie 
uns  das  im  Detail  z.  B.  die  Kur  des  Apellas  beweist.  Solche 
»telesphorischecc  Mittel  zur  Genesung  waren  nicht  nur  Baden  und 
Gurgeln,  Salben  und  Bäder,  Aderlaß  und  Operation,  sondern  auch 
gelegentlich  kompliziertere,  wie  der  Antritt  einer  Badereise  oder 
ähnliches.  Es  arteten  manchmal,  wie  des  Aristides  Beispiel  zeigt, 
die  anempfohlenen  Mittel  in  arge  Plackereien  aus.  Es  ist  nun  klar, 
daĂź  dieser  kleine  Heilgott  dem  Xamen  nach  und  auch  seinem  inneren 
Wesen  nach  alles  das  in  sich  vereinigt  und  körperlich  zum  Aus- 
druck bringen  sollte,  was  äußerlich  noch  neben  göttlichem  \\'illen 
und  Rat  zur  Heilung  hinzukommen  muĂźte:  das  technische 
Prinzip  der  Medizin,  die  Betätigung,  die  E  r  t  ü  1 1  u  n  g 
des  göttlichen  Befehls.  W'n  haben  in  unserer  Betrachtung 
gezeigt,  daĂź  die  Statuen  des  Heilgottes  aus  der  besten  Zeit  Em- 
bleme rein  medizinischen  Könnens  vermissen  lassen;  sind  solche 
vorhanden,  so  beweisen  sie  Epigonenzeit  oder  angeflickte  Er- 
gänzungen Unwissender.  Der  Gott  steht  da  in  reiner  Schönheit; 
schon  besorglicher  Ausdruck  oder  grĂĽbelnder  Sinn  liegt  ihm  fern. 
Hält  er  eine  Schriftrolle,  so  mögen  Naive  das  aut  das  Studium  eines 
Buches  beziehen.  Es  ist  nur  das  Bittgesuch  eines  Heilflehenden, 
das  er  in  der  Hand  hält. 

Später  gingen  natürlich,  wie  fast  bei  der  Mehrzahl  mythologischer 
Vorstellungen  und  Darstellungen,  solch  reine  Begriffe  verloren. 
Von  diesem  Standpunkt  aus  betrachten  wir  die  I:lfenbeinschnitzerei, 
welche  jetzt  im  Liverpooler  Museum  autbewahrt  wird  (Eig.  6i), 
deren  Gegenseite  wir  bei  der  ^'erkörperung  der  Hygieia  betrachten 
wollen.  Die  Darstellung  des  Heilgottes  erinnert  in  der  Klobigkeit 
an  das  Monument  im  Palazzo  Massimo.  Nur  hat  der  KĂĽnstler 
noch  einen  Gestus  hinzugetan,  der  die  Epigonenzeit  charakterisiert. 
Der  Gott  kraut  sich  nachdenklich  im  Barte  und  hält  gleichzeitig 
in  der  Hand  eine  Schriftrolle.     Die  Schnitzerei   ist  deshalb  tĂĽr  uns 


TELESPHORUS.  1  3  3 


von  Wichtigkeit,  weil  Telesphorus  auf  derselben  als  in  einer 
Schriftrolle  lesend  dargestellt  wird,  gewissermaĂźen  die  Personi- 
fizierung der  BĂĽchergelehrthcit. 

Die  Auffassung,  daĂź  dieser  Sohn  des  Heilgottes  das  Emblem 
dessen  ist,  was  menschlich  in  der  Medizin  und  der  Heilkunde 
ist,  diese  Vorstellung  und  Anschauung  wird  mir  zur  GewiĂźheit 
durch  einen  Fund,  der  in  Milet  vor  kurzer  Zeit  im  groĂźen  Apo- 
dyterionsaal  der  Thermen  der  Kaiserin  Faustina  von  Prot.  Wie- 
gand')  gemacht  wurde  (Fig.  6j).  Als  Ausdruck  der  werktätigen 
und  selbst  chirurgischen  Hilfe,  die  ja  durch  die  Heilberichte  fĂĽr  die 
athenischen  und  epidaurischen  Kultstätten  literarisch  bewiesen  ist, 
zeigt  die  jetzt  in  Konstantinopel  im  Nationalmuseum  autgestellte, 
sonst  recht  mäßige  Statue  aus  dem  ersten  vorchristlichen  Jahrhundert 
zur  rechten  Seite  des  Gottes  den  Knaben  im  Mantel,  der  vor  der 
Brust  ein  chirurgisches  Trousseau  hält.  In  dem  Besteck  sind  deut- 
lich einzelne  Instrumente  und  eine  Schere  zu  erkennen  (Fig.  66). 
Es  muß  die  Bildsäule  übrigens  in  einem  Rahmen  gestanden  haben, 
so  daĂź  der  kleine  Heilgott  an  eine  glatte  Wand  anstieĂź,  denn  das 
rechte  äußere  Ende  zeigt  keine  Bruchstelle,  sondern  eine  glattwandige 
Fläche.  Es  ist  durch  diesen  glücklichen  Fund  der  Beweis  geliefert, 
daß  hier  menschliches  Können  symbolisiert  werden  sollte.  Der 
Zeusenkel  hat  nur  die  göttliche  Idee,  er  bedarf  zu  ihrer  Ausführung 
des  Endebringers,  des  Gottes  der  wirksamen  Vollendung,  ja  auch 
des  Gottes  der  chirurgischen  HĂĽte. 

Wie  aber  kommt  der  Gott  zu  dieser  sonderbaren  Gestalt,  zu 
dieser  auffallenden  F'orm?  Es  ist  fĂĽr  die  Idee  selbst  von  gewissem 
Interesse  mitzuteilen,  daß  mittlerweile  bereits  ein  anderer  veröflent- 
licht  hat,  was  ich  aus  eigener  Ăśberlegung  seit  langem  nieder- 
geschrieben hatte,  daß  nämlich  sich  die  Gestalt  dieses  Gottes 
aus  der  Form  des  Sc  hr  opfkopfes  entwickelt  habe.  Ich  meine, 
daß  das  Studium  der  Verhältnisse  unabwendbar  zu  dieser  Auf- 
fassung führen  mußte;  obwohl  sie   zunächst,    wie   ich   mittlerweile 

'1  S.  Abh.  der  Kgl.  Pr.  Akad.,  Anh.  190S,  S.  18  und  7.  Bericht  ĂĽber  die  Ausgr.  in  Milet, 
1911,  S.  30,  ibid. 


136 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Orin.-Au/ii. 

Fig.  64.     MĂĽnze 

von  Aegiale  mit 

Schröpf  köpf. 


von  Archäologen  höre,  auf  Gegnerschaft  stößt.  Svoronos,  der 
Direktor  der  athenischen  MĂĽnzsammlung,  hat  aus  der  Tatsache,  daĂź 
kleinasiatische  Münzen  aus  alten  Kult-  und  Badestätten  gewisser- 
maßen als  Wappen  ihrer  Münzen  zunächst  einen  Schröpfkopt,  in 
späterer  Zeit  dagegen  das  Bild  des  Telesphorus  zeigten,  den  Üher- 
gang  der  einen  Form  in  die  andere  behauptet,  und  ihm  gebĂĽhrt 
deshalb  auch  die  volle  Priorität  dieses  Gedankens,  zu  dem  ich  aut 
anderem  induktivem  Wege  gekommen  bin. 

Mit  der  Krklärung  und  Deutung   der   Embleme   beschäftigt,  die 
neben   dem  Heilgotte  stehen,  glaubte    ich    zunächst    den   rundlichen 
-  .    .  Kegel  mit  dem  von  mir  als  Emblem  antiker  ärztlicher 

und  namentlich  auch  wundärztlicher  Kunst  statuierten 
Schröptkopt  identitizieren  zu  können.  Nachdem  sich 
dieser  aber  als  die  verkleinerte  Ausgabe  des  delphi- 
schen Orakelsteines  unzweiielhatt  erwiesen  hatte,  und 
ich  auf  Reliefsteinen  (namentlich  der  athenischen 
Basis)  die  frühe  Form  der  Schröpfköpte  mit  dem 
anhaftenden  Ring  kennen  gelernt  hatte,  ergab  sich  wie  von  selbst 
die  andere  Lösung. 

Die  Vorarbeit  in  numismatischer  Beziehung  hat  auch  ein  Kol- 
lege getan;  Dr.  Lambros'),  der  auf  einzelnen  MĂĽnzen,  namentlich 
von  Aegiale  Schröpfköpfe  nachgewiesen  hat.  Auch  diese  Ansicht 
wurde  zunächst  bestritten,  ist  aber  dann  spater  anerkannt  worden. 
Wir  zeigen  nebenstehend  die  Abbildung  einer  MĂĽnze  von  Aegiale, 
welche  auf  der  einen  Seite  den  Kopf  des  Asklepios  zeigt,  aut  dem 
Revers  aber  Schröpfkopf  und  Schlange.  Die  Glockentorm  dieses 
Schröpfkopfes  ist  besonders  typisch.  Auf  den  Schröptkopf  als 
Emblem  werden  wir  noch  im  Zusammenhang  zurĂĽckkommen,  und 
wollen  wir  nur  noch  daraut  hinweisen,  Awil)  diese  Darstellung 
mit  der  des  'Felesphorus  im  kleinasiatischen  MĂĽnzgebiet  ab- 
wechselt. \'om  Kaiser  Hadrian  abwärts  tinden  wir  diese  kleine 
Gottheit  ganz  besonders  im  östlichen,  asiatischen  Griechenland, 
in  Bithynien,  Mysien,  Lydien,  Pamphylien,  Kilikien,  Kappadokien, 

')   K.   n.   1,  AcfjJLit^ii;.   Uiy.  aiv.iiiĂĽv  v.ai  S'.v.ua^sojj  -rj.'j'j.  xol;  'j.'j/'i:ri:;,.    AfKjvai   1895. 


TELESPHORUS. 


137 


Orijl.-Au/u.      Komtantiuofcl 


Fig.  65.     Asklepios  (Wiegand)  mit  Telesphorus. 


138 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Phrygien,  lonien,   auf  den  Inseln  Lesbos,   Samos,   als  Gegenstand 
lokaler  Verehrung.     Asklepios    selbst   trägt   manchmal    den  Namen 


â– .Ori^.-Aitjn. 


Fig.  66.     Detail  der  Vorigen. 


Telesphorus,  und  so  ist  es  erklärlich,  daß  des  Sohnes  Ruhm  an 
vielen  Orten  den  des  \'aters  iiberstrahlte.  Es  kommt  hinzu,  dem 
Sinne  unserer  Auslegung   gleichlautend,    daĂź  z.  B.   lĂĽr   das    perga- 


TELESPHORUS. 


139 


menische  Heiligtum  eine  aktivere  Therapie  und  auch  die  Verwendung 
des  Schröpf  kopfes  in  ausgedehntem  Maße  historisch  belegt  ist. 

Gerade  das  Eindringen  dieser  kleinen  Gottheit  in  die  Darstel- 
lungen der  Kleinkunst  im  hellenistischen  Kunstgewerbe  spricht  tĂĽr 
die  große  Popularität  derselben.  Im  athenischen  Xationalmuseum 
existieren  allein  zahlreiche  Terrakottafiguren  des  Gottes.    Im  gleichen 


Orig.-Au/n.     Kopenhagen, 
Thorivaldsen-  Museum . 

Fig.  67. 
Telesphorus.   Kutte  abnehmbar. 


Fig.  68. 
Telesphorus  als  Schröpfkopf(.'). 


Sinne  sind  Karikaturen  des  kleinen  Gottes  aufzufassen,  denn  wenn 
man  eine  Person  und  ihr  Äußeres  im  Zerrbiide  zeigt,  so  ist  für 
das  Verständnis  derselben  die  intime  Kenntnis  des  Vorbildes 
Voraussetzung. 

Einmal  hat  sich  in    die  Kutte   des  Telesphorus   ein    Silen    ver- 
steckt,  kenntlich  an  seinen  spitzen  Ohren;    ein   interessantes  Zerr- 


140 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


bild  aber  dieses  kleinen  Kuttengottes,  der  menschliche  Weisheit 
und  menschliche  Geschicklichkeit  verkörpert,  steht  unerkannt  im 
Florentiner  etruskischen  Museum  unter  den  ita- 
lienischen Bronzen.  Hier  grinst  aus  seiner  Kutte 
der  Kopf  eines  Esels.  Als  letzten  SchluĂźstein, 
der  diesem  hypothetischen  Gebäude  sichere  Basis 
gibt,  existieren  Telesphorusdarstellungen,  welche 
den  Ăśbergang  zeigen  des  Apparates  selbst  zur 
Gottheit.  Die  Funde  in  Wien  (Sacken,  Ant. 
Skulpt.  XXXn',  3),  in  Mainz  (Lindenschmit, 
Die  x^ltertĂĽmer  unserer  heidnischen  \'orzeit,  Mainz 
1838,  I\',  647),  und  ferner  ein  gleichlautender  in 
der  Societe  Archeolog.  de  la  Province  Constantine 
1879I80,  pl.  2],  beschrieben  und  abgebildet, 
zeigen  uns  mehr  oder  weniger  einen  Schröpfkopf 
oder  chirurgische  Instrumente  ähnlichen  Zweckes, 
in  deren  oberen  Teil  nur  ein  Gesicht  hinein- 
gezeichnet ist,  der  sonst  aber  die  Silhouette  des  glockenförmigen 
Apparates  unverändert  erkennen   läßt'). 


Orig.-Au/n.      l;,-rlin. 

Fig.  69.     Silen  in 

der   Stellung  des 

Telesphorus. 


Orig.-Aufti. 

Fig.  70.     Telesphorus,  kleinasiatische  ^lĂĽnze. 


HYGIEIA. 

Unter  den  Asklepiaden,  denen  die  Griechen  göttliche  Verehrung 
zuteil  werden  lieĂźen,  gebĂĽhrt  der  Hygieia,  der  Tochter  des  Asklepios, 
in  dem  MaĂźe  die  erste  Stelle,  als  sie,  die  l'ochter,   gewissermaĂźen 


')  -Aus  dem  mir  vorliegenden  GipsabguĂź  der  JMainzer  Bronze  ist  der  Zweck  des  hinter 
dem  Kopf  ansetzenden  Röhrchens  nicht  ersichtlich;  es  scheint  auch,  daß  ein  Boden  später 
angelötet  wurde. 


HYGIEIA. 


141 


den  Rang  einnahm,  der  sonst  der  Gattin  gebĂĽhrt.  Bei  den  Oro- 
piern  im  attischen  Lande  gehörte  der  vierte  Teil  des  Ahares  fol- 
genden Heilgöttinnen:  der  /Aphrodite,  der  Panakeia,  der  Jaso,  der 
Hygieia  und  der  Athene  Paionia.  Die  Tochter  Aigle  ist  hier  ver- 
gessen.    Ob   diese  dieselbe  ist,    die    sonst   als  Mutter   der    Chariten 


i'HL't.  Ali/Ulli,      l'atikan. 

Fig.  71.     Äskulap  und  Hygieia. 

bekannt  ist,  kann  ich  nicht  feststellen.  Eine  andere,  ebenfalls 
»Glänzende«  genannt,  wurde  in  eine  Pappel  verwandelt.  Bei  der 
Hygieia  tritt  die  Personifikation  eines  Begriffes  mehr  in  den  Vorder- 
grund, das  legendäre  Persönliche  verschwindet.  Variationen  ihres 
Kultus  sind  meist  lokaler  Herkunft.  So  erwähnt  Pausanias  die 
ägyptische  Hygieia  (II,  276).     Die  Hochburg  ihrer  Verehrung  aber 


142 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


war  wohl  in  Athen  und  auch  sonst  im  Peloponnes.  In  Rom  wurde  sie 
als  Valetudo  verehrt  und  später  mit  der  Salus  identifiziert.  \'iel- 
Icicht    in    noch    höherem    Grade    wie    heim    Heilgotte   rettete   sich 


Orig.-Attftt.     KoHstaniinopel,   Otto/r:.  Museum. 

Fig.  72.     Asklepios  und  llygieia. 


diese  schöne  Griechenjungtrau,  züchtig  in  ein  Gewand  gekleidet  und 
nur  eine  Brust  gelegentlich  enthüllend,  in  die  späteren  lipochen, 
und    noch    heute   ist   ihr  Bildnis    fĂĽr    alle   Dinge,   welche    aut    die 


HYGIEIA.  143 


Hygiene  Bezug  haben,  der  beliebteste  symbolisch -kĂĽnstlerische 
Ausdruck.  Ihre  statuarische  Form  ist  in  vielen  mehr  oder  weniger 
erhaltenen  Marmorwerken  auf  uns  gekommen.  Wir  sahen  bereits 
die  Göttin  neben  dem  Vater  auf  den  zahlreichen  Reliefdarstel- 
lungen. Hier  steht  sie  meist  in  einer  vertraulichen  Stellung  zur 
Seite  des  Vaters,  ohne  sonstiges  charakteristisches  Beiwerk  (s.  Fig.  46, 

48>  49=  3  0- 

FĂĽr  diese  vertrauliche  Gemeinschaft  bringen  wir  zwei  Zeugnisse. 

Das  eine,  die  interessante  Skulptur  aus  dem  Vatikan.  Das  Har- 
monische der  Gruppe,  welche  ein  ausgezeichnetes  hellenisches 
Original  zur  Voraussetzung  hat,  leidet  dadurch,  daß  beide  Köpfe, 
wenn    sie    vielleicht    auch    antik    sind,    sicher  ,    .  „., —^ 

nicht    zu    diesen    Körpern    gehören.     Pius  VI.  ■  r^''  V   ' 

verdanken  wir  den  Fund  bei  den  Ausgrabungen  '•./ 


uf  dem  Forum  von  Präneste,   dessen  Ruinen         .'1 //   '    l''\'tr^ 


aut  dem  rorum  von  rranesie,    uesbcu   ivuiucn  '^  /  ^  .'    ')'[') 

,vLz.L  iiwc..  VI..-  ...V-  »--—  ■- ^  ,  ^^rv.'W 

des    Orakeltempels    der   Fortuna    (s.  Fig.  71).  :/ jt.'^y^^'-y/ 


ietzt  noch  eine  Idee  geben  von  dem  Aussehen  f\  ''/fl-.''/ 


Als  ein  Relief  der  Spätzeit  zeigen  wir  das 


MarmorstĂĽck    aus    dem    Stambuler    Museum,  '^"  "â– .  . 

Thronende  Hygieia,  die 

welches    wahrscheinlich    in    der    Gegend    von      heilige  Schlange  fĂĽtternd. 

.      .  -  ,  ,       ^  ,  >^    /^T"  N  MĂĽnze  VOD  Hierapnlis  in  Phrygien. 

Saloniki  gefunden  wurde  (47  -60  cm)  (Fig.72j. 
Vor  einem  DreifuĂź,  um  den  sich  die  Schlange  gewickelt  hat,  sitzen 
beide  Gottheiten  in  einer  vertraulichen,  familiären  Stellung.  Dem 
Gott  ist  sein  Gewand  heruntergeglitten.  Man  muĂź  sich  erst  orien- 
tieren,  wie  die  drei  sichtbaren  FĂĽĂźe  den  beiden  zuzuteilen  sind. 
Hygieia  trägt  ein  Ärmelgewand;  der  bekränzte  Gott  hält  in  der 
Linken  den  Stab,  den  er  sich  eben  abgeschnitten  hat,  ein  Laub- 
bĂĽschel befindet  sich  noch  an  ihm.  Fr  sieht  interessiert  zu,  wie 
seine  Nachbarin   die  Schlange  lĂĽttert. 

Archäoloa;ischerseits  gewöhnte  man  sich,  die  dem  \^Uer  zunächst 
stehende  jugendliche  Gottheit  als  Hygieia  anzusprechen.  Pausanias 
erwähnt  eine  ganze  Reihe  von  Bildsäulen  der  Hygieia,  so  eine  in 
Korinth  aus  weiĂźem  Marmor,  eine  in  Titane,  von  der  wir  schon 
erzählten,  daß  sie  eingehüllt  war  von  Frauenhaaren,  die  ihr  zuliebe 


144 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


abgeschnitten   wurden.     \'on    der   Bildsäule    der    Hygieia    von    Me- 
o-ara  erwähnt  Pausanias,  daß  Brvaxis  sie  gemacht  habe.    Unter  den 

Weihgeschenken  an  vielen  Orten  wird 
neben  dem  Asklepios  oft  eine  Bild- 
säule der  Hygieia  erwähnt,  so  in  Elis 
und  in  Olvmpia.  »Damophon  aus 
Messene  ist  der  \'erfertiger  der  Bild- 
säulen der  Hvgicia  und  des  Asklepios 
von  Aigion.«  Was  der  Perieget  hier- 
ĂĽber sagt  und  an  dieser  Stelle  sagt, 
ist  interessant  genug,  um  hier  wört- 
lich wiedergegeben  zu  werden.  »Die 
Algier  haben  ein  altes  Heiligtum  der 
Eileithyia.  Das  Schnitzbild  ist  mit 
Ausnahme  des  Gesichts  und  der 
Hände  und  büße,  welche  von  pen- 
telischem  Marmor  sind,  vom  Kopte 
bis  zu  den  FuĂźspitzen  mit  einem 
feinen  Schleier  verhĂĽllt;  von  den 
Händen  streckt  sie  die  eine  gerade- 
aus, in  der  anderen  hält  sie  eine 
Fackel  (siehe  Juno  Lucina,  Rom). 
Als  Grund  dafĂĽr,  daĂź  die  Eileithyia 
Fackeln  hält,  darf  man  vielleicht  ver- 
muten, daĂź  den  Frauen  die  Wehen 
gleich  Feuer  sind.  Die  Fackeln  kön- 
nen aber  wohl  auch  darin  ihren  Grund 
haben,  weil  die  Eileithyia  es  ist,  welche 
die  Kinder  ans  Licht  fĂĽhrt.  Das  Bild 
ist  ein  ^^'erk  des  Messeniers  Damo- 
phon. Nicht  weit  von  der  Eileithyia 
ist  ein  heiliger  Bezirk  des  Asklepios 
und  Bildsäulen  der  Hvgieia  und  des  Asklepios.  Eine  jambische 
Inschrift  am  Sockel  sagt,  Damophon  aus  Messene  sei  der  Verfertiger. 


Fig.  74.     Hygieia. 


HYGIEIA.  145 


In  diesem  Heiligtum  des  Asklepios  geriet  icli  mit  einem  Sidonier 
in  Streit,  welcher  behauptete,  die  Phoiniker  hätten  überhaupt  eine 
bessere  Einsicht  von  göttlichen  Dingen  als  die  Griechen,  und  nament- 


riiot.  .;.     â–          â–   '".  Kapital. 
Fio.  75.     Hygieia.     Rom.  Porträtstatue  in  archaischer  Auffassung. 

lieh  auch  darin,  daĂź  sie  dem  x\sklepios  als  Vater  den  Apollo  zu- 
schreiben, aber  kein  sterbliches  Weib  als  Mutter.  Denn  Asklepios 
sei  die  dem  Menschengeschlecht  und  allen  lebenden  Wesen  zur 
Gesundheit  nötige  Luft,  Apollo  aber  die  Sonne;  mit  vollem  Rechte 

Holländer,  Plastik  und  Medizin. 


146 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


® 


wmmwmm^:^>-^^m 


Ori^.-Aufn.  nach  Gi^sadg^u/s.     Liz-cr/ool,  Museum. 

Fig.  76.     Diptychon.     Antike  Elfcnbeinplatte.     Gegenbild  zu  Fig.  61 


HYGIEIA. 


147 


nenne  man    ihn  \'ater    des  Asklepios,    weil    die   Sonne,    indem    sie 
ihren  Laut"  zum  richtigen  Wechsel  der  Jahreszeiten  macht,  dadurch 


iijuiiLii iuuL«.  .^.-i  a.u.n.uii 


Plwt.  Alinari.     Rom,  Kapitolinisches  Museum. 

Fig.  77.     Votivrelief  an  llygieia. 


auch  der  Luft  die  Gesundheit  mitteilt.  Ich  erwiderte  daraut,  daĂź 
ich  das  Gesagte  annehme,  daĂź  aber  diese  Ansicht  den  Phoinikern 
durchaus    nicht   mehr    als    den    Griechen    eigen    sei,    indem    ja    zu 


148 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Titane  im  Lande  der  Sikyonier  dasselbe  Bild  (des  Asklepios)  auch 
Hygieia   genannt    werde,   und   es    jedem  Kinde    Idar   sei,    daĂź    der 

Sonnenlaut  den  Menschen   auf  Erden 
die  Gesundheit  schaffe«. 

Das  mehr  Unpersönliche  dieser 
Gesundheitsgöttin  geht  auch  schon 
daraus  hervor,  daĂź  eine  \'ersch\viste- 
rung  ihres  Wesens  mit  anderen  Gott- 
heiten o-elegentlich  eintritt.  So  hatte 
auch  die  Athenestatue  den  Beinamen 
der  Hvgieia,  und  auĂźer  in  Athen  seihst 
stand  ihr  Altar  auch  bei  den  Acharnern 
(I.Buch  31,  6).  Es  wird  angenom- 
men ,  daĂź  ursprĂĽnglich  diese  charak- 
teristische Heilpotenz  der  Göttin  Athene 
durch  Hypostase  zu  einer  selbständigen 
Göttin  erhoben  wurde.  Für  diese 
innige  Gemeinschaft  der  Athene  und 
der  Heilgottheiten  spricht  auch  noch 
die  Tatsache,  daĂź,  als  oflenbar  berĂĽhmte 
Werke  aus  pentelischem  Marmor  von 
des  Skopas  Hand,  Asklepios  und  Hy- 
gieia links  und  rechts  zur  Seite  der 
Athene  im  Tempel  \-on  Tegea  standen. 
Wir  wollen  hier  nicht  die  kunstarchäo- 
IIIW  i\}    I  logisch   wichtige   Frage    anschneiden, 

ff  f  '*7    ig      <  welches  wohl  das  älteste  W^rbild  ihrer 

Darstellung  gewesen  ist  und  welche 
der  erhaltenen  Bildsäulen  oder  Ab- 
bildungen von  solchen  aut  MĂĽnzen, 
dem  Hvgieiaideal  am  nächsten  kommen. 
Immer  wieder  sucht  der  KĂĽnstler  eine  keusche  Jungfrau,  bekleidet 
mit  einem  Gewände,  welches  meistens  bis  zu  den  Füßen  herabreicht, 
darzustellen,   die  eine   Schlange  fĂĽttert.     In  der  Kunstform,  in  der 


Üris.-A„/„. 

Fig.  78.    Hygieia.     Antike  Statuette 
aus  Epidauros  (1806). 


HYGIEIA.  149 


man  die  Schlange  mit  ihrem  Körper  vereinigte,  bestand  eine  viel 
o-rößere  Freiheit,  wie  bei  der  Darstellung  des  Vaters  mit  seinem 
Schlangenstabe. 

Einer  der  häufigsten  Typen,  welcher  sich  immer  wiederholt, 
ist  der,  daĂź  eine  kleine  Schlange  sich  um  den  rechten  Arm  der 
Göttin  ringelt,  und  daß  sie,  den  Schlangenleib  am  Halse  mit  der 
vollen  Hand  fassend,  dem  Tier  mit  der  anderen  eine  Schale  reicht, 
um  es  zu  füttern.    Von  dieser  Pose  existieren  unzählige  Variationen 

(s.  Fig.  74-7^^)- 

Eine  kleine  Statuette,  in  Epidauros  gefunden,  bildet  ein  Beispiel 
fĂĽr  eine  ctvs^as  abweichende  Darstellung.  Eine  riesengroĂźe  Schlange 
windet  sich  am  Körper  der  Göttin  in  die  Höhe,  ihren  Leib  um- 
schlingend. 

Auch  sitzend  finden  wir  sie  dargestellt  auf  einem  Thron- 
sessel, die  Schlange  fĂĽtternd.  Nach  Panofka  als  Kopie  der 
Gruppe  des  Xenophilos  und  Straten  aus  dem  Asklepieion 
zu  Argos  ist  uns  die  vatikanische  Marmorgruppe  erhalten,  die  wir 
S.  141   abbildeten. 

Unter  der  Unzahl  der  statuarischen  Werke,  von  welchen 
beinahe  jedes  Museum  die  eine  oder  andere  antike  Replik  be- 
sitzt mit  abweichender  Behandlung  der  Schlangenhaltung  und 
ihrer  Fütterung,  fallen  einige  sitzende  Göttinnen  durch  die  schöne 
Auffassung  auf,  so  die  aus  Venedig  in  dem  St.  Markusmuseum 
und  die  Gewandstatue  auf  dem  Monte  Pincio.  Die  kleine 
Marmorstatuette  (Fig.  78)  in  Athen  ist  dadurch  bemerkenswert, 
daĂź  auf  dem  Deckel  der  SalbenbĂĽchse  ein  vergoldetes  Gorgoneion 
sichtbar  ist. 


EPIONE. 

Die  Frauen  in  der  Umgebung  des  Heilgottes  setzen  sich  aus 
verschiedenen  Persönlichkeiten  zusammen,  obwohl  wir  zunächst 
geneigt  sind,  in  allen  das  Bildnis  der  Hygieia  zu  sehen.  Wir 
zeigten  bereits  gelegenthch  der  Besprechung  des  Reliets  (s.  Fig.  30) 


IjO  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

die  Verbindung  des  Gottes  mit  den  Eleusinierinnen  Demeter  und 
Köre.  Als  Töchter  kommen  aber  außer  Hygieia  in  Betracht  Aigle, 
Panake,  Jaso  und  Akeso.  Phnius  erwähnt  ein  Bildnis  aller  dieser 
von  Nicophanes,  an  welchem  Gemälde  er  übrigens  die  harten  Farben 
und  die  Vorliebe  tĂĽr  das  Gelbe  auszusetzen  hat.  Auf  manchen 
attischen  Reliefs  ist  die  Pamilie  ziemlich  vollständig  vertreten  (s.  z.  B. 
Xr.  1402  des  Athenischen  Nationalmuseums  zwei  Söhne  und  vier 
Töchter).  Aus  dieser  Gruppe  von  Frauen  hat  man  archäo- 
logischerseits  einen  Tvpus  als  Epione  ausgesondert,  als  die  Gattin 
des  Gottes.  Durch  ein  matronenhaftes  Aussehen  kennzeichnet  sie 
sich.  Meist  ist  ihr  Haar  mit  einem  Schleier  bedeckt  (s.  Fig.  44), 
kenntlich  ist  sie  auĂźerdem  durch  die  Gans,  die  ihr  besonders 
heilig.  Ihr  Bildnis  hnden  wir  durch  dieses  Tier  zu  ihren  FĂĽĂźen 
gesichert  auf  dem  einzigartigen  Dreistein  Nr.  1377  des  Atheni- 
schen Nationalmuseums  (s.  Fig.  31). 


JANISCOS. 


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Fig.  79.     Janiscos  zwischen  Asklepios  und  Hygieia. 

Pergamen.     MĂĽnze. 

Auf  MĂĽnzen  sowie  auf  Reliefs  linden  wir  im  Gegensatz  zu  dem 
von  uns  hinreichend  charakterisierten  Telesphoros  eine  andere  Kinder- 
gottheit, den  beinahe  verschollenen  Sohn  des  Asklepios  Janiscos.  Es 
ist  das  Verdienst  von  Svoronos,  diesen  fröhlichen  Götterknaben 
aus  den  antiken  Genredarstellungen  befreit  und  ihm  ein,  wenn  auch 
vorläufig  noch  hypothetisches  Leben  gegeben  zu  haben.  Wir  ver- 
weisen auf  den  komplizierten  archäologischen  Beweis  des  gelehrten 


jANISCOS. 


151 


athenischen  Numismatikers')  und  ĂĽberhissen  ihm  auch  die  Verant- 
wortung. Aus  der  groĂźen  Anzahl  von  Terrakotten  und  kleinen 
Marmorhguren,  welche  ĂĽberhaupt  einen  kleinen  nackten  Knaben 
vorstellen,    der  mit  einem   gansähnlichen  \'ogel   spielt,    zeigen    wir 


k\r/'i!:'i .    Museum 


Fig.  80.     Knabe  mit  Gans  des  Boethus.     Antiker  Marmor. 


zunächst  die  berühmte  Gruppe  des  Boethos  nach  der  besten  antiken 
Kopie  (denn  das  Original  war  eine  Bronzefigur).  Svoronos 
unterstützt  die  Ansicht  von  Herzog,  der  die  gleichfalls  häufig 
vorkommende  Darstellung  eines  kleinen  Knaben,  der  an  der  Erde 
sitzend   oder   auch   stehend    eine   sogenannte   Fuchsgans   beschĂĽtzt, 


')  Svoronos,  Das  Athenische  Nationalmuseum.     Heft  11/12. 


132  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  ^ 

als  diejenige  anspricht,  die  die  Frauen  in  den  Mimiamben  des 
Herondas  (s.  S.  48)  bewundern  und  nicht  das  Original  der  Fig.  80; 
eine  der  schönsten  Knabenstatuen  dieser  Spezies  ist  die  des  Athe- 
nischen   Nationalmuseums,    die    wir    im    Bilde    zeigen    (Fig.    81), 


Ăśrig.-Fliot.     Athen. 

Fig.  81.     Knabe  mit  Fuchsgans,  Janiscos?     Antiker  Marmor. 

sie  stellt  einen  Knaben  vor  in  göttlicher  Nacktheit,  nur  den  Kopf 
geschmĂĽckt  mit  einem  Diadem,  wie  er  sich  mit  der  Linken  aut  eine 
sogenannte  Fuchsgans  stĂĽtzt.  Auch  von  diesem  Knaben  wird  be- 
hauptet, daĂź  er  entweder  der  kindliche  Asklepios  selbst  oder  einer 


JANISCOS.  I  3  3 


seiner  Söhne  ist.    Jedenfalls  gilt  es,  diese  Hypothese  einer  weiteren 
archäologischen  Vertiefung  zu   unterziehen,    welche   alle    diese   mit 
Vögeln  spielenden  oder  sie  würgenden  Knaben  aus  dem  Kreise  der 
antiken  reinen   Genredarstellung  nimmt,   um  sie  dem  Mythus   und 
dem  Kultkreis  des  Heilgottes  einzureihen.    Wir  hätten  dieser  Theorie 
überhaupt   keine  Erwähnung   getan,   wenn    die    schöne  Asklepios- 
statue   beim  Lacus  luturnae  auf  dem  Forum  Romanum  nicht  dazu 
aufforderte.     Dort  fand  ich  in  einer  Nische   aufgesteUt   einen  voll- 
kommen   anderen   Typus   des  Heilgottes.     Der  kopflose   Gott   hält 
in  der  erhobenen  Linken  eine  Rolle;    von  einem  Stabe  konnte  ich 
nichts  bemerken.    Bis  zur  Höhe  der  Hüfte  ringelt  sich  eine  Schlange, 
deren     unterer    Teil     verdeckt     wird     durch     die     liebliche    Gestah 
eines  einen  Vogel    tragenden  Knaben.     Aus  der  Entfernung  glaubt 
man   zunächst,    daß    dieses  Tier   eine  Gans    ist;    bei  der   tür   mich 
veranstalteten    Aufnahme    aber    hat    Dr.    Hoffa    festgestellt,    daĂź 
der   Vogel    unzweifelhaft    den    Charakter    eines    Hahns    trage.      Es 
ist  nun  weiter  nicht  befremdlich,    daĂź   der   kleine   Janiscos    einmal 
mit  dem  der  Mutter  heiligen  Vogel,  der  Gans,  spielt  oder  sie  trägt, 
ein  andermal  aber  mit  dem  dem  Vater  heiligen  Hahn.     Svoronos 
hat    dies    auch    fĂĽr    einige    andere   Knabenterrakotten    anerkannt^). 
Dieser  neue  Fund  erscheint  mir  eine  weitere  und  besonders  wich- 
tige Stütze  für  die  Auffassung,    daß  diese  mit   Gänsen  und  allerlei 
anderen  Vögeln  spielenden  Knaben  den  Janiscos   vorstellen   sollen. 
Um  Irrtümer  zu  vermeiden,  erwähnen  wir  noch  die  andere  mytho- 
logische Bedeutung  der  Gans  als  des  Vogels  der  Aphrodite.     Ver- 
dankt  hier   der   meist   in  Begleitung   von  Eroten  befindliche  Vogel 
seinem     starken    Zeugungstrieb    die    Bedeutung    als    Symbol,     so 
grĂĽndet   sich    der   Gans    Verehrung   im   Asklepioskult    aut    die   ihr 
zugesprochenen    Heilkräfte.      Wir   erinnern   an   die   vielfache    Heil- 
wirkuns    des    mit    Honig    versetzten    Gänseschmalzes    und   an    die 
heilenden  Bisse  des  Vogels.     Bisher  hat  man  den    kleinen  Knaben 


1)  S.  auch  die  schönen  Knabenterrakotten  mit  einem  Hahn,  welche  nach  ihrer  Form 
durchaus  keinen  Genrecharakter  haben,  sondern  eher  wie  Götterbilder  aussehen;  bei  Winter 
»Terrakotten.  S.  182  und  1S3  aus  Athen  und  Theben;  jetzt  im  Berliner  Antiquarium. 


154 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


zur  Seite  des  Gottes  vom  Forum,  wo  er  neben  dem  Heiligtume 
der  Dioskuren  am  Lacus,  einer  antiken  Kaltwasserheilanstalt, 
thronte,  als  ein  sterbliches  Kind  angesprochen,  das  dem  Gott 
einen    Opferhahn    bringt,    jedoch    hat    die   identische    Stellung    des 


Orig  -Aujn 


lliin   yii'J/.-<7'.' 


Fig.  82.     Janiscos  mit  einem  Hahn  neben  Äskulap.     Statue  vom  Lacus  luturnae. 

Knaben  zur  Seite  des  Gottes,  wie  Telesphorus,  eine  gleichwertige 
mythologische  Bedeutung  zur  \'oraussetzung.  Es  ist  eben  der 
jĂĽngste  Sohn  des  Gottes,  wie  er  auf  pergamenischen  MĂĽnzen  viel- 
fach   geschildert    wird    als    ein    meist    nackter    kleiner   Knabe,    der 


ANDERE  HEILGĂ–TTER.  I  j  3 


mit  einem  Tier  spielt;  meist  ist  es  ein  "V^ogel,  i-ien  er  in  der  Hand 
hält.  Im  Gegensatz  zu  der  übermäßigen  Verhüllung  seines  Bruders 
ist  er  nackt  oder  wenig  bekleidet,  wie  dies  auch  aut  perga- 
menischen  MĂĽnzen  ersichtlich  ist,  deren  AbdrĂĽcke  ich  Svoronos 
verdanke. 

JSIS,  SARAPIS  UND  ANDERE  HEILGOTTHEITEN. 

Die  Liste  der  Heilgottheiten  aus  dem  gräko-lateinischen  Kult 
ist  noch  eine  lange,  aber  bei  diesen  tritt  die  hiatrische  Seite  ihres 
Wesens  mehr  in  den  Hintergrund.  So  war  die  Retterin  aus  Schlacht 
und  Sturmesnot,  die  Hera,  gleichzeitig  auch  Heilerin  in  der  Gefahr 
einer  Krankheit.  Bei  Hera  selbst  offenbarte  sich  dieser  Zug  ihres 
Wesens  allerdings  nur  in  den  Xöten  der  Kreißenden.  Die  grie- 
chische Mythologie  aber  lehrt  uns,  daĂź  gerade  ihre  Wettergottheiten 
und  ihre  Kriegsgottheiten  gelegentlich  auch  Helfer  gegen  die 
Schrecknisse  der  Krankheiten  waren.  Die  meist  kriegerischen  Götter 
Athena,  Kybele  und  die  Dioskuren,  und  vor  allem  Herakles  und 
Medeia,  ĂĽbernahmen  gelegentlich  auch  Heilfunktionen,  wie  wir 
anderseits  auch  wissen,  daß  Asklepios  Retter  in  Seenöten  war  und 
als  solcher  angerufen  wurde.  DaĂź  Asklepios  auch  in  von  Gold 
strahlenden  Waffen  erscheint,  hat  seine  Ursache  in  seiner  berĂĽhmten 
Wunderrettung  des  bedrohten  Sparta.  Ein  antiker  St.  Georg  er- 
scheint er  dem  in  Epidauros  von  Krankheit  Genesung  heischenden 
jungen  Isyllos  (Hymn.  Vers  37  if.).  Auch  Poseidon,  der  Retter 
und  Zerstörer  der  Schiffe,  wurde  in  Tenos  als  Heilgott  verehrt,  ver- 
mutlich war  es  die  frische  gute  Seeluft,  welche  dieser  ägäischen 
Insel  mit  ihrem  Poscidonskult  den  hiatrischen  Einschlag  gab.  DaĂź 
Zeus  Soter,  Athene,  Hermes,  Fan,  Awvuaoc  laz^oc,  gelegentlich  Kranken- 
heiler waren,  wĂĽssen  wir.  Reine  Personifikation  einer  Naturkraft 
aber  war  es,  wenn  manche  Quelle  und  die  nach  ihr  benannte 
Nymphe  eben  wegen  der  Heilkraft  des  Quellwassers  göttliche 
Ehren  genoĂź. 

Ein  Relief  aus   dem  athenischen  Asklepieion  zeigt  uns  die  Tyche 


156 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


mit  dem  FĂĽllhorn  (s.  Fig.  83).  Diese  ganz  allgemein  beliebte 
Gottheit,  die  Fortuna  der  Römer,  verwandelte  sich  oft  in  eine 
Stadtgoltheit,  und  so  finden  wir  sie  als  reich  gekleidete  schöne  Frau 
mit  der  Mauerkrone  im  ganzen  hellenistisch-römischen  Zeitalter. 
Aus  ihr  scheint  die  heilige  Agathe  hervorgegangen  zu  sein  (s.  u.). 


:;^v-."*.ti 


Orig.-Au/n,     Athen. 

Fig.  83.     Tyche  mit  dem  FĂĽllhorn  aus  dem  Asklepieion  in  Athen. 

Wurde  schon  im  täglichen  Leben  jede  Handlung  unternommen 
unter  Anrufung  des  guten  Dämon,  so  darf  die  An\Yesenheit  solcher 
Gottheit  in  einem  Kurort  nicht  wundern. 

Unter  den  fremden  Gottheiten  nahm  der  Kult  der  ägyptischen 
Isis  in  der  hellenischen  Religionsgeschichte  eine  bedeutende  Stelle 
ein.  Die  Verwandtschaft  dieser  Göttin  mit  den  eleusinischen  Kulten 
und  namentlich  mit  Demeter  tritt  deutlich  hervor.     Die   Erd-    und 


SARAPIS. 


157 


Friichtc"öttinncn  ähnelten  sich  wie  Sarapis  dem  Asklepios.  Allen 
ist  die  Erlösung  von  den  Leiden  und  Krankheiten  der  Oberwelt 
o-emeinsani;  beiden  ägyptischen  Gottheiten  wurde  auch  als  besondere 


Phot.  Alinari. 


Fig.  S4.     Sarapis,  antil^e  Marmorstatue. 

Spezialität  eine  heilende  Kraft  gegen  die  lokale  Augenkrankheit  zu- 
geschrieben. Auch  diesen  Göttern  war  die  Spendung  von  Traum- 
orakeln   eigentĂĽmlich.      Es    sei   noch    bemerkt,    daĂź   die   mystische 


158 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


eiste  der  Demeter  und  die  Schlange  aucli  Kultgegenstande  der  Isis 
waren.  Auch  darin  linden  wir  Parallelen,  daĂź  Isis  und  Sarapis  gleich- 
falls bei  Sturmesnot  als  Helfer  angerufen   wurden.     Der  Kult  dieser 

Gottheiten  nahm  mit  dem 
sinkenden  Altertum  zu.  Ser- 
apis oder  Sarapis,  auch  hierin 
dem  Asklepios  ähnlich,  wuchs 
in  seinem  Ansehen  ĂĽber  das 
MaĂź  einer  lokalen  Gottheit 
hinaus  und  näherte  sich  dem 
Allgott.  Mit  dieser  Erbschatts- 
ĂĽbernahme  anderer  sinkender 
hellenischer  Götter  verbrei- 
tete sich  seine  Verehrung  mit 
Eile  ĂĽber  Kleinasien,  Griechen- 
land, Sizilien,  Karthago,  Rom 
und  das  Reich  bis  ĂĽber  die 
Donau.  Das  Serapeum  von 
Kanopos  erfreute  sich  einer 
internationalen  Klientele.  Der 
(iott  mit  den  schwermĂĽtigen 
Augen  und  den  Svmbolen  der 
Vergangenheit,  Gegenwart  und 
Zukunft  hat  in  der  bildenden 
Kunst  wahrscheinlich  durch 
Brvaxis  seinen  Idealtypus  ge- 
funden. Er  thront  ähnlich 
dem  Asklepios  mit  dem  Stab, 
neben  ihm  der  dreiköpfige 
Cerberus  mit  der  Schlange 
(s.  auch  Fig.  39).  Auch  diesen  fremd-hellenistischen  Göttern  des 
sinkenden  Altertums  fehlt  nicht  ein  kleiner  Beigott.  In  Anlehnung 
an  Telesphoros  setzte  die  griechische  Kunst  zu  FĂĽĂźen  der  Isis  den 
ägyptischen  Harpokrates,  den  gedunsenen,    unschönen  Knaben  mit 


M:ihJu„ 

Fig.  85.  Isis  mit  Harpokrates.  .Antike  ^larmorstatue. 


DIE  GEBURTSGĂ–TTINNEN. 


159 


dem  Finger  am  Munde.  Dieser  Gestus,  vielleicht  mit  Bezug  auf  das 
Schweigegebot  bei  den  Mysterien  ersonnen,  wahrscheinlicher  aber  ur- 
sprĂĽnglich eine  aus  anderen  GrĂĽnden  hervorgegangene  AttitĂĽde,  fand 
in  der  bildenden  Kunst  eine  häutige  Darstellung;  doch  auch  aut  der 
Lotosblume  sitzend  oder  mit  der  Granate  spielend  wurde  tiarpokrates 
massenhalt  in  der  Kleinkunst  dargestellt.  Ăśber  die  Beziehung  dieses 
auch  wohl  schon  im  Altertum  verkannten  göttlichen  Kindes  zur  Heil- 
kunde besteht  heute  noch  Unklarheit.  Wir  erwähnen  ihn,  weil  er 
aut  unserem  Bilde  der  Isis  zu   ihren  FĂĽĂźen  steht  (s.  Fig.   85). 


HERA-ARTEMIS-EILEITHYIA. 

Die  Entbindung  stand  in  Hellas  und  Rom  unter  dem  Schutze 
von  Göttinnen.  Sowohl  Hera-Juno  wie  Artemis-Diana  wurden 
tür  eine  glückliche  Geburt  angeruten.  Die  Töchter  der  ersteren 
sind  die  Eileithvien ,  die  Wehen.  Nach  altgriechischer  Vorstel- 
lung war  die  Gemahlin  des  Zeus  die  BeschĂĽtzerin  der  ehelichen 
Gemeinschaft  und  der  truchtbaren  Zeugung.  Schon  in  der  llias 
wird  sie  geschildert  als  Förderin  der  Geburt;  doch  auch  gegen- 
teilig betätigte  sie  ihre  Macht;  so,  als  sie  die  Geburt  des  Herakles 
hindern  wollte.  Sie,  die  Mutter  von  Hebe  und  Eileithvia,  steht  den 
Frauen  in  den  kritischen  Momenten  des  weiblichen  Lebens  hilf- 
reich zur  Seite.  Auch  als  säugende  Hera  kennt  sie  der  Mvthus 
und  damit  auch  die  bildende  Kunst.  Die  von  sterblichen  MĂĽttern 
geborenen  Söhne  LIerakles  und  Dionysos  werden  erst  der  Unsterb- 
lichkeit teilhaftig,  nachdem  sie  an  ihrer  Götterbrust  getrunken. 

Den  Modius  oder  den  Polos  auf  dem  Haupte  zeigt  sie  das  Bild, 
den  Granataptel  in  der  Hand,  das  Zeichen  der  Fruchtbarkeit.  Die 
Hera  Griechenlands  ist  die  Juno  Lucina  der  Lateiner.  Deren  aus- 
gedehnter Kult  in  Rom  bedarf  noch  besonderer  Besprechung. 

Die  Mondgöttin  Artemis  galt  als  spezitische  Patronin  der  Lochien, 
der  Entbindung,  und  der  jungen  Mädchen.  Ihr  weihte  die  weibliche 
Jugend  Stirnlocken  und  Gürtelband.  An  das  jungfräuliche  Wesen 
der  Artemis  knĂĽpfen  sich  divergente   mythologische  Vorstellungen. 


i6o 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


In  ihr,  der  Göttin  des  Waldes  und  der  Jagd,  vereinigen  sich  noch 
die  Kultformen  verwandter  Gottheiten,  so  namentlich  auch  der 
Hekate.    Fischfong  und  Jagd,  Viehzucht  und  Reitkunst,  Handel  und 


Fig.  86.     Altar  aus  dem  Lacus  luturnae  mit  der  Diana  lucifera. 


Wandel  und  sonstige  für  das  Leben  nutzbringende  Tcätigkeit  beschützt 
sie,  unter  diesen  Geburtshilfe  und  Kinderzucht.  Die  darstellende 
Kunst  hat  die  Artemis-Diana  in  \'erbindung  gebracht  mit  einem 
Tier  des  Waldes,    der  Hirschkuh,    oder  sie  wird  von    einem  Jagd- 


JUNO  LUCINA.  l6l 


hund  begleitet.  In  späterer  Zeit  wurde  die  Göttin  dabei  immer 
mehr  das  Idealbild  jugendlich-weiblicher  Schönheit.  Daß  jedoch 
«^erade  ihre  in  der  Kunst  vernachlässigte  Qualität  als  Heilgöttin  an 
mancher  Stelle  in  den  Vordergrund  trat,  das  zeigen  die  \'otivfunde 
an  ihrer  berühmten  Kultstätte  am  Xemisee.  In  Rom  selbst  scheint 
der  Kultus  der  Juno  Lucina  alle  anderen  Geburtsgöttinnen  verdrängt 
zu  haben.  Emilio  Curätulo')  hat  an  Ort  und  Stelle  das  gesamte 
Material  zusammengetragen  und  uns  die  erhaltenen  Reste  auch  im 
Bilde  vorgefĂĽhrt.  Aus  seinen  Darlegungen  ersehen  wir,  daĂź  nament- 
lich in  der  Kaiserzeit  der  Kult  dieser  Göttin  in  voller  Blüte  stand. 

BezĂĽglich  der  Etymologie  des  Wortes  Lucina  sind  die  alten 
Schriftsteller  nicht  einig;  Plinius  hält  den  Namen  für  den  eines 
Ortes,  wo  ein  Heiligtum  dieser  Göttin  stand,  Cicero  aber  und  Plutarch 
führen  den  Namen  direkt  auf  den  iMond  zurück:  »Luna,  a  lucendo 
nominata,  eadem  est  enim  Lucina.«  Horaz  nennt  die  Göttin  übrigens 
»Ter  vocata«,  weil  sie  eben  als  Luna  (Selene)  am  Himmel,  als 
Diana  auf  Erden  und  als  Hekate  oder  Proserpina  in  der  Unterwelt 
angebetet  wurde.  Von  dieser  Juno  Lucina  besitzen  wir  eine  ganze 
Reihe  x\bbildungen,  und  zwar  verdanken  wir  diese  der  Fruchtbar- 
keit der  römischen  Kaiserinnen.  Wir  sehen  auf  den  Münzen,  die 
o-elesentlich  der  Niederkunft  der  Faustina,  der  Tochter  des  Antoninus 
Pius,  oder  der  Lucilla,  der  Tochter  des  Mark  Aurel,  geprägt  wurden, 
die  stehende  oder  sitzende  Göttin  in  Matronenkleidung  mit  einer 
Fackel  in  der  Hand,  im  linken  Arm  ein  gewickehes  Kind.  In  der 
Galleria  Chiaramonti,  im  Vatikan,  befindet  sich  auf  einem  Cippus 
eine  Darstellung  gleicher  Art.  Der  daneben  stehende  Baum  markiert 
einen  Wald,  dessen  Schutzgöttin  Juno  war.  Unser  Bild  (s.  Fig.  S6) 
zeist  den  schönen  Sockel  aus  dem  Lacus  luturnae  auf  dem  römi- 
sehen  Forum  mit  der  Diana  Lucitera. 

Aus  dem  Museum  von  Capua  stammen  die  Abbildungen  der 
Schutzpatronin  der  Neugeborenen.  Wir  sehen  die  Juno  oder  eine 
ihr  verwandte  Göttin  in  Matronengewandung  dasitzen,  aut  dem 
Schöße  liebevoll  mehrere  Wickelkinder  haltend. 


')  Curätulo,  Die  Kunst  der  Juno  Lucina  in  Rom,    Berlin  1902  bei  August  Hirschwald. 

Holländer,   Plastik  und  Medizin. 


l62 


DIE  HEILGOTTER  DES  ALTERTUMS. 


Auch  das  Berliner  Museum  besitzt  mehrere  derartiger  roh  ge- 
arbeiteter Statuen  aus  Tuffstein,  welche  bei  den  Ausgrabungen  in 
Curti  gefunden  wurden.  Eine  Frauengestalt  mit  Ober-  und  Unter- 
gewand angetan  und  einem  Diadem  aut  dem  zurĂĽckgestrichenen 
Haar  hält  auf  dem  Schöße  jederseits  drei  Wickelkinder  (s.  Fig.  87). 
Die  Weihinschrift  der  äuLkrst  rohen  Arbeit  stammt  aus  suilanischer 


Ori^'.Au/tt.     Bfrl.  Miisemn. 

Fig.  S7.     Göttin  der  Kinderzucht. 


Zeit.  Die  zweite  bestoĂźenere  etwas  schlanker  gehaltene  Gruppe 
zeigt  ähnliche  \'erhältnisse  (s.  Fig.   88). 

Auf  einer  weiteren  im  Berliner  Museum  mit  Xr.  164  bezeich- 
neten Statue  sehen  wir  wieder  das  gleiche  Bild,  nur  noch  dadurch 
vervollständigt,  daß  außerdem  zwei  Kleine  sich  zu  den  Füßen  der 
Göttin  behnden,  von  denen  das  eine  Kind  seine  Blöße  mit  dem 
Gewände  der  Göttin  zu  bedecken  sucht. 

Eine  mythologisch  komplizierte,  offenbar  aus  der  Verschmelzung 
einer  Reihe  von  Begriffen    entstandene  Gottheit   war   die  Eileithyia 


EILEITHYIA. 


163 


oder  die  Eileithvien,  die  ScliĂĽttehvehen ;  im  Grunde  nur  mytholo- 
gische Personifikationen  eines  natĂĽrHchen  Vorgangs.  Die  Herkunft 
dieser  Geburtsgöttin  wird  verschiedenartig  ausgelegt.  Ein  Hymnus 
des  Lvkiers  Ă–len  feiert  sie  als  hyperboreisch.  Aus  diesem  nor- 
dischen Mythenlande  sei  sie  der  Leto  zu  Hilfe  gekommen,  als 
diese    aut  der  Insel  Delos  ge- 


baren  wollte.  In  Athen  fand 
sowohl  die  hyperboreisch-de- 
lische  als  auch  eine  kretische 
Eileithyia  \'erehrung.  »Die 
Kreter  glauben  nämlich,  sie 
sei  eine  Tochter  der  Hera.« 
Pausanias,  der  von  den  Schnitz- 
bildern der  Göttin  in  Athen 
spricht  I,  18,  behauptet,  daĂź 
das  älteste  aus  Delos  sei,  zwei 
aber  kretisch,  und  nur  bei  den 
Athenern  seien  die  Bilder  der 
Göttin  bis  auf  die  Fußspitzen 
verhĂĽllt.  Von  einem  Stand- 
bild der  Göttin  zu  Hermione 
berichtet  derselbe  (II,  y^,  8), 
daĂź  nur  die  Priesterinnen  es 
sehen  durften. 

Wir  haben  bei  der  kĂĽnst- 
lerischen Gestaltung  der  bis- 
herigen Geburtsgöttinnen  At- 
tribute ihrer  geburtshelferischen  Tätigkeit  vermißt.  Die  Fackel,  die 
die  Lucina  in  der  Hand  trägt,  ist  ein  Hinweis  aut  das  Licht  der 
Geburt,  doch  haben  andere  auch  an  die  brennenden  Schmerzen 
gedacht.  F.  G.  Welcker')  bildet  nun  ein  auf  den  Knien  liegendes 
Weib  mit  entgürtetem  Gewände  und  offenbar  leidendem  Gesichts- 
ausdruck ab,    welches  man  auf  der  Insel  Mvkonos,   aus  parischem 


Ori^.-Au/n.     Bert.   Museiitrt. 

Fig.  SS.     Göttin  der  Kinderzucht. 


F.  G.  Welci^er,  Kleine  Schriften,  Bd.  III,  Bonn   1S50. 


164 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Marmor  gearbeitet,  gefunden  hat.  Er  fĂĽhrt  den  Nachweis,  daĂź 
diese  Statue  offenbar  die  »Auge  auf  den  Knien«  sei,  wie  man  die 
Eileithyia  in  Tegea  benannt  hat.  HierfĂĽr  wird  folgender  Mvthus 
als  Grund  angefĂĽhrt.  Pausanias  berichtet  die  Legende  VIII,  48,  7. 
Die  Königstochter  und  Athenepriesterin  Auge,  von  Herakles 
schwanger,  sollte  gerade  in  das  Meer  geworfen  werden,  als  sie  auf 

die  Knie  fiel  und  den  Telephos  gebar. 
An  dieser  Stelle  errichtete  man  ihr  einen 
Tempel.  In  dieser  knienden  Stellung  ge- 
bar auch  Leto  auf  Delos,  indem  sie  sich 
an  einer  Palme  festhielt.  Bekannt  ist, 
daß  ihre  delische  Zufluchtsstätte,  zunächst 
eine  öde,  schwimmende  Insel,  mit  dem 
Augenblick,  wo  die  ruhelose  Geliebte  des 
Zeus  ihren  Boden  betrat,  sich  fest  auf  vier 
Säulen  verankerte.  Interessant  ist  es,  wie 
die  Ägineten  zur  Erklärung  der  knienden 
Stellung  zweier  göttlicher  Schnitzbilder 
sich  eine  Legende  bildeten.  Herodot, 
welcher  diese  im  5.  Buch  78 — 83  er- 
zählten Streitigkeiten  zwischen  den  l:pi- 
dauriern  und  Ägineten  ausführlich  schil- 
dert, berichtet,  daĂź  die  Athener  Bild- 
säulen zweier  Göttinnen,  welche  aus  dem 
Holze  athenischer  heiliger  Ölbäume  ge- 
fertigt waren ,  trotz  aller  angewandten 
Gewalt  nicht  von  ihrem  Postament  im 
Äginetentempel  herunter  bekamen ;  darauf  hätte  man  um  die  Bild- 
säulen Stricke  gebunden  und  nun  gezogen.  Unter  diesem  Kraft- 
aufwand seien  die  Statuen  auf  die  Knie  gefallen  und  auch  nachher  in 
dieser  Stellung  verblieben.  Herodot  bemerkt  dazu,  das  könne  man 
vielleicht  einem  anderen,  nicht  aber  ihm  selbst  glaubhaft  machen.  Es 
wird  ferner  berichtet,  daĂź  Skopas  eine  Leto  geschaffen  hat,  die  eben 
geboren  hat.    Aus  diesen  und  manchen  anderen  Anzeichen  ist  es  als 


Fig.  89.     Auge  auf  den  Knien. 

Illustration  aus  Welcker. 


JESUS  SOTER.  165 


wahrscheinlich  anzunehmen,  daĂź  man  die  Eileithyia  gelegcnthch  auch 
während  des  Gebäraktes  darzustellen  pflegte.  Vielleicht  ist  dahin 
auch  das  \'erbot,  das  Bildnis  der  hermionischen  Eileithyia  öffent- 
lich zu  zeigen,  auslegbar.  Die  Sitte  des  Niederkommens  auf  den 
Knien  war  nach  Siebold  eine  sehr  alte,  und  bemerkenswert  ist 
es,  daĂź  auch  die  Schwangeren  sich  der  Juno  Lucina  auf  den  Knien 
näherten.  Daß  diese  monumentale  Darstellung  keine  besonders 
realistische  sein  könnte,  sondern  mehr  in  der  Weise  geschah,  wie  bei 
der  mvkonischen  Statue,  bei  welcher  die  Situation  nur  angedeutet 
ist,  liegt  bei  dem  Wesen  hellenischer  Schönheitsauftassung  aut  der 
Hand.  Es  wäre  aber  immerhin  möglich,  daß  sich  gelegentlich  doch 
charakteristische  Darstellungen  dieser  Wehengöttin  finden'). 

JESUS  SOTER. 

A.   Harnack')   beschäftigt    sich    in    einer   interessanten    Studie 
mit   der  Religionsstimmung   der   sterbenden  Antike.     Er   zeigt  das 
Bedürfnis  des  Volkes  nach  dem  Heilande.    »Niemand  konnte  mehr 
ein  Gott  sein,  der  nicht  auch  ein  Heiland  war.«    In  der  Sucht  nach 
Rettung  und  Heilung  wuchs  das  Ansehen  des  Asklepios  riesengroĂź. 
Die   groĂźe  Streitschrift  des  Origines  gegen  Celsus    dreht   sich   zum 
Teil  darum,    ob  Jesus    der   rechte  Heiland   sei   oder  Äskulap.     Ein 
Teil  der  BeweisgrĂĽnde  der  beiden  Streiter  wird  heute  von  uns  als 
seltsam  empfunden.     So  macht  Celsus  den  Christen    den  Vorwurf, 
daß  sie  sich  nicht  entschließen  könnten,  Asklepios,  weil  er  vorher 
Mensch   gewesen,  Gott  zu  nennen.     Origines  verweist  auf  die  ge- 
lungenen  Krankenheilungen    im    Namen    Jesu.     Im   ĂĽbrigen    meint 
er,    daß  in  der  Macht  Kranke  zu  heilen,  an  sich    nichts  Göttliches 
sei,    denn  es  lieĂźen  sich  viele  Beispiele  von  solchen  anfuhren,    die 
geheilt  wurden,  obgleich  sie  es  nicht  verdienten.    Die  neue  christ- 
liche Lehre  war  zunächst  die  Religion  der  Heilung  und  sie  sah  in 
der  tatkräftigen  Sorge  für  die  leiblich  Kranken    eine  ihrer  wichtig- 


')  ĂĽber  Geburtsdarstellungen  siehe  bei  dem  Kapitel  Schwangerschaft. 
2)  AdolfHarnack:  Medizinisches  aus  der  ältesten  Kirchengeschichte. 


l66  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  % 

sten  Pflichten.     Aus   unübersehbarer   Fülle   schöpft  Harnack   sein 
Beweismaterial. 

Das  Christentum  ist  medizinische  Religion.  —  Die  menschliche 
Seele  ist  krank  und  dem  Tode  verfallen  von  der  Geburt  an.  —  Die 
Taufe  ist  ein  Bad  zur  Wiederherstellung  der  Gesundheit  der  Seele 
—  das  Abendmahl  ein  Pharmakon  der  Unsterblichkeit;  Seelen- 
heilung und  Seelenheilkunde  verfolgt  die  alte  Kirche  mit  ihrem 
ganzen  kultischen  Apparat.  Sie  gab  sich  fort  und  fort  als  die  groĂźe 
Heilanstalt,  als  das  Lazarett  der  Menschheit.  Die  Heiden,  SĂĽnder 
und  Häretiker  sind  die  Kranken,  die  kirchlichen  Lehren  und  Hand- 
lungen sind  die  Arzneien,  die  Bischöfe  und  Seelsorger  sind  die 
Ärzte,  aber  als  solche  nur  Diener  Christi,  des  Arztes  der  Seelen.  — 
Jesus  hat  wie  ein  trefflicher  Arzt  um  der  Heilung  willen  Ab- 
schreckendes untersucht  und  Ekelhaftes  berĂĽhrt,  bei  fremden  Leiden 
selbst  Schmerz  empfunden  und  uns,  die  wir  nicht  nur  krank  waren, 
nicht  nur  an  schrecklichen  Wunden  und  eitrigen  GeschwĂĽren  litten, 
sondern  bereits  unter  den  Toten  lagen,  aus  den  AbgrĂĽnden  des 
Todes  durch  sich  selbst  errettet;  er,  der  Lebensspender,  der  Licht- 
spender, unser  großer  Ar/A,  König  und  Herr,  der  Christus  Gottes'). 
In  der  Kirchensprache  wird  der  ausgedehnteste  Gebrauch  gemacht 
von  medizinischen  Vergleichen  und  Schlagwörtern.  Das  Gespräch 
steckt  an  wie  die  Pest;  eine  Rede  greift  um  sich  wie  der  Krebs. 
Das  BuĂźverfahren  wird  mit  dem  Heilverfahren  verglichen.  In  den 
apostolischen  Konstitutionen  LH,  41  lesen  wir:  Heile  auch  du 
Bischof  wie  ein  mitleidiger  Arzt  alle  SĂĽnder,  indem  du  heilsame, 
zur  Rettung  dienliche  Mittel  anwendest.  Beschränke  dich  nicht  auf 
Schneiden  und  Brennen  und  auf  die  Anwendung  austrocknender 
Pulver,  sondern  gebrauche  auch  \'erbandzeug  und  Charpie;  gib 
milde  und  zuheilende  Arzneien  und  spende  Trostworte  als  mildernde 
Umschläge.  Wenn  aber  die  Wunde  tief  und  hohl  ist,  so  pflege 
sie  mit  Pflastern,  damit  sie  sich  wieder  fĂĽlle  und  dem  Gesunden 
gleich  wieder  ausheile.  Wenn  sie  aber  eitert,  dann  reinige  sie  mit 
Streupulver,    d.  h.  mit  einer  Strafrede.     Wenn  sie  sich  aber  durch 

')  S.  Harnack  S.  35  1.  c. 


JESUS  SOTER.  i6y 


wildes  Fleisch  vero;rößert,  so  mache  sie  durch  scharte  Salbe  "leich, 
d.  h.  durch /Androhung  des  Gerichtes ;  wenn  sie  aber  um  sich  friĂźt, 
so  brenne  sie  mit  Eisen  und  schneide  das  eitrige  GeschwĂĽr  aus, 
nämlich  durch  Auferlegung  von  Fasten;  hast  du  dies  getan,  und 
gefunden,  daĂź  vom  FuĂź  bis  zum  Kopt  kein  milderndes  Pflaster 
aufzulegen  ist,  weder  Ol  noch  Bandage,  sondern  das  GeschwĂĽr  um 
sich  greift  und  jedem  Heilungsversuche  zuvorkommt,  wie  der  Krebs 
jegliches  (jlied  in  Fäulnis  versetzt,  dann  schneide  mit  vieler  Um- 
sicht und  nach  gepflogener  Beratung  mit  anderen  erfahrenen  Ärzten 
das  faule  Glied  ab,  damit  nicht  der  ganze  Leib  der  Kirche  verdorben 
wird.  Nicht  voreilig  also  sei  zum  Schneiden  bereit  und  nicht  zu 
rasch  stürze  dich  auf  die  vielgezähnte  Säge,  sondern  brauche  zuerst 
das  Messer  und  entferne  die  Abszesse,  damit  durch  die  Entfernung 
der  innen  liegenden  Ursache  der  Körper  vor  Schmerzen  geschützt 
bleibe.  Triffst  du  aber  einen  UnbuĂźtertigen  und  Abgestorbenen, 
dann  schneide  ihn  mit  Trauer  und  Schmerz  als  einen  Unheilbaren 
ab.«  Den  kirchlichen  Standpunkt  können  wir  nicht  beurteilen,  aber 
diese  medizinisch -chirurgischen  Maximen  der  Wundbehandlung 
sind  auch  heute  noch  mustergĂĽltig. 

Adolf  Harnack  geht  nun  auch  aut  die  uns  näher  liegende 
Frage  ein,  ob  der  Äskulaptypus  vorbildlich  für  die  Jesusdarstellung 
geworden  sei.  Wir  entnehmen  seinen  AusfĂĽhrungen  folgende  hier- 
auf sich  beziehenden  Worte. 

»Aber  das  läßt  sich  nicht  erweisen,  daß  der  für  uns  im  fünften 
(vielleicht  schon  im  vierten)  Jahrhundert  auttauchende  Christus- 
typus ,  der  dann  in  den  bildlichen  Darstellungen  der  herrschende 
geworden  ist,  dem  Typus  des  Äskulap  nachgebildet  wurde.  Zwar 
sind  die  Tvpen  ähnlich,  die  Prädikate,  die  beiden  gespendet  werden, 
zum  Teil  identisch;  auch  ist  es  bisher  nicht  genügend  aufgeklärt, 
warum  das  ursprĂĽngliche  Bild  des  jugendlichen  Christus  durch  das 
neue  Bild  ersetzt  wurde,  aber  es  fehlen  alle  Mittel,  um  die  Ent- 
stehung des  kallistinischen  Christustypus  aus  dem  Urbilde  des  Äskulap 
abzuleiten.  Diese  Ableitung  muĂź  deshalb  zurzeit  als  eine  unge- 
nĂĽgend begrĂĽndete,   wenn  auch   beachtenswerte   Hypothese   gelten. 


l68  DIE  HEILGÖTTER  DES  ALTERTUMS.  ® 

Ein  positives  Zeugnis  wäre  für  sie  vorhanden,  wenn  die  Bildsäule, 
welche  in  der  Stadt  Paneas  (Cäsarea)  im  vierten  Jahrhundert  tür 
ein  Bild  Jesu  galt,  ein  Äskulapsstandbild  gewesen  ist.«  Eusehius 
(Hist.  eccl.  VII,  iN)  erzählt  uns  nämlich,  er  habe  dort  ein  Kunstwerk 
an  dem  Hause  gesehen,  welches  das  von  Jesu  geheilte  blutflĂĽssige 
Weib  aus  Dankbarkeit  habe  errichten  lassen.  ,Es  steht  auf  einer 
hohen  Basis  bei  der  TĂĽr  ihres  Hauses  das  Erzbild  eines  Weibes, 
das  auf  die  Knie  gebeugt,  wie  eine  Flehende  die  Hand  ausstreckt, 
«[egenüber  steht  aus  demselben  Metall  die  Bildsäule  eines  aufrecht 
stehenden  Mannes,  der  ehrbar  in  einen  doppelt  um  den  Leib  ge- 
schlagenen Mantel  gekleidet,  die  Hand  nach  dem  Weibe  ausstreckt. 
Zu  seinen  Füßen  an  der  Basis  wächst  eine  fremdartige  Pflanze 
empor,  die  bis  an  den  Saum  des  ehernen  Mantels  reicht  und  ein 
Heilmittel  a;e2;en  mancherlei  Krankheiten  ist.  Diese  Mannesgestalt 
soll  nun  das  Bild  Jesu  sein;  es  hat  sich  bis  aut  unsere  Zeit  er- 
halten und  ich  habe  es  mit  eigenen  Augen  gesehen.  Zu  ver- 
wundern ist  es  nicht,  daĂź  ehemalige  Heiden,  die  Wohltaten  von 
dem  Herrn  empfangen  hatten,  sich  auf  diese  Weise  dankbar  er- 
wiesen, da  ich  ja  auch  die  Bilder  seiner  Apostel,  ja  Christus  selbst 
in  Farben  ^emalt  auf  noch  vorhandenen  Gemälden  sah.'  Daß 
dieses  Bild  Jesu  darstellen  soll  und  von  dem  blutflĂĽssigen  Weibe 
errichtet  worden  sei,  ist  aus  verschiedenen  GrĂĽnden  unwahrschein- 
lich,  vielmehr  ist  anzunehmen,  daĂź  schon  frĂĽhe  von  der  christ- 
lichen Bevölkerung  in  Paneas  eine  Umdeutung  des  Asklepios  Soter 
in  Jesus  Soter  stattgefunden  hat.  Harnack  sagt  selbst  tĂĽr  den 
Fall,  daß  diese  Bildsäule  wirklich  zunächst  den  antiken  Gott  vor- 
gestellt habe,  lieĂźe  sich  eine  solche  einmalige  lokale  Umdeutung 
nicht  generalisieren.  Eine  bewuĂźte  Umdeutung  habe  ĂĽberhaupt 
der  Abscheu  der  früheren  Christen  gegen  die  heidnischen  Götter  nicht 
zugelassen. 

Als  feststehend  kann  angenommen  werden,  daĂź  die  altchrist- 
liche Kunst  der  ersten  Jahrhunderte  Christus  entweder  symbolisch 
darstellte  durch  das  Monogramm  des  Namens,  den  Weinstock,  den 
Fisch,    das  Lamm,    das  Kreuz  und   ähnliche  Embleme,   mit    denen 


JESUS  SOTER. 


169 


man  allerlei  Gegenstände  schmückte.  Stellte  man  aber  Jesus  per- 
sönlich dar,  so  benutzte  man  das  milde  Gleichnis,  das  er  selbst 
von    seiner  Mission   gern   gebrauchte:    unter   dem  Bilde   des   guten 


PJuti,  Alinari. 

Fig.  90.     Evangeliendeckel  5.  Jahrh.     Elfenbein.     Ravenna.     Die  Krankenheilungen. 

Hirten,  der  seine  Herde  bewacht,  sie  tränkt  oder  der  das  verlorene 
Schaf  auf  den  Schultern   heimträgt.     A.  Hauck^)    zeigt  uns  aber, 

')  Albert   Hauck:    Die  Entstehung  des  Christustypus   in   der    abendländischen  Kunst, 
Gesammelte  Vorträge,  Heidelberg  i88o. 


lyo  DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS.  gj 

daß  mit  der  Zeit  dies  unpersönliche  Bild  nicht  mehr  ausreichte. 
Als  Schmuck  der  religiösen  Kultstätten  benötigte  man  statt  der  sym- 
bolischen Form  jetzt  eine  mehr  persönliche,  welche  weniger  das 
lieblich  Milde,  als  das  göttlich  Erhabene  zum  Ausdruck  brachte. 
Eine  authentische  Ăśberlieferung  ĂĽber  das  Aussehen  Christi  fehlt; 
der  Christustvpus  konnte  demnach  nur  ein  ideales  Gebilde  sein. 
Die  ältesten  Beschreibungen  gehen  allerdings  weit  auseinander;  ein- 
mal wird  behauptet,  er  sei  gerade  von  Statur  gewesen,  die  Augen- 
brauen zusammengewachsen,  mit  schönen  Augen,  die  Nase  stark 
gebogen,  die  Farbe  anmutig,  der  Bart  schwarz.  Ein  angeblicher 
Amtsvorgänger  des  Pontius  Pilatus,  »Lentulus«  berichtet  von  ihm, 
daĂź  er  schwarzblaue  Augen  gehabt  habe  mit  groĂźer  FĂĽlle  des 
Haares,  das  nach  der  Sitte  der  Nazarener  in  der  Mitte  gescheitelt 
sei,  ebenso  lief  der  nicht  allzulange  Bart  in  zwei  Spitzen  aus.  Auch 
die  dritte  Fälschung  aus  dem  14.  Jahrhundert  basiert  aut  unkon- 
trollierbarer Ăśberlieferung.  Nicephorus  Callistus  behauptet  im 
14.  Jahrhundert,  daĂź  der  Heiland  sieben  Schuh  groĂź  gewesen  sei 
und  goldgelbes,  am  Ende  gelocktes  Haar  gehabt  habe  und  ein  ge- 
rötetes Gesicht.  Im  5.  Jahrhundert  erscheint  nun  zuerst  das 
Christusporträt,  von  dem  wir  soeben  einige  nach  ihm  gemachte 
Schilderungen  schon  hörten.  Wir  sehen  hier  in  den  Katakomben,  be- 
sonders von  S.  Callisto  und  auch  des  heiligen  Pontianus')  den  Typus 
des  Bildes,  das  zu  universeller  Anerkennung  gelangte,  jenen  Christus 
mit  langen  auf  die  Schultern  fallenden  Locken  und  kĂĽrzerem  Barte, 
groĂźen  Augen  und  einer  Mischung  von  Milde  und  Ernst  im  x\ntlitz. 
»Wenn  die  ältesten  Denkmäler  den  Heiland  ohne  Bart  in  voller 
jugendlicher  Schönheit  darstellten,  so  war  das  dem  Geiste  der  alt- 
griechischen Kunst,  der  darin  noch  fortdauerte,  gemäß.«  Diese  Be- 
merkung W.  Grimms  erscheint  namentlich  mit  RĂĽcksicht  aut  den 
einzigen  frĂĽhchristlichen  KĂĽnstler,  den  wir  dem  Namen  nach  kennen, 
Hermogenes,  berechtigt;  jedoch  entbehrt  die  Hypothese,  daĂź  die 
Hirtendarstellung,  namentlich  mit  dem  ĂĽber  den  Schultern  getragenen 
Lamm,  sich  an  den  antiken  Hermes  anlehne,  der  inneren  BegrĂĽn- 

')  Carl  Maria  Kaufmann,  Handbuch  der  christlichen  Archäologie,   Paderborn  1905. 


JESUS  SOTER. 


171 


dung.     Wie    verhält    es   sich    aber    mit    der   Behauptung,    daß    der 
spätere  Typus,    der   sogenannte   calhstinische   aus    dem  Asklepios- 
typus  hervorgegangen  ist?    Die  Berufung  auf  die    frĂĽhe  Bronze  in 
Cäsarea   und    das  Votivbild    der  Blutflüssigen    scheint    mir   deshalb 
unhaltbar,    weil   das    beschriebene  Standbild    nicht    einen    einzitren 
Wesenszug  einer   antiken  As- 
klepiosstatue  verrät.     Wie  die 
Statue  des  Christus  ausgesehen 
hat,  die  sich  der  Kaiser  Alex- 
ander Severus  hat  machen  las- 
sen, um  sie  neben  den  Bildern 
seiner  Ahnen  und  des  Abraham 
und  Orpheus  in  seinem  Lara- 
rium  aufzustellen ,   wissen  wir 
nicht  mehr;  auch  von  den  an- 
geblichen Porträts,  die  die  gno- 
stische  Sekte  der  Karpokratianer 
besaĂź,  haben  wir  nur  Kunde.  Es 
ist  auch  unwahrscheinlich,  daĂź 
das  eine  oder  das  andere  Bildnis 
sich  durch  Kopien  so  schneller 
Verbreitung    erfreuen    konnte. 
Eine   bewuĂźte   Anlehnung    an 
den  Asklepiostvpus  verbot  wohl 
heilige  Scheu  und  Widerwillen 
gegen    die    alte    Gottheit.     Es 
war   eine  Lebensfrage   fĂĽr   die 
an   Ansehen    und    Macht    er- 
starkende  Kirche,    das   persönliche  Porträt   des    Stifters    zu   finden. 
In    diesem  Porträt    eines   erwachsenen  Mannes  sollte  sich  spiegeln, 
was  gut  und  schön,  milde,  stark  und  erhaben  in  ihm  war.    Wohl 
ganz  unbewuĂźt  lehnten  sich  die  Kunsthandwerker  jener  Epigonen- 
zeit  an    das    erhabene   Vorbild    an,    das    die    beste    und    schönste 
Kunstepoche  geschaffen  hatte  und  verbanden  mit  diesem  an  manchen 


Phot.    Alinari.      Ki-iu.    Mn^eujit    Cristiufi. 

Fig.  91,     Die  Heilung  des  Blinden. 

Elfenbeioschnitzerei  aus  dem  6.  Jahrhuodert. 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


Plätzen  von  ihnen  gesehenen  und  durch  Übermalen  mit  einem 
roten  Kreuz  unwirksam  gemachten  Heidenbilde  die  wohl  ĂĽber- 
lieferte Tradition  der  Scheitelung  des  langen  Haupthaares  ihres 
Christengottes.  Dies  und  das  Auslaufen  des  Bartes  in  zwei  Spitzen 
wurde  absichtlich  betont.  Um  aber  einen  der  groĂźen  Inner- 
lichkeit des  Heilandes  entsprechenden  kĂĽnstlerischen  Ausdruck  zu 
linden,  dazu  war  die  Kunst  jener  Zeit  in  zu  schwachen  Händen, 
und  als  in  der  FrĂĽhrenaissance  es  darauf  ankam,  den  Siegeszug  der 
christlichen  Kirche  plastisch  zu  schildern ,  da  lehnte  sich  Niccolo 
Pisano  streng  an  antike  Vorbilder  an.  War  diese  Anlehnung  eine 
gesuchte,  so  wird  man  nicht  fehlgehen,  wenn  man  die  Inspiration 
zu  Beginn  als  eine  ungewollte  auffaĂźt,  die  nur  der  Ohnmacht  der 
Bildner  entsprang.  So  ist  es  auch  zu  erklären,  daß  die  Unzufrieden- 
heit mit  der  Verbildlichung  des  Religionsstifters  die  folgende  Zeit 
vom  7.  Jahrhundert  an  veranlaĂźte,  den  idealen  Christustypus  in 
der  Kreuzigungsszene  zu  suchen,  entsprechend  auch  der  neuen 
Richtung  der  Religion  auf  die  Askese  hin.  Ăśber  die  apokryphen 
Porträts  von  Jesus,  die  angeblichen  Werke  des  Evangelisten  Lukas 
und  des  Nikodemus  und  ĂĽber  das  Aussehen  des  Veronikabildes, 
einer  der  groĂźen  Reliquien  der  Peterskirche,  unterrichte  man  sich 
bei  Kaufmann  (S.  406). 

Von  Heilhandlungen  des  christlichen  Religionsstifters  gibt  es 
zahlreiche  teilweise  auch  plastische  Darstellungen.  Im  wesentlichen 
handelt  es  sich  da  um  folgende  Wunder:  Die  Hämorrhoissa,  die 
Heilung  des  GichtbrĂĽchigen  oder  Paralytischen,  die  Blindenheilungen, 
die  Heilung  des  Aussätzigen,  die  Heilung  des  Besessenen,  die  Her- 
vorrutung  des  Lazarus  und  die  Erweckung  der  Tochter  des  Syn- 
agogenvorstehers Jairus. 

Zur  Charakterisierung  dieser  Darstellungen  erfahren  wir  durch 
Kautmann'),  daĂź  das  blutflĂĽssige  Weib  meist  in  kniender  Stel- 
lung aut  Sarkophagen  vorkommt,  mit  erhobenen  bittenden  Händen. 
Von  der  Mitte  des  4.  Jahrhunderts  ab  ist  das  Wunder  des  Gicht- 
brüchigen überaus  häufig  plastisch  verkörpert,  meist  in  dem  Schluß- 

-)  Carl  Maria  Kaufmann,    Handbuch   der  christlichen  Archäologie,    Paderborn   1905. 


JESUS  SOTER. 


173 


174 


DIE  HEILGĂ–TTER  DES  ALTERTUMS. 


akte,  in  dem  der  froh  Geheilte  sein  Bett  davonträgt.  Um  eine  Ver- 
wechslung zwischen  der  Blindenheilung  und  der  des  Aussätzigen 
zu  vermeiden,  bildete  sich  der  Typus  heraus,  daĂź  bei  der  ersten 
Heilhandlung  eine  Berührung  stattfindet')  (s.  Fig.  91),  während 
bei  der  letzteren  der  Heiland  nur  in  der  Stellung  des  Redenden  vor- 
kommt. Der  Aussätzige  ist  dabei  nicht  näher  charakterisiert,  der 
Blinde  nur  dadurch,  daß  er  geführt  wird  und  einen  Stab  trägt. 
Die  meisten  bildlichen  Darstellungen  des  Aussätzigen  stammen  aus 
einer  Zeit,  in  der  die  Syphilis  als  exanthematische  Krankheit  in 
difFerentialdiagnostischer  Weise  die  Deutung  kompliziert.  Da  er- 
innere ich  an  die  schönen  Mosaiken  der  Kahrie-Moschee  in  Kon- 
stantinopel aus  dem  Anfang  des  14.  Jahrhunderts,  in  der  die  Heil- 
wunder in  den  Zwickeln  lebendig  charakterisiert  werden.  Der  nackte 
Aussätzige  ist  über  und  über  mit  Ausschlag  bedeckt  ohne  sicht- 
bare Mutilationen  und  kann  deshalb  als  Vorbild  der  späteren  in 
ihrer  medizinischen  Deutung  dann  strittigen  Darstellungen  angesehen 
werden  (s.  Fig.  92). 


')  R.  Greeff,    Ăśber   Darstellung   von  Blindenheilungen   auf  altchristlichen  Sarkophagen. 
Zentralbl.  f.  prakt.  Augenheilk.  igoS. 


l'er^y.  Ori^.-Aufn. 

Fig.  93.     BronzemĂĽnze  von  Pergamon.    i.  Jahrh.  v.  Chr. 

Rs.  Asklepiou  Soteros  mit  SchlaDgenstab. 
Vs.  bekr.  Kopf  des  Asklepios. 


EXV0T05. 

ANTIKE  KĂ–RPER-  UND  ORGANDARSTELLUNG. 

en  Göttern  Geschenke  darzubringen,  war  gern  ertüllte  Pflicht 
und  Freude  in  der  ganzen  antiken  Weh.  ALs  Weihgeschenke 
bezeichnet  man  alles,  was  man  in  den  Tempel  trug 
und  den  Göttern  schenkte.  Nach  gewonnenen  Schlachten  und  er- 
kämpften Siegen  ehrte  man  sich  selbst  dadurch.  Die  Schatz- 
kammern in  Delphi  beherbergten  Wunderdinge,  die  die  Staaten  und 
Städte  gespendet,  und  als  selbst  Athen  nur  noch  vom  alten  Ruhme 
lebte  und  gesunken  war  bis  zum  Niveau  einer  Provinzstadt,  da 
liebten  es  noch  die  Herrscher  der  Welt,  in  die  dortigen  Tempel 
Weihseschenke  zu  stiften ,  als  weithin  sichtbare  Zeichen  ihrer 
machtvollen  Persönlichkeit.  Antike  Berichterstatter  gefallen  sich 
darin,  in  Breite  diese  Geschenke  zu  beschreiben.  So  brachte  man 
auch  dem  Asklepios  Weihgeschenke,  und  wenn  man  sich  im  (leiste 
z.  B.  das  epidaurische  Heiligtum  wieder  erstehen  läßt'),  so  war 
auch  dieses  angefüllt  mit  noch  reicheren  Kunstschätzen,  als  wir 
dies  aus  den  Mimiamben  des  Herondas  von  dem  Asklepieion 
in  Kos  soeben  erfuhren.  Die  neuere  Forschung  scheint  nun  ge- 
neigt zu  sein,  in  diesen  zum  Teil  genrehaften  monumentalen 
Darstellungen,  wie  z.  B.  dem  Knaben  mit  der  Gans,  Episoden 
aus  dem  Mvthus  des  Heilgottes  zu  suchen  und  zu  finden.  Uns 
aber  soll  in  den  folgenden  Kapiteln  eine  andere  Art  von  Weih- 
geschenken beschäftigen,  welche  die  Besonderheit  der  Genesungs- 
sottheiten  ausmachte.  Aus  den  ältesten  Zeiten  bis  auf  unsere  Tage 
hat  sich  die  Sitte  erhalten,  daß  der  sich  der  göttlichen  Gnade 
Nahende  und  Heilsuchende  das  Abbild  seines  Schadens  spendet. 
Aus  dem  Schutte  von  Jahrtausenden  hat  man  bei  den  verschiedenen 


')  S.  Rekonstruktion  bei  O.  Ka.f,^c.?Aa. ,   to  bpiv  toĂĽ  ' AzvXrjiwb  ev  EnioaĂĽpu).     Athen   1900. 


iy6  EXVOTOS. 


Kultstätten  solche  Zeugen  von  Erkrankungsfällen,  Zeugen  auch  von 
Wundern  hervorgesucht. 

Die  Mutter-Gottes  zu  Kevlaar 
Trägt  heut  ihr  bestes  Kleid ; 
Heut  hat  sie  viel  zu  schatten, 
Es  kommen  viel'  kranke   Leut'. 

Die  kranken  Leute  bringen 
Ihr  dar  als  Opferspend' 
Aus  Wachs  gebildete  Glieder, 
Viel'  wächserne  Fuß'   und  Hand'. 

Und  wer  eine  W'achshand  opfert, 
Dem  heilt  an  der  Hand  die  Wund'; 
Und  wer  einen  WachsfuĂź  opfert, 
Dem  wird  der  FuĂź  gesund. 

So  war  es  damals  und  dort  vor  2000  Jahren,  so  ist  es  auch  hier 
und  heut.  Unser  Bild  (s.  Fig.  94)  zeigt  nun  zwar  nicht  die  kleine 
Heinesche  Gottesmutter  von  Kevlaar,  sondern  die  berĂĽhmte  Madonna 
del  Parto,  deren  Bildnis  derartig  mit  Geschenken  Gläubiger  und 
Dankbarer  behangen  ist,  daß  das  wundertätige,  graziöse  Werk  des 
Sansovino  (13 21)  unter  der  Last  von  Kronen,  Armspangen  und 
güldenen  Behängen  kaum  noch  erkennbar  ist.  Mit  blutendem  und 
doch  freudigem  Herzen  trennte  sich  vor  ihm  die  dankbare  Spenderin 
in  rĂĽhrender  Hingabe  von  dem  gĂĽldenen  Kleinschmuck,  der  vielleicht 
ihr  einziger  sonntäglicher  Staat  war.  An  anderen  Walltahrtspunkten 
versteckt  sich  das  wundertätige  Bildnis  unter  der  Masse  der  für  Krank- 
heitsfälle geweihten  Glieder  aus  Wachs,  oder  aus  wertvollem  xMaterial; 
je  nach  dem  Besitzstande  des  Wallfahrers  opterte  man  zum  Zweck  der 
Genesung  den  körperlichen  Schaden  in  effigie,  oder  man  ließ  und  läßt 
als  einfachsten  und  aufdringlichsten  Wahrheitsbeweis  fĂĽr  erwiesenen 
Heilerdienst  KrĂĽcken  und  FuĂźstĂĽtzen  zurĂĽck');  selbst  blutige  und 
eitrige  Verbandstoffe  hängt  man  an  das  Gitter.  Ausführlich  werden 
wir  dieses  Erbe  heidnischer  Vorzeit  noch  besonders  betrachten  mĂĽssen. 
Während  heutzutage  der  Operateur  die  von  ihm  glücklich  ent- 
fernten Tumoren  vor  den  Regalen  seines  Laboratoriums  mit  be- 
rechtigtem GefĂĽhle  stolzer  Genugtuung  einsam  betrachtet,  hing  der 


')  Einem  japanischen  Heilgott  die  alten  ZahnbĂĽrsten. 


EXVOTOS. 


177 


antike  Priesterarzt,  wie  später  der  mittelalterliche,  reisende  Schnitt- 
arzt und  Scharlatan  Krankengeschichte  und  entfernte  Steine  öffentlich 
aus;  dieser  an  den  Pfosten  seiner  Bude   aut   dem  Markt,    jener   an 


rkrt.    Anderson .      Rotit. 


Fig.  94.     Madonna  del  Parto  von  Sansovino. 

den  Säulen  der  Tempel  und  häufte  die  Bildnisse  behandelter  Glied- 
maĂźen. Die  aus  Gold  und  Silber  verfertigten  verschwanden  jedoch 
im  Laufe  der  Zeit,  teils  wohl  in  den  Schmelztiegel  der  Kirche'),  teils 

')  Aus  den  eingeschmolzenen  silbernen  Exvotos  werden  die  Heiligenbilder  mit  silbernen 
Mänteln,  die  nur  die  Gesichter  frei  lassen,  überzogen. 

Hollander,   Plastik  und  Medizin.  12 


178  EXVOTOS. 


entführt  und  geraubt  von  der  Hand  tempelschänderischer  Eroberer. 
Die  billige  Terrakottaware  aber,  die  die  wallfahrenden  Bauern  nebenan 
beim  Händler  gekauft  hatten,  wurde  von  Zeit  zu  Zeit  vernichtet  oder 
auf  den  Schutt  geworfen.  Aus  der  Umgebung  dieser  antiken  Kult- 
stätten grub  sie  der  Archäologe  wieder  aus.  Doch  die  Mehrzahl  solcher 
intakten  körperlichen  Weihgaben  holte  man  sich  aus  den  autgetun- 
denen  Warenlagern,  wie  solche  namentlich  in  der  Xähe  der  großen 
Nekropolen  Etruriens  und  Campaniens  entdeckt  wurden.  Die  meisten 
derartigen  körperlichen  Weihgaben  hatten  eine  Ose  zum  Aufhängen. 
Der  speziellen  Betrachtung  dieser  Dinge,  die  manches  tĂĽr  uns 
Interessante  fördert,  müssen  wir  A'orbemerkungen  vorausschicken. 
Über  die  wertvollen  goldenen  und  silbernen  Körperdarstellungen 
wurden  Inventare  gefĂĽhrt.  Der  Vorsteher  eines  Tempels  war  wohl 
fĂĽr  den  Inhalt  verantwortlich,  und  wir  mĂĽssen  uns  eine  Revision 
der  Kostbarkeiten  bei  der  Ăśbergabe  an  den  Nachfolger  vergegen- 
wärtigen. Am  Südabhang  der  Akropolis  fand  sich  eine  Inventar- 
inschrift, die  allein  ĂĽber  hundert  Augen  aus  Edelmetall  feststellt. 
Im  Gegensatz  zu  der  Fülle  der  athenischen  Körperexvotos  fand 
man  in  Epidauros  nur  die  geweihten  Ohren  eines  Ausländers.  Die 
Gebräuche  der  verschiedenen  Kulte  waren  offenbar  verschiedene, 
wechselten  vielleicht  auch  im  Laufe  der  Jahrhunderte.  In  dieser 
Weise  dĂĽrfen  wir  auch  die  verschieden  beantwortete  Frage  be- 
handeln, ob  man  in  der  antiken  Welt  nur  Dankvotive  spendete  oder 
auch  Bittvotive  bei  Betreten  des  Tempels,  also  vor  der  Heilung. 
Nachweislich  war  wohl  beides  der  Fall.  Diese  Frage  hat  ein  ge- 
wisses Interesse  bei  der  Beurteilung  der  Exvotos,  welche  Krank- 
heitszustände  plastisch  schildern.  Es  hat  sich  nämlich  heraus- 
gestellt, daĂź  neben  der  groĂźen  Anzahl  geweihter  GliedmaĂźen  und 
Organe,  welche  nur  den  entsprechenden  gesunden  Teil  versinn- 
bildlichen sollen,  sich  eine  kleinere  Gruppe  von  Plastiken  krankhatter 
Prozesse  nachweisen  läßt.  Das  besondere  Interesse,  welches  wir 
diesem  Gegenstande  zugewandt  haben,  hat  eine  Anzahl  von  Tu- 
moren und  GeschwĂĽren  und  pathologischen  Prozessen  ĂĽberhaupt 
zutage  gefördert,  so  daß  über  die  Tatsache  selbst  kein  Zweitel  mehr 


ig>  VERSCHIEDENE  PROVENIENZ.  I79 

bestehen  kann.  Der  weitere  Aushau  dieser  Beohachtungen  und 
ihre  Kontrolle  durch  neue  Funde  muĂź  fĂĽr  die  Medizingeschichte 
von  groĂźer  Bedeutung  sein.  Denn  fĂĽr  diese  Darstellung  krank- 
hafter Teile  kommt  die  »Tradition«  in  der  Herstellung  derselben 
und  das  Fabrikmäßige  nicht  mehr  in  Frage.  Die  Betrachtung  der 
modernen  »Lungeln«  (s.  unten)  lehrt  uns  einer  übertriebenen 
Wertschätzung  solcher  anatomischen  Schilderung  aus  dem  Wege 
zu  gehen.  Wie  da  in  Oberbavern  heutzutage  bei  dem  einwand- 
freien Hochstand  unserer  anatomischen  Wissenschaft  der  Sarg- 
schreinermeister nach  dem  ihm  ĂĽberkommenen  Schema  Lungen 
und  Herz  schnitzt  als  ^\'eihgabe,  so  arbeitete  man  in  den  etrus- 
kischen  Töpfereien  nach  überkommenen  Mustern.  Hie  und  da 
aber  imponiert  ein  gefundenes  StĂĽck  durch  den  Realismus  der 
Wiedergabe  und  den  groĂźen  Abstand  von  der  ĂĽblichen  Ware.  iMs 
Fundstücke  derselben  Gegend  und  gleicher  Zeit  können  diese  Teile 
nur  wertvollere  und  darum  auch  fĂĽr  uns  wichtigere  Objekte  einer 
besonderen  Bestellung  gewesen  sein.  Ungefähr  in  diesem  Sinne 
mĂĽssen  wir  auch  an  die  Deutung  der  pathologischen  Plastiken 
herangehen.  Flier  muß  für  den  Bildner  persönliche  Anschauung, 
oder  doch  zum  mindesten  eine  genaue  Beschreibung  des  Schadens 
Voraussetzung  gewesen  sein.  So  wenig  wir  also  aus  der  plasti- 
schen   Wiedergabe    des    Eingeweidesitus    einen    RĂĽckschluĂź   ziehen 


dĂĽrfen    auf   den    Stand    der  damaligen   Anatomie,    so    sicher    kann 
uns  die  Betrachtung  und  Sammlung  der  zielbewuĂźten  Krankheits- 


darstellun2:en    ein    willkommener    und    gelegentlich    auch    wissen 


-t>^ 


schaftlich  verwertbarer  Gewinn  sein.  Die  Aufgabe  einer  vergleichen- 
den Studie  der  Körperexvotos  der  verschiedenen  Kultorte  harrt 
noch  der  Lösuns:.    Es  werden  sich  dabei  wesentliche  \'erschieden- 


'&• 


heiten  zeigen ,    die   die   natĂĽrlichen   Grenzen  lokaler   Gewohnheiten 


ĂĽberschreiten.  Unsere  Aufgabe  besteht  mehr  in  der  Sammlung 
des  Gemeinsamen  und  werden  wir  nur  gelegentlich  aut  den  Unter- 
schied   griechischer^)    und    latino-etruskischer  Donarien    hinweisen. 


')  Reisch,  Griechische  Weihgeschenke.     Alih.  des  arch.-epigraph.  Seminar  der  Univers. 
Wien.     Heft  8,   1S90. 


l8o  EXVOTOS. 


Das  letztere  Material  hat  erstmalig  der  Königsberger  Anatom  Lud- 
wig Stieda')  untersucht.  Das  ihm  zu  Gebote  stehende  Material 
aus  Rom  und  den  etruskischen  Nekropolcn  ist  neuerdings  ergänzt 
und  bereichert  durch  die  Untersuchung  dreier  groĂźer  Sammlungen 
sĂĽditalienischer  Provenienz,  welche  teils  in  die  Museen  von  Capua 
und  Neapel,  zum  größeren  Teile  aber  nach  Madrid  gelangten. 
Hierzu  kommen  noch  die  eingehenden  Untersuchungen  der  Kol- 
lektion des  BĂĽrgermuseums  von  Modena  und  einiger  Dresdener 
StĂĽcke  durch  Alexander^).  Besonders  wichtig  war  mir  die 
Untersuchung  der  athenischen  Magazine  und  der  kleinen  Floren- 
tiner Sammlung. 

Nach  den  Körpergegenden  geordnet  finden  wir  Köpfe  und  zwar 
halbe  und  ganze,  ferner  auch  Gesichter  und  Halbmasken.  Die  ein- 
zelnen Gesichtsteile,  Augen,  Xasen,  Lippen  und  Ohren  wurden 
gleichfalls  besonders  hergestellt  und  geweiht.  Den  Extremitäten 
stehen  als  besonders  wichtige  und  interessante  Gruppe  die  Ein- 
geweide gegenĂĽber,  welche  sowohl  als  Eingeweidetorsos  und  Ein- 
geweidetraktus,  als  auch  in  der  Form  singulärer  Organe  geopfert 
wurden.  Eine  Gruppe,  deren  Studium  wohl  eine  spezialistische 
Bearbeitung  erforderlich  macht,  um  so  mehr  als  dies  Kapitel  aus 
dem  Rahmen  unserer  Zusammenstellung  herauställt,  ist  die  Dar- 
brinsuno  der  äußeren  Geschlechtsteile.  \'ielleicht  genügt  diese  An- 
regung,  um  die  Klärung  mancher  noch  oftenen  Fragen  aut  diesem 
Gebiete  in  die  Wege  zu  leiten. 

Was  zunächst  die  Darbringung  von  Köpfen  betrifft,  so  wird 
in  der  ĂĽberwiegenden  Mehrzahl  nur  die  Vorderseite  des  Koptes 
geweiht.  Es  liegt  das  aber,  wie  mir  scheint,  in  der  Technik  dieser 
meist  aus  Terrakotta  bestehenden  Waren  begrĂĽndet,  welche  hohl 
waren  und  hinten  eine  Öse  trugen  zum  Authängen.  Auch  die 
größeren  Figuren  sind  so  gearbeitet,  daß  die  hintere  Fläche  unaus- 
gefĂĽhrt und  flach    erscheint,    damit    sie    weniger   Platz    einnehmen. 


')  Ludwig  Stieda,   Anatomisches  ĂĽber  altitalische  Weihgeschenke.     Wiesbaden   1901. 
2)  Alexander,    Zur  Kenntnis    der   etruskischen  Weihgeschenke.     Bonnet-Merkels  anat. 
Hefte   1905. 


EXVOTOS. 


l8l 


Meist  hat  übrigens  die  hintere  glatte  Fläche  ein   kreisrundes  Loch. 
Man  wird  nicht  fehlgehen,   wenn  man  einen  Teil  der  Köpfe,  deren 


> 


ta 


Hals   nicht  glatt   abgeschnitten    ist,   sondern  Bruchstellen    aufweist, 
als   Fragmente   von   größeren  Weihgeschenken   ansieht.     Ein  Blick 


l82 


EXVOTOS. 


auf  die  Kollektion  verschiedener  Donarien  aus  dem  Heilbezirke  der 
Diana  am  Nemisee  (s.  Fig.  ^))  illustriert  diese  Ansicht.  Mir  fiel 
aber  unter  den  auf  langen  Regalen  in  Neapel,  Rom  und  Florenz 
aufgestellten  Gesichtern  das  Überwiegen  der  weiblichen  Köpfe  auf, 
die  sich  zum  Teil  durch  kĂĽnstlerische  und  gekĂĽnstelte  Haarfrisuren 
auszeichneten. 

Unsere  Abbildung  (s.  Fig.  96)  zeigt   einen    halben    männlichen 

Kopf  aus  der  Gegend  von 
Tegea.  Welche  Krankheit 
insbesondere  mit  dieser  Gabe 
gemeint  war,  ist  ungewiĂź, 
wenn  man  nicht  zu  allge- 
meinen Koptschmerzen  oder 
anderen  nervösen  Zuständen 
rekurrieren  will.  Jedentalls 
ist  es  auttällig ,  daß  neben 
der  Unmasse  von  einzelnen 
Ohren,  Augen,  Lippen,  Na- 
sen —  ja  selbst  vereinzelter 
Haarschmuck  kommt  vor  — 
noch  halbe  und  ganze  Ge- 
sichter geopfert  wurden. 
Neben  den  paarweise  ge- 
weihten Augen  finden  wir 
auch  einzelne.  Dann  liegt 
es  wohl  nahe ,  weniger  an 
Sehstörungen  zu  denken,  als  an  eine  vielleicht  äußere  Erkrankung. 
Wir  werden  jedoch  bei  der  Betrachtung  der  Skulptur  der  Blindheit 
einen  interessanten  gegenteiligen  Fund  machen  können. 

Stieda  nimmt  an,  daß  die  Gesichter  manchmal  porträtähnlich 
gewesen  seien;  das  ist  sicher  vielfach  der  Fall ;  doch  daĂź  dies  nicht 
die  Regel  war,  dafĂĽr  spricht  die  Auffindung  von  PreĂźformen  und 
die  Tatsache  der  labrikmäßigen  Herstellung.  Wenn  wir  nun  außer- 
dem die  Tatsache  nicht  außer  acht  lassen,    daß  solche  Köpfe    und 


Orig.-Aufii .      Berlin,   Museum. 

Fig.  96.     Halbkopf  (Porträt)  mit  Untersatz. 


KOPFE.     HÄNDE. 


183 


Gesichter  auch  an  solchen  Kultstätten  sich  massenhaft  linden,  die 
ĂĽberhaupt  keinen  Heilcharakter  hatten,  so  erscheint  es  immerhin 
möglich  oder  sogar  wahrscheinlich,  daß  man  beim  Tempelbesuch 
sein  angebliches  Porträt  als  acte  de  presence  zurückließ.  Ein  Vor- 
gang, der  gewissermaĂźen  dem  heutigen  Einschreiben  in  das  Fremden- 
buch wesensverwandt  ist. 

Hände   gibt   es   in   einer  derartigen  Menge,    daß  mehrfach  die 
Vermutung  ausgesprochen  wurde,  ob  hier  nicht  vielmehr  eine  Sitte 


Phot.  Alinari. 

Fig.  97.     Schiffsbekleidung.     Ăźronzehand  mit  noch  daranhaftender  Schiffswand. 

Aus  dem  Nemisee. 

plastische  \'erkörperung  gefunden  hat,  die  wir  auch  zu  anderen 
Zeiten  unter  anderen  Völkern  kennen  lernten.  Ich  denke  zunächst 
an  das  Schwurmotiv;  sicher  hat  das  Geltung  für  die  rechten  Hände 
mit  flektierten  vierten  und  fĂĽnften  Fingern.  Doch  gibt  es  auch  viele 
linke  Hände  in  verschiedenen  zum  Teil  noch  unaufgeklärten  Stel- 
lungen der  Finger.  Felix  Regnault  bildet  eine  Reihe  von  Hand- 
stellungen ah,  die  er  als  Krankheitsdarstellungen  anspricht^).  Ein 
anderes  Motiv  für  Handbildung  ist  die  Ableitung  des  bösen  Blicks. 


')  Felix  Regnault,   L'homme  prehistorique  1910  Nr.  11,    Les  Exvotos  pathologiques 
romains. 


i84 


EXVOTOS. 


Noch  heute  wehen  solche  ausgespreizten  Hände  die  Orientalen  in 
ihre  Teppiche.  Ohne  weitere  Erklärung  und  Unterstützung  würde 
man  sicher  die  schöne  Hand-  und  Armskulptur  (s.  Fig.  97)  für 
ein  \'otiv  ansprechen.  Es  ist  aber  ein  Abwehrmittel  gegen  Gefahr, 
angebracht  an  dem  Schiffsrumpf,  ähnlich  wie  die  großen  Marmor- 
augen, die  man  in  Piräus  fand.  Auch  die  Darbringung  von  l'üßen 
muß  eine  Einschränkung  erfahren  hinsichtlich  ihres  medizinischen 
Interesses,  denn  wir  wissen,  daß  man  den  Göttern  vor  oder  auch 
nach  einer  groĂźen  Reise  solche  weihte.  Die  Handstellungcn  sind 
von  den  Bearbeitern  vielfach  falsch  gedeutet;  so  ist  mit  Sicherheit 
die  mehrfach  sich  wiederholende  Pose  der  BerĂĽhrung  der  flektierten 
Finger  mit  dem   Daumen   nicht,    wie    Regnault    es  will,    auf  die 

Stellung  bei  Paralysis  agitans 
zu  bezichen,  sondern  als  Aus- 
druck einer  beabsichtigten  und 
irĂĽher  deutlichen  Fingersprache. 
Wir  mĂĽssen  eben  die  Zeichen 
einer  solchen  kennen,  wenn 
wir  die  reinen  Krankheitsex- 
votos  von  Darstellungen  aus  an- 
deren  Vorstellungskreisen  unter- 
scheiden wollen  (s.  Fig.  98).  W'n  haben  schon  daran  erinnert, 
daĂź  die  ausgestreckte  rechte  Hand  mit  dem  eingezogenen  vierten 
und  tüntten  Finger,  von  den  altorientalischen  Völkern  angefangen, 
der-  Ausdruck  einer  Schwurstellung  ist.  Der  Gestus  wurde  später 
der  Ausdruck  des  priesterHchen  Segens  in  der  katholischen  Kirche, 
während  der  z.  B.  jüdische  Priestersegen  mit  median  geteilter  und 
gespreizter  Hand  ausgefĂĽhrt  wird.  Der  allein  ausgestreckte  Zeige- 
finger oder  die  BerĂĽhrung  der  Spitzen  von  Daumen  und  Zeige- 
finger galt  als  Abwchrmittel  gegen  den  bösen  Blick,  die  jettatura. 
Der  mittlere  Finger  hatte  bei  (jriechen  und  Römern  eine  unan- 
ständige Bedeutung  (digitus  infamis).  Jemandem  den  Mittelfinger 
zeigen,  war  ein  böser  Schimpf.  Eine  noch  charakteristischere  und 
auch    heute    noch    deutliche    Geste    bestand    darin,    daĂź    man    den 


Orig.-Aitfji.     Neapel,   Etrusk.   Saininl. 

Fig.  98.     Votivhand. 


FINGER.  185 


Daumen  zwischen  Zeige-  und  Mittelfinger  der  geschlossenen  Hand 
durchsteckte.  Diese  Fingerstellung  heiĂźt  seit  alters  die  Feige  und 
erklärt  dies  sich  ungezwungen  daraus,  daß  sowohl  das  altgriechische 
sykon,  wie  auch  das  italienische  Fica  noch  die  andere  Wortbedeutung 
hat.  Auch  diese  Gebärde  —  wie  alle  manuellen  Genitaldarstellungen 
—  besaß  eine  mächtig  abwehrende  Kraft  und  schloß  gleichzeitig  den 
Ausdruck  höchster  Beschimpfung  in  sich.  Der  Hamburger  Augen- 
arzt S.  Seligmann')  erzählt  nach  Sueton  in  seiner  so  überaus 
mĂĽhevollen  und  fleiĂźigen  Arbeit,  daĂź  Kaiser  Caligula  seine,  in  der 
Stellung  der  Fica  zusammengeballte  Hand  den  Gardetribunen  zum 
HandkuĂź  reichte,  um  sie  wegen  ihrer  Feigheit  zu  beschimpfen. 
Meist  machte  man  diese  Bewegung  in  der  Tasche  oder  unter  dem 
Mantel,  um  den  bösen  Blick  zu  lähmen.  Ich  entnehme  Selig- 
manns Werke  den  Bericht,  daß  noch  der  König  Viktor  Emanuel 
in  der  Schlacht  bei  Solferino  ostentativ  diese  Geste  machte,  um  sein 
Heer  zu  schĂĽtzen.  Die  manofica  war  jedenfalls  ein  in  Elfenbein, 
Silber  und  Gold  gearbeitetes  beliebtes  Amulett;  noch  Abraham 
a  Santa  Clara  sah  auf  dem  hohen  Frauenturm  in  Ingolstadt  »ein 
groĂźes  StĂĽck,  worauf  ein  Feigen  gemacht,  das  ist  ein  Daum  zwischen 
den  zweien  ersten  Fingern«.  Wir  erwähnten  ferner  in  der  »Karikatur 
und  Satire«  ein  Kanonenrohr,  dessen  Kopfstück  in  diese  Geste  ausläuft 
(Abbildung  s.  FloĂź)').  In  Neapel  und  in  der  Dresdener  Sammlung 
sahen  wir  eine  Reihe  von  BeweisstĂĽcken  dafĂĽr,  daĂź  der  antike  Aber- 
glaube noch  eine  Verbindung  des  phallus  mit  der  manofica  schul. 
Die  Wirkung  einer  solchen  Kombination  konnte  nicht  ausbleiben. 
An  dieser  Stelle  müssen  wir  noch  die  »panth eistischen«  Hände 
erwähnen,  welche  die  Wirkung  der  verderblichen  Faszination  ver- 
hindern sollten.  Eine  solche  Amuletthand  zeigt  an  ihrer  Basis  vielfach 
die  Fisur  einer  säugenden  Mutter,  Beweis  dafür,  daß  in  erster  Linie 
ein  junges  Leben  vor  schädlichem  Einfluß  bewahrt  werden  sollte. 
An  solcher  Votivhand  finden  wir  die  Embleme  der  einzelnen  Götter 
an   den  Fingern  und  an   der  Handfläche  verteilt.     Der  ganze  Olymp 


')  S.  Seligmann,  Der  böse  Blick  und  Verwandtes.     Herrn.  Barsdorf,  Berlin  191  o. 
2)  H.  FloĂź,  Das  Weib  in  der  Natur  und  Volkskunde,   1902,  Bd.  I,  S.  685. 


l86  EXVOTOS. 


drängt  sich  so  auf  einer  Hand  zusammen.  Dieselbe  Vereinigung 
der  verschiedensten  Amulette  linden  wir  noch  auf  den  sogenannten 
AmulettschĂĽsseln.  Das  sind  Teller,  auf  die  eine  s:anze  Sammlung 
von  Amulettkörpern  gelegt  ist.  Unter  den  Handverzierungen  er- 
kennen wir  mit  Vorliebe  Porträts  von  Göttern,  namentlich  des 
Sarapis,  meist  aber  vertritt  das  charakteristische  Attribut  die  Gottheit 
selbst.  Die  WĂĽnschelrute  des  Hermes,  die  Zange  des  Hephaistos, 
der  zweihenkelige  Kantharos  des  Dionys,  das  FĂĽllhorn  der  Tvche, 
die  Ähren  der  Demeter  und  die  Schlange  des  Äskulap  oder  auch  der 
Athena  bilden  den  Dekor  der  Hand.  Diese  »plastischen  Tätowie- 
rungen« verraten  übrigens  in  den  mir  bekannt  gewordenen  Exem- 
plaren, die  aus  dem  verschiedensten  Material  gearbeitet  waren,  nur 
einen  geringen  Kunstwert  und  stammen  wohl  aus  späterer  Zeit;  es 
gibt  auch  ganz  kleine  Hände  dieser  Gattung,  die  selbst  wieder  als 
Amulett  getragen  wurden. 


SKELETT. 

Diese  Gruppe  ist  von  Stieda  statuiert  worden  wegen  eines 
Brustkorbes,  der  sich  in  den  vatikanischen  Sammlungen  befindet 
(s.  Fig.  99),  und  der  insofern  ein  Unikum  ist,  als  andere  Knochen- 
teile wohl  schon  deshalb  als  Weihgeschenke  nicht  in  Betracht 
kamen ,  weil  man  ĂĽber  isolierte  Erkrankungen  solcher  keine  in- 
timere Kenntnis  hatte;  wenn  jemand  ein  Glied  brach  oder  sonst 
eine  schwere  Verletzung  des  Knochens  erlitt,  so  war  es  natĂĽrlich 
sinngemäßer,  den  ganzen  Körperteil  mit  den  Weichteilen  als  den 
Knochen  isoliert  zu  opfern,  von  dessen  Aussehen  man  keine  richtige 
anatomische  Vorstellung  hatte.  Die  Auffassung,  in  diesem  Marmor- 
stĂĽck keinen  eigentlichen  Votivgegenstand  zu  sehen,  liegt  ziemlich 
nahe.  Welche  Krankheit  sollte  auch  der  Opferer  dieses  Brust- 
kastens gemeint  haben  ?  Woher  der  Gegenstand  kommt,  verschweigt 
der  Katalog.  Bisher  hat  niemand  mit  dem  StĂĽck  etwas  Richtiges 
anfangen  können.  Es  steht  neben  einer  anderen  Marmorskulptur, 
die,    nach   der  Arbeit   zu   schließen,   sicher  aus   etwas  späterer  Zeit 


KNOCHENGERĂśST. 


i8' 


datiert,  und  die  einen  geöffneten  Körper  darstellt  mit  einem  Ein- 
geweidesitus.  Obwohl  wir  diesen  letzteren  Gegenstand  traglos  zu 
den  Donarien  rechnen  müssen,  sträubt  man  sich,  dies  von  dem 
KnochengerĂĽst  anzuerkennen.  Wir  finden  im  Gegensatz  zu  dem 
handwerksmäßigen  Schematismus  anderer  Organdonarien  bei  dieser 
Arbeit  das  offenbare  Bestreben  nach  wissenschaftlicher  natur- 
getreuer Bearbeitung,  und  man  hat  sie  deshalb  auch  als  anatomi- 
sches Präparat  angesehen.  Man 
hat  sich  dabei  auf  die  Diskussion 
eingelassen,  ob  man  hier  drei- 
zehn Rippen  statuieren,  oder  ob 
man  die  erste  Rippe  als  SchlĂĽssel- 
bein ansehen  soll.  Es  scheint 
mir  diese  Kontroverse  im  Hin- 
blick auf  die  absolut  fehlerhafte 
Stellung  der  Rippen,  die  alle 
treppenartig  verlaufen,  indem  die 
Einzelrippe  in  ihrem  architek- 
tonischen Bau  gänzlich  verkannt 
und  falsch  befestigt  ist ,  und 
ferner  unter  BerĂĽcksichtigung  der 
falschen  Insertion  der  unteren 
Rippen  an  das  Sternum  ziemlich 
ĂĽberflĂĽssig.  Die  ganze  fleiĂźige 
und  genaue  Arbeit  lehrt,  daĂź  sie 
die  Kenntnisse  einer  Zeit  wieder- 
gibt, in  der  die  Ivnorpelerhaltung  und  der  komplizierte  Bau  der 
unteren  Rippenapertur  noch  unbekannt  war.  Die  Hinterfläche  des 
Marmors  ist  nicht  bearbeitet  und  macht  einen  rohen  Eindruck.  Es 
könnte  nun  jemand,  der,  wie  Stieda,  das  Stück  für  jüngeren 
Datums  hält,  annehmen,  daß  es  auch  aus  einem  Sepulkralmonument 
herausgebrochen  sei.  Ich  bin  sogar  in  der  Lage,  fĂĽr  diese  An- 
schauung, resp.  für  deren  Möglichkeit  das  Monument  des  Dom. 
Bertini  da  Gallicano  aus  Lucca  als  Unterlage  anzufĂĽhren  (s,  Fig.  loo). 


Oi'ig  -Atifn.     Rom,    l'aiihau.   Satnwlntig 

Fig.  99.     Marmorvotiv. 


i88 


EXVOTOS. 


Hier  finden  wir  als  architektonische  Stützen  die  Wirbeisäule  mit 
den  beiden  auseinander  gelegten  und  umgekehrt  vereinigten  Becken- 
knochen, sowie  zwei  mit  Schädeln  verwandt.  Dabei  zeichnet  sich 
die  Bildung  aller  Knochen  durch  ungewöhnliche  Naturtreue  aus.    Das 


rhoi.  Aliiiari. 

Fig.   100.     Grabmonument  des  Dom.  Bertini  da  Gallicano  aus  Lucca. 

Denkmal  stammt  aus  dem  Jahre  1479.  DaĂź  es  nicht  besonders  un- 
gewöhnlich war,  Teile  des  Knochengerüstes  architektonisch  zu  ver- 
wenden, das  beweisen  u.  a.  auch  manche  bildliche  Darstellungen  aus 
jener  Zeit,  siehe  z.  B.  »Der  Triumph  des  Todes«  von  Burgkmair^). 

'j  Abbildung   bei  Holländer,    Die  Karikatur   und  Satire    in   der  Medizin.     Ferd.  Enke 
1905,  S.  23. 


KNOCHEN.  189 


Mir  scheint  aber  diese  Annahme  gesucht.  Ich  glaube,  daĂź  es  mit 
Sicherheit  ein  Weihgeschenk  ist  und  aus  dem  Äskulaptempel  von 
der  Tiberinscl  herstammt,  wo  es  offenbar  aufgestellt  war,  nicht  als 
Exvoto  eines  Kranken,  sondern  als  Geschenk  eines  Arztes.  Wir 
wissen,  daß  die  Ärzte  zweimal  im  Jahre  dem  Asklepios  Optcr  dar- 
brachten, und  daß  auch  die  Stadtärzte,  sei  es  aus  Dank  für  gelungene 
Kuren,  vielleicht  auch  aus  Reklame,  Weihgeschenke  aufstellten.  Hier 
hat  offenbar  das  Weihgeschenk  des  Hippokrates,  das  berĂĽhmte  Ske- 
leton  in  Kos,   mit  Wahrscheinlichkeit  eine  Nachahmung  gefunden. 


yhct.   Aliuari.      Rom.    Villa  dt  PiZpa  Giitlio. 

Fig.   loi.     Griechisches  Tongefäß  in  Astragalenform. 

Einzelne  Skeletteile  gehören  sonst  als  Weihgeschenke  zu  den 
größten  Seltenheiten.  Ich  habe  nur  einen  Unterkiefer  gefunden 
mit  Andeutungen  von  Zähnen.  Derselbe  befindet  sich  im  römischen 
Thermenmuseum. 

Hierher  können  wir  noch  den  schön  bemalten  tönernen  Astragalus 
des  Museums  in  Villa  Giulia  rechnen.  Derselbe  zeigt,  wie  unsere 
Abbildung  lehrt  (s.  Fig.  loi)  genau  die  äußeren  Formen  dieses  im 
Altertum  zum  Knöchelspiel  verwandten  Fußknochens.  Es  handelt 
sich  vielleicht  um  eine  Weihgabe  wegen  besonderen  GlĂĽckes  im 
Spiel,  vielleicht  aber  wurde  auch  aus  anderen  GrĂĽnden  die  bizarre 
aber  im  Altertum   jedermann   geläufige  Form  des  Gefäßes  gewählt. 


190 


EXVOTOS. 


EINGEWEIDE. 

Es  bedarf  keiner  besonderen  Motivierung,  daĂź  Arzt  und  Natur- 
forscher den  antiken  bildlichen  Darstellungen  der  Eingeweide  ein 
besonderes  Interesse  entgegenbringen  werden.  Da  uns  antikes  Illu- 
strationsmaterial der  medizinischen  Klassiker  nicht  erhalten  ist,  ab- 
gesehen von  den  spärlichen  Beigaben  und  Rekonstruktionen  in 
späteren  Manuskriptabschriften'),  so  ist  für  das  Studium  der  antiken 
Anatomie  derartiges  in  Stein  gehauenes  oder  sonstwie  plastisches 
Material  Gewinn.  Obwohl  die  Alten  ihre  Kenntnis  der  mensch- 
lichen Eingeweide  auf  keinen  Fall  auf  Grund  svstematischer  Sektionen 
erworben  haben,  so  war  man  doch  einigermaĂźen  orientiert,  teils 
durch  gelegentliche  Beobachtung  bei  Verletzungen  und  am  Kranken- 
bett, teils  durch  den  korrespondierenden  Beiund  bei  Tieren;  hier 
lehrte  wieder  die  tägliche  Erfahrung  beim  Schlachten  oder  die  ziel- 
bewuĂźte Untersuchung  der  inneren  Teile  durch  die  Tierschau.  Es 
ist  klar,  daß  die  Tätigkeit  der  Haruspices  das  Interesse  der  Bevölke- 
rung lür  das  Aussehen  des  inneren  Tierkörpers  frühzeitig  erregen 
muĂźte. 

Die  Anatomie  des  Corpus  hippocraticum  basiert  zum  Teil  auf 
Hypothesen,  Zufällen,  Befunden  und  Zergliederungen  von  Tieren. 
Die  Annahme  einiger  Autoren,  daĂź  menschliche  Sektionen  vor- 
genommen wurden,  erscheint  allgemein  als  abgetan.  Auch  Aristoteles 
hat  sich  wesentlich  aus  der  Anatomie  des  Tieres  Rat  geholt.  Er 
kennt  zwar  beim  Menschen  die  einzelnen  Organe,  ist  aber  z.  B. 
ĂĽber  den  Zusammenhang  von  Lunge  und  Herz  vollkommen  im 
unklaren.  Er  erwähnt  das  Zwerchfell,  Leber,  (Gallenblase,  Nieren- 
becken, Harnleiter,  Harnblase  und  Hoden.  Er  beschreibt  noch  die 
Gebärmutter  als  zweihörnig  und  kennt  nicht  ihre  Adnexe.  Erst 
bei  den  Alexandrinern  sind  Leichensektionen,  welche  sich  allerdings 
auf  die  Eröffnung  der  Bauch-  und  Brusthöhle  beschränkten,  sicher- 
gestellt.     Die   anatomischen   Schriften   des   hervorragendsten    dieser 


')  ĂĽber  die  anatomischen  Abbildungen  in  den  antil<en  Handschriften  ,  so  z.  B.  bei  Ari- 
stoteles, siehe  bei  Robert  v.  TĂĽply,  Geschichte  der  Anatomie  im  Handbuch  von  Th.  Pusch- 
mann,  S.  191. 


EINGEWEIDE. 


191 


Alexandriner,  Herophilos,  sind  verloren  gegangen.  Er  hat  aber, 
wie  wir  dies  durch  seine  Nachfolger  erfahren,  sich  hauptsächlich 
mit  dem  Nervensystem,  der  Eingeweidelehre  und  den  Blutgefäßen 
beschäftigt.  Die  Anatomie  des  Galenos  basierte  auf  den  Unter- 
suchungen der  Alexandriner  des  2.  Jahrhunderts.  In  der  Beschreibung 
der  Geschlechtsteile  hält  Galenos  allerdings  noch  an  der  Ansicht 
des  Aristoteles  von  der  Zweihörnigkeit  des  Uterus  fest  und  behauptet, 
daß  die  rechte  Kammer  für  die  männlichen,  die  linke  für  die  weib- 
lichen ErĂĽchte  reserviert  sei.  Aber  mit  ihm  ist  ein  Hochstand  in 
der  griechischen  Anatomie  erreicht,  der  ĂĽber  1000  Jahre,  bis  zur 
Renaissance  der  Anatomie,  fĂĽr  die  wissenschaftliche  Welt  Richt- 
schnur war. 

Diese  kleine  historische  Ăśberlegung  ist  namentlich  im  Hinblick 
auf  die  plastische  Darstellung  der  Votivgebärmutter  von  Wichtigkeit. 
Denn  es  zeigt  sich  hier  eine  ganz  auffallende  Dissonanz  zwischen 
der  antiken  wissenschaftlichen  Anatomie  und  der  Volksanatomie  im 
weiteren  Sinne.  Diese  Unstimmigkeit  hat  den  ersten  Bearbeiter 
dieser  altitalischen  Weihgeschenke  Ludwig  Stieda')  veranlaĂźt,  die 
massenhaft  in  Italien  vorkommenden  tönernen  Gebärmütter  für  die 
Vagina  zu  halten,  nachdem  er  grĂĽndlich  die  ĂĽbrigen  Ansichten  der 
Autoren,  die  diesen  Körper  für  den  Uterus  oder  einen  Uterusvorfall 
(Neugebauer)  halten,  diskutiert  und  dann  verworfen  hat.  Von  allen 
Donarien  sind  diese  »Uteri«  genannten  Körper  am  häufigsten.  Das 
Gemeinsame  ihres  Äußeren  ist  ohne  jeden  Zweifel  die  ungefähre 
Kontur  eines  vergrößerten  weiblichen  Gebärmutterkörpers.  Es  findet 
sich  bei  allen  ein  plattes  halbkugliges  Gebilde,  welches  in  einen  Hals 
ausläuft  (s.  auf  Eig.  93).  Die  Oberfläche  desselben  zeigt  Wulstungen. 
Diesen  gemeinschaftlichen  EigentĂĽmlichkeiten  steht  in  erster  Linie 
die  Verschiedenheit  der  Größe,  sodann  aber  namentlich  die  variierende 
Beschaffenheit  des  Halsteiles  gegenüber.  Die  Größe  wechselt  von 
ungefähr  Eaustgröße  bis  Eußgröße.  Bei  diesen  letzteren  muß  man 
natĂĽrlich  an  die  schwangere  oder  puerperale  Eorm  denken.  Die 
-Behandlung  des  Halsteiles  aber  geschah  unter  der  allerverschieden- 

')  L.  Stieda,  Anatomisch-archäologische  Studien,     Bd.  15  i6.     Wiesliaden  1901. 


192 


EXVOTOS. 


artigsten  Formgebung.  Wir  finden  da  in  der  Regel  als  Grundtorm, 
daß  die  parallel  laufenden  Querfalten  des  Körpers  hier  in  einen 
ringförmigen  Wulst  enden.  Das  Innere  dieses  Ringwulstes  ist  häufig 
einfach  geschlossen.  Oft  aber  ist  auch  hier  eine  Höhlung  in  den 
Ton  eingegraben,  so  daĂź  man  dadurch  die  deutlichere  Vorstellung 
eines  Hohlorgans  bekommt.  Ich  sah  dabei  viele  solche  Votiv- 
körper,  bei  denen  diese  Öffnung  in  zwei  Teile  geteilt  war;  auch 
Regnault')  bildet  einen  solchen  Körper  ab.  Diese  von  den 
meisten  Autoren  richtig  als  Muttermundsöffnung  angesprochene 
Formation  zeigt  je  nach  den  natürlichen  Veränderungen  gelegentlich 
eine  punkt-  oder  schlitzförmige  Öffnung,  oft  aber  auch  eine  größere 
klaffende  Spalte,  wie  nach  einem  Geburtsakt")-  Auf  diese  Weise 
gestaltet  sich  dann  die  Formation  der  vorderen  und  hinteren  Lippe 
verschieden.  Regnault  bildet  eine  ganze  Skala  solcher  Orificia 
externa  der  tönernen  Gebärmütter  aus  der  Capuaner  Gegend  ab. 
Von  den  krankhaften  Veränderungen,  die  er  selbst  daran  zu  er- 
kennen glaubt,  erscheinen  mir  die  beiden  rundlichen  Cysten  der 
hinteren  Muttermundslippe  noch  am  ehesten  als  solche  annehm- 
bar. Curat  ulo  hat  solche  Weihkörper  gesehen,  welche  bicorn 
sind.  Die  Erklärung  des  römischen  Gynäkologen,  daß  ein  solcher 
Doppelkörper  von  einer  Frau  geweiht  sei,  die  glücklich  von  einem 
Zwillingspaar  entbunden  wurde,  notiere  ich,  ohne  diese  Behauptung 
unterstützen  zu  wollen.  Die  beiden  Abbildungen  solcher  Gebär- 
mĂĽtter, welche  von  der  Tiberinsel  stammen  und  von  Curatulo 
in  seinem  Buche  abgebildet  wurden,  zeigen  uns  diese  Variante  des 
Gebärmutterhalses.  Das  auffallendste  an  dieser  Körperbildung  sind 
die  Querfalten;  diese  sind  auf  der  Abbildung  (Fig.  102)  deutlich 
sichtbar.  Wir  erkennen  auch,  daß  der  Körper  meist  auf  einer 
Unterlage  modelliert  ist,  so  daß  nur  die  Hallte  körperlich  er- 
scheint; einen  beiderseits  bearbeiteten  Uterusvotivkörper  habe  ich 
nicht  gesehen,  kĂĽr  die  Querfalten  findet  Stieda  keine  passende 
Deutung.    Dieselbe  scheint  mir  aber  doch  auf  der  Hand  zu  liegen. 


')  Felix  Regnault,  Las  Exvotos  pathologiques  romains.    L'homme  prchistorique  1910, 
-)  Besonders  auffallendes  Exemplar  in  der  etrusk.  Sammlung  des  Neapler  Nat. -Museum. 


GEBÄRMUTTER. 


193 


Es  ist  von  mehreren  Autoren  darauf  hingewiesen,  daĂź  der  so 
häufig  voriiommende  Gebärmuttervorfall  namentlich  nach  Geburten, 
welche  Dammrisse  veranlaßten,  eine  naheliegende  Möglichkeit  ergab, 
das   Organ   zu   sehen   und   abzufĂĽhlen.     Bei   einem  solchen  Vorfall 


L'rt^.-An/n.     Florenz,  Etrusk.  ^fiiscjun. 

Fig.  102.     Frauenleib  mit  Uterus  und  Adnex.     Terrakottavotiv. 


aber  präsentierte  sich  der  Körper  nicht  mit  seinem  glatten  Peri- 
tonealĂĽberzuge,  sondern  mit  den  Wulstungen  der  Vagina.  Doch 
diese  Erklärung  erscheint  mir  für  die  naive  Auffassung  des  Volkes 
viel  zu  wissenschaftlich  und  zu  gesucht.  In  dem  Welligen,  Ge- 
streiften suchte  der  Volksplastiker  seinen  Abnehmerinnen  die  Vor- 

Holländer,  Plastik  und  Medizin.  ^J 


194 


EXVOTOS. 


Stellung  von  der  Kontraktilität  des  Organs  nahezubringen.  Im 
ausgedehnten  gefüllten  Zustande  war  der  Körper  glatt,  nach  Ent- 
leerung aber  der  Frucht  muĂźte  er  sich  einer  naiven  Auflassung 
entsprechend  unter  Faltenbildung  zusammenziehen.  Die  Schwie- 
rigkeiten, welche  Stieda  in  der  Deutung  des  Uterus  findet,  ent- 
stammen zum  Teil  auch  daher,  daĂź  er  den  von  Bartels  zitierten 
und  skizzierten  Florentiner  Torso  nicht  aus  eigener  Beobachtung 
kennen  gelernt  hat.  Denn  mit  der  Betrachtung  dieses  seltenen 
Stückes  schwinden  alle  Zweifel  über  die  Bedeutung  der  Streifenkörper. 

Es  ist  hier  ein  weiblicher  Unter- 
körper ziemlich  roh  und  unge- 
schickt  modelliert  (s.  Fig.  102). 
Deutlich  ist  die  Vulva  mit  Me- 
dianspalte markiert.  In  ungefährer 
Höhe  zwischen  Nabel  und  Yuha. 
eingebettet  liegt  dann  erst  dieser 
Streifenkörper.  Das  kann  nur  die 
Gebärmutter  sein ;  hätte  der  Bild- 
ner die  Scheide  zur  Darstellung 
bringen  wollen,  so  hätte  er  sie 
in  Kontinuität  mit  der  \'ulva  mo- 
delliert. Die  Unmasse  solcher 
Votivkörper  spricht  außerdem  aber 
auch  noch  ein  deutliches  Wort. 
Die  äußeren  weiblichen  Genitalien  als  Exvotos  kommen  relativ 
selten  vor,  wir  sahen  sie  in  Griechenland  als  Weihgeschenke  von 
Hetären  an  Aphrodite.  Wir  finden  sie  gelegentlich  in  ähn- 
licher Form  auch  in  dem  etrusko-latinischen  Kreise  (s.  Fig.  103). 
Die  inneren  weiblichen  Organe  aber  mit  dem  ewigen  Wechsel  und 
den  ewigen  Störungen  ihrer  Funktion  gaben  von  jeher  die  häufigste 
Gelegenheit  fĂĽr  WĂĽnsche,  Hoffnungen  und  BefĂĽrchtungen  und 
damit  fĂĽr  GelĂĽbde.  Und  gerade  das  scheue  weibliche  Geschlecht 
wandte  sich  damals  in  erster  Linie  an  die  offenen  Heilstätten  und 
Tempel   der  Götter,    da   der  Besuch   beim  Spezialarzt   für   Frauen- 


Ro7ii,  Museum  in   Villa  Giulia. 

Fig.   103.     Vulva.     Terrakottavotiv. 


OVARIUM. 


^95 


leiden  noch  nicht  zu  den  tägHchen  Gewohnheiten  einer  feinen 
Dame  gehörte. 

Scheint  so  dieser  innere  Körperteil  der  Frau  vom  medizinischen 
Standpunkt  sichergestellt,  so  ist  das  in  viel  weniger  einwandfreier 
Form  von  dem  Körper  der  Fall,  welcher  sehr  häutig  in  ungefährer 
Mitte  des  Fundus  dem  Uterus  anliegt.  Meiner  Schätzung  nach 
kommt  dieser  Nebenkörper  ungefähr  nur  in  einem  Dritteil  der  von 
mir  gesehenen  Fälle  vor  (s.  auch  Fig.  93  u.  102).  Bei  der  Er- 
klärung dieses  Körpers  befinden  wir  uns  wiederum  in  einer  Schwie- 
rigkeit und  im  Gegensatze  zu  den  historisch  ĂĽberlieferten  Kennt- 
nissen der  antiken  Griechenanatomie.  Die  Darstellung  dieses 
rundlichen  oder  olivenartig  geformten  Nebenkörpers  variiert  da- 
durch, daĂź  derselbe  entweder  mit  oder  ohne  Verbindung  zu  dem 
Uterushalse  zur  Darstellung  kommt.  Meist  allerdings  sehen  wir 
seine  Verlängerung  bis  an  den  Rand  des  Orificiums  herantreten. 
Hat  aber  der  Keramiker  an  dem  Muttermunde  eine  zentrale  Ă–finung 
angebracht,  so  habe  ich  keinen  einzigen  dieser  Nebenkörper  beob- 
achtet, welcher  entweder  in  dieses  Loch  einmĂĽndet  oder  selbst  eine 
Ă–ffnung  oder  Delle  hat.  Diese  sichere  Beobachtung  spricht  schon 
ein  gewichtiges  Wort  gegen  die  Auffassung,  daĂź  es  sich  um  die 
Blase  handeln  könnte,  wie  Stieda  meint.  Denn  es  erscheint  mir 
vom  Standpunkt  des  naiven  Spenders  tĂĽr  ausgeschlossen,  daĂź  der- 
selbe eine  geschlossene  Wasserblase  in  den  Tempel  tragen  wĂĽrde. 
Hatte  er  mit  der  Blase  Schwierigkeiten,  so  werden  diese  in  den  aller- 
meisten Fällen  wohl  in  der  Entleerung  des  Wassers  bestanden  haben 
und  er  wollte  auch  am  Votiv  eine  Ă–ffnung  sehen. 

Zu  dieser  Ăśberlegung  kommt  noch  die  Erfahrung,  daĂź  der 
Nebenkörper  auf  beiden  Seiten  der  Gebärmutter  vorkommt,  aller- 
dings immer  einzeln.  Eine  Gebärmutter  mit  zwei  Nebenkörpern 
ist  mir  nicht  zu  Gesicht  gekommen.  Curätulo  hält  diesen  Neben- 
körper für  den  Eierstock.  Stieda  weist  darauf  hin,  daß  unter  der 
Voraussetzung,  daĂź  die  Alten  die  Bedeutung  der  Ovarien  und  ihre 
Beziehungen  zum  Uterus  gekannt  hätten,  sie  dann  zwei  solcher 
Nebenkörper   hätten    darstellen   müssen.      Er   hält    demnach    diesen 


196  EXVOTOS. 


Körper,  in  konsequenter  Auffassung  des  Hauptkörpers,  als  Scheide 
für  die  Blase.  Wenden  wir  uns  nun  wiederum  zur  Auflösuno- 
dieses  anatomisch-historischen  Rebusses  an  die  Florentiner  Figur, 
so  gibt  diese  uns  wiederum  eine,  wie  mir  scheint,  ziemlich  exakte 
Antwort.  Auf  der  Skizze,  die  FloĂź  in  seinem  Werke  gibt,  fehlt 
dieser  Nebenkörper,  der  in  Wirklichkeit  aber  in  besonders  schöner 
Form  zur  rechten  Seite  des  Streifenkörpers  sich  befindet.  Es  wäre 
eine  Unmöglichkeit,  die  Wasserblase  in  dieser  Weise  zu  schildern 
und  dieselbe  mehr  als  handbreit  oberhalb  der  Vulva  endigen  zu 
lassen.  Wir  müssen  also  wohl  oder  übel  diesen  Nebenkörper  als 
Adnex  auttassen,  obwohl  uns  die  literarische  Hinterlassenschaft  der 


Griechenärzte  in  dieser  Überlegung  nicht  unterstützt.  Aristoteles 
scheint  die  Adnexe  noch  nicht  gekannt  zu  haben,  während  Hero- 
philos,  der  Alexandriner,  mit  dem  verschiedenen  Verhalten  des  Gebär- 
mutterhalses auch  der  Eierstöcke  und  der  Muttertrompeten  Erwäh- 
nung tut.  Der  eigentliche  Entdecker  der  Tuben,  die  dann  1330 
der  Italiener  Falloppia  von  neuem  fand,  war,  wie  Galenus  be- 
richtet, der  zu  Aristoteles'  Zeiten  lebende  Philotimos  (290  v.  Chr.). 
Bei  diesen  Ăśberlegungen  dĂĽrfen  Avir  aber  nicht  aus  den  Augen 
lassen,  daĂź  es  sich  schlieĂźlich  hier  um  anatomische  Vorstellungen 
der  Etrusker  gehandelt  hat,  deren  Bildungsgrad  uns  ausschlieĂźlich 
aus  ihrer  sepulkralen  Hinterlassenschaft  bekannt  wurde.  Aus  dieser 
aber  dart,  wie  überhaupt  aus  Gegenständen  religiösen  Kultes,  kein 
Rückschluß  gezogen  werden  auf  die  Höhe  gleichzeitiger  wissen- 
schaftlicher Erkenntnis.  Wir  dĂĽrfen  nicht  vergessen,  daĂź  es  sich 
um  Volksvorstellungen  handelt,  bei  denen  die  Tradition  eine  do- 
minierende Stellung  einnimmt;  wir  dĂĽrfen  ferner  nicht  vergessen, 
daĂź  diese  anatomischen  Kenntnisse  sich  auf  Tierschau  grĂĽnden; 
das  gibt  uns  wiederum  die  Aufklärung,  wieso  nur  eine  Adnex 
dargestellt  wurde,  weil  bei  Tieren  an  jedem  Hörn  nur  ein  Eier- 
stock sich  befindet;  diese  Tradition  pfianzte  sich  fort  auf  die 
Erben  der  Etrusker,  auf  die  Römer;  als  das  große  römische  Reich 
längst  in  Trümmern  lag,  als  andere  religiöse  Vorstellungen  die 
Weit   erfüllten,    da    spendeten    die    christlichen  Römerinnen  immer 


DARME. 


197 


noch    die    etruskischen  Genitalien,    deren    Konturen    in    die  Gestalt 
und  die  Vorstellung  einer  Kröte  überflössen. 

AuĂźer  dem  Uterus  kommen  vereinzelt  noch  andere  Innenorgane 
vor,  doch  gehören  sie  dergestalt  zu  den  Seltenheiten,  daß  in  Samm- 


Orig.-Aiifti.  ,    1'1,'rcnz,  Etrusk    Museum. 

Fig.   104.     Darm.     Terrakottavotiv. 

lungen  von  vielen  Hundert  Einzelexemplaren  sich  nur  einmal  der  eine 
oder  andere  Gegenstand  dieser  Art  vorfindet.  Als  zweifelloses  Ab- 
bild können  wir  da  zunächst  einen  Kehlkopf  mit  Trachea  aus  dem 


^.^^^ 


Orig.-Aujn.     Florenz,  Etrusk.  Mus. 

Fig.  105.     Mastdarm.     Terrakottavotiv  (ca.  Vs  verkl.). 

Thermenmuseum    anerkennen.      Die    Ringe    der    letzteren    sind    so 
charakteristisch,  daĂź  eine  Verkennung  ausgeschlossen  ist. 

Der  in  der  Villa  di  Papa  Giulio  bisher  als  Schlund  mit  deut- 
licher Bildung  von  Gaumen  und  Zäpfchen  angesprochene  Körper 
hat  sich  als  Gußform  einer  säugenden  Frau  herausgestellt    (Dr.  della 


198 


EXVOTOS. 


f 


f 


Orig.-Anfn. 
Florenz,  Etrusk.  Mus. 

Fig.  106.     Organexvoto. 


Seta).  Das  Zäpfchen  war  die  Cäsur  zwischen  den  Brüsten;  ein  be- 
achtenswerter Hinweis  auf  diagnostische  Re- 
serve. Die  Sammlungen  zeigen  lauter  Varian- 
ten, weil  wohl  alle  diese  Körper  ihrer  einfachen 
Form  wegen  aus  der  Hand  modelliert  und  nicht 
gepreĂźt  wurden.  Daher  ihre  Unterschiede  in 
Form  und  Gestalt.  Wie  man  heute  bei  den 
Wachsziehern  SĂĽddeutschlands  und  in  den 
Juwelierläden  Griechenlands  und  der  Türkei 
immer  wieder  dieselben  Glieder  und  Formen 
aus  Silberblech  findet,  so  in  der  antiken  Zeit 
in  den  Töpfereien.  Doch  glückt  gelegentlich 
der  Fund  eines  außergewöhnlichen  Stückes.  So 
fand  ich  in  Neapel,  Rom  und  Florenz  je  einen 
meist  auf  flacher 
Unterlage  aufliegenden  beutelähn- 
lichen Körper,  der  sich  nach  einer 
Seite  halsähnlich  verjüngt.  Der  Aus- 
führungsgang macht  regelmäßig  eine 
Drehung  und  öffnet  sich  dann  wieder 
zu  w'eiterer  MĂĽndung.  Charakteristisch 
ist,  daĂź  eine  doppeltkonturierte  Linie, 
die  über  den  Hohlkörper  verläuft,  sich 
auf  den  Hals  erstreckt.  Nehmen  wir  i 
nun  an ,  daĂź  die  von  uns  gezeigten  | 
Abbildungen  (s.  Fig.  106,  107  u.  108) 
von  den  Originalien  in  Neapel,  Rom 
und  Florenz  denselben  Körper  vor- 
stellen sollen ,  und  daß  der  größere 
aus  dem  römischen  Antiquarium  nur 
ein  besser  und  detaillierter  ausgefĂĽhr- 
tes Exemplar  ist ,  so  können  wir  in  der  Deutung  des  Exvoto  nur 
zwischen  der  gewollten  Darstellung  des  Herzens  oder  der  Wasserblase') 


Oi-ig.'Aji/n.     Florenz,  Elrusk.  Mus. 

Fig.  107.     Organexvoto. 


')  Waldeyer  denkt  laut  brieflicher  Mitteilung  noch  an  die  Gallenblase. 


BLASE. 


199 


schwanken.  Die  von  anderer  Seite  ausgesprochene  Ansicht,  daĂź 
es  sich  um  das  Slcrotum  handele,  können  wir  wegen  des  eigen- 
artigen Halsteiles  nicht  zu  der  unsrigen 
machen;  auch  spricht  die  sonst  so  häufige 
Darstellung  dieses  Teiles  als  Exvoto  in 
Zusammenhang  mit  dem  xMembrum  da- 
gegen. Namentlich  die  Gefäßzeichnung  auf 
der  Figur   mit  ihrer  Teilung,  lerner  auch 


Orig.-.Uifn .     Florenz. 

Fig.  109.     Etrusk.  unbestimmbares  Körpervotiv. 


/  ^ 


Orig.-Aitfii.     Koin,  Atitiqttariinn . 

Fig.  loS.     Organexvoto  (Herz?). 


die  weite,  wie  kollabiert  aussehende  MĂĽndung  erinnert  entfernt  an 
ein  herausgenommenes  Tierherz  (s.  Fig.  108).  Wir  haben  dabei  schon 
gezeigt,  daĂź  tĂĽr  diese  Darstellungen 
einer  Volkskunst  die  kontemporäre  wis- 
senschaftliche Kenntnis  oder  Unkennt- 
nis kein  Kriterium  abgibt.  Geben  die 
Abbildungen  der  Florentiner  Exvotos 
(Fig.  104  u.  103)  einen  deutlichen  Hin- 
weis dafĂĽr,  daĂź  hier  DĂĽnndarm  und  der 
innereMastdarm  dargestellt  werden  sollte 
(der  letztere  in  Anlehnung  an  einen  prolabierten  Pferdedarm),  so  geben 
uns  die  mehrfach  vorkommenden  Körper  (s.  Fig.  109  u.  1 10)  ein  voll- 
kommenes Rätsel  auf.   Ihre  Fundstelle  zusammen  mit  unzweifelhaften 


Orig .  -  A  n/n .     Flor  et, 

Fig.  HO,     Votiv? 


200  EXVOTOS. 


Donarien  sichert  aber  ihre  allgemeine  Stellung,  aber  welches  Organ 
im  besondern  gemeint  war,  das  können  wir  nur  vermuten  und  raten. 


EINGEWEIDESITUS  UND  -TRAKTUS. 

Im  Mittelpunkte  des  Interesses  der  anatomischen  Weihgeschenke 
ĂĽberhaupt  stehen  nun  die  Stiftungen,  welche  einen  Eingeweidesitus 
oder    Eingeweidetraktus    darstellen.      Also    kein    einzelnes    Organ, 
sondern  gewissermaĂźen  die  ganzen  Eingeweide  zusammen.    Ludwig 
„<->-*>^:.^  Stieda,  welcher  diesen  Dingen  zuerst  seine 

""'!  Aufmerksamkeit  widmete,  unterschied  be- 
^jÄ  reits  aus  einem  relativ  kleinen  Beobachtungs- 
material  zwei  Gruppen ,  die  »Torsos  mit 
Eingeweidedarstellungen«  und  die  sogenann- 
ten »Eingeweidetafeln«  mit  der  Unterab- 
teilung der  sogenannten  »Budelle«.  Wir 
wollen  zunächst  der  Zweckmäßigkeit  halber 
bei  dieser  Einteilung  bleiben  und  zur  Cha- 
rakterisierung dieser  bildlichen  Darstellungen 
übergehen.  Das  Material  ist  in  allen  Fällen 
mit  Ausnahme  einer  einzigen  Marmorarbeit 
der  gebrannte  Ton.  Die  interessantere 
Fig.  III.    Eingeweidetorso.      Gruppe  kennzeichnet  sich  nun  dadurch,  daĂź 

Der  H  a  1  s  t  e  i  1  dokumentiert  das  Exvoto.  -  i  i    i  *     i  t»  r      /^        •        -^  t 

em  nackter  menschhcher  Kumpt  (mit  Vor- 
liebe ein  weiblicher)  oder  auch  ein  mit  dĂĽnnem  (icwandc  be- 
kleideter einen  geöffneten  Bauch  oder  auch  Brustkasten  zeigt  und 
daĂź  man  in  ihm  Eingeweide  zutage  treten  sieht. 

Die  andere  Klasse  umfaĂźt  solche  Darstellungen  ĂĽbereinstim- 
menden Inhaltes  und  Materials,  bei  denen  jedoch  die  Eingeweide- 
platte nicht  auf  einem  Körper  aufsitzt,  sondern  isoliert  zur  Dar- 
stellung kam.  Das  Beobachtungsmaterial  hat  sich  mit  der  Zeit 
erheblich  vergrößert.  Außer  den  elf  von  Stieda  untersuchten  Ein- 
geweidekörpern konnte  ich  in  den  Bereich  eigener  Beobachtungen  eine 
weitere  Anzahl  ziehen  und  mich  gleichzeitig  auf  die  Untersuchungen 


EINGEWEIDE. 


201 


der  Madrider  sowie  der  Capuaner  Sammlung  durch  Regnault')  und 
der  des  Museon  Civico  in  Modena  durch  Gustav  Alexander') 
stĂĽtzen.  Die  fĂĽr  mich  in  der  Beurteilung  dieser  Fragen  ausschlag- 
gebenden StĂĽcke  befinden  sich  in  der  etruskischen  Abteilung  der 
Vatikanischen  Sammlung  und  vor  allem  in  der  schönen  Kollektion 
in  Florenz. 

Die  Anordnung  der  Eingeweide  und  ihre  Anbringung  an  den 
Torsos  ist  eine  verschiedene.  Wir  können  die  Beobachtung  machen, 
daĂź  die  erhaltenen  ganzen  Figuren  entweder  den  Eindruck  machen, 
als  wenn  sie  tatsächlich  von  Haus  aus  für 
diesen  Zweck  hergestellt  sind,  d.  h.  wir 
finden  z.  B.  einen  Oberkörper,  bei  dem 
der  Halsteil  schon  den  unzweifelhaften 
Beweis  liefert,  daĂź  er  als  Exvoto  gear- 
beitet ist.  Als  Beleg  dafĂĽr  betrachte  man 
das  Weihgeschenk  aus  dem  Thermen- 
museum (s.  Fig.  in)  oder  die  StĂĽcke  aus 
Modena.  Auf  der  anderen  Seite  aber  finden 
wir  Statuen,  die  zunächst  ihrem  ganzen 
Habitus  nach  zu  anderen  Zwecken  geformt 
waren  und  in  die  dann  später  die  Ein- 
geweideplakette gewissermaĂźen  eingelassen 
ist,  ähnlich  wie  bei  den  anatomischen  Buch- 
illustrationen des  i6.  Jahrhunderts.  Den 
deutlichsten  Hinweis  auf  diese  Vorgeschichte  solcher  Statuen  liefert 
die  schöne  Figur  aus  dem  Nemisee  (s.  Fig.  93).  Auf  dieser  näm- 
lich sowie  auch  aut  zwei  von  Stieda  abgebildeten  Figuren  tragen 
diese  Statuen  ein  Gewand.  Auf  dieses  Gewand  ist  dann  einfach 
das  Eingeweidevotiv  angebracht. 

Die   Öffnung   zur   Einsicht   in    die   innerlichen   Verhältnisse   ist 
meistens  in  der  Weise  vorgenommen,  daĂź  eine  eirunde  schĂĽsselartige 


Fig.  112.     Eingeweidetorso. 

Der  Körper  abgebrochen. 


')  F.  Regnault,  Les  Exvotos  pathologiques  romains.     L'homme  prthist.  iqio. 
')  Gustav   .â– \  lex  ander,    Zur   Kenntnis   der   etrusk.  Weihgeschenke.     Bonnet-Merkels 
Anatom.  Hefte.     1905. 


202 


EXVOTOS. 


Fig.  113.     Eingevveideplatte. 


Platte  zur  Aufnahme  der    Eingeweide- 
bilder angebracht  ist.     Doch  wird  auch 
.  ^^^^  ein    medaillonförmiger   Ausschnitt    be- 

t  ^^^         obachtet.     DafĂĽr,  daĂź  das  Eingeweide- 

~  ^^^^     medaillon  den  Körpern  einfach  aufmon- 

tiert wurde,  spricht  auch  das  unpassende 
Größenverhältnis,  indem  gelegentlich  so 
durch  ein  zu  kleines  Medaillon  die  Brust- 
einseweide in  den  Bauch  verlegt  werden 
(wie  bei  der  schönen  Gewandfigur  aus 
Veji,  jetzt  im  Besitz  von  Geheimrat  Veit) 
oder  auch  indem  das  Medaillon  tĂĽr  die 
Statue  viel  zu  groĂź  ist,   wie  bei 

dem   FundstĂĽck   aus    dem  Zeus-  v^ 

tenipel  in  Terracina  (jetzt  Ther- 
menmuseum, Rom). 

Zu  der  zweiten  Art  dieser 
Eingeweide  ĂĽbergehend,  finden 
wir  zunächst  ziemlich  häufig  das 
isolierte  Medaillon.  Hierzu  können 
wir  nicht  diejenigen  StĂĽcke  rech- 
nen (s.  Fig.  1 1 2  u.  1 1 3),  bei  denen 
der  offenbar  vorhanden  gewesene 
Rumpf  teilweise  zerstört  wurde, 
sondern  wir  meinen  die  von 
S  t  i  e  d  a  und  später  auch  von 
Alexander  nachgewiesene  Form 
des  reinen  Medaillons.  Die  Dar- 
stellung desselben  variiert  in  der 
Weise,  daĂź  wir  auf  diesen  Ein- 
geweideplatten entweder  den  noch 
näher  zu  beschreibenden  Ein- 
geweidetraktus    (viscere)    finden  iv,v.-.^„/„.  Fio,-e«,. 

...  .         .  Fig.  1 1 4.    Gurgel,  Lungen  und  Eingeweide. 

oder  aber  isolierte  Därme  in  einer  Euusk.  Terrakotta 


EINGEWEIDETAFELN. 


203 


besonderen  Form  (Budelle)  (s.  Fig.  113).  Diese  Platten  lauten  ge- 
legentlich wie  die  Hände  in  runde  stumpfe  Handhaben  aus,  um  sie  in 
ein  Loch  (eine  Figur)  hineinzustecken.  Zu  diesen  bisher  beschriebe- 
nen Formen  kommt  nun  aber  noch  eine  weitere,  bisher  nicht  beach- 
tete Gattung  hinzu,  die  ich  zunächst  in  der  Vatikanischen  Sammlung 
sah,  später  auch  in  Florenz  gleich  in  einer  Anzahl  von  ca.  13  Hinzei- 
stĂĽcken entdeckte.  Diese  zeichnet  sich  dadurch  aus,  daĂź  hier  die 
ganzen    Eingeweide   nicht   im    Hochrelief  auf  einer   Platte   liegend 


Orig.-Ait/n.     Rom,    T/u 


rtneiinniseunt. 


Fig.  115.     Darmschlingen  (Terrakotta-Exvoto). 

plastisch  hervortreten,  sondern  daĂź  gewissermaĂźen  von  den  in  toto 
herausgenommenen  Brust-  und  Baucheingeweiden  ein  AbguĂź  gemacht 
wurde,  der  sich  als  Rundplastik  gibt  (s.  Fig.  114). 

Wir  kommen  jetzt  zunächst  zu  einer  wenn  auch  oberflächlichen 
Betrachtung  der  anatomischen  Darstellungen  selbst.  Da  jedes  ein- 
zelne Stück  verschieden  ist,  so  läßt  sich  nur  im  allgemeinen  sagen, 
daß  von  irgendeiner  genaueren  Zeichnung  menschlicher  Verhältnisse 
keine  Rede  sein  kann.  Mit  Bestimmtheit  ist  immer  nur  in  dem 
oberen  Schnittwinkel    der   rundliche,    oft   aus   dem  Thorax  zapfen- 


204 


EXVOTOS. 


förmig  herausspringende  Körper  als  das  Herz  anzusprechen.  Zu 
beiden  Seiten  erscheinen  dann  die  Kanten  der  LungenflĂĽgel,  unter 
ihnen  der  Magen,  oft  zu  beiden  Seiten  die  Nieren,  dann  fast  mit 
großer  Regelmäßigkeit  die  Därme  und  im  unteren  Schnittwinkel 
oftmals  die  Blase.  Die  Topographie  dieser  Keramiken  ist  aber  eine 
derartia;  ungenaue  und  wechselnde,  daĂź  es  uns  nur  im  wesentlichen 

darauf  ankommen  kann,  die 
Absicht  der  Darstellung  des 
menschlichen  Situs  anzuerken- 
nen. Hin  und  wieder  treut 
man  sich  an  der  ungefähren 
Richtigkeit  der  Magenform,  der 
Xierenlage  oder  eines  Darm- 
abschnittes. Es  ist  meines  Er- 
achtens  fĂĽr  die  Erkenntnis  die- 
ses interessanten  Gegenstandes 
von  Wichtigkeit,  daĂź  wir,  wie 
wir  später  sehen  werden,  aus 
ihnen  eine  Gruppe  isolieren 
mĂĽssen,  bei  der  mit  Absicht 
tierische  Eingeweide  gezeigt 
werden  sollten.  DaĂź  auch  bei 
den  menschlichen  »Viscere« 
tierische  Verhältnisse  Modell 
saĂźen,  ist  eine  andere  Sache. 
Unter  den  Eingeweideplatten 
zeichnen  sich  einige  durch  bessere  Arbeit  aus,  so  besonders  das 
groĂźe  Konvolut  von  Darmschlingen  aus  dem  Thermenmuseum 
(s.  Fig.  113),  bei  dem  man  doch  den  Eindruck  nicht  los  wird,  daĂź 
hier  der  Plastiker  menschliche  Verhältnisse  gekannt  und  abgebildet 
hat.  Unter  den  Einzelheiten,  die  besonders  interessieren,  erwähne 
ich  den  Torso  aus  dem  Magazin  des  Nationalmuseums  (s.  Fig.  116), 
bei  dem  in  der  oberen  Schnittapertur  durchschnittene  Rippen  in  der 
Wunde  sichtbar   sind.      Ich    erwähne    ferner,    daß   in   Modena    ein 


Orig.-Au/n.     Rom,  Diocl.  Thernwu . 

Fig.  116.     Exvoto  (Eingeweidesitus). 


EINGEWEIDE. 


205 


zweifellos  kindlicher  Eingeweidetorso  von  Alexander  be- 
schrieben und  abgebildet  wurde.  Zu  diesen  an  den  verschiedenen 
Plätzen  Italiens,  namentlich  auf  der  Tiberinsel,  in  Veji,  in  Lavi- 
nium,  im  Dianaheiligtum  von  Nemi,  im  Zeustempel  von  Terracina, 
in  Capua  gefundenen  Eingeweidekörpern  kommt  nun  noch  als 
bekanntestes  und  schönstes  Stück  der  Marmortorso  aus  dem  \'^atikan 
hinzu.     Diese  Arbeit  hatte,  als  ich  â– -'"  ^ 

sie  vormals  unter  all  den  TrĂĽmmern 
klassischer  Schönheit  neben  dem  be- 
reits erwähnten  Brustkorb  stehend, 
fand,  ein  solches  Interesse,  daĂź  ich 
sie  fĂĽr  die  mediko-historische  Ab- 
teilung des  Kaiserin  Friedrich- 
Hauses  abgieĂźen  lieĂź.  Nach  die- 
sem GuĂź  ist  unsere  Abbildung  her- 
gestellt. Es  muß  nun  zunächst 
betont  werden,  daĂź  nicht  nur  das 
edlere  Material  dies  StĂĽck  voll- 
kommen von  den  bisher  erwähnten 
Donarien  unterscheidet,  sondern 
daĂź  auch  die  vollkommenere  ana- 
tomische Darstellung  diese  Leistung 
von  den  anderen  abrücken  läßt.    Die 


Darstellung   verrät    bereits   größere 


Orig-Aicftt,     Rom,    l'hL^rmfyutiusettm. 

Fig.  117.     Eingeweidetorso. 


Kenntnis  und  zwar  ist  dasjenige 
Moment,  welches  als  prinzipiell  trennender  Faktor  gelten  kann, 
von  Stieda  ĂĽbersehen  worden,  trotzdem  es  im  Museumskatalog 
besonders  betont  ist:  das  Zwerchfell.  Es  scheint,  daĂź  auch  sonst 
dieser  so  genaue  und  objektive  Forscher  sich  an  seine  ĂĽberaus 
unzulängliche  Photographie  gehalten  hat,  welche  die  tatsächlichen 
Verhältnisse  in  den  wichtigsten  Punkten  verdunkelt.  Ein  Blick  auf 
unsere  Abbildung  zeigt,  daß  hier  zum  ersten  Male  die  Brusthöhle 
von  der  Bauchhöhle  durch  das  Zwerchfell  scharf  getrennt  ist.  Die 
Lungen  sind  kollabiert,  das  spindelförmige  Herz  tritt  zwischen  den 


206 


EXVOTOS. 


beiden  Lungenhälften  zutage  und  erinnert  in  seiner  Form  an  die 
isolierten  Exvotos  (Fig.  io8).  Es  springt  nicht  aus  dem  Körper 
lieraus  wie  auf  den  Fingeweidetorsos,  bei  welchen  man  unwillkĂĽr- 
lich an  ein  Mvisektionsbild  denkt.  Von  der  Leber  sehen  wir  den 
kleineren    linken  Lappen,    der   rechte   ist   fast   ganz  weggebrochen. 


Orig.-An/it.     Madrid. 

Fig.  u8.     Eingeweidetorso  (Gegend  von  Capua). 

Die  Leber  reitet  auf  einem  riesig  großen  geblähten  Magen;  in  der 
linken  unteren  Hälfte  erscheinen  noch  Darmschlingen.  Aut  der 
linken  Seite  beobachten  wir  drei,  rechts  nur  zwei  offenbar  kolla- 
bierte Luna,eniiĂĽgel.  Im  oberen  Ausschnitt  sind  eben  noch  die 
untersten  Tracheairinge  erkennbar.  Herausgebrochen  ist  nichts, 
wie  Stieda  annimmt;  Bruchstellen  des  Marmors  in  der  Höhle  sind 


MACHT  DER  TRADITION. 


207 


auf  dem  Abguß  nicht  bemerkbar.  Alles  in  allem  im  Verhältnis 
zu  dem  Schematismus  und  der  Naivität  der  anderen  Donarien  ein 
topographisch  erheblich  fortgeschrittenes  Sektionsbild. 

Es  wäre  nun  ein  Zeichen  kurzsichtiger  Beurteilung,  wenn  wir 
allein  aus  diesen  verschiedenwertigen  anatomischen  Darstellungen 
RĂĽckschlĂĽsse  ziehen  wollten  auf  die  Kenntnisse  der  Anatomie  zu 
damaliger  Zeit,  resp.  wenn  wir  aus  der  bekannten  und  lixierbaren 
anatomischen  Erkenntnis  einen  RĂĽck- 
schluĂź machen  wollten  aut  ein  verschie- 
denes Alter  und  Herkunft  dieser  Donarien. 
Denn  es  muĂź  gerade  bei  dieser  Art  re- 
ligiöser Darstellung  als  mächtiger  und 
gebietender  Faktor  die  Tradition  in 
Rechnung  gesetzt  werden.  Kraft  dieser 
malen  noch  heutzutage  russische  Heiligen- 
maler religiöse  Bilder  im  Stile  von  By- 
zanz;  Jahrhunderte  sind  tür  religiöse  Ge- 
bräuche und  Sitten  nur  ein  Tag;  und 
so  mĂĽssen  wir  annehmen,  daĂź  das,  was 
uns  die  italische  Erde  gleichzeitig  wieder- 
gab, zeitlich  doch  Jahrhunderte  ausein- 
anderliegt. Die  Sitte  der  Weihgabe  von 
Eingeweiden  blieb  bestehen ;  sie  wurde 
von  den  Etruskern  ĂĽbernommen,  dann  in 
den  römischen  und  später  in  den  christ- 
lichen Kult  eingefügt.  In  erster  Linie  wurde  der  Äskulap  damit 
geehrt,  doch  beweisen  die  Funde  bei  den  Kultstätten  anderer  Gott- 
heiten, welche  allerdings  auch  lokalen  Heilcharakter  trugen,  daĂź 
diese  Sitte  sich  verbreitert  hatte.  Wir  können  nach  allem  dem  von 
dem  Marmortorso  annehmen,  daß  er  aus  späterer  römischer  Zeit 
stammt  und  im  Heiligtum  auf  der  Tiberinsel  aufgestellt  war. 

Von  einer  etwss  abweichenden  Eingeweideplatte  des  Berliner 
Museums  habe  ich  immer  angenommen,  daĂź  hier  rein  tierische 
Verhältnisse   nicht   nur  porträtiert  waren,    sondern  auch  absichtlich 


Ori^. -All/n.  nach  Gif'iabgu/s.    l'atili.  Samml. 

Fig.  119.     Eingeweidetorso. 
Antiker  Marmor. 


208 


EXVOTOS. 


geschildert  wurden  (s.  Fig.  120).  DafĂĽr  sprach  mit  Sicherheit  die 
Krümmung  des  Halsteiles.  Dieses  Stücl^  zeigt  tatsächHch  ziemHch 
schematisch  die  ganzen  herausgenommenen  Eingeweide  eines  kleinen 
Säugetieres  vom  Schlünde  bis  zum  Alter.  In  anatomischer  Be- 
ziehung ist  die  Lappenbildung  der 
Lunge,  der  Ăśbergang  des  Magens  zum 
Darm  und  die  Kloakenbildung  inter- 
essant. Meine  Vermutung,  daĂź  die- 
ses Objekt  mit  der  religiösen  Tier- 
schau etwas  zu  tun  hat,  hat  sich  durch 
das  Studium  ähnlicher  Donarien  aus 
dem  Tempel  der  Dea  Fortia  in  \'ol- 
sinii  zur  Sicherheit  verdichtet.  Es 
handelt  sich  wohl  um  die  etruskische 
Fortuna  in  Bolsena,  welche  Stadt  später 
ja  durch  das  Wunder,  mehr  noch  durch 
Raffaels  Wunderbild  der  Messe  be- 
rĂĽhmt wurde.  In  einem  kleinen  Gar- 
tenraum des  etruskischen  Museums 
in  Florenz  hat  der  gelehrte  Direktor 
Milani  FundstĂĽcke  vereinigt,  die  fĂĽr 
unsere  Fratre  von  lundamentaler  Be- 
deutung  sind.  Auf  dem  heiligen  an- 
tiken Boden  bei  Volsinii  bestand 
offenbar  ein  besonderer  Dienst  fĂĽr  die 
Tierschau  der  Haruspices.  In  einem 
kleinen  Tempelbau  ist  alles  zusammen- 
gebracht, was  man  an  Ort  und  Stelle 
auch  zusammengefunden  hat:  eine 
ganze  Serie  von  Bronzestatuen  der  Haruspices;  ihr  ganzes  Instrumen- 
tarium fand  man,  eigenartige  Opfermesser  und  beinahe  moderne 
Kornzangen  in  Menge,  um  die  Eingeweide  hervorzuziehen.  Auch 
der  Altar  fehlt  nicht,  auf  dem  geschlachtet  wurde.  Man  fand 
ferner  eine  Reihe  von    Goldblättchen,    in  welche  Augen  eingraviert 


Ori_^.-.-hi//i.     Bcrl.  alt.  Museum 

Fig.  120.    Tierischer  Eingeweidetraktus, 

Exvoto  der  Haruspices. 


WEIHGABEN  DER  HARUSPICES. 


209 


waren,  meistens  Einzelaugen,  doch  aucli  solche  in  paarweiser  An- 
ordnung; sicher  keine  Votivaugen  im  Sinne  des  Exvotos  fĂĽr  Ge- 
nesung von  Augenleiden,  sondern  Dank-  oder  Bittgesuche  von 
Auguren  fĂĽr  einen  giinstigen  prophetischen  Blick.  Um  das  Maschen- 
werk lĂĽckenlos  zu  gestalten,  fand  man  ebendort  eine  Reihe  von 
Eingeweidetraktus.  Diese  Einge- 
weide aus  Terrakotta  sind  gewisser- 
maĂźen x\bgĂĽsse  der  von  Schafen 
und  Ziegen  stammenden  inneren 
Organe ;  solche  werden  namentlich 
zur  Osterzeit  in  südlichen  Ländern 
als  billigere  Ware  an  Stangen  her- 
umgetragen und  feilgeboten.  Der 
Schlund  und  die  Gurgel  mitsamt 
der  Luftröhre  sind  nun  regelmäßig 
bei  diesen  Tiereingeweiden  ähnlich 
wie  bei  der  Berliner  Platte  herum- 
gebogen. Die  körperliche  Form 
bringt  es  aber  mit  sich,  daĂź  diese 
Biegung  die  Hauptachse  der  Einge- 
weide im  Winkel  trifft  und  so  einen 
Traghenkel  fĂĽr  das  ganze  Einge- 
weidepaket bildet.  i\n  einem  Exem- 
plar beobachtete  ich  noch  die  unter- 
sten Rippen  und  die  extraperitoneale 
Lage  der  Nieren.  Im  ganzen  sind 
diese  Donarien  von  ziemlich  gleicher 
Größe,  doch  ist  das  im  Museum 
selbst  ausgestellte  StĂĽck  doppelt  so  groĂź  und  besser  ausgearbeitet 
wie  die  anderen')  (s.  Fig.   121). 

Es  ist  jetzt  zunächst  die  für  uns  wichtigste  Frage  zu  diskutieren, 
zu  welchem  Zweck  und  bei  welcher  Krankheit  man  die  Viscere 
und  Budelle  opferte.     Der  Annahme,   daĂź  dies  bei  solchen  inneren 

')  Ähnlich  gestaltete  Exvotos  befinden  sich  in  dem  etrusk.  Zimmer  der  Vatikan.  Sammlung. 

Holländer,  Plastik  und  Medizin.  "* 


Orig.-Aufn.     Florenz,   Etrusk    iMiiseuiil. 

Fig.  121.     Eingeweidetraktus. 


2  I O  EXVOTOS. 


Krankheiten  geschah,  deren  Sitz  man  selbst  nicht  diagnostizieren 
konnte,  kann  man  mit  dem  einfachen  Hinweis  begegnen,  daĂź  in 
solchen  Fällen  die  Weihgabe  männlicher  oder  weiblicher  Körper  am 
Platze  war.  Ciiratulo  behauptet  mit  Sicherheit,  daĂź  diese  Art  von 
Exvotos  dazu  bestimmt  war,  einen  operativen  Eingriff  in  der  Bauch- 
höhle zu  bezeugen.  Und  da  in  jener  Epoche  der  Kaiserschnitt  die 
einzige  Veranlassung  fĂĽr  eine  Laparotomie  war,  so  nimmt  er  an,  daĂź 
diese  eigentĂĽmliche  Form  von  Weihgeschenken  der  glĂĽcklichen  Ăśber- 
stehung dieser  schweren  Operation  zu  danken  sei.  Der  Hinweis  auf 
den  männlichen  und  den  kindlichen  Eingeweidetorso  erledigt  allein 
schon  diese  gewagte  Hypothese.  AuĂźerdem  widerspricht  die  von 
diesem  Autor  in  seinem  schönen  Buche  selbst  gebrachte  Abbildune; 
der  durchschnittenen  Rippen  dieser  Auffassung.  Dann  ist  wieder  be- 
hauptet worden,  daß  es  sich  um  anatomische  Lehrpräparate  handeln 
könne  und  man  berief  sich  auf  das  Geschenk  des  Hippokrates  in 
Kos.  Diese  Annahme  fällt  aber  für  die  etrusko-römischen  Weih- 
geschenke  deshalb  weg,  weil  wir  in  diesen  vielfach  handwerksmäßig 


j^x-^^iiv.,.....^        ^.v,^.ji.....  •>    ^J,,  vvv.ll        vv    11       1.1      Vll^j^ll       V    1V.111H.H       IJCIIH.1    \V    l.lI\0111tlUlg 

ausgeführten  Tafeln  höchstens  einen  ideellen  Hinweis  auf  ana- 
tomische \'erhältnisse  erblicken  können  und  weil  andererseits  die 
Aufstellung  dieser  Weihgeschenke  mit  Sicherheit  auch  an  solchen 
Plätzen  nachgewiesen  ist,  wo  von  einer  Aledizinschule  keine  Rede 
sein  kann,  wie  z.  B.  in  Nemi.  Wenn  wir  uns  nach  einer  einiger- 
maßen plausiblen  Erklärung  für  diese  doch  in  Wirklichkeit  höchst 
eigentĂĽmlichen  menschlichen  Eingeweidevotive  umsehen,  so  werden 
wir  auf  den  richtigen  Weg  gefĂĽhrt  durch  die  analogen  Donarien 
der  Haruspices.  Wir  mĂĽssen  es  als  sichergestellt  annehmen,  daĂź 
diese  Priesterklasse  ihrer  Göttin  neben  Weihgeschenken  in  Gold  auch 
tönerne  tierische  Eingeweide  schenkte.  Es  ist  ja  möglich,  daß, 
da  wir  heute  die  technische  Seite  dieser  Tierschau  nicht  mehr 
kennen,  in  der  verschiedenen  Topographie  dieser  Dedikationen  Hin- 
weise auf  einzelne  wirklich  beobachtete  besondere  Befunde  enthalten 
sind.  Doch  wahrscheinlich  war  der  Vorgang  nicht  so  kompliziert 
und  das  Eingeweidevotiv  war  das  ofhzielle  Geschenk  der  Tier- 
schaufunktionäre an  ihre  Gottheit.     Lst  diese  Auffassung  richtig  — 


WEIHGABEN  DER  HARUSPICES. 


211 


und  das  Studium  der  Milanischen  Zusammenstellung  zwingt  zu 
solcher  Anerkennung  — ,  so  haben  wir  damit  die  einwandsfreie 
Aufklärung  gefunden  für  die  korrespondierenden  Weihgaben  mensch- 
licher Eingeweidetorsos.  Sie  stellen  \\\-i  hgesch  enke  dar  der 
Ärztekaste  an  ihren  Heilgott.  Das  Vorbild  der  Haruspices 
fĂĽr  die  Dea  Fortia  in  Volsinii  steht  mit  Bezug  auf  die  Art  der 
Weihgabe  nicht  vereinzelt  da;  wissen  wir  doch,  daĂź  z.  B.  die  San- 
dalenmacher der  Göttin  »Blaute«  Sandalen  weihten  in  natura  und 
in  effigie.  Wie  kann  es  da  wamdcrn,  wenn  Ärzte  dasselbe  taten  und 
die  Verkörperung  ihrer  Tätigkeit  in  den  Tempel  trugen.    Von  diesem 


Orig.-Au/ti.     AtlifH,  Schliemann-Sammlnng, 

Fig.  122.     Darmschlingen.     Exvoto  aus  Stein  (gef.  in  Myl^ene). 

Standpunkte  aus  erklären  sich  meines  Erachtens  ganz  ungezwungen 
diese  in  Ton  und  Marmor  gearbeiteten  Darstellungen  des  Körper- 
inneren, welche  bisher  den  Ausgangspunkt  fĂĽr  aberteuerliche  Hypo- 
these bildeten. 

Es  wäre  nun  aber  falsch,  diese  Behauptung  in  der  Weise  zu 
verallgemeinern,  daĂź  wir  alle  solche  Eingeweideplatten  in  diese 
Erklärung  aufnehmen.  Entsprechend  der  Erkrankung  innerer  Organe 
und  ihrer  Diagnose  werden  unter  diesen  Donarien  natĂĽrlich  auch 
vereinzelte  Krankheitsfälle  sich  befunden  haben.  Das  wird  man 
mit  Wahrscheinlichkeit  namentlich  fĂĽr  diejenigen  Eingeweideplatten 
annehmen,  welche  im  besonderen  nur  ein  Eingeweideteil,  z.  B.  den 


212 


EXVOTOS. 


Darm  plastisch  verkörpern.  So  wird  es  auch  heute  nicht  mehr  zu 
entscheiden  sein,  in  welche  dieser  Kategorien  ein  Eingeweidevotiv 
fällt,  welches  wohl  als  ältestes  in  Anspruch  genommen  werden 
darf.  Ich  meine  das  Paket  DĂĽnndarmschlingen,  aus  Stein  sear- 
beitet,  welches  sich  in  dem  Schutt  von  iMykene  fand  und  vielleicht 
ungefähr  um  das  Jahr  600  ante  Christum  zu  datieren  ist  (s.  Fig.  122 
u.  123).  Den  Gegenstand  faiid  ich  unter  den  Schliemannschen  Fund- 
objekten  in  Athen.  Die  Bearbeitung  des  harten  Steines  ist  eine 
sorgfältige  und  ähnelt  das  Ganze  oberflächlich  den  etruskischen 
Budelle.  Die  nähere  Betrachtung  zeigt  aber  den  Unterschied,  daß 
bei  dem  mvkenischen  Stück  die  Beziehung  des  Gekröses  zum  Darm 


Orig-.-Aiifjt.     Athen. 

Fig.  123.     Die  mykenischen  Darmschlingen  von  der  Seite. 

verkannt  ist,  und  Strangulationen  modelliert  sind.  Als  Anathem 
aber  offenbart  es  sich  auch  durch  die  glatte  Basis,  in  welche  tiefe 
Bohrlöcher  gehen,  die  den  Beweis  bringen,  daß  es  einstmals  auf 
einer  Unterlage  befestigt  war. 

Als  sehr  erwünschte  Ergänzung  dieser  Untersuchungen  können 
die  Funde  gelten,  welche  Felix  Regnault  an  drei  Kollektionen 
gemacht  hatte,  die  bisher  nicht  veröffentlicht  waren').  Die  beiden 
ersten  Sammlungen  wurden  einige  Kilometer  nördlich  von  Capua  bei 
Calvi  gefunden  (1868);  die  erstere,  welche  mehrere  tausend  einzelne 
StĂĽcke  umfaĂźt,  wurde  vom  Marquis  von  Salamanca  dem  Madrider 
Archäologischen  Museum  übergeben;  die  zweite,  aus  derselben 
Gegend,  befindet  sich  im  Museum  von    Neapel,  wo  ich  sie  kĂĽrz- 

')  Regnault,  Les  Exvotos  pathologiques  romains  L'Homme  Prcliistorique.     Nov.  1910. 


DIE  VERSCHIEDENEN  SAMMLUNGEN. 


213 


lieh    untersuchen    konnte.      Offenbar   stammen    beide   Kollektionen 
aus  einer  in  der  Xähe  von  Capua  gelegenen  Fabrik  solcher  Terra- 
kottawaren,   die    dort    noch    im   2.  Jahrhundert   n.  Chr.    existierte. 
Die   dritte  Kollektion   befindet   sich   noch   im  Museum  von  Capua. 
Diese  enthält  mehrere  tausend  Stücke,  und  unter  ihnen  befindet  sich 
eine  groĂźe   Anzahl   von    GuĂźtormen.     DaĂź   in   dieser  Gegend   eine 
groĂźe  Industrie   von  Terrakottamanufakturwaren  war,  dafĂĽr  spricht 
auch  das   häufige  \''orkommen    von    größeren  Tonwerken :    lebens- 
große Frauendarstellungen,  die  ein  Kind  tragen  oder  säugen  (Venus 
Lucina,    Hermaphroditen    und    \^enusdarstellungen)').      Um    einen 
Begriff'   von    der    Zusammensetzung    der   Madrider    Sammlung    zu 
geben,  finden  wir  dort  3  Büsten,  940  Köpfe,   124  halbe  Profilköpfe, 
329  Masken  mit  der  oberen  Gesichtshällte  bis  zum  Munde,  21  Beine, 
516  Füße,  3  Arme,    140  Hände  und  )S6  Brüste,   Gebärmütter  und 
männliche   Geschlechtsteile.      Im    Gegensatz    zu    den    Gegenständen 
anderer   Sammlungen    finden    sich    in    der   Madrider    weder   Ohren 
noch    Augen,    noch    innere   Organe.      Die    als    Gebärmutter   ange- 
sprochenen Körper    fehlen   dagegen    im  Museum    von  Capua,    statt 
dessen    existieren   einige   wenige  Augen   und  Ohren.     Hin  einziger 
Madrider  Körper  zeigt  im  Epigastrium   eine   große   dreieckige  Öff- 
nung,   welche    die    Eingeweide    erkennen    läßt   (s.  Fig.   118).     Der 
Liebensw^ürdigkeit    des    Sekretärs    des    Archäologischen    National- 
museums, Francisco  Alvarez-Ossorio,  verdanke  ich  eine  Aufnahme 
desselben.    Aut  den  ersten  Blick  sehen  wir,   daĂź  dieses  VotivstĂĽck 
völlig   verschieden    ist    von    den    etruskischen    Vorlagen ;    es   verrät 
griechischen  Geschmack.     Vielleicht  dĂĽrfen  wir  annehmen,  daĂź  der 
Torso  auf  eine   archaische  JĂĽnglingsstatue   zurĂĽckgeht.     Das    ana- 
tomische   Interesse    des    StĂĽckes    ist   gering;    auĂźer   den    deutlichen 
Darmwindungen     erkennen    wir    noch     die    Ränder    eines    Organs, 
welches    eventuell    die  Leber   sein    kann;    ob  man   es  wagen  kann, 
zwischen  den    beiden  Lappen  die  Gallenblase    zu    sehen,    ĂĽberlasse 
ich  der  Auflassung  des  einzelnen. 


S.  auch  die  etruskische  Kollektion  des  Vatikan. 


214  EXVOTOS. 


DIE  ÄLTESTEN  DARSTELLUNGEN  DER  LEBER. 

Obwohl  dieser  Gegenstand  unsere  Arbeit  nur  eben  berĂĽhrt,  wollen 
wir    doch    im  AnschluĂź  an  die  etrusko-latinischen  Votivgabcn  von 
inneren  Teilen  die  körperlichen  Darstellungen  der  Säugetierleber  er- 
wähnen.    Drei    plastische  Leberdarstellungen   aus  antiker  Zeit  sind 
uns  bekannt:  die  Bronzeleber  von  Piacenza,   1877  gefunden;  ferner 
die  Alabasterleber   aus    dem   Museum    der  Stadt  Volterra,    und    als 
weitaus   ältestes  Stück    die   babylonische  Leber,    die   etwa  aus  dem 
3.  Jahrtausend  v.  Chr.  Geburt  stammt.    Ăśber  die  vergleichend  ana- 
tomischen Verhältnisse  bei  den  in  Betracht  kommenden  Tierlebern 
unter  BerĂĽcksichtigung   der  Lappenbildung   orientiere   man   sich   in 
der  wichtigen  Arbeit  von  Stieda');  wir  begnĂĽgen  uns  damit,  seine 
SchluĂźfolgerung,    daĂź  es  sich  um  die  Darstellung  einer  Schafsleber 
handelt,  testzustellen,  und  den  wahrscheinlichen  Zweck  der  Gegen- 
stände   zu   besprechen.     Schon  aus  der  oberflächlichen  Betrachtung 
dieser  StĂĽcke  sehen  wir,  daĂź  es  dem  Bildner  auf  eine  anatomische 
Darstellung  ankam.    Im  Gegensatz  zu  dem  Skizzenhaften  der  Weih- 
gaben ging  man  hier  auf  körperliche  Details  ein.     Bei  der  Babvlon- 
leber    ist    die    obere    Leberfläche    mit    Schriftzeichen    bedeckt,    die 
Unterfläche    ist    durch    sich    kreuzende  Linien   in   viereckige   Felder 
geteilt,  an  den  Schnittpunkten  bchnden  sich  Löcher  und  \'ertiefungen. 
Die  Bronzeleber    ist   von  Handgröße  und  zeigt  alle  Seiten  frei  be- 
arbeitet, während  die  sogenannte  x\labasterleber  von  einem  liegen- 
den,   sich    auf  den    linken    Arm    stĂĽtzenden    Manne  in    der    Hand 
gehalten  wird.    Unsere  Abbildung  zeigt  die  ganze  Dcckelfigur  dieses 
typischen    etruskischen  Sarkophages.      Mit  Wahrscheinlichkeit    be- 
herbergte derselbe  die  Knochen  eines  Tierbeschauers,  der  als  Sym- 
bol  seiner  Tätigkeit    eine   Leber   in    der   Hand   hält   (s.  Fig.   124). 
Bevor   man    diese  Schafsleber   als    eine    solche   erkannt  hat,   stellte 
man   darĂĽber  geistreichste  Hypothesen  auf.     Die  einen  hielten  den 
Gegenstand  für  ein   Gerät,  die   anderen    für   eine  Art  Amulett,    für 
das  Bild  eines  etruskischen  Tempels,  fĂĽr  ein  Instrument  usw.     Es 


')  über  die  ältesten  bildlichen  Darstellungen  der  Leber.     Wiesbaden  1901. 


@  LEBERDARSTELLUNGEN.  2 I j 

scheint  ohne  Zweifel  zu  sein,  daĂź  die  Tierleher  zum  Unterricht  tĂĽr 
die  Haruspices  i^edient  hat,  d.  h.  fĂĽr  Fachleute,  die  sich  damit  be- 
schäftigten, aus  der  Beschaflenheit  der  Hingeweide  bei  Tieropfern 
die  Zukunft  zu  deuten  Diese  Kunst  muĂźte  natĂĽrlich  eifrig  gelernt 
sein.  Auf  der  babylonischen  Leber  befinden  sich  nun  Inschriften 
zur  Deutung  des  Befundes;  zu  diesem  Zweck  ist  die  Leber  in  viele 


Orig.'Ait/n.     Museum   Votterra. 

Flg.  124.     Etrusk.  Alabastersarkophag  eines  »Haruspex«  mit  Leber  in  der  rechten  Hand. 

Felder  geteih,  jedes  Feld  hat  eine  bestimmte  Bedeutung.  Aus  der 
Beschaffenheit  der  \'eränderung  des  einzelnen  Feldes  zog  man  seine 
SchlĂĽsse.  Bei  der  Leber  wurde  nach  Deecke  besonders  geachtet 
auf  das  AusflieĂźen  des  Blutes,  das  allgemeine  Aussehen  der  Leber 
und  der  Gallenblase,  sowie  auf  die  Lappenbildung  der  Leber. 

KĂ–RPEREXV0T05  AUS  GRIECHENLAND. 

■  Zunächst   muß   die  auffallende  Tatsache  registriert  werden,   daß 
im  Gegensatz  zu  den  vielen  im  athenischen  Asklepieion  gefundenen 


2l6 


EXVOTOS. 


® 


Votivgaben  mit  Nachbildungen  der  geheilten  Körperteile,  sich  im 
Hieron  von  Epidauros  nur  eine  einzige  gefunden  hat ,  und  ;^\var 
die  eines  Ausländers,  des  Galliers  Cutius,  mit  der  Nachbildung  seiner 
Ohren  und  einem  lateinischen  Distichon  darunter:  Cutius  has  auris 
Gallus  tibi  voverat  olim,  Phoebigena,  et  posuit  sanus  ab  auriculis 
(s.  Fig.  125).  Svoronos  nimmt  an,  daĂź  Schritt  und  scharf- 
kantige Behandlung  des  Steins  in\'erbindung  mit  der  noch  jetzt  deut- 
lichen \"ergoldung  den  Eindruck  hervorrufen  sollte,  daĂź  hier  ein 
Votiv  aus  reinem  Gold  gestittet  sei  und  zwar  von   einem  Gallier- 

- tĂĽrsten;   das  Ganze,  nament- 

;  lieh  aber  die  Bezeichnuno  »vo- 

verat    olim«    spricht   tür   eine 
'V        I  :;/  _^  v    "N  ^  Schwindelreklame  der  Priester. 

Dagegen    war    die    FĂĽlle    der 
1.^'  Körperexvotos,    die  im  athe- 

nischen Asklepieion  einstmals 
existierte,  eine  sehr  groĂźe;  das 
ersehen  wir  mehr  aus  den 
Tempelinventarien ,  als  aus 
den  noch  vorhandenen  Fund- 
stĂĽcken.    In  ersteren    werden 


^ 


\ 


â– I 
.j 

Orig.-Aiijit.     Athen,  Nai.-Ahtseitm. 

Fig.  125.  IVIarmorvotiv  eines  Galliers  in  Epidauros. 


natĂĽrlich  nur  diejenigen  StĂĽcke 


vollem  Material  verfertigt  waren.     Im 


erwähnt,  welche  aus  wert- 
.^i.  >,c.i^.,.  .,,,  groĂźen  und  ganzen  vertritt 
nämlich  in  Griechenland  der  Marmor  die  italische  Terrakottamasse. 
Besonders  nennenswert  erschienen  deshalb  nur  solche  Gegenstände 
aus  Silber  und  Gold,  und  welche  besonders  kĂĽnstlerisch  aus  gerin- 
gerem Metall  hergestellt  sind.  Girard')  fĂĽhrt  eine  lange  Liste  von 
Gegenständen  auf:  ganze  Gesichter  und  Teile  desselben,  Augen, 
Münder,  Xasen,  Kinne,  Zähne,  Ohren,  Hals,  Brüste,  Hände,  Finger, 
Knie,  Beine,  Füße,  männliche  und  weibliche  Schamteile,  Schultern, 
Herzen.  Um  einen  Ăśberblick  zu  geben,  wird  in  einem  atheni- 
schen Inventar   allein    iiomal  als  Weibgeschenk    das  Auge  notiert. 


'j  Paul  Girard,  L'.-\sclcpieion  d'AthĂĽnes.     Paris  1SS2. 


GRIECHISCHE  KĂ–RPERANATHEME. 


217 


Gelegentlich  auch  suchte  man,  wie  wir  schon  sahen,  eine  reichere 
Spende  dadurch  zu  markieren,  daĂź  man  einfach  marmorne  Gegen- 
stände vergoldete.  Ein  charakteristischer  Unterschied  zwischen  Italien 
und  Griechenland  besteht  ferner  darin,  daĂź  die  griechischen  Weih- 


f 


Orii^-Aii/ft.      Bfrliu. 

Fig.  126.     Marmorexvoto. 


f '/.■,■      ;«/..■       Berlin. 

Fig.  127.     Marmorexvoto. 


gaben    meist   mit    Inschriften    versehen    sind.     Ob    durch    die  Ent- 
zifferuna;    dieser    in    svstematischer  Arbeit    etwas    anderes    heraus- 


tfi\ 


/ 


yi^' 


.Au/n       FttrL'S.   .\\it.M:iSt-titn. 


Fig.  128.     Votivaugen.  Fig.  129.     Marmorexvoto. 

kommen  wird  als  die  Namen  der  Spender  und  der  beschenkten  Gott- 
heit, das  muĂź  der  Zukunft  ĂĽberlassen  bleiben')-  Vom  medizinischen 
Gesichtspunkte  aus  dĂĽrfte  sich  diese  Arbeit  kaum  verlohnen.  Das 
Interesse  an  ihnen  ist  ein  erheblich  geringeres  als  an  den  altitalischen 


»)  Die  Literatur  der  griechischen  Körperanatheme  s.  bei  M.  Bieber,  Attische  Reliefs  in 
Kassel.     Mitteil,  des  Kais.  Deutsch.  Arch.  Inst.     .Athen  191 0. 


2l8 


EXVOTOS. 


S2> 


Donarien,  da  wir  auĂźer  den  Herzexvotos,  von  denen  mir  ĂĽbrigens 
keines  zu  Gesicht   kam,   keine  Anatlieme   innerer  Organe   besitzen. 


Orig.-Ait/n.     Berlin.  Museum  Jiir  l'olkerkunde. 

Fig.  130.     Afrikanisches  Negeridol. 

Unter  der  Unzahl  anderer  Zuwendungen  fĂĽr  das  Heihgtum  finden 
wir  auch  Kassetten  mit  Parfüm,  Spiegel,  Fächer,  Kleider,  edle  Steine; 


^^r 


Fig.  131.     Augenexvoto. 


Atiu-n,  Nat-Museuv 


auch  chirurgische  Instrumente,  Sonden,  Katheter,  Drogenkasten  aus 
parischem  Marmor  und  ähnliche  Dinge  waren,  wie  Girard  meint, 


AUGEN,  BRĂśSTE. 


219 


Geschenke  von  Ärzten  für  glückliche  Kuren.  Unter  den  Exvotos 
griechischer  Provenienz  des  Berliner  Museums  befinden  sich  marmorne 
Brüste  (s.  Fig.  127  u.  129);  die  mit  der  Unterschrift  »'Eoto^ta  T^jjsiot«!) 
£'>/y;v«  wurde  angeblich  am  Nordabhang  der  Akropolis  von  Athen  ge- 
funden. Gleichfalls  aus  pentelischem  Marmor  und  von  derselben  Fund- 
stelle entstammen  noch  die  Votivgaben  eines  Augenpaares  mit  Nasen- 
wurzel und  ein  weiblicher  Unterkörper  (s.  Fig.  126  u.  128).  Es  muß 
festgehalten  werden ,  daĂź  dieser  Zeus  Hypsistos  nicht  identisch 
ist  mit  Asklepios;  vielleicht  ist  er  kvprischer  Herkunft.  Paul 
Perdrizet')  beschreibt  nämlich  zwei  ganz  ähnliche  Votive  an 
einen  Heilgott  von  Golgos,  die  bezeichnet  sind  als  ©sip  ü-liiatw  avsQ-rjxsv. 
Die  Untersuchung  des  jetzt  vorhandenen 
Materials  in  Athen  bringt  eine  groĂźe  Ent- 
täuschung, Ohren,  Augen,  Brüste,  Scham- 
teile, Finger  existieren  in  mehrfacher  An- 
zahl, sind  aber  ohne  anatomisches  Interesse  ; 
dabei  haben  diese  Organe  noch  teilweise 
heterogene  Bedeutung.  Die  Darstellungen 
des  Unterleibs  werden  inschrittlich  als 
beliebte  Widmungen  von  Hetären  an  Aphrodite  bezeugt,  und  die 
großen  Marmoraugen  sind  Schiffsornamente  gegen  den  bösen  Blick 
und  zur  Abwehr  gegen  des  Meeres  Gefahr;  zahlreiche  DoppelbrĂĽste 
stellen  Gewichtsteine  vor. 

Die  Häufigkeit  von  x^ugenkrankheiten  wird  nicht  nur  durch  die 
Heilberichte  bezeugt,  sondern  auch  durch  die  Exvotos.  Unsere  Ab- 
bildung zeigt  neben  dem  Berliner  Marmor  noch  einen  zweiten  Augen- 
weihstein  (Fig.  1 31),  der  Reste  von  Bemalung  aufweist;  ein  besonders 
schönes  Prunkstück,  bei  dem  die  Augen  aus  farbigem  Marmor  ein- 
gelegt sind,  birgt  das  Magazin  des  Athenischen  Nationalmuseum. 
FĂĽr  diejenigen,  die  geneigt  sind,  bei  dem  modernen  Augenvotiv 
an  die  heilige  Lucia  (Fig.  152)  eine  antike  Formbeeinflussung  an- 
zunehmen, bilde  ich  die  Brustidole  afrikanischer  Herkunft  ab,  die 
an  den  Pfosten  der  Negerzelte  aufgehängt  waren  (Fig.  130). 


Sainntlung  fiir  deutsche   l'olkskujtde. 

Fig.  132.     Modernes  Augenexvoto. 


')  Un  sanctuaire  du  dieuguerisseurä  Golgos.   Bulletin  de  Correspondance  Hellenique.  1S96. 


220  EXVOTOS. 


DIE  VOTIVOPFER  GESUNDER  UND  KRANKER 
GLIEDMASSEN  AUS  NEUERER  ZEIT. 

Allgemein  bekannt  ist  es,  daĂź  der  katholische  Kirchenkultus  die 
Darbringung  der  den  antiken  Göttern  gespendeten  Dank-  und  Bitt- 
gaben aus  der  Heidenzeit  ĂĽbernahm.  Die  antiken  Tempel  waren, 
wie  wir  ja  frĂĽher  sahen,  angefĂĽllt  mit  Geschenken  der  verschie- 
densten Herkunft.  Bildwerke  in  Erz  und  Stein,  allerlei  Gewebe, 
selbst  Waffen  und  Goldsachen  füllten  die  Schatzhäuser.  Der  Kirche 
war  im  Mittelalter  und  namentlich  auch  in  der  Renaissancezeit 
jede  Gabe,  die  geweiht  wurde,  genehm.  Es  muĂź  besonders  dank- 
bar betont  werden,  daĂź  auf  diese  Weise  sie  auch  indirekt  die 
iMittlerin  war  in  der  Förderung  kunstgewerblicher  Bestrebungen. 
Ein  großer  Teil  der  von  uns  bewunderten  Altäre,  Bilder  und 
Kapellen  entstammt  der  Weihgabe  einzelner  Personen  oder  auch 
Brüderschatten  und  Gemeinden.  Ein  direkter  Übergang  gräko- 
lateinischer  und  altorientalischer  Sitte  zeigt  sich  aber  in  der  Gabe 
und  Opferung  kranker  Körperteile.  Die  antiken  Wallfahrtspunkte 
sowohl  wie  die  modernen  waren  das  Ziel  heilsuchender  Kranker. 
Der  athenische  Krieger,  der  etruskische  Seefahrer  und  der  apulische 
Weinbauer  brachten  ihre  kranken  Hände  und  Füße  mit  der  Hoff- 
nung aut  gnadenreiche  Heilung  in  einen  Tempel  des  Asklepios, 
wie  noch  heute  der  rheinische  W^inzer  oder  der  sĂĽddeutsche  Bauer 
das  Vertrauen  zu  seinem  Spezialheiligen  hat.  Die  Königliche 
Sammlung  fĂĽr  deutsche  W^lkskunde  in  Berlin  ist  durch  die 
Ăśberweisung  der  interessanten  und  wichtigen  Sammlung  der  Frau 
Professor  Andree  in  den  glĂĽcklichen  Besitz  zahlreicher  Votivgegen- 
stände  gekommen,  und  man  kann,  da  diese  aus  den  verschiedensten 
Wallfahrtspunkten  der  Welt  herstammen ,  vergleichende  Studien 
machen.  Aut  diese  Sammlung  und  ähnliche')  sowie  die  treff- 
liche und  eingehende  Publikation  des  Herrn  Professor  Andree') 
ĂĽber   die  W^eihgaben    des    katholischen  \'olkes    in    SĂĽddeutschland 


')  Museum    für    österreichische    Volkskunde.      Wien    i Börsengebäude).    —    Museum    der 
historischen  Gesellschaft,  Athen. 

*)  Andree,  Die  Weihgaben  des  katholischen  Volkes. 


TIEROPFER  IN  DEUTSCHLAND. 


221 


StĂĽtzen  sich  die  tolgenden  AusfĂĽhrungen.  Die  direkte  \>rerbung 
heidnisch-römischer  Vorstellungen  läßt  sich  aus  der  äußeren  Ge- 
staltung mancher  Exvotos  klar  machen.  FĂĽr  die  Meisten  aber  wird 
es  erstaunlich  sein  zu  erfahren,  daĂź  bis  in  die  Jetztzeit  hinein  sich 
auch  der  antike  Gebrauch  des  Opfers  lebendiger  Tiere  erhalten  hat. 
Ich  meine  damit  nicht  etwa  die  Opferung  eines  Stieres  in  diesen 
Tagen  in  den  chinesischen  Tempeln  gegen  die  Lungenpest  des 
Jahres   1911,  sondern  Tieropfer  in  Deutschland. 

Der  heidnische  Ursprung  von  Naturalopfern,  bei  denen  der  Satz 
pars  pro  toto  gilt  und  galt,  liegt  klar  zutage  dort,  wo  man  Fleisch 
von  Tieren  opfert.  Der  heilige  Wolfgang  von  Kärnten  bekommt 
noch  heutzutage  seine  Sauhaxen  und  sind  diese  SchweinefĂĽĂźe  nur 
ein  billiger  Ersatz  fĂĽr  das  ganze  Schwein,  das  ihm  frĂĽher  geopfert 
wurde.  Sowohl  sĂĽhnende  wie  auch  dankende  Tieropfer  ersetzten 
die  zunächst  auch  bei  den  alten  Germanen  zweifellos  vorhandenen 
Opfer  von  Menschen;  Pferde  in  erster  Linie,  sodann  auch  Rinder, 
Schweine  und  Ferkel  wechselten  diese  ab.  Es  ist  erstaunlich,  wie 
lange  namentlich  das  germanische  Pferdeopfer  sich  erhalten  hat. 
Andree  weist  an  einer  Reihe  von  Beispielen  nach,  daĂź  noch  im 
16.  Jahrhundert  Pterdeopfer  vorkamen.  So  erschien  13 14  dem 
Georg  Weibtaler  von  Altheim  der  heilige  Wolfgang  und  versprach, 
ihn  von  seinem  Bruchleiden  zu  heilen,  wenn  er  ihm  ein  Opfer 
bringe.  »Also  hat  er  verlobt,  sein  bestes  Pterd  zu  optern.«  Nach- 
dem dies  geschehen,  heilte  der  Bruch.  Am  längsten  hielt  sich  das 
Opfern  des  lebendigen  GeflĂĽgels.  Wegen  eines  kranken  Kindes 
opferte  man  1393  zu  Sankt  Leonhard  eine  schwarze  Henne,  zwei 
Tauben  und  ein  Pfund  Wachs.  In  Inchenhofen  vermehrte  sich 
das  Opfern  von  Federvieh  derart,  daß  man  besondere  »Gockelämter« 
hielt.  Noch  um  1830  brachten  Wallfahrer  nach  Sankt  Leonhard 
lebende  Gänse,  Enten  und  Hühner,  trugen  sie  dreimal  um  den 
Altar  der  Kirche  und  lieĂźen  sie  dann  durch  ein  Loch  der  Mauer 
in  einen  drauĂźen  angebrachten  HĂĽhnerhof  laufen.  Neben  einigen 
anderen  ähnhchen  Kultgebräuchen  in  südbayerischen  Kirchen  zeich- 
net sich  bis  auf  den  heutigen  Tag  der  Helfer  gegen  Epilepsie,  der 


EXVOTOS. 


heilige  Valentin  in  Marzoll  dadurch  aus,  daĂź  ihm  GeflĂĽgelopfer 
genehm  sind.  Die  RĂĽckseite  seines  Altars  ist  durch  zwei  kleine 
GittertĂĽrchen  unterbrochen ,  durch  welche  der  Opferer  die  Tiere 
nach  dreimaligem  Umkreisen  des  Altars,  während  des  Gottesdienstes 
einläßt.  Noch  vor  zehn  Jahren  sollen  viele  Hunderte  von  Hühnern 
und  Tauben  geopfert  worden  sein,  während  jetzt  (1904)  nur  noch 
ca.  30  HĂĽhner  und  80  Tauben  im  Jahr  geopfert  werden;  nur  ganz 
selten  ist   ein  Lamm    dazwischen.     Auch  anderweitig   opferte   man 

dem  Sankt  \'eit  eine  Henne,    die   mit  Vor- 
liebe   schwarz    war    (bayerische    Redensart; 
\   PJk-^^L.  Warte,  ich  verlob  schon  eine  schwarze  Henne). 

â– J' JĂ–NĂśBL  ^^"-^^  '^^^  gotischen  Michaelskirche  zu  Schwaz 

^"^^^    "  '-^«i  in  Tirol  stammt  das  Holzbildnis  (s.  Fig.  133), 

welches  darstellt,  wie  der  St.  Veit  in  einem 
Kessel  gerade  gesotten  wird;  in  der  rechten 
Hand  hält  der  Heilige  während  seines  Mar- 
tyriums einen  Hahn.  Ähnliche  Darstellungen 
des  Veit  kommen  öfter  vor.  Wenn  wir  nun 
die  bildlichen  Votivgaben  selbst  betrach- 
ten, so  finden  wir  die  klassischen  Motive  in 
mehr  oder  weniger  veränderter  Form  wieder. 
Die  Reliefdarstellungen  sind  allerdings  etwas 
zu  kurz  gekommen.  Hie  und  da  erinnern 
Steintateln  mit  den  knieenden  Figuren  betender  Stifter  an  die  antiken 
Anaglyphen,  sonst  aber  verraten  die  »Täterin«  nur  handwerksmäßig 
den  Dank  der  Geheilten  und  ihre  Krankengeschichte.  Die  Votiv- 
malerei  auf  solchen  Tafeln  war  das  gelegentliche  Erzeugnis  von 
Doritischlern,  Dekorationsmalern  und  allerlei  Dilettanten  der  \'olks- 
kunst.  Es  sind  das  dieselben  Meister,  die  auch  Wirtshausschilder, 
Grabkreuze  und  SchĂĽtzenscheiben  herstellten.  DaĂź  sich  gelegentlich 
einmal  einer  aus  dem  Bodensatz  solcher  Volkskunst  emporarbeitete 
zur  reinen  Meisterschaft,  das  lehrt  das  Beispiel  des  Franz  Lenbach, 
der  mit  16  Jahren  sein  Brot  mit  der  Anfertigung  von  Votivtateln 
verdiente.    Diese  Votivtafeln  sind  meist  datiert  und  bezeichnet.    Sie 


lUustr.   aus  Audret 

Fig.  133. 

Martyrium  des  St.  Veit. 


MODERNE  VOTIVTAFELX. 


223 


wurden  als  Dank  gegeben  und  als  Bitte.  In  der  Wallfahrtskirche 
Alt-Ă–tting  werden  z.  B.  in  den  letzten  Jahren  noch  durchschnittlich 
über  tausend  solcher  Tafeln  geweiht;  zunächst  waren  alles  Tafel- 
bilder, später  wurde  Leinewand  oder  Blech  verwendet.  Um  den 
Inhalt  solcher  \\)tivtafeln  zu  charakterisieren,  fĂĽhre  ich  einige  Bei- 
spiele an;  dabei  ist  es  interessant,  daĂź  sich  diese  Tafeln  selbst  als 
»Exvoto«  bezeichnen.  So  bildet  Andree  eine  Tafel  ab  aus  einer 
bayerischen  Marienkapelle,  wo  rechts  und  links  der  Bauer  und  die 
Bäuerin  knieend  beten,  und  man  ein  Kind  aus  dem  Fenster  stürzen 
sieht,  mit  der  Inschrift:  Exvoto  1748,  d.  h.  die  Eltern  danken  fĂĽr 
glĂĽckliche  Errettung  des  Kindes.  An  die  Reklamegeschichten  von 
Epidauros  knĂĽpft  eine  moderne  Tafel  an,  die  folgendes  besagt: 
»Andere  Leidende  zu  gleichem  Vertrauen  aufmunternd,  bezeuge  ich 
hiermit,  daĂź  ich  auf  die  FĂĽrbitte  des  heiligen  Rasso  von  meinen 
sechs  Jahre  dauernden  unheimlich  und  schmerzhaften  Magenleiden 
gänzlich  befreit  wurde,  November  1898.  F.  B.,  Kleidermacherin, 
München.«  Ein  österreichischer  Soldat  in  Uniform  schenkt  sein 
Bildnis  der  Mutter  Maria  auf  dem  Hilariusberge,  und  darunter  die 
Schrift:  »Ich  habe  mich  verlobt  zu  dieser  Gnadenmutter  in  den 
vielen  Gefährlichkeiten,  denen  ich  ausgesetzt  war  in  den  Jahren 
18 13/14,  da  mir  fĂĽnfmal  durch  die  Montur  geschossen  und  durch 
den  Schutz  Marien  glücklich  ungeschädigt  davon  gekommen,  Gott 
und  seiner  jungfräulichen  xMutter  Maria  opfere  ich  dieses  Exvoto.« 
Und  wie  einstens  dem  Asklepios  stiftete  auch  der  WĂĽrzburger 
FĂĽrstbischof  von  HĂĽtten  der  Maria  ein  bei  stĂĽrmischer  Seefahrt 
gelobtes  \'otiv.  Ähnliche  Yotive  für  Errettung  aus  allerlei  Un- 
glücksfällen füllen  die  Wände  der  Berliner  Sammlung;  auch  hier 
verloben  die  Kranken  zu  einer  Wallfahrt,  zu  einem  Opfer  und 
lassen  nach  Erhörung  durch  den  Heiligen  ihre  Krankengeschichte 
malen;  oft  liegt  auf  solchem  Bilde  der  Kranke  einfach  im  Bett, 
manchmal  aber  auch  sieht  man  realistisch  gemalte  Blutstürze,  wäh- 
rend im  Hintergrunde  der  Arzt  mit  Medizinflasche  eine  Statisten- 
rolle spielt.  Die  Krankengeschichten  konkurrieren  vielfach  mit  den 
epidaurischen ;   manchmal  ist  betont,  daß  »on  al  arzt«  die  Heilung 


224  EXVOTOS.  §§> 

sich  vollzog.  Da  sehen  wir  ein  Freskogemälde  in  Alt-Ötting : 
einen  nackten  Mann  und  einen  zweiten  im  Hemde.  \'or  ihnen 
liegen  im  Grase  drei  im  Verhältnis  zu  den  Figuren  faustgroße  Steine; 
aus  der  Unterschritt  ersehen  wir,  daĂź  je  drei  dieser  Harnsteine 
diesen  beiden  Männern  durch  die  Kraft  der  Heiligen  ab2;es;ans:en 
sind.  Ganze  Gememden  verpflichteten  sich  zu  Votivbildern  gegen 
die  Pest  oder  gegen  eine  \'iehseuche. 

Bevor  wir  die  Darstellung  der  plastischen  Nachbildungen  von 
Körperteilen  betrachten,  sei  noch  mit  einem  Worte  der  Opferung 
von  Körperbestandteilen  Erwähnung  getan,  die  heute  und  damals 
das  gläubige  Gemüt  dem  Gott  darbrachte.  Der  rührende  Zug  des 
ĂĽber  die  ganze  Erde  verbreiteten  Brauches,  den  wir  ja  auch  fĂĽr  das 
Hellenentum  bereits  notierten ,  Frauenhaare  zu  opfern,  geht  hinein 
bis  in  unsere  Tage.  Wenn  man  aber  in  Tirol  an  die  Querbalken 
des  Kreuzes  Frauenzöpfe  autgehängt  tindet,  so  entspricht  das  nicht 
dem  TrauergetĂĽhl,  das  den  Achilles  veranlaĂźte,  das  Haupthaar  ab- 
zuschneiden des  Patroklos  wegen,  sondern  es  sollen  meist  aus- 
gekämmte Haare  sein  und  die  Votivgabe  ein  Vorbeugungsmittel 
gegen  den  Austall  derselben.  Erst  der  Kreisarzt  muĂźte  verhindern, 
daĂź  man  in  Lauten  am  Inn  die  blutigen  und  eiterigen  Verband- 
lappen vor  einer  Statue  des  Christus  aufhing.  Unter  den  Votiven 
der  Berliner  Sammlung  fand  ich  vielfach  operierte  oder  durch  Eite- 
rung ausgestoßene  Knochenstücke,  Zähne,  auch  Waginalringe.  Die 
im  Oberösterreichischen  und  Salzburgischen  aufgehängten  roten  und 
weißen  Seidenfäden  sollen  nach  unserem  Gewährsmann  Blutungen 
und  Fluor  albus  symbolisieren. 

Der  Aufschwung  der  Chirurgie,  die  Häufigkeit  der  blutigen  Ein- 
grifle  und  die  Wunder  ihrer  Ertolge  veranlaĂźten,  neuerdings  wenig- 
stens, eine  vermittelnde  Rolle  des  Arztes  anzuerkennen.  In  der 
Alt-Öttinger  Gnadenkapelle  hängt  ein  \'otivhild  neuesten  Datums, 
einen  Operationssaal  darstellend.  \'ier  Ärzte  umstehen  den  Ope- 
rationstisch, auf  dem  ein  Kind  liegt.  Die  Inschrift  besagt,  der 
FĂĽrbitte  Mariens  und  der  Geschicklichkeit  des  Herrn  Professor  X 
in  MĂĽnchen  etc. 


DAS  MATERIAL. 


225 


Geopfert  werden  ferner  noch  stockige  Zähne  oder  deren  Nach- 
bildungen aus  Wachs  und  Gold. 

Die  körperlichen  Votivgegenstände  sind  den  antiken  durchaus 
analog  geblieben.  Die  Ăśbereinstimmung  bezieht  sich  sowohl  auf 
das  Material  als  auch  auf  die  Darstellungsweise;  wir  finden  heut- 
zutage in  den  Kapellen  aus  der  früheren  und  späteren  Vergangen- 
heit Glieder  in  Silber,  Eisen,  Wachs  und  Holz  gearbeitet;  wir 
finden  diese  namentlich  aus  dem  17.  und  18.  Jahrhundert,  ge- 
legentlich von  KĂĽnstlerhand  formvollendet,  meist  aber  als  billige 
Fabrikware.  Die  eisernen  geschmiedeten  Votive  sind  die  ältesten 
und  entsprechend  der  Schwierigkeit  der  Bearbeitung  in  der  Schmiede 
von  primitiver  Struktur.  Aus  Holz  gearbeitete  Schnitzwaren  kom- 
men meist  aus  den  Alpenländern;  nur  Glieder  aus  Ton,  im 
Altertum  das  beliebteste  Material,  fehlen  last  vollkommen.  Als 
neues  Material  hinzugekommen  ist  das  Papier.  Auch  der  Vor- 
gang der  Weihung  ist  derselbe  geblieben,  im  Hrkrankungsflille 
verspricht  man,  »verlobt«  man  die  Darbringung  des  Gliedes,  opfert 
es  aber  oft  erst  bei  der  Genesung,  und  nur  gelegentlich  gibt  ein 
vertrauensseliger  Wallfithrer  das  Konterfei  des  erkrankten  Gliedes 
einem  Vertreter  mit,  was  auch  in  der  antiken  Zeit  zulässig  war, 
und  im  Behinderungsfalle  opfern  Verwandte.  Wir  finden  den 
Kopf,  das  Gesicht,  Ohren,  Augen,  Nase,  Lippen,  Zunge,  Rumpf, 
Brüste,  den  Nabel,  Eingeweide  und  die  Extremitäten  entweder 
einzeln  dargestellt  oder  auch  im  Zusammenhang.  Diese  Gegen- 
stände sind  heute  noch  bei  den  Wachsziehern ,  in  München  z.  ß., 
käutlich.  Interessant  ist  es,  dabei  zu  konstatieren,  daß  die  Bauern 
in  Kärnten  und  Bayern  heutzutage  noch  die  Köpfe  opfern,  deren 
Form  aus  dem  17.  und  iS.  Jahrhundert  stammt;  die  Tradition 
spricht  hier  ein  deutliches  Wort  und  warnt  vor  IrrtĂĽmern  bei 
der  Beurteilung  und  Altersschätzung  auf  Grund  von  Mode  und 
Tracht.  Im  Gegensatz  zu  den  etruskischen  Köpfen  wird  hier  das 
Votiv  oft  motiviert,  meist  ist  es  Kopfschmerz,  Schwindel,  manch- 
mal auch  \'erletzung. 

Die  Zahl    der   geopferten    Hände    ist    eine   große    (s.  Fig.  134); 

Holländer,  Plastik  und  Medizin.  i; 


226 


EXVOTOS. 


auch    hier   ist   wieder   die   DifFerentialdiagnose   zu  erledigen,   ob   es 
sich  nicht  um  Schwurhände  gehandelt  haben  mag;   das  kann  gewiß 

bei  der  rechten  Hand  zum  Teil  der  Fall 
gewiesen  sein;  daĂź  aber  auch  aus  Krank- 
heitsgründen Hände  geoplert  wurden,  datür 
sprechen  sowohl  die  Krankheitsdarstellun- 
sen  selbst  als  auch  die  MirakelbĂĽcher.  So 
zeigt  die  Berliner  Sammlung  eine  Hand 
aus  Holz  geschnitzt  mit  deutlicher  Kon- 
trakturstellung  des  Zeigefingers.  Bei  einer 
zweiten  Handdarbringung  sind  offenbar  die 
Mittelfinger  gelähmt.  So  opfert  im  Jahre 
13 17  jemand,  dem  ein  groĂźer  eiserner 
Nagel  durch  die  Hand  gegangen  ist,  eine 
wächserne  Hand.  13 10  wallfahrtet  aus 
Sachsen  ein  Wundergläubiger  und  \'er- 
trauender,  dem  die  Hand  abgeschlagen, 
mit  einer  silbernen 
Hand  nach  dem  fernen  St. Wolfgang.  Einem  ein- 
jährigen Knäblein  begann  1392  die  Hand  zu 
zittern,  durch  das  Opfern  einer  wächsernen  Hand 
ist  er  geheilt.  Solche  Heilungen  wurden  dann  in 
der  Kirche  verkĂĽndet.  Nicht  immer  aber  ver- 
fügten die  Heiligen  über  des  Asklepios  göttliche 
Kraft  und  nicht  immer  glĂĽckte  der  Trug  einer 
Scheinheilung.  Die  Geschichte  von  der  kranken 
Hand  des  Petrik  aus  Cach  in  Böhmen  ist  amü- 
sant, der  seltene  weiĂźe  Rabe  sang  hier  eine  un- 
erhörte und  unbequeme  Melodei.  Unter  Dar- 
bringuna;  einer  silbernen  Hand  wallfahrtete  näm- 
lieh  der  Petrik  zum  heiligen  Blut  nach  Wilsnack; 
am  dritten  Tage  proklamierte  der  Priester  in 
der  Kirche  die  Heilung  »audite  pueri  miraculum«,  der  dreiste  Prager 
Bürger  aber  erhebt  sich  inmitten  der  gläubigen  iMenge  und  schreit 


Orig.-Aufn. 
Berltjt,  kgl.  SantmltingfĂĽr  \'olksku}idi- . 

Fig.  134.     Hand  aus  Holz. 


Orig-  -Au/n .     Berlin , 
kgl.  Sammlung  /Ur  Volkskunde. 

Fig.  135.     Exvoto.     Brust 
und  Bauch. 

Holzschnitzerei. 


GLIEDER. 


227 


mit  erhobener  Hand:  »Priester,  warum  lügst  du,  manus  mea  est 
contracta  sicut  et  prius.«  (Johannes  Hus  Historia  et  monumenta, 
Norimb.  1338.)  Unter  den  geopferten  Armen,  die  wie  Brennholz- 
scheite aufgestapelt,  aus  Holz  geschnitzt,  bemalt  und  unbemalt, 
seinerzeit  in  der  Koloman-Kapelle  am  Bötberg  lagen,  interessiert  ein 
Arm,  den  Andree  abbildet,  mit  blauem  Verbände  am  Ellen- 
bogengelenk; er  behndet  sich  jetzt  in  Berlin.  In  der  Kirche  zum 
heiligen  Kreuz  in  Schaftlar  hei  Tölz  steht  eine  hölzerne  Votivhgur 
mit  verbundenem  Vorderarmbruch.  Die  unteren 
Extremitäten  wurden  zunächst  vieltach  eisern 
gestiftet.  Als  Objekt  einer  Krankheitsdarstel- 
lung bringen  wir  das  bemalte  Frauenbein  mit 
unregelmäßiger  rot  bemalter  Geschwürbildung 
aus  Piain  in  Salzburg  (s.  Fig.  136),  jetzt  in 
Berlin.  Hier  handelt  es  sich  entsprechend  der 
Lokalisation  und  dem  Aussehen  der  Ulcera  um 
sichere  Lues. 

Aus  dergleichen  Sammlung  ist  noch  erwäh- 
nenswert das  Votiv  einer  komplizierten  Fraktur 
mit  aufgeschriebener  Krankengeschichte  und 
eine  untere  Extremität  mit  anscheinender  Tuber- 
kulose. In  der  Wiener  Sammlung  befindet  sich 
ein  Schnitzbein,  dessen  typische  FuĂźhaltung  die 
Xaturabschrift  eines  paralytischenGliedes  beweist. 

Wie  bei  den  Alten  finden  wir  auch  die  BrĂĽste  heutzutage  als 
Exvotos  bevorzugt.  Das  Bedürfnis  der  Wöchnerin  mit  geschwollenen 
Brüsten  oder  die  Sehnsucht  nach  Milch,  die  Häufigkeit  anderer 
Erkrankungen  fĂĽhrte  das  scheue  weibliche  GemĂĽt  mit  \'orliebe  zur 
Opferung  einer  Wachsbrust.  Ganz  entsprechend  römischem  und 
neapolitanischem  Usus  finden  wir  auch  in  SĂĽddeutschland  und  in 
der  griechischen  Kirche  ott  edles  Metall  verwendet;  BrĂĽste  aus 
dünnem  Silberblech  sind  häufig,  und  in  Maria  Piain  wird  sogar 
1702  eine  goldene  votiert.  Die  Berliner  Sammlung  zeigt  Wachs- 
brüste  aus    Spanien    und    Südamerika,    die    schön    modelliert    sind. 


Fig.  136.    Votivbein,  Lues. 


228  EXVOTOS. 


Zungen  aus  W^ichs,  Silber  und  Gold  werden  geopfert,  sowohl 
wenn  GeschwĂĽre  oder  dergleichen  sie  betallen  haben,  oder  symbo- 
lisch als  Bitte  gegen  die  Stummheit.  Noch  heute  verkauft  man 
Opferzungen  aus  rotem  Wachs,  an  welchem  ein  StĂĽck  Trachea  sitzt. 
Die  bekannte  BrĂĽckenhgur  des  St.  Nepomuk,  der  mit  dem  Zeige- 
finger an  dem  Munde  dargestellt  wird  (als  Märtyrer  für  die  Bewahrung 
des  Beichtgeheimnisses),  gilt  als  besonderer  Patron  gegen  Zungen- 
leiden. Man  verkauft  St.-Nepomuks-Zungen  aus  Stein  in  Silber 
gefaĂźt.  Die  heilige  Katharina,  die  beredte  Verteidigerin  christhchen 
Glaubens  gegen  Kaiser  Maxentius,  sowie  auch  die  heilige  Richildis 
im  Benediktinerkloster  zu  Hohenwart  in  Oberbayern,  waren  be- 
sondere Patrone  der  Stummheit.  Ein  Gedicht  aus  Ingolstadt  (1670) 
läßt  geheilte  Stumme  folgendes  »Lobgesänglein  auf  die  Heilige 
sumbsen«: 

Die  an  der  Zung  seynd  gewesen  stumm 

Von  aller  Sprach  so  gar  kein  trumm 

als  a,  a,  a,   getalckhet: 

Ein  Glockh  war  ihr  Wohlredenheit 

Damit  sie  haben  weit  und  breit 

Ihr  Notthurft't  ausgeschalckhet. 

Jetzt  höret  an  wie  zart  und  mild 

das  Lob  sie  trillern  von  Richild 

Die  aufgelest  ihr  Zungen: 

Sie  sprechen  schön  und  sagen  klar 

Richildis  habe  ganz  und  gar 

All  Talckerey  vertrungen. 

Auch  der  heilige  Zeno  bei  Sterzing  in  Tirol  kuriert  Stummheit, 
namentlich  bei  Kindern :  »Der  heiige  Zen  macht  Kinder  reden  und 
gehn«.  Die  Ohren  wurden  meistens  in  Silber,  Wachs  und  Holz 
und  in  natürlicher  Größe  geopfert,  sowohl  wegen  Krankheiten  an 
denselben  als  auch  wegen  Taubheit.  Ob  auch  im  Sinne  des 
antiken  Ägypten  Votivohren  für  Erhören  eines  Gebetes  geopiert 
wurden,  konnte  ich  nicht  feststellen.  Krankheitsdarstellung  an 
diesen  Organen  wird  gelegentlich  auch  einmal  vorgekommen  sein; 
doch  fehlen  mir  dafĂĽr  Belege.  x\llgemeine  Nachbildungen  von 
GeschwĂĽren  aber  wurden  geopfert  und  wird  von  St.  Leonhard 
ausdrücklich  erwähnt,  daß  man  dort  »wächsin  Geschwär«  verlobte. 


ORGANE.  229 


Andrec  bildet  Seite  iii  ein  wächsernes  Gemächt  ab,  wie  es 
noch  heute  in  Wallfahrtskapellen  zu  hnden  und  bei  den  MĂĽnchener 
Wachsziehern  zu  kauten  ist.  Wie  aus  dem  Original  zu  ersehen, 
zeichnet  sich  der  eine  Hoden  dabei  durch  überdoppelte  Größe  und 
geschwollene  Adern  aus,  so  daß  wir  wohl  annehmen  können,  daß 
eine  HodenentzĂĽndung  dargestellt  werden  sollte.  Was  hat  aber 
dem  Gläubigen  gefehlt,  der  die  Vorderseite  seiner  Menschlichkeit 
in  Holz  geschnitzt  beinahe  lebensgroĂź  opferte  (s.  Fig.  135)? 

FĂĽr  den  Mediziner  am  interessantesten  sind  die  \'otive  der 
inneren    Eingeweide. 

Das  geringere  Interesse  unter  diesen  beansprucht  das  Herz  als 
Einzelorgan,  denn  nicht  nur  wegen  körperlicher  Erkrankungen 
wurde  dies  Organ  geopfert,  sondern  meist  wegen  seelischen 
Leidens,  Liebeskummer,  BetrĂĽbnis,  auch  als  Ausdruck  feuriger 
Gottesliebe.  Die  gewöhnliche  bekannte  Opferherzenform,  zwei- 
lappig, unten  spitz,  in  dem  Einschnitt  oben  meist  mit  der  \"erzierung 
der  Flamme  versehen,  erscheint  erst  im  13.  Jahrhundert  auf  italieni- 
schen Bildern  und  ist  die  sĂĽddeutsche  Form  der  Wachsherzen  mit 
darauf  angebrachten  Symbolen  von  dem  italienischen  Fabrikat  ab- 
hängig. Aut  dem  Trödelmarkt  in  Madrid  erwarb  ich  ein  schönes 
Herzvotiv  von  etwas  abweichender  Form;  an  einem  zierlich  ge- 
arbeiteten silbernen  Stäbchen  befindet  sich,  eingefaßt  und  oben  in 
ein  BĂĽschel  rot  emaillierter  Flammen  auslaufend ,  ein  dreilappiges 
Herz  aus  seltenem  xMuschelkalk. 

Im  Vordergrunde  unseres  Interesses  stehen  nun  die  »Lungeln«, 
welche  Marie  Eysn,  die  Gattin  des  Professor  And ree,  entdeckte. 
Es  sind  das  ziemlich  genau  gleichwertige  Bildungen  mit  den  etrus- 
kischen  und  apulischen  Eingeweidetraktus.  An  der  Luftröhre  hängen 
eine  ganze  Anzahl  innerer  Organe,  Herz,  Leber,  Magen,  Gallen- 
blase, bald  alle  zusammen,  bald  unter  besonderer  Ausarbeitung  eines 
einzelnen  Organs.  Es  ist  charakteristisch  genug,  wie  die  gelehrte 
Frau  ihre  Entdeckung  schildert:  »Die  erste  ,Lungl'  sah  ich  bei  einer 
Quelle,  über  welche  eine  hölzerne  Kapelle  gebaut  war,  am  Wege 
von  Schneegattern   nach   Friedburg   an    der   salzburgisch-oberöster- 


230 


EXVOTOS. 


reichischen  Grenze.  Der  nahe  Walltahrtsort  Heiligenstatt  bei  Fried- 
burs;  hat  an  seiner  Kirche  einen  kleinen  Anbau,  in  welchem  eine 
groĂźe  St.  Leonhardtsstatue  steht,  neben  der  zahlreiche  eiserne  Arm- 
und  Beinfesseln,  Krücken,  Zöpfe,  Hunderte  von  Zähnen  hängen. 
Auf  dem  Boden  lagen,  als  ich  das  erste  Mal  diesen  Raum  betrat, 
ungetahr  ein  halbes  Hundert  , Lungin'  aus  Holz.  Als  ich  1899 
wieder  dorthin  kam,  zählte  ich  nur  noch  zwanzig  Stück,  da  die 
anderen,  wie  die  Mesnerin  sagte,  verbrannt  worden  waren.  Der 
Ranze  ĂĽbri2;e  Raum  ist  mit  Votivbildern  bedeckt.  In  der  Mitte  der 
Kirche  steht  eine  Marienfigur  mit  rotem  Mantel,   mit  dem  Augen- 


Orig.'Aufii.   iiai/i  den  Stitchen  der  Berliner  kgl.  Santinlittig-  fĂĽr  deuiscite  VolkskuiLde. 

Fig.  137.     Lungeln. 

kranke  sich  die  Augen  wischen(!);  hinter  dem  Hochaltar  ist  im  FuĂź- 
boden eine  vertiefte  Stelle,  wo  sich  stets  etwas  Wasser  sammelt, 
in  welches  die  Wallfahrer  ihre  kranken  FĂĽĂźe,  auf  Heilung  hoffend, 
hineinstecken.  Noch  jetzt  schnitzt  der  Tischler  Krug  in  Friedburg 
Lungin,  das  Stück  für  1,30  Gulden.« 

Nun,  der  Tischler  Krug  hat  nicht  Anatomie  studiert,  und  da 
hat  er  sich,  als  er  die  erste  Bestellung  bekam,  wohl  zunächst  beim 
Schlächter  die  Sache  angesehen,  und  nachdem  er  erst  einmal  in 
der  Ăśbung  war,  stilisierte  er  die  einzelnen  Organe  darauf  los  und 
die  Hauptsache  war  ĂĽberhaupt  die  Bemalung;  namentlich  die  Gallen- 
blase wurde  grasgrĂĽn,  die  Leber  braun  gemalt,  die  geringelte  Luft- 


LUNGELN. 


2U 


röhre  weißlich,  die  lAingenflügel  fleischfarben  und  das  Herz  sogar 
manchmal  schwarz.  Doch  sein  Konkurrent,  in  Simbach  vielleicht 
oder  anderswo,  war  in  der  Schule  tĂĽchtiger  gewesen  und  kaufte 
sich  als  Vorlage  fĂĽr  seine  Bestellungen  irgendein  medizinisches 
Buch  und  schnitzte  nach  diesem;  und  daraus  kann  man  dann  ge- 
legentlich nach  Höfler  (Janus  1901)  »eine  Anordnung  der  Organe 
im  Galenschen  Sinne  wiederfinden«.  Irgendwelche  Schlüsse  aber 
fĂĽr  die  anatomische  Darstellung  erĂĽbrigen  sich  demnach  (s.  Fig.  137 
u.  138).      Vergleicht    man    etruskische    Weisheit    vor   2000   Jahren 


Orig.-Au/it.  nach  den  StĂĽcken  der  Berliner  kgl.  Sainmlurtg  fĂĽr  l'olA-skuttde. 

Fig.  138.     Lungeln. 

mit  der  Schnitzarbeit  unserer  Zeit,  so  mĂĽĂźten  wir,  wenn  diese 
Motive  gültige  Repräsentanten  unserer  anatomischen  Kenntnisse 
waren ,  bei  den  Etruskern  Anatomie  studieren ;  besonders  die  Be- 
trachtung von  Figur  138  aber  zeigt  sogar  ^  eine  gewisse  Ăśberein- 
stimmung der  Darstellungsweise.  Beweis  dafĂĽr,  wie  die  Kinder- 
Menschen  ĂĽberall  gleich  malen.  In  den  MirakelbĂĽchern  wird  dieser 
Lungin  keine  Erwähnung  getan;  Andree  nimmt  an,  daß  ihre 
Darbringung  bis  in  das  17.  Jahrhundert  zurĂĽckreicht.  Doch  auch 
ganz  moderne,  und  gerade  diese  sind  die  stilisiertesten  und  ohne 
Vorbild    oft    kaum    erkennbar,    kommen    vor,    manchmal    ist    die 


2  5  2  EXVOTOS. 


Hinterfläche  glatt  und  Namen  und  Jahreszahl  der  Spender  stehen 
daran  t. 

Das  medizinische  Interesse  der  Votivaugen  ist  ein  sehr  geringes, 
wir  linden  meistens  beide  Augen  aus  irgendeinem  Material  her- 
gestellt und  durch  einen  Stiel  verbunden.  Unter  den  Exvotos  dieser 
Art  finden  sich  in  der  Berliner  Sammlung  fĂĽr  deutsche  Volks- 
kunde auch  ofl'enkundige  Erkrankungsformen  eitriger  Art.  Inter- 
essant, weil  recht  eigentlich  Ăśbersetzungen  aus  dem  Klassischen  ins 
Katholische,  sind  Augenpaare  aut  Holz  oder  auf  einer  Blechtafel 
gemalt,  mit  einer  Verzierung  und  einer  gleichlautenden  Beischrift 
(s.  Fig.  132).  Als  himmlische  Augenärztinnen  galten  vor  allen 
St.  Lucia  und  St.  Odilia.  Erstere  trägt  eine  Schale  mit  den  eigenen 
schönen  Augen,  die  ihr  herausgerissen  wurden.  Ihr  Patronatstag, 
der  13.  Dezember,  ist  gleichzeitig  auch  der  Tag  der  Elsässerin  Odilia. 
Diese  Tochter  des  Herzogs  Eticho  war  blind  geboren,  wurde  aber 
durch  ihre  Taufe  sehend.  Ihr  Emblem  ist  ein  Buch,  auf  dem  ein 
Augenpaar  liegt.  Den  Kultstätten  beider  entfließt  genau  wie  in  Hellas 
heilsames  Wasser,  das  die  Wallfahrer  benutzen  und  in  Flaschen 
mitnehmen.  An  einer  anderen  Stelle  entspringt  solch  eine  Ottilien- 
quelle  den  Wundmalen  des  Christusbildes.  Die  MirakelbĂĽcher  sind 
voll  von  Heilerfolgen  bei  Augenfluß,  Blödigkeit  und  Fell  über  den 
Augen  und  selbst  Stockblindheit. 

Zum  SchluĂź  dieser  Betrachtung  ĂĽber  Votivgaben  wollen  wir  noch 
ein  sonderbares  Anathem  besprechen  und  uns  mit  der  Bärmutter- 
kröte beschäftigen.  Im  Salzburgischen,  in  Oberbayern,  Tirol  und 
benachbarten  Alpenländern  werden  wächserne  weiße  und  rote 
Kröten  geopfert  mit  ausschließlichem  Bezug  auf  weibliche  Genital- 
zustände,  mit  Vorliebe  wegen  Unfruchtbarkeit.  Die  Sitte  ist  uralt '), 
dafür  bürgen  auch  schon  die  geschmiedeten  Kröten.  Nach  Bartels- 
Ploß  stellen  sich  die  Leute  in  den  österreichischen  Alpenländern 
die  Bärmutter  vielfach  als  ein  Ding  mit  Eigenleben  vor,  was  kriechen 
und  hochklettern   kann.     Ob    das   Reste   der   hippokratischen  Vor- 


')  S.  Hugo  Magnus,   Die  plastische  Auffassung  der  Gebärmutter  in  der  Volksmedizin. 
Mitteil,  der  Schles.  Gesellsch.  fĂĽr  Volkskunde.     Heft  XV,  1906. 


GEBÄRMUTTER. 


233 


Stellung  von  den  Wanderungen  der  Gebärmutter  sind,  oder  vielmehr 
in  dem  Globus  hystericus  dieser  Volksglaube  seinen  Ursprung  hat, 
sei  dahingestellt.  Es  scheint  auch  eine  Vorstellung  von  der  tieri- 
schen Natur  der  Gebärmutter  in  dem  Gelübde  zu  stecken,  »daß  die 
Bärmutter  den  ganzen  Tair  gebissen«  hätte  und  daß  sie  erst  nach 
Verlobung  einer  wächsernen  aufgehört  habe,  wie  dies  mehrfach  die 
Mirakelbücher  berichten.  Eine  solche  wächserne  Bärmutter  sah  nun 
aber  wie  eine  Kröte  aus.  Nur  das  Hinterteil  der  gedrungenen  Ge- 
stalt   ist  meist  so   gearbeitet ,    daĂź   man    das  Tier   aufstellen    kann. 


Orig.-Aitfii.  aus  der  Berliner  bgl,  Sariniumti;  Jur    l'clkikitnde. 

F'g-  139-     Krötenbärmuttervotiv. 

Gleichzeitig  zeigt  die  Kröte  eine  Halseinschnürung,  um  die  eine 
Schnur  zum  Aufhängen  gelegt  werden  kann  (s.  Fig.  139).  Ploß- 
Bartels  fĂĽgt  der  Beschreibung  dieser  Figur  folgenden  Passus  bei: 
»Warum  es  nun  gerade  eine  Kröte  ist,  mit  welcher  der  Volks- 
glaube die  Gebärmutter  identifiziert  hat,  das  ist  ohne  weiteres 
nicht  zu  verstehen.  Daß  eine  oberflächliche  Ähnlichkeit  des  platten 
dicken  Uterus  mit  dem  genannten  Tiere  hierzu  die  Veranlassung 
gegeben  haben  sollte,  das  ist  doch  in  hohem  Grade  unwahr- 
scheinlich, da  man  nicht  einzusehen  vermag,  wo  denn  dem  Volke 
sich  die  Gelegenheit  geboten  haben  sollte,  eine  menschliche  Gebär- 
mutter in  natura  zu  sehen.  Auch  Panzers  Erklärung  will  uns 
nicht   erheblich    fördern;    er   ist    der  Meinung,    daß    die  Krankheit, 


2  34  EXVOTOS. 


d.  h.  Hysterie,  wie  das  Hin-  und  Herkriechen  einer  Kröte  emp- 
funden wĂĽrde.  Es  bleibt  uns  fĂĽr  das  erste  nichts  anderes  ĂĽbrig, 
als  die  Tatsache  hinzunehmen  und  eine  befriedio^ende  Erklärung; 
der  Zukuntt  zu  überlassen.«  Ich  finde  eine  solche  in  der 
Verwandlung  der  antiken  Form  in  die  moderne.  Die 
Bewohner  der  süddeutschen  und  österreichischen  Alpenländer  gaben 
als  Weihgaben  genau  wie  die  Alten  das  Abbild  des  jeweilig  er- 
krankten Gliedes :  tĂĽr  weibliche  Genitalorganerkrankungen  aber 
spenden  sie  kein  Abbild  eines  Organes,  sondern  eine  Kröte.  Die 
Kontinuität  der  Vorstellung  hat  aber  auch  zur  Beibehaltung  der 
Form  gefĂĽhrt;  man  wuĂźte  noch,  daĂź  diese  massenhaft  vorkom- 
menden rundlichen  Körper  mit  Hals  und  Orificium,  über  die  wir 
ausfĂĽhrlich  berichteten,  das  \'otiv  fĂĽr  Frauenleiden  waren,  hatte 
aber  vergessen,  daĂź  die  Alten  in  dieser  Darstellung  das  wirkliche 
Abbild  der  Gebärmutter  sahen.  Schließlich  führten  vielleicht  noch 
die  besprochenen  Volksideen  zu  der  Vorstellung,  daĂź  mit  diesem 
Exvoto  eine  Kröte  gemeint  sei;  man  setzte  an  den  plumpen 
Körper  einfach  ein  Paar  Beine  an  und  hatte  dann  die  ungefähre 
Kröten-  oder  Schildkrötengestalt.  Wem  das  Gesetz  der  Verwand- 
lungsfähigkeit  von  Formen  und  Vorstellungen  im  Laufe  der  Jahr- 
hunderte bei  Dingen  der  Tradition  nicht  glaubhaft  erscheint,  den 
erinnere  ich  nur  an  die  beinahe  grotesk-komische  Tatsache,  daĂź 
sich  als  Broschen,  Bischofskreuze  und  Amulette  ĂĽberhaupt  aus  der 
Antike  Phallusdarstellungen  erhalten  haben,  denen  man  eine  mysti- 
sche Wirkung  als  Abwehrmittel  gegen  allerlei  Krankheit  und  böse 
Zauberei  zuschrieb  und  die  fromme  Gläubige  den  Gnadenbildern 
opferten.  Die  \'ütivkröte  ist  also  nichts  anderes  als  die  mißver- 
standene antike  Gebärmutter  der  Etrusko  -  Latiner,  deren  Gestalt 
man  der  veränderten  Auffassung  anpaßte. 

Ein  geradezu  klassisches  Beispiel  für  die  Bodenständigkeit  von  Ge- 
bräuchen, die  allem  Wechsel  politischer  und  religiöser  Anschauungen 
trotzen,  verdanke  ich  dem  Nachweis  von  Wilhelm  Alexander 
Freund,  ich  meine  »den  Handel  mit  dem  großen  Zeh  unseres 
heiligen  Cosmas«.     In    dem  Göttinger  Taschenbuch   von    1784   ist 


^  DIE  GROSSE  ZEHE  DES  HEILIGEN  COSMAS.  233 

anschaulich  o-eschildert ,  wie  der  srroĂźc  Sammler  und  Altertums- 
forscher  Sir  William  Hamilton  in  dem  Abruzzenstddtchen  Isa- 
gua  bemerkte,  daß  eine  Menge  Weiber  und  Mädchen  in  Wachs 
geformte  groĂźe  Zehen  des  Schutzheiligen  der  Cosmas-  und  Da- 
miankirche  käuflich  erwarben,  um  dadurch  Fruchtbarkeit  zu  erzielen. 
Der  Gelehrte  trat  näher  und  erwarb  eine  solche  Cosmaszehe,  wobei 
er  konstatierte:  »daß  das  christliche  Frauenzimmer  in  Isagua  in 
Abbruzzo  in  einem  christlichen  Tempel  im  Jahre  Christi  1780  um 
Fruchtbarkeit  zu  erlangen  wahre  Priapen  opterte,  die  mit  vieler 
Kunst  in  Wachs  geformt  waren«.  Ein  tester  Preis  war  nicht  vor- 
handen, die  Mönche  des  Ortes  versprachen  aber  tür  den  besseren 
Zahler  die  bessere  Wirkung.  Hamilton  glaubt,  daĂź  an  jenem 
Platze  einmal  frĂĽher  Priapeja  gefeiert  wurden.  Die  Nachfolger  des 
Heidentums  hätten  das  gute  Geschäft  zum  Nutzen  der  neuen  Kirche 
fortgefĂĽhrt  unter  einem  etwas  zĂĽchtigeren  Namen;  die  Wachspriapen 
hätten  durchaus  die  antike  Form  gehabt.  Durch  den  Einfluß  dieses 
groĂźen  Sammlers,  der  damals  englischer  Gesandter  in  Neapel  war 
(und  im  Nebenamt  noch  Gatte  der  berĂĽhmten  Geliebten  Nelsons), 
wurde  der  Handel  verboten. 


ALLGEMEINE  KĂ–RPERDAR5TELLUNGER 


MODE  UND  KĂśNSTLERSTIL. 


udolf  \"irchow  besprach  in  MĂĽnchen  gelegentUch  der 
Xaturtorscherversammlung  im  Jahre  1861  des  älteren  Hol- 
bein »Heilige  Elisabeth  mit  den  Leprösen«,  welche  sich  in 
der  Pinakothek  (Nr.  211)  befindet.  Charcot  und  Richer  sahen  in 
Venedig  die  groteske  Maske  an  der  Santa  Maria  Formosa');  die  Ent- 
deckung der  Ăśbereinstimmung  dieser  mit  dem  Hemispasmus  glosso- 
labial.  hyst.  gab  ihnen  Veranlassung,  die  französischen  mediko-artisti- 
schen  Studien  zu  inaugurieren.  Man  ist  diesen  Spuren  in  dem  Grenz- 
gebiete der  Medizin  und  Malerei  nachgegangen  und  hat  größere 
Berührungsflächen  gefunden,  als  man  zunächst  vermuten  konnte. 
Dieses  zunächst  einsame  und  auf  Frankreich  beschränkte  Arbeitsgebiet 
ist  derartig  in  Aufnahme  gekommen,  daĂź  kaum  irgendwo  im  \'er- 
borgenen  Kunstwerke  irgendwelcher  Epochen  existieren ,  die  noch 
nicht  auf  ihren  mediko-historischen  Inhalt  geprĂĽft  sind.  Zuletzt,  nach- 
dem die  Ernte  bereits  unter  Dach  war  und  reife  FrĂĽchte  nicht  mehr  zu 
pflücken  waren,  ging  ein  ganz  Naiver  daran,  den  körperlichen  Inhalt 
und  die  Konstitution  der  Leinwandmenschen  zu  untersuchen.  Es  ent- 
spann sich  ein  Kampf  mit  allerdings  ironisch  zugespitzten  Waffen  im 
Schöße  der  Berliner  medizinischen  Gesellschaft  darüber,  ob  die  Eva  des 
van  Eyck  schwanger  sei  oder  nur  gesenkte  Eingeweide  besäße  (!). 
Die  nächste  Folge  solcher  Gutachten  wäre,  bei  der  Venus  von  Tizian 
Pruritus  vulvae  anzunehmen  und  bei  den  Botticellischen  Geschöpfen 
Gicht  und  PlattfĂĽĂźe.  Derartige  naive  Ăśbertreibungen  eines  unge- 
sunden SpĂĽrsinns  sind  nur  geeignet,  den  wirklichen  Wert  solcher 
Untersuchungen  herabzusetzen.  Betrachten  wir  einmal  die  Illustra- 
tionen und  den  Buchschmuck  frĂĽherer  MedizinbĂĽcher,  welche  Lehr- 


')  Charcot  et  Paul  Richer,  Nouvelle  Icon.  de  la  Salpetr.   1888. 


DAS  OBJEKT.  237 


zwecken  dienten;  die  Absicht  des  Autors  wurde  auch  in  der  Illustra- 
tion ĂĽbertrieben  und  unterstrichen,  gewissermaĂźen  ĂĽberkorrigiert. 
Schilderte  aber  einmal  ein  KĂĽnstler,  der  zugleich  Naturalist  war,  eine 
Krankheitserscheinung,  so  hat  diese  voraussetzungslose  Arbeit  ge- 
wissermaĂźen als  Naturabschrift  objektiven  Wert,  jedoch  nicht  fĂĽr 
einen  Medizinstudenten.  Es  gehört  schon  die  ganze  Kurzsichtigkeit 
eines  Banausen  dazu,  anzunehmen,  daĂź  wir  derartige  Studien  betreiben, 
um  Objekte  zu  finden  zur  UnterstĂĽtzung  medizinischen  Realstudiums. 
Hat  man  schon  je  gehört,  daß  der  Abc-Schütze  lesen  lernt  an  der 
Marmorschritt  antiker  Denkmäler,  hat  man  schon  je  gehört  oder 
beansprucht,  daß  jemand  durch  das  Studium  holländischer  Küchen- 
malerei kochen  lernte  oder  Botaniker  werde  durch  Betrachtung  der 
BlumenstĂĽcke?  Ist  ein  Schlachtenmaler  reif  fĂĽr  die  Kriegsakademie? 
DaĂź  es  sich  hier  im  wesentlichen  nur  darum  handelt,  historische 
Arbeit  zu  leisten  und  das  Illustrationsmaterial  zur  Geschichte  der 
Medizin  mĂĽhevoll  zu  sammeln,  liegt  auf  der  flachen  Hand;  daĂź  es 
sich  ferner  verlohnt,  durch  diese  dem  Gedächtnis  besser  haftenden 
EindrĂĽcke  den  Unterricht  in  der  Geschichte  unserer  Kunst  und  des 
medizinischen  Standes  reizvoller  zu  gestalten,  als  es  bisher  die  trocke- 
nen Literaturangaben  und  historischen  Daten  vermochten,  das  wird 
nur  ĂĽbelgelaunte  MiĂźgunst  in  Abrede  stellen.  Hin  und  wieder  aber 
werden  zweifellos  auch  diese  Studien  eine  Autklärung  bringen  über 
Situationen  und  Kolorit,  Gebrauch  und  Sitte,  Persönlichkeit  und 
Methode,  die  der  wissenschaftliche  Chronist  als  unwichtig  ĂĽberging, 
oder  fĂĽr  die  uns  ĂĽberhaupt  literarische  Hinterlassenschaft  fehlt.  Ganz 
besonders  muĂź  dem  Medizinhistoriker  daran  gelegen  sein,  neben  den 
Darstellungen,  die  sich  auf  bestimmte  historische  Begebenheiten  be- 
ziehen, auch  solchen  Dingen  Aufmerksamkeit  zu  schenken,  die  einen 
mehr  allgemeinen  Charakter  besitzen  und  die  verschiedenen  Phasen 
des  Lebens,  den  Szenenwechsel  von  Geburt  und  Säuglingsalter,  Kind- 
heit, Mannbarkeit,  Tod  und  Bestattung  in  der  Kunst  der  einzelnen 
Völker  aufzeichnen.  Es  ist  ein  nicht  zu  gering  anzuschlagendes  Ver- 
dienst der  neuesten  Epoche,  daß  gerade  Ärzte  in  ihren  Mußestunden 
sich  der  Bearbeitung  einzelner  Kapitel  aus  diesem  Gebiete  hingaben. 


238  ALLGEMEINE  KÖRPERDARSTELLUNGEN.  ® 

SO  von  allen  Seiten  die  Bausteine  mit  Sachkenntnis  zusammentragend 
zu  einer  Illustrierung  der  Medizingeschichte  im  weitesten  Sinne. 
Wenn  wir  hier  im  Bilde  vereinigen,  was  buckelig  und  miĂź- 
gestaltet durch  die  Kunstgeschichte  hinkt,  und  die  Krankengeschichten, 
in  Erz  gegossen  und  in  Holz  geschnitzt  oder  als  keramische  Arbeit 
gefertigt,  sammeln,  so  war  nicht  unser  Zweck,  eine  Vereinigung 
solch  plastischer  Invaliden  im  Stil  eines  Briefmarkenalbums  an- 
zulegen. Die  Absicht  der  Darstellung  interessiert  uns  in  erster 
Linie,  da  deren  Kenntnis  den  Gegenstand  erst  fĂĽr  uns  wertvoll 
macht.  Schuf  der  KĂĽnstler  voraussetzungslos,  modellierte  er  die 
Natur,  oder  bezweckte  er  etwas  besonderes  damit?  Selbstverständlich 
modifiziert  die  Tendenz  den  Beobachtungswert.  Doch  kann  es  auch 
vorkommen,  daß  der  Künstler  z.  B.  einen  Leprösen  porträtieren 
wollte  und  sich  einen  Syphilitischen  zum  Vorbild  nahm.  Deshalb  ist 
auch  hier  Vorsicht  geboten.  Das  illustriert  z.  B.  im  umgekehrten 
Sinne  eine  Beobachtung,  die  man  auf  der  letzten  Ausstellung  in  Rom') 
anstellen  konnte.  Dort  war  eine  groĂź  angelegte  Plastik  eines  Serben 
ausgestellt,  die  mit  Recht  allgemeines  Aufsehen  erregte.  Ein  Weib  war 
in  die  Arme  einer  hinter  ihr  Sitzenden  zurĂĽckgesunken.  Es  hatte  den 
Anschein,  als  wenn  hier  mit  genauester  Sachkenntnis  eine  Geburt- 
szene wiedergegeben  war.  Hinter  der  frisch  Entbundenen  saĂź  die 
Wehmutter;  die  Hache  ILmdstellung  der  Helferin  deutete  darauf 
hin,  daß  der  Moment  der  Ausstoßung  der  Plazenta  sachgemäß  ge- 
schildert werden  sollte;  jeder  Mediziner  wird  die  ganze  Komposition 
in  diesem  Sinne  auffassen.  Wir  wĂĽrden  bei  der  Auffindung  einer 
solchen  Gruppe  alle  in  ihrer  Deutung  einig  sein.  Meine  Erkundi- 
gung jedoch  zeigte,  daĂź  der  geniale  KĂĽnstler  etwas  ganz  anderes  im 
Auge  hatte  und  dies  auch  durch  die  Bezeichnung  »Witwe«  zum 
Ausdruck  gebracht  hat.  Aus  diesen  Ăśberlegungen  heraus 
sonderte  ich  die  folgenden  Krankheitsdarstellungen  auch 
nach  dem  Motiv  ihrer  Entstehung.  Diese  ätiologische  Berück- 
sichtigung war  vor  allem  auch  deshalb  nötig,  weil  die  Einzelobjekte 
medizinisch  ĂĽbertrieben  bewertet  und  ihnen  Spezialdiagnosen  auf  das 

')  Internationale  Jubiläumsausstellung  191 1. 


DIE  TENDENZ.  239 


Gesicht  geschrieben  waren,  die  im  einzelnen  schlechtweg  unhaltbar 
sind  und  die  als  Ganzes  genommen  auf  falsche  Wege  fĂĽhren. 

Bevor  wir    uns   aber    mit    der   plastischen  Krankheitsdarstellung 
befassen,  mĂĽssen  wir  die  Grenzlinie  studieren  und  uns  darĂĽber  ver- 
ständioen,  was  ist  normal,  was  ist  krank?     Hier  ergibt  sich  sofort 
die   Schwierigkeit,    daĂź  wir  noch  lange  nicht  berechtigt  sind,    jede 
Abweichung  des  Lebens  von   dem  Kanon   des  »Normalen«  krank  zu 
nennen,  sondern  daĂź  wir  das  Grenzgebiet  abnormer  Formenbildung 
abtrennen    müssen.     Das   Statuieren    körperlicher   l'ormenschönheit, 
die   Aufstellung    des   Normalkanon    ist    nun    aber   ein    Grenzgebiet 
zwischen    Kunst    und   Anatomie    und    ein    Studium    tĂĽr    sich;    was 
im  Leben  vom  Arzte    noch  als  normal    durchgelassen    wird,    wirkt 
im  plastischen  Kunstwerk  auffallend;   denn  im  Leben  hat  manches 
als  Erbteil  einer  FamilieneigentĂĽmlichkeit  Passierschein,  was  in  Erz 
gegossen  kĂĽnstlerisch  beanstandet,  medizinisch  kritisiert  werden  muĂź. 
Große  Abweichungen  vom  künstlerischen  Kanon  mögen  häßlich  sem, 
sie   brauchen    aber    deshalb    nicht    krankhaft   zu    sein.     Hier  spielen 
individuelle  Anlagen,  Vererbungen  und  vor  allem  RasseeigentĂĽmlich- 
keiten eine  fĂĽhrende  Rolle.    Auch  diese  Abweichungen  von  der  Norm 
sind  vielfach  bereits  Gegenstand   spezialistischer  Studien  geworden. 
Indem  wir  auf  diese  verweisen  mĂĽssen^,  betonen  wir,  daĂź  die  Grenze 
zwischen  Anormalem  und  Krankhaftem  keine  objektiv  fixierbare  ist. 
Will  man  z.  B.  ein  Weib  mit  ausgesprochen  infantilem  Skelettbau 
als  krank  bezeichnen,  obwohl  es  funktionell  vollkommen  intakt  ist? 
Bei  diesen  kanonischen  Anforderungen  an  den  Körperbau  muß  man 
vor  allen  Dingen  auch  die  Gesetze  der  Entwicklung,  der  Reife  und 
des  Alterns  berĂĽcksichtigen.     Der  Mensch  in  mittleren  Jahren,  vor- 
zeitig senil    kann  Körperbau  und  Haltung  besitzen,  die  man  für  eine 
spätere  Lebensperiode   als  normal  bezeichnen   würde.     Wir  können 
diese  Dinare  hier  nur  andeuten,  um  vor  einer  ĂĽbertriebenen  Bewertung 
solcher  Abweichungen  in  der  Zeichnung  und  in  der  Plastik  zu  warnen, 

â– )  Literatur  s.  bei  Choulant,  Gescliiclite  der  anatomischen  Abbildung.  Leipzig,  Weigel, 
1852  und  Die  äußeren  Formen  des  menschlichen  Körpers  von  Prof.  Gaupp.  Jena,  Fischer,  191 1. 
Paul  Richer,  L'anatomie  artistique ,  1S90,  und  Canon  des  proportions  du  Corps  humam, 
Paris,  Delagrave,  1893. 


240  ALLGEMEINE  KÖRPERDARSTELLUNGEN.  ® 

denn  ganz  abgesehen  davon,  daĂź  es  sich  oft  um  unbeabsichtigte  Fehler 
in  den  Proportionen,  um  ein  »Verhauen«  in  der  Zeichnung,  handelt, 
wird  diese  Grenze  des  Gewöhnlichen,  Normalen  verwischt  durch  Mode 
und  Geschmack  der  Zeit,  und  durch  den  Stil  des  KĂĽnstlers. 
Ein  Beispiel  wird  dies  klar  machen.  Die  primitive  iMalerei  sowohl  in 
Italien  wie  in  Holland  und  Deutschland,  dementsprechend  auch  die 
Skulptur  jener  Zeit,  liebte  es,  den  nackten  Menschen  mit  infantilem 
Körperbau  zu  zeigen.  Nun  ist  behauptet  worden,  das  käme  daher, 
weil  die  Menschen  damals  so  gewesen  seien.  Es  heiĂźt  das  an  der 
Modetorheit  up  to-day  blind  vorbeizugehen  und  ĂĽber  den  krampf- 
hatten Versuch  einer  modesüchtigen  Jüdin  mit  untersetztem  Körper 
und  vollbusigem  Fettreichtum  nicht  zu  lächeln,  äußerlich  als  Be- 
sitzerin eines  geradlinig  gestreckten  Körpers  anglikanischer  Rasse  zu 
gelten.  Die  ĂĽberwiegende  Mehrzahl  sowohl  der  bildenden  KĂĽnstler 
als  auch  der  Käufer  ihrer  Werke  sind  immer  Männer  gewesen. 
Schon  aus  diesem  Grunde  finden  wir  das  nackte  Weib  häufiger 
dargestellt  wie  den  Mann.  Hinzu  kommt,  daß  der  weibliche  Körper 
in  seiner  Linienführung  erheblich  größeren  Schwankungen  aus- 
gesetzt ist,  und  dadurch  lĂĽr  die  Phantasie  und  die  Gestaltungskraft 
des  KĂĽnstlers  ein  geeigneteres  Modell  abgab. 

Im  ganzen  können  wir  uns  mit  der  Aufstellung  von  zwei  Typen 
des  menschlichen  Körpers  begnügen,  welche  noch  innerhalb  der 
Grenze  des  Normalen  liegen.  Nehmen  wir  den  normalen  Körperbau, 
wie  ihn  die  Anatomie  lehrt,  als  Grundtorm  an,  so  kommen  zunächst 
Abweichungen  nach  zwei  Richtungen  vor;  entweder  können  wir 
annehmen,  daß  die  natürlichen  statischen  ^>rhältnisse  des  Skelettes') 
dadurch  verändert  werden,  daß  eine  abnorme  Streckung  der  Wirbel- 
säule eintrat,  welche  die  natürlichen  Bogenlinien  mehr  oder  weniger 
geradlinig  ausgleichen  (i  n  f  a  n  t  i  1  e  r  und  E  u  n  u  c  h  e  n  h  a  b  i  t  u  s),  oder 
das  Gegenteil  trat  ein;  gewissermaĂźen  durch  einen  Druck  von  oben 
weicht  die  Wirbelsäule  aus  und  noch  in  den  Grenzen  des  Nor- 
malen werden  die  natĂĽrlichen  Biegungen  derselben  prononcierter 
(Hottentotten  habitus).    Durch  diese  an  und  tĂĽr  sich  scheinbar 

')  Rudolf  Leniihoff,  Konstitution  und  KĂĽrperform.  Beil.  l<lin.  Woclienschr.  1909,  Nr.  9. 


DER  KĂśNSTLERSTIL.  24 1 


geringtügigen  \'eränderungen  der  Wirbelsäule  tritt  eine  Differenzierung 
des  Typus  ein.  Im  ersten  Falle  zeigt  der  infantile  Typus  gestreckte 
Wirbelsäule,  geringe  Beckenneigung,  Sichtbarkeit  der  äußeren  Geni- 
talien, Luttlinie  zwischen  den  Oberschenkeln  und  langen  Knochen- 
bau; Hand  in  Hand  mit  diesem  Knochenbau  pflegt  auch  eine 
geringe  Entwicklung  des  Fettpolsters  cinherzugehen,  die  Erhaltung 
der  juvenilen  Form,  kleiner  BrĂĽste  und  fester,  schwach  entwickelter 
Nates.  Der  gegenteilige  Typus  nähert  sich,  medizinisch  ausgedrückt, 
der  rhachitischen  Form:  stark  geschwungene  Wirbelsäule,  rundlicher 
RĂĽcken,  starke  Beckenneigung  mit  der  damit  verbundenen  RĂĽck- 
wärtslagerung der  Scham,  prall  aneinander  liegende  Oberschenkel 
und  stärkere  Entwicklung  des  Busens  mit  meist  großer  Fettfülle 
sind  hier  deutliche  Stammeszeichen.  Ein  besonderer  latiformer  Tvp 
nähert  sich  der  achondroplastischen  Veranlagung,  deren  Krankheits- 
erscheinung mit  der  eigentĂĽmlichen  Entwicklung  im  transversalen 
Durchmesser  noch  Gegenstand  besonderer  Betrachtung  sein  wird. 
Zwischen  diesen  Grenztormen  pendelt  die  Darstellungsweise  hin 
und  her  je  nach  Geschmacksrichtung  und  Mode  ganzer  Epochen, 
gleichzeitig  ein  wechselvolles  Spiel  kĂĽnstlerischer  Eigenart.  Je  nach 
der  Übertreibung  gewisser  Dimensionen  der  verschiedenen  Körper- 
teile im  Rahmen  des  besonderen  Typus  ergeben  sich  dann  die 
charakteristischen  EigentĂĽmlichkeiten  eines  Meisters.  Der  juvenile 
Stil,  der  Infantilismus  in  der  Kunst,  ist  fast  bei  allen  Primitiven 
vorhanden.  Die  langen  Extremitäten,  der  lange  Hals,  die  Schmal- 
brĂĽstigkeit des  Botticellischen  kleals  (Wahrheit  und  Reue  in  Florenz, 
die  Geburt  der  Venus  in  den  Uttizien)  sind  charakteristische  Bei- 
spiele dieses  Stils.  Die  Eva  des  Jan  van  Evck,  namentlich  aber  der 
sogenannte  Liebeszauber  in  Leipzig  von  einem  Zeitgenossen  und 
SchĂĽler  des  BrĂĽderpaares  zeigt  uns  den  ĂĽbertriebenen  Intantilismus 
als  den  Ausdruck  der  Geschmacksrichtung  jener  Zeit;  verdeckt  man 
sich  den  ganzen  Körper  dieser  frühen  Kurtisane  unterhalb  der  Arme 
und  enthüllt  dann  den  Körper  allmählich  nach  unten,  so  ist  man 
geradezu  entsetzt  darüber,  daß  dieser  kindliche  Oberkörper  derartig 
in  die  Länge  gezogen  ist  (s.  Fig.  140).     Auch   die   sonstigen  Kri- 


Holländer,   Plastik  und  Medi, 


242 


ALLGEMEINE  KĂ–RPERDARSTELLUNGEN. 


terien  dieser  infantilen  Gestaltung,  der  aufgetriebene  Leib,  die  Klein- 
heit der  Mammae  kommt  hier  ĂĽbertrieben  zur  x\nschauung;  doch 
wollen    wir    uns    aut    diese   Details    nicht    einlassen.     Nahezu   den 


Fhot.  Briickmann . 


Fig.  140.     Liebeszauber,  Leipzig. 

Schule  der  BrĂĽder  van  Eyck. 


vollendet  normalen  Realtypus  eines  Weibes  zeigt  uns  der  wunder- 
bare liegende  Akt  von  Velasquez  in  der  Londoner  Nationalgalerie, 
der  wegen  seiner  Meisterschaft  dem  Größten  zugeschrieben  wurde. 
Jenseits    der    Linie  des   Normalen ,    dem   rhachitischen  Typus    sich 


INFANTILISMUS. 


243 


nähernd,  sind  die  gedrungenen  Gestalten  des  Rubens;  geradezu  vor- 
bildlich hierfĂĽr  ist  die  Toilette  der  \'enus  in  Wien  mit  der  stark 
geschwungenen  Wirbelsäule  und  der  übertriebenen  Beckenneigung 
und  der  typisch  gestalteten  Rautengrube;  selbst  den  schwebenden, 
also  vollkommen  entlasteten  Gestalten  des  JĂĽngsten  Gerichtes  ist 
dieser  Tvpus  eigentĂĽmlich;  nach  ihm  lieben  wir  es,  den  Ausdruck 
einer  reiten  Frauenschönheit  zu  benennen. 

Auch  die  Tagesmode  verwirft  die  voll  entfaltete  Blume,  die 
Knospe  ist  Trumpf  und  mit  dem  Bluff  des  unentwickelten  Körpers 
in  Linie  und  Kleidung  verbindet  sich  von  selbst  das  Bestreben,  dem 
normalen  Entwicklungsgang  des  Alterns  den  Hemmschuh  anzulegen 
und  den  alternden,  fettansetzenden  Körper  in  das  Korsett  jugend- 
licher Form  zu  pressen. 

Tn  der  Plastik  läßt  sich  unschwer  ähnliches  beobachten,  die 
Skulptur  der  primitiven  Bildhauer  folgte  den  Anschauungen  der 
Malerei,  nur  mit  dem  Unterschiede,  daĂź  auĂźer  diesem  Zwang  noch 
das  jeweilige  Verhältnis  des  Meisters  zur  Antike  maßgebend  ist; 
denn  während  die  antike  klassische  Kunst  der  Malerei  so  gut  wie 
keine  Vorbilder  hinterlassen  hat,  erlebte  die  Skulptur  ihre  Wieder- 
geburt in  der  Anlehnung  und  Erinnerung  an  die  klassische  Kunst; 
so  muĂź  man  bei  jedem  groĂźen  Meister  der  Bildhauerei  immer  zu- 
nächst nach  seinem  \'erhältnis  zur  Antike  tragen. 

Aufgabe  der  Kunstgeschichte  und  Kunstanatomie  ist  es.  auch  die 
Veränderungen  des  Körperideals  in  der  antiken  Kunst  zu  studieren. 
\'om  archaischen  Typus  bis  zum  fettreichen  Astarteideal,  von  der 
ersten  hellenischen  Kunstblüte,  von  den  wunderbar  majestätischen 
Götterbildern  des  Phidias,  der  strengen  Naturschönheit  des  Polyklet 
und  dem  kunstvollen  Rhythmus  eines  Myron  bis  zum  Höhepunkt 
des  Praxiteles,  der,  auf  alle  Attribute  verzichtend,  als  Aphrodite  ein- 
fach ein  in  allen  Teilen  wunderbar  schönes  nacktes  Weib  hinstellte, 
war  der  Schönheitsbegriff  in  beständiger  Wandlung.  Wenn  wir 
nun  diese  Göttergestalten  eines  unvergleichlichen  Zeitabschnittes 
in  der  Geschichte  der  Skulptur  immer  vor  Augen  haben  und  mit 
ihrer  Größe  und  Schönheit  Neugeschaffenes  vergleichen,  so  dürten 


244 


ALLGEMEINE  KĂ–RPERDARSTELLUNGEN. 


wir  uns  doch  nicht  vorstellen,  daĂź  dtn-ch  die  Gassen  Athens  damals 
nur  Menschen  mit  solchem  Idealhabitus  schritten,  und  daĂź  unter 
dem  Himation  griechischer  BĂĽrgerinnen  nur  ein  klassisch  getormter 
Busen  wogte.  Wir  dürfen  es  nicht  vergessen,  daß  Götter  dar- 
gestellt wurden,  und  daĂź  es  dem  Genius  jener  Zeit  gelang,  vollen- 
detes Ebenmaß  des  menschlichen  Körpers  in  solcher  Reinheit  plastisch 
zu  formen,  daĂź  von  solch  Fehlerlosem  \'orstellung  und  Begriff  der 
Göttlichkeit  ausging.  Es  sind  uns  nun  wohl  auch  aus  dieser 
groĂźen  Epoche  statuarische  Werke  ĂĽberkommen,  in  denen  nicht 
Göttliches  geschildert  werden  sollte,  sondern  .Menschen,  Kämpfer, 
Athleten  und  Ringer;  auch  diese  halten  meist  in  ihrer  Körperbildung 
den  \"ergleich  mit  Göttern  aus,  wenn  nicht  das  Häßliche  bei  ihnen 
des  Charakters  wegen  besonders  betont  werden  sollte. 

Es  hieĂźe  hier  sich  auf  den  Seitenweg  reiner  Kunstgeschichte 
begeben,  wollten  wir  fĂĽr  das  Gesagte  Beweise  bringen.  Aus  der 
GegenĂĽberstellung  des  reifen  griechischen  kleals  klassischer  Linien- 
fĂĽhrung, welches  tĂĽr  uns  die  \'enus  von  Milo  oder  die  esquilinische 
\"enus  verkörpert,  des  ägyptischen  Astartetypus  mit  enger  Taille  und 
weit  ausladenden  Hüften  und  Schenkeln  —  und  den  modernen  Skulp- 
turen französischer  Tänzerinnen  mit  torcierter  Beckenneigung  oder 
Wienerinnen  mit  wellenförmiger  Silhouette  ersehen  wir  den  Wechsel 
des  Typs,  der  Mode  und  des  Frauenideals.  Wie  wir  schon  ausfĂĽhrten, 
pendelt  der  Geschmack  in  der  Kunstrichtung;  viel  mehr  aber  noch 
als  bei  uns  tührte  sie  in  Griechenland  und  in  Rom  zur  Zeit  der  Spät- 
antike zu  einer  perversen  Körperbildung,  zur  besonderen  Vorliebe 
der  Darstellung  weibischer  Männeriormen  und  zur  Vermännlichung 
des  weiblichen  Körpers').  Als  formvollendetes,  viel  bewundertes 
Beispiel  solcher  Verherrlichung  des  juvenilen  Stils  bringen  wir  die 
Darstellung  der  sogenannten  »Psyche«  von  Neapel  (s.  Fig.  141). 
Nicht  nur  die  ikiche,  festgefĂĽgte  Form  der  freilich  modern  ĂĽber- 
arbeiteten Brust,  sondern  namentlich  die  Wölbung  des  Thorax,  die 
ungewöhnliche  Schmalheit  des  Beckens,  der  straffe  lange  Leib,  geben 


')  Henri  Meige,    L'infantilisme,  le  fcminismc  ut  les  Hermaphiodites  Antiques.     L' An- 
thropologie  1895. 


PERVERSER  HABITUS.  245 


diesem  Körper  den  Charakter  einer  \'irago.  Umi;'ekehrt  liebten  es 
die  i\lten ,  manchem  männhchen  Gott,  /..  B.  dem  Apoll  und  dem 
Bacchus,  weibische  Formen  zu  geben  (s.  Fig.  142). 


t'hot.   Annan.     .\fa/>e/,  i\ai.-A/iiseniii. 

Fig.  141.     Sogenannte  Psyche.     Antike  griech.  Slvulptur. 

Als  weiteres  Gegenspiel   der  antiken  Freude  an  der  weibischen 
Degeneration   des  Mannes,   der  sogar  gelegentlich  Weibertracht  an- 


246 


ALLGEMEINE  KĂ–RPERDARSTELLUNGEN. 


legt,  beobachten  wir  hunderttach  Frauen  in  der  Haltung  und  der 
Beschäftigung  von  Männern.  Der  Amazonenkampf  ist  eines  der 
beliebtesten  Themen  antiker  Darstellungen.  Der  Geschlechtscharakter 
einer  Figur  oder  eines  Koptes  geht  ott  vollkommen  verloren.  Der 
naive   Betrachter   würde   unter    allen    Umständen    z.  B.    den    einen 


Fig. 


Bacchustorso. 


Kopt  der  Doppelherme  aus  dem  Athenischen  Nationalmuseum') 
mit  den  weibischen  ZĂĽgen  und  den  langen  auf  die  Brust  lallenden 
Locken  für  eine  Frau  halten,  ebenso  wie  er  es  unverständlich 
finden  wird,  daß  die  Archäologen  darüber  streiten,  ob  das  neu  aut- 
getundene   schöne   Mädchen  :Von    Antium    wirklich    ein    Weib    ist. 


')  Aus  dem  Stadion. 


HERMAPHRODITISMUS.  247 


Die  letzte  Konsequenz  dieser  Vermischung  der  Typen  war  die 
Hermaphroditenbildung,  die  wir  im  folgenden  austĂĽhrlicher 
besprechen  wollen.  Aber  schon  an  dieser  Stelle,  wo  die  Zwischen- 
stufen von  Gesundheit  und  Krankheit  diskutiert  wurden,  weisen  wir 
auf  die  Plastik  der  Schwangerschaft  hin,  welche  in  ihrem  normalen 
Verlauf  die  Linienführung  des  Körperbaus  aut  den  Kopt  stellt. 

HERMAPHRODITEN. 

Menschliche  Zwitterbildung  als  Ausdruck  tĂĽr  den  Herm- 
aphroditismus ist  ^\'ortbildung  mit  falscher  anatomischer  Vorstellung; 
denn  keine  zweifache  Körperlichkeit  war  dieser  Bildung  voraus- 
gesetzter Gedanke,  sondern  im  Gegenteil  die  Vereinigung  der  kon- 
trären Körpercharaktere  zu  einem  harmonischen  Ganzen,  zu  einer 
Wesenseinheit.  Das  war  des  Bildners  angestrebtes  Ziel,  das  der 
kĂĽnstlerische  Reiz  fĂĽr  die  ganz  GroĂźen.  Eine  schon  dekadente 
Kunst  begnĂĽgte  sich  mit  der  Erregung  des  sinnlichen  Kitzels  durch 
raffinierte  Darstellung  des  weiblichen  Orgasmus,  mit  dem  Zeichen 
errester  Männlichkeit.  Gelehrte  archäologische  Weisheit  versuchte 
dem  Dinge  natĂĽrliche  Entwicklung  unterzulegen,  wo  das  Altertum 
sich  bequemer  mit  legendärer  Erklärung  zufrieden  gab.  Danach 
war  der  schöne  Jüngling  Hermaphroditos  der  Sohn  der  Aphrodite 
und  des  Hermes.  Als  er  einst  bei  HalikarnaĂź  in  der  Quelle  der 
karischen  Nvmphe  Salmakis  badete,  wurde  er  von  dieser  mit  so 
stĂĽrmischer  Liebe  umklammert,  daĂź  beide  nicht  mehr  voneinander 
lassen  konnten  und  zu  einem  Wesen  verschmolzen.  Die  Kunst  hat 
diesen  JĂĽngling  immer  so  dargestellt,  daĂź,  bei  vollkommenem  Vor- 
herrschen der  weiblichen  Bildung  im  übrigen  Körperbau,  eine  männ- 
liche Scham  vorhanden  war,  nie  umgekehrt  den  Mann  mit  weiblichem 
Schoß.  Das  spricht  für  die  Berechtigung  einer  anderen  archäologischen 
Erklärung.  Hermes,  der  Gott  der  Wege,  der  Gott  auch  der  kos- 
mischen Befruchtung,  wurde  in  frĂĽher  Zeit  an  den  StraĂźenkreuz- 
punkten verehrt  durch  Aufrichten  von  Steinhaufen;  Spitzsäulen,  auf 
deren  obere  Endigung  man    zunächst  einen   großen  Phallus   stellte, 


248 


ALLGEMEINE  KĂ–RPERDARSTELLUNGEN. 


als  das  älteste  Wahrzeichen  hermischer  \'erehrung.  Zu  diesem  Zeichen 
kam  der  Gott  des  Herdenreichtums  und  ĂĽberhaupt  befruchtender 
Kraft  durch  die  wahnsinnige  Brunst,  die  der  Anblick  der  Proserpina 
in  ihm  entfachte.  Dann  ging  man  später  an  die  Errichtung  der  zahl- 
reichen Wegehermen,  viereckiger  Steinsäulen  mit  einem  oder  mehreren 
Köpfen  und  den  entsprechenden  männlichen  Genitalien,  die  zuerst 
erigiert,  späterhin   jedoch   nur   angedeutet  waren.     Nun    schmückte 


MĂĽnchen,   Ctyptothck. 


Fig.  143.     Zeremonie  vor  einer  Herme. 


man  später  diese  Hermen  auch  mit  den  Kopien  anderer  Gottheiten, 
so  des  Priap,  Fan,  Dionvs,  Herakles,  Eros  und  anderer.  Diese  nannte 
man  dann  Hermopan,  Hermathene,  Hermherakles.  Krönte  nun  der 
Aphroditenkopf  die  Säule,  deren  sonstige  Verzierung  unverändert 
blieb,  so  resultierte  daraus  die  Hermaphrodite;  solche  Hermen  sind 
erhalten.  Wie  solche  Hermen  verehrt  wurden,  das  zeigt  ein  Hermes- 
idol, das  zwei  junge  Mädchen  mit  Bändern  bekränzen  (Fig.  145). 
Dieses  in  der  MĂĽnchener  Glvptothek  befindliche  Relief  bildet  auch 
Floß  (Seite  ^i8i)  ab   unter  der  irrigen  Bezeichnung  »Fruchtbarkcits- 


HERMAPHRODITISMUS.  249 


Zauber«.  »Daß  beide  die  Bänder  ihres  Gewandes  gelöst  haben, 
spräche  für  die  Wünsche,  die  sie  vom  Ciotte  erflehen  und  die  Zere- 
monien, die  sie  im  Begriff  stehen  mit  der  Statue  vorzunehmen«'). 
Medizinisch  interessant  ist  die  Haltung  der  rechten  Frau;  ihre  Pose 
war  so  erklärt,  daß  sie  ein  Band  fallen  ließ  und  mit  der  Hand  die 
Gewänder  eben  hochnehmen  will;  ich  meine,  sie  hebt  die  Bindenrolle 
mit  den  Zehen  aut".  Die  Figur  ist  eine  Kopie  der  die  Sandalen  bin- 
denden Xike  von  der  Balustrade  des  Niketempels  (Akropolismuseum). 
—  Wenn  auch  hie  und  da  noch  die  Reste  einer  solchen  i\phroditen- 
herme  gefunden  wurden,  so  weisen  doch  ältere  Kulte  und  völkische 
Eigenheiten  auf  eine  andere  Herkunft  des  Hermaphroditenbegriffes. 

In  der  Vorstellung  vieler  primitiver  Volker,  vorzĂĽglich  aber  orien- 
talischer, bestanden  im  Urbeginn  bisexuelle  Gottheiten ;  oder  das  männ- 
liche und  weibliche  Prinzip  vereinigten  sich  zur  Schaffung  eines  allge- 
meinen (Isis-Osiris-Horus)  oder  auch  umgekehrt.  Aus  der  allgemeinen 
Dunkelheit  wurden   zwei  geschlechtliche  Prinzipien:  Xacht  und  Tag. 

Und  nicht  nur  der  Urbeginn  war  geschlechtslos  oder  vielmehr 
androgyn  und  spaltete  sich  geradeso  in  die  zwei  Geschlechter  wie  das 
Primordialei  durch  Teilung  fortbesteht;  nicht  nur  die  Gottheit  trug 
diesen  zwiefachen  Charakter,  sondern  auch   die  ersten  Menschen. 

Aristophanes,  der  berühmte  Komödiendichter,  übernimmt  es,  in 
dem  bekannten  »Gastmahl«  des  Plato  diese  Naturphilosophie  zu 
karikieren.  Aus  der  Geschichte  der  Menschenerschaffung  sucht 
er  in  diesem  antiken  Meistersingerstreit  ĂĽber  das  Thema  der  Liebe 
die  verschiedenen  Arten  derselben  naturphilosophisch  zu  erklären. 
Piatos  beiĂźender  Spott  ist  dabei  vielfach  als  bare  MĂĽnze  aus- 
aeseben  worden.  Da  in  des  Aristophanes  Rede  vielfach  Anklänge 
an  andere  Mvthen  vorkommen,  so  bringen  wir  diesen  Teil  seiner 
Rede  im  Auszuge  (Piatos  Gastmahl,   14.  Kapitel). 

»Unsere  Natur  vor  alters  nämlich  war  nicht  die  nämliche,  welche 
sie  jetzt  ist,  sondern  eine  anders  beschaffene.    Denn  erstens   gab  es 


')  Sachlich  unrichtig.  Die  Tracht  ist  die  gewöhnhche  des  Lebens:  die  spartanischen 
Mädchen  trugen  genau  dieselbe  Tracht,  wie  die  linke  Figur.  Da  der  Körper  vollkommen 
offen  lag,  wurden  diese  Spartanerinnen  scheizweise  'iaivoji-ri&ios;  (die  »Nacktschenkel«)  ge- 
nannt. 


250 


ALLGEMEINE  KĂ–RPERDARSTELLUNGEN.  aĂź 


drei  Geschlechter  der  Menschen,  nicht  wie  jetzt  bloß  zwei,  männlich 
und  weiblich,  sondern  hierzu  kam  noch  ein  drittes  aus  diesen  beiden 
gemeinsam  vereinigtes,  wovon  jetzt  nur  der  Name  ĂĽbrig  ist;  Mann- 
weib nämlich  war  damals  eine  Gestalt  und  ein  Name,  wirklich  aus 
beiden,  sowohl  dem  Männlichen  als  auch  dem  Weiblichen,  gemein- 
sam vereinigt;  jetzt  aber  ist  es  nur  ein  als  Schimpt  geltender  Xame.« 
Aristophanes  gibt  nun  im  tolgenden  eine  detaillierte  Schil- 
derung eines  solchen  Primärmenschen  mit  vier  Beinen,  vier  Händen, 
zwei  Gesichtern  und  zwei  Geschlechtsteilen.  Diese  Urmenschen, 
an  Kraft  und  Stärke  gewaltig,  beschlossen,  durch  Hinaufsteigen 
in  den  HimnK'l  die  Götter  anzugreiien.  Zeus  war  in  \'erlegen- 
heit,  da  er  sie  nicht  wie  die  Giganten  durch  den  Blitz  erschlagen 
w'oUte,  um  nicht  das  ganze  Geschlecht  zu  vernichten.  Er  machte 
nun  das  in  aller  Stille,  was  unser  Pariser  Kollege  Doyen  (unter 
Assistenz  des  Kinematographen)  mit  seiner  brillanten  Technik 
machte,  er  schnitt  diese  Doppelmenschen  auseinander,  drohte  aber, 
wenn  das  nicht  genĂĽge,  sie  zu  vierteilen,  so  daĂź  sie  dann  nur  aut 
einem  Bein  sich  fortbewegen  könnten,  wie  die  Leute  beim  Dionysos- 
tanze auf  dem  Pelle  eines  geschlachteten  Bockes.  Zeus  erwies 
sich  anscheinend  bei  diesem  operativen  Eingriff  als  ein  Plastiker 
ersten  Ranges  und  nähte  die  halbierten  Menschen  mit  der  Tabaks- 
beutelnaht zusammen,  wie  der  jetzige  technische  Ausdruck  ist. 
Plato  aber  sagt  »wie  bei  den  Geldbeuteln,  welche  zum  Ziehen  sind«. 
Die  Stelle,  wo  er  die  Naht  \-erknĂĽpfte,  blieb  natĂĽrlich  etwas  un- 
regelmäßig, das  wurde  der  Nabel;  die  übrigen  Runzeln  am  l^auche 
aber  glättete  er,  wie  der  Schuster  das  Leder  glättet,  absichtlich  aber 
lieĂź  er  einige  Palten  stehen  (Inscriptiones  tendin.)  als  Denkzeichen 
des  frĂĽheren  Zustandes.  Die  Pointe  dieser  phantastischen  Er- 
klärung und  der  aristophanische  Witz  bezieht  sich  nun  aut  den 
verkehrten  Sitz  der  Geschlechtsteile.  Die  Körper,  im  eigentlichen 
Sinne  doch  immer  nur  Hälften,  seien  innig  bestrebt,  ihre  Konter- 
marke wiederzuhnden  und  sich  mit  ihr  zu  vereinigen.  Die  Haltte 
eines  Mannes,  der  im  Vorstadium  ein  Mannweib  gewesen,  sei 
weiberliebend,    2;enau    wie    die   Weiber    männcrliebend    geworden. 


HERMAPHRODITISMUS.  25  I 


Den  durchschnittenen  Doppehfiännern  und  Doppelweibern  sei  aber 
Männerireundschaft  und  Tribadentum  angeboren;  »das  Begehren 
aber  und  \'erfolgen   des  Ganzen  heißt  Eros«. 

Auch  nach  tahnudischer  Cberheferung  soll  Adam  vor  Eva  schon 
eine  Gefährtin,  die  Lilith,  gehabt  haben,  mit  ihr  erzeugte  er  ein 
Titanengeschlecht,  das  im  Ăśbermut  seines  KraitgefĂĽhls  den  Kampf 
gegen  Gott  aufnahm,  aber  besiegt  wurde.  Einen  Hinweis  aut  diese 
Lilithlegende  gibt  die  Genesis  Kap.  6,  \'ers  2  und  4,  wo  von  einer 
Vermischung  der  Kinder  Gottes  mit  den  Töchtern  der  Menschen  die 
Rede  ist,  aus  denen  Gewaltige  in  der  Welt  und  berühmte  Männer 
wurden  (Ahrimans).  Der  Hinweis  von  Jean  Ictis^)  aut  die 
biblische  Schöpfungsgeschichte  als  Analogon  zu  dieser  platonischen 
Doppelgeschlechtigkeit  der  ersten  Menschen  ist  insofern  berechtigt, 
als  im  ersten  Buch  Mosis  Kap.  i,  Vers  27  zunächst  steht,  daß  Gott 
den  Menschen  schuf,  männlich  und  weiblich.  \'on  diesem  aus  Erden- 
kloĂź gemachten  Menschen ,  dem  er  lebendigen  Odem  eingeblasen 
hatte,  fand  (jott  dann  später  (Kap.  2,  Vers  18  ff.),  daß  es  nicht  gut 
sei,  daĂź  er  allein  sei,  und  machte  ihm  eine  Gehilfin.  Er  lieĂź  ihn  in 
tiefen  Schlaf  fallen  und  nahm  ihm  seiner  Rippen  eine  und  schloĂź 
die  Stelle  mit  Fleisch,  und  er  machte  aus  ihr  eine  Männin;  und  weil 
die  »Männin«  Fleisch  von  des  Mannes  Fleische  war,  so  begehrte  beides 
wieder  zusammen  in  dem  MaĂź,  daĂź  der  Mann  X'ater  und  Mutter 
verlassen  muĂź,  um  zum  Weib  zu  gelangen  und  wieder  ein  Fleisch 
zu  werden.  Demgemäß  wird  behauptet,  daß  die  Rabbinen  Ben  Israel, 
Maimonides  u.  a.  den  Adam  fĂĽr  zweigeschlechtlich  gehalten  haben"). 

Interessant  ist  es,  einen  Seitenblick  zu  werfen  darauf,  wie  sich 
die  antiken  Völker  nun  tatsächlich  bei  gelegentlichem  Vorkommen 
von  hermaphroditischen  Personen  (im  medizinischen  Sinne  ge- 
sprochen) verhalten   haben.     Xun,  zunächst  glaubten   die  Alten   mit 


')  Jean  Ictis,  Les  hermaphrodites  (ctude  paramcdicale).     Presse  mcdicale  igio. 

-)  Zu  diesen  Auslegungen  erhielt  ich  noch  folgenden  Zusatz.  ;\Iidrasch  Rabbach ;  Es 
sprach  Rabbi  Jirmeja  ben  Elieser:  In  der  Stunde,  da  Gott  den  ersten  iMenschen  schuf,  schuf 
er  ihn  androgyn,  denn  es  heißt  I.  Mos.  I.  27:  »Männlich  und  weiblich  schuf  er  sie.«  Ral^bi 
Samuel  ben  Nachman  sprach:  Mit  zwei  Gesichtern  erschuf  er  ihn,  dann  spaltete  er  ihn  und 
machte  ihn  zu  zwei  RĂĽcken ,  ein  RĂĽcken  von  hier  und  ein  RĂĽcken  von  dort ,  denn  es  heifk 
Ps.  139.   15:   »Von  hinten  und  von  vorne  hast  du  mich  geformt.-. 


252 


ALLGEMEINE  KORPERDARSTELLUNGEN. 


Bezug  auf  Plinius  und  Aristoteles,  daĂź  es  in  Atrika  ein  ganzes 
Volk  solcher  Zwitter  gäbe.  Griechen  und  Romer  in  der  Irühesten 
Epoche  sahen  in  der  Geburt  hermaphroditischer  Kinder  das  ominöse 
Vorzeichen  unglĂĽckseliger  Ereignisse;  um  ihnen  zu  entgehen,  wart 
man    die  abnormen  Geschöpfe  in   das  .Meer  und    die  Tiber.     Noch 

Bauhinius  taĂźte  im  16.  Jahr- 
hundert diese  Wesen,  die  halb 
Weib,  halb  Mann  waren,  tĂĽr 
eine  Beleidigung  der  Xatur  aut, 
die  man  mit  dem  Tode  be- 
straten müßte.  i\llmählich  aber 
erkannte  man,  daĂź  diese  MiĂź- 
geburten nur  unglĂĽckliche  Men- 
schen wären,  und  man  ließ  ihre 
Taute  zu,  verbot  ihnen  aber 
noch  zunächst  die  Ausübung 
aller  bĂĽrgerlichen  Pflichten  und 
Rechte.  A  m  b  r  o  i  s  e  P  a  r  e 
vertrat  den  Standpunkt,  daĂź 
sich  solche  Zwitter  tĂĽr  das  bei 
ihnen  ausgesprochenere  Ge- 
schlecht entscheiden  sollten,  daĂź 
sie  sich  unter  Androhung  der 
Todesstrate  nur  dieses  bedienen 
dĂĽrften .  \'  o  1 1  a  i  r  e  '),  der  gran- 
diose Spötter,  schuf  seinen 
Hermaphrodix,  Sohn  des  Inkubus 
und  einer  Benediktinerin,  der  das  Recht  erlangte,  seine  doppelte 
Natur,  die  männliche  am  Tage  und  die  weibliche  in  der  Nacht,  zu 
betätigen  .  .  . 

Im  Altertum  war  die  berĂĽhmteste  Statue  eines  Hermaphroditen 
von  Polvklet.  Die  spätere  Kunst  versuchte  nicht  nur  durch  die 
Kombination   weiblicher  und  männlichei;  Körperteile  das  Zwitterhatte 


Orig.-Fliot.  des  Deutsch,  arch-  Inst.     Athen,  .\'at.-AJnscnni. 

Fig.  144.     Hermaphrodit  (Terrakotta). 


La  Pu Celle,  N'oltaire,  Chant.  4  und   17. 


HERMAPHRODITISMUS. 


253 


Orig.-Au/n.     Stanibnl,   Ottoni.   Miiscuu 

Fig.  145.     Hermaphrodit  aus  Pergamon. 


234  ALLGEMEINE  KĂ–RPERDARSTELLUNGEN.  ^ 

ZU  charakterisieren,  sondern  sie  suchte  aus  der  \'erschmelzung  beider 
Geschlechtstypen  ein  harmonisches  Ganzes  zu  schaffen.  Nach  dieser 
Richtung  hin  ist  der  stehende  Hermaphrodit  des  Berhner  Museums, 
der  aut  ein  Originahverk  der  Schule  Polvklets  zurĂĽckgeht,  muster- 
gĂĽltig und,  worauf  schon  Richer  aufmerksam  gemacht  hat  (1892  Ic), 
eine  wirkliche  Mischung  von  Mann  und  Weib.  Ähnlich  wirkt  eine 
Tanagrafigur  des  Athenischen  Xationalmuseums  (s.  Fig.  144).  Noch 
tormvollendeter,  aber  unter  viel  stärkerer  Betonung  weiblicher  Ver- 
hältnisse, ist  der  zum  Teil  bekleidete  Hermaphrodit  aus  Pergamon, 
der  sich  jetzt  in  Konstantinopel  befindet  (s.  Fig.   143). 

Viel   bekannter   durch    die   häufigen  Repliken    sind   die   späteren 


J\o/ji,  Xat.-Mtiseiim. 

Fig.  146.     Hermaphrodit.     Antike  j\Lirmorstatue. 

Darstellungen  des  schlafenden  Hermaphroditen  (s.  Fig.  146).  Im 
Gegensatz  zu  der  aus  Erz  gearbeiteten  Statue  des  Polyklet  (Plinius 
XXXI\^,  80)  wird  das  Original  dieses  liegenden  Hermaphroditen 
aus  Marmor  gewesen  sein.  Die  Vorstellungen  sinnlicher  Art,  die  die 
Betrachtung  dieses  in  wollĂĽstigem  Traume  Daliegenden  voraussetzen, 
werden  durch  Marmor  besser  als  durch  Bronze  der  Vollendung  nahe 
gebracht.  Amclung')  sagt  von  der  Replik  im  Römischen  National- 
museum: »Die  weiche  Drehung  des  ganzen  Körpers,  das  Fließen  der 
Formen  an  dem  zarten  Rücken  ist  ganz  außerordentlich  schön,  das 
Weibliche  in  der  Gestalt  ist  stark  betont.  Das  Raffinierte  in  der 
ganzen  Auffassung  weist  das  Original  in  die  spätere  hellenistische 
Zeit.    Man  kann  ohne  Rückhalt   bewundern,  wie  die  höchste  Kunst 


')  W.  Amelung,  FĂĽhrer  durch  die  Antiken  in  Florenz.     1S97 


DIE  ERSTEN  MENSCHEN.  255 


einen  derartig  unpoetischen  Stofl"  zu  adeln  vermag.«  Was  wir  vom 
ärztlichen  Standpunkt  besonders  betonen  zu  müssen  glauben,  ist, 
daĂź  hier  der  Orgasmus  eine  kĂĽnstlerische  und  doch  naturalistische 
Darstellung  gefunden  hat.  An  diesem  in  unruhigem  Traume  sich 
bewegenden  Körper  ist  nur  das  Eine  männlich.  Durch  die  Fort- 
lassung dieses  Teiles  (wie  bei  der  Replik  im  Athenischen  Museum) 
wĂĽrde  bei  vorausgesetzter  Unkenntnis  der  anderen  Wiederholungen 
dieser  sich  im  Traume  wälzende  Leib  für  ein  richtiges  Weib  gelten. 
Die  Attribute  weisen  diesen  antiken  Zwitter  in  den  Kreis  des  Dio- 
nysus.  Das  Pantherfell,  oft  auch  das  Tvmpanon,  liegen  ihm  zur 
Seite.  Vielfach  sind  uns  Gruppen  erhalten  (wie  z.  B.  in  Berlin 
und  Florenz,  Ulfizien),  wo  sich  ein  Hermaphrodit  der  erotischen 
Angriffe  eines  Satyrs  erwehrt;  verständlicher  erscheint  uns  die 
Szene  in  der  Nuance,  wie  wir  sie  mehrfach  auf  pompejanischen 
Fresken  fanden;  an  eine  schlafende  Schöne  macht  sich  heimlich 
ein  Satyr  heran;  der  komische  Augenblick  ist  geschildert,  in  dem 
der  die  Schlafende  entblößende  Lüstling  entsetzt  über  das  Spiel  der 
Natur  zurĂĽckfahrt. 


ADAM  UND  EVA. 

An  dieser  Stelle  wollen  wir  noch  einen  Moment  verweilen,  um 
die  Körperdarstellung  der  ersten  Menschen  zu  betrachten.  Zunächst 
bietet  vom  naturwissenschaftlichen  Standpunkt  die  Lrschaflung  der 
Eva  kaum  Interessantes.  Wir  sehen  den  Vorgang  vielfach  dargestellt. 
Meist  ist  die  Männin  selber  schon  am  Leben;  aus  der  aufgebrochenen 
Seite  Adams  wächst  die  Gefährtin  heraus  oder  Gott  entwickelt 
den  einen  Körper  aus  dem  andern  (s.  Fig.  147  u.  148).  Im  Dom 
zu  Orvieto  jedoch  sieht  man,  wie  der  jugendliche  Gott  dem  schla- 
fenden Adam  eine  Rippe  herausschneidet  (Fig.  149).  Gewöhnlich 
liegt  Adam  schlafend  auf  der  linken  Seite.  Auf  den  ErztĂĽren  am 
Dom  zu  Augsburg  zieht  aber  Gott  die  Eva  aus  der  linken  Seite 
des  Brustkorbs  hervor. 

An    der    Körperdarstellung    von    Adam    und    Eva    interessieren 


256 


ALLGEMEINE  KĂ–RPERDARSTELLUNGEN. 


Einzelheiten.  Wir  wollen  hier  nicht  auf  die  fehlende  Charakteri- 
sierung der  heiden  männlichen  und  weiblichen  Leiber  eingehen, 
sondern  nur  die  Tatsache  feststellen,  daß  die  ostchristliche  Mönchs- 
kunst es  liebte,  x'Vdam  und  Eva  zunächst  geschlechtslos  darzustellen. 
Die  Weiblichkeit  der  Eva  wird  allein  durch  die  längeren  Haare 
angedeutet.     Die  Legende  und  der  \'olks\vitz  taten  sich  zusammen 


RfHc/  am   Citnipauilt'  zu  Ftcrenz. 

Eig.  147.     Giotto.     Erschaffung  Evas. 

zu  der  Behauptung,  daĂź  dem  Ahnherrn  des  Geschlechtes  vor  Schreck 
ein  StĂĽck  des  verbotenen  x^pfels  in  der  Kehle  stecken  geblieben  sei, 
und  demgemäß  bildete  die  christliche  Symbolik  zunächst  den  Adam 
mit  besonders  derber  Hervortreibung  seines  Adamaptels  ab. 

Eine  andere  Ăśberlegung  entsprang  dem  naturhistorischen  Ge- 
wissen der  Klerisei.  Ein  scholastisches  Gezanke  entstand  darĂĽber, 
ob    Adam    und    Eva    einen    Nabel    gehabt    haben.     Als    nicht    vom 


m 


ADAM  UND  EVA. 


hl 


Weibe  geboren,  sondern  von  Gott  erschaffen,  mĂĽsse  ihnen  der 
Nabel  gefehlt  haben.  Joseph  Kirchner')  berichtet,  daĂź  endlich 
eine  Synode  der  griechisch-katholischen  Kirche  den  Gegenstand  zu- 
gunsten der  Orthodoxie  entschieden  habe:  der  Nabel  habe  den  ersten 
Paradiesesmenschen  gefehlt.  An  diese  Entscheidung  haben  sich 
jedoch,   wie  es   scheint,    nur    die    frĂĽhen   KĂĽnstler   des   christlichen 


Fhrcuz,   Ajtdrtct  dt'lla  RĂĽbbia  .- 

Fig.  148.     Die  Erschaffung  Evas. 


Ostens  gehalten.  Jene  Richtung  nahm  Adam  und  liva  den  Nabel 
und  gab  ihnen  datür  den  Nimbus.  Die  abendländische  Kunst  aber 
machte  es  umgekehrt.  Hier  schlichtete  den  Streit  nach  Kirchner 
ein  französischer  Meister,  der  eine  Szene  bildete,  in  der  Gottvater 
als  letzte  Tat  dem  fertigen  Adam  mit  dem  Zeigefinger   den  Nabel 


')  Joseph    Kirchner,    Die  Darstellung   des   ersten  Menschenpaares  in  der  bildenden 
Kunst.     Ferdinand  Enke  1903. 

Holländer,  Plastik  und  Medizin.  17 


258 


ALLGEMEINE  KĂ–RPERDARSTELLUNGEN. 


in  den  Bauch  stößt.  Unwillkürlich  wird  man  dabei  an  die  gran- 
diose Schöpfung  und  die  künstlerische  Tat  des  Buonarotti  in  der 
Sixtinischen  Kapelle  erinnert.  Gottvater,  im  weiten  Mantel,  in  den 
LĂĽften,  hat  eben  den  Adam  geschaffen,  und  mit  dem  Zeigefinger 
der  rechten  Hand  läßt  er  auf  den  linken  Adams  gewissermaßen  den 


Fitot.  Aliitari.     Kathedrale  z'on  Orz'ieto. 

Fig.  149.     Erschaffung  der  Menschen. 


Funken  lebendiger  Kraft  ĂĽberspringen;  das  Leben  erwacht  in  dem 
Manneskörper,  und  ungeschickt  versucht  er  die  ersten  Bewegungen 
seiner  GliedmaĂźen.  Konnte  die  Inkarnation  des  Geistes  oder  viel- 
mehr  das   zum  Willen    werdende  l'leisch    wundervoller   zum  Aus- 


druck gebracht  werden  ? 


SCHWÄNGERSCHAFT, 


ie  groben  Veränderungen,  welche  die  Schwangerschaft  an 
dem  weiblichen  Körper  hervorruft  und  hinterlaßt,  sind 
in  der  monumentalen  Kunst  mit  Stillschweigen  ĂĽber- 
gangen. Mit  scheuem  Blick  wendet  sich  der  KĂĽnstler  von  einem 
Zustand  ab,  der  ein  graziöses  und  graciles  Kunstwerk  zerstört  und 
aus  einer  vollendeten  LinienfĂĽhrung  eine  bizarre  Silhouette  macht. 
Doch  nicht  nur  die  Deformation  des  Körpers  ist  es,  welche  das 
rätselhafte  große  Geheimnis  öffentlich  zur  Schau  tragt;  auch  die  kolo- 
ristischen Veränderungen  und  vor  allem  der  undetinierbare  Gesichts- 
ausdruck der  Graviden  sind  Probleme,  deren  Schilderung  ebenso 
schwierig  wie  kĂĽnstlerisch  reizlos  sein  muĂźte.  Es  ist  seltsam,  daĂź 
gerade  ein  so  ideal  veranlagter  Maler,  wie  Raftael  es  war,  diese 
charakteristischen  Schwangerschaftsmerkmale  erfaĂźte  und  sie  mit 
seinem  Pinsel  fixierte.  Nach  dem  Gesichtsausdruck  der  »Donna 
Gravida«  aus  dem  Pittipalast  würde  der  Arzt  schon  allein  die  richtige 
Diagnose  stellen,  auch  wenn  Raffael  den  körperlichen  Zustand  selbst 
weniger  deutlich  geschildert  hätte.  Die  klassische  Mythologie  und 
die  Geschichte  des  Marienlebens  gaben  die  \'eranlassung  tĂĽr  italie- 
nische und  deutsche  Künstler  der  Renaissancezeit,  häufig  zwei 
SchwangerschaftsvorwĂĽrfe  auszufĂĽhren.  Das  beliebte  Sujet  aus  der 
Antike  ist  die  Entdeckung  der  Schwangerschaft  der  Nymphe  Callisto 
durch  Diana.  Diese  mit  ihrem  Gefolge,  von  meist  neun  nackten 
Schönheiten,  schickt  sich  an,  im  heiligen  Quell  zu  baden;  die  an- 
deren haben  bereits  ihre  Gewänder  abgelegt,  nur  die  unglückliche 
Callisto,  welche  von  Jupiter,  als  sie  vor  Monden  im  Walde  schlief, 
überrumpelt  wurde,  zögert.  Ihre  Genossinnen  entreißen  ihr,  die 
den  SchoĂź  verdecken  will,  die  Gewandung.  Vor  und  nach  Tizian 
nun    zeigen    diese   Gemälde  keinen    nennenswerten   Realismus,    im 


26o 


SCHWANGERSCHAFT. 


Gegenteil,  die  Schwangere  selbst,  als  unvorteilhaftes  Objekt,  tritt 
in  den  Hintergrund,  während  die  Vorderszene  von  jugendlicher 
Mädchenschönheit  beherrscht  wird.  Es  war  Monnot  vorbehalten,  auf 
seinem  Marmorrelief  im  Marmorbade  von  Kassel  den  geschwollenen 
Leib   der  Nymphe  ostentativ  in  den  \'ordergrund   zu  stellen. 

Der  Besuch    der  Maria    bei    Elisabeth    ist    eine    häufig    gemalte 


Jim 


Orig.-Ait/n.     Berliti,  Altes  Muscuiit. 

Fig.  150.     Hellenistische  Terrakottafigur.         Fig.  151.     Dieselbe  Figur  von  der  Seite. 

Szene.  Doch  mildern  die  Mäntel  und  Kleider  den  ott  nur  an- 
gedeuteten Schwangerschaftszustand  der  beiden  Frauen.  Es  kommt 
hinzu,  daĂź  die  Tracht  der  deutschen  Patrizierinnen  im  i6.  Jahr- 
hundert vielfach  den  Status  gravidus  als  Mode  imitiert,  wie  dies 
die  Trachtenbilder  Holbeins  deutlich  illustrieren.  Gelegentlich  aber 
bildete  der  primitive  KĂĽnstler  die  beiden  Frauen  auch  in  der  ein- 
deutigen  Weise,    daĂź   sie   sich   gegenseitig    betasten    oder    daĂź    in 


SCHWANGERSCHAFT. 


261 


ihrem  geschwollenen  Leibe  die  beiden  Embrvonen  sichtbar  werden 
(Abbildung  s.  bei  FloĂź  Fig.  373). 

Der  Realismus  unserer  Zeit  sucht  nach  neuen,  auffälligen  Motiven, 
die  des  Ausstellungsbesuchers  flĂĽchtigen  FuĂź  stocken  lassen.  So  staute 
sich  die  kleine  Zahl  der  Besucher  der  Berliner  Secession  vor  der  natura- 


I  'rii^.-Au/n .     Be7-lin ,  Altes  Museum. 

Fig.  152.     Schwangerschaft.     Terrakottafigur. 

listischen  Szene  einer  Entbindung.  Ein  andermal  hatte  ein  eigen- 
artiger Genrezeichner  selbst  diesem  dramatischen  Vorgang,  ich  kann 
nicht  anders  sagen  als  wirklichen  Humor  abgerungen  (Zille).  Das 
Wagnis  der  malerischen  Darstellung  einer  hochschwangeren  nackten 
Frau  aber  hat  meines  Wissens  bisher  keiner  unternommen,  zu 
seinem  GlĂĽck.     \"om  Standpunkt  des  Bildhauers  gar  erscheint  eine 


202 


SCHWANGERSCHAFT. 


solche  Verkörperung  beinahe  als  Unmöglichkeit.  Die  Ehrfurcht,  die 
ein  solcher  Zustand  einflößt  —  selbst  dem  sonst  rücksichtslos  stra- 
fenden Gesetzgeber  — ,  verbietet  scheinbar  von  selbst  seine  Paro- 
dicrung.    Es  gehört  schon  ein  gewisses  künstlerisches  Genie  dazu, 


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Orig. -Alt/n.     Berlin,  Museum. 

Fig.  153.     Gravidität.     Tanagrastatuette. 


trotzdem  diese  Wirkung  hervorzubringen.  Die  kleine,  leider  kopf- 
lose hellenistische  Statuette  des  Berliner  Antiquariums  zeigt  un- 
zweifelhaft die  Veränderungen,  welche  die  Gravidität  bei  einer  schon 
etwas  bejahrteren  Frau  hervorruft  (s.  Fig.  131).    Das  Unschöne  ist 


SCHWANGERSCHAFT. 


26: 


besonders  betont;  die  großen  hängenden  Brüste,  der  stark  vor- 
gewölbte Bauch  kontrastieren  zu  der  schämigen  Beinstehung,  in  der 
sich  diese  alte  Phryne  zeigt.  Die  Tatsache,  daĂź  diese  kleine  Terra- 
kotta sich  mehrfach  wiederholt,  spricht  dafĂĽr,  daĂź  es  Kopien  einer 


Ori^.-Au/n.     Bcrlhi,  Mtiseuiit, 

Fig.  154.     Schwangerschaft.     Tanagrafigur.     Vorige  Statuette  im  Profil. 


größeren,  vielleicht  im  Altertum  berühmten  Statue  sind.  Die  Ver- 
heerungen, die  die  häufige  Wiederkehr  dieses  Zustandes  hervor- 
ruft, schildert  die  Statuette  einer  Geschlechts-  und  Zeitgenossin  der 
Venus  von  Milo.    Obwohl  das  Weib,  Gott  sei  Dank,  in  den  Falten 


.64 


SCHWANGERSCHAFT. 


des  Chiton  und  des  Mantels  steckt,  werden  ähnliche  Formen  wie 
bei  der  eben  besprochenen  Griechin  sichtbar  (s.  Fig.  132).  Man 
kann  dieser  rohen  und  flĂĽchtig  hingeworfenen  Skizze  der  alternden, 


Oyig.-Au/n.     Eigener  Besitz. 

Fig.  155.     Gravidität.     Hellenische  Terrakottafigur. 

sich  mit  ihren  drei  Kindern  schleppenden  Frau  eine  gewisse  Bewun- 
derung nicht  versagen.  Dieselbe  Darstellung,  doch  in  das  Liebliche, 
Erfreuliche  iibersetzt,  spiegelt  eine  Tanagrafigur  (s.  Fig.  133  u.  134) 


SCHWANGERSCHAFT. 


26 


â– ') 


wieder;  bei  dem  überaus  graziösen  Spiel  mit  ihrem  kleinen  Kind- 
chen strafft  sich  ihr  Gewand  derartig,  daĂź  im  Profile,  namentlich 
im  Gegensatz  zu  dem  schlanken  Bau  der  anderen  Tanagrafigurinen, 
ihr  Zustand  auffällig  zutage  tritt.      Dem  Künstler  kam  es    offenbar 


Orig.-Au/n.     Athen,  Nai.-Mjtseuiii. 

Fig.  156.     Gravidität. 

Attische  Terrakotta. 


Orig.-Anjn,     Atiu  n,  -Wit .-Mi,.\t-n/ii. 

Fig.  157.     Gravidität  (Binde). 

Helleoistische  Terrakottafigur. 


darauf  an,  vorhandenes  und  kommendes  MutterglĂĽck  zu  schildern. 
Der  auf  unserer  Abbildung  weniger,  im  Original  dagegen  umso  deut- 
lichere Zustand  der  Gravidität  der  kleinen  Tanagrafigur  des  Athe- 
nischen Nationalmuseums  (s.  Fig.  156)  ruft  bei  der  davon  Betroff^enen 
entgegengesetzte  Gefühle  hervor,  die  sie  in  Schluchzen  ausbrechen  läßt. 


266 


SCHWANGERSCHAFT. 


Aus  Athen  stammt  eine  weibliche  Tonligur,  welche  ihren  graviden 
Zustand  deutlich  genug  markiert.  Die  Haltung  des  Kopfes,  die  \>r- 
legung  des  Schwergewichtes  nach  hinten,  die  Stellung  und  die 
Form  der  durch  das  Gewand  sichtbaren  Schenkel  ist  von  oroĂźem 
Realismus  (s.  Fig.  153).  Handelt  es  sich  hier  offenbar  um  die 
Darstellung  dieses  heiligen  Zustandes  einer  Sterblichen,  so  scheint 
dieselbe  Lage  bei   einer  Göttin  zum  Ausdruck  gebracht  zu  sein  in 

einer  ziemlich  groĂźen  Statuette  des  Athenischen 
Nationalmuseums  (s.  Fig.  137).  Die  Zahl  sol- 
cher Figuren  aus  der  hellenistischen  Kleinkunst 
laßt  sich  noch  vergrößern. 

Die  Satire  und  die  Karikatur  sind  im  ganzen 
aus  einer  gewissen  Scheu  heraus  davor  zurĂĽck- 
geschreckt, diese  Detormierung  des  Körpers 
ihren  Zwecken  Untertan  zu  machen;  wenn  sie 
es  taten,  so  war  Absicht  und  Zweck  durchaus 
Irivol.  Als  Beleg  dieser  in  der  antiken  Welt 
trotz  allem  beliebten  Obszönitäten  bringen  wir 
die  Statuette  eines  hochschwangeren  Herm- 
aphroditen aus  dem  Athenischen  National- 
museum (s.  Fig.  138). 

Wenn  irgendein  körperlicher  Zustand  einen 
Bittgang  zu  den  höheren  Mächten  nahelegt,  so 
ist  es  die  Schwangerschaft.  Es  wäre  demnach 
eine  ungewöhnliche  und  der  besonderen  Er- 
klärung bedürftige  Erscheinung,  wenn  für  die 
glĂĽckliche  Niederkunft  nicht  besondere  Votiv- 
opfer  dargebracht  worden  wären;  solche  müssen  massenhaft  wir- 
kommen. Alles  spricht  dafĂĽr,  daĂź  die  latino-etruskischen  Uteri,  die, 
wie  wir  zeigten,  neuzeitlich  Krötenform  annahmen,  diesem  Zwecke 
dienten.  Den  entsprechenden  Ersatz  jedoch  bei  den  Griechen  auf- 
zuspĂĽren, ist  bisher  nicht  gelungen.  Allerdings  finden  wir  unter 
den  hellenistischen  Krankheitsdarstellungen  auch  FigĂĽrchen  mit 
starkem  Leib,  so  z.  B.  die  kleine  Darstellung  eines  weiblichen  Torso 


Orig.-Aiifn.    Athen,  Xat.-Mitscit. 

Fig.  158.     Schwangerer 
Hermaphrodit. 


GEBURTSDARSTELLUNG.  267 


aus  Kos,  den  Meyer-Steineg  fand,  und  dessen  Krankheitsbild 
er  als  Aszites  auffaßt  (s.  Fig.  139).  Obwohl  die  äußere  Formation, 
die  geringe  Entwicklung  des  Oberkörpers  und  der  Brüste,  diese 
Diagnose  befĂĽrwortet,  so  glaube  ich  doch,  daĂź  bei  der  ziemlich 
rohen  Arbeit  es  in  erster  Linie  darauf  ankam,  einen  starken  Leib 
zu  zeigen,  und  daĂź  demnach  eher  Schwangerschaft  in  Frage  kommt. 
Auch  andere  unzweifelhafte  Schwangerschaftsdarstellungen  zeigen 
nämlich  eine  auffallend  geringe  Entwicklung  der  Brüste. 


OWj-.  K.  P/wt.  von  Meyer-  Fig.   I  59.     VotivfigUr  ? 

Steineg,  Jena.  _^  _   _  aUS    KoS. 


DIE  GEBURTSDARSTELLUNG. 

DaĂź  es  in  der  antiken  Welt  ein  Erfordernis  kĂĽnstlerischen  An- 
standes  war,  die  Linienform  zu  mildern,  ersehen  wir  auch  aus 
den  ägyptischen  Schwangerschaftsdarstellungen,  von  denen  wir  an 
dieser  Stelle  noch  das  Reliet  mit  der  schwangeren  Königin  Ahmes, 
der  Mutter  der  Königin  Hatschepsut,  die  von  den  Göttern  in  das 
Geburtszimmer  gefĂĽhrt  wird,  bringen  (Fig.  i6o).  Das  Relief  ent- 
stammt dem  Tempel  zu  Deir  el  Bahari  ^). 

Kunstwerke,  welche  den  Moment  der  Geburt  in  Stein  gearbeitet 
testhalten,  gibt  es  als  größere  Monumente  meines  Wissens  nicht; 
dagegen  ist  dieser  dramatische  Moment  der  Trennung  der  neuen 
Existenz  von  der  Mutter  mehrfach  in  der  Kleinplastik  wieder- 
gegeben.    Wir  finden  bei  den  Inkas  bereits  eine  solche  Darstellung 

1)  Näheres  s.  Naville,  Temple  of  Deir  el  Bahari  II.  Tafel  49. 


268 


SCHWANGERSCHAFT. 


(s.  Fig.  i6i)').  Das  Museum  für  Völkerkunde  in  Berlin  besitzt  auch 
aus  Bali  (Niederländisch-Indien)  Terrakottengruppen,  welche  die 
Geburtshilfe  veranschaulichen.  Ein  frĂĽhes  Beispiel  der  Entbindung 
auf  einem  Lager  bietet  eine  antike  Kalksteingruppe  aus  Cypern, 
welche  in  dem  Prachtwerke  von  Cesnola")  abgebildet  ist,  und, 
in  dem  Tempel  von  Golgoi  gefunden,  sich  jetzt  im  Metropolitain 
Museum  of  Art  in  New  York  befindet. 

H.  Floß  bildet  diese  Szene  mit  den  ergänzten  Köpfen  in  seinem 

Werke  (Seite  201)  ab.  Die  Gruppe  ist 
ĂĽbel  zugerichtet,  wird  von  Cesnola 
als  Votiv  aufgefaßt  und  stand  am  nörd- 
lichen Eingang  des  (Artemis-  ?)Tempels 
in  Hagios  Photios.  Cesnola  stellte 
lest,  daĂź  die  cypriotischen  Hebammen 
sich  noch  heute  der  gleichen  niedrigen 
StĂĽhle  bedienen,  wie  sie  die  kleine 
Plastik  aufweist. 

FloĂź  bildet  (Seite  ]C)^)  eine  inter- 
essante spätägyptische  Entbindungsszene 
nach  Witkowski  ab.  Das  Basrelief 
aus  der  Ptolomäerzeit  stellt  die  Nieder- 
kunft der  Göttin  Ritho  vor.  Die  Stel- 
lung der  KreiĂźenden  ist  eine  sonder- 
bare. Sie  kniet  und  erhebt  dabei  den  rechten  Arm  hoch  in  die 
Lutt,  den  eine  hinter  ihr  stehende  Person  stĂĽtzt.  Mit  dem  linken, 
nach  rückwärts  erhobenen  Arm  hält  sie  sich  am  Halse  dieser 
Dienerin  fest.  Die  vor  ihr  kniende  Hebamme  hält  den  Neu- 
geborenen. Dahinter  steht  eine  Frau  mit  ausgebreiteten  Armen. 
Eine  ähnliche  ägyptische  Geburtsszene  zeigt  unsere  Abbildung 
(s.  Fig.  162).  Bei  dieser  Gelegenheit  erwähnen  wir,  daß  die  eigent- 
liche ägyptische  Geburtsgöttin  Heqt  mit  Krötenkopf  dargestellt  wird. 


Reproduktion . 

Fig.  160. 
Die  schwangere  Königin  Ahmes. 


')  Näheres  s.  im  Inkakapitel. 

^)  Cesnola,  L.  P.  di,  A  descriptive  .^tlas  of  the  Cesnola  Collection  of  Cypriote  Anti- 
quities  1885. 


GEBURTSDARSTELLUNG. 


269 


FloĂź  erinnert  dabei  mit  Recht  an  die  auch  von  uns  besprochenen 
Beziehungen,  welche  im  Volksglauben  zwischen  Kröte  und  Gebär- 
mutter bestehen. 


Ori^. -Alt/n.     Berlin   {  Dahlem^,    l\<[kerkundeiniiseu7H, 

Fig.  161.     Geburtsdarstellung  auf  einem  peruaniscliem  Huaco. 

Im  Neapeler  Nationalmuseum    fand    ich    eine   antike  Eltenbein- 
schnitzerei,    welche    wohl    als    Verzierung   irgendeines    Hausgeräts 


.\  atli  tili)! 


akkaiaJ! 


Fig.  162.     Ägyptische  Niederkunft. 

gedient  haben  mag.  Ich  glaube,  daĂź  diese  Darstellung  eine  Ent- 
bindungsszene vorstellt;  die  KreiĂźende  sitzt  im  Freien  auf  einem 
Gebärstuhle,  ihre  Füße  ruhen  auf  einer  Fußbank  (s.  Fig.  163).     Die 


2^0  SCHWANGERSCHAFT. 


Haltung  ihrer  Arme  ist  beinahe  identisch  mit  unserer  x\bbildung 
einer  ägyptischen  Entbindung  aus  den  Gräbern  von  Sakkarah  in 
Fig.  162,  sowie  der  von  AVitkowski  (FloĂź  Seite  199)  beschriebe- 
nen ägyptischen  Entbindungsszene  der  Göttin  Ritho.  Die  Schwan- 
gere, wohl  eine  Göttin,  stützt  sich  mit  der  hoch  erhobenen  Rechten 
auf  einen  Stab;  der  linke  Arm  ist  maximal  nach  oben  geschlagen 
und  umklammert  den  Hals  einer  hinter  ihr  stehenden  Ferson,  welche 
ihrerseits  mit  ihrer  Linken  die  Seite  der  (jebärendcn  stützt.  Xor  dieser 


'  ^rig.'Au/n.     Neapel. 

Fig.  163.     Geburtsdarstellung.     Antike  Elfenbeinschnitzerei  aus  Pompeji. 

sitzt  in  einer  famos  getroffenen  Stellung  die  Hebamme,  welche  in 
ihrer  rechten  Hand  einen  rundlichen  Gegenstand  hält  (Schwamm  ?), 
mit  ihrer  linken  Hand  aber  die  entblößten  Beine  der  Frau  auseinander- 
zudrängen  versucht.  Das  linke  Bein  der  Kreißenden  stemmt  sich 
gegen  den  FuĂź  der  Hebamme,  hinter  der  Hebamme  steht  eine  von 
Gewändern  dicht  verhüllte  Matrone,  welche  mit  den  beiden  aus- 
gestreckten Händen  entweder  Segen  spendet  oder  auch  das  Neu- 
geborene zu  empfangen  bereit  ist.  Diese  als  häusliche  Szene  im 
Katalog  beschriebene,  gut  erhaltene  Schnitzerei  stammt  aus  Pompeji. 


WOCHENSTUBE. 


271 


Viel  häutiger  ^Yie  der  Moment  der  Geburt  selbst  ist  die  Wochen- 
stube Gegenstand  der  darstellenden  Kunst  geworden.  Es  bedarf 
keiner  weiteren  Erklärung,  daß  die  Wochenstube  dem  Künstler  m 
jeder   Beziehung    ein    erfreulicherer   Vorwurf    war.      DaĂź   aber    die 


Fig.  164.     Die  Geburt  der  Jungfrau.     Basrelief  vom  Tabernakal  Orcagnas. 
Orsanmichele,  Florenz. 

Vielheit  der  Personen  und  die  immerhin  doch  bewegliche  Hand- 
lung sich  besser  fĂĽr  die  Malerei  eignete  als  fĂĽr  die  Behandlung  in 
sprödem  Stein,  das  ergibt  schon  ein  Blick  in  die  zusammenfassende 
treffliche  Arbeit  Robert  MĂĽllerheims').     Wir   wollen    hier  nur 

')  Robert  MĂĽllerheim,  Die  Wochenstube  in  der  Kunst.     Ferdinand  Enke   1904. 


272 


SCHWANGERSCHAFT. 


die  schöne  Szene  von  dem  Tabernakel  Orcagnas  in  Orsanmichelc 
zu  Florenz  wiedergeben  (Fig.  164).  Die  erfreuliche  Szene  schildert 
uns  die  Geburt  der  Jungfrau  und,  mit  der  stolzen  Betrachtung  des 


Athen,   Xut.-Mi(scu!ii . 

Fig.  165.  Fig.  166. 

Lelcythos,  der  Tod  der  Theophante.  Lekythos,  einen  Entbindungstod  darstellend. 

Neugeborenen,  die  Liebkosung  der  Mutter,  die  ein  Lächeln  auf  den 
ZĂĽgen  des  Kindes  hervorrufen  will. 

Im  Gegensatz   zu  solch   froher  Familienszene   interessieren   aber 


TOD  IN  KINDSNOTEN. 


273 


den  Arzt  mehr  die  Darstellungen  des  Todes  der  Wöchnerin.  Aut 
antiken  Grabsteinen  finden  wir  solche  Darstellungen  ziemlich  häufig. 
Im  Athenischen  Xationalnuiseum  befindet  sich  unter  Nr.  749  eine 
Grabstele  mit  sehr  Hachem,  beinahe  wie  ein  Bild  wirkendem  Re- 
liet,  welches  in  dem  attischen  Oropos  gefunden  wurde  (s.  Fig.  167). 
Stais,  der  gelehrte  Ephore  des  Museums,  beschreibt  dieselbe  fol- 
gendermaßen: »Unsere  Grabsiiule  reproduziert  die  autregende  Szene 
der  letzten  Momente  einer  frau  in  Kindesnöten;  die  Sterbende  ist 
dargestellt  in  dem  iMomente,  in  dem  sie,  von  einer  Dienerin  unter- 
stützt, rückwärts  auf  ihr  Lager  fällt.  Eine  ältere  Frau,  wahrscheinlich 
die  Mutter,  stürzt  zu  ihrer  Hilfe  und  hält  sie  am  Arme  fest;  ein 
bärtiger  Mann,  ohne  Zweifel  der  Gatte,  assistiert  der  Szene,  vor 
Schmerz  gebrochen,  das  Haupt  gestĂĽtzt  auf  die  linke  Hand.  Wenig 
fleiĂźige  Arbeit,  aber  nach  der  Form  der  Lettern  unter  dem  Giebel 
aus  dem  Anfang  des  4.  Jahrhunderts.«  Wir  möchten  noch  vom 
medizinischen  Standpunkte  aus  folgendes  hinzufĂĽgen.  Obwohl  das 
Lager  der  Frau  eher  ein  Sessel  ist,  allerdings  hinten  ohne  Lehne, 
und  statt  dessen  mit  Kissen,  scheint  nach  der  gespreizten  Haltung 
des  rechten  Beines  die  Frau  vorher  gestanden  zu  haben,  und  sie 
wirft  sich  nun  in  den  letzten  ZĂĽgen  zurĂĽck  auf  ihr  Lager,  mit  den 
Händen  überall  nach  einem  Halt  suchend.  Gerade  die  Dissonanz 
zwischen  den  Bestrebungen  der  Dienerin,  welche  die  Frau  sacht 
auf  die  Kissen  zu  ziehen  bemĂĽht  erscheint,  und  der  vor  ihr  Ste- 
henden, welche  sie  wiederum  zu  halten  bestrebt  ist,  ergibt  sich 
eine  aufregende  Situation  des  dramatischen  Lebensschlusses.  Das 
Kind  ist  offenbar  noch  nicht  geboren,  sonst  wĂĽrden  wir  es  auf 
dem  Relief  wiederfinden.  Leider  ist  das  Gesicht  der  Sterbenden 
total  verstĂĽmmelt;  wir  gehen  wohl  nicht  fehl,  wenn  wir  annehmen, 
daß  der  Mund  leicht  geöffnet  war,  um  den  Todesschrei  der  Ärmsten 
anzudeuten.  Die  Gebärde  des  Mannes  drückt  völlige  Gebrochenheit 
aus.  Er  verhĂĽllt  sein  Haupt  und  schlieĂźt  die  Augen,  um  seinen 
Schmerz  nicht  sehen  zu  lassen. 

Der   Gatte   auf  einer   gleichartigen   Lekvthos,   welche   den   Tod 


der   Theophante    zeigt,    faĂźt   sich    verzweiflungsvoll    an    die    Stirn. 

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Holländer,    Plastik  und  Medizin. 


274 


SCHWANGERSCHAFT. 


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Orlg.-rhot.   des  Deutscli.   Arch.   Inst.   Allu-ii. 

Fig.  167.     Attisches  Grabreliei  4.  Jahrh,     Tod  in  Kindsnöten. 


TOD  IM  WOCHENBETT. 


•7> 


Die   junge   Frau    scheint   im   Begriffe    zu    sein,    zusammenzusinken 
(s.  Fig.  165).    Älmliche  Auffassung  zeigt  noch  eine  andere  Lekythos 
(s.  Fig.  166).    Ein  viel  poetischeres  Gemälde, 
welches  noch    heute  dem   Beschauer   GefĂĽhle 
von  Mitleid    und  Wehmut    einflößt    über  das    .< 
menschliche    Los    ĂĽberhaupt    und    ĂĽber    das 
grausige    Schicksal,    das    dieses    schöne    atti- 
sehe  Weib  betroften  hat,  zeigt  uns  der  Grab- 
stein   Xr.    819     des    Athenischen    Museums. 
Dieser  1839  in   Piräus   gefundene   pentelische 
Marmor   gibt    sich    als    hervorragende   Arbeit 
aus    dem  Anfange  des  4.  Jahrhunderts  (siehe 
Fig.    173).     Wir  sehen   da  auf  einem  reichen 
Fauteuil  eine  auffallend  ĂĽppige  Frau,  umgeben 
von    klagenden  Gestalten,    besonders    die  der 


Toten    gegenĂĽberstehende    drĂĽckt    den    tiefen 


Orig.-Au/n.     Berlin. 

Fig.  16S.     Terrakotta. 
Spitzbauch. 


Schmerz  in  ihrer  ganzen  Haltung  aus.    DaĂź  es 
eine  Wöchnerin  war,  die  hier  im  Tode  ver- 
ewigt werden  soll,  beweist  das  Neugeborene,  welches  eine  Dienerin 
in  den  Händen  trägt.    Auf  das  kleine  Köpfchen  des- 
selben, welches  in  einer  MĂĽtze  steckt,  legt  eine  andere 
Frau  schĂĽtzend  die  Hand,  welche 
allein  von  dieser  noch  erhalten  ist. 
Ob  der  Gatte  noch  auf  dem  Steine 
porträtiert  war,  erscheint  zweifel- 
haft;   auf   ihrem   Schöße  hält  die 
Verstorbene    einen    Kasten ,    der 
vielleicht    ihre   Juwelen    enthielt. 
Sicherlich    sind    diese    von    uns 
gezeigten  Grabbilder    nur  Tvpen 
aus  der  groĂźen  Zahl  e:leicharti2:er. 


Orig.-Aii/n.     Berlin,  Mitseittn. 

Fig.  169. 
Attische  Terrakotta. 


in  ihrer  Einfachheit  groĂźartigen 
und  wirkungsvollen  Totensteine. 
Das  RĂĽhrende,  welches  in  diesen 


Orig.  -Au/n . 
Berlin,  Musenui. 

Fig.  170. 
Von  der  Seite. 


276 


SCHWANGERSCHAFT. 


marmornen  familiären  Ahschiedsszenen  überhaupt  liegt,  zeigt  sich 
dann  erst  in  seiner  ganzen  Größe  und  zum  Herzen  sprechenden 
Eindringlichkeit,  wenn  man  die  Schilderung  solcher  Szenen  vergleicht 
mit  einem  Meisterwerke  aus  der  Renaissancezeit.  Hier  steht  eine 
der  Antike   angeborene   reine   Größe   des   Getühls   und   des  Taktes 


Orig.-Au/n.     Athen,  .Xal.-Miiseum. 

Fig.  171.     Anlegung  einer  Brustbinde. 


Orig.-Ati/n.     Ailieu,  Sat,-I\lHscii)ii . 

Fig.  172.     Attische  Terrakotta. 


gegenüber  der  meisterhaften  Beherrschung  des  modernen  Könnens. 
Auf  der  einen  Seite  wird  weihevolle  Stimmung  auch  in  den  Räumen 
des  Museums  noch  ausgelöst,  während  dieselbe  Szenenschilderung 
uns  nur  mit  Bewunderung  erfĂĽllt  vor  dem  Genie  eines  Verrocchio. 
Das  figurenreiche  Relief  (s.  Fig.  176)  im  Bargello  in  Florenz  zeigt 
den  Tod  der  Gemahlin  des  Giov.  Tornabuoni,  nachdem  sie  soeben 


ENTBINDUNGSTOD. 


277 


Zwillingen  das  Leben  geschenkt  hat.  Dieses  aus  dem  Jahre  1477 
stammende  Kunstwerk  des  Andrea  Verrocchio  befand  sich  ursprĂĽng- 
lich als  Grabmalschmuck  in  der 
Kirche  Santa  Maria  sopra  Minerva; 
es  besteht  aus  zwei  Pendants,  von 
denen  das  eine  den  Tod  der  jungen 
Mutter  veranschaulicht.  Sie  liegt 
halb  aufgerichtet  aut  ihrem  Lager, 
umgeben  von  ^^^eibern,  welche  alle 
Grade  leidenschaftlicher  Erregung 
und  Trauer  zum  Ausdruck  bringen: 
von  der  zu  FĂĽĂźen  des  Bettes  kauern- 
den stummen  Resignation  bis  zum 
hysterischen  Schreikrampf  und  wil- 
den Schmerzparoxvsmus.  Das  Gegen- 
stĂĽck  versucht   es   wenigstens,   die 


Lotidon,    l'ikioria  :nid  Alhcrt  Ahtsa 


groĂźe 
lösen, 


Fig.  173.     Bronzeplakette, 
kĂĽnstlerische      Autgabe       zu       Bacchantin  Milch  in  ein  Rhyton  spritzend. 

i-  Ti  T  •         1  1  r^      C"  \    ^  Donatello  zugeschrieben. 

die   Mischung    der   Getuhle 

zwischen  der  Freude  ĂĽber  den  Anblick  der  Neu- 
geborenen und  der  Trauer  ĂĽber  den  Verlust  in 
ĂĽberzeugender  Weise  plastisch  zum  Ausdruck 
zu  bringen. 

Ploß  erwähnt  in  seinem  Meisterwerke  einige 
holländische  Grabsteine  portugiesischer  Jüdin- 
nen, denen  der  Tod  bei  der  Entbindung  trau- 
riges Schicksalslos  war.  Die  Gläubigen  fanden 
Trost  in  der  Geschichte  ihres  ^'olkes  und  er- 
Lomion,  viktoriau.  Albert  Mus.  jnnertcn  auf  deu  Grabmonumenten  an  den  Tod 

Fig.  174.     Die  Jungfrau  mit  u    ,     i         r    i  -i^-  1     t:    l       .1     /r    n       1 

dem  Jesusknaben.  der  Rahel  aut  dem  W  ege  nach  hphrath  (I.  Buch 

Von  Antonio  AbOT^dio  aus  Mailand,   jvioses,  jj.Kap.).'    »Da  Ihr  aber  die  Gcburt  so 

schwer  war,  sprach  die  Wehmutter  zu  ihr, 
fĂĽrchte  dich  nicht,  denn  diesen  Sohn  wirst  du  auch  haben.  Da  ihr 
aber  die  Seele  ausging,  daĂź  sie  sterben  muĂźte,  hieĂź  sie  ihn  Ben- 
Oni,   aber  sein  Vater  hieß   ihn  Ben-Jamin.«     Die   plastische  Dar- 


278 


SCHWANGERSCHAFT. 


stelluno;  dieser  Szene  auf  dem  Grabsteine   ist   der   einziehe   diskrete 
und  rĂĽhrende  Hinweis  auf  die  Todesart  der  Verstorbenen. 


Athfti,  S\at.-3lHsctttn. 

Fig.  175.     Grabmonument  einer  Wöchnerin.     4.  Jahrh. 

Wir  mĂĽssen  an  dieser  Stelle  noch  die  Verheerungen  kurz  er- 
wähnen, welche  die  Gravidität  an  dem  Frauenkörper  hervorruft. 
Ohne    daĂź    wir   berechtigt    sind,    von    Krankheitscrscheinunoen    zu 


DER.  TOD  DER  RAHEL. 


279 


28o  SCHWANGERSCHAFT. 


sprechen,  linden  wir  doch  die  Verunstaltungen  des  Frauenkörpers, 
namentlich  die  puerperischen  Veränderungen  des  Bauches  und  der 
Brust  vielfach  drastisch  und  selbst  in  grotesker  Betonung  dargestellt; 
allerdings  mit  Vorliebe  oder  beinahe  ausschlieĂźlich  in  der  helle- 
nistischen Kleinkunst.  Uns,  die  wir  gewohnt  sind,  das  körperliche 
Schönheitsideal  der  Aphrodite  in  tausendfacher  Schilderung  vor 
Augen  zu  haben,  fällt  es  schwer,  beim  Anblicke  dieser  Hängebäuche 
und  Schlotterbusen  (s.  Fig.  i68  bis  172)  daran  zu  denken,  daĂź  das 
vormals  Geschlechtsgenossinnen  der  Phryne  und  Aspasia  waren. 
Die  Spitzbäuche  und  Faltenbildungen  suchte  man  damals  wie  heute 
zu  verhindern  und  ihnen  zu  begegnen.  Wir  sahen  bereits  eine 
Göttin  mit  einer  Schwangerschaftsbinde,  wir  zeigen  hier  noch 
die  sich  häufiger  wiederholende  Form  einer  Brustwicklung  bei  einer 
Tanag-rastatuette  des  Athenischen  Nationalmuseums. 

Das  Trinken  der  Kinder  an  der  Mutterbrust  ist  von  alters  her 
eine  beliebte  Darstellung;  gewesen.  Namentlich  Isis  ist  tausend- 
fältig  in  kleinen  Bronzestatuetten  dargestellt  mit  ihrem  Kinde  an 
der  Brust.  Der  griechisch-römischen  Kunst  lag  dieses  Sujet  we- 
niger. Die  christliche  Kunst  dagegen  sah  in  dem  Nährakt  den 
schönsten  Vorwurf  für  eine  künstlerische  Betätigung.  Darstellungen 
der  Madonna  mit  dem  trinkenden  Jesusknaben  sind  Legion. 


KRÄNKHEITSDÄRSTELLUNGEN. 

s  hieĂźe  die  Grenzen  von  Malerei  und  Plastilc    bestimmen, 
wollten  wir  uns  darauf  einlassen,  die  VorzĂĽge  dieser  Kunst- 
leistungen   gegeneinander    abzuwägen.     Tatsache    ist    es, 
daĂź    im  Altertume,    wenn    wir   den   Schriftstellern    und  namentlich 
Plinius  Glauben  schenken  sollen,  die  Plastik  die  Malerei  allmäh- 
lich  verdrängt   hat.     Zum  Schluß,    als   in   Rom    die  Begierde  nach 
Luxus    den    guten    Geschmack    und    kĂĽnstlerischen    Sinn    vernichtet 
hatte,    ging    man    daran,    unter    Verwendung    der    verschiedensten 
Marmorarten,  von  Bronze  und  selbst  Gold,  plastische  Gemälde  zu 
schaffen.    Diese  Kombination  von  Farbenkunst  und  Plastik,  welche 
fĂĽr  unser  Auge  durchaus  unkĂĽnstlerisch  wirkt,    ist  neuerdings  ver- 
wendet  worden,  um   realistische  Krankheitsbilder  herzustellen.     Zum 
Lernen    und   Lehren    hat    man    das   bunte  Bild  auf  den  natĂĽrlichen 
körperlichen    Untergrund   gebracht    und    die   bemalte   Moulage   ge- 
schaffen.   Diese  gibt  beinahe  restlos  die  Vorstellung  einer  oberfläch- 
lich aeleoenen  Krankheit   mit   vollendetem  Realismus.     Namentlich 
die  Dermatologie  hat  aus  dieser  Form  des  Anschauungsunterrichtes 
schon    seit    langem   Nutzen    gezogen    und    gelegentlich   sogar   von 
Krankheiten,   die   sich    über   die   ganze  Körperoberfläche  verbreiten, 
statuarische  Nachbildungen  mit  natĂĽrlicher  Farbenbildung  geschaffen. 
SchlieĂźlich  aber  werden  diese  Leistungen  des  Kunsthandwerkes 
zwar   zum  Lehrzweck  Anerkennung  finden,   aber  kaum  ästhetische 
Befriedigung    bereiten.     Man    kann    ĂĽber    den   Naturalismus    in    der 
Kunst  denken,   wie  man  will;   auch  Krankhaftes  und  Frbärmliches 
kann,  durch  KĂĽnstlerhand  gebildet,  unsere  Bewunderung  hervorrufen. 
So  berichtet  schon  C.  Plinius  in  seiner  Naturgeschichte  (Buch  35, 
Kap.  36,  19)  von  dem  berĂĽhmten  Aristides  aus  Theben,  daĂź  er  einen 
Kranken  gemalt  habe,  welcher  unendlich  gepriesen  wurde.  Von  dem- 
selben Maler  stammt  auch  der  rĂĽhrende  Zug,  der  so  oft  seit  jener 


282  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ® 

Zeit,   namentlich   bei   der  Darstellung  von  Epidemien  Nachahmung 

gefunden  hat,  daß  ein  Säugling  die  Brust  der  toten  Mutter  verlangt. 

Auch  die  Anatomie  hat  mit  Vorliebe  in  \\'achs  gearbeitete,  oft 


■mmmiä 


Orig.-Aufn.     Bet-liu- 

F'g-  '77-    Wachsplakette  der  mediko-histor.  Sammlung  im  Kaiserin-Friedrich-Haus. 

künstlerisch  bedeutende  anatomische  Präparate  (s.  Fig.  177)  geschaffen. 
Zur  eigenen  Belehrung  und  zum  Studium  fĂĽr  andere  haben  her- 
vorragende Künstler  diesen  Lehrpräparaten  neben  der  \\'ahrhaftigkeit 
und  Naturtreue  in  der  Darstellung  oft  auch  kĂĽnstlerischen  Wert 
zu    geben    versucht.     Wer    einmal    /.  B.    die    sorgfältigen,    wirklich 


KĂśNSTLERSTUDIEN.  283 


vollendeten  anatomischen  Wachspräparatc  des  Florentiner  Clem. 
Susini  aus  dem  i8.  Jahrhundert  gesehen  hat,  wird  dies  bestätigen. 
Es  ist  aber  auch   als  Ausdruck  der  historischen  Tatsache,   daĂź  die 


Orig.'I'hot      LofuioH,    i'iktoria  u.  Albert  Micseum. 

Fi".  178.     Anatomische  Wachsstudie  von  Michelangelo  zum  Bacchus. 

Anatomie  ihre  eigentliche  Wiedergeburt  unter  Beistand  hervorragen- 
der KĂĽnstler  erlebte,  unter  denen  das  Genie  des  Lionardo  da  Vinci 
voranleuchtet,  bedeutsam,  daĂź  die  darstellende  Anatomie  einen  kĂĽnst- 
lerischen Einschlag  erhielt.  Betrachten  wir  doch  nur  die  anatomi- 
schen Druckwerke  bis  in  das  iN.  Jahrhundert  hinein.     Da  stehen   die 


284 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Ori^rPhot.    London,    l'ikt.  u.  A16.  Mus 

Fig.  179. 
MetallguĂź  nach  Wachsmodell. 

FrĂĽher  Michelangelo  zugeschrieben  als 

Studie  zu  einem  Marsyas. 

Wahrscheinlich  florent.  Arbeit  des 

17.  Jahrh. 

(Cigoli  oder  Marco  Agrate.) 


Skelette  und  die  Muskehiienschen  in  monu- 
mentaler Pose,  Ott  auch  noch  in  irgendwelche 
RĂĽstung  oder  theatralisches  Gewand  ge- 
kleidet. EigentĂĽmlich  berĂĽhrt  es  uns  heute, 
die  wir  die  reine  Wissenschaft  gänzlich  ohne 
kĂĽnstlerischen  Glorienschein  lieben ,  die 
Skelette  des  Vesalius  in  der  Haltung  eines 
Totengräbers  dargestellt  zu  sehen,  oder  in 
Nachdenken  versunken ;  oder  Muskelmänner 
schreiten  durch  eine  heroische  Landschaft. 
Grotesk  direkt  wirken  die  etwas  späteren 
NachzĂĽgler  dieser  kĂĽnstlerischen  Darstel- 
lungsart. Um  z.  B.  den  inneren  Situs  eines 
Weibes  zu  zeigen,  zeigt  man  eine  aut  ein 
elegantes  PfĂĽhl  gelagerte  Frau,  die  sich  selbst 
den  geöffneten  Leib  auseinanderhält.  Oft- 
mals wurden  allerdings  Holzschnitte  anderer 
Herkunft  verwendet,  in  die  man  die  ana- 
tomische \^orlage  einlegte,  was  dann  das 
Bizarre  erklärt.  Diese  eigenartige  »Kunst- 
anatomie« schuf  gelegentlich  durch  die 
Meisterhand  eines  Plastikers  Statuen  von 
Muskelmännern  von  solcher  Schönheit,  daß 
sie  auch  heute  noch  als  eine  Zierde  der 
Renaissanceplastik  gelten  (s.  Fig.  178). 
Oftmals  waren  es  zunächst  nur  \'ersuche 
von  KĂĽnstlern  zur  eigenen  Belehrung;  im 
Kensington-Museum  bewahrt  man  solche 
a-natomischen  Vorstudien  in  Wachs  auf,  die 
man  wohl  deshalb  auf  Michelangelo  zu- 
rĂĽckfĂĽhrt, weil  wir  von  ihm  auch  sonst 
Zeichnungen  dieser  Art  kennen  und  weil 
ihre  Haltung  mit  der  ausgefĂĽhrten  Statue 
ĂĽbereinstimmt  (s.  Fig.  179). 


KĂśNSTLERSTĂśDIEN.  285 


Es    wäre    eine   ganz   interessante  Aufgabe,    die    plastische  Dar- 
stellungen dieser  Art  einmal  zu  sammeln.    SchlieĂźlich  handelt  es  sich 
bei   ihnen   doch   immerhin    nur  um  kunstanatomische  Studien,    die 
eben  von  Meisterhand  ausgefĂĽhrt  sind,  und  die  deshalb  fĂĽr  unsere 
Aufgabe    nur   eine   Nebenrolle    spielen.      Mit    der   ausgesprochenen 
Absicht    eine  Krankheit    plastisch    zu    schildern,    nicht   als   voraus- 
setzungsloses Kunstwerk,    sondern  im  Dienste  der  Medizin,    haben 
nun  sreleq-entlich  Bildner  auch  Krankheitstvpen  modelliert  und  zwar 
nicht    nur    solche,    deren  Wesen    an    der    Oberfläche    hattet.     Ich 
spreche    hier    nicht  von  den    erwähnten    plastischen  ^Abgüssen    der 
Lepra,  Lues    oder   selbst   der  Psoriasis,    sondern   von    der  Skulptur 
der  Veränderungen  des  Skelettes  in  seiner  Haltung  und  Form,  wie 
sie   angeborene    oder   auch    erworbene    Krankheiten    hervorbringen. 
Hier  muß  feiner  künstlerischer  Sinn  und  großes  plastisches  Können 
zusammengehen  mit  dem  geschulten  Blick  des  Mediziners;  wirklich 
Vollkommenes  wird  nur   dann    geleistet   werden,    wenn    alle    diese 
Eigenschaften  in  einer  Hand  vereinigt  sind.    Ich  denke  hier  in  erster 
Linie  an  die  vollendeten   plastischen  Schöpfungen  von  Krankheits- 
typen durch  den  Akademiker  Paul  Rieh  er,    den    berĂĽhmten    und 
bedeutenden  Mitarbeiter   des   groĂźen   Charcot')-     Die  Fortschritte 
auf  dem  Gebiete  der  Reproduktionskunst,  namentlich  aber  auch  die 
bildliche    bewegliche   Vorführung    solcher   Anomalien    der   körper- 
lichen Haltung  und  Bewegung  haben  aber  der  medizinischen  Beleh- 
rung andere  Wege  gewiesen. 

Wir  haben  schon  mehrfach  des  Skeletons  erwähnt,  das  der 
Altmeister  unserer  Kunst  in  Kos  als  Weihgeschenk  aufgestellt  hat. 
Es  ist  immerhin  möglich  und  von  mehreren  Seiten  auch  betont 
worden,  daĂź  sich  der  auftallige  Befund  hellenistischer  Keramiken 
an  mehreren  Punkten  Kleinasiens,  namentlich  aber  in  der  Gegend 
von  Smvrna  so  erklären  lassen,  daß  diese  kleinen  realistischen 
Kunstwerke  zu  Unterrichtszwecken  gedient  hätten;  namentlich  Felix 


')  S.  Nouvelle  Iconographie  de  la  Salp.  Bd.  XI,  1S9S.  Henry  Meige,  Sur  une 
Statuette  representant  Linfantilisme  myxoedemateux  mit  einer  Statuette  von  Richer,  ferner 
Statuetten  von  primitiver  Myopathie,  Parkinsonscher  Krankheit  usw. 


286  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ® 

Regnaul  t  hat  die  Gau  din  sehe  Sammlung  antiker  hellenistischer 
Terrakotten  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  eitrig  studiert  und  an 
verschiedenen  Stellen  die  koroplastischen  antiken  Darstellungen  als 
Krankheitstvpen  formuliert,  nachdem  schon  vorher  der  griechische 
Kollege  Tsakvroglos  den  Gegenstand  zusammenfassend  bearbeitet 
hatte').  Wenn  er  auch  meines  Erachtens  in  der  Deutung  dieser 
Werke  hellenistischer  Kleinkunst  sowohl  in  ihrer  allgemeinen  wie 
speziellen  Auffassung  vielfach  zu  weit  gegangen  ist,  so  bleiben 
doch  einzelne  Terrakotten  ĂĽbrig,  bei  denen  man  die  Idee  nicht 
vollkommen  von  der  Hand  weisen  kann,  daĂź  hier  vielleicht  auch 
zu  Lehrzwecken  Krankheitsdarstellungen  geschaffen  wurden.  Wir 
müssen  uns  an  dieser  Stelle  mit  dem  Hinweis  auf  diese  Möglich- 
keit begnĂĽgen,  da  wir  noch  im  Laute  dieses  Kapitels  uns  speziell 
mit  diesen  Terrakotten  aus  Smvrna  beschättigen  müssen. 

ANTIKE  EXVOTOS  MIT  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 

Aus  der  Gruppe  der  plastischen  Krankheitsdarstellungen  inter- 
essiert uns  wohl  am  meisten  das  Krankheits-Exvoto;  der  naive  und 
gläubige  Mensch  nähert  sich  dem  Gotte  mit  der  aus  ärmlichem 
Dasein  geborenen  Vorstellung  eines  Bittgeschenkes.  Es  ist  dabei 
für  den  Kundigen  betrüblich,  daß  selbst  bei  diesem  göttlichen  Ge- 
schäfte sich  das  alte  Sprichwort  bewährt  »vom  Tauschen  und  Be- 
trügen«. Denn  wer  in  Not  und  Pein  der  Gottheit  eine  goldene 
Statue  oder  einen  Tempel  verlobte,  befriedigt  geheilt  sein  Gewissen 
durch  Stiftung  eines  vergoldeten  FigĂĽrchcns.  Am  ehesten  ver- 
ständlich sind  diese  Beziehungen  zwischen  göttlicher  Macht  und 
Menschtum  im  Rahmen  der  semitischen  Weltauffassung;  die  \^or- 
stellung  einer  strafenden  Gottheit  hatte  als  naturgemäße  Folge- 
rung deren  Versöhnung  durch  Geschenke,  die  Entsündigung  durch 
Weihgabe.  DaĂź  solche  Weihgeschenke  ĂĽberall ,  wo  sie  ĂĽber- 
haupt gemacht  wurden,    Körperform  annehmen  konnten,    das  sahen 


')  'l7rnciv.f/ativ.ä    nprjtiiita    -qtoi  -r,  icdf/'.y.Tj  iv  Tfi    xspajiEiv.r^   z'ffi  Sjiypvr);.     Athen   1905.     26   S. 
151  Abbildungen. 


ANTIKE  EXVOTOS.  287 


wir  bereits.  Wir  fanden  solche  Objekte  aus  prähistorischer  Zeit 
in  Cypern,  in  xMvkene  und  anderwärts.  Daß  aber  auch  krank- 
hafte Körperform  frühzeitig  als  \'otivgabe  geopfert  wurde,  dafür 
ist  uns  ein  willkommener  literarischer  Beleg  die  Geschichte  der 
Philisterpest. 

Um  das  Jahr  lefe^Tbr  Chr.  nahmen  die  Philister  den  Israeliten 
die  Bundeslade  ab  und  brachten  sie  in  das  Haus  Dagons  und 
stellten  sie  neben  ihren  Gott.  Am  nächsten  JMorgen  aber  landen 
sie  den  Gott  auf  dem  Gesicht  zur  Erde  liegen  vor  der  Bundeslade; 
nachdem  sie  ihn  auf  dem  alten  Platz  wieder  aufgestellt  hatten, 
fanden  sie  ihn  am  anderen  Morgen  mit  abgehauenen  Händen  und 
enthauptet  zur  Hrde;  dann  schlug  die  Hand  des  Herrn  die  Leute 
von  Asdod  mit  Beulen.  Und  die  Philister  von  Asdod  erkannten, 
daĂź  die  Lade  Unheil  brachte  und  schickten  sie  ihren  Landsleuten 
nach  Gath,  einer  anderen  Hauptstadt  des  Landes. 

»Da  sie  aber  dieselbe  dahin  getragen  hatten,  ward  durch  die 
Hand  des  Herrn  in  der  Stadt  ein  sehr  groĂźer  Schrecken  und  schlug 
die  Leute  in  der  Stadt,  beide  klein  und  groĂź,  also  daĂź  an  ihnen 
Beulen  ausbrachen.«  Und  sie  gönnten  die  Lade  einer  dritten  Haupt- 
stadt Ekron.  Die  aber  merkten  den  Braten  und  versammelten  alle 
Fürsten  und  \'olk  und  sprachen:  »Sendet  die  Lade  des  Gottes 
Israels  wieder  an  ihren  Platz.  Und  welche  Leute  nicht  starben, 
die  wurden  geschlagen  mit  Beulen,  daĂź  das  Geschrei  der  Stadt  aut 
gen  Himmel  ging.«  Und  nachdem  die  Lade  sieben  Monate  im 
Lande  der  Philister  war,  berief  man  die  Priester  und  Weissager 
und  sie  sprachen:  »W^ollt  ihr  die  Lade  des  Gottes  zurücksenden, 
so  sendet  sie  nicht  leer,  sondern  mit  Schuldopfer,  aut  daĂź  ihr  ge- 
sund werdet,  fünf  güldene  Beulen  und  fünf  güldene  Mäuse.  So 
müsset  ihr  nun  machen  Bilder  euerer  Beulen  und  euerer  Mäuse,  die 
euer  Land  verderbet  haben  .  .  .  Und  nun  nehmet  einen  neuen 
Wagen,  legt  die  Lade  auf  den  Wagen  und  die  gĂĽldenen  Kleinode, 
die  ihr  zum  Schuldopfer  gebt,  tut  in  ein  Kästlein  neben  ihrer  Seite.« 
»Dies  sind  die  güldenen  Beulen,  die  die  Philister  dem  Herrn  zum 
Schuldopfer  gaben«  (Samuelis  I,  Kapitel  6). 


288 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEX. 


-^ 


Zweierlei  geht  aus  dieser  Geschichte  mit  Sicherheit  hervor,  daĂź 
ein  Krankheits-Exvoto  im  elften  vorchristlichen  Jahrhundert  aus 
Gold  gespendet  wurde,  und  daĂź  gleichzeitig  mit  einer  Bubonenpest 
eine  iMäusepIage  auftrat.  Aus  der  gleichzeitigen  Votivgabe  der 
Mäuse  resultiert,  daß  die  Philister  irgend  einen  inneren  Zusammen- 
hang zwischen  Pest  und  Mäuseplage  angenommen  hatten. 

Ein  größeres  \'erständnis  für  göttliche  Gnade  setzte  die  Gepflogen- 
heit voraus,  dem  Gotte  das  Abbild  eines  gesunden  Gliedes  oder 
Körperteiles  zu  stiften,  in  der  Meinung  und  Hoftnung,  dafür  selbst 


Orisr.-Au/ii.     Rom,  Etriisk.  Alusetnn. 

Fig.  iSo.     Terrakottavotiv  einer  Brust  auf  quadratischer  Basis. 

an  dem  gespendeten  Körperteil  zu  genesen.  Erscheint  auch  zu- 
nächst dieses  Geschäft  eindeutig  und  durchsichtig,  so  gibt  es  doch 
FalltĂĽren  und  Nebengassen.  Nehmen  wir  z.  B.  ein  Erkranken  der 
weiblichen  Brust  an,  tür  deren  Häufigkeit  außer  unserer  ärztlichen 
Erfahrung  auch  die  Unmasse  der  gespendeten  Teile  spricht,  so 
finden  wir  aus  jedwedem  Material  EinzelbrĂĽste  und  DoppelbrĂĽste. 
Schon  bei  Vorhandensein  des  ganzen  Busens  tritt  die  Frage  in  den 
Vordergrund,  sind  denn  auch  beide  BrĂĽste  krank  gewesen?  Ich 
neige    dazu,    diese  Frage   zu   verneinen    und    anzunehmen,    daĂź    es 


KRANKHEITSEXVOTO.  289 


Weihgeschenke  waren ,  mit  Bezug  auf  die  aUgemeinere  Funktion 
derselben  bei  jungen  MĂĽttern  oder  gelegenthch  auch  auf  derselben 
Ideenrichtung  beruhend,  die  die  Hetären  veranlaßte,  der  Aphrodite 
das  Abbild  ihres  Genitale  zu  opfern.  Lehrreich  iĂĽr  die  Auffassung 
solcher  Spende  ist  eine  Terrakotta  aus  der  Etruskischen  Sammlung 
in  der  \'illa  di  Papa  Giulio.  Da  sehen  wir  auf  einer  quadratischen 
Basis  nur  die  eine  Brust  geformt,  die  entsprechende  Stelle  der  an- 
deren rechten  Seite  jedoch  freigelassen,  nicht  etwa  abgebrochen! 
(s.  Fig.  180}.  Hier  mĂĽssen  wir  eine  einseitige  Brusterkrankung  an- 
nehmen. Offenbar  war  die  dargestellte  linke  Brust  erkrankt,  die 
rechte  gesund  und  deshalb  auch  von  der  Hilfesuchenden  nicht 
berĂĽcksichtigt.  Hs  liegt  aber  nahe  anzunehmen,  daĂź  absichtlich, 
damit  der  Gott  sich  nicht  irrte,  die  Kranke  diese  Darstellung  ge- 
wählt hat  und  sich  nicht  mit  der  Darbringung  einer  Einzelbrust 
begnügte.  Das  Dogma  von  der  Allwissenheit  göttlicher  \"orstellung 
existierte  noch  nicht  und  deshalb  war  man  bestrebt,  sein  Leiden 
auch  ĂĽberzeugend  dem  Gotte  zu  schildern,  (jing  man  nun  per- 
sönlich in  den  Tempel  des  Heilgottes,  so  zeigte  man  seinen  Schaden 
und  opferte  dafĂĽr.  Wie  wir  sahen,  schickte  man  aber  auch  seine 
\"erwandten  oder  Diener  zur  Inkubation  in  den  Tempel,  und  diese 
nahmen  dann,  wie  ich  annehme,  gewissermaĂźen  zur  Illustrierung 
des  Krankenberichtes,  zur  Unterweisung  des  Heilgottes,  die  Krank- 
heit in  efhgie  mit.  Eine  eintachere  Erklärung  tür  die  allerdings 
wenig  zahlreich  gefundenen  Krankheitsdarstellungen  in  Heilbezirken 
kann  ich  nicht  recht  finden.  Daß  man  dann  später  das  kranke 
Glied  oder  Organ  als  Weihgeschenk  aufstellte,  dafĂĽr  ist  einwand- 
freier Beweis  die  kleine  23  cm  breite  und  13  cm  hohe  Marmor- 
basis, die  Gaetano  Gigli^)  beschreibt  und  abbildet  (s.  Fig.  181). 
Der  Inhalt  der  Widmung  lautet:  Neochares  Julianus  weiht  dem 
Asklepios,  dem  größten  Gott,  dem  Retter,  dem  Wohltäter,  durch 
seine  Hände  von  einem  Milztumor  befreit,  das  xA.bbild  der  (kranken) 
Milz  in  Silber. 

Der  besondere  Hinweis  »durch  seine  Hände«   läßt  tür  die  Ver- 


')  Gigli,  Bulletino  della  Commissione  Archeolog.  Communale  di  Roma,   1S96,  Bd.  24. 
Holländer,  Plastik  und  Medizin.  '9 


290 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


mutung  Raum,  daĂź  dieser  griechische  Freigelassene  durch  einen 
operativen  Eingriff  gerettet  wurde.  Wenn  auch  dieser  groĂźe 
silberne  Milztumor,  der  frĂĽhzeitig  in  einen  Schmelztiegel  ge- 
wandert ist,  dessen  Befestigungsklammern  auf  der  Marmorbasis 
aber  noch  ersichtlich  sind,  in  Wirklichkeit  modelliert  dastand,  so 
ist  es  für  mich  doch  sehr  zweifelhaft  nach  den  Befunden  ähn- 
licher Art,  ob  hier  wirklich  das  Modell  z.  B.  einer  Malariamilz 
geweiht   war   oder    nicht   vielmehr    ein    StĂĽck   silberner    Phantasie. 

Diese  Phantasie  spielt  leider  auch 
eine  groĂźe  Rolle  bei  der  Diagnosen- 
stellung von  Krankheitsformen,  die 
eine  oft  primitive  Kunst,  manch- 
mal aber  auch  die  flĂĽchtige  Ar- 
beit eines  Kunsthandwerkers  schul. 
Wir  mĂĽssen  uns  vielfach  damit  be- 
snĂĽoen,  mit  Bestimmtheit  die  Ab- 
sieht  einer  Krankheitsdarstellung  zu 
erkennen  und  froh  sein,  Wahr- 
scheinlichkeitsdiagnosen stellen  zu 
können.  Eine  erfreuliche  Ausnahme 
hiervon  bietet  eine  Widmung,  die 
gleichzeitig  als  erste  dieser  x\rt  be- 
schrieben wurde. 

A.  Keirte')  weist  in  seinem 
interessanten  Aufsatz  »Bezirk  eines 
Heilgottes«  zuerst  auf  eineKrankheitsdarbringung  ungetähr  folgender- 
maßen hin.  »Ein  nach  links  stehender  bärtiger  Mann  umfaßt  mit 
vorgebeugtem  Oberkörper  mit  beiden  Händen  ein  kolossales  Bein, 
das  vor  ihm  auf  dem  Boden  steht  und  ihm  bis  an  die  Brust  reicht 
(s.  Fig.  182)  .  .  .  An  dem  Kolossalbein  tritt  sehr  auffallend  eine 
starke  Ader  hervor,  die  sich  von  der  linken  Hand  des  Mannes  bis 
zum  Knöchel  erstreckt.  Ohne  Zweifel  soll  sie  das  Leiden  andeuten, 
von  dem  der  Kranke  durch  den  Gott  befreit  wurde.      Er  litt  eben 

')  Mitteilungen  des  Kaiserl.  Deutsch.  Archäolog.  Institutes.     Athen   1893,  Bd.  18. 


Reproduktion  aus  Bulletino  Arch.  di  Roma, 

Fig.  iSi.  Votivbasis  f.  t^eheilte  Milzkrankheit, 


KRANKHEITSEXVOTO. 


291 


,<^' 


I 


Orig.-Au/n.     Atheji,  Xaf .-Museum  Magazin. 

Fig.  182.     Votivrelief  mit  Krampfadern     Athen.     Asklepieion. 


292 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEX. 


an  Krampfadern.  DaĂź  die  Szene  im  Heiligtum  spielt,  lehren  die 
beiden  FĂĽĂźe,  welche  links  von  dem  Bein  in  einer  Nische  aufgestellt 
und  ebenfalls  als  Weihgaben  autzutassen  sind.«  Zu  diesen  Aus- 
fĂĽhrungen macht  Stieda')  die  Bemerkung,  daĂź  der  neben  dem 
Bein  stehende  Mann  das  Bild  seines  kranken  Beines  dem  Gotte 
vor  der  Inkubation  darbringt.  »Der  Mann  ist  nicht  geheilt  worden  — 
solche  Leiden  waren  damals  vollkommen  unheilbar,  sie  sind  es 
auch  zum  Teil  noch  heute.« 

Über  die  uns  zwar  nebensächlich  erscheinende  Frage,  ob  als 
Dank  für  die  Heilung  oder  als  Bittgesuch  zur  Heilung  das  Körper- 
idol in  den  Tempel  gebracht  wurde,  läßt  sich  doch  nicht  aut  diese 
Weise  zu  Rande  kommen;  denn  wenn  Weihgeschenke  nur  nach  reell 
erfolgter  Heilung  gegeben  worden  wären,  so  würde  wohl  die  Zahl 
dieser  Weihgeschenke  eine  recht  geringe  sein,  und  das  ist  auch 
fĂĽr  mich  das  Hauptargument  dafĂĽr,  daĂź  man  vorher  das  Bild  des 
kranken  Gliedes  opferte.  Und  dann  noch  eins!  Die  alten  Ärzte 
und  die  neueren  nicht  weniger  haben  die  sonderbare  Erfahrung 
gemacht,  daĂź  die  Dankbarkeit  der  Patienten  schwindet  mit  dem 
erreichten  Ziel,  und  daĂź  die,  welche  zu  Beginn  der  Kur  goldene 
Berge  ungebeten  »verlobten«,  geheilt  meist  in  einem  Abgrund  ver- 
schwanden. Sollten  Asklepiospriester  so  divergente  Erfahrungen 
gemacht  haben?  Der  häufige  Hinweis  auf  Honoraransprüche  in 
den  Heilberichten  spricht  nicht  dafĂĽr.  Doch  kommen  wir  zurĂĽck 
zu  unserem  Dedikanten  Lysimachides,  des  Lysimachos  Sohn  aus 
Acharnä.  Er  hatte  Krampfadern,  wahrscheinlich  an  beiden  Beinen, 
und  weihte  diese  jedenfalls  auch  schon  im  Altertume  als  originell 
empfundene  Reliefdarstellung.  Er  sieht  sich  vielleicht  im  Geiste 
schon  geheilt  und  hat  deshalb  in  der  Nische  die  Abbilder  der  ge- 
heilten FĂĽĂźe  angebracht.  Absichtlich  hat  wohl  der  KĂĽnstler  an 
diesem  FuĂźpaar  den  Unterschenkel  des  einen  Beines  verkĂĽrzt, 
um  die  fehlende  Krampfaderbildung  auf  der  Innenseite  zu  zeigen. 
Die  Argumentation  Kört  es,  daß  wir  uns  durch  die  Anbringung 
dieser   beiden  ExvotofĂĽĂźe  als  in    einem  Hciltempel  befindlich    ver- 


EXVOTOS. 


293 


setzt  wähnen  sollen,  wird  man  wohl  nicht  autrecht  halten  können. 
Zu  welchem  Zweck  sollte  das  geschehen  sein?  Der  Votivstein 
fand  ja  im  heiligen  Bezirk  Aufstellung,  und  jeder  Beschauer  wuĂźte 
den  Zweck.  Wollte  er  besonders  diesen  Eindruck  hervorrufen, 
so  hätte  wohl  der  Kunsthandwerker,  der  diese  Platte  schuf,  der- 
selben,   wie  wir   dies  an    den  anderen  Weihreliefs   gesehen   haben, 


-- 

M 

HP 

1 

London,  British  Miisciitn. 

Fig.  1S3.     Die  Stele  des  Xanthippos, 

die  ĂĽbliche  Tempeleinfassung  gegeben.  Noch  ein  Wort  ĂĽber  die 
Darstellung  selbst.  Der  moderne  Chirurg,  der  ĂĽbrigens,  wie  ich 
mit  Hinblick  auf  die  Bemerkung  Stiedas  betonen  möchte,  doch 
häutig  Gelegenheit  hat,  solche  Zustände  durch  Operation  zu  heilen, 
wird  mir  bestätigen,  daß  eine  Krampfaderentwicklung,  wie  die  aut 
dem  Votivbein  geschilderte,  kaum  vorkommt.  Die  fehlende  Kolla- 
teralbildung  ist  so  ungewöhnlich  wie  die  Lokalisation  und  trotzdem 


294 


KRANKHEITSDARSTELLUXGEN. 


die  Krankheitsschilderung  so  eindeutig,  daĂź  keine  andere  Krankheit 
in  Frage  kommt;  doch  spreche  man  nicht  von  realistischer  Kunst, 
sondern  lieber  von  einer  stilisierten  \'ena  saphena  magna.  Den- 
jenigen, welche  diesen  interessanten  \'otivstein  vergeblich  im 
Athener  Museum  suchen,  die  Mitteilung,  daĂź  er,  in  zwei  StĂĽcke 
gebrochen,  vorläufig  im  Magazin  aut bewahrt  wird. 

Es  wäre  unrecht,  an  dieser  Stelle  dem  Leser  die  Stele  des 
Xanthippos  vorzuenthalten  (Fig.  183).  Wir  sehen  da  in  erheblich 
besserer  Arbeit  im  Stile  des  Parthenonfrieses  einen  Mann  von  mitt- 
leren Jahren  sitzen,  der  in  seiner  rechten  Hand  einen  Fuß  hält, 
welchen  er  mit  einer  ausgesprochen  ostentativen  Geste  vorzeigt.  Die 
Dimensionen  dieses  FuĂźes  sind  diesmal  dieselben  wie  des  eigenen. 
Über  die  Deutung  dieses  Reliefs  besteht  schon  eine  größere  Literatur. 
Die  Bildsäule  geht  unter  dem  Namen:  »Grabsäule  des  Schusters  Xan- 
thippos«. Ich  selbst  hielt  sie  zunächst  für  ein  dem  vorigen  analoges 
Votivbild.  Der  Katalog  des  Britischen  Museums  (Xr.  628)  gibt  diese 
Möglichkeit  zu,  während  Fr  ie  derichs-Wol  ters  den  Stein  des 
Xanthippos  als  Grabstele  eines  Schusters  bezeichnet  und  den  in  der 
Hand  befindlichen  FuĂź  als  Leisten  ausgibt.  Es  muĂź  unbedingt  zuge- 
geben werden,  daß  diese  Möglichkeit  besteht.  Daß  aber  ein  Schuster 
mit  so  feinem  Kopt  und  noch  eleganteren  Fingern  den  Ehrgeiz  hat, 
noch  im  Tode  allen  Menschen  als  Schuster  zu  gelten,  und  auĂźer- 
dem noch  materiell  dazu  in  der  Lage  ist,  das  ist  schon  ungewöhn- 
lich, und  die  Bäckersfrau  mit  ihren  Brezeln  auf  dem  Campo  santo 
in  Genua  wird  gegen  diesen  antiken  Rivalen  Protest  erheben.  Und 
noch  eins.  Mehr  noch  wie  aut  dem  Bilde  drĂĽcken  aut  der  Marmor- 
tatel  die  beiden  Töchter  eine  staunende  \'erwunderung  oder  Be- 
wunderung aus,  die  sich  ausdrĂĽcklich  dem  VotivfuĂź  zuwendet. 
Was  gegen  ein  N'otivbild  spricht,  ist  der  dem  Grabreliet  typische 
GiebelabschluĂź  und  ferner,  daĂź  Xanthippos  sitzt.  Nun,  das  letztere 
erklärt  sich  vielleicht  aus  der  Tatsache,  daß  er  wegen  seines  Fuß- 
leidens nicht  stehen  konnte.  Aus  diesen  GrĂĽnden  sind  wir  doch 
vielleicht  berechtigt,  dies  schöne  und  besonders  gut  erhaltene  Relief 
den  A'otivsteinen  mit  ei2:enartis:er  Fassun";  zuzuzählen. 


VOTIVSTEINE. 


295 


Im  Anschluß  an  diese  \'otivsteine  und  zur  Erläuterung  derselben 
habe  ich  in  Sniyrna  einen  Votivstein  aufnehmen  lassen  (s.  Fig.  184), 
der   ein   Bein    mit    Oberschenkel    auf  freiem  Felde   zeigt;    der  zu- 


UA':^ 


Orig.-Att/H.     Sinyrfta. 

Fig.  184.     Votivstein  an  Urania  aus  Koula. 

gehörige  Fuß  sieht  stark  geschwollen  aus  und  wurde  auch  für  er- 
krankt angesprochen.  Der  ^\■)tivstein  stammt  ungefähr  aus  dem 
I.  Jahrhundert  n.  Chr.  und  wurde  von  einem  Stifter  Lukios  der 
Urania  geweiht  für  seinen  Zögling.    Die  Annahme,  daß  es  sich  hier 


1^6 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


um  eine  Krankheitsdarstellung  handeln  könne,  für  deren  Heilung 
die  Urania  zu  Hüte  gerufen  wurde,  bestätigt  sich  aber  trotzdem 
nicht.  Obwohl  die  Urania,  die  Muse  der  Astronomie,  natĂĽrlich 
auch  einmal  als  wirksame  Göttin  in  Anspruch  genommen  werden 
konnte,  und  die  Beziehung  des  Heilgottes  zu  den  Musen  ja  bekannt 
ist,    so   finden    wir   auf  einem    zweiten    Stein,    ebenfalls    in    Koula 


\ 


L... 


Orig.-Au/n.     Siityrna. 

Fig.  1S5.     Votivstein  an  Hermes  aus  Koula. 

gefunden,  ein  Relief bein  in  grauem  Marmor  gearbeitet,  welches 
irgendwelche  Krankheitssymptome  aber  vollkommen  vermissen  läßt. 
Dieses  Votivbild  ist  dem  gerechten  und  gĂĽtigen  Gott  Hermes,  des 
Hypheistos  Sohn,  gewidmet  zugunsten  von  Philippikos.  Die  Tat- 
sache nun,  daĂź  wir  gelegentlich  auch  beide  FĂĽĂźe  rcsp.  beide  Beine 
auf  einer  Votivstele   finden,   und    daĂź   dieselben  auch  dem  Hermes 


VOTIVSTEINE. 


297 


geweiht  waren,  spricht  dafĂĽr,  daĂź  mit  Wahrscheinlichkeit  ĂĽberhaupt 
gar  keine  Krankheitsbilder  geweiht  werden  sollten,  sondern  daĂź 
ein  steinernes  Bittgesuch  fĂĽr  das  gute  Gelingen  einer  langen  Reise 
der  Angehörigen  vorliegt.  Diesem  Zweck  entsprachen  ja  auch 
schon  ein  Teil  der  zahllosen  altitalischen  FuĂź-Exvotos  aus  Terra- 
kotta. Unbeschadet  dieser  Annahme  erinnern  wir  daran,  daĂź 
Hermes')  mehrfach  als  lokaler  Heilgott  galt  (so  in  Amorgos). 

Im  AnschluĂź  hieran  wollen  wir  mit  einigen  Worten  der  Ano- 
malien gedenken,  die  tatsächlich  bei  den  zahlreichen  Votivfüßen 
vorkommen,  welche  in  groĂźer  Menge  vorhanden  sind.  Die  FĂĽĂźe 
sind  meistens  in  Terrakotta  so  gearbeitet,  daĂź  ein  kleines  StĂĽck 
oberhalb  des  Knöchels  die  Tonmasse  sich  schließt  und  nur  ein 
zentrales  kleines  Loch  bleibt.  Gelegentlich  ist  das  Ende  auch  in 
abweichender  Weise  verarbeitet.  Wir  können  als  \'otivfüße  nur 
solche  ansprechen,  bei  denen  die  Form  keine  Zweifel  läßt,  daß  nur 
der  oder  die  FĂĽĂźe  dargestellt  werden  sollten,  da  sonst  die  Annahme 
berechtigt  ist,  daĂź  es  sich  um  ein  BruchstĂĽck  einer  Statue  handelt. 
Solche  VotivtĂĽĂźe  in  natĂĽrlicher  oder  verkleinerter  oder  winziger 
Form  sind  so  zahlreich,  daĂź  sie  beinahe  jeder  kleinere  Antiquar  in 
Italien  noch  heute  in  seinem  Lager  vorrätig  hat.  Meist  handelt  es  sich 
um  nackte  FĂĽĂźe,  gelegentlich  tragen  sie  aber  auch  Sandalen  und 
r>chuhwerk  (besonders  in  Cypern).  Felix  Regnault  hat  (1.  c.)  hier 
aut  die  \^eränderungen  und  die  Verschiedenheiten  der  Zehenstellung 
hingewiesen ;  er  hat  Füße  mit  Fächerstellung  der  Zehen  abgebildet, 
auch  Andeutung  von  Hammerzehen  und  PlattfuĂź.  Ohne  diesen 
Darstellungen  eine  größere  medizinische  Bedeutung  beizumessen, 
glauben  wir  mit  diesem  findigen  Autor  besonders  darauf  hinweisen 
zu  mĂĽssen,  daĂź  diese  Zehenstellungen  zum  Teil  die  Folge  der  antiken 
FuĂźbekleidung  sind,  ^^'as  aber  mir  selbst  auch  an  den  groĂźen,  mit 
wunderbarer  Technik  gearbeiteten  xMarmorstatuen  der  besten  Zeit 
autgefallen  ist,  das  ist  die  Behandlung  der  kleinen  Zehe,  besonders 
an  den  Statuen  des  Lysippos.  Dieser  Meister  bildet  mit  \'orliebe  eine 
ganz  verkümmerte  kleine  Zehe  in  Kantenstellung  und  es  wäre  vielleicht 

'~l  Es  ist  auch  möglich,  daß  Hermes  hier  Personenname  ist  und  der  Vater  des  Philippikos. 


298 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


interessant,  diesen  Stileigentümlichkeiten  ähnlich  wie  bei  den  Ohren 

der  verschiedenen  Meister  in  den  verschiedenen  Epochen  nachzugehen. 

Im  hiesigen  Museum  befindet  sich  ein  Frag- 
ment eines  Rumpfes,  welches  mit  Sicherheit  ein 
altitalisches  Donarium  ist  und  auĂźerdem  auch 
einen  erkrankten  Körperbau  vorstellen  soll.  Das 
eine  geht  aus  der  Fundstelle  hervor,  das  andere 
aus  der  Konfiguration  des  kleinen  Bildwerkes. 
Obwohl  die  verschiedenen  Drehungen  und  Ver- 
biegungen  der  W^irbelsäule  im  Sinne  einer  Lordo- 
skoliose  erst  deutlich  werden,  wenn  man  den 
Gegenstand  in  die  Hand  ninmit  und  von  allen 
Seiten  betrachtet,  habe  ich  es  doch  versucht,  eine 

oris.-A.^n.B.r,!n.^ruseu,..   Vorstellung  dcs  Fuudes  zu   geben  (s.  Fig.  186). 

Fig.  186.  Lordoskoiiose.    Wir  scheu  den  Rumpf  von  der  Seite,  die  starke 

Terrakottavotiv.  i-      i         i  j         n  •  i    i  i         i-    i 

\  orbucntung  der  Rippen,  welche  deutlich  mar- 
kiert sind  und  erl;ennen  auch  noch  die  Drehung  der  lordotischen 
Wirbelsäule  um  ihre  Achse. 

Ein  glĂĽcklicherweise  unversehrtes  GegenstĂĽck  fand  ich  im  Anti- 
quarium  von  Rom.  \on  derselben  Größe, 
zeigt  dieses  aut  dem  Esquilin  gefundene  Terra- 
kottastück dieselben  pathologischen  Verände- 
rungen der  Wirbelsäule  mit  einer  sorgfältigeren 
Bearbeitung  der  Rippenbiegung.  Das  StĂĽck 
charakterisiert  sich  als  Votivgegenstand  dadurch, 
daĂź  an  der  Abgangsstelle  von  Armen,  Beinen 
und  Hals  glatte  Ränder  mit  kleinen  runden 
Löchern  vorhanden  sind  (s.  Fig.  1S7).  Unter 
der  großen  Zahl  von  persönHch  von  mir  unter- 
suchten Weihgeschenken  konnte  ich  weitere 
Exemplare  dieser  Gattung  nicht  mit  Sicherheit 
feststellen.  Dagegen  ist  die  Reihe  ungeheuer  lang  der  Darstellungen 
von  Wirbelsäuleerkrankungen  aller  möglichen  und  unmöglichen  Art 
aus    dem  Gebiet    der   Kleinplastik    mit    divergenter   Tendenz.     Wir 


Ori^.-Aii/ji.     Kt'j/i,  Atitiquarhim. 

Fig.  1S7.     Lordoskoiiose. 
Votiv  aus  Terrakotta. 


SKELETTVERÄNDERUNGEN, 


299 


werden  diese  Buckligen  noch  zusammenhängend  bespreclien.  Immer- 
hin ist  es  mögHch,  daß  unter  ihnen  sich  auch  Votivkörper  be- 
finden. Es  ist  dies  deshalb  aber  so  schwer  mit  Sicherheit  fest- 
zustellen, weil  die  kleinen  Terrakottafiguren  derartig  zerbrochen 
sind,  daĂź  eine  sichere  Entscheidung  ĂĽber  den  Zweck  der  Dar- 
stellung nicht  erbringlich  ist.  So  könnte  ja  das  eine  oder  andere 
ganz  vorzĂĽgliche  kleine  realistische  Werk  als  Votiv  einer  RĂĽckgrats- 
verkrĂĽmmung und  als  ernste  Studie'  gelten,  wenn  wir  nicht  mit 
Sicherheit  aus  besser  erhaltenen  ähnlichen  Darstellungen  diese  Stücke 


-t 


Orig.-An/n.     Berlin.   Museuu 

Fig.  188.  Fig.  iSg. 

Kypholordose.  Kypholordose. 


Louvre. 

Fig.  190. 
Lordose. 


Fig.  191. 
Kyphose. 


den  Grotesken  zuweisen  mĂĽĂźten.  Jedenfalls  zeigen  wir  hier  im 
Bilde  einige  solcher  Thoraxanomalien,  teilsaus  dem  hiesigen  Museum, 
teils  auch  aus  dem  Louvre,  die  möglicherweise  als  Exvotos  gelten 
können  (s.  Fig.  188 — 191). 


BRĂśSTE. 

Wenn  ein  Leiden  zur  plastischen  Verkörperung  des  Krankhaften 
prädestiniert  ist,  so  wären  es  die  Tumoren,  besonders  die  der  weib- 
lichen Brust;  diese  können  ja  großen  Umfang  annehmen  und  eine 
sichtbare  Deformierung  anrichten.  Solche  war  ja  auch  im  Altertum 
schon  bekannt  und  beschrieben;    es  wäre   auch    für   den   Bildhauer 


500 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


^ 


oder   den   KĂĽnstler  ĂĽberhaupt   eine   ungemein   leichte  Aufgabe  ge- 
wesen,  diesen   Schaden   plastisch   zum  Ausdruck   zu  bringen.     Ein 

ganz  einwandfreies  \'otiv 
dieser  Art  habe  ich  aber 
weder  persönlich  gefun- 
den ,    noch    auch    ist    ein 


^3^-.. 


derartiges   bisher   nachge- 


\(       }(ri      Mttjop  Utain    Museum  of  Art. 

Fig.  192.     Traubiger  Tumor  der  Brustgegend. 

Marmorvotiv  aus  Cypero. 


;i  wiesen.  Am  ehesten  in 
i\  Betracht  kommt  noch  der 
-f  traubige  Tumor,  der  mit 
v-l  anderen  sicheren  Votiv- 
gegenständen  bei  Golgoi 
in  Cvpern  ausgegraben 
wurde  und  sich  jetzt  im 
Metropolitain  Aluseum  ot 
Art  in  New  York  befindet^) 
(s.  Fig.  192).  Dieses  auch  von  Kronfeld")  abgebildete  Votiv  steht 
isoliert  da.  Der  Naturalismus  anderer  cypriotischer  Darstellungen 
läßt  jedoch  erhoffen,  daß  uns  von  dieser  Stelle  alter  Kultur  noch 
Ăśberraschungen  kommen.  Die  BrĂĽste 
selbst  sind  nicht  ergriffen ;  es  liegt 
unterhalb  derselben  ein  Tumor  von 
so  exquisit  traubiger  Beschaffenheit, 
daß  Krön  fei  d  die  Vermutung  aus- 
spricht, daĂź  der  KĂĽnstler  unwillkĂĽr- 
lich diese  Ähnlichkeit  noch  über- 
trieben habe.  Selbst  einen  Stiel  hat 
die  Traube.  Ganz  abgesehen  von 
der  Lokalisation,  wĂĽrde  man  auch 
sonst  kaum  an  einen  Tumor  der 
Milchdrüse  denken  können.  Immer- 
hin kommt,  wenn  der  Bildhauer  sich 


«TSE 


Orig.-Phpt.  von  Mcyer-Stcineg,  yena. 


Fig.  193.     Marmorvotiv. 

Mammatumor  ^ 


')  The  Cesnola-Collection  of  cypriote  Antiquities   in  tlie  Metropol.  Museum.     New  Vork. 
-)  Vortrag  in  der  Gesellschaft  der  Wiener  Ärzte,  1909. 


BRUSTTUMOREN. 


301 


nicht     allzusehr    verhauen     hat,    eine    maligne    Geschwulst    dieser 
Gegend  in  Frage. 

Ähnlich  liegen  die  \^erhältnisse  bei  einem  Oberkörper  aus 
Marmor,  den  Meyer-Steineg  in  Griechenland  gefunden  hat.  Hier 
ist,  soweit  dies  aus  der  mir  von  ihm  gĂĽtigst  ĂĽberlassenen  Photo- 
graphie (Fig.  193)  ersichtlich  ist,  die  linke  Brust  Sitz  eines  Tumors. 
Es  erscheint  mir  aber  bei  der  Kleinheit  des  Marmors  traglich,  ob  der 
Gegenstand  ĂĽberhaupt  ein  Votiv  war,  und 
zweitens  ob  der  Tumor  nicht  eine  andere 
Deutung  zuläßt.  Es  wäre  immerhin  mög- 
lich, daĂź  das  Abbrechen  eines  vor  die  Brust 
gehaltenen  Gegenstandes  ein  Trugbild  ge- 
schaffen hat. 

Bedenken  dieser  Art  fallen  weg  bei  einem 
weiblichen  Körper,  der  nach  Meyer-Steineg 
sich  in  Smvrna  in  dem  Museum  der  evan- 
gelischen Schule  befindet').  Hier  ist  die 
kraterförmige  Intumeszenz  so  naturalistisch 
zum  Ausdruck  gebracht,  daĂź  jede  Skepsis 
übertrieben  wäre.  Dagegen  fehlt  hier  wieder 
der  Nachweis,  daĂź  es  sich  um  einen  Votiv- 
gegenstand  handelt. 

Unter  den  EinzelbrĂĽsten  aus  Terrakotta, 
sowohl  den  tegeatischen  als  auch  den  etrus- 
kischen,  die  ich  sah,  hat  sich  bisher  kein 
Beweismaterial  fĂĽr  die  Bildung  von  Tumoren 
ergeben.  Wohl  bildet  Regnault  eine  kleine  Sammlung  von  patho- 
logischen Brustformen  ab.  Wir  wollen  es  dabei  in  suspenso  lassen, 
ob  die  prall  gefĂĽllten  BrĂĽste  mit  verstrichener  Brustwarze  Milch- 
stauungen versinnbildlichen.  Auch  anerkennen  wir  die  verschiedene 
Profilierung  derselben  und  die  manchmal  abnorme  Bildung  der  Warze 
und    des  Warzenhofes.     Ob  dies  aber  Bezug  auf  Funktionsstörung 


V/i,-.-/'/^'/.  Vi>n  .Mtyer-Striiic^,  Jena. 

Fig.  194.     Zerfallener  Brust- 
tumor, Smyrna. 


1)  Ich  selbst  habe  ihn  nicht  mehr  dort  gefunden.  —  Museum  und  Bibliothek  der  evang. 
Schule,  Direktor  Dr.  Polovio  A  rg  yropoul  os. 


302  KRAXKHEITSDARSTELLUXGEN.  §§ 

hat  oder  ob  hier  nur  die  Phantasie  des  Töpfers  im  Einldang  mit 
den  WĂĽnschen  der  Besitzerinnen  die  Formvariation  veranlaĂźte,  er- 
scheint fraghch.  Nur  bei  einer  exquisiten  Hängebrust,  die  Reg- 
nault  abbildet,  bei  der  sich  ganz  exzentrisch  am  unteren  Pol  die 
Warze  befindet,  erkennen  wir  gerne  den  zu  Stein  gewordenen 
Wunsch  einer  älteren  Dame  aut  Wiederherstellung  jugendlicherer 
Formation  an;  dieselbe  Brusttorm  zeigt  ein  analoges  StĂĽck  im 
Neapolitanischen  Magazin,  dort  wird  sie  als  Bauch  mit  Xabel  an- 
gesprochen. 

GESICHTER. 

Unter  der  großen  Anzahl  von  Witivköpten,  welche  als  gemein- 
schaftliche Gabe  in  fast  allen  Heiligtümern  der  verschiedenen  Götter, 
nicht  nur  der  Heilgötter  deponiert  wurden,  tand  ich  eigentlich  nur 
zwei  Köpfe  mit  ausgesprochener  Krankheitsbildung.  Der  eine  Kopt 
steht  im  Magazin  des  Nationalmuseums  in  Neapel.  Er  ist  ziemlich 
roh  gearbeitet  und  im  Gegensatz  zu  der  Mehrzahl  der  Kopte,  die 
hohl  sind,  massiv  (s.  Fig.  193).  Der  ihn  verfertigende  Arbeiter  war 
kein  Meister;  und  es  ist  nicht  ausgeschlossen,  daĂź  der  Kranke  sich 
selbst  porträtierte.  Wir  sehen  einen  Mann  in  mittleren  Jahren, 
dessen  Kopf  und  Gesicht  mit  rundlichen,  knotenförmigen  Erhaben- 
heiten bedeckt  ist,  frei  ist  nur  die  Gegend  um  die  Augen  und  die 
Nase,  deren  vorderer  Teil  abgebrochen  ist.  Die  Größe  der  flachen, 
rundlichen  Warzen  schwankt.  Die  Lippen  scheinen  zerstört,  jeden- 
falls ist  es  ganz  besonders  auffällig,  daß  bei  diesem  Kopt  der  Mund 
offen  und  die  Zähne  sichtbar  sind,  was  sonst  nicht  der  Fall  ist. 
Die  Brust  und  der  Hals  zeigen  gleichtalls  pathologische  Verände- 
rungen. Hier  sind  die  rundlichen  Eruptionen  durch  kreisförmig 
angeordnete  ringförmige  Eindrücke  in  den  Ton  markiert.  Die 
Augenlider  zeigen  eine  deutliche  Cilienbildung.  Was  soll  hier  dar- 
gestellt werden?  Ein  Krankeitszustand  doch  wohl  zweifellos. 
Auffallend  ist  jedentalls  und  wohl  auch  Richtschnur  tĂĽr  eine  even- 
tuelle Diagnosenstellung  das  Freibleiben  der  haarlosen  Gesichts- 
haut.   Die  vergleichende  Betrachtung  der  ĂĽbrigen  Gesichter  der  ver- 


GESICHTER. 


:)^j 


schiedensten  Provenienz  lehrt  zunächst,  daß  in  der  überwiegenden 
Mehrzahl  die  Männer  bartlos  dargestellt  wurden;  gelegentlich  aber 
sind  auch  bärtige  Männergesichter  abgebildet.  Es  braucht  hierbei 
nur  daran    erinnert    zu  werden,    daĂź    die    Haartracht    und    die  ver- 


^'«^^ 


Orig.-Aitfti.     Neapel,  Nat.-Mitseuin. 

Fig.  195.     Exvoto.     Krankheitsdarstellung  im  Gesicht  und  an  der  Brust. 

schiedene  Bildung  der  Frisuren  mit  einer  besonderen  Meisterschaft 
behandelt  wurde,  um  anzudeuten,  daĂź  auch  der  Bartwuchs  der  alten 
Kunst  Untertan  war.  Im  \'atikanisch-Etruskischen  Museum  fiel  mir 
das  Porträt  eines  Rasierten  auf,  bei  welchem  an  Bart  und  Lippen 
durch  zahlreiche  Nadelstiche  in  den  Ton  der  Eindruck  frischer  Rasur 


304 


KKANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


'^1,  - 


ĂĽberraschend  geschildert  war.  Es  ist  also  kaum  daran  zu  denken,  daĂź 
diese  breiten,  linsenartigen  Auflagerungen  eventuell  als  ungeschickte 
plastische  Behandlung  von  Bart-  und  Haupthaar  angesprochen  wer- 
den können,  dagegen  spricht  auch  die  Technik  der  Augenbrauen 
und  der  Lider.    Die  Spezialdiagnose  dieses  Zustandes  ĂĽberlassen  wir 

dem  medizinisch  geschulten  Be- 
trachter, warnen  aber  ausdrĂĽck- 
lich vor  weitgehenden  SchlĂĽssen. 
Am  ehesten  Icäme  wohl  die  para- 
sitäre Sykosis  in  Betracht,  wenn 
nicht  die  Eruption  der  ringförmig 
gestellten  Ettioreszenzen  am  Ober- 
körper dagegen  spräche. 

Es  ist  ein  seltsamer  Zufall, 
daĂź  auch  der  andere  von  mir  ge- 
fundene Votivkopf  eine  ganz  aus- 
gesprochene Erkrankung  der  be- 
haarten Kopfhaut  aufweist  (siehe 
Fig.  196).  Dieser  Kopf,  dessen  xA.b- 
bildung  deutliche  Sprache  spricht, 
tand  sich  bei  der  Durchstechuns: 
des  Quirinal  und  befindet  sich  jetzt 
mit  den  anderen  dorther  stammenden  \"otivgegenständen  im  Römi- 
schen Antiquarium.  Wir  sehen  einen  schön  gelockten  Jüngling,  der, 
um  es  kurz  zu  sagen,  an  Alopecia  areata  leidet.  Die  Haare  sind  ihm 
in  typischer  Weise  ausgefallen,  die  Basis  der  Kopfhaut  ist  glatt  und 
läßt  die  von  mir  genau  daraufhin  untersuchte  technische  Herstellung 
des  Votivkopfes  eine  andere  Deutung  (AbstoĂźen  der  Locken)  kaum 
zu').  Ob  der  Kopt  des  blinden  GriechenjĂĽnglings,  der  sich  jetzt 
in  Orleans  befindet  und  auf  den  wir  bei  dem  Kapitel  der  Blindheit 
noch  zurückkommen,  ein  Anathem  darstellt,  ist  möglich,  aber  un- 
wahrscheinlich; auch  seine  Blindheit  wird  in  Abrede  »estellt. 


Alt/n,     Rotn,  Aitiiquarhcjii. 


Fig.  196.     Votivkopf  mit  Darstellung  von 
Haarausfall  ? 


')  Dr.  Hoffa  vom  Deutsch.  Arch.  Inst.  Rom  glaubt  doch  laut  brieflicher  Mitteilung  Ab- 
stoĂźen der  Locken  annehmen  zu  mĂĽssen. 


EXTREMITÄTEN. 


305 


Literarisch  vermerkt  als  Weihgeschenke  mit  krankhaften  Ciesichts- 
zügen  sind  einige  Köpfe,  welche  aus  Cypern  stammen  und  in  dem 
groĂźen  Tafelwerke  von  Cesnola')  abgebildet  sind.  Das  masken- 
artige Gesicht  ()])),  auch  von  Margarete  Bi  eb  er")  erwähnt,  zeigt 
nur  in  primitiver  Kunst  etwas  auffallend  starke  Entwicklung  der 
unteren  Gesichtshälfte.  Ähnliches  kann  man  von  den  beiden  Dar- 
stellungen Xr.  930  und  933  desselben  Werkes  sagen.  Soweit  es 
die  Kleinheit  der  Abbildung  zuläßt,  muß  die  Notiz  Augen  und  ver- 
schwollener  Mund  ohne  Nase  dahin  berichtigt  werden,  daĂź  hier  aut 
einer  Basis  die  Darstellungen  von  Augen  und  Mund  in  der  ĂĽblichen 
schematischen  Weise  erfolgte.  Der  Mund  ist  mit  allerdings  auffallend 
dicken  Lippen  ausgestattet,  die  auĂźerdem  noch  rot  angestrichen  sind. 


EXTREMITÄTEN. 

In  seiner  Arbeit  ĂĽber  die  altitalischen  Donarien  bildet  Stieda 
unter  Nr.  4  der  Tafel  II  eine  linke  Hand  ab,  welche  an  der  Volar- 
seite  eine  runde  Geschwulst  trägt.  Es  sei  dies  die  einzige  unter 
allen  Händen  gewesen,  die  eine  krankhafte  Veränderung  zeige. 
Nachträglich  korrigiert  derselbe  Autor  diese  Ansicht  und  hält  den 
Inhalt  der  Hand  eher  fĂĽr  eine  Lrucht.  Ich  sah  eine  ganze  Reihe 
solcher  Votivhände,  in  denen  Kuchen  oder  andere  Optergaben  aus 
derselben  Tonmasse  gebildet  waren ;  solche  Hände  tragen  oft  Zapfen, 
mit  denen  sie  in  die  bereits  vorhandenen  und  schon  zur  Aufstellung 
gelangten  Körper  hineingesteckt  wurden^).  Die  Kuchen  oder  I'rüchte 
waren  gelegentlich  bemalt.  Sonst  finden  wir  auch,  daß  die  Hände 
geschlossen  waren  mit  ausgesparter  Ă–ffnung,  um  irgendwelche 
Wedel  oder  Blumen  hineinzustecken*).  Regnault'')  bildet  eine 
Reihe  von  Krankheitsveränderungen  der  Hände  ab,  die  er  als  zum 
Teil  atrophische  bezeichnet.     Denselben   Zustand    zeigt   eine   Hand 

')  Collect,  of  Cypriot.  Antiquities  in  the  Metrop.  Museum  of  Art.     New  York. 
-)  M.  Bieber,  Attische  Weihgesclienke.     Athen.  i\Iitteilungen   1910. 
')  s.  Cesnola,  Cypriotische  AltertĂĽmer  Abb.  732. 
*)  S.  namentlich  die  Donarien  in  Modena. 

°)  L'Homme  Prehistorique,  Les  Exvoto  Pathologiques  romaines.  Paris  ig  10,  par  Dr.  Felix 
R  e  g  n  a  u  1 1. 

Holländer,  Plastik  und  Medizin.  20 


3o6 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


der  Berliner  Sammlung;  die  Innenhand  ist  hohl,  die  Finger  spitz 
zulaufend  (s.  Fig.  197).  Anstatt  aber  in  einem  solchen  Bildwerk 
die  Darstellung  einer  gelähmten  und  atrophischen  Hand  zu  sehen, 
finde  ich  es  viel  näher  liegend  und  vor  allem  ungesuchter,  hier  die 
dürftige    und    oberflächliche    Arbeit     eines    Stümpers    anzunehmen. 

DatĂĽr  spricht  schon  mit  Sicherheit  die 
miserable  Zeichnung  des  Handgelenks. 
Auch  ĂĽber  die  anderen  AttitĂĽden  und 
Handstellungen,  die  Regnault  als  cha- 
rakteristischen Ausdruck  und  Wiedergabe 
der  »Paralysis  agitans«  anerkennt,  läßt  sich 
nur  mit  der  größten  Vorsicht  urteilen.  Ich 
halte  diese  oftmals  auttälligen  Darstellun- 
gen nicht  iĂĽr  Krankheitsbilder,  sondern 
tür  häufig  wiederkehrende  svmbolische 
Handstellungen  (s.  oben).  DaĂź  jedoch 
tatsächlich  auch  unter  den  Handvotiven 
Krankheitsdarstellungen  vorkommen,  datĂĽr 
spricht  die  Tatsache  einer  Votivhand  mit 
sechs  Fingern,  welche  Dautresne  in 
einer  Doktorthese  beschreibt').  Die  von 
L.  S  am  hon")  erwähnte  Hand  mit  kno- 
tenförmigen Tumoren  und  eine  andere  mit  oftenbar  abgerissener 
Strecksehne  habe  ich  nicht  zu  sehen  bekommen.  Dagegen  be- 
fanden sich  unter  den  FundstĂĽcken  aus  dem  Athenischen  As- 
klepieion  Marmorfinger,  welche  in  rechtwinkliger  Stellung  und 
Knickung  geformt  waren;  diese  von  mir  als  Fingerkontraktur  an- 
gesprochene Darstellung  mag  ja  auch  entsprechend  ihrem  Fundorte 
als  Votivgegenstand  von  einem  Patienten  verwandt  worden  sein; 
es  muĂź  aber  festgestellt  werden,  daĂź  solche  abgeknickten  Finger 
mit  nach    unten    sich    etwas  verbreiternder  Basis   als  Reibsteine  fĂĽr 


Orig.- Ali/n.     Berihi,  Aites  Musi'iiiit. 

Fig.  197.     Votivhand. 


')  Epidaure:  These  doctorate.     Paris  igog. 

^)  Luigi   Sambon,    Donaria   of  Medical   Interest    in   the    Oppenheimer    Collection    of 
Etrurian  and  Roman  Antiquities  British  Medical  Journal,  1895. 


EXTREMITÄTEN. 


JU/ 


Orig.-Anft!.     Athen,  Askiepieiou. 

Fig.  198. 
Kontrakter  Finger. 


Farben  und  andere  Dinge  vieltach  vorkommen 
und  auch  von  mir  beobachtet  wurden.  Die 
etruskischen  Donariensammlunoen  enthahen 
auch  vielfach  EinzeIHnger;  diese  kommen  in 
verschiedener  Größe  und  Stellung  vor.  Ein  wohl 
unzweitelhatt  krankes  Glied  mit  stark  kolbig 
verdrĂĽckter  Handphalange  sah  ich  in  der  Samm- 
lung   der   \'illa    di    Papa    Giulio    (s.  Fig.   199). 

Unter  den  sicheren  Votivgegenständen  befindet 
sich  ein  Bein  mit  SpitzfuĂźstellung  aus  Terrakotta 
(Berlin.  Museum),  welches  von  unten  bis  oben  ge- 
wickelt ist  (s.  Fig.  200).  Oben  ist  ein  kleines  Loch 
daran,  um  dasselbe  aufzuhängen.  Leider  sind  die 
Zehen  abgebrochen.  So  unscheinbar  der  Gegenstand 
auch  ist,  so  redet  er  doch  eine  deutliche  Sprache. 
Leider  können  wir  das  nicht  sagen  von  zwei  Bruch- 
stücken, die  meines  Erachtens  zusammengehören  und 
sich  auch  an  derselben  Stelle  befinden  (Antiquarium 
Rom).  Den  Ellenbogen  mit  einem  StĂĽck  Ober-  und 
Unterarm  hat  schon  Sambon  (1.  c.)  abgebildet  und 
beschrieben.  Er  bezeichnet  die  rundlichen 
x\uflagerungen  als  diskusähnliche,  erwähnt  die  gesunde  und  -  ♦^ 
normal  aussehende  Zwischenhaut  und  glaubt  die  Diagnose  J^^ 
auf  ein  multiples  Exanthem,  mit  Wahrscheinlichkeit  Psoriasis 
stellen  zu  sollen.  Diese  Möglichkeit  wächst  durch  den  Fund 
eines  Knies,  welches  dieselben  rundlichen  Erhabenheiten  aul- 
weist. Obwohl  die  Bruchstellen  keinen  RĂĽckschluĂź  ge- 
statten auf  das  Aussehen  und  den  Zustand  des  Weihge- 
schenks vor  der  Zertrümmerung,  läßt  sich  doch  aus  dem 
gemeinschaftlichen  Fundort  vermuten,  daĂź  Knie  und  Arm 
vielleicht  einem  Körper  angehören,  der  eine  sehr  intensive  f,"i^Äu'Mus 
Hauterkrankung  zeigte.  Dem  Beschauer  der  /\bbildung  Fig.  200. 
wird  schon  von  selbst  die  Ähnlichkeit  auttallen  mit  dem  tes  Bein. 
Gesichtsausschlage     im     Neapler     Nationalmuseum.     Wir     Terrakotta. 


Orig-.  -  A  iijn .     Kam, 
Villa  di  Papa  Giulio. 

Fig.  199. 
Panaritium. 


3o8 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


müssen  uns  bescheiden  und  können  als  nur  teststehend  betrachten, 
daß  hier  eine  intensive  Hautveränderung,  welche  mit  Knotenbildung 
über  den  ganzen  Körper  verläutt,  zur  Darstellung  kommen  sollte. 
Weitere  SchlĂĽsse  haben  nur  einen  hypothetischen  Wert.  Hier  an 
dieser  Stelle  erĂĽbrigen  sich  diagnostische  Ăśberlegungen,  die  wir 
im  einzelnen  bei  den  altperuanischen  Terrakotten  anstellen  mĂĽssen; 
man  kann  allerlei  Gelehrsamkeit  verfechten,  aber  nichts  objektiv 
Sicheres  beweisen.  Spekulationen  aber  aut  diesem  Gebiet  fĂĽhren 
ins   Märchenland.     Wie   vorsichtig    man    sein    muß,    das    lehrt    die 


J 


,v 


Fin.  201.     Elleiiboaen  mit  Knoten  besetzt. 


Ori^.-Aii/n.     Rom,  Aittiquariiiin. 

Fig.  202.    Knie  mit  Tumoren  besetzt. 


Betrachtung  eines  Silen  aus  der  \\\\\  Albani  (s.  Fig.  203).  Die 
rauhe  Haut,  die  auch  sonst  namentlich  die  Bauch-  und  die  Streck- 
seite solcher  Waldmenschen  einnimmt,  hat  hier  den  ganzen  Körper 
überzogen.  Fände  man  einen  solchen  Ober-  und  Unterschenkel 
isoliert,  so  ist  die  pathologische  Diagnose  fertig. 


AUGEN. 

Obwohl  wir  in  einem  besonderen  Kapitel  die  Skulptur  der 
Blindheit  noch  ganz  ausführlich  abhandeln  müssen,  erwähne  ich 
die  Augen  aus  dem  Museum  von  Capua,  die  Regnault  abbildet, 
welche  sich  dadurch  vor  der  Unmasse  von  Finzelaugen  aus  Terra- 
kotta auszeichnen,  daĂź  nicht  nur  die  Lidspalte  und  die  Pupille  ge- 
bildet ist,  sondern  auch  eine  Anzahl  hochgezogener  Faltenbildungen 
der  Stirn.  Diesen  auffallenden  Befund  erwähnt  Regnault  be- 
sonders, ohne  ihn  zu  erklären.     Wir  werden   später  bei  der  Skulptur 


AUGEN.     OHREN. 


309 


der  Blindheit  auf  diese  Faltenbildung  zurĂĽckkommen.  AuĂźerdem 
aber  werden  von  demselben  Autor  zwei  Köpfe  erwähnt,  von  denen 
der   eine  einen  Strabismus  convergens,    der  andere    einen  extremen 


nila  Albani. 


Fiy 


205.     bĂĽen. 


Hochstand  der  Pupillen  und    eine   auffallende  Kleinheit    der   linken 
Lidspalte  erkennen  läßt. 

OHREN. 

Die  Struktur  des  Ohres  ist  so  verschieden  nuanciert  wie  die  der 
Nase;  nur  pflegen  wir  die  b'orm  derselben  weniger  genau  zu  be- 
achten wie  im  Leben  so  auch  in  der  Kunst.  Ist  aber  erst  einmal 
die  Aufmerksamkeit  auf  dieses  Gebilde  gelenkt,  so  flndet  man  bald 


:io 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


die  gröberen  und  feineren  Unterschiede  in  der  Größe  und  Form. 
So  gelang  uns  schon  in  der  Ohrform  des  jugendlichen  Asklepios 
im  Vatikan  eine  StĂĽtze  fĂĽr  die  Auffassung  zu  finden,  daĂź  hier  eine 
Porträtstudie  vorliegt.  Wir  besitzen  aber  auch  eine  Reihe  von  Dar- 
stellungen erkrankter  Ohren  aus  der  klassischen  Antike.  Wie  heute 
die    sportlichen  Sieger   sich    einer   großen  Popularität    erfreuen,    so 


Ori^.-Aii/it.     Athen,  Xat.-Miisfitiii. 

Fig.  204.     BronzebĂĽste  eines  olympischen  Siegers  im  Faustkampf. 

auch  und  dies  in  noch  erhöhtem  Maße  in  der  alten  Welt.  Die 
Sieger  in  den  t)lympischen  Spielen  wurden  in  Stein  und  Bronze 
verewigt.  Beim  Faustkampf  aber,  dem  beliebten  Vorbild  unseres 
modernen  Boxkampfes,  waren  Ohren  und  Nasen  besonders  in 
Gefahr.  Denn  man  verminderte  nicht  der  Fäuste  W'ucht  durch 
Polsterhandschuhe,  sondern  erhöhte  ihre  Durchschlagkraft  durch 
scharfe  dicke  Lederriemen.  Die  brutalen  Einwirkungen  des  Faust- 
kamptes,  namentlich  auch  auf  Augen,  Nase  und  Ohren,    zeigt  am 


OHREN.  .  I  j 


besten  die  berühmte  Bronzestatue  des  ausruhenden  Faustkämpfers 
in  dem  römischen  Thermenmuseum.  An  dieser  vorzüghch  er- 
haltenen Statue  sind  selbst  die  frischen  Verletzungen,  das  Springen 
der  Haut  und  die  Hämatome  zum  Ausdruck  «-ebracht. 


Orig-Au/,,.     /V  .    ■,,'•-     ...  .',    ,':toin.   Museum. 

Fig.  205.     Antikes  Original  eines  ausruhenden  laustkämpfers  (Lebensgröße). 

Wir  bringen  hier  das  weniger  bekannte,  ganz  hervorragende 
Porträt  eines  olympischen  Siegers  aus  Athen  deshalb,  weil  die 
Othämatome  so  vorzüglich  an  dem  Kopf  betont  sind.  Die  Bronze 
eignet    sich    zur  Darstellung    dieser  Veränderungen   besser   wie   der 


312  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ^ 

Marmor.  l'rt)tzdeni  sind  dieselben  Veränderungen  auf  der  schönen 
Marmorfigur  des  ausruhenden  Kämpfers  in  Konstantinopel  so  deut- 
lich, daß  sie  zur  Erklärung  der  ganzen  prachtvollen  Schöpfung  der 
besten  griechischen  KunstblĂĽte  die  Unterlage  bilden. 


GENITALIEN. 

Ein  paar  \\\)rte  sollen  wenigstens  gesagt  werden  ĂĽber  krank- 
hafte Veränderungen  an  den  Genitalien').  Zunächst  die  \'or- 
bemerkung,  daß  eine  Unzahl  männlicher  Genitalien  als  offenbare 
Votivgegenstände  gespendet  wurde.  Nachweisbar  wurden  sie  dabei 
nicht  nur  einer  Gottheit  gestiftet,  sondern  man  fand  sie  auĂźer  in 
den  etruskischen  Nekropolen  auch  in  den  verschiedensten  Tempel- 
bezirken. So  fand  ich  sie  in  dem  Tempel  der  Fortuna  im  alten 
Präneste.  Es  ist  nun  ja  schon  vielfach  darauf  hingewiesen  worden, 
daĂź  die  antiken  Statuen,  auch  der  besten  griechischen  Zeit,  die  ab- 
norme Bildung  des  I-'räputiums  zeigen,  die  wir  als  Phimose  be- 
zeichnen. Eeider  sind  wir  ja  in  vielen  xMuseen  durch  die  unan- 
ständige Anbringung  grotesk  wirkender  Feigenblätter  an  der  Be- 
obachtung dieses  Körperteiles  verhindert.  Es  kann  aber  als  ab- 
solut ausgeschlossen  gelten,  daĂź  durch  diese  Bildung  ein  Krank- 
heitszustand markiert  werden  sollte,  oder  daß  die  tatsächlichen 
Körperzustände  in  jener  Zeit  so  beschaffen  waren;  das  griechische 
Schönheitsideal  sollte  vielmehr  nur  zum  Ausdruck  gebracht  werden. 
Die  Reihe  der  Darstellungen  abnormer  \'erhältnisse  dieser  Sphäre, 
und  nicht  nur  bei  Objekten  hellenistischer  Kleinkunst,  ist  eine  sehr 
groĂźe.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  dai}>  das  eine  oder  andere  Mal 
der  KrankheitsprozeĂź  eine  ernsthafte  Schilderung  erfahren  sollte;  in 
der  ĂĽberwiegenden  Mehrzahl  aber  handelt  es  sich  um  groteske  Bil- 
dungen mit  ausschlieĂźlich  erotischer  'Fendenz. 

Obwohl  sich  dieser  Gegenstand  kaum  fĂĽr  eine  Besprechung  in 
einem  Buche  mit  breiterer  Basis  eignet,    so    mĂĽssen  wir   doch  mit 


')  F.  Regnault,  Les  Maladies  des  Organs  genito-urinaires  dans  Ticonographie  antique. 


Annales  des  Mal.  des  Org.  genit.  urin.  XXVL 


BUBONEN. 


TT"» 


einigen  Worten  noch  aut  die  krankhafte  Verbildung  der  männhchen 
GenitaHen  bei  einer  Gruppe  statuarischer  Werke  hinweisen.  Als 
Beispiel  hierfĂĽr  eignet  sich  besonders  der  berĂĽhmte  Pugillatore  im 
Thermenmuseum.  Die  gespreizte  Beinhaltung  ermöglicht,  wohl 
nicht  ganz  ohne  Absicht  des  KĂĽnstlers,  eine  genaue  Inspektion  der 
Gegend.  Wir  konstatieren  hier  eine  besonders  naturalistisch  aus- 
geführte \'erunstaltung  desMembrum;  dasselbe  ist  spiralförmig  nach 
oben  geschlagen  und  zeigt  ein  deutliches  Ödem  des  Präputiums. 
\'on  irgendeiner  Inhbulation  oder  einer  Ligatur,  wie  sie  z.  B.  auf 
der    berĂĽhmten  Ficoronischen   Cyste  vorkommt,    ist    nichts   zu  be- 


Orig^.-Au/n.      J-'lori-iiz.   Eirusk.    Musennt. 

Fig.  207. 
Sog.  Bubonen  (von  oben  gesehen). 


merken.  Einen  ganz  ähnlichen  Zustand,  der  mit  Sicherheit  etwas 
Unedles,  Häßliches  bedeuten  sollte,  zeigen  viele  Darstellungen  von 
Faustkämpfern  und  Flötenbläsern.  Über  das  Wesen  und  die  Er- 
klärungen der  verschiedenen  Formen  der  Inlibulation  bei  Griechen 
und  Römern  sind  die  Ansichten  nicht  einheitlich'),  ihre  Deutung 
nicht  befriedigend.  Jedenfalls  beruhen  alle  diese  Veränderungen 
auf  bleichen  Voraussetzungen. 

Es  sind   dann  von  allen  Autoren ,    die   ĂĽber    diesen  Gegenstand 
gearbeitet  haben,  die  Körper  erwähnt  und  abgebildet  worden,  welche 


')  Ludwig  Stieda,  Anatomiscli-Archäolog.  Studien:  Die  Inlibulation  bei  Grieclien  und 
Römern.     Wiesbaden  1902. 


314 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEX. 


als  sogenannte  Bubonen  angesprochen  wurden.  Diese  kegel-  oder 
pyramidenförmigen  Körper,  die  an  ihrer  Basis  einen  Kranz  von  Er- 
habenheiten oder  Höckern  tragen,  sind  seit  Stieda  als  krankhafte 
Veränderungen  der  Genitalsphäre  rubriziert  (s.  Fig.  206  u.  207). 
Die  Bedienten  der  römischen  Museen  nannten  sie  Bubone.  Dieser 
erste  Autor  meint  aber,  daß  es  sich  eher  um  eine  krankhaft  veränderte 
Eichel  gehandelt  haben  möge;  spätere  x\utoren,  wie  Alexander, 
halten  sie  tatsächlich  tür  Bubonen,  resp.  Drüsenschwellung  vor  dem 
Aufbruch  der  Eiterung.  Kronteld  geht  sogar  so  weit,  an  diesen 
Körpern  Anhalt  zu  suchen  tür  eine  Motivierung  der  antiken  Sv- 
philis.  Ich  habe  diesen  Körpern  eine  besondere  Aufmerksamkeit  zu- 
gewandt und  gefunden,  daĂź  ihre  Darstellungsart  ungemein  variiert. 


Orig  -.-111/11.     Rotit^   Aniiqtiariutn. 

Fig.  208.     Sog.  1  Bubonen':,  stilisiert  in  verschiedener  Form. 

Es  wechselt  die  Höhe  der  Pyramide  von  einer  flachen  Erhebung 
bis  zu  zuckerhutartiger  Form,  fast  stets  aber  zeigt  die  Oberfläche 
keine  gleichmäßige  Rundung,  sondern  meist  drei  bis  vier  flache, 
nach  der  Spitze  zu  laufende  Einkerbungen.  In  der  Sammlung  der 
Villa  des  Papstes  Julius  finden  sich  auch  solche  ganz  platte  Körper, 
also  gewissermaĂźen  nur  der  Kranz  von  Erhabenheiten  ohne  jeden 
pyramidenförmigen  Autbau;  teilweise  sind  diese  angeblichen  Infil- 
trate, um  mich  ganz  allgemein  auszudrücken,  rot  gefärbt.  Zunächst 
tchlt  jegliche  Sicherheit  ĂĽber  die  Organbestimmung  ĂĽberhaupt, 
bloĂź  der  Charakter  als  Weihgabe  scheint  nach  dem  gemeinschaft- 
lichen Fundorte  auĂźer  Frage.  Die  Meinung  der  Kustoden  ist  wert- 
los,  sie  waren  nach  meiner  Beobachtung  ĂĽber  analoge  andere 
Körpergaben  gänzlich  ununterrichtet.  Am  ehesten  glaube  ich  noch, 
daĂź   es    sich    um    die  Darstellung   von    Ăśpferkuchen    gehandelt 


TRUGBILDER. 


313 


.^•' 


haben    mag,    dafĂĽr   sprechen    die  getlirbten    Phitten   und   die    wech- 
selnde Form  der  Pyramiden.    Bei  anderen  wird  man  unwillkĂĽrHch 
an  die  Darstellung  von  FrĂĽchten  denken.     Einen  Anhalt  ĂĽber   den 
Sinn    dieser   Pyramiden    bietet  eine  Kollektion  solcher  Körper,    die 
sich  bei    der  Durchstechung  des  Quirinals  gefunden    hat.     Es    läßt 
sich  hier  eine  Entwicklung  der  Form  von  der  beschriebenen  Pyra- 
miden- und  kegelförmig  ansteigenden  Spitze  und  der  unregelmäßig 
höckertörmigen  Basis  zu  einem  Gebilde 
von    gleicher    Größe    und    Form,    aber 
von  rein  architektonischem,   regelmäßi- 
gem Bau,  feststellen  (s.  Fig.  208).     Die 
Knospe   wächst   aus   einem    Kranz   von 
Blättern    heraus    wie    bei    einer    Frucht. 
Es  liegt  um  so  näher  an  eine  stilisierte 
Frucht  oder  etwas  Ähnliches  zu  denken, 
weil  solche  glatt  gehaltene  Pinienzapfen 
mit  verzierter  Basis  in  größerer  Form  als 
häufige  Autsätze  auf  Gräbern  gefunden 
wurden.     Ob    es    sich    also    hier    um 
O  p  f  e  r  k  u  c  h  e  n    oder    die    Darstellung 
von  O  p  f e  r  fr  ü  c  h  t  e  n  oder  etwas  Ähn- 
liches gehandelt  hat,  oder  ob  vielleicht 
ein    menschliches    oder    tierisches    Ge- 
bilde durch  diese  Weihgabe  versinnbild- 
licht werden   sollte,    das  läßt  sich  zurzeit  nicht  feststellen;    es  aber 
als  Bubonen  zu  charakterisieren,   dafĂĽr  tehlt  meines  Erachtens  bis- 
her jeder  Anhalt. 

Der  Herr  Kollege  M  ey  er-Steineg-Jena  hat  mir  aus  seiner 
schönen  Sammlung  den  Marmortorso  einer  Frau  zur  Veröffentlichung 
gegeben,  der  vielleicht  an  diese  Stelle  gehört.  Es  hat  in  der  Tat 
die  Auffassung  von  geschwollenen  LeistendrĂĽsen  mit  geschwĂĽrigen 
Prozessen  in  der  Nähe  der  Vulva  zunächst  etwas  Bestechendes  an 
sich;  ich  persönlich  glaube  aber,  daß  hier  ein  Trugbild  dadurch 
zustande   kam,    daĂź   ein  Gewandzipfel,   welcher   von  der  HĂĽfte   zur 


Orig.-Phot.vofi  Meyer- 
Steifieg,  Jena. 

Fig.  209.     Exvoto? 


5  1 6  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ® 

Innenseite  des  Oberschenkels  ging,  an  der  Marmorfigur  abriĂź;  durch 
diesen  Zipfel  war  eine  detaillierte  Behandlung  des  Schoßes  unmög- 
lich (s.  Fig.  209). 


PORTRÄTSTATUEN. 

Gelegentlich  finden  wir  ein  plastisches  Krankheitsbild  im  Porträt. 
Doch  dies  zunächst  grenzenlos  erscheinende  Gebiet  engt  sich  bei 
näherer  Betrachtung  erheblich  ein.  Das  liegt  teils  im  Wesen  der 
Plastik,  teils  in  der  Natur  der  menschlichen  Psyche  begrĂĽndet. 
Der  veredelnde,  verschönende  Trieb  läßt  Runzeln  glätten  und 
Häßlichkeiten  mildern.  Der  Porträtist  wird  meistens  seinen  Kunden 
eher  befriedigen,  wenn  er  die  Züge  verjüngt;  der  Schieläugige  stellt 
sich  dem  Photographen  im  Profil.  Wie  weit  der  Ausgleich  von 
Defekten  geht  und  der  nivellierende  \\'unsch ,  datĂĽr  bietet  ein 
klassisches  Beispiel  das  Grabdenkmal  des  Götz  von  Berlichingen 
im  Kreuzgang  des  Klosters  Schöntal.  Von  dem,  was  diesem 
Ritter  den  berĂĽhmten  Beinamen  gab,  sieht  man  nichts;  im  Gegen- 
teil: der  Geharnischte  hat  beide  nackten  Hände  betend  gefaltet.  Statt 
dessen  kniet  der  Ritter  als  Hinweis  auf  seine  sterblichen  Tage  aut 
einen  großen  eisernen  rechten  Handschuh.  Vielleicht  verkörpert 
diese  Darstellungsweise  den  Gedanken  der  Auterstehung. 

Nicht  umsonst  gilt  Rafiaels  Porträt  des  schielenden  Kardinals 
Inghirami  als  auffällig  und  einzig.  Doch  gab  es  Zeiten,  wo  die 
Moderichtung  der  Kunst  den  Naturalismus  aut  den  Thron  ge- 
hoben hatte.  In  dieser  Zeit  kam  auch  die  Häßlichkeit,  das  Ab- 
norme zum  Wort.  Da  wurden  Körper  geschildert,  die  dem  Arzt 
gelegentlich  ein  Interesse  bieten.  Auch  die  Tradition  schut  Krank- 
heitstypen, und  der  Bildner  nahm  dann  gelegentlich  wohl  seine 
Zuflucht  zu  wirklichen  Modellen.  In  der  klassischen  Skulptur  sind 
Beispiele  dieser  Art  besonders  Homer  und  Asop.  Ob  beide  je 
gelebt,  darĂĽber  brauchen  wir  an  dieser  Stelle  nicht  die  Meinungen 


o 


wiederzugeben,    es   genĂĽgt   der  Hinweis,    daĂź  beider  bildliche  Dar- 
stellungen offenbar  freie  Erfindungen  sind,  wie  dies  fĂĽr  Homer  schon 


Äsop.  3 1 7 


Plinius  betont.  Ăśber  die  vielen  BĂĽsten  des  groĂźen  griechischen 
Sängers  werden  wir  bei  der  Slailptur  der  BHndheit  sprechen. 
Auch  die  berĂĽhmte  Statue  des  Fabeldichters  in  der  Villa  Albani 
ist  vom  ärztlichen  Standpunkte  aus  vieltach  untersucht  und  be- 
sprochen worden.  Ist  doch  dieses  Kunstwerk  auch  prädestiniert, 
medizin-artistische  Studien  zu  veranlassen.  Seitdem  Charcot  und 
Dechambre')  mit  ihrer  eingehenden  Kritik  das  medizinische 
Studium  solcher  Gegenstände  der  Kunst  inaugurierten  und  test- 
stellten, daß  es  sich  hei  der  Wiedergabe  dieser  kranken  Körperlich- 
keit um  ein  offenbares  Porträt  eines  Menschen  mit  Malum  Pottii 
handelt,  ist  der  Gegenstand  namentlich  in  Frankreich  weiter  verfolgt, 
und  ich  erinnere  nur  an  die  zusammenfassende  bedeutende  Arbeit 
von  Henrv  Meige")  ĂĽber  diesen  Gegenstand.  Paul  Richer  hat 
nicht  ohne  Grund  in  seinem  Werke  »L'Art  et  la  Medecinecc  diese 
bis  in  das  Einzelne  gehende  wissenschaftliche  Analyse  des  dar- 
gestellten Krankheitsfalles  wörtlich  wiedergegeben.  Wenn  ich  meine, 
daĂź  diese  Beschreibung  einer  meisterhaften  klinischen  Vorlesung 
gleichkommt,  so  ist  das  zu  wenig  gesagt,  denn  die  Augen  des 
KĂĽnstlerarztes  erfassen  erst  ganz  Architektur  und  Detail  dieser 
Büste.  Die  wechselvolle  Ausbiegung  der  Wirbelsäule  in  den 
verschiedenen  Segmenten,  die  Kopfhaltung,  vor  allem  aber  die 
Bilduno;  des  Brustkorbes  sind  von  brutaler  Wirklichkeit.  Ich  habe 
versucht,  die  Zerstörung,  welche  diese  meisterhafte  Naturabschrift 
durch  die  Aufkleisterung  und  A'erunstaltung  der  Schamgegend  er- 
litten hat,  am  GipsabguĂź  wieder  gut  zu  machen,  aber  die  Photo- 
graphie des  Gipses  versagt.  Obwohl,  wie  Charcot  schon  be- 
merkt, die  Stelle  der  lokalen  Wirbelsäulenkaries  nicht  ersichtlich 
ist,  hat  offenbar  doch  eine  isolierte  Knocheneinschmelzung  die 
ganze  Deformierung  veranlaĂźt.  Durch  ein  Spiel  des  Zufalls  kam  ein 
2;anz  analoĂź-er  Fall,  der  fast  in  allen  Punkten  mit  dem  vielleicht 
von  einem  Lvsipp  geschilderten  Krankheitsbilde  ĂĽbereinstimmt,  mir 


')  Charcot  und  Dechambre  ,  Gazette  hebdomadaire  de  medecine  et  de  Chirurgie,  1857. 
-)  Henry   Meige,   Le  Mal  de  Pott  dans  l'Art  antique.    Travaux  de  neurologie  chirur- 
gicale,  1897,  t.  II,  p.  98  et  suiv.  und  in  der  »Nouvelle  Iconographie«. 


3  1 8  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


gerade  in  diesen  Tagen  unter  die  Augen;  auch  dieser  Mann  zeigte 
auftällig  genug   den  Kontrast   zwischen  Kopfbildung   und  Körper- 


Pkot.  Alinari.     RĂĽin,    l'iila  Albani, 

Fig.  210.     .4sop.     Antike  Marmorskulptur. 


torm,  der  bei  dem  antiken  Meisterwerke,  an  dem  ĂĽbrigens  nur  die 
rechte  Schulter  ergänzt  ist,  so  sehr  das  Ganze  beherrscht.  Sicher- 
lich gingen  viele  an  dem  Porträt  vorbei,  ohne  darüber  zur  Klarheit 


®  Äsop. 3J9 

gekommen  zu  sein,  daĂź  hier  das  Bildnis  eines  entsetzlich  verkrĂĽp- 
pelten Menschen  meisterhaft  geschildert  wurde.     Angezogen  durch 


Phot.  AUiiari.     Ront,    l'iUa  Albttni . 

Fig.  211.     Äsop.     Antike  Marmorskulptur  (von  der  Seite). 

das  Geistvolle   des  klugen  Kopfes,   haftet   der  Blick  des  Beschauers 
an  den    listigen  Aueen    des  Erzählers,    und    er   hält   das  Ganze   für 


320 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


eine  Porträtbüste.  Der  Charakter  der  griechischen  Fabel  äußert 
sich  didaktisch.  »Das  Lehrhatte  erreicht  der  Fabeldichter  durch  eine 
gewisse  schlaue  Verschlagenheit.  Das  ist  auch  die  Wafi'e  dieses 
schwachen  KrĂĽppels,  aus  dessen  Augen  kluge  Ăśberlegenheit  kraft- 


Xt-apel. 

Fig.  212.     .\ntike  BronzebĂĽste  des  Scipio  .\fricanus. 

voll  uns  entgegenleuchtet. (c    Hinter  diesem  Meisterwerk  verschwinden 
die  anderen  auf  Äsop  bezogene  Bildnisse. 

Aus  der  Anzahl  von  Porträtköpfen,  welche  Abnormitäten  zeigen, 
wollen  wir  nur  das  eine  oder  andere  Beispiel  erwähnen.  Beson- 
ders   sinnfälliges    Material    liefern    die    langen   Reihen    der   Porträt- 


SCIPIO  AFRICANUS. 


!2I 


köpfe    aus    der    späteren    griechischen    und    namenthch    römischen 
Epoche  nicht. 


r'u't,  AĂĽiuir 


-\  t-apti.   Xat.-Mttseutn. 


Fig.  213.     Porträtbüste  aus  Bronze  des  Lucius  Cäcilius  Jucundus  (Fibroma  pendul.). 

Es  ist  schon  eine  für  die  römische  Porträtkunst  bemerkens- 
werte und  auch  auffälhge  Tatsache,  daß  z.  B.  die  angebliche  Biciste 
des  Scipio  Africanus  tiefe  Narben    auf  der  linken  oberen  Schläfen- 

Holländer,    Plastik  und  Medizin.  21 


322 


KR  AN  KHEITSDARSTELLUNGEX, 


partie  zeigt,  die  er  im  Kampfe  rühmlich  erworben.  Diese  Säbel- 
schmisse, welche  auf  allen  Wiederholungen  vorkommen,  am  deut- 
lichsten auf  einer  marmornen  Replik  in  der  MĂĽnchner  Glypto- 
thek, bieten  sogar  mit  ein  Hilfsmittel  die  angebliche  Identität 
des  Besiegers  Hannibals  festzustellen.  (Siehe  auch  die  Marmor- 
bĂĽste im  Kapitolinischen  Museum  zu  Rom.)  Unsere  Abbildung 
(s.  Fig.  212)    zeigt    eine   antike  Bronze   aus  dem  Nationalmuseum 


Floreuz. 

Fig.  214.     Basrelief  des  Herzogs  von  Urbino  Friedrich  von  Montefeltro. 

15,  Jahrhundert. 

in  Neapel,  welche  aus  Herkulaneum  stammt.  Dasselbe  Museum 
bietet  auĂźerdem  noch  eine  uns  interessierende  Herme  mit  einem 
ganz  vorzüglich  realistischen  Porträt.  Nicht  nur  der  nußgroße 
aus  der  linken  Wangengegend  hervorspringende  glatte  Tumor 
stempelt  sie  zu  einem  sehr  naturalistisch  gehaltenen  Kunstwerk. 
Die  Porträtähnlichkeit  ergibt  sich  beinahe  aus  jeder  Falte,  vor 
allem  auch  aus  der  auffallend  häßlichen  Bildung  der  Ohren.  Wir 
sehen    den  jovialen  Herren    lebendig   vor   uns.     »Der    freigelassene 


PORTRÄTSTATUEN. 


323 


Felix  setzte  diese  Statue  dem  Genius  des  Lucius  Cäcilius  Jucundus« 
(s.  Fig.  213). 

Erwähnenswert  ist,  daß  die  antike  Plinthe  unten  einen  bronzenen 


.!>:         w-;/;,    Cojist'r-'atoren/'tilast, 

Fig.  215.     BronzebĂĽste  des  Michelangelo  Buonarroti. 

Phallus  zeigt.  Gesicht,  Augen  und  Mund  namentlich  drĂĽcken  eine 
gewisse  Selbstzufriedenheit  verknĂĽpft  mit  Schalkheit  aus.  Man 
kennt  die  Persönlichkeit  dieses  Mannes  aus  seinen  Rechnungs- 
bĂĽchern, die  man   in  seinem   Hause  in   Pompeji  gefunden  hat.    Die 


324 


KRAXKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Geldgeschäfte,  die  er  gemacht  hat,  scheinen  nicht  so  ganz  sauber 
gewesen  zu  sein;  er  gab  Darlehen  zu  einem  ZinstuĂź  von  2  Prozent 
pro  Monat  mit  ungemein  schneller  \'erfallzeit.  Während  die  Porträt- 
bildnisse der  guten  Zeit  solche  Auswüchse  und  Unregelmäßigkeiten 
in    der  Gesichtsbildung  ignorieren,    werden    sie    von    den    späteren 

Porträtisten  eitrig  kopiert;  sie  passen 
in  die  veristisch  ausgefĂĽhrten  Gesichter 
eines  Cicero,  eines  Seneca,  während 
sie  z.  B.  in  dem  glatten  Renaissance- 
kopf des  Herzogs  von  Urbino  wirken 
wie  die  Nägel  an  seinem  Harnische 
(s.  Fig.  214). 

Am  glanzvollen  Mediceerhote  er- 
weckte der  junge  Michelangelo  den 
Neid  seiner  MitschĂĽler,  einer  von  ihnen, 
Pietro  Torrigiano,  versetzte  ihm  im 
Garten  von  S.  Marco  einen  so  hef- 
tigen Schlag  ins  Gesicht,  daĂź  das 
Nasenbein  des  jungen  Meisters  zer- 
trĂĽmmert und  er  dauernd  entstellt 
blieb.  Die  breite  Nase  ohne  Profil 
kam  auf  fast  allen  Bildnissen  realistisch 
zum  Ausdruck,  die  in  der  Engelsburg 
gelegentlich    der    Jubelteier    vereinigt 


Orig.-Aufji.     Berliner   l'olkerkuTtdemiiseutn 

Fig.  216.     Porträt  eines  Häuptlings 
aus  Kamerun.     Ascites. 


waren.      Wir    bringen    die    bekannte 


Bronze  aus  dem  Conservatorenpalast 
in  Rom  (Fig.  213).  Wir  begnĂĽgen  uns  mit  dem  kurzen  Einblick 
in  diese  Seitengasse  und  wollen  nur  noch  als  vortretl^liches  Beispiel 
solcher  realistischen  Porträtierkunst  aut  ein  naives  Werk  der  Neger- 
kunst') hinweisen.  Die  Figur  eines  Häuptlings  aus  Bangulap  (Ka- 
merun) (Fig.  216)  zeigt  die  unzweifelhaften  Symptome  des  Ascites. 
Im  Gegensatz  zu  großer  Abmagerung  der  Extremitäten  ist  der  Bauch 
tonnenartig  geschwollen,  selbst  der  typische  Nabelbruch  ist  markiert; 


')  Berliner  Museum  für  Völkerkunde. 


BĂ–SER  BLICK. 


323 


das  Gesicht  verrät  eine  gewisse  Ängstlichkeit;  der  Mund  ist  weit 
geöffnet  als  Symptom  des  Lutthungers,  und  in  der  Rechten  hält 
der  Dargestellte  ein  Trinkhorn  als  Ausdruck  des  unstillbaren  Durstes, 


der  wohl  als  Krankheitsursache  gilt. 


BĂ–SER  BLICK  UND  BUCKEL. 

Es  hieße  an  einer  Unzahl  von  Zeichen  und  Gegenständen  des 
Altertums  ohne  Erkenntnis  vorbeigehen,  und  das  Leben  in  seinen 
täglichen  kleinsten  Ausschnitten  verkennen,  wenn  man  dem  ver- 
schiedenartigen Ausdruck  abergläubi- 
scher Vorstellungen  tremd  gegenĂĽber- 
stände. Noch  in  den  heutigen  Ländern 
um  das  Mittelmeer  herum  ist  der  Ge- 
danke der  Abwehrmittel  gegen  allerlei 
Unheil  und  MiĂźgeschick  so  lebendig 
wie  in  der  späteren  Antike.  Hals-  ^l|^ 
bänder  und  Amulette  jeglicher  Gat- 
tung schĂĽtzten  damals  wie  heute,  be- 
sonders wenn  sie  den  Namen  oder 
das  Emblem  eines  Gottes  (Tvche, 
Sarapis,  Harpokrates)  trugen.  Das 
Studium  solcher  Abwehrmittel,  welche 
aus  dem  Erdreich,  Pflanzen-  und 
Tierreich  stammen,  ist  eine  Wissen- 
schaft für  sich.  Wir  erwähnten  bereits 
die  groĂźen  Augen  aus  ALu'mor,  welche 
das  Schiff  des  Odvsseus  sicherten  und  seitdem  viele  andere.  Im 
Athenischen  Nationalmuseum  werden  solche  Marmoraugen  auf- 
bewahrt, die  aus  dem  Piräus  als  nicht  verwesbare  Reste  von 
Schiffen  gefunden  wurden.  \'or  und  nach  Admiral  Nelson  trugen 
Kriegsschiffe  Hufeisen  am  AList.  Besonderen  Schutz  gaben 
Steine  und  namentlich  Edelsteine,  Krötenstein,  Achat,  Katzen- 
auge,   Malachit,    Smaragd,    TĂĽrkis   usw.      Der  Augenarzt    Selig- 


(2i^ 


Orig.-Aufn . 
Berlin,  Altes  Museum. 

Fig.  217.  Buckliger. 

Antike  Bronze. 


Orig.'Au/n. 
Bttlin,  Altes  Museum. 

Fig.  218.  Buckliger, 

Aotike  Bronze. 


326 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


man^)  erwähnt  eine  Unmenge  von  Pflanzen  und  Bäumen,  die 
bösen  Zauber  wehren:  Aloe,  Baldrian,  Eisenkraut,  Knoblauch, 
Kampler,  Waldrebe,  Rosmarin,  Meerzwiebel,  Nachtschatten,  Ein- 
beere, Eberesche  und  wie  sie  alle  heiĂźen.  Wir  sahen  schon,  daĂź 
auch  menschliche  und  tierische  normale  Körperteile,  vor  allem  aber 
das  Auge,  Hände  mit  und  ohne  bestimmte  Gesten  gegen  die  Jetta- 
tura  von  groĂźer  Wirksamkeit  sind.  Ein  Teil  solcher  Abbilder  wurde 
vielfach  mit  Körper-Exvotos  zu  Heilzwecken  verwechselt.  Als  eins 
der  bekanntesten  Abwehrmittel  dieser  Art  galt 
das  Gorgoneion,  welches  mit  Vorliebe  auf  Schil- 
dern und  Gefäßen  angebracht  wurde  oder  auch 
als  Stirnziegel  auf  Tempeln  und  Gebäuden.  Die 
Geste  der  herausgestreckten  Zunge,  offenbar  vom 
offenen  Maule  eines  wilden  Tieres  hergenommen, 
hat  heute  noch   drohende  Bedeutung. 

Unter  der  Unzahl  von  solchen  Abwehrbildern 
figurieren  nun  in  der  antiken  Gedankenwelt 
allerhand  menschliche  MiĂźgestalten,  Zwerge, 
Bucklige  und  ĂĽberhaupt  Krankheitsdarstellungen 
in  grotesker  Form,  vor  allem  auch  alles  das,  was 
heute  bei  den  Antikenhändlern  des  Orients  unter 
dem  Xamen  des  »Satvrs«  geht.  l:in  solches 
Apotropaion  wandelt  sich  aber  von  selbst  in  die 
Wirstellung  des  Portc-bonheurs.  Es  ist  mĂĽĂźig,  der  Herkunft  solcher 
Ideen  nachzugehen,  sie  kommen  und  gehen  und  wachsen  wie  die 
Blumen  auf  dem  Felde.  Wenn  auch  Erziehung  nach  dieser  Richtung 
hin  wieder  ihrerseits  apotropäischen  Einfluß  hat,  so  sollte  doch  die 
gebildete  Welt  die  Bedeutung  solcher  Vorstellungen  nicht  unter- 
schätzen; besonders  in  romanischen  Ländern  sind  diese  fetischisti- 
schen Ideen  unausrottbar.  Katastrophal  wirken  solche  Anschauungen 
in  der  Hand  von  Kurptuschern.  Daß  auch  heute  noch  körper- 
liche MiĂźgestalten  solche  Zauberkratt  ausĂĽben,  erfuhr  ich  jĂĽngst 
durch    eine   operationsscheue  Spanierin.     Sie    drängte    sich   auf  der 


Orig.-Au/n.      Berlin,  Altes  Mus 

Fig.  219.     Buckliger. 


Antike  Bronze. 


')  1.  c. 


APOTROPÄISCHE  MISSGESTALT. 


327 


Straße  an  einen  Buckligen,  berührte  ihn  im  Gedränge  und  bat  mich 
nun  um  schleunige  Vornahme  einer  Operation,  die  sie  bisher  ver- 
weigert hatte,  mit  der  Motivierung,  daß  ein  zutällig  gesehener 
Buckliger  verheiĂźungsvoll  sei,  seine  BerĂĽhrung  aber  glĂĽckbringend. 
Seligman    erwähnt,    daß  der  Dramatiker  Pierre  Wolft    aus  Aber- 


Ori^.-Aitrn. 

Fig.  220.     Buckliger  auf  einem  Tiere.     Hellenistische  Terrakotta.     Apotropaion. 

glauben  und  um  den  Erfolg  seiner  StĂĽcke  zu  garantieren,  in  jedem 
derselben  einen  Buckligen  vorkommen  lieĂźe.  Ăśber  analoge  Vor- 
stellungen in  der  antiken  und  späteren  Komödie  müssen  wir  noch 
besonders  abhandeln. 

Von  diesem  Standpunkte  aus  wird  man  die  Anhäufung  buckliger 
Figuren   in    der   hellenistischen  Kleinkunst   betrachten  mĂĽssen.     Es 


328 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


waren  Nippes  und  glĂĽckbringende  gern  gesehene  und  vielleicht  auch 
gern  verschenkte  Kleinigkeiten,  wie  heute  die  MeiĂźener  Engel  aus 
Porzellan.  Schon  den  ersten  Bearbeitern  dieser  kleinen  statuarischen 
Werke  war   die   Häufigkeit   derselben   autgetallen.     Sie   haben  vom 


Orig  -An/n. 

Fig.  221.     Buckliger  auf  einem  Tiere.     Hellenistische  Terrakotta. 


pathologischen  Standpunkt  aus  alle  diese  \'er\vachsenen  studiert; 
besonders  intensiv  und  liebevoll  hat  sich  mit  ihnen  Henry  Meige 
abgegeben '). 

Die   Wiener   Sammlung;    sowie    auch    der   Louvre   weisen   eine 


')  Henry  Meige,  Les  Xains  et  les  Bossus  dans  l'Art.  Xouv.  Icon.  de  la  Salp.  1S96. 
Charcot  u.  Richer,  Les  Difformes  et  les  Malades  dans  l'Art.  Paris,  Lecrosnier  1889. 
E.  Garnier,  Nains  et  Geants.     Bibl.  des  Merveilles  1S84,  p.  57. 


APOTROPÄISCHE  BUCKEL. 


329 


ganze  Kollektion  solcher  kleinen  antiken  Bronzen  von  Buckligen 
und  \'erwachsenen  aut;  Richer  hat  die  aus  der  Pariser  Sammlung 
in  seinem  Werke  abgebildet;  es  berechtigen  die  Kampfstellungen, 
in  denen  sich  ein  Teil  solcher  Buckligen  befindet,  auch  zur  Be- 
zeichnung Pvgmäen.  Auch  die  Berliner  Sammlung  besitzt  einige 
interessante  Dokumente  dieser  Abart  darstellender  Kunst.  So 
zunächst  einen  knickbeinigen 
Verwachsenen  mit  dĂĽnnen 
Beinchen  und  einem  kahlen 
Schädel,  der  gleichfalls  difform 
ist.  Das  unzufriedene  Ge- 
sicht ist  teilweise  auch  auf 
das  Konto  der  Lädierungen 
zu  setzen.  Mit  der  rechten 
Hand  bearbeitet  sich  der  arme 
Schelm  mit  einer  Strigilis  (siehe 
Fig.  218). 

Bei  einem  Pendant  sind 
die  Arme  verloren  gegangen 
(s.  Fig.  217).  Medizinisch 
interessanter  ist  eine  kleine 
Bronze  derselben  \^itrine  (siehe 
Fig.  219).  Da  linden  wir  einen 
bizarreiT  Körper,  der  erstens 
eine  \'erbiegung  der  Wirbel- 
säule, außerdem  aber  noch  den 
Verlust  des  rechten  Beines  und  Armes  zu  beklagen  hat.  Der  Bein- 
stumpf erscheint  auf  dem  Bilde  oberhalb  des  Oberschenkels.  Im 
Gegensatz  zu  dem  auf  die  Brust  gelegten  kräftigen  linken  x^rm  ist 
der  rechte  atrophisch  und  wie  kontrakt.  Auf  dem  Bilde  unsichtbar 
ist  noch  eine  Betteltasche,  die  der  Kleine  trägt.  Ein  famoses  Bei- 
spiel dieser  Art  fand  ich  bei  Smyrna;  aut  einem  kleinen  Pterdchen 
sitzend,  reitet  eine  groteske  Figur.  Der  Kopt  zeigt  difTorme  Verhält- 
nisse, außerdem  aber  springt  ein  mächtiger  Buckel  vor.     Es  scheint. 


Orig.'Aufn.     Berlin,  Museum  für   Völkerkunde. 

Fig.  222.    Buckliger.    Altmexikanische  Steinplastik. 


330 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


/-Ol 


als  wenn  dieser  eine  Lähmung  der  unteren  Extremitäten  herbei- 
oeführt  habe  (s.  Fig.  220  u.  221).  Jedenfalls  machen  im  Verhältnis 
zum  übrigen  Körper  die  kleinen  Beinchen  diesen  Eindruck.  Eine 
ähnliche  Terrakotta  besitzt  das  Berliner  alte  Museum.  Wir  werden 
noch  Gelegenheit  haben,  von  der  apotropäischen  Kratt  der  Genitals- 
sphäre  und  ihrer  pathologischen  Veränderung  zu  sprechen.  Der  An- 
blick dieses  buckligen  Reiters  weist  schon  darauf  hin.  Diese  Figur 
erwähne  ich  schon  deshalb,  weil  diese  kleinen  Grotesken  sehr  selten 

intakt  gefunden  werden,  während 
es  groĂźe  Sammlungen  von  iso- 
lierten Köpfen  gibt. 

Von  einem  gewissen  Inter- 
esse muĂź  die  altmexikanische 
Darstellung  einer  Wirbelsäule- 
erkrankung bei  einem  Volke  sein, 
ĂĽber  dessen  Krankengeschichte 
uns  wenig  bekannt  ist.  Im  hie- 
sigen Museum  für  \'ölkerkunde 
befindet  sich  eine  uralte  Stein- 
plastik, welche  oftenbar  einen 
Buckligen,  vielleicht  mit  Läh- 
mungserscheinungen an  den FĂĽĂźen 
darstellt.  Dafür,  daß  der  kleine  Mann  an  den  Beinen  gelähmt  ist, 
spricht  die  enorme  Entwicklung  der  oberen  Extremitäten  und  die 
Haltung  der  Beine.  Die  Stellung  des  Kopfes,  der  sich  mĂĽhevoll 
aus  dem  Thorax  heraushebt,  scheint  trefflich  nach  dem  Modell 
gearbeitet  zu  sein  (s.  Fig.  222).  Bucklige  kommen  ĂĽbrigens  in 
mehreren  altmexikanischen  Kodizes  vor.  Dem  freundlichen  Nach- 
weis von  W.  V.  d.  Steinen  verdanke  ich  die  Originalzeichnung 
eines  solchen  aus  dem  Mixtekischen  Kodex  Colombino  (s.  Fig.  223). 
Ausdrücklich  wird  auch  für  die  primitive  ägyptische  Kunst  die  Bei- 
gabe difformer  Körper  in  Gräbern  bestätigt,  angeblich  um  die  Toten 
zu  erfreuen'). 

')  Des  Dt-buts  de  I'Art  en  Egypte  par  Jean  Capart.     BrĂĽssel  1904,  S.  21-t. 


A'atr/i  einer  Originalzeichnung  von  v.  d.  Steinen. 

Fig.  223.  Buckliger  aus  altmexikanischem  Kodex. 


GROTESKKOPFE. 


331 


GROTESKKĂ–PFE. 

Felix  Regnault  hat  die  Unmasse  solcher  Köpfe,  deren  Kör- 
per verloren  gegangen  ist,  vom  medizinischen  Standpunkt  unter- 
sucht und  an   ihnen  eine  ganze  Reihe  von   Erkrankungen   statuieren 


Or;'^  -All/n.     Atlun.   \at  â–   Miiscittii. 

Fig.  224.     Groteskköpfe.     Hellenistische  Karikaturen. 

wollen').  Fr  hat  Lähmungszustände  angenommen,  Erblindungen, 
einseitige  Augenerkrankungen,  Akromegalie,  Idiotie,  Verwundungen, 
Tumoren  und  ähnliches.  Ich  bringe  hier  einige  solcher  asymme- 
trischer Köpfe  mit  allerlei  Abnormitäten  sowohl  aus  der  Stambuler 


(.hii;.  Au/ii       SiaiiU'icl,   J\Iust-!int. 

Fig.  225.     Groteskkopf.    Hellenist.  Karikatur. 


Orig  -Aiit'ii .      Staiitl'ul.    Mu.fiiui. 

Fig.  226.     Groteskkopf.    Hellenist.  Karikatur. 


als  der  x\thenischen  Sammlung  (s.  Fig.  224—232).    Es  sind  Pracht- 
stücke darunter  und  bei   fast  jedem  ließe  sich  eine  schöne  Diagnose 


')  F.  Regnault,    L'oeuvre    pathol.  de  Coroplastes    de  Smyrna.     Congres  de  Clermont- 
Ferrand  190S. 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Athen,   Xat. -Museum. 


Fig.  227.     Serie  von  GroteskkĂĽiifcii. 

zurechtzimmern.  Ich  glaube  aber,  daĂź  solchen  Studien  nur  dann 
Wert  beizulegen  ist,  wenn  sie  sich  auf  Figuren  beziehen,  bei 
denen  der  ganze  Körper  miterhalten  ist  und  aus  ihm  mit  Sicherheit 


Orig .-Aii/n.     Staiubttl,  Mitsetim. 


Orig.-Au/n.     Stambut,  Museum. 


Fig.  22S.     Groteskkopf.  Fig.  229.     Groteskkopf. 

hervorgeht,  daß  hier  eine  reale  Körperschilderung  beabsichtigt  wurde 
und  nicht  dessen  karikaturistische  Verzerrung.  Es  ist  ja  nicht  in 
Abrede    zu    stellen,    daĂź    gelegentlich    auch    wirkliche    Krankheits- 


Orig.-Au/n,     Athen,  Nat.  -Museum. 

Fig.  230.     Groteskküi.fe.     Hellenistische  Terrakotten  (das  dritte  Bild  ein  Skelettschädel). 


GROTESKKOPFE. 


333 


zustände  für  diesen  Zweck  kopiert  wurden,  aber  wer  ist  schon  auf 
die  Idee  gekommen,  die  Illustrationen  des  Simplizissimus  oder 
Kladderadatsch  medizinisch  zu  sondieren!  Hins  der  schönsten  Stücke 
der  Gaudinschen  Sammlung  im  Louvre  zeigt  einen  ausgesprochenen 
»doppelten    Buckel«,    wie    wir    Rheinländer    die    tuberkulöse    \'er- 


I  h  ! ^.-.l!(l n .      StiiDii'iil,   Mrtsciiiit. 

Fig.  231.     Groteskkiipf. 


Ijifii.     S/,iiji/-ii/.   Muifiiiii 


Fig.  232.     Groteskkopf. 


biegung  des  Rumpfes  nach  vorne  und  hinten  humoristisch  be- 
zeichnen; die  riesenlange  Nase  und  die  kautschukartige  Verzerrung 
der  GesichtszĂĽge  zeigt  den  wahren  Charakter  des  kleinen  Kunst- 
werkes'). Für  diejenigen  aber,  denen  die  Autlösung  solch  diagno- 
stischen Rätselspieles  Freude  macht,  habe  ich  eine  ganze  Serie 
solcher  pathologischen  Köpfe  aufnehmen  lassen. 


MASKEN  UND  VERWANDTES. 

Unter  dem  Gesichtswinkel  der  Abwehr,  der  Beschwörung,  der 
prophylaktischen  Gegengeste  mĂĽssen  wir  noch  eine  sonderbare 
Form  der  Ornamentik  betrachten.  Wir  sahen  bereits  auf  TĂĽrmen 
und  Toren  ausgestreckte  Hände,  deren  Finger  zu  einer  »Feigen« 
geballt  waren.  Ähnliche  Wirkung  hat  seit  den  Tagen  des  Gor- 
gonenhauptes  die  ausgestreckte  Zunge.    Es  ist  ein  Schutzmittel  aus 

')  S.  auch;  Die  antiken  Terrakotten,  im  Auftr.  d.  Arcli.  Inst,  des  Deutschen  Reiches  her- 
ausgegeben von  R.  Kekule  v.  Stradonitz.  Die  Typen  der  figĂĽrhchen  Terrakotten  von 
Franz  Winter.     1903. 


334 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


den  Tagen  der  Kindheit  des  Menschen.  FrĂĽhe  kleinere  bemalte 
Terrakotten,  einst  als  Stirnziegel  verwandt,  betinden  sich  im  Mu- 
seum der  Akropolis.  Schon  bei  Homer  trägt  Agamemnon  solch 
Schreckbild  mit  heraushängender  Zunge,  großer  Nase  und  hervor- 
quellenden Augen  auf  seinem  Schild.  Es  ist  das  Bild  des  Löwen, 
welcher  den  Rachen  aufreißt.  Für  die  Universalität  solcher  Ideen 
bietet  die  ganz  identische  Darstellung  bei  den  Altperuanern  Zeugnis 
und  Beweis.  Da  nun  auch  alles  Mißgestaltete  und  Obszöne  schützte, 
ist  es  nicht  schwer,  dem  Ideengang  zu  folgen  und  von  der  Kom- 
bination der  Drohgeste  mit  xMiĂźgestalt  oder  dem  Genitale  eine  ge- 
steigerte Wirkung  zu  erwarten.  Unter  dieser  Voraussetzung  formte 
man  die  »Oscilla«,  Verbindungen  von  Phallus  und  Gesicht,  oder 
ließ  Verwachsene  die  Fikagebärde  machen.  Mit  solchen  Phylakterien 
schmückte  man  allerlei  Gerät  des  täglichen  Lebens  bis  hinunter  zu 
den  Grabsteinen  (siehe  Seligman).  Es  bedarf  keiner  besonderen 
Motivierung,  daĂź  solche  eingewurzelten  Volksvorstellungen  den 
Regierungswechsel  einer  Religion  ĂĽberdauern.  Nach  Sturz  der 
Götteroligarchie,  mit  der  Entthronung  der  Schutzgötter  schüttete 
man  die  bösen  Geister  alle  in  den  einen  Höllenkessel,  und  jegliche 
Kraft  und  Zaubermittel  wirkten  nun  gegen  Teufel  und  Antichrist. 
Und  man  ging  dem  Bösen  zu  Leibe  mit  Vorstellungen  aus  der 
Antike.  So  findet  man  an  frĂĽheren  Kirchen  solche  Schreckbilder 
mit  herausgestreckter  Zunge,  die  als  eine  einfache  Groteske  an 
einem  Gotteshause  keinen  Sinn  haben.  R icher  (1.  c.)  erwähnt  eine 
ganze  Reihe  solcher  Köpfe  und  bildet  einige  von  den  Fassaden  der 
Kirchen  in  Reims  und  Semur  ab;  die  berühmten  »Chimeres«  an 
der  Notre  Dame  zu  Paris,  wo  man  mit  dem  Teufel  den  Beelzebub 
austreibt,  zeigen  gleichfalls  die  lange  ausgestreckte  Zunge. 

Hier  erinnert  man  sich  an  den  Ideengang  der  Alten  von  dem 
tötenden  Blick  des  Fabeltieres  »Basiliscus«,  gegen  das  es  nur  die 
eine  Rettung  gab,  die  Vorhaltung  des  Spiegels.  Es  wird  durch 
den  Anblick  der  eigenen  Scheußlichkeit  getötet. 

Medizinisch  am  interessantesten  ist  der  Maskaron  an  der  Santa 
Maria  Formosa  in  Venedig.    Die  greuliche  Verzerrung  dieses  Schreck- 


MASKEN. 


335 


bildes  gab  nämlich  dem  großen  Charcot  schon  frühzeitig  Ver- 
anlassung, als  erster  in  die  Beziehungen  zwischen  Plastik  und 
Medizin  einzudringen.  Er  erkannte  in  dieser  Fratze  nicht  ein 
Phantasiegebilde,  sondern  die  ausgesprochenen  Symptome  des  hyste- 
richen Hemispasmus  glossolabialis  (s.  Fig.  233).  Solcher  ornamen- 
taler Fratzen  mit  irgendwelcher  Tendenz  gab  es  und  gibt  es  viele^), 
z.  B.  am  Magdalen  College  in  Ox- 
ford"). Ein  besonderes  Beispiel  seit- 
wärts herausgestreckter  Zunge  ferner 
an  der  Kirche  Strattord-sur- Avon. 
In  frĂĽhchristlicher  Zeit  schreckte  man 
sooar  vor  ganz  obszönen  Darstellun- 
gen  als  Abwehr-  und  Schreckbildern 
an  Kirchen  nicht  zurĂĽck.  An  wen- 
dischen Kirchen,  am  SchloĂź  von 
Blois,  an  der  Kathedrale  von  Ronen 
befinden  sich  Gesimse  mit  solch  ein- 
deutigen Darstellungen,  daĂź  keine 
Baupolizei  der  Welt  solchen  selt- 
samen Schmuck  heutzutage  durch- 
gehen lassen  wĂĽrde.  Auch  die  dra- 
matischen Masken  der  Alten  wurden 
als  Abwehrmittel  verwandt.  Den 
Schrecken,  den  solche  auslösen  kön- 
nen, zeigt  eine  niedliche  Kinderszene 
auf    einer   Freske    in   Resina,   Abbildung   s.  bei   Thom.  Wright') 


Flg. 


Ri-prodiiktioti  nach   Charcot. 

Maskaron  von  der  Santa 
;\Iaria  Formosa  in  Venedig. 


S. 


Das   Wort   Maske   soll    ĂĽbrigens    nichts    zu   tun   haben    mit 


dem  arabischen  Maskara  =  PossenreiĂźer,  sondern  kommt  von  Baska 

aus    dem   griechischen  Baskania  =  Fascina,    d.  h.    Mittel  gegen   die 
Faszination  (s.   bei  Sei  ig  man  S.  307). 

Wähnte    man    so    durch   Anbringung    häßlicher    und  satirischer 


')  Thomas  Wiight,  Histoire  de  la  Caricature  et  de  la  Grotesque.  Paris  1867,  L.  IX. 
^)  Abbildung  s.  bei  Eduard  Fuchs,  Das  erotische  Element  in  der  Karilcatur.  Beriin  1904. 
^)  Thomas  Wriyht,  Histoire  de  la  Caricature  et  de  la  Grotesque.    Paris  1S67,  Ch.  IX. 


336 


KR  AN  KHEITSDARSTELLUNGEN. 


Masken  Mißgunst,  Neid  und  Zauberei  zu  bannen,  so  erklären  sicli 
aus  dem  Kreis  solcher  Wahnvorstellungen  heraus  auch  religiöse 
öffentliche  Zeremonien,  bei  denen  solche  Masken  Verwendung 
fanden.  Namentlich  dort,  wo  ursprĂĽngliche  Volkssitten  und  \'olks- 
charakter  sich  rein  erhalten  konnten,  linden  wir  geeignetes  Material. 
So  bei  fast  allen  australischen  und  afrikanischen  Naturvölkern. 

Ein  Teil  der  Possenspiele  bei  christlich-kirchlichen  Festen,  bei 
denen  Masken  getragen  wurden,  gehört  auch  hierher.  In  einigen 
Volksmuseen  werden  solche  Volksmasken  aufbewahrt,  und  finden  wir 


Orig.-Aufn,     Berlin,  Museum  fiir    l'blkerkunde. 

Fig.  234.    Maske  aus  Ceylon  mit  Darstellung 
des  typhösen  Fiebers. 

Stadium  der  Blindheit. 


Orig.-Au/n.     Berlin,   Museum  Jiir    l  "ölkerkufide. 

Fig.  235.    Maske  aus  Ceylon  mit  Darstellunj; 
des  typhösen  Fiebers. 

Stadium  der  Lähmung. 


manchmal  interessante  Spezimina  unter  denselben;  so  naive  Toten- 
schädelmasken oder  auch  solche  mit  großen  Gesichtsauswüchsen. 
Es  wäre  aber  verlorene  Arbeit,  diese  Fastnachtsscherze  medizinisch 
zu  klassifizieren;  dagegen  interessieren  singhalesische  Masken  des 
hiesigen  Völkermuseums,  die  ich  dem  Nachweis  des  Herrn  Professor 
GrĂĽnwedel  verdanke.  Es  sind  zwei  aus  einer  Reihe  von  18  Sannis 
oder  Sannvä,  welche  Stadien  eines  tvphösen  Fiebers  darstellen  sollen 
(s.  Fig.  234  u.  233).  Die  Ă–ffnungen  unter  den  Augen  zeigen,  daĂź 
die  Masken  vorgehalten  wurden.  xMaske  Fig.  234  stellt  das  Stadium 
Kanasanniyä  vor,  in  welchem  dem  Kranken  das  Gesicht  versagt. 
Die  nächste  Maske  zeigt  das  Stadium  Korasannivä,  in   welchem  er 


MASKEN. 


337 


sich  einseitig  gelähmt  fühlt.  Die  plastische  Verkörperung  der  Blind- 
heit und  der  einseitigen  Lähmung  bedarf  keiner  besonderen  Illu- 
stration. Ähnliche  Masken  finden  wir  vielfach  auch  in  Japan;  bei 
der  mir  vorliegenden  ist  die  Blindheit  durch  geschlossene  und  vor- 
getriebene Augenlider  markiert;  der  Mund  und  selbst  die  Zahnreihe 
hängen  links  tief  herab;  es  soll  sich  um  die  Darstellung  eines 
blinden  iVIasseurs  handeln,  die  vielfach  auch  jetzt  noch  mit  ihren 
langen  Stöcken  die  Straßen  durchwandern  und  häufig  dargestellt 
werden.  Der  Freundlichkeit  des  Direk- 
tors der  asiatischen  Abteilung  im 
Völkerkundemuseum,  Dr.  Kümmel, 
verdanke  ich  auch  eine  japanische 
Maske  eines  blinden  Sängers  und  ihre 
Erklärung.  iMehrere  Sagen  beschäf- 
tigen sich  mit  diesem  Sänger,  eine 
davon  macht  ihn  zum  Sohne  des 
Kaisers  Daige  (regierte  898 — 930). 
Dieser  verbannt  den  Blindgeborenen 
in  die  Berge,  wo  er  ein  mächtiger 
Lautenspieler  wird.  Dort  findet  ihn 
seine  Schwester,  die  wegen  ihrer  Wahn- 
sinnsantälle  gleichfalls  vom  Hofe  ver- 
bannt wird.  Diese  Geschichte  ist  der 
Inhalt  eines  Schauspiels  (Nospiel), 
welches  angeblich  von  Kwanze  Motokijo  (1373  1433)  verfaĂźt 
oder  doch  wenigstens  von  ihm  eingerichtet  wurde.  In  diesem  lyri- 
schen Drama  wurde  eben  diese  Maske  verwendet  (s.  Fig.  236).  Die 
Phthisis  der  Augen  wird  durch  die  ringförmige  Delle  der  oberen 
Lider  ausgedrĂĽckt. 

In  der  Kunsthalle  zu  Basel  befinden  sich  sechs  Groteskmasken, 
die  zu  einer  gewissen  BerĂĽhmtheit  gelangten,  weil  der  groĂźe  Maler 
A.  Böcklin  sie  geschaffen  hat;  uns  interessieren  diese  modernen 
NachzĂĽgler  alter  Tonbilder  besonders  auch  deshalb,  weil  der  KĂĽnstler 
unter  ihnen  verschiedentlich  Krankheitszustände  mit  Humor  porträ- 

Holländer,  Plastik  und  Medizin. 


Orig.-Au/n.    Asiat  AU.  d.  Berlin.  Mus./,  l'ölkerk. 

Fig.  236. 
Jaiianische  Maske  eines  blinden  Sängers. 


338 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


tierte,  so  namentlich  das  scheuĂźliche  Zahnweh  mit  vollkommener 
Verschwellung  einer  Gesichtshälfte,  sodann  die  volkstümlichen 
angeblichen    V^eränderungen    des    Riechorgans    durch    chronischen 


Alkoholismus. 


ZWERGENWUCHS. 

Demselben  Ideengang  zufolge  hatten  auch  die  Zwerge  eine 
amulettartige  Wirkung.  Die  Vorliebe  fĂĽr  diese  Darstellungen  tritt 
besonders  bei  Betrachtung  der  pompejanischen  Kunstschätze  hervor. 


.Vfa/'i-/.  -Vtit  -Museittii. 

Fig.  237.     Zwerg  mit  Hahn,     i\Iosail<  aus  Pompeji. 

Es  wäre  sonst  nicht  ohne  weiteres  verständlich,  daß  der  rein  satirische 
Sinn  eine  so  häutige  Veranlassung  gewesen  wäre  zur  Darstellung 
solcher  Verunstaltungen  (s.  Fig.  237).  Gerade  bei  den  Zwergen 
aber  kommt  das  Erotische  wie  von  selbst  dadurch  zur  Betonung, 
daß  mit  der  Verkleinerung  des  übrigen  Körpers  eine  scheinbare  starke 
Vergrößerung  des  Genitale  verbunden  ist.  Wir  haben  schon  mehr- 
fach darauf  hingewiesen,  daß  gerade  die  Nudität  eine  besonders 
starke  Wirkung  als  Abwehr  hatte.    Die  VerkrĂĽppelungen  bilden  eine 


ZWERGE. 


339 


lange  Kette  von  Darstellungen  in  der  Kleinkunst  des  Altertums 
und  reichen  bis  hinauf  in  die  Renaissance,  und  zwar  wurde  die 
Bronze  als  Material  besonders  bevorzugt.  Es  war  Mode,  dieser 
Darstellung  noch  einen  humoristischen  Ausdruck  dadurch  zu  ver- 
leihen,  daß  man  diese  kleinen  Ungeheuer  in  Stellungen  verkörperte, 
die  in  Kontrast  zu  ihrer  MiĂźgestalt  standen,  z.  B.  krummbeinige 
Knirpse  als  Gladiatoren  und  Faustkämpfer,  Tänzer  usw.    Im  übrigen 


Orig.-Anf>i.      Athen,  l\at.-Mi(S. 

Fig.  238.     Weiblicher  karikierter  Zwerg. 


Orig.-Phot.  vom  Deutsch,  äg.  arji.  liist.  Kairo,  Museum. 

Fig.  23g.     Zwerg  Khnoumhotpou. 


sei  betont,  daĂź  der  gute  Geschmack  und  eine  gewisse  Scheu  vor 
dem  weiblichen  Geschlecht  es  nicht  zulieĂź,  solche  weiblichen  MiĂź- 
gestalten zu  bilden.  Es  kommen  aber  Ausnahmen  vor  (s.  Fig.  238). 
Der  Kampf  der  Pygmäen  mit  den  Kranichen  gab  fernerhin  den  Vor- 
wurf, gelegentlich  Krankheitsbilder  eigener  Art  zu  schaffen.  Eine 
Vase  des  Berliner  Museums  zeigt  diesen  Kampf,  und  die  hier  ge- 
schilderten Pvgmäen  haben  alle  das  Aussehen  kongenitaler  Lues,  wie 


340 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


man  sie  nicht  schöner  malen  könnte.  Henri  Aleige')  hat  diese 
antiken  KrĂĽppel  einer  interessanten  medizinischen  Analyse  unterzogen 
und  dieselben  eingeteilt  in  solche  von  rachitischem,  idiotischem, 
mikrozephalischem,  hydrozephalischem,  myxödematösem,  infantilem, 
skrofulösem,  adipösem  Habitus  mit  Gelenkdeformitäten  (Spitzfuß, 
Genu  valgum),  und  solche  mit  atrophischen  oder  hypertrophischen 
Zuständen    der   Muskulatur.     Dabei  kann  natürlich  ein  Individuum 


Orj^.-Au/'ii-      Berlin,   Altes  Museum. 

Fig.  240.     Zwerg.     Hydrozephal.  Typus. 

Antike  Terrakotta. 


London,  Victoria  and  Altert  Museum. 

Fig,  241.     Achondroplast.  Zwerg. 

Renaissancebronze. 


gleichzeitig  mehreren  Gruppen  angehören;  tür  alle  diese  Möglich- 
keiten gibt  es  antike  Beispiele  in  der  Kunst.  Wir  beschränken  uns, 
auf  diese  medizinische  Systematisierung  hingewiesen  zu  haben  und 
bringen  nur  einige  Beispiele,  die  von  allgemeinem  Interesse  sind: 
plastische  GegenstĂĽcke  zu  den  berĂĽhmten  Zwergen  des  \'elasquez. 
Zunächst  das  Bildnis  des  Zwergs  aus  dem  Museum  von  Kairo, 
welches  schon  Charcot  heranzog  und  den  Rieh  er  abbildete  (siehe 


')  Henri  Meige,  Les  Nains  et  las  Bossus  dans  lArt.    Nouv.  Iconogr.  de  la  Salp.  1S96. 


ZWERGE. 


341 


Fig.  259).  Der  Mediziner  wird  sofort  erkennen,  daĂź  hier  ein  typi- 
scher Achondroplast  porträtiert  wurde.  \'on  diesem  Zwerge  Khnoum- 
hotpou  wissen  wir,  daß  er  \\-)rsteher  der  Partumabteilung  des  Königs 
war.  Ein  weiteres  Beispiel  ägyptischer  Zwerge  bildet  Rieh  er  nach 
Rosselini')  ab.     Neben  einem  Zwerg  steht    ein  Mann   mit   aus- 


,ifi' 


Ort^.-Au/n .     Berlin,   Altes  Alust'iint . 

Fig.  242.     Zwerg.     Hydrozephalischer  Typus. 


Orig.-Au/n.     Berlin.  Altes  Museum 

Fig.  243.     Fig.  242  von  links. 


Antike  Terrakotta. 


gesprochen  beiderseitigen  KlumpfĂĽĂźen.  Hinter  diesem  befindet  sich 
aber  noch  ein  Buckliger,  der  bisher  nicht  beachtet  wurde.  Auch 
Maspero"),  den  Rieh  er  zitiert,  erwähnt  diesen  Buckligen  aus 
der   Umgebung    des  Prinzen  Minieh    nicht.     Diese  Gesellschaft  am 


')  Rosselini,  Monuments  de  l'Egypte  et  de  la  Nubie. 
°)  Maspero,  lArchcologie  egypt.  p.  205. 


342 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Pharaonenhofe  gibt  davon  Zeugnis,  daĂź  die  Neigung  der  GroĂźen, 
sich  mit  menschlichem  MiĂźwachs  zu  umgeben,  uralten  Datums  ist. 
Bei  solcher  Sitte  konkurriert  offenbar  die  Vorstellung  einer  Kon- 
trastwirkung mit  der  der  Blitzableitung. 

Ein  noch  trefflicheres  Beispiel  eines  solchen  Zwerges,  dessen 
Gliedmaßen  durch  vorzeitige  Verknöcherungen  seiner  Knorpel- 
scheiben miĂźgestaltet  wurden,  bietet  die 
schöne  Renaissanceplastik  aus  dem 
^'ictoria  and  Albert  Museum,  die  unter 
dem  Namen  desÄsop  geht  (s.  Fig.  241). 
Unsere  Aufnahme  läßt  besonders  die 
\'erkrĂĽppelung  des  Oberarms  deutlich 
genug  erkennen.  Dem  hvdrozephali- 
schen  Typus  gehören  mehrere  antike 
Terrakotten  des  Berliner  Museums  an 
(s.  Fig.  240).  Man  sieht,  der  eine  Kleine 
ist  sehr  vergnĂĽgt  und  hat  bei  guter 
Nahrung  schon  ein  höheres  Alter  er- 
reicht. Das  andere  Exemplar  ist  me- 
dizinisch interessanter.  Der  enorme 
Wasserkopf  scheint  nach  der  Nasen- 
bildung ein  Porträt  eines  Neugeborenen 
zu  sein;  der  übrige  Körper,  in  eine 
Toga  gekleidet,  ist  karikaturistisch  hin- 
zugefĂĽgt (s.  Fig.  242  u.  243). 
Als  weiteres  Bild  eines  Achondroplasten  bringe  ich  dann  noch 
die  als  Gewicht  dienende  antike  Bronze  eines  Zwerges  mit  der 
Strigilis  (Fig.  244).  Der  Henkel  setzt  sich  aus  zwei  FĂĽchsen  zu- 
sammen und  läuft  unten  in  Schwanenhälse  aus.  Die  Mehrzahl 
solcher  MiĂźgestalten  ist  nicht  wiederzugeben  wegen  der  enormen 
Hypertrophie  ihrer  Genitalien.  Ich  erinnere  hier  besonders  an  die 
Tanagraiiguren  des  Athenischen  Nationalmuscums,  welche  often- 
bare  Karikaturen  römischer  Imperatoren  vorstellen.  Bekannt  ist 
die  in  Aviijnon  befindliche  ähnliche  Zwergenkarikatur  aut  Caracalla. 


Orig.-Au/n.     Xeapel.   Aat.- Museum 

Fig.  244.    Zwerg.    Achondropl.  Typus, 

Antike  Bronze  aus  Pompeji. 


ZWERGE. 


)4) 


Salomon  Reinach^)  bildet  auĂźerdem   noch  in  seinem  Repertoire 
ĂĽber  ein  Dutzend  solcher  Pvgmiien  und  Zwerge  ab. 

Auch  Richer  hat  sich  eingehend  mit  den  kleinen  Statuetten 
beschäftigt,  welche  Zwerge,  Buffonen  und  Idioten  vorstellen.  Er 
bringt  in  seinem  großen  Werke  (1.  c.)  die  schönen  Exemplare  aus 
dem  Louvre,  denen  er  die  Bezeichnung  von  Pygmäen  gibt.  Die 
Mehrzahl  zeigt  ausgesprochen  achondroplastischen  Typus,  der  sich 
durch  den  groĂźen  Kopf  und  groĂźen  Rumpt  und  KĂĽrze  der  Extre- 


j:':../.   AlhiaH.      Florenz.   Xal    ,1/;,  .,■•■,;<,■. 

Fig.  245.     Zwerg  von  Valerio  Cioli  da  Settignano  (1530 — 1602). 

mitäten  auszeichnet;  doch  auch  rachitischen  Mißwachs  zeigen  viele. 
Nächst  dem  Louvre  besitzt  die  Wiener  Sammlung  die  schönsten 
Exemplare*).  Gelegentlich  tragen  diese  Figurinen,  die  meist  in 
leidenschaftlicher  Bewegung  dargestellt  sind,  auch  die  Bezeichnung 
eines  Silen.  Solch  krummbeinigen,  alten,  flötenblasenden  Silen, 
dessen  Zwergenhattigkeit  besonders  absticht  gegen  den  schlanken 
Wuchs  der  Nymphen,  finden  wir  z.  B.  auf  einer  dionysischen  Pro- 


')  Repertoire  de  la  Statuaire.     Paris  1S98. 

^)  E.  V.  Sacken,  Die  antiken  Bronzen  des  k.  k.  MĂĽnzenkabinetls  in  Wien,  1S71. 


344 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Zession  in  der  Villa  Albani  (s.  Fig.  246).  Ein  naher  Verwandter 
dieses  Wesens  ist  der  flötenblasende  geschwollene  Zwerg  aus  dem 
Kensingtonmuseum ,  der  mit  dem  Stock  seine  Beleibtheit  stĂĽtzen 
muĂź;  er  korrespondiert  wieder  vollkommen  mit  der  antiken  Sta- 
tuette, Silen  bezeichnet,  aus  dem  Louvre- Museum,  die  Rieh  er 
abbildet;  nur  trägt  dieser  Zwerg  Trauben  und  Trinkbecher;  sein 
Mvxödemtvpus  ist  von  R icher  detailliert  geschildert.  Es  inter- 
essiert vielleicht   noch    die  Mitteilung,  daĂź  auch  in  der  Sammlung 


FSwt.  Alinari.      Mihi  AllHtui,   Rctn. 

Fig.  246.     Dionysische  Prozession.     Antil<es  Relief. 

Goethes  in  Weimar  sich  ein  Zwerg  mit  infantilem  Charakter  vor- 
fand^). \'iel  seltener  begegnen  wir  Groteskdarstellungen,  bei  denen 
die  umgekehrten  Proportionen  zu  einer  körperlichen  Karikatur  ver- 
halfen,  kleiner  schmächtiger  Körper  und  kolossal  lange  Extremi- 
täten. Dieser  Typus  wird  mit  Recht  als  der  Eunuchentypus  be- 
zeichnet. Hier  wie  dort  aber  bleibt  stabil  die  gleichmäßig  große 
Form  des  Membrum.  Charakteristische  Exemplare  dieser  Art,  die 
trotz  ihres  seltsamen  Vorwurfs  groĂźe  KĂĽnstlerschaft  verraten,  birgt 


')  Jahrbuch  des  Kaiserl.  Deutsch.  Arch.  Instituts.     Berlin  1S97,  S.  49. 


BES— PATAIKOS-PTAH. 


345 


das    Gabinetto    segreto    im    Neapeler   Museum. 

Sie   zeigen   übrigens  ganz  ähnliche  Verhältnisse 

wie    der   infibulierte   Sänger   und    Lautenspieler 

des    Museo  Kircheriano    in  Rom  (s.  Fig.  248). 

Interessant  ist,  bei  allen 
diesen  Veränderungen 
die  Schädeltorm  zu 
studieren  ;  sie  zeigt,  daĂź 
wir  es  hier  ott  mit 
wirklichen  Beobach- 
tungen zu  tun  haben, 
nicht  mit  Phantasie- 
gebilden der  KĂĽnstler. 
Entsprechend  ihrer 
Körperlichkeit  haben 
viele    dieser   Figurinen      „      ,,        ...  ,   . 

O  Korn,  Mitseuin  hirdifrianum. 

nämlich     die     typischen       Fig.  24s.    Antike  Bronze. 

Infibulierter  Eunuch. 

begleitenden   Verände- 
rungen   des    achondroplastischen    oder    rachitischen    Schädclbaues. 


London,   Victoria  and  Albert  Museum. 

Fig.  247.    Zwerg.    Adipose  Form. 

Antike  Bronze. 


BES— PATAIKOS— PTAH. 

Wir  haben  bisher  die  Abbilder  dieser  Zwergen  und  MiĂźgestalten 
unter  dem  Gesichtswinkel  ihrer  Zweckdienlichkeit  betrachtet;  nicht 
allein  die  Freude  am  Grotesken  veranlaĂźte  ihre  beinahe  fabrik- 
mäßige Herstellung,  sondern  sie  dienten,  wie  wir  sahen,  als  Apo- 
tropäa  gegen  bösen  Blick  und  allerlei  feindliche  Gewalt.  Fs  liegt 
nun  auf  der  Hand,  daĂź  eine  besondere  Kraft  einem  miĂźgestalteten 
Zwerg  beiwohnen  mußte,  der  selbst  göttlicher  Herkunft  ist.  Da  die 
griechische  Mythologie  keine  geeignete  derartige  Persönlichkeit  aut- 
weist, so  adoptierte  man  ägyptische  Gottheiten.  In  erster  Linie  spielt 
hier  der  Gott  der  alten  Ägypter  B  e  s  eine  allerdings  wenig  klare  Rolle. 
Seine  Gestalt  wird  als  zwerghaft  und  verkrĂĽppelt  angegeben.  An- 
geblich war  er  ein  Gott  der  Kunst,  des  Gesanges  und  der  Freude, 


346 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


doch  sollte  er  später  auch  bei  den  Entbindungen  eine  Rolle  spielen 
und  vermöge  dieser  Eigenschaft  in  den  Tempeln  besondere  Gemächer 
beherrscht  haben,  welche  man  Mommisi  nannte.  Er  wird  auch  dar- 
gestellt, wie  er  die  Laute  schlägt.  Adolf  Er  man')  sagt  von  diesem 
Gott,  daß  er  nur  einer  sei  aus  einer  Schar  von  Volksgöttern,  die  man 
etwa  den  Satvrn  der  Griechen  gleichsetzen  könnte.  Sie  sind  halb 
Tiere,  halb  Menschen,  die  die  Götter  durch  Musik  und  Tanz  er- 
freuten ;    sie    bieten    aber    auch    Schutz    gegen    böse    Wesen.     Die 


Orig.-Aiiflt. 

Bt-rlin,  Altes  Museum,  ägypt.  Abt. 

Fig.  249. 

Fig.  250. 

Fig.  251. 

Der  Gott  Bes. 

Pataikos. 

Pataikos  auf  Krokodilen  stehend 

Hauptkonkurrentin  des  Bes  in  der  Volksgunst  ist  die  Toeris,  ein 
auf  den  HinterfĂĽĂźen  stehendes  weibliches  Xilpterd,  dessen  Wesen 
durch  das  Schriftzeichen  für  »Schutz«,  welches  sie  mit  den  mensch- 
lich gestalteten  Armen  festhält,  deutlich  signalisiert  wird.  In  der 
griechischen  Zeit  Ägvptens  scheint  Bes  an  Bedeutung  zugenommen 
zu  haben.  Seine  verkrĂĽppelte  Gestalt  hat  er  zwar  beibehalten,  er 
tritt  aber  als  Schutzkrieger  mit  einem  Schwerte  aut  und  beschĂĽtzt 
jetzt  auch  die  Toten.  Zum  SchluĂź,  mit  dem  Auttreten  des  Christen- 
tums, galt  er  als  böser  Dämon,  der  nach  den  Vorübergehenden 
schlug,   die    davon    blind,   taub,   lahm   oder   stunun   wurden.     Die 


')  Adolf  Erman,    Die    ägyptische  Religion.     Handbücher   der  Kgl.  Museen    zu  Berlin. 


PATAIKEN. 


347 


Betrachtung  der  merkwĂĽrdigen  Figur  des  Gottes  zeigt,  daĂź  er 
eigentlich  nichts  VerkrĂĽppehes  an  sich  hat;  sein  Gesicht  mit  dem 
stets  vorhandenen  seithchen  Backenbart,  vor  allem  aber  das  um- 
gelegte geschwänzte  Löwenfell,  auch  die  oft  breit  ausladenden  und 
kurzen  gebogenen  Extremitäten  erinnern  an  eine  autgerichtete  Tier- 
ligur.    Als  Zeichen  seiner  apotropäischen  Kraft  streckt  er  die  Zunge 


Orig.-Aufn.     Berlin,  Altes  Museum,  (igypt.  Al't. 

Fig.  252.     Pataiken. 

heraus:  ein  besonderes  intermvthologisches  Zeichen.  Die  Ver- 
schmelzung seiner  Person  mit  anderen  Dämonen  führt  zu  Misch- 
figuren; als  charakteristisches  Attribut  sollte  ihm  die  Federkrone  nie 
fehlen.  Von  diesem  Gott  Bes  und  seiner  monströsen  Form  ist  nun 
frĂĽhzeitig  schon  behauptet  worden,  daĂź  er  der  Typus  eines  Achon- 
droplasten   sei^)   und   von   einem  solchen  Form  und  Figur  habe"). 

')  Literatur;  Virchow,  Verhandl.  der  Berl.  Ges.  fĂĽr  Anthropol.  189S.  Die  Phokomelen 
und  das  Bärenweib.  Parrot,  Sur  l'origine  d'une  des  formes  du  dieu  Ptah.  Rec.  de  trav.  rel. 
ä  Ja  Philologie  et  rarcheol.  egypt.  et  ass.  II.  18S0.  Kiffer,  l'Achondroph.  Corresp.  medic.  VI 
120.  1899.     Außerdem  bei  Richer,  Äleige. 

-)  Ähnlicher  Ideengang  bei  Friedrich  Schatz,  Die  griech.  Götter  und  die  menschl.  Miß- 
geburten.    Wiesbaden   1901. 


348 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Viel  mehr  aber  wie   dieser  Gott  Bes,    der   eigentlich    doch    nur 
eine  tierische  Figur  zeigt,    interessiert   uns   eine  ägyptische  Götter- 
figur, ĂĽber  die  wir  so  gut  wie  gar  nichts  wissen ,  da  Literarisches 
ĂĽber  sie,  auĂźer  durch  eine  Stelle  bei  Herodot  III,  37,  nicht  bekannt 
ist.     Dieser   berichtet,    daĂź   Kambyses   in    den    Tempel   des  \'ulkan 
ging  und  sehr  über  das  Götzenbild  lachte,   denn  das  Bild  des  Wilkan 
sei  den  P  a  t  a  i  k  i  s  c  h  e  n  Göttern  der  Phönizier  sehr  ähnlich, 
welche  dieselben  an  den  Vorderteilen  der  Galeeren  anzubringen  pfleg- 
ten.  »Wer  diese  aber  nicht  gesehen  hat, 
dem  will  ich  anzeigen,  daĂź  sie  die  Ge- 
stalt eines  Zwerges  haben.«    Man  nennt 
nun  Patäke  (Pataikos)  einen   kleinen 
Volksgott,   der   die  typischen  Erschei- 
nungen   und  Veränderungen   des   Ske- 
lettes   zeigt,    wie    sie   bei  rachitischem 
Zwergenwuchs      vorkommen.        Diese 
Figuren,  meistens  der  Kleinplastik  an- 
gehörend,   oft    mit    einem    Ring  zum 
Aufhängen  versehen,  müssen  eine  ganz 
auĂźerordentliche     Verbreitung     gehabt 
haben,  wie  man  aus  der  Unmasse  der 
vorkommenden     FigĂĽrchen     schlieĂźen 
kann.   Die  spätere  Magie  benutzte  diese 
Volksgötter  sowohl  als  Schutzmittel  in 
orig.-phot.    Form  von  Amuletten  oder  indem  man 

Fig.  253.     :2iahr.  Perser  mit  überein-      ^j^    .^j^    HaUSgötter    aufstellte.       Da    UUU 
stimmendem  Korperbau  wie  Fig.  252.  ^ 

auch  das  H  o  r  u  s  k  i  n  d  selbst  vor  den 
bösen  Tieren  errettet  worden  war,  so  scheint  Bes,  Patäke  (Pataikos) 
und  Horuskind  die  Trias  der  Kardinaldämonen  gegen  bösen  Blick, 
böse  Tiere  und  wohl  auch  böse  Krankheiten  gewesen  zu  sein.  So 
sehen  wir  z.  B.  auf  unserem  Bilde  einen  Pataiken  auf  zwei  Krokodilen 
stehend  (s.  Fig.  231).  Nach  Art  der  AmulettschĂĽsseln  und  der  pan- 
theistischen  Hände  glaubte  das  naive  Volk  ein  Allerheiligenmittel  in 
der    Zusammenfügung    und   Verschmelzung     dieser    apotropäischen 


PATAIKEN. 


349 


Dämone  zu  haben ,  und  man  schuf  Mischgestahen  aus  Bes,  Isis, 
Horus  und  anderen  Göttern. 

Der  Gott  Ptah  ist  an  und  fĂĽr  sich  von  durchaus  normaler 
Struktur,  er  ist  der  Vater  aller  Götter;  eine  \'erwirrung  ist  nur 
in  seiner  Autfassung  anscheinend  dadurch  gekommen,  daĂź  Pataiken 
z.  B.  der  Berliner  Sammlung  am  FuĂźende  noch  das  Zeichen  des 
Gottes  Ptah  tragen. 

Rieh  er  nimmt  nun  mit  anderen  an,  daĂź  die  kleinen  Pataiken 
als  juvenile  Form  des  Ptah  angesprochen  werden  sollen  und  weist 
auf  deren  Schädelbildung  hin,  die  eine  gewisse  Übereinstimmung 
mit  Neugeborenen  zeigt.  Auf  unserer  Abbildung  zweier  Pataiken 
aus  der  Berliner  Sammlung  sehen  wir,  daß  der  größere  tatsächlich  die 
Locke  trägt,  die  allen  jugendlichen  Göttern  eigentümlich  war  (siehe 
Fig.  252). 

Wenn  wir  nun  das  Material  zusammenfassen,  so  können  wir 
folgendes  sagen,  ohne  wohl  zu  weit  vom  Ziele  zu  visieren.  In 
Ägypten  existierten  eingeborene  oder  wohl  auch  von  den  Phöni- 
zieren  ĂĽbernommene  Gottheiten,  die  miĂźgestaltet  waren.  Diese 
MiĂźgestalt  war  teils  nach  tierischer  Schablone  geformt,  teils  beruhte 
sie  auf  wirklich  zwergenhafter  Bildung,  oder  auch  embryonenhatter 
und  dem  ersten  Säuglingsalter  entnommener  Gestaltung.  Schon  im 
eigenen   Lande   traten   Verschmelzungen   der    mythologischen  Vor- 


stellungen ein.  Allen  diesen  in  der  Volksgunst  hochstehenden 
Dämonen  wohnte  eine  Schutzkraft  inne,  zunächst  gegen  böse 
wilde  Tiere,  später  aber  auch  gegen  bösen  Blick  und  böse 
Krankheit. 

Diese  ägyptische  Gottesfigur  scheint  nun  auch  in  Hellas  und 
den  Inselkolonien  Eingang  gefunden  zu  haben,  wenn  auch  die 
Figur  falsch  verstanden  und  fitlsch  reproduziert  wurde.  Jedenfalls 
finden  sich  massenhaft  in  Griechenland  ausgegrabene  Objekte  der 
Kleinplastik,  die  allerlei  Zwergenwuchs  zeigen  und  ziemlich  miĂź- 
gestaltet sind,  und  die  als  Pataiken  bezeichnet  werden.  Wir  bilden 
eine  solche  hockende  kleine  Figur  ab  (s.  Fig.  234).  Diese  beson- 
dere Stellung  wiederholt    sich    oft.     Die  Arme   sind   meist  bei  den 


>) 


o 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


hockenden  Gestalten  auf  dem  Bauch  zusammengelegt;  die  PerĂĽcke 
weist  nach  Ägypten.  Andere  zwergenhafte  Gestalten  zeichnen 
sich  durch  kolossale  Fettentwicklung  aus;  sie  sitzen  dann  meist 
mit  gespreizten  Gliedern,  so  daĂź  die  Genitalien  deutlich  sichtbar 
werden. 

Allen  diesen  Abnormitäten  und  Scheußlichkeiten,  die  als  Gegen- 
sätze z.  B.  zu  den  sonstigen  Sujets  einer  Tanagraindustrie  beson- 
ders auffallen,  muĂź  starker  Heilzauber  innegewohnt 
haben.  In  Ägypten  jedenfalls  überdauerten  auch 
diese  kleinen  Heilpatrone  die  triumphierenden  Stel- 
lungen der  großen  Götter,  wie  auch  des  Askle- 
pios  Macht  über  alle  anderen  hellenischen  Götter 
triumphierte. 

Erman  schließt  seine  »Ägyptische  Religion« 
mit  ungefähr  folgender  melancholischer  Betrach- 
tung: Das  Heidentum  nahm  ein  trauriges  Ende, 
die  Tempel  standen  verödet,  oder  man  baute  sie 
zu  Kirchen  um.  Ein  böser  Dämon  spukte  in  den 
Tempelruinen,  den  man  Bes  nannte,  aber  der 
heilia;e    Moses    wußte    ihn    zu    beschwören.      So 


Orig.-Aufn. 


Fig.  254.  Hellenischer  ^.^^^^  jjg  Götter  des  alten  Glaubens  die  Gespenster 

Pataikos. 

des  neuen  geworden.  Doch  einen  Zufluchtsort 
fanden  sie  noch  bei  den  Zauberern  und  Quacksalbern.  Wenn  diese 
auch  von  den  neuen  christlichen  Formeln  Gebrauch  machten ,  so 
lebte  in  ihnen  doch  die  alte  Tradition.  Wenn  ein  Kind  Eeibweh 
hat,  so  denkt  der  Mann,  der  es  besprechen  soll,  noch  immer  an 
das  Horuskindchen,  und  wenn  er  auch  mit  dem  Herrn  Jesus  endet, 
so  beginnt  er  doch  seinen  Zauberspruch  unter  Anrufung  dessen,  der 
die  Sonne  zum  Westen  trägt  und  den  Mond  zum  Ost,  und  der 
die  sechs  Sühnsterne  trägt.  Oder  der  christliche  Magier  rutt  bei 
Schlaflosigkeit  die  beiden  Schwestern  Isis  und  Nephthys  an,  die 
betrĂĽbt  und  traurig  sind. 

So  sind  denn  die  Quacksalber  und  Scharlatane  in  Ägypten  zu- 
letzt  noch    die  Träger  einer  Religion,  die  die  Tempel  von  Karnak 


SATYRSPIEL  UND  KOMĂ–DIE. 


351 


und  Memphis  baute  und  ein  groĂźes  Volk  Jahrtausende  lang 
leitete.  Und  Kastor  und  PoUux  tauchten  in  die  Seelen  und  Körper 
der  arabischen  christlichen  Ärzte,  der  Märtyrer  Kosmas  und  Damian. 
Und  der  Buckel  ist  heute  noch  ein  Porte-bonheur. 


SATYRSPIEL  UND  KOMĂ–DIE. 

Als  Begleiter  des  Dionysos  belustigten  das  Volk  auf  dem 
Lande  grotesk  komische  Gesellen.  Später  kam  der  Satyr  auf  die 
athenische  BĂĽhne  und  erfreute  durch  seine  komische  Figur  und 
drolligen  SprĂĽnge  das  gemeine  Xolk,  wie  er  durch  versteckte 
tiefsinnige  Weisheit  Ernsteren  und  Gebildeten  GenuĂź  bot.  An- 
geblich um  das  große  Publikum  zum  Anhören  der  Tragödien  zu 
veranlassen  und  seine  ausharrende  Geduld  zu  unterstĂĽtzen  folgte 
als  Zugabe  das  Satyrspiel.  Um  die  70.  Olympiade  herum  wurden 
nun  tĂĽr  die  Schauspieler  Larven  und  Masken  eingefĂĽhrt,  welche 
teils  den  tragischen,  vornehmlich  aber  auch  den  lächerlichen  Ein- 
druck verschärten  sollten.  Zunächst  waren  solche  komischen  Larven 
aus  Baumrinde,  Leder  oder  Stoff,  später  aber  wurden  sie  von  Bild- 
hauern verfertigt  nach  Angabe  der  Dichter.  Alle  aber  hatten  ĂĽber- 
triebene Züge  und  einen  meist  gräßlich  großen  Mund  mit  dem 
Sprachrohr  (Chalkophonos).  Über  diese  lächerlichen  Masken  macht 
sich  schon  Lukianos  lustig.  Im  alten  Lustspiel,  wo  man  noch 
lebende  Personen  kopierte,  richtete  sich  die  Maske  auf  Porträt- 
ähnlichkeit ein.  Es  kam  vor,  daß  ein  Schauspieler  wechselnde 
Stimmung  in  einem  StĂĽck  an  den  Tag  legen  muĂźte,  dann  bildete 
man  die  Maske  so,  daĂź  das  eine  Profil  vergnĂĽgt,  das  andere 
ernst  dreinschaute,  und  je  nach  dem  Spiel  zeigte  der  Schauspieler 
die  eine  oder  die  andere  Seite.  Die  Anfänge  der  dramatischen  Kunst 
in  Rom  waren  etruskischen  Ursprungs.  Zunächst  Tänze  nach  der 
Melodie  der  Flöte,  daraus  entwickelte  sich  ein  heiteres  Spiel  mit  Ge- 
sang und  Tanz.  Die  römischen  Histrionen  betonten  das  übertrieben 
Lächerliche  und  benutzten  große  lederne  Anhängsel.  Auch  sie 
trugen    zunächst    Larven    mit    aufgesperrtem    Munde.      Unter    den 


352 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Lustigmachern  in  den  mimischen  Zwischenspielen  werden  bucklige 
Stock  narren  mit  unförmlichen  Köpfen  erwähnt.  Eine  ziemlich 
feststehende  Figur  in  den  Atellanen  (Possenspiele ,  die  nach  dem 
kampanischen  Atella  genannt  sind)  war  der  M  i  m  u  s  a  1  b  u  s  oder 
Maccus;  er  war  weiß  gekleidet  mit  unförmigem  Kopfe,  einer  großen 
herabhängenden  Nase,  hinten  und  vorne  trug  er  einen  großen  Buckel. 


Ori)^.- All/n. 

F'g-  255.     Buckliger  aus  einem  Satyrspiel. 

Antike  Terrakotta  aus  der  Gegend   von  Smyrna, 

FlögeP)  bildet  einen  derartigen  Histrionen  ab,  der  1727  in  der 
Nähe  von  Rom  ausgegraben  wurde  mit  großer  Nase,  die  allerlei 
Verbiegungen  zeigt  und  der  seine  bucklige  Gestalt  in  einem  hemd- 
artigen Gewände  zu  verbergen  sucht.  Die  Bronze  hat  silberne 
Augen  und  in  beiden  Mundwinkeln  »Sannae«,  silberne  Kügelchen; 
die  übergroßen  Füße  stecken  in  Sandalen,  Schädel  und  Haarbildung 


')  Geschichte  des  Grotesk-Komischen  von  Friedrich  W.  Ebeling.     Leipzig  i8S6. 


SATYRSPIEL  UND  KOMĂ–DIE. 


353 


wiederholt  sich  auf  ähnlichen  Figuren  in  der  \\'eise,  daß  der  X'order- 
kopf  eine  Glatze  zeigt  und  nur  in  der  Mittellinie  eine  Haarlocke 
vorspringt.  An  dem  Antlitz  selbst  ist  es  natĂĽrlich  nicht  sichtbar, 
daĂź  eine  Larve  das  Gesicht  bedeckt. 

Von  diesem  Maccus,  von  dem  in  der  Umgebung  von  Neapel 
eine  zweite  Bronze  ausgegraben  ist,  soll  der  sĂĽditalienische  Pulci- 
nella  abstammen.  Ăśber  die  Herkunft  des  Wortes  Pollichinelle 
oder  PuUicinelle  gibt  es  mehrere  Erklärungen').  Uns  kann  es 
gleichgĂĽltig  sein,  ob  sich  das  Wort  aut  das  bei  Lampridius  vor- 
kommende Pullicenus  (HĂĽhnchen)  bezieht,  oder  aut  einen  zur  Zeit 
Karl  von  Anjous  tätigen  Paolo  Chinella. 
1683  erschien  der  Policinello  zum  ersten 
Male  auf  der  französischen  Bühne  in  einer 
italienischen  Truppe;  gegen  Ende  der  Re- 
gierung der  Stuarts  trat  er  als  Punchinello 
in  England  auf,  um  bis  zu  dem  heutigen 
Tage  als  Punch  eine  fĂĽhrende  Rolle  in  der 
satvrischen  Literatur  zu  spielen.  Uns  inter- 
essiert besonders  die  Mitteilung,  daĂź  Cam- 
panien  heute  noch  vornehmlich  solch  mon- 
ströse Menschen  hervorbringe,  die  den  alten 
römischen  ALicci  ähnlich  sehen,  und  welche 
nach  ihrer  Körper-  und  vor  allem  Schädelbildung  eine  ausge- 
sprochene \'erwandtschaft  zu  der  Akromegalie  haben').  AuĂźer 
diesen  tvpischen  'Lheaterhguren  kommen  bei  Griechen  und 
Römern  Popanze  vor  mit  gräßlicher  Gestalt,  womit  auch  die 
Kinderwärterinnen  ungehorsame  Kinder  schreckten  und  bedrohten. 
Ich  erinnere  nur  an  die  Mormo  und  ähnliche  Erscheinungen. 
Lessing  sah  in  dem  »Parasitus«,  dem  Schmarotzer  der  alten 
Komödie,  den  späteren  Harlekin^).  Seiner  Kleidung  nach  ist 
dieser  Nachfolger   des   römischen    Histrionen  »Hundertfleck«    Cen- 


Fig.  256.   Antikes  Vorbild  des 
Policinello. 

Antike  Bronze. 


')  Riccoboni,  Histoire  du  thcatre  italien  II,  317. 

')  Maccus  Polichinelle  et  lacromegalie,  par  le  Dr.  A.  Souques,  Xouvelle  Iconogr.   1S96. 

')  Lessings  Dramaturgie  I,   138. 

Holländer,  Plastik  und  Medizin.  23 


5  r  A  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


tunculus,  dessen  Gewand  sich  aus  verschiedenfarbigen  Lappen   zu- 
sammensetzte. 

Des  Parasitus  Tracht  war  typisch,  er  trug  einen  Stecken,  Striegel 
und  Öliaug.  Die  Parasiten  —  der  Hofstaat  des  reichen  Mannes  — 
teilen  sich  nach  Flögel  in  drei  Unterarten:  Spaßmacher,  die  sich 
selbst  durch  Mißhandlungen  jeglicher  Art  zum  Gespött  bieten, 
solche,  welche  ewige  Speichellecker  ihrer  Gönner  sind,  und  dann 
die  dritte  Schattierung,  die  Therapeutiker,  GegenstĂĽcke  zu  den 
»Femmes  d'Intrigue«,  welche  sich  zu  allerlei  Lug  und  Betrug  ge- 
brauchen lassen.  Alle  drei  in  der  ausgesprochenen  Absicht,  sich 
am  reichen  Tische  ihrer  Gönner  satt  zu  fressen.  Aus  diesen  und 
ähnlichen  Vorstellungskreisen  entsprangen  allerlei  typische  Figuren 
mit  Mißgestaltung  aller  Art,  welche  dem  zeitgenössischem  Leser 
und  Theaterbesucher  gute  Bekannte  waren.  Unter  den  kleinen 
antiken  Figurinen  m  i  t  p  a  t  h  o  1  o  g  i  s  c  h  e  n  Ăź  i  1  d  u  n  g  e  n  be- 
findet sich  nun  zweifelsohne  auch  eine  Reihe  von 
Reminiszenzen  an  die  Bühne.  Der  \'erdacht  der  Zugehörig- 
keit zur  Schaubühne  verträgt  aber  keine  medizinische  Analyse.  Es 
mögen  ja  immerhin  Originale  gelegentlich  Modell  gestanden  haben, 
die  beabsichtigte  Lächerlichkeit  aber  entkleidet  die  Gestalt  des 
wissenschaftlichen  Interesses  und  wirft  sie  in  den  Puppenkasten. 

DÄMONISCHE  KRANKHEITEN.     WAHNSINN. 
ALKOHOLISMUS. 

Den  Kennern  der  Medizingeschichte  ist  es  bekannt,  daß  die  dämo- 
nischen Krankheiten  zuerst  im  Mittelpunkte  mediko- artistischen 
Interesses  standen.  Das  lag  daran,  daß  zufällig  ein  großer  Nerven- 
arzt es  war,  der  mit  seinen  KĂĽnstleraugen  dieses  Gebiet  zu  seinem 
SpezialStudium  gemacht  hatte.  »Les  Demoniaques  dans  L'Art«,  Paris 
1887  von  J.  M.  Charcot  und  Paul  Richer  ist  das  grundlegende 
Werk,  in  welchem  die  konvulsivischen  Darstellungen  Besessener  in 
der  Kunst  unter  die  medizinische  Lupe  genommen  wurden.  Die 
Darstellungen  des  Exorzismus  fallen   meist  in  eine  trĂĽbe  Zeit,  und 


DÄMONIE. 


j)3 


SO    linden    wir   mit  Vorliehe   solche  Teufelsaustreibungen    al   fresco 
gemalt   oder   in    Mosaik    gearbeitet.     Unter   der   groĂźen  Masse  des 
illustrativen  Materials  finden  sich  eigentlich  nur  ganz  unbedeutende 
Arbeiten  in  plastischer  Form.    Wenn  solch  hgurenreiche  Szene  sich 
höchstens     für    Reliefdarstellungen 
eignet,   so  muĂźte  die  leidenschaft- 
liche  Bewegung   des   Einzelkorpers 
den  Künstler  zur  \'erkörperung  rei- 
zen.    In    der  Antike    waren  es  die 
wilden  dionysischen  Feste  und  ZĂĽge, 
welche      exaltierte      Körperhaltung 
hervorriefen.      Zustände     äußerster 
Erregung,  teils  hervorgerufen  durch 
ĂĽbertriebenen  WeingenuĂź,  teils  auch 
wohl  durch  die  Autosuggestion  des 
Tanzes;  orgiastisch  sinnliche  \'or- 
stellungen  förderten  Körperstellun- 
gen,  die  den  hysterischen  Konvul- 
sionen verwandt  sind.    Die  Antike 
bildete  die  rasenden  Bacchantinnen 
mit  Vorliebe  in  der  Weise,  daĂź  sie 
in  erregter  Stellung  mit  wallenden 
Gewändern,  die  zum  Teil  den  Kör- 
perentblößen, und  mit  zurückgewor- 
fenem Kopfe  und  fliegenden  Haaren 
den    Thyrsusstab    schwingen    und    sich    zum    wilden   Zimbelschall 
korybantisch    bewegen.     Oft    halten    sie   dabei    in    der  Hand   einen 
Teil  eines  Opfertieres.    BerĂĽhmt  sind  die  Reliefs  im  Louvre  und  in 
MĂĽnchen.    Aus  der  groĂźen  Zahl  dieser  mit  Vorliebe  auch  als  Vasen- 
schmuck   verwendeten   Darstellung   bringen  wir    das    schöne  Relief 
zu   Rom   aus   dem  Konservatorenpalast  (s.  Fig.237).     Die  Unruhe, 
die  dieses  schöne  junge  Weib  erfaßt  hat,  drückt  sich  hier  mehr  durch 
die   fliegenden  Gewänder   aus  und  die  in  wildem  Bewegungstriebe 
geschwungenen    Arme.      In  der  Rechten  hält  sie  das  Opfermesser, 


J'-io:     Aihuiri.      Rom.   Konse*~z-atorenpalast. 

257.     Menade.     Antikes  Relief. 


3^6  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ^ 

während  die  Linke  ein  Mertel  des  soeben  geopferten  Tieres  schwingt. 
Diese  hacchische  Raserei  nimmt  alle  Formen  an.  Aut  einem  Floren- 
tiner Relief  (Uffizien)  sehen  wir  auch  das  erschöpfte  Hinfallen 
nach  dem  rasenden  Taumeltanz.  Aut  anderen  zeigt  man  uns,  wie 
.Männer   voll    des   süßen  Weines  hinstürzen  oder  auch  ihre  Trink- 


Koiii.    latikan. 

Fig.  258.     Griechisches  Puteal  mit  dem  berauschten  Satyr. 

gefäße  verlieren.  Im  Gegensatz  zu  diesen  Wirkungen  des  Rebensaftes 
auf  Halbgötter  und  Menschen  finden  wir  den  Dionysos  selbst  meist 
in  göttlicher  Ruhe,  nur  gelegentlich  auf  Ampelos,  den  schönen  Jüng- 
ling (Weinstock)  gestĂĽtzt.  Nur  Satyrn  und  Silene  und  das  ganze 
Gefolge  des  Gottes  wird  berauscht  vom  Weine.  Eine  solche  Szene 
schildert  ein  berĂĽhmtes  griechisches  Puteal  im  Vatikan  (s.  Fig.  238). 
Allen  diesen  bewegten  Szenen  des  Rausches,  sowohl  des  Sinnen- 
rausches   als   auch    des   Tanz-    und   Weinrausches    entgegengesetzt 


BACCHISCHE  RASEREI. 


357 


ist  die  sich  in  verschiedenen  RepHken  wiederholende  Darstellung 
dessen,  was  man  richtig  eigentlich  nur  mit  dem  technischen  Volks- 
ausdruck »stiller  SufF«  bezeichnen  könnte.  In  voller  Seligkeit  umarmt 
die  Alte  den  Riesenweinkrug,  den  sie  liebend  auf  dem  Schoß  hält.  Mit 


Phot.   Alinari.     Rom.  Musruin  KapilnL 

Flg.  259.     Trunkenheit.     Antiker  Marmor. 


frĂĽhzeitig  gealterten  GesichtszĂĽge  blickt  die  Alte  beseligt  nach  oben 
und  ihr  zahnloser  Mund  singt  das  hohe  Lied  auf  Bacchus  (s.  Fig.  239)'). 
Doch  solche  Seligkeit  dauert  nicht  allzu  lange,  die  Stimmung 
schlägt  auch  bei  Trinkfesten  um  und  dann  ereignet  sich  das,  was 
auf  griechischen  Trinkvasen  gelegentlich  dargestellt  wird  (s.  Fig.  260). 

')  Bei  der  kapitolinischen  Statue  ist  der  Kopf  ergänzt. 


338 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Mit  einem  erfrischenden  Naturalismus  hat  der  Vasenmaler  die  Szene 
geschildert,  auf  der  bei  einem  Symposion  einer  der  Gäste  nicht 
weiter  kann  und  er  fĂĽhrt  sich  mit  dem  rechten  Zeigefinger  ein 
Instrument')  in  den  Rachen,  nachdem  ihm  bereits  vorher  vor  seinem 
Lager  eine  groĂźe  Ăźrechschale  hingesetzt  ist.  Eine  Tischgenossin 
hält  ihm  dabei  lächelnd  den  Kopf.    Solche  Wirkungen  des  Trinkens 


Koiti,   Museitm   Grt'gorian. 

Fig.  260.     Szene  eines  Symposion. 

waren  als  Zierde  von  rotfigurigen  Schalen  beliebt.  Hine  ähn- 
liche Szene  einer  vomierenden  Ägypterin  aus  Theben  bildet 
Thomas  Wright")  ab. 

Wir   wollen    diese    Reminiszenzen    aus   frĂĽherer   Zeit    verlassen 
und   einige   plastische  Darstellungen    nervöser  und  psychischer  Er- 


')  Auf  vielen  andern  Vasenbildern  wird  nur  der  nackte  Finger  eingefĂĽhrt. 
-)  Th.  Wright,   Fig.   i    aus  Sir  Gardener  Wilkinson ,  Manners  and  Customs. 


NAUSEA. 


3)9 


3  6o  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ^ 

krankungen  vorfĂĽhren.  Gelegentlich  finden  wir  ja  auf  Sarkophagen 
oder  auch  bronzenen  KirchentĂĽren  oder  elfenbeingeschnitzten  Buch- 
deckeln plastisch  geschildert,  wie  Teufel  ausgetrieben  werden.  Es 
befinden  sich  dabei  auch  die  glĂĽcklich  Befreiten  oftmals  in  inter- 
essanten Stellungen.  Meist  sieht  man  dann  auch  einen  kleinen  Teufel 
entweder  schon  in  der  Lutt  oder  auch  aus  einer  Körperöffnung 
sich  flĂĽchtig  entfernen.  Auf  der  ErztĂĽr  zu  Verona  in  der  Kirche 
des  heiligen  Zeno  befindet  sich  so  z.  B.  eine  Figur  mit  einem  voll- 
kommenen Cercle.  Der  Bogen,  der  hier  angeblich  von  der  Salome 
gestellt  wird,  die  sogenannte  groĂźe  hysterische  Attacke,  ist  ein  wirk- 
lich kreisrunder  Clownismus.  Bei  Gelegenheit  der  Heiligenbehand- 
lung werden  wir  weitere  Darstellungen  dieser  Art  wiederfinden. 
Wegen  seiner  tvpischen  Stellung  des  hysterischen  Zirkels  fĂĽhren 
wir  aber  schon  an  dieser  Stelle  das  Relief  des  Niccolö  Pisano  aus 
Bologna  vor.  Links  und  rechts  geschehen  Heilwunder  von  den 
SchĂĽlern  des  heiligen  Domenikus.  Bei  der  zurĂĽckgeworfenen 
Krampfstellung  der  Mittelfigur  mit  nach  auswärts  gerolltem  Arme 
und  stark  kontrahierter  Fingerstellung  mĂĽssen  wir  ĂĽberzeugt  sein, 
daĂź  der  KĂĽnstler  Gelegenheit  hatte,  solche  hysterische  Krisen  zu 
beobachten  (s.  Fig.  261). 

FrĂĽher  im  Garten  des  Amsterdamer  Irrenhauses,  jetzt  im  Staats- 
museum befindet  sich  die  Statue  eines  Weibes,  welche  den  Wahn- 
sinn, den  akuten  Ausbruch  maniakalischer  Verwirrung  darstellt 
(s.  Fig.  262).  OhneZweifel  hat  der  KĂĽnstler,  der  diese  Statue  Anfangs 
des  17.  Jahrhunderts  modelliert  hat,  Studien  im  Irrenhause  gemacht. 
Die  AttitĂĽde,  die  dieses  wahnsinnige  Weib  einnimmt,  ist  von  un- 
glaublich kĂĽnstlerischer  Geschlossenheit.  Obwohl  sie  sitzt,  ist  alles 
an  ihr  in  leidenschaftlicher  Erregung.  Der  Kopf  mit  dem  weit  aut- 
gerissenen Munde  und  den  schmerz-  und  angstverzerrten  ZĂĽgen 
wird  von  ihr  selbst  durch  Zug  und  Gegenzug  an  ihren  langen 
Haaren  in  schräger  Balance  gehalten.  Nachdem  sie  sich  die  Kleider 
vom  Leibe  gerissen,  scheint  sie  eben  im  Begriff,  in  wilder  Erregung 
aufzuspringen.  Doch  der  Körper  wird  von  einem  Bewegungs- 
drange beherrscht,    welcher  keine  koordinierten  Muskelbewegungen 


HYSTERISCHE  KONVULSIONEN. 


361 


Orig.-Aii/tt.     Amsicrtiain,  Staaismuseuni. 

Fig.  262.     Wahnsinn  {frĂĽher  im  Garten  des  Irrenhauses), 


362 


KRANKHEITSDARSTELLUXGEN. 


zuläßt.  Dr.  C.  E.  Daniels,  der  die  Güte  hatte,  dieses  Monument 
mit  den  Köpfen  am  Sockel  lür  mich  photographieren  zu  lassen, 
datiert  das  Denkmal  frĂĽher  als  1591.  Der  KĂĽnstler  ist  unbekannt. 
Meige  und  R  icher  glauben  das  Werk  Hendrick  de  Kijeser 
(1565  — 1621)    zuschreiben    zu    dürfen.      \'on    den    vier    Sockel- 


Fig.  263.     Detail  vom  Amsterdamer  Denkmal. 


köpfen  sind  zwei  leider  sehr  verstümmelt.  Auch  diese  Masken 
stellen  porträtierten  Wahnsinn  vor.  Leider  ist  die  Erhaltung  eine 
schlechte.  Die  Köpfe  sind  aber  in  der  Weise  angebracht,  daß  es 
dem  KĂĽnstler  offenbar  vorschwebte,  als  wenn  sich  hier  Wahn- 
sinnige aus  dem  Kerker  ihres  Irrenhauses  befreien  wollten.  In 
dieser  Weise   aufgefaĂźt   erscheint   das    Denkmal    als   eine  Tendenz- 


WAHNSINN. 


363 


Skulptur,  wĂĽrdig  als  Vorbild  fĂĽr  die  Malereien  eines  Wiertz.  Das 
Hinauswollen  aus  der  Luke  markiert  hei  dem  verbundenen  Kopfe 
des  alten  Mannes  die  unter  dem  Kinn  sich  vordrängende  Hand 
(s.  Fig.  263).  Geradezu  aber  von  einem  ĂĽberraschenden  Natura- 
lismus und  von  imponierender  Größe   ist   der  Kopf  Fig.  264,    den 


Orrt;.-Ait/'>i_      Amsterdam. 

Fig.  264.     Detail  vom  Amsterdamer  Denkmal. 


ich  fĂĽr  einen  Frauenkopf  halten  wĂĽrde,  wenn  nicht  ausdrĂĽcklich 
die  Denkmalsbeschreibung  Daniels  von  Männerköpfen  spräche. 
Dieser  Kopf  hat  eine  ganz  auffallende  Ähnlichkeit  mit  dem  Frauen- 
kopf auf  dem  großen  Rubensschen  Gemälde  in  Wien,  »der  heilige 
Ignatius  Besessene  heilend  und  Kinder  erweckend«.  Es  zeigt  nun 
aber  eine  Studie  des  Rubens,  welche  sich  im  Wiener  Museum  be- 


3  64  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ® 

findet  und  von  Ch  a  reo  t- R  icher  in  ihrem  Buche  (1.  c.)  wieder- 
gegeben wird,  eine  derartige  Ăśbereinstimmung,  daĂź  die  Annahme 
berechtigt  ist,  daĂź  Rubens  vielleicht  von  diesem  Denkmale  be- 
einfluĂźt worden  ist;  weniger  ist  das  meines  Erachtens  bei  dem 
Gesichte  der  Statue  selbst  der  Fall,  wie  dies  Rieh  er  1.  c.  S.  108 
annimmt. 

Im  Verhältnis  hierzu  ist  der  Giebelstein  der  Jan  van  Arckel- 
Stiftung  in  's  Hertogenbosch,  die  Arbeit  eines  Anonymus  aus  dem 
Jahre  1686,  eine  schwächere  Leistung.  Jedenfalls  sehen  wir  Wahn- 
sinnige vor  uns,  von  denen  drei  hinter  SchloĂź  und  Riegel  sich 
befinden  und  ofifenbar  gemeingefährliche  Kranke  vorstellen  sollen, 
während  zwei  andere  Entfesselte  gewissermaßen  als  wilde  Männer 
das  Stiftungswappen  halten.  Den  Sinn  der  Darstellung  restlos 
zu  enträtseln  ist  schwierig;  die  beiden  großen  Figuren  werden 
essend  dargestellt,  allerdings  beiĂźt  der  eine  in  seinen  Arm  mit  ge- 
fletschten Zähnen,  obwohl  er  in  der  Rechten,  wie  es  scheint,  etwas 
Eßbares  hält;  es  soll  wohl  die  Sinnlosigkeit  seiner  Handlung  aus- 
drĂĽcklich betont  werden.  Die  ĂĽbrigen  Gesichter  sollen  wohl  die 
verschiedenen  Formen  schwerer  psvchischer  Krankheit  vorstellen. 
DaĂź  es  sich  um  TobsĂĽchtige  handelt,  verraten  die  schweren  eisen- 
beschlagenen TĂĽren  mit  den  kleinen  Luken  und  die  eisernen  Ketten, 
die  frĂĽheren  Panaceen  gegen  die  Tobsucht. 

Im  Boboligarten  in  Florenz  stehen  drei  Steinfiguren ,  welche 
dem  Dadda  zugeschrieben  werden  und  als  PossenreiĂźer  bezeichnet 
werden.  Dem  Mediziner  ist  es  bald  klar,  daĂź  diese  Figuren  Studien 
aus  dem  Narrenhause  zur  Voraussetzung  haben.  Wir  erinnern  ims 
dabei  mit  einer  gewissen  Beschämung,  daß  im  16.  und  selbst  im 
17.  Jahrhundert  Geisteskranke  im  gĂĽnstigsten  Fall  als  Narren  be- 
handelt wurden  und  zur  Belustigung  und  zum  Gespötte  des  Publi- 
kums dienten.  Wir  erwähnten  bei  Betrachtung  eines  holländischen 
Irrenhauses')  den  Gitterkasten,  in  dem  Maniakalische  gewisser- 
maßen wie  die  wilden  Tiere  öffentlich  ausgestellt  wurden.  Gegen 
Entree  konnte  man  dann  durch  Stochern  die  Eingesperrten  zur  Wut 

')  S.  Holländer,  Die  Karikatur  und  Satire  in  der  Medizin.  S.   121. 


WAHNSINN. 


365 


366 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


bringen.  Jene  Zeit  hatte  an  solclien  seltsamen  Genredarstellungen  eine 
offenbare  Freude;  muten  doch  diese  drei  »Mattaccini«  wie   zu  Stein 


gewordene  Figuren  des  berĂĽhmten  Jacques  Callot  an.    Die  mittlere 
Figur    mit   dem  scheußlichen  Profil  und  totenähnlichem  Kopfe  er- 


DER  BLICK.  367 


scheint  als  ein  gefesselter  Maniakalischer,  die  beiden  anderen  sind 
Gegenstücke.  Die  Haltung  der  kontrakten  Arme  und  der  gelähmten 
Hände  ist  eine  von  den  Künstlern  seit  alters  beliebte  Darstellung. 
Auch  aus  dem  Altertume  besitzen  wir  eine  Reihe  solcher  atro- 
phischer Armstellungen,  wie  sie  infolge  einer  schweren  nervösen 
Störung  vorkommen').  Der  Kopf  des  einen  Possenreißers  erinnert 
mit  der  seitwärts  ausgestreckten  Zunge  an  den  Hemispasmus 
hystericus  und  korrespondiert  hiermit  auch  der  maximale  Schulter- 
hochstand (Fig.  266). 

Gern  erinnern  wir  uns  bei  diesen  Florentiner  Figuren  ,  daĂź  es 
gerade  ein  Florentiner  Arzt  war,  \'incenzo  Chiarugi,  der  als  leitender 
Irrenarzt  als  einer  der  ersten  fĂĽr  eine  freiere  Behandlung  von 
Geisteskranken  eintrat.  Sein  Werk  »Della  Pazzia  in  genere  e  in 
specie«  erschien  1793.  In  seinem  Hospital  waren  Schläge  streng 
verboten.  Er  war  ein  Pionier  fĂĽr  die  bessere  Krankenpflege  und 
Behandlung  von  Geisteskranken   und  TobsĂĽchtigen. 


DIE  SKULPTUR  DER  BLINDHEIT. 

Es  liegt  in  dem  Wesen  der  Plastik,  daĂź  die  Darstellung  des 
lebendigen  Blickes  ein  Hauptproblem  der  Porträtkunst  ist.  Nicht 
nur  das  Farbenspiel  der  Regenbogenhaut,  welches  in  Verbindung 
mit  der  sonstigen  Pigmentierung  den  brĂĽnetten  oder  blonden 
Tvpus  bestimmt,  fällt  für  die  Skulptur  weg,  sondern  auch  die 
vielfachen  Lichtreflexe  und  die  dem  individuellen  Auge  eigentĂĽm- 
lichen Krümmungsverhältnisse  des  Augapfels.  Wenn  wir  die  Skulp- 
tur der  primitiven  Völker  betrachten,  so  linden  wir,  daß  zunächst 
die  Wiedergabe  einigermaßen  anatomisch  richtiger  \'erhältnisse  des 
Auges  mĂĽhsam  gelernt  werden  muĂźte.  Sowohl  die  Behandlung 
der  inneren  und  äußeren  Lidwinkel  als  auch  des  Raumes  zwischen 
Braue  und  Lid,  die  Lage  des  Augapfels  im  Skelett,  machen  der- 
artige   Schwierigkeiten,    daĂź    der    KĂĽnstler    noch    gar    nicht   daran 


')S.  Felix   Regnault,    Une  Collection  de  Terres  cuites   pathologiques   de    rEpoque 
Alexandrine. 


368 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


denken  kann ,  an  die  Wiedergabe  der  Wirgänge  im  Augeninnern 
zu  gehen.  Wenn  wir  unser  angewöhntes  Übersehen  solcher  Dar- 
stellungsfehler in  Abzug  bringen,  so  mĂĽĂźten  wir  einen  groĂźen 
Teil  archäischer  Gesichter  eigentlich  tür  blind  erklären,  jedenfalls 
fehlt  noch  in  den  hochgelegenen  Augäpfeln  mit  geringer  Aus- 
arbeitung der  umgebenden  Weichteile  jede  Andeutung  des  Blickes. 
Die  Augen  erscheinen  vorstehend  und  ausdruckslos;  der  antike  Be- 


\ 


^ 


Orig.'Phot .      Stant/'ul ,    Ottt^m .   Museiijn, 

Fig.  267.     Augenausdruck.     Detail  vom  sog.  Ale.xandersarkophag. 

trachter  konnte  sich  durch  die  nachgewiesene  Bemalung  der  Augen 
an  einem  lebendigeren  Ausdruck  erfreuen.  Das  gilt  namentlich 
auch  tür  Holzskulpturen.  Die  späteren  Epochen,  vielleicht  seit 
des  Phidias  Zeit,  bestreben  sich,  die  anatomische  Lage  des  Auges, 
das  Verhältnis  des  Apfels  zum  oberen  Orbitarande  anatomisch 
richtig  zu  gestalten  und  die  Glotzaugen  zu  vermeiden,  und  nament- 
lich auch  tĂĽr  die  umgebenden  Lidspalten  eine  tvpische  Form  zu 
finden.  Noch  in  der  Zeit  der  ersten  BlĂĽte  ist  der  Augapfel  selbst 
fiist  immer  glatt  gehalten,   und  wenn   auch   die  umgebenden  Weich- 


DER  BLICK. 


369 


teile  in  ihrer  lebendigeren  Gestaltung  schon  den  Versuch  unternehmen, 
dem  Auge  einen  Ausdruck  zu  verleihen,  so  ist  doch  noch  eine  groĂźe 
ZurĂĽckhaltung  nach  dieser  Richtung  zu  verspĂĽren.  Die  Augen  des 
Praxiteles,  Skopas  und  Lvsipp  erstreben  schon  eine  Nachahmung  der 
Regenbogenhaut  und  der  Pupille.  Die  Charakterisierung  der  GefĂĽhle 
von  Schmerz  und  Zärtlichkeit  wird  durch  den  Gesichtsausdruck  zart 
und  weich  angedeutet  und  reflektiert  auf  das  Auge;  die  ausdrucks- 
vollere Stirnbildung,  die  Darstellung  der  Augenbrauen,  der  Nasen- 
wurzel, die  verschiedene  Wöl- 
bung des  Auges  selbst,  geben 
dieser  Epoche  ihre  charakteri- 
stische Note.  In  der  späteren 
Zeit  werden  alle  diese  Momente 
leidenschattlich  gesteigert,  die 
Falten,  Buchten,  Höhen  und 
Tiefen  in  der  Umgebung  des 
Auges  ertahren  eine  größere 
Betonung;  Pupille  imd  Iris  er- 
fahren eine  eindringliche  Bear- 
beitung: der  Blick  ist  jetzt  im 
Willen  der  Meisters.  Keusch 
und  jungfräulich  kann  er  ge- 
geben werden,  ängstlich  und 
lĂĽstern;  die  plastische  \'er- 
körperung  sucht  immer  mehr 
die  xA.ufgaben  der  Darstellung 
von  Schmerz  und  Wut,  den  letzten  Blick  vor  dem  Versinken  in  das 
Dunlcel  und  alle  psvchischen  Erregungen  zu  bilden.  Welche  Meister- 
schaft in  der  Wiedergabe  solchen  Augenausdruckes  erreicht  worden 
ist,  dafĂĽr  ist  der  sogenannte  Alexandersarkophag  ein  Zeugnis.  Es 
fehlen  die  Worte  der  Bewunderung  und  der  Schilderung  solcher 
imposanten  Leistung.  Jeglicher  Kopt  enthĂĽllt  mit  den  Augen  seine 
Gedanken.  Wir  sehen  die  Angst  vor  der  Walle  des  Feindes,  das 
x-\bschiedswort  von  der  sonnigen  Natur  und  der  liebenden  Frau  vor 

Holländer,   Plastik  unil  Medizin.  -4 


Neapel. 

Fig.  268.     Kopf  eines  Ringers  (Lysippisch). 
Antike  Bronze. 


370 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


dem  Empfang  des  Todesstreiches  und  den  Triumph  des  Siegers, 
LUid  alles  dies  nur  in  den  Augensternen,  da  das  ĂĽbrige  Gesicht 
durch  die  Tracht  der  Barbaren  verluillt  ist.  Hin  Blick  auf  den  ab- 
gebildeten Kopf  (s.  Fig.  267)  wird  davon  eine  Wirstellung  geben, 
die  natĂĽrlich  die  Betrachtung  des  Originals  nicht  ersetzen  kann. 
Denn  die  Farbengebung,  die  an  dieser  einzigen  Alarmorarbeit  treff- 
lich erhalten  ist,  erhöht  noch  die  Lebendigkeit  des  Ausdrucks. 
Alle  diese  Momente,  die  hier  nur  schematisch  angedeutet  werden 
konnten  als  \'orbemerkungen,  haben  eine  intime  ^^Tirdigung  ge- 
iimden  durch  die  Untersuchungen  von  Hugo  Magnus').  Dieser 
kunstgelehrte  Augenarzt  stellt  sich  in  dieser  Studie  aut  die  Seite 
Herders  (Plastik  1862,  Bd.  13,  S.  48):  »Einige  Statuen  haben  Aug- 
äptel.  ^^'o  es  erträglich  sein  soll,  muß  er  nur  angedeutet  sein,  und 
die  meisten  und  besten  haben  keinen.  Es  war  schlimmer  Geschmack 
der  letzten  Jahrhunderte,  da  man,  statt  schön  zu  machen,  reich  machte 
und  Glas  und  Silber  hineinsetzte.  Ebenso  war's  Jugend  der  Kunst, 
die  noch  aus  hölzernen  Denkmälern  hervorging,  da  man  die  Statuen 
tärbte.  In  den  schönsten  Zeiten  brauchten  sie  weder  Röcke  noch 
Farben,  weder  Augaplel  noch  Silber;  die  Kunst  stand  wie  \'enus 
nackt  da,  und  das  war  ihr  Schmuck  und  Reichtum.«  Die  Be- 
strebungen, den  Skulpturen  die  Lichteflekte  des  Auges  zu  er- 
obern, verfolgten  die  verschiedenste  Technik ;  wir  sahen  schon  den 
Ersatz  der  Regenbogenhaut  durch  Bemalung.  Man  nahm  auch 
in  der  antiken  Skulptur  farbige  Smaltsteine;  man  hat  Augen  ge- 
funden, die  aus  Bernstein  und  Hörn  gebildet  waren,  und  nicht 
nur  begnĂĽgte  man  sich,  Iris  und  Pupille  aut  diese  Weise  leben- 
diger   zu    geben,    sondern    man    umgab    auch    die   gedrehten    Aug- 


äpfel mit  einer  Schicht  von  bearbeitetem  Silber,  um  das  feucht 
Schimmernde  der  Skleren  herauszubekonunen.  Wer  die  aut  uns  ge- 
kommenen Werke  der  antiken  Porträtkunst  gesehen  hat,  und  nament- 
lich die  farbigen  Büsten  aus  römischer  Zeit  und  die  Bronzen  mit 
den   silbernen  Augen,    wird    von   diesen   Bestrebungen   keinen    be- 


'i  Hugo  Magnus,  Die  Darstellung  des  Auges  in  der  antiken  Plastik.    Leipzig,  .\.  See- 
mann 1892. 


HOMER. 


371 


sonderen  Eindruck  gewonnen  haben;  zugeben  aber  mĂĽssen  wir  wohl, 
daĂź  an  den  berĂĽhmten  Gold-Elfenbeinstatuen  mit  diesen  Mittehi 
wahrscheinHch  ein  ganz  anderer  Effekt  erzielt  wurde  als  z.  B.  mit 
den  Silbereinlagen  bei  Bronzeköpfen  (s.  Fig.  268).  Wenn  wir  uns 
diese    Situation    vergegenwärtigen    und    dabei    auf    die    hellenische 


Plu^t.  Aiinari.     Xcapi'l,   Nat .-Museum. 

Fig.  269.     Homer. 

Skulptur  als  den  Höhepunkt  rekurrierten,  so  haben  wir  schon  die 
ganze  Schwierigkeit  der  Skulptur  der  Blindheit  entwickelt.  Schon 
die  Tatsache,  daĂź  erst  von  der  ersten  BlĂĽtezeit  dieser  Kunst  an  der 
Versuch  gemacht  wird.  Blick,  Richtung  und  Augenausdruck  in- 
dividuell zu  gestalten,  zeigt  die  Unmöglichkeit,  in  hocharchaischer 
Zeit  die  Blindheit  ĂĽberhaupt  plastisch  zu  gestalten.  Nachtragen 
müssen  wir  dabei,    daß  die  Ausfüllung  der  Augenhöhle  als  solche 


572 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


oftmals  ĂĽberhaupt  unterblieb.  Die  Wirkung  der  leeren  Augen- 
höhlen bei  einer  Plastik  ist  eine  derartige,  daß  mit  diesen  tech- 
nischen Hilfsmitteln  beinahe  dieselbe  Wirkung  erzielt  wird,  wie 
mit  der  Behandlung  der  ausgefüllten  Augenhöhle  durch  einen 
glatten  Augapfel.  Der  Ausdruck  wird  erst  in  beiden  Fällen 
durch     das     Mienenspiel     gewährleistet,      zu     dem     die     Wirkung 


Fig.  270.     Hdmer  von  der  -Seite.     Antiker  MaLiii.ii.      Aus  Herkulanum. 

der  Beleuchtung  hinzukommt.  Die  antiken  BĂĽsten  des 
Homer  geben  uns  die  breiteste  Unterlage  fĂĽr  die  Betrachtung 
der  Frage,  wie  die  griechische  Plastik  die  Blindheit  charakterisierte. 
Wenn  auch  die  17  Büsten,  die  Hugo  Magnus  aufzählt,  offenbar 
auf  dasselbe  Original  zurĂĽckgehen,  so  ist  doch  bei  den  Iiinzel- 
köpfen  von  den  Bildhauern  so  viel  künstlerische  Freiheit  ver- 
wandt, daĂź  das  Problem   der  Skulptur  der  Blindheit  mit  ganz  ver- 


HOMER.  3  y  3 


schiedenem  Erfolge  gelöst  wurde.  Außer  den  Büsten  sind  uns 
noch  figurenreiche  Reliefs  und  Statuen  erhalten,  welche  meist  die 
Apotheose  des  Dichters  verkörpern.  Auf  diesen  aber  und  auf 
Medaillen  und  Gemmen  wird  das  Gesicht  des  Dichters  im  Profil 
eingestellt,  eine  für  die  Blindendarstellung  höchst  ungünstige  Rieh- 
tung.  Die  antike  Vorstellung  verlangte  bei  der  Darstellung  des 
Homerkopfes  in  erster  Linie  die  Porträtierung  eines  hochbetagten 
Mannes  mit  ausdrucksxollem  gewaltigem  Kopfe,  dessen  Haupt  eine 
bedeutende  Haartülle  umgab.  Der  Mund  ist  wohl  in  allen  Fällen 
halb  geöffnet,  da  aus  ihm  die  berühmten  Gesänge  flössen.  In  ein- 
zelnen, sonst  wohlgelungenen  Köpfen  vermissen  wir  aber  auch  den 
\'ersuch  einer  Blindencharakterisierung,  in  anderen  (namentlich  den 
Kopten  in  Neapel  und  Rom  Palazzo  Doria  [s.  Fig.  271],  ferner  auch 
in  der  BĂĽste  aus  Sanssouci)  ist  die  Blindheit  realistisch  zum  Aus- 
druck gebracht.  Das  charakteristischste  Symptom,  welches  bei  dem 
Neapler  Hcmier  (s.  Fig.  269  u.  270)  auch  dem  naiveren  Beschauer 
autfällt,  ist  die  Kleinheit  der  Augäpfel.  Fs  ist,  als  wenn  tat- 
sächlich die  Spannung  des  Bulbus  verloren  gegangen  wäre,  gleich- 
zeitig scheint  das  ganze  Fettpolster  der  Augenhöhle  beträchtlich  ge- 
schwunden, was  seinerseits  wieder  eine  tiefe  Faltenbilduna:  der  um- 
gebenden  Weichteile,  namentlich  am  oberen  Augenlid  und  dessen 
Übergang  zu  dem  Orbitalrande  hervorgerufen  hat.  Erhöht  dies  den 
greisenhaften  Ausdruck  im  allgemeinen,  so  erregt  die  auffallend 
kleine  Lidspalte  die  Aufmerksamkeit  im  besonderen.  Es  kommt 
noch  hinzu,  daĂź  diese  Lidspalte  an  dem  linken  Auge  des  neapolitani- 
schen Kopfes  kleiner  ist  als  die  rechte,  wodurch  dieses  Auge  schein- 
bar weiter  geöffnet  erscheint  als  das  linke.  Der  Künstler  hat  da- 
durch dem  Greisengesicht  einen  matten  erloschenen  Augenausdruck 
gegeben.  Die  genauere  Betrachtung  zeigt  aber,  daß  auch  die  Wölbung 
der  glatt  gehaltenen  Augäpfel  eine  nach  außen  etwas  stärker  ab- 
fallende ist,  so  daĂź  gewissermaĂźen  eine  Divergenz  des  leeren,  in  die 
Unendlichkeit  gerichteten  Blickes  herauskommt.  Ähnliche  \'erhäli- 
nisse,  wenn  auch  nicht  so  prägnant  zum  Ausdruck  gebracht,  finden 
wir  bei   dem   kapitolinischen  Homer  (s.   Fig.   273).     Zu   dieser  Ver- 


374  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ^ 

körperung  kommt  bei  dem  Homer  des  Pahizzo  Doria  noch  eine 
ausgesprochenere  Leerheit  der  geschrumpften  Augäpfel  hinzu  mit 
stärker  vorspringenden  Lidern.     Wir  haben   es   bei  dieser  Bhnden- 


Anderson.     Kont,  Falazzi^  J'oria. 

Fig.  271.     Homer.     Antiker  IMarmor. 


darstellung  offenbar  mit  einer  reahstischen  Naturkopie  zu  tun. 
Der  Meister  des  Originals  hatte  ein  iModell  zur  Hand,  aber  nicht, 
wie  manche  annahmen,  einen  staarblinden  Alten,  denn  diese  Krank- 


HOMER.  375 


hcit  in  ihren  verschiedenen  Formen  bringt  keine  Schrumpfung  der 
Augäpfel  und  der  Lider  zustande.     Das    anatomische  W'rhahen   der 


FItot.   Aiinari.      Kotn,   Museum  Kapital. 

Fig.  2-2.     Homer.     ."Xntiker  Marmor. 


Augen  deutet  mehr  darauf  hin,    daĂź  eine  erworbene  schwere  Ent- 
zündung des  \orderen  Auges  zur  Bhndheit  führte.     Die  Häufigkeit 


376 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


von   Augenent/ĂĽndungen    dieser    Art    hat    sich    bis    heute    in    den 
Mittehncerländcrn  gehalten. 


Fig  273.     Homer.     Antiker  Marmor. 


Museum  Kapitoi. 


Unter    den    Rephken ,     welche    individuelle    EigentĂĽmlichkeiten 
zeigen,     ist     der     antike     Bronzekopf     aus     dem     archäologischen 


HOMER. 


377 


Museum  in  Florenz  erwähnenswert;  einmal  zeigt  hier  der  Kopt 
eine  leichte  Senkung,  sodann  verrät  die  Behandlung  der  Augen 
eine  besonders  realistische  Auffassung.  Die  Phthisis  der  Bulbi 
ist  besonders  ausgesprochen,  die  Augenlider  hängen  über  bei- 
nahe leeren  Augäpfeln,  Haare  und  Bart  sind  in  ihren  Pro- 
portionen verändert,    und  der  ganze  Kopf  sieht  eher  wie  der  eines 


«iäMni^ 


Fliot.   Alinari.     Mttseum   Kapitol. 

Fig.  274.     Homer,     .\ntiker  Marmor. 

weisen  Rabbi  aus  (s.  Fig.  275).  Das  imponierend  GroĂźe  des 
Kopfes  ist  ganz  geschwunden  aus  einer  TerrakottabĂĽste  der  italieni- 
schen Renaissance,  die  ich  bei  einem  Florentiner  Antiquar  fand;  ich 
erwähne  dieselbe  ausdrücklich,  weil  von  allen  mir  bekannten  Homer- 
köpfen hier  die  Blindheit  einen  mehr  abstoßenden  als  großartigen 
Ausdruck  gefunden  hat.  Er  erscheinen  auf  diesem  Original  die 
Augenhöhlen    wirklich    leer.      Der    weit    geöffnete    Mund    und    das 


378 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Tragische  des  Gesichtsausdruckes   geben   dieser  Komposition  etwas 

Fremdes  (s.  Fig.  276). 

Auf  zwei  Punkte  noch,  als  charakteristische  Ăźegleitsymptome  der 

Bhndheitsdarstellung,  mĂĽssen  wir  unsere  besondere  Aufmerksam- 
keit lenken.  Das  erste  ist  die 
gehobene  Haltung  des  Kopfes, 
welche  angedeutet  fast  alle 
Homerköpte  zeigen,  am  meisten 
der  der  Galleria  Doria,  und 
dann  die  I-altenbildung  an  der 
Stirn.  Man  hat  frĂĽher  in  dieser, 
dem  Himmel  zugewandten 
Stellung  den  Ausdruck  der  Ent- 
zĂĽckung sehen  wollen,  der  be- 
geisterten \'isionen  des  Sehers 
und  Dichters.  Augenärztlich 
(s.  Magnus)  wird  nun  be- 
richtet, daĂź  nur  S(.)lche  Hrblin- 
dungsformen  zu  einer  Hebung 
des  Koptes  nach  oben  fĂĽhren, 
deren  Ausgang  vom  hinteren 
Pol  und  durch  die  lichtem- 
phndenden  resp.  leitenden  Or- 
gane bedingt  ist.  (Gleichzeitig 
sollen  bei  derartigen  Frblin- 
dungstormen  die  Brauen  nie- 
mals beschattend  nach  unten 
zusammengezogen      sein,     im 


I-toreiiz.  Anhiipl.  Museum, 

I*'g-  275.     Antike  BronzebĂĽste  des  Homer. 


Gegenteil,     solche     Erblindete     heben     die    Brauen    derartig 


daĂź 


bogenförmige  Falten  auf  der  Stirn  entstehen.  Umgekehrt  zeigen 
aus  einer  Erkrankung  der  vorderen  AugapfelhĂĽlse  Erblindete  das 
umgekehrte  Verhältnis;  das  Haupt  wird  gesenkt,  die  Brauen  werden 
stark  nach  unten  gezogen,  die  Stirnhaut  zwischen  den  Brauen  zeigt 
senkrecht    verlautende    Falten.      Alles    AusdrĂĽcke    der    Lichtscheu. 


KĂśNSTLERISCHE  KOMBINATION. 


379 


Nehmen  wir  diese  Maximen  von  Hugo  Magnus  als  richtig  an, 
so  kontrastiert  tatsächhch  die  Haltung  des  Homerkopfes  und  die 
Mimik  seines  Gesichtes  mit  der  Darstellung  des  Augapfels.  Es  ist 
also  ein  Unterschied  zwischen  rein  ärztlicher  Beobachtung  und 
kĂĽnstlerischer  AusfĂĽhrung.  \\'ie  sollen  wir  uns  diesen  Kontrast 
erklaren?  Wollen  wir  den  fachmännischen  Ausführungen  des  Augen- 
arztes folgen  und  hier  in  der  gehobenen  Kopfstellung  und  den 
aufwärts  gezogenen  Brauen  die  Entzücktheit  des  Dichters  dargestellt 
hnden,  oder  sollen  wir  lieber  an- 
nehmen ,  daĂź  Beobachtungsfehler 
vorliegen ,  und  der  KĂĽnstler  zwar 
persönliche  Studien  an  Erblindeten 
machte,  aber  die  verschiedenen 
Svmptome  bei  den  verschiedenen 
l'>krankungen  zusammcnwarl  und 
zu   einem  Bilde  vereinigte. 

Wir  stoĂźen  dabei  wieder  auf  den 
Punkt,  der  manchen  Bearbeiter  in 
dem  Grenzgebiete  zwischen  Kunst 
und  Medizin  zu  IrrtĂĽmern  und 
TrugschlĂĽssen  Veranlassung  gab. 
Die  voraussetzungslose  Kunst  schafft 
ja  gelegentlich  veristische  Natur- 
abschreibungen auch  krankhafter 
Körperlichkeit,  die  nachträglich  me- 
dizinische Gelahrsamkeit  bis  in  die  feinsten  Nuancen  als  richtig 
beobachtet  nachweisen  konnte.  Im  allgemeinen  aber  kombiniert 
der  KĂĽnstier  menschliche  Eorm  aus  einer  Summe  von  Beobach- 
tungen, und  auf  dem  Wege  zu  einem  Idealkanon  schafft  er  sich 
seinen  Idealtypus.  Wo  finden  sich  Praxitelische  Epheben  und  Götter, 
wo  Michelangeleske  Hirten  und  Herzöge?  Die  häufige  Betrachtung 
einer  solchen  kĂĽnstlerischen  Einheit  wird  zur  Gewohnheit  und  zum 
Schema.  Aus  Lichtblindheit  und  Lichtempfindlichkeit,  Reizung 
und  Lähmung  prägt  der  Künstler  sich  meines  Erachtens  die  Blind- 


â– UMta 

Orii;;;.-AfiJ'n. 

Fig.  276.     Renaissance-Terrakotta. 


38o 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


heitshieroglyphe  gleichsam  wie  ein  musikalisclics  Moti\' fĂĽr  die  Blind- 
heit. Die  Beobachtung  zeigte  ihm,  daĂź  Erblindete  gelegentlich  mit  auf- 
wärts erhobenem  Kopte  sich  vorwärts  tasten,  und  daß  hierbei,  wie 
überhaupt  bei  angestrengtester  nervöser  Konzentration  eine  heftige 
und  leidenschaftliche  Aktion  der  Stirnmuskulatur  eintreten  kann, 
dann  besonders,  wenn  der  Blinde,  aus  der  Lethargie  seines  Daseins 
erwachend,  eine  Handlung  begehen   will.     Er  wandte  fehlerhaft  aber 


Florenz. 

Fig.  277.     Kopf  des  Schleifers.     Antike  Marmorstatue. 


diese  Kopfhaltung  auch  in  der  Ruhelage  an  und  bei  der  Darstellung 
von  Erblindeten,  bei  denen  eine  noch  vorhandene  Lichtscheu  eine 
Senkung  des  Kopfes  hervorrufen  muĂźte. 

Es  mag  ein  Beobachtungstehler  von  mir  sein,  aber  ich  habe  den 
sogenannten  Schleifer  von  Florenz  (Fig.  277)  immer  fĂĽr  blind  ge- 
halten. Die  in  steilem  Bogen  parallel  mit  den  Stirnfalten  aufstrebenden 
Augenbrauen,  das  erhobene  Augenlid,  die  weitgeötinete  Lidspalte, 
die  leichte  Koordinationsstörung,  die  maximal  nach  oben  gewandten 


FARBENWIRKUNG.  3  8 1 


Pupillen  hei  erhobenem  Kopte  sind  alles  Symptome  tĂĽr  eine  Er- 
krankung des  lichtlcitenden  Gewehes.  Nimmt  man  hierzu  den 
wehmütigen  Ausdruck  seines  vernachlässigten  Gesichtes,  so  spricht 
das  ftir  das  Mienenspiel  eines  Erblindeten  oder  fast  Erblindeten. 
Hierzu  kommt  der  Kontrast  zwischen  der  Handlung  und  der  Körper- 
haltung. Der  Mann  schleift  ein  Messer;  er  soll  nach  der  Erklärung 
der  Archäologen  zur  (iruppe  des  den  Marsyas  schindenden  Apoll 
gehören.  Er,  der  Skvthe,  soll  »grinsend  sein  Opfer  betrachten  mit 
dem  rohen  Ausdrucke  stumpfer  Neugier«.  Nun,  er  wird  sich  dabei 
in  die  Einger  schneiden,  wenn  er  nicht  autpaĂźt.  Meines  Erachtens 
sieht  hier  ein  erblindeter  Messerschieiter  (ein  jetzt  noch  tĂĽr  Er- 
blindete beliebter  Berut)  nicht  aut  das  Messer,  weil  diese  Kopt- 
haltung zwecklos  ist;  er  fĂĽhlt  ja  mit  den  Eingern  der  linken  Hand, 
die  wir  uns  statt  ihrer  talschen  Ergänzung  leicht  gekrümmt  denken 
müssen,  die  Schärte  des  Instrumentes;  sein  (jesichtsausdruck  verrät 
dabei  nur  den  angespannten  Grad  des  inneren  Sehens  und  des 
EĂĽhlens.  Dem  realistisch  bildenden  KĂĽnstler,  der  die  harte  Haut  an 
den  Ealten  knochiger  Glieder  und  Gelenlce  naturalistisch  betonte, 
ist  die  Unmöglichkeit  zweier  sich  ausschließenden  Handlungen 
(dem  angeblich  blutgierigen  Betrachten  des  Opfers  und  gleich- 
zeitigem Schleifen  des  Messers)  nicht  zuzutrauen.  Wenn  diese 
Rundskulptur  ĂĽberhaupt  der  Marsvasgruppe  zuzuschreiben  ist,  so 
ist  die  Eigur  nur  in  der  von  mir  geschilderten  Eorm  auttaĂźbar, 
daĂź  er  das  Messer  schleift,  welches  Apollo  selbst  benĂĽtzen  wird. 
DaĂź  eine  der  Ealtenbildung  der  Stirn  des  Schleifers  analoge 
Form  fĂĽr  die  Blindheit  charakteristisch  und  typisch  war,  das  er- 
sehen wir  aber  ohne  Zweifel  auch  aus  den  Anathemen.  Wir  haben 
bereits  bei  den  etruskischen  Weihgeschenken  auf  die  Häufigkeit  der 
Augenexvotos  hingewiesen;  meist  sind  es  schematische  Darstellungen 
der  ganzen  Orbitalgegend,  es  werden  aber  auch  Einzelaugen  aus 
Terrakotta  gefunden,  bei  denen  eine  bisher  unaufgeklärte,  ganz 
intensive  Ealtenbildung  des  oberhalb  der  Augenbraue  mit  zur  Dar- 
stellung kommt.  Regnault  bildet  zwei  Augen  aus  dem  Museum 
von  Capua    ab,    bei    denen    diese  Ealtenbildung    eine  exzessive   ist. 


38: 


KRANKHEITSDARSTELLUNG. 


Hier    handelt    es    sich    oflenbar    um    die    Darbringung    erbhndeter 
Augen,  fĂĽr  die  man  Heilung  erbat. 


.\<-„/,-/,   Nal.-Mnseinil. 


Fig.  27S.     Schidone.     Die  Nächstenliebe. 

Die  Flächenkunst  hat  es  ja  mit  ihrer  Farbenwirkung  leichter, 
das  Blinde  zu  verkörpern  ,  aher  der  Wirwurf  als  solcher  ist  nicht 
reizvoll. 


INDIREKTE  SCHILDERUNG.  383 


Unter  den  häufigen  Blindendarstellungen  illustriert  solch  direkt 
koloristische  Schilderung  ohne  Beiwerk  ein  berĂĽhmtes  Bild,  welches 
wir  als  äußersten  Gegensatz  zu  den  Leistungen  der  Skulptur  im 
Bilde  zeigen.  Um  diesen  Effekt  zu  erzielen,  malt  Schidone  einen 
indianerhaft  braun  gefärbten  Jüngling,  der  dem  Beschauer  sein 
Gesicht  voll  zuwendet  mit  weit  aufgerissenen  Augenhöhlen,  in 
denen  mit  scheuĂźlichem  Naturalismus  die  diffusen  weiĂźen  Leukome 
uns  statt  einer  Pupille  entgegenstarren;  namentlich  an  dem  linken 
Auge  scheinen  unter  der  Narbenmasse  noch  Irisreste  durch.  Im 
Gegensatz  dazu  sind  die  sehenden  Augen  der  anderen  Figuren, 
welche  die  christliche  C^aritas  verkörpern  sollen,  vollkommen 
beschattet,  nur  der  Bambino  zeigt  entzĂĽckende  italienische  Kinder- 
augen. Die  Verbreitung  und  die  BerĂĽhmtheit  dieses  Bildes  des 
Schidone,  von  der  auch  die  Wachsbossierung  im  Braunschweiger 
herzoglichen  Museum  Zeugnis  ablegt,  steht  in  keinem  Verhältnis 
zum  Wert  der  recht  gesuchten  und  theatralischen  Komposition  mit 
ihrem  ungesundem  Naturalismus. 

Solchem  grausamen  Attentat  auf  den  guten  kĂĽnstlerischen  Ge- 
schmack gegenĂĽber,  versuchte  schon  IrĂĽhzeitig  die  echte  Kunst  die 
indirekte  Schilderung  der  Blindheit  und  hat  das  Problem  auch  mit 
wechselndem  Glück  gelöst.  Zunächst  erinnern  wir  uns  hier  an  die 
häufige  Darstellung  der  Blindenheilungen   durch  göttliche  Kraft. 

Aus  der  Flut  solcher  Darstellungen  tritt  kein  Werk  hervor  mit 
besonders  geistvoller  Lösung  des  Vorwurls.  Meist  kniet  der  Licht- 
arme vor  dem  Heiland,  und  dieser  legt  spendend  die  segnenden 
Finaler  aut  dessen  last  immer  geschlossene  Augen.  Charcot  und 
Richer  haben  schon  in  ihrem  Beitrag  ĂĽber  die  Blinden  in  der  Kunst') 
einiger  geistreichen  Lösungen  dieser  Autgabe  Erwähnung  getan. 
So  der  Raff'ael-Karton  in  South  Kensington,  darstellend  wie  Bar  Jesu 
(Elymas)  mit  Blindheit  geschlagen  wird  (siehe  Apostelgeschichte  13, 
6 — 12).  Die  von  Raffael  dargestellte  Szene,  wie  der  plötzlich  durch 
die  Hand  des  Herrn  Erblindete  die  Hände  tastend  vorstreckt,  einen 
Führer  suchend,  lehnt  sich  aber  präzis  an  die  Darstellung  an :   »und 


')  Les  Aveugles  dans  Tart,     Nouvelle  Iconogr.  de  la  Salpctr.   iSSS. 


384  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ^ 

von  Stund  an  fiel  aut  ihn  Finsternis  und  Dunkelheit  und  ging  um- 
her  und   suchte   Handleiter.« 

Es  wird  kein  Zufall  sein,  daĂź  sich  ein  Rembrandt  an  die 
groĂźe  Aufgabe  machte,  die  Tobiasgeschichte  zu  illustrieren.  Die  rea- 
listische Schilderung  der  Blindenheilung  des  Alten  versuchte  er  in  einer 
ganzen  Reihe  von  Studienblättern  und  Gemälden:  in  Gegenwart  des 
Engels  läßt  der  große  Realist  an  dem  Alten  eine  Staroperation  vor- 
•nehmen^).  Aber  weitaus  die  kühnste  und  einfachste  Schilderung 
glückte  ihm  in  der  Radierung  »Tobias  geht  seinem  Sohne  ent- 
gegen«; der  autgeregte  Alte  wirft  das  Spinnrad  um  und  will  den 
wohlbekannten  Weg  zur  TĂĽr  hinaus.  Dabei  verfehlt  er  den  Weg 
und  läuft  tastend  gegen   den  Türrahmen. 

Die  Holländer  haben  den  Vers  des  Evangelisten  Lukas:  »Kann 
wohl  ein  Blinder  einen  Blinden  fĂĽhren,  fallen  nicht  beide  in  eine 
(jruber«  wörtlich  aufgefaßt,  und  namentlich  der  alte  Breughel  hat 
aut  diese  von  ihm  mehrfach  gemalte  und  radierte  Szene  seinen 
köstlichen  goldigen  Humor  ausgeschüttet:  man  vergißt  bei  dieser 
Leinwanderzählung  das  Grauen  der  aufwärts  gerichteten,  das  Licht 
suchenden  leeren  Augenhöhlen. 

Felix  Regnault  widmet  einen  Artikel  (»La  Presse  Medicale« 
Nr.  22,  191 1)  den  Augenerkrankungen  in  der  antiken  Kunst.  Die 
Abbildungen,  welche  er  bringt,  beziehen  sich,  wie  auch  seine  Spezial- 
untersuchungen im  wesentlichen  auf  die  Arbeiten  der  antiken  Koro- 
plasten  und  die  FundstĂĽcke,  die  beim  Ăźahnbau  in  der  Umgebung 
von  Smyrna  gemacht  wurden.  Wir  haben  schon  an  anderen  Stellen 
darauf  hingewiesen,  daĂź  uns  diese  Fragmente  einer  auf  das  Gro- 
teske gerichteten  Kunst  nicht  so  einwandfrei  erscheinen,  daĂź  wir 
hier  die  Verkörperung  krankhafter  Bildung  rückhaltlos  anerkennen 
können.  Überlegungen  dieser  Art  bestimmen  uns  besonders  bei 
dem  Thema  der  i\ugenkrankheiten.  Die  Köpfe,  die  da  Reg- 
nault abbildet,  mögen  gewisse  entfernte  Ähnlichkeiten  aut- 
weisen mit  den  von  Regnault  statuierten  Krankheiten  (Glaukom, 
Synechie,  Chemosis,  Blindheit).     Es  mag  auch  das  Krankheitsbild 

')  Greeff,  Remhrandts  Darstellungen  der  Tobiasheilung.     Ferd,  Enke. 


BLINDE  MUSIKER. 


385 


offenbar  unbeabsichtigt  die  Symptome  der  gestellten  Diagnose 
rechtfertigen;  die  Tatsache  allein,  daĂź  diese  zerbrochenen  Kunst- 
werke auĂźerdem  andere  grobe  Verzerrungen  und  Verbildungen  des 
Gesichtes  aufweisen,  vermindert  ihren  diagnostischen  Wert  auĂźer- 
ordentlich. 

Der  treue  Begleiter  des  Erblindeten  ist  wohl  immer  sein  Hund 
gewesen.  Zahlreiche  Darstellungen  zeigen,  wie  unter  seiner  klugen 
l-'ührung  sich  die  Blindheit  vorwärts  tastet;  vielleicht  ist  auch  die 
unter  dem  Namen  Diogenes  segelnde  antike  Statuette  aus  der  Villa 
Albani  in  Rom  so  aufzufassen.  Sollte  das  wirklich  der  nudus 
Cynicus  sein?  Der  Stab  mit  beiden  Armen  ist  neu  (s.  Fig.  279). 
Die  Körperhaltung  des  robusten  Mannes  mit  der  eingesunkenen 
Halswirbelsäule,  dem  mühevollen  gehobenen  Kopfe  und  den  kleinen 
ausdruckslosen  Augen,  das  Unbeholfene,  Unsichere  seiner  Haltung 
sprechen  meines  Erachtens  eine  deutliche  Sprache.  Das  Vorhanden- 
sein des  Hundes,  dessen  Extremitäten  antik  sind,  hätten  der  Re- 
konstruktion einen  anderen  Weg  zeigen  sollen.  Man  gebe  den 
Stab  in  die  rechte  Hand  und  schaffe  eine  Verbindung  der  Linken 
mit  dem  Hunde  durch  eine  Leine. 

Das  Problem  der  Blindheitsdarstellung  ist  auch  in  der  neueren 
plastischen  Kunst  mehrfach  angegriffen.  Das  k.  k.  Blinden- 
er Ziehungsinstitut  Wien  hat  seit  langem  eine  Sammlung 
kĂĽnstlerischer  Blindendarstellungen  begonnen,  und  der  jetzige  ge- 
lehrte und  kunstsinnige  Leiter  desselben,  Alexander  Meli,  hat  diese 
Sammlung  auf  eine  unglaubliche  Höhe  gebracht.  Es  gibt  wohl 
kaum  irgendein  größeres  Kunstwerk  mit  Blindendarstellung,  welches 
wenigstens  als  Reproduktion  hier  nicht  vertreten  ist.  Die  groĂźe 
Sammlung  wird,  wie  ich  höre,  selbständig  herausgegeben  werden, 
ihr  Leiter  und  dessen  kunstliebender  Sohn  hatten  die  GĂĽte,  fĂĽr 
mich  allein  63  plastische  Blindendarstellungen  zu  sammeln.  Aus 
der  Zahl  dieser  erwähne  ich  zunächst  den  großen  Grabdenkstein  des 
blinden  Orgelvirtuosen  Konrad  Paumann');  derselbe  befindet  sich  an 
der  Außenseite   der   Münchener   Kirche  »Zu    unserer   lieben   Frau«. 

')  Alexander   Meli,  Enzyklopäd.  Handbuch  des  Blindcnwesens,  Wien   1900. 

Holländer,   Plastik  und  Medizin,  25 


386 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


\'or  seiner  Anbringung  an  der  1488  beendeten  Frauenkirche  war 
das  Original  in  der  Wand  der  St.  Michaelskirche  eingelegt.  Wir 
sehen  auf  demselben  inmitten  von  anderen  Musikinstrumenten,  wie 
Laute,    Harfe,    Flöte,  den  blinden  Musiker,    mit  der  rechten  Hand 


Ă–rig,-Aufn.  nach  Gipsaiy^itjs.     Rom,    l'illa  Aiduiii. 

Fig.  279.     Der  sog.  Diogenes. 


die  Orgeltasten    rührend,    mit  der  linken  das  Gebläse  handhabend. 
Die  Blindheit  ist  durch  LidschluĂź  zum  Ausdruck  gebracht. 

Ein  prachtvolles  GegenstĂĽck  hierzu  ist  der  Grabstein  des  blinden 
Musikers    Francesco    Landini    in    der   Basilika    di    San    Lorenzo    zu 


BLINDHEIT. 


387 


Florenz;  der  1323  zu  Fiesolc  yeboren  und  1397  gestorbene  Meister 
verlor  als  Kind  durch  die  Blattern  das  Augenlicht;  von  ihm  haben 
sich  noch  Kompositionen  erhalten.  Diesen  schönen  Grabstein  be- 
nutzte man  100  Jahre  später,  drehte  ihn  herum  und  machte  aus 
ihm  den  Denkstein  fĂĽr  den  gelehrten  Arzt  Bernardo  Torni,  der 
1497  starb. 

Es  befinden  sich  in  der  Sammlung  des  Institutes  ferner  die  Ab- 


Orig .-Aicfn.  nach  Gipsabgu/s  im  Kaiseriti-Friedrich-Hatis,  Berlitt. 

Fig.  280.     Grabstein  des  blinden  Orgelvirtuosen  Konrad  Paumann  von  NĂĽrnberg  1473. 

gĂĽsse  berĂĽhmter  BlindenbĂĽsten,  so  Aliltons  Kopf,  ferner  die 
Porträtbüste  des  einäugigen  Hussiteniührers  Z  i  s  k  a.  Die  »Ö  d  i  p  u  s«- 
darstellung  als  Plastik  von  I.  B.  Hugues,  ferner  »Belisar«  von  einem 
Knaben  gefĂĽhrt,  Originalgruppe  von  Laporte,  die  Statue  des  er- 
blindeten berĂĽhmten  Naturforschers  Lamarck,  sowie  ein  Relief- 
porträt des  großen  Holländers  Georg  Eberhard  Rumphius, 
1627 — 1702,   wie  der   erblindete  Naturforscher   mit  seinen  Händen 


388 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 





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Fig.  281. 


Orig.-F/iot.  äfs  k.  k.  Bltnä,n-j:rzii-k  - 1  mt . .    I!  .,■■. 

Grabstein  des  durch  Blattern  erblindeten  Musikers  Landini  (gest. 


1397)- 


Schaltiere  abtastet.  Auch  von  dem  Philosophen  Asklepiades  aus 
Phlius  existiert  ein  Bildnis  nach  einer  antiken  BĂĽste.  Von  diesem 
Asklepiades  berichtet  Cicero  (Tusc.  V,   39),  er  habe  auf  die  Frage, 


BLINDHEIT. 


389 


welchen  Vorteil  ihm  die  Blindheit  gebracht  habe,  geantwortet,  daĂź 
er  dadurch  einen  Knaben  mehr  in  seiner  Begleitung  habe.  Es 
fehlen  in  der  Sammlung  nicht  die  Porträts  des  blinden  und  letzten 
Königs  von  Hannover,  Georg  V.,  und  der  berühmten  Ameri- 
kanerin Helen  Keller.  Erwähnen  will  ich,  daß  die  Schutzpatronin 
der  Musik,  besonders  der  Kirchenmusik,  Cäcilia,  welche  wahr- 
scheinlich 210  hingerichtet  und  in  den  Katakomben  des  Calixtus 
an  der  Via  Appia  bestattet  wurde,  angeblich  blind  gewesen  ist.  Die 
Sammlung  enthält  jedenfalls  zwei  solche  Darstellungen;  es  ist  aber 
ja  bekannt,  daß  fast  alle  Hauptgemälde,  welche  an  Berühmtheit 
und  Schönheit  wetteifern,  unter  andern  die  von  Raftael  in  der  Pina- 
kothek von  Bologna  und  von  Dolci  in  der  Dresdner  Galerie,  diesen 
Zustand  nicht  berĂĽcksichtigen.  Die  Verinnerlichung,  die  eine  offen- 
bare Folge  der  Erblindung  ist,  legt  es  nahe,  diejenige  Kunst  zu 
betreiben  und  auszufĂĽhren,  zu  deren  vollem  GenuĂź  auch  die  Hell- 
sehenden die  Augen  schlieĂźen. 

Ist  das  die  innere  BegrĂĽndung  fĂĽr  die  Bevorzugung  der  Musik 
durch  Erblindete  und  Blinde,  so  hat  auch  praktische  Lebens- 
betätigung schon  seit  alters  beides  zusammengeführt.  Mehrfach 
führen  uns  altägyptische  Reliefs  solche  blinde  Musikanten  vor. 
Bekannt  ist  das  im  GipsabguĂź  auch  im  Kaiserin-Friedrich-Hause 
befindliche  Denkmal  blinder  Musikanten  aus  einem  Grabe  von  Teil 
al  Amarna  (c.  1373  ante  Chr.),  s.  Davies  Rock  Tombs  of  el  tmarna  I, 
Taf.  23  (laut  Mitteilung  von  G.  Steindorff).  Weniger  bekannt 
und  besser  erhalten  ist  das  Relief  aus  Sakkärah. 

Unsere  Abbildung  (s.  Fig.  282)  entstammt  einem  Originale  eines 
oberägyptischen  Tempels  aus  Sakkärah  ungefähr  1300  v.  Chr. 
Sänger  werden  von  einem  blinden  Harfenisten  unter  Lautenschlägen 
begleitet.  Die  Charakterisierung  der  Augen  ist  in  sehr  einfacher 
Weise  erfolgt.  Die  Lidspalte  erscheint  im  Gegensatz  zu  den  mandel- 
förmigen Öffnungen  der  Sehenden  stark  verengt. 

Angeblich  wird  ja  durch  den  Verlust  eines  Sinnesorgans  eine 
Verschärfung  der  anderen  beobachtet;  dies  wird  auch  vom  Ge- 
schmack  behauptet.     Im  Garten  der  Champagnerfabrik   des  Hauses 


390 


KRAXKHlilTSDARSTELLUXGEN". 


^ 


Fig.  2S2.     Blinde  iNIusikanten.     Relief  vom  Tempel  in  Sakkärah. 


Moet  und  Chandon  erhebt  sich  die  Statue  des  blinden  Dom  Perie;- 
non  (1638 — 1715),  des  berühmten  Erfinders  des  Weins  der  Cham- 
pagne, durch  dessen  feine  Zunge  Weinmischungen  vollkommenster 


DAS  TOTENFELD  VON  ANCON. 


391 


Art  bestimmt  wurden.  Erwähnen  wollen  wir  noch,  daß  unter  den 
modernen  Skulpturen,  die  viellach  auch  die  Blindenanstalten  ver- 
schönen, die  verschiedenen  Beschäftigungsarten,  welche  die  Blinden- 
pädagogik  mit  so  bewundernswürdiger  Geduld  geschaffen  hat, 
plastisch  zum  Ausdruck  kommen.  Als  Gipfel  solcher  Leistungs- 
fähigkeit empfehlen  wir  die  plastischen  Arbeiten  zu  betrachten, 
die  in  dem  Wiener  Blindenerziehungsinstitut  aufbewahrt  werden, 
als  SchĂĽlerarbeiten  von  Blinden. 

DIE   ANTHROPOMORPHEN   TERRAKOTTEN   MIT   KRANK- 
HEITSDARSTELLUNG AUS  DEM  ALTEN  INKAREICHE. 

In  vielfacher  Beziehung  nehmen  die  Funde  aus  den  altperuani- 
schen Totenstädten  in  der  Kunstarchäologie  eine  Sonderstellung  ein. 
Sie  berichten  uns  von  einem  alten  Kulturlande,  dem  Reiche  der 
Inkas,  und  diese  Erzählungen  in  gebranntem  Ton,  Silber  und  Gold 
oder  auch  tarbig  in  TĂĽcher  gewirkt,  wissen  uns,  die  wir,  als 
Erbteil  einer  humanistischen  Erziehung,  ein  Vorurteil  haben  gegen 
alles,  was  außerhalb  des  gräko-romanischen  Kreises  steht,  durch 
ihren  sonderbaren  Reiz  zu  fesseln.  Als  im  Jahre  1893  Ashmead 
der  Berliner  Gesellschaft  fĂĽr  Anthropologie  die  Photographien  von 
KrĂĽgen  mit  Krankheitsdarstellungen  ĂĽbersandte,  war  man  sich  ĂĽber 
die  Bedeutung  dieses  sonderbaren  Fundes  zunächst  nicht  klar. 
Die  ĂĽberraschende  Tatsache,  daĂź  die  Gesichter  auf  diesen  Gesichts- 
krügen eine  vom  Künstler  beabsichtigte  Nasenzerstörung  auf- 
wiesen, leitete  die  Diskussion  sofort  auf  den  Abweg  einer  speziellen 
Diagnose,  und  es  ist  bedauerlich,  daĂź  man  sich  aus  diesem  Irrweg 
im  Laufe  der  erregten  Debatte  eines  Dezennium  nicht  befreien 
konnte.  Die  Hoffnung,  durch  diese  Hinterlassenschaft  aus  der 
präkolumbischen  Zeit  in  erster  Linie  eine  Aufklärung  zu  erhalten 
ĂĽber  eine  Frage,  welche  die  GemĂĽter  der  Medikohistoriker  seit 
langem  beschäftigte,  die  Frage  nach  dem  amerikanischen  Ursprung 
der  Syphilis,  drückte  mit  der  erhofften  Lösung  von  dieser  un- 
erwarteten  Seite   aus   auf  das  Tempo   der  Erledigung  und  Lösung 


3C)2  KRANKHEITSDARSTELLUXGEX.  ig 

dieses    Rebus    und    lieĂź    das   Studium    dieser   Objekte    am   falschen 
Ende   beginnen. 

Wir  haben  in  den  Weltmuseen  die  verschiedenen  Arten  von  Ge- 
sichtsurnen aus  allen  Zonen  und  aus  allen  Zeiten  vor  uns;  wir 
fanden  sie  in  den  mykenischen  Gräbern  so  gut  wie  in  der  nordischen 
Erde.  Wir  sahen  Getäße  mit  der  Verkörperung  des  hellenischen 
Schönheitsideals  und  solche  mit  grotesker  Gesichtsverzerrung.  Wir 
fanden  als  zweifelhafte  Votivgaben  allerlei  keramische  Kunstwerke 
aus  hellenistischer  Zeit,  bei  denen  zum  mindesten  pathologische 
Bildungen  Modell  gesessen,  nirgends  aber  landen  wir  die  Krankheit 
als  solche,  die  Blindheit,  den  SchlagfluĂź,  so  realistisch  dargestellt 
wie  auf  den  Huacos  aus  dem  Inkareiche.  Das  muĂź  einen  be- 
sonderen Grund  gehabt  haben.  Und  diesen  hätte  man  zunächst  ver- 
folgen mĂĽssen,  bevor  man  an  die  Unterscheidung  bestimmter  Krank- 
heitstypen ging.  Dieser  Schatz  an  Krankheitsdarstellungen  hat  aber 
fĂĽr  die  vorliegende  Arbeit  einen  so  besonderen  Wert,  daĂź  er  eine 
Behandlung  des  Gegenstandes  in  voller  Breite  begrĂĽndet;  denn  wollte 
man  ein  Paradigma  aufstellen  oder  die  Vorbedingungen  zurecht- 
rücken für  die  Wertschätzung  der  Skulptur  der  Krankheit,  man  hätte 
keine  bessere  theoretische  Unterlage  finden  können.  Ein  Volk  ohne 
Schrittsprache,  welches,  bevor  es  von  dem  grandiosen  Höhepunkt 
einer  erdständigen  Kultur  durch  eine  Handvoll  Abenteurer,  die 
aus  einer  anderen  Welt  kamen,  gestĂĽrzt  wurde,  hat  uns  ohne  weitere 
Erklärung  eine  keramische  Sittenschilderung  hinterlassen.  Die  kleinen 
Kunstwerke  liegen  vor  uns,  unter  diesen  massenhafte  Krankheits- 
darstellungen. Nun  zeigt  uns,  was  ihr  damit  anzulangen  wiĂźt. 
Sind  das,  was  da  auf  den  KrĂĽgen  plastisch  hervortritt  oder  auch 
gemalt  erscheint,  mvthologische  Phantasien,  sind  es  die  Zeichen 
grausamer  Bestrafung  oder  VerstĂĽmmlungen  Kriegsgefangener?  Ist 
es  Krankheit,  Lepra  oder  Lues  oder  Lupus;  ist  es  vielleicht  nur  das 
wiederkehrende  Bildnis  eines  Märtvrers?  An  der  Hand  dieser  Ton- 
bilder kann  man  den  Wert  oder  den  Unwert  dieses  ganzen  Grenz- 
gebietes  der  Medizingeschichte  abhandeln.  Wir  werden  sehen,  wie 
naive  Forscher,  auf  ihrem  Gebiete  groĂźe  Gelehrte,  ĂĽber  die  entlernte 


GESCHICHTLICHES. 


393 


Ähnlichkeit  stolperten  und  sich  zu  unberechtigten  Schlüssen  ver- 
leiten ließen;  wir  werden  aber  auch  sehen,  daß  Fachmänner  sich 
täuschen  ließen  in  der  Scheidung  von  Echtem  und  Unechtem,  der 
Beurteilung  von  Tatsächlichem,  Wahrscheinlichem  und  Möglichem. 
Bevor  wir  aber  den  SchlĂĽssel  zu  dieser  Kunstsprache  des  Inkavolkes 
suchen  und  vom  mediko- historischen  Standpunkt  das  Erbe  dieses 
Kulturvolkes  in  den  Resten,  die  spanischer  Goldhunger  ĂĽbrig  ge- 
lassen, prĂĽfen,  mĂĽssen  wir  zur  Erkennung  des  Bildes  Vorbemer- 
kungen machen. 

Das  alte  Kulturvolk  der  Inkas,  welches  ungefähr  im  Anfang  des 
13.  Jahrhunderts  mit  Manco-Capac  als  dem  ersten  Inka  das  Reich 
von  Cuzko  offenbar  auf  den  Trümmern  einer  älteren  Kultur  auf- 
baute, erlebte  unter  der  absolut  regierenden  Dvnastie  der  zwölf 
Inkakönige  einen  Hochstand  der  Kultur,  der  namentlich  in  staats- 
geschichtlicher und  sozialer  Beziehung  ohne  Beispiel  ist;  das  Staats- 
wesen der  Inkas,  das  Reich  Tahuantinsuyu  auf  dem  sĂĽdamerikani- 
schen Hochplateau,  dart  als  wirklich  sozialistisch  regierter  GroĂźstaat 
mit  rein  theokratisch-absolutistischer  Spitze  betrachtet  werden.  Uns 
interessiert  nur  die  nichtpolitische  Seite  ihres  Kulturlebens,  und  ein 
gütiges  Schicksal,  die  Gunst  klimatischer  Verhältnisse,  hat  es  be- 
wirkt, daß  trotz  der  vandalischen  Zerstörungen  der  spanischen  Kon- 
quista  Pizarro  und  seine  Abenteurer  noch  so  viel  von  der  technischen 
Seite  ihrer  originellen  Kultur  ĂĽbrig  lieĂźen,  daĂź  wir  uns  ein  ursprĂĽng- 
liches Bild  von  dem  Volke  und  seinen  Gewohnheiten  machen  können. 
Der  Salpeterreichtum  der  Erde  und  die  Trockenheit  der  Luft  hat  an 
vielen  Stellen  der  Gräberfelder  uns  wirkliche  Totenstädte  hinterlassen; 
und  da  die  Inkas  auf  den  Totenkultus  und  die  Art  der  Bestattung: 
eine  ungewöhnlich  große  Sorgfiüt  verwandten  und  die  Toten  in  ihren 
Kammern  mit  einer  ganzen  AusrĂĽstung  fĂĽr  ein  Jenseits  ausstatteten, 
so  spricht  aus  diesen  Gräberfunden  wirkliches  Leben  zu  uns.  Es  ist 
ein  besonderes  Verdienst  der  deutschen  Regierung,  sowohl  an  Ort 
und  Stelle,  aut  den  Totenfeldern  von  Ancon,  die  geeigneten  Nach- 
forschungen angestellt  zu  haben,  als  auch  die  groĂźen  Sammlungen 
für  das  Berliner  Museum  für  Völkerkunde  erworben  zu  haben. 


394 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Durch  die  UnterstĂĽtzung  von  Exzellenz  Bode  und  das  Ent- 
gegenkommen des  Herrn  Prot.  Sei  er  konnte  ich  den  Bestand  des 
Berliner  Völkerkundemuseums  eingehend  studieren,  sowohl  die 
Sammlung  Graetzer  als  auch  Baessler;  des  weiteren  habe  ich  das 
Material  des  Britischen  Museums  und  des  Louvre  sowie  den  etwas 
größeren  Bestand  der  Wiener  Sammlungen  und  die  Keramiken  des 
Museum  Kircherianum    in  Rom    untersucht.     Mittlerweile   ist,    wie 


Orig.-Au/n.     Bfrthi,    l'citkcrkitnjemuseicin. 

Fig.  283.     Gesichtskrug  mit  der  Darstellung  eines  normalen  Altperuaners. 


es  scheint,  ein  nationales  Interesse  im  eigenen  Lande  erwacht,  und 
wie  ich  aus  den  neuesten  Publikationen  des  in  dieser  ganzen  Frage 
fĂĽhrenden  Kollegen  Albert  S.  Ashmead')  entnehme,  sind  mittler- 
weile neue  interessante  Funde  gemacht,  neue  Kollektionen  angelegt"). 
Unter  den  Fundstücken  aus  den  Gräbern  zeichnen  sich  neben 
den  wunderbaren  Produkten  einer  vollendeten  Webekunst,  einer  be- 


')  American  Journal  of  Dermatol.  St.  Louis   1909/10. 

'-)  Privatkollektion  von  M.  Velez  Lopez,   von  Salinas  Jimenes,  s.  in  der  Presse  Medicale 
Nr.  85,  1909  bei  M.  VOlez. 


GESCHICHTLICHES. 


395 


sonders  hohen  JuweHertechnik,  die  FĂĽlle  der  sogenannten  Huacos 
besonders  aus.  Der  Huaco  ist  eine  Art  von  Bierkrug,  der,  wie  alle 
Gegenstände,  die  zum  Gebrauch  des  täglichen  Lebens  bestimmt 
waren,  kunstgewerblich  geschmĂĽckt  und  verziert  war.  \'on  diesen 
KrĂĽgen,  in  denen  das  Maisbier  (die  Chicha)  aufbewahrt  und  aus 
denen  der  Met  wohl  auch  getrunken  wurde,  gab  man  den  in 
TĂĽchern  eingewickelten  Toten  oft  zahlreiche  mit  in  die  Grabkammer. 
Die  goldenen  und  edelsteingeschmĂĽckten  und  mit  zierlichen  Mosaik- 


Fig.  284. 


Orig.-Phot.     Beriin,   Altes  Mnsein/i. 

Fig.  285. 


Archaisch-attische  Gesichtsvasen. 


arbeiten  und  sonstigem  JuwelierfleiĂź  montierten  PrachtstĂĽcke  fielen 
der  Goldgier  der  spanischen  Konquistadoren  zum  Opfer  und  wurden 
meist  eingeschmolzen;  aus  dem  spärlichen  Rest  des  aut  uns  Ge- 
kommenen ersehen  wir  noch  die  Größe  und  die  Kunst  des  Zer- 
störten. Das  gewöhnliche  Material  war  der  gebrannte  Ton;  das 
ganze  Leben  und  Treiben  des  Volkes  lernen  wir  durch  die  plastische 
Bearbeitung  des  Tones  kennen,  und  bilden  diese  plastischen 
Schilderungen    eine   willkommene   Ergänzung    zu    den    unzuver- 


396 


KRAXKHEITSDARSTELLUNGEN. 


lässigen   mündlichen  Überlieferungen   der  späteren  Inkahistorie  von 
Freund  und  Feind. 

Betrachten  wir  zunächst,  um  uns  die  Züge  eines  normalen  Alt- 
peruaners vorzustellen,  einen  Gesichtskrug  (s.  Fig.  283)  aus  der 
Berliner  Sammlung,  wie  ein  solcher  in  vielen  Variationen  häufig 
vorkommt.    Dabei  können  wir  aus  der  Charakteristik  der  Züge  mit 

Sicherheit  annehmen,  daĂź  wir 
einen  Porträtkrug  in  der  Hand 
haben.  Die  Ähnlichkeit  wird 
wohl  noch  durch  das  mit  der 
rötlichen  Hautfarbe  des  In- 
dianers ĂĽbereinstimmende  Ko- 
lorit des  Tones  eine  gesteigerte 
gewesen  sein.  Obwohl  nun 
solche  JPorträtkrüge  zunächst 
vielleicht  nach  dem  Modell  ge- 
arbeitet waren,  so  finden  wir 
doch  auch  Gefäße  von  einer 
mehr  schematisierenden  Arbeit. 
Weitere  Unterschiede  bringt  der 
hundertfältig  variierte  Kopt- 
schmuck. Die  seitlichen  Falten 
des  weiĂźen  Gewandes  verdecken 
die  künstlich  durch  Ohrpfiöcke 
vergrößerten  Ohren.  Nach 
diesen  Kennzeichen  des  adligen  Inkageschlechts  nannten  die  Spanier 
die  ganze  Sippe  Orejones,  die  GroĂźohren.  Besonders  weisen  wir 
mit  Rücksicht  auf  die  späteren  Gesichtsveränderungen  auf  die  kühn 
gebildete  Nase  hin,  den  scharf  geschnittenen  Mund  mit  breiter  Ober- 
lippe und  ausgeprägter  Medianfurche. 

Zum  Vergleich  mit  der  Technik  dieser  Gesichtsdarstellung  be- 
trachten wir  den  schönen  archaisch-griechischen  Krug  der  Berliner 
Vasensammlung;  hier  ist  nur  Komposition,  keine  Natur  (s.  Fig.  284 
u.  285).    Eine  auftallend  ähnliche  Gesichtsbildung  dagegen  zeigt  ein 


Orig.-Phot.     l'ictoria  and  Albert  Miiseiitn. 

Fig.  286.     Gesichtskrug. 
Flämische  Arbeit  des  13.  Jahrh. 


GESCHICHTLICHES. 


397 


Bronzekrug  aus  dem  Kensingtonmuseum  in  London  (Fig.  286).  Dieser 
wolil  der  Renaissance  angehörende  Krug  erinnert  von  neuem  daran, 
wie  der  menschliche  Geist  auch  ohne  irgendwelche  gegenseitige  Be- 
einflussung zu  den  verschiedensten  Zeiten  zu  ähnhchen  \^orstellungen 
und  damit  auch  zu  ähnhchen  Leistungen  kam.  Die  figürhche  Ent- 
wickhing des  ganzen  Gefäßes  überhaupt  oder  einzelner  Teile  des- 
selben in  der  Richtung  von  Körper-  und  Gesichtsform  finden  wir 
übrigens  schon  als  Ornament  prähistorischer  Tongefäße;  dieselbe 
Erscheinung  kehrt  bis  zum  heutigen  Tag  immer  wieder. 

Als  Ăśberleitung  zu  den  Darstel- 
lungen von  Krankheitsveränderungen 
betrachten  wir  nun  einen  Huaco,  der 
eine  bei  den  Inkas  vielfach  vorkom- 
mende Schädeldetormität  plastisch  zum 
Ausdruck  bringt,  den  sogenannten 
1  n  k  a  t  u  r  m  s  ch  ä  d  e  1.  Ich  mache 
dabei  noch  besonders  aufmerksam  auf 
die  eingedrĂĽckte  Stirngegend  und  die 
auffallende  Konvergenz  der  Orbitae 
und  die  Schielstellung  der  Augen. 
Ein  Wort  an  dieser  Stelle  ĂĽber  die 
Schädelform!  Die  Ansicht  Rankes, 
daß  sie  das  zufällige  Produkt  der  Hal- 
tung  des   Kindes    in    der  Wiege   sei, 

mag  für  gewisse  Volksstämme  zutreffen,  für  die  Inkas  scheint  eher 
die  hippokra tische  Erklärung  der  Skythenschädel,  die  absichtlich 
den  Neugeborenen  Kopfbinden  anlegten  und  die  weichen  Knochen 
nach  der  Geburt  formten,  zuzutreffen.  DafĂĽr  spricht  neben  den 
anderen  körperlichen  Abzeichen  der  Kaste,  den  Ohrpflöcken  und 
Tätowierungen ,  auch  die  seltsame  Art  der  Kopfbedeckung  gerade 
bei  den  Trägern   solcher  Deformität  (s.  Fig.  287). 

Um  nun  den  Leser  gewissermaßen  an  der  Auflösung  dieses 
Rätsels  zu  interessieren  und  seine  geübte  Diagnosenstellung  in  den 
Dienst  dieser  Frage  zu  stellen,  beabsichtige  ich  zunächst  eine  Reihe 


Fig 


0>ig.-A:i/n. 

2S7.     Schielender  Altperuaner 
mit  Turmschädel. 


398 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


charakteristischer  Krankheitstypen  hier  im  Bilde  vorzufĂĽhren  mit 
einem  kurzen  Hinweise  auf  die  bestehende  Veränderung.  Hat  sich 
dann  der  Leser  eine  Vorstellung  gemacht  von  der  xA.rt  dieser  Krank- 
heitsdarstellung, so  wollen  wir  die  historische  Diagnose  entrollen 
und  die  Ansichten  der  Autoren  hören.  Zum  Schluß  dieses  Inka- 
kapitels   werde    ich    in    dieser    strittigen    Frage    meine    vielfach    ab- 


f 


Fig.  2S9. 
Derselbe  Kopf  im  Profil. 


Fig.  2S8.     Huaco  mit  Gesichtsdeformation. 


weichende  Ansicht  zu  begrĂĽnden  versuchen  und  das  Beweismaterial 
vorfĂĽhren. 

Als  GegenstĂĽck  zu  unserer  ersten  Abbildung  finden  wir  auf 
Fig.  288  das  durch  Krankheit  veränderte,  aber  in  seinen  Trümmern 
noch  edle  Antlitz.  Das  Charakteristischste  ist  der  kleine  starrwandige, 
schiefgestellte  Mund  und  der  Verlust  der  Vordernase. 

Auch  nach  Abzug  der  Tätowierungen  und  der  Beschädigung 
der  Oberfläche  dieser  immerhin  mindestens  300  bis  600  Jahre  alten 
Keramik   bleiben  an    der  Gesichtshaut   deutliche  Narben   erkennbar. 


KRANKHEITSFALLE. 


399 


10 


Betrachten  wir  diesen  Kopf  im  Protil,  so  ist  der  Grad  der  ver- 
zerrenden Entstellung  der  zentralen  Gesichtspartie  ein  noch  mehr 
in  die  Augen  fallender  (s.  Fig.  289). 

Wenn  wir  in  der  Betrachtung  weiterer  Krankheitstypen  fort- 
fahren, so  greifen  wir  einen  Kopfkrug  heraus,  bei  welchem  eine 
direkt  grauenvolle  Realistik  zutage  tritt.  Ein  Zw^eifel,  daĂź  hier  eine 
zielbewuĂźte  Krankheitsschilderung  vorliegt,  kann  ĂĽberhaupt  nicht 
aufkommen.  Wir  sehen  einen 
mit  einer  Art  von  modernerer 
MĂĽtze  bekleideten  jĂĽngeren 
Menschen,  bei  welchem  das 
rechte  Auge  fehlt;  die  Lidspalte 
ist  angedeutet,  der  Orbitalrand 
springt  mächtig  vor;  dahinter 
die  leere  Augenhöhle.  Im  Ge- 
gensatz dazu  drängt  sich  aus 
der  erweiterten  linken  Lidspalte 
gewissermaĂźen  der  Bulbus  her- 
aus; das  Symptom  der  fehlen- 
den Schließfähigkeit  der  Lider  ist 
dadurch  stark  betont;  der  Mund 
ist  breit,  die  linke  Unterlippe 
stark  hängend,  die  ganze  linke 
Seite  starr  und  gelähmt  (siehe 
Fig.  290).  Als  GegenstĂĽck  hier- 
zu erscheint  uns  die  xMundbil- 

dung  des  Blinden  interessant,  welcher  trotz  seiner  gleichtalls  bei 
ihm  vorhandenen  linken  Fazialislähmung  und  dem  vollkommenen 
Schwund  seiner  beiden  Augen  die  Zeichen  lebendiger  Mitteilsamkeit 
in  sich  trägt  (s.  Fig.  291). 

Auf  dem  folgenden  Bilde  (s.  Fig.  292)  haben  wir  einmal  einen 
ganzen  Krug  abgebildet.  Wir  können  auf  ihm  die  Beobachtung 
machen,  daĂź  das  Gesicht  dem  KĂĽnstler  beinahe  die  einzige  reizvolle 
Aufgabe  ist,  daß  er  den  übrigen  Körper,  namentlich  Hände  und  Füße, 


Orig.-Aii/u.     Berlin,    WĂĽki-rkundfmuseum. 

Fig.  290.     Huaco  mit  Darstellung  linkseitiger 
Fazialislähmung  und  einseitigen  Augenverlustes. 


400 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


nur  skizzierte,  manchmal  auch  nur  farbig  andeutete.  Wir  sehen  hier 
einen  alten  Blinden  mit  erloschenem  Blick  und  deutlich  sichtbaren 
Ohrpflöcken,  mit  über  Kreuz  gelegten  Beinen  dasitzend  und  die 
Flöte  blasend.  Um  die  Reihe  dieser  so  ungemein  häufigen  Blind- 
heitsdarstellungen zu  vervollständigen,  bringen  wir  noch  die  Ab- 
bildung   eines    Huaco,    der    einen   Blinden    in    hockender    Stellung 

zeigt,  mit  einer  geradezu  ver- 
blĂĽffenden Wiedergabe  des  Blind- 
heitausdrucks (s.  Fig.  293). 

Wir  haben  bei  der  Skulptur 
der  Blindheit  ĂĽber  die  Schwierig- 
keiten ihrer  technischen  realen 
Wiedergabe  gesprochen;  hier  an 
diesem  kleinen  wertlosen  Werke 
einer  primitiven  Töpterkunst  ist 
das  Problem  des  in  die  Ferne  ge- 
richteten inneren  Blickes  und  des 
trostlosen  Dahinstarrens  restlos 
gelöst.  Will  man  sich  eine  Idee 
machen  von  der  KĂĽnstlerschaft 
dieser  Inkatöpfer,  so  betrachte 
man  die  bei  ihnen  häufigen  Dar- 
stellungen des  behäbigen  satten 
Schlafes.  In  dem  Kontrast  zwi- 
schen diesen  beiden  Typen  liegt  die  ganze  Skala  leidenschaftslosen 
Mienenspieles. 

Die  nächsten  Abbildungen  zeigen  nun  Tvpen  aus  dem  so  viel  um- 
strittenen Gebiet  der  Nasen-  und  Munddefornfität.  Wir  wollen  uns 
an  dieser  Stelle  noch  nicht  auf  eine  differentielle  Diagnose  ĂĽber- 
haupt  einlassen,  sondern  zunächst  an  charakteristischen  Beispielen  die 
Art  der  sich  vielfach  wiederholenden  und  in  allen  möglichen  Varianten 
vorkommenden  Veränderungen  zeigen.  Da  sitzt  vor  uns  mit  unter- 
geschlagenen Beinen  ein  Mann,  der  eine  schwere  Zerstörung  der 
zentralen  Gesichtspartie  hat.    Der  Mund  und  die  Xase  sind  gewisser- 


Orig.-Aufn.     Berlin,    Völkerkujtdemuseurn, 

Fig.  291.     Huaco  mit  Darstellung  von 
Blindheit  und  Lähmung. 


KRANKHEITSFÄLLE. 


401 


maĂźen  zu  einer  Ă–ffnung  geworden,  wobei  sich  allerdings  die  seit- 
lichen Mundpartien  intakt  erhalten  haben.  Die  Nase  selbst  erscheint 
nicht  etwa  wie  abgeschnitten,  sondern  man  bekommt  den  Eindruck, 
daĂź  ein  geschwĂĽriger  KrankheitsprozeĂź  Nase,  Scheidewand  und 
Nasenknorpel  von  innen  vernichtet  hat.  Diesen  geschwĂĽrigen  Zer- 
fall von  Lippe  und  Naseninnerem  mit  der  so  eklatanten  kailösen 
Schwarte  in  der  Umoebune;  demonstriert 
noch  deutlicher  der  nächste  Huaco  (siehe 
Fig.  293). 

Die  Konsumtion  hat  hier  alle  Gewebe 
rĂĽcksichtslos  ergriffen,  und  es  scheint  zum 
mindesten  noch  fraglich,  ob  in  dem  hier 
dargestellten  Status  der  phagadenische 
ProzeĂź  noch  im  Gange,  oder  ob  be- 
reits eine  Vernarbung  vorhanden  und  die 
Krankheit  erloschen  ist.  Die  nächsten 
Bilder  bringen  weitere  Tvpen  solcher  De- 
struktionen. Der  l'opt  (Fig.  296)  zeigt 
auĂźer  der  Nasendestruktion  noch  Schnitt- 
narben im  Gesicht,  die  wie  Operations- 
wunden aussehen.  Bei  dem  Huaco  (siehe 
Fig.  297)  fällt  neben  der  Zerstörung  der 
Nase  die  Infiltration  der  Lippen  ganz  besonders  auf,  und  wĂĽrde 
zunächst  jeder  gerade  diesen  fiuaco  tür  eine  unzweifelhafte  Lupus- 
darstellung halten.  Einen  Schwellungszustand  des  ganzen  Ge- 
sichtes zeigt  Fig.  298.  Die  starre  Infiltration  hat  dem  Antlitz 
einen  geradezu  kläglichen  Ausdruck  verliehen  und  zu  einer  Ver- 
schwellung  der  Augen  gefĂĽhrt.  Aus  der  Unsumme  von  immer 
wiederkehrenden  Typen,  von  denen  sich  etwas  anders  nuancierte 
Exemplare  in  allen  Sammlungen  befinden,  bringen  wir  die  Ab- 
bildungen zweier  Tongesichter,  die  zunächst  wie  karikierte  Couleur- 
studenten aussehen.  Die  Kopfbildung  erinnert  stark  an  unser 
zweites  Bild  mit  Turmschädelbildung.  Depression  der  Nasenwurzel 
und    der    Stirngegend;    an    ihrem    Kopfputze    ist    ein    rundes    StĂĽck 


■^.•Aufii.     P-i-rlhi,    l'olkerkintdciHUS . 

Fig.  292. 
Blinder  Flötenspieler. 


Holl.Tnder,  Plastik  und  Medi: 


26 


402 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


ausgespart,  welches  die  nackte  Haut  zutage  treten  läßt:  ein  Hin- 
Aveis  darauf,  daĂź  es  sich  wohl  um  eine  absichtliche  Kopfdefor- 
mierung  handeln  soll.  Diese  Gesichter  zeigen  ziemlich  regelmäßig 
die  bizarrsten  Mundstenosen  und  Nasenverluste.  An  den  beiden 
vorliegenden  Beispielen  (s.  Fig.  301  u.  302)  erkennen  wir  noch 
ganz  auffallende  Tätowierungen,  die  gelegentlich  den  studentischen 


W^ 


Oyig.-Au/u.     Berliti,    Vblkerkttndemuseum . 

Fig.  293.     Blindheit. 


Orig.-Aii/n.     Berliit,    V'ölkerkitndentusejnn. 

Fig.  294. 

GeschwĂĽrsbildung  der  zentralen 

Gesichtspartie. 


Eindruck  steigern.  Obwohl  wir  ja  wissen,  daĂź  die  Schriftsprache 
diesem  Kulturvolke  unbekannt  war  und  daĂź  sie  nur  in  Knoten- 
bildungen an  Kordeln  und  Seilen  gewisse  mnemotechnische  Hilfen 
hatten,  so  glaube  ich  doch  in  der  verschiedenartigen  Tätowierung 
einen  Hinweis  zu  linden,  daĂź  durch  deren  /\.nordnung  bestimmte 
Vorstelluns:en    oewissermaĂźen    schriftlich    zum    Ausdruck    gebracht 


KRANKHEITSFÄLLE. 


403 


werden  sollten   (vielleicht  Abstammungs-  und  Kastenzeichen,    De- 
korationen, Strafen). 

Von  Anbeginn  haben  dann  die  folgenden  Typen,  namentlich 
den  Spezialisten  fĂĽr  Syphilis,  Veranlassung  gegeben  zu  gelehrten 
Auseinandersetzungen.  Das  Besondere  dieser  Typen  ist  der  Nasen- 
schwund, das  Klaffen  des  Mundes,  die  Sichtbarkeit  groĂźer,  oft 
defekter  Zähne   und    der  Schwund    der  Oberlippe.     Diese   hat    sich 


Orii^.-.i  '■•'/,    l'ölkerkiindeuiuscittn. 

F'g-  295.     GeschvvĂĽrsbilduny  der  zentralen  Gesichtspartie. 


meist  so  retrahiert,  daĂź  nur  noch  eine  feine  Linie  vorhanden  ist, 
die  sich  auf  der  Photographie  deshalb  geringer  von  dem  prominenten 
Oberkiefer  scheidet,  weil  am  Original  der  Farbenunterschied  zu  Hilte 
kommt.  In  noch  grandioserer  Form  zeigt  angeblich  die  Schreck- 
nisse dieser  Erkrankung  ein  Topftypus,  der  der  Häufigkeit  nach  an 
erster  Stelle  hätte  genannt  werden  sollen.  Es  sind  das  Figurinen, 
die  einen  Topt  krönen,  meist  in  der  hockenden  Stellung  eines  Tam- 


404 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


bourschlägers.  Die  Gesichter  dieser  Personen  zeigen  alle  beschrie- 
bene Mutilationen  im  stärksten  Grade  (s.  Fig.  296,  299  u.  500). 
Aus  der  noch  erheblich  zahlreicheren  Folge  von  Gesichtsver- 
änderungen, welche  zwischen  diesen  verschiedenen  Formen  hin  und 
her  schwanken,  werden  wir  später  bei  der  spezielleren  Betrachtung 
noch  Gelegenheit  haben,   die  eine  und  die  andere  Variante  kennen 


Fig.  290.    Operatiunsnarben. 


Orig.-Aufn.     Berlin,    l'olkerkundt'fnttseutii. 

Fig-  -97-    Lupusähnliche  Defigurationen. 


ZU  lernen.  Wir  müssen  nun  noch  die  Auflösung  des  großen  Rebus 
durch  weitere  Zugaben  erschweren,  denn  neben  den  Gesichtsver- 
änderungen finden  wir  Erkrankungen  des  Körpers,  vor  allem  Ex- 
tremitätenverluste, die  oft  mit  den  beschriebenen  Gesichtsverände- 
rungen zusammen  vorkommen.  Zur  Erhärtung  dieser  Tatsache 
zeigen  wir  einen  Huaco  des  Berliner  Museums,  der  einen  liegenden 
Mann  darstellt  (s.  Fig.  303);  beide  Beine  fehlen  vom  unteren  Drittel 
abwärts.     Statt  dessen  sieht  man 


ein  sich  häufig  wiederholender 


KRANKHEITSFALLE. 


405 


Befund   —   am    linde    des    Stumpfes    eine    Einkerbung.     Das   Ende 
sieht  aus  wie  ein  Amputationsstumpt  mit  eingezogener  Narbe. 

In  ähnlicher  Weise  sind  die  unteren  Gliedmaßen  vieler  Tam- 
bourinschläger  behandelt.  Ausgeschlossen  ist  bei  diesen  Füßen  die 
mehrfach  ausgesprochene  Annahme,  die  sonst  zutreffen  kann,  daĂź 
es  sich  nur  um  eine  skizzenhafte  Behandlung  der  Extremitäten  ge- 
handelt haben  könne.  Wir  werden  in  folgendem  den  Beweis  er- 
bringen, daĂź  es  sich   hier  um   den  Verlust  der  GliedmaĂźen   handelt. 


Ori^  -Aiiftt.      Berlin,    i  olkerkiniticninseiin 

Fig.  298.     Diffuse  Gesichtsscliwellung. 


Ein  sehr  interessanter  Huaco,  dessen  Henkelkrug  abgerissen  ist,  zeigt 
uns  die  nächste  Abbildung  (s.  Fig.  )04u.  303).  Über  den  ganzen  Körper 
des  UnglĂĽcklichen  sind  Tumoren  oder,  um  uns  noch  vorsichtiger 
auszudrücken,  Beulen  zerstreut,  nur  das  Gesicht  und  die  Hände  sind 
frei.  In  der  einen  Hand  hält  der  Patient  ein  Instrument,  welches 
ich  mir,  da  die  Photographie  im  Stich  läßt,  noch  einmal  besonders 
habe  zeichnen  lassen.  Sonderbarerweise  hat  der  Wiener  gelehrte 
Professor  J.  Neu  mann')   in    diesem  Ausschlage  mit  Bestimmtheit 


')  über  die  an  den  altperuanischen  Keramiken  und  anthropomorphen  Tongefäßen  darge- 
stellten Hautveränderungen  mit  besonderer  Rücksicht  auf  das  Alter  der  Syphilis  und  anderer 
Dermatosen  von  Prof.  J.  Neumann,  Wien  1905. 


40  6 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


unter    Ausschluß    ähnlicher    Affektionen    das    l'ibroma    molluscum 
sehen  wollen. 

Es   sei   noch    erwähnt,    daß   zahlenmäßig   solche   Körperschäden 
viel  seltener  vorkommen,  als  die  Gesichtsveränderungen. 


Orig^.-Au/it.      Berlin,    l\ilkvrku>i(ieinusfiu)i. 

Fig.  299. 

Literatur').  Ăśber  die  altperuanischen Tonliguren  existiert  bereits 
eine  stattliche  Literatur,  und  mit  der  Deutung  dieser  pathologischen 
Darstellungen  haben  sich  gelehrte  Forscher  abgegeben.  Soweit  ich 
ersehen  kann,  hat  im  Jahre  1893  Albert  S.  Ashmead  Canadensis 
die  Diskussion  in  der  Berliner  Gesellschaft  fĂĽr  Anthropologie,  Eth- 
nologie und  Urgeschichte  durch  ein  Schreiben  an  Virchow  er- 
öffnet, in  dem  er  an  den  mit  peruanischen  Mumien  ausgegrabenen 
Töpfen  Veränderungen  und  Verstümmlungen  im  Gesichte  der 
Porträtierten  beobachtete,  die  seiner  Meinung  nach,  im  Gegensatz 
zu  der  von  Dr.  xMuniz  ausgesprochenen  Ansicht,  auf  keinen  Fall 
»the    work    or    consequence    of    leprosy«    waren.      Fr    fragt    nach 

')  Buchangabe  s.  im  Literaturverzeichnis. 


DIAGNOSE. 


407 


Knochenfunden  mit  Mutilationen.  In  der  Diskussion  hierzu  sagt 
Rud.  Virchow,  daĂź  er  bisher  noch  nie  unter  seinem  groĂźen 
Knochenmaterial  aus  präkolumbischer  Zeit  einen  amerikanischen 
Knochen  mit  Syphilis  gefunden  habe.  Später  wiederholt  er  die- 
selben Bemerkungen  in  noch  prägnanterer  Form,  anerkennt  jedoch, 
daß  die  geschilderten  pathologischen  Veränderungen  bei  den  Inkas 
auf  Lepra,  doch  auch  auf  Syphilis  bezogen  werden  könnten.  So 
sehr  er  den  originellen  Versuch,  auf  diese  Weise  aut  die  Geschichte 
der  Syphilis  Licht  zu  werfen,  billigt,  vermiĂźt  er  bisher  wirkliche 
BeweisstĂĽcke. 

1897  war  dieser  Gegenstand  in  die  Diskussion  der  internationalen 
Leprakonferenz  eingefĂĽgt.  Unter  Wie- 
derholung der  bisherigen  ^Tatsachen 
teilt  Virchow  mit,  daĂź  Mr.  Ash- 
mead  als  wehere  Argumentation  sei- 
ner Verneinung  der  präkolumbischen 
Lepra  an  die  Konferenz  zehn  peru- 
anische Tongefäße  in  photographischer 
Reproduktion  ĂĽbersandt  habe,  bei 
denen  nicht  nur  dieselben,  bereits  be- 
schriebenen VerstĂĽmmlungen  der  Vor- 
dernase und  der  Oberlippe  vorhanden 
waren,   sondern   bei  denen   auch  vier 

Figuren  amputierte  Füße  zeigten.  »Was  auch  die  an  den  Gesichtern 
dargestellte  Krankheit  war,«  sagt  er,  »sie  muß  sehr  häufig  von  einer 
Krankheit  der  FĂĽĂźe  begleitet  gewesen  sein,  welche  die  Amputation 
nötig  machte,  und  zwar  nicht  eines  Fußes,  sondern  beider.« 
Virchow  konnte  der  Konferenz  eine  Reihe  ähnlicher  Tongefäße 
aus  dem  Museum  für  Völkerkunde  vorlegen,  bei  denen  Wilhelm 
V.  d.  Steinen  dieselben  VerstĂĽmmlungen  der  Nase,  Oberlippe 
und  Unterschenkel  konstatiert  hat.  Virchow  erkannte  an,  daĂź 
diese  Darstellung  ein  starkes  Argument  dafür  abgäbe,  daß  es  sich 
um  lepröse  Verhältnisse  handele,  für  Syphilis  sprach  seiner  Ansicht 
nach  nichts.    Der  Kongreß  selbst  trat  in  keine  Erörterung  über  den 


OriÂŁ.-Au/n.      Beriin,    Volkerkiindfmusemu . 
Fig.    300- 


4o8 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Gegenstand  ein.  nur  Polakowsky  betonte,  daĂź  er  bei  seinen  histo- 
rischen Studien  ĂĽber  die  Geschichte  der  Entdeckung  und  Eroberung 
des  spanischen  Amerikas  nie  eine  Andeutung  gefunden  habe,  wonach 
die  Spanier  die  ihnen  wohlbekannte  Lepra  bei  den  Eingeborenen 
vorgefunden  hätten.  Die  Nachricht,  die  einzige,  die  nach  dieser 
Richtung  hin  von  Wert  sei,  daĂź  jimenez  de  Quesada,  der  Eroberer 


uiuu'inusetiiii 


Ori^.'Aii/tt.     /),'/;/,-,    )'  . 

Fig.  301.     Schwere  Schädel-  und  Gesichtsveränderung. 


von  Kohunbien,  sich  die  Lepra  von  den  Eingeborenen  zugezogen 
habe,  bestreitet  Professor  CarrasquiMa  aus  Bogota  auf  Grund  der 
Originaldokumente  der  Geschichte  des  Eroberers.  Nach  diesen  ging 
der  Eroberer  etwa  zwölf  Jahre  nach  der  Gründung  Bogotas  nach 
Spanien  zurĂĽck,  holte  sich  von  dort  etwa  1350  sowohl  Svphilis  wie 
Lepra.  Unter  der  Motivierung,  daĂź  die  Lepra  bei  ihren  Mutilationen 
mit  Vorliebe    die  Hände  ergreife,    was  auf  den  Vasen    bisher   nicht 


DIAGNOSE.  409 


beobachtet  sei,  deutet  er  die  VerstĂĽmmlungen  in  Ăśbereinstimmung 
mit  Carras  q  u  illa  als  Zustände  bestraften  Verbrechertums,  um  so 
mehr  als  die  grausame  Justiz  der  alten  Peruaner  bekannt  sei.  In 
der  weiteren  Diskussion  über  diesen  Gegenstand  läßt  sich  aber  zu- 
nächst hierfür  keine  sichere  und  einwandfreie  literarische  Begrün- 
dung linden,  und  entspricht  es  auch  durchaus  nicht  dem  Charakter 
dieses  Volkes,  sich  durch  zahlreiche  VerstĂĽmmlungen  mit  unbe- 
quemen,  nichts  verdienenden  Müßiggängern  zu  belasten.  Die 
Nachfrage,  welche  in  konsequenter  Verfolgung  dieser  Angelegenheit 
Polakowsky  anstellte,  ist  interessant  und  wichtig  genug,  um 
hier  in  ihren  Resultaten  niedergelegt  zu  werden.  Er  wandte  sich 
an  die  besten  Kenner  der  altperuanischen  Verhältnisse,  die  über- 
einstimmend das  Vorkommen  einer  präkolumbischen  Lepra  ab- 
lehnen. Dr.  Middendorf,  der  25  Jahre  im  Lande  selbst  gelebt 
hat,  das  ganze  Land  kennt,  hat  in  diesen  Jahren  nur  drei  Fälle  von 
Lepra,  und  nur  bei  Ausländern,  beobachtet.  Während  er  die  Ver- 
stĂĽmmlungen als  Abbildungen  bestrafter  Verbrecher  betrachtet,  er- 
klärt Dr.  A.  S  tu  bei  sie  unbedingt  für  Krankheitserscheinungen. 
Die  ausfĂĽhrlichste  Auskunft  und  die  wichtigste  erteilt  Dr.  Jimenez 
de  la  Espada.  Der  Kernpunkt  seiner  Auseinandersetzung  ist, 
daĂź  die  schreckliche  VerstĂĽmmlung  von  Nase  und  Oberlippe,  welche 
mit  bewunderungswürdiger  Genauigkeit  an  den  alten  Gefäßen  ko- 
piert sei,  das  Produkt  weder  von  Lepra  noch  von  Svphilis,  son- 
dern eine  spezielle  Krankheit  sei,  an  der  man  frĂĽher  und  teilweise 
auch  noch  jetzt,  besonders  in  jenen  Tälern  Perus  leide,  wo  die 
Coca  gewonnen  wird.  Die  Krankheit  laute  bei  den  Peruanern 
»Llaga«  und  unter  den  Quichuas  »Uta«  oder  »Uutta«.  Das 
Verbum  Huttuni  bedeute  das  Zernagen  des  Mais  durch  die  ALade. 
Diese  Krankheit  zerfresse  das  Gewebe  der  Oberlippe  und  Nase,  des 
Schlundes  und  Gaumens  und  sei  ein  wahrer  Lupus.  Aus  der  de- 
taillierten Beschreibung  des  Mr.  Barraillier  sei  erwähnt,  daß  eine 
allmählich  gangräneszierende  Entzündung  mit  Vorliebe  die  zentrale 
Gesichtspartie  ergriffe,  unter  Umständen  aber  auch  Hände  und 
FĂĽĂźe.     Das  Volk    glaube,    daĂź   die  Krankheit  nicht  ansteckend  sei. 


4IO 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


aber  durch  den  Stich  von  FHegen  herrĂĽhre  und  ĂĽbertragen  werde. 
Es  scheint,  daß  Santillan  eine  ähnliche  Krankheit  (Mal  de  los 
Andes),  eine  Art  von  Krebs,  erwähnt,  die  die  Leute  bekommen, 
welche  in  den  Bergen  die  Coca  einernten.  Aut  Grund  dieser 
Mitteilungen  statuiert  nun  P  o  1  a  k  o  w  s  k  y  unter  Revision  seiner 
frĂĽheren  Ansichten  drei  Gruppen.  Die  eine  Gruppe,  die  eine  Art 
Trommel  in  der  Hand  haben,  ein  bittendes  und  demĂĽtiges  Ge- 
sicht  angenommen  haben,   seien  Bettler,   zum  Teil  blinde  Bettler; 

da  nun  nach  Aussage  aller  namhaften 
Amerikanisten,  die  ĂĽber  Peru  geschrieben 
haben ,  Bettler  im  alten  Peru  durch- 
aus nicht  existiert  haben,  da  ferner  die 
Idee,  daĂź  es  sich  um  bestrafte  Ver- 
brecher gehandelt  habe,  endgĂĽltig  fallen 
2:elassen  werden  mĂĽsse,  so  nimmt  er 
einfach  und  seltsamerweise  an,  daĂź  diese 
Gruppe  aus  der  nachkolumbischen  Pe- 
riode stamme.  Bei  der  zweiten  Gruppe, 
die  er  für  Kopien  lebender  Vorbilder  hält, 
ist  der  Kopf  kĂĽnstlerisch  veranschaulicht, 
Rumpf  und  Füße  aber  vernachlässigt  und 
schematisiert,  daher  manchmal  auch  das 
Fehlen  der  Unterschenkel  (!).  Die  dritte 
Gruppe  behandele  die  Nasenveränderung;  er  bestreite  nach  dem  Ur- 
teile von  Leprakennern,  daĂź  die  dargestellten  \'erstĂĽmmlungen  lepra- 
ähnlich wären.  Der  Nasenrücken  senke  sich,  die  Nasenoffnungen 
verschlössen  sich,  die  Flügel  schwellen  gewaltig  an  und  ähnelten 
einem  Operngucker.  Er  schlieĂźt  mit  dem  Hinweis,  daĂź  Lepra, 
Syphilis  und  Lupus  in  eine  Krankheitsgruppe  gehörten  und  erwähnt 
das  Wort  des  Kopenhagener  Dr.  Ehlers,  daĂź  diese  Krankheiten 
so  verwandt  seien  wie  in  der  Chemie  die  Elemente  Chlor,  Brom 
und  Jod;  ein  Stadium  heilloser  Verwirrung  in  dieser  Frage! 

Herr  Wilhelm  v.  d.  Steinen   hatte   17  Henkeltiaschen   aus- 
gesucht mit  VerstĂĽmmlungen,  und  er  wendet  sich  unter  besonderer 


Ibi:  ĂĽttWtfW' 


Orig. â–   AhJh .     Berlin,    Volkerhrntdeniuseuin . 

Fig.  302. 


DIAGNOSE  DER  KRANKHEITSSCHILDERUNG. 


411 


BerĂĽcksichtigung  der  amputierten  Unterschenkel  gegen  die  Ansicht 
derer,  die  darin  nur  eine  ungenaue  skizzenhafte  Wiedergabe  der 
unteren  Körperhälfte  sehen  würden.  Virchow  begegnet  dem  Ein- 
wand des  Herrn  Polakowsky,  welcher  behauptet,  daĂź  die  muti- 
lierende  Form  des  Aussatzes  eher  die  Hände  wie  die  Füße  ergreife, 
daĂź  aber  keine  HandverstĂĽmmlungen  auf  den  peruanischen  Ton- 
gefäßen vorkommen,  mit  dem  Hinweis,  daß  die  Mutilation  als  solche 
keine  direkte  lepröse  Erkrankungsform  sei,  sondern  eine  durch  Er- 
frierung, Verbrennung  und  mechanische  Einwirkung  hervorgerufene 


Oriff.-Aufn.      Berlin ,    l  lytlcerkutidetniiseunt , 

Fig.  303.     Amputationsnarben  an  beiden  Beinen  mit  Gesiclitsveränderung. 

neuroparalytische  EntzĂĽndung,  welche  je  nach  Lebensweise  und  Ge- 
brauch einmal  mehr  die  untere,  ein  andermal  mehr  die  obere 
Extremität  schädigen  könnte.  Die  Diskussion  über  diesen  Gegen- 
stand verliert  sich  nun  in  eine  uferlose  Bahn.  Der  Gelehrte  Leh- 
mann-Nitsche  nimmt  in  der  Revista  del  Museo  de  La  Plata 
1898  unter  dem  Titel  Lepra  Precolombiana  das  Wort  und  spricht 
sich  über  die  in  Amerika  häufig  diskutierte  Frage  nach  dem  Alter 
der  amerikanischen  Lepra  dahin  aus,  daĂź  er  sowohl  wie  andere 
Ärzte  mit  Bestimmtheit  die  dem  ersten  latino-amerikanischen  Kon- 
greĂź Buenos-Ayres  1898  vorgelegten  zehn  StĂĽck  altperuanischer  Ge- 
fäße nicht  für  Darstellungen  von  Lepra  halte,  daß  er  überhaupt  die 
Existenz  einer  präkolumbischen  Lepra  verneine.    Auch  er  neigt  dazu, 


412  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ® 

die  Verstümmlungen  für  Bestrafungen  zu  halten.  Im  »Journal  of 
Cutaneous  and  Genito-Urinary  Diseases«  spricht  Herr  Professor 
Bandelier  in  einem  Autsatze  »Views  on  Huaco  Pottery  Defor- 
mations  and  precolumbian  Syphilis«  seine  Ansicht  dahin  aus,  daß 
die  geschilderten  VerstĂĽmmlungen  der  Ausdruck  von  Syphilis  und 
Lupus  seien,  welche  im  präkolumbischen  Amerika  existiert  und  ge- 
blüht hätten,  während  es  keine  Anzeichen  für  Lepra  gäbe.  Wichtig 
ist  auch,  daß  dieser  an  Ort  und  Stelle  tätige  Gelehrte  sich  über  die 
Uta  dahin  ausspricht,  daĂź  sie  im  Innern  Perus  endemisch  sei.  \'on 
dieser  besonderen  Form  der  Tuberkulosis  werden  Spezialarbeiten 
der  Herren  Orrego  Ugaz  und  Villa  r  erwähnt  und  ihre  bazilläre 
tuberkulöse  Herkunft  betont.  Virchow,  der  von  Zeit  zu  Zeit 
aus  diesem  Streite  der  Meinungen  und  Hypothesen  positive  Ergeb- 
nisse zu  ziehen  versuchte,  stellte  fest,  daĂź  C  a  r  r  a  s  q  u  i  1 1  a  s  Ansicht 
von  den  VerstĂĽmmlungen  definitiv  fallen  gelassen  werden  soll. 
Ashmeads  Ansicht,  daĂź  die  geschilderte  Krankheit  nicht  Lepra, 
sondern  Lupus,  Syphilis  oder  Uta  gewesen  sei,  sucht  er  durch 
folgende  Einwände  zu  stürzen.  Die  Natur  der  Uta  sei  ihrer 
Stellung  nach  im  pathologischen  System  schwankend.  Die  Um- 
gebung der  zerstörten  Nase  und  der  Oberlippe  spreche  nicht  für 
den  Lupus;  das  Vorkommen  aber  einer  präkolumbischen  Syphilis 
sei  unentschieden  und  werde  durch  die  Tonfiguren  schwerlich  ent- 
schieden werden.  Auch  die  inzwischen  eingetroffene  detaillierte 
Verhandlung  aus  Buenos-Ayres  und  die  gleichzeitigen  Mitteilungen 
von  Carrasquilla  bringen  wenig  Positives.  Auch  dieser  For- 
scher lehnt  in  Verbindung  mit  Hansen,  Brinton,  Ashmead, 
GlĂĽck,  So  m  m  er,  V a  1  d  e  z  M  o  r  c  1  die  Lepra  ab  und  bringt  von 
neuem  eine  Reihe  von  literarischen  Belegen  fĂĽr  die  grausamen  Ver- 
stĂĽmmlungen. Jedenfalls  bezweifelt  Le  h  mann-Nitsche  mit 
Ashmead  den  Zusammenhang  der  FuĂźverstĂĽmmlung  mit  den 
pathologischen  Gesichtsprozessen,  weil  erstens  immer  beide  Ex- 
tremitäten gleichzeitig  getroffen  seien ,  und  zweitens ,  weil  nach 
Rivero  und  Tschudi  die  damaligen  Inkas  von  operativer  Chir- 
urgie keine  Vorstellung  gehabt  hatten.     Des  weiteren  wird  betont, 


DIAGNOSE  DER  KRANKHEITSSCHILDERUNG. 


413 


daĂź  das  Won  Llaga  nur  \\\inde  im  allgemeinen  Sinne  bedeute  und 
keine   besondere  Krankheit   sei.     Demnach    ist    der   augenblickliche 
Stand  (1S98)  der  Angelegenheit,    daĂź   es    sich    wahrscheinlich   um 
Krankheitsprozesse    handele,    bei    denen    Llaga    und    Lepra    auszu- 
schlieĂźen   seien.      Durch    eine    fleiĂźi2;e 
historische  Arbeit  sucht  Iwan  Bloch 
von  neuem  in  der  Februarsitzung  1899 
die    Theorie    von    der    amerikanischen 
Lepra  zu  beleben.    Er  stĂĽtzt  sich  dabei 
auf   literarische   Beweise    und   auf   die 
korrespondierende  Ähnlichkeit  der  von 
den  italienischen  Malern  Giotto  und 
G  a  d  d  i  gemalten  offenbaren  Leprapor- 
träts mit  diesen  Darstellungen.    Er  sieht 
den  Fehler,  den  die  frĂĽheren  Beobachter 
gemacht  haben,  darin,  daĂź  diese  sich  auf 
den  Knotenaussatz  beziehen,   während 
den  peruanischen  Tonfiguren  Nerven- 
lepra Modell  saĂź.    FĂĽr  ihn  besteht  kein 
Zweifel,  daĂź  es  sich  um  Lepra  handele, 
und  er  ist  geneigt,  eine  Reihe  von  Haut- 
erkrankungen   als    Ăśberreste    der   alten 
Lepra  anzusehen,  indem  er  betont,  daĂź 
die    »Carate«    oder    »Caracha«    Krank- 
heitserscheinungen verursache,   welche 
entschiedene    Ähnlichkeit     mit     Lepra 
hätten.    Virchow  rechnete  von  neuem 
mit   der  Möglichkeit,   daß  es  sich  um 
den  Aussatz  handele  und  betonte,  daĂź 
tür  ihn  die  Frage  der  präkolumbischen  Lepra  genau  so  offen  sei  wie 
die  der  präkolumbischen  Syphilis.     Im  Jahre  1900  nimmt  nun  ein 
Dr.  Richter  aus  Peru  das  Wort.     Auch  er  beweist,  daĂź  die  Lepra 
unter  den  Eingeborenen  Perus  unbekannt  gewesen,    daĂź   ihnen   ein 
Wort  dafür  gefehlt  habe,  und  daß  sie  bei  dem  späteren  Import  der 


Orig^.-Au/jt .     Berlin ,    l'olkcrkuudt'museuju. 

Fig.  304. 
Juckender  Ausschlag. 


414 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Krankheit  statt  dessen  das  Wort  Caracha  angewandt  haben,  was 
eigenthch  Krätze  bedeute.  Auch  er  gibt  interessante  Mitteilungen 
ĂĽber  die  Utakrankheit,  welches  Wort  die  FreĂźkrankheit  bedeute, 
also  identisch  mit  Lupus  sei.  Dieselbe  Krankheit  fĂĽhre  noch  eine 
Reihe  anderer  Namen,  darunter  auch  Llaga.  Die  tuberkulöse  Natur 
des  fressenden  GeschwĂĽrs  sei  allerdings  nur  in  einem  Falle  von 
Dr.  Flor  es  (Lima)  durch  den  Nachweis  der  Tuberkelbazillen  be- 
stätigt. Der  Verlauf  dauere  monatelang;  Ugaz  habe  sogar  versucht, 
die  Krankheit  zu  inokulieren,  bisher  ohne  Erfolg.    Ăśbereinstimmend 

nehme  man  an,  daĂź  die  Ăśbertragung  durch 
Insekten  geschehe,  und  daĂź  ausnahmslos 
die  unbedeckten  Körperstellen  ergriffen  wür- 
den. Innerhalb  von  sechs  Monaten  erfolge 
nach  Barros  teilweise  oder  völlige  Zer- 
störung der  Nase,  Perforation  des  Gaumens, 
vollständige  Verstümmelung  der  Lippen, 
narbiges  Ektropion.  Von  den  beigefĂĽgten 
Huacoabbildungen  werden  einige  als  un- 
zweifelhafte Fälle  von  Uta  bezeichnet.  Nach 
den  Angaben  Dr.  Richters  erfolge  durch 
Verschorfung  mit  dem  GlĂĽheisen  eine  nar- 
bige Ausheilung  meist  ohne  Rezidiv. 
Das  letzte  Wort  hat  wieder  Albert  xA.shmead.  In  dem 
American  Journal  of  Dermatology  von  St.  Louis  legt  er  in  einer 
Artikelserie,  das  Wissenswerte  noch  einmal  zusammenfassend,  seine 
Ansicht  klar  und  spricht  jetzt  von  Utosic  Syphilis.  AuĂźerdem  bringt 
er  Illustrationen  neuer  Typen  aus  neuen  Sammlungen  und  immer 
neue  Hypothesen  fĂĽr  die  Entstehung  der  Erkrankung  und  der 
Krankheitsbilder.  Auch  erwähnte  er  eine  mehrfach  sich  wieder- 
holende Darstellung  einer  Kartoffel  (Solanum  tuberosum)  mit  fol- 
gender Allusion.  Aus  den  Knollen  der  Kartoffel  wachsen  zwei 
Gesichter  mit  den  geschilderten  Gesichtsmutilationen  (Nasen-  und 
Lippenschwund).  AuĂźerdem  zeigen  die  Knollen  aber  an  vielen 
Ecken  die  tvpischen  Augentriebe.     Betrachtet  man  diese  genau,  so 


'^^P'^>>^'^ 


Orig.- Zeichnung  von  v.  d.  Steinen. 

Fig.  305.     Detail. 


^  DIAGNOSE  DER  KRANKHEITSSCHILDERUNG.  415 

findet  man  statt  der  Wurzeltriehe,  daĂź  hier  die  Kartoffeischale  von 
spitzen  Nasen  durchbohrt  wird,  manchmal  wird  auch  der  ganze 
Nasenansatz  mit  der  Augenpartie  schon  sichtbar.  Die  gegebene 
Erklärung  für  diese  seltsame  Bildung  ist  gewunden  und  wenig  ein- 
leuchtend. Ich  meine  aber,  daĂź  eine  Deutung  dieser  Formverbin- 
dung der  Kartoftel  mit  angeblicher  Krankheit  eine  ungezwungene  sein 
muĂź,  wenn  sie  Anspruch  auf  Wahrscheinlichkeit  machen  soll.  Nichts 
ist  aber  schwerer,  wie  aus  Form  und  Emblemen  sich  mythologische 
Vorstellungen  zu  rekonstruieren.  Das  sehen  wir  ja  z.  B.  auch  bei 
der  ägyptischen  Religionsgeschichte.  Und  neue  Schwierigkeiten 
erwachsen  aus  den  volkstĂĽmlichen  Vorstellungen ,  die  oft  abseits 
von  der  offiziellen  Regierungsreligion  liegen.  An  derselben  Stelle 
bildet  dieser  gelehrte  Autor  Koitusszenen  ab,  bei  denen  der  aktive 
Teil  NasenverstĂĽmmlungen  zeigt.  Ein  Zweiter  ist  offensichtlich 
auch  noch  blind.  »Why  depict  this  act  at  all,  if  not  to  show  con- 
nection  with  thc  diseased  face?«  Nun,  wir  hoffen,  für  all  diese 
Dinge  ziemlich  einwandsfreie  und  weniger  gewagte  Antworten  zu 
geben,  deren  BegrĂĽndung  nicht  in  Fragezeichen  liegt,  sondern  in 
dem  Beweismaterial  der  Töpfe  selbst  und  analogen  Vorstellungen 
anderer  primitiver  Völker. 

Die  Aufgabe,  die  sich  uns  bietet,  und  die  besonders  reizvoll 
ist  fĂĽr  jemand,  der  sich  mit  Vorliebe  auch  als  Operateur  mit  den 
Destruktionen  des  Gesichtes  beschäftigt  hat,  gestaltet  sich  demnach 
folgendermaßen.  Es  wäre  lächerlich,  durch  vergleichendes  Bilder- 
material den  Behauptungen  so  bedeutender  Männer  mit  autoritativen 
Ansichten  irgendein  Superarbitrium  hinzuzufĂĽgen,  denn  das  hieĂźe 
da  ein  Gutachten  geben,  wo  ein  Wahrspruch  nötig  ist.  Doch  vor 
diesem  Spruche  ist  es  Vorbedingung,  einmal  klipp  und  klar  es  aus- 
zusprechen ,  daĂź  eine  behauptete  Klassifikation  einer  E  r- 
k  r  a  n  k  u  n  g  aus  einer  bildlichen  D  a  r  s  t  e  1 1  u  n  g  keine  n 
w  i  s  s  e  n  s  c  h  a  f  1 1  i  c  h  c  n  W e  r  t  beanspruchen  kann.  Die  Diagnose 
kann  richtig,  sie  kann  aber  auch  falsch  sein,  einen  positiven  Wert 
wird  sie  auf  keinen  Fall  haben.  Wir  können  immer  nur  von  einer 
Wahrscheinlichkeit,    von   einer   Ähnlichkeit   sprechen.      In    medizi- 


41 6  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ^ 

nischer  Beziehung  ist  man  vorsichtiger;  deshalb  muĂź  man  es  auch 
sein  auf  unserem  Gebiet,  wenn  wir  den  Wert  unserer  mediko- 
artistischen  Studien  nicht  ganz  kompromittieren  wollen.  Nehmen 
wir  an,  unsere  amerikanischen  TongefaĂźe  sind  von  so  verblĂĽffender 
Naturtreue,  daĂź  sie  dem  Werte  einer  modernen  Naturaufnahme, 
wie  sie  die  photographische  Platte  ermöglicht,  gleichkommt,  und 
gern  gebe  ich  zu,  daß  im  Rahmen  des  Möglichen  die  Inkakünstler 
diesem  Ziele  nahekamen.  Da  betrachte  ich  solche  Photographien 
mit  ganz  ähnlicher  Gesichtszerstörung  von  Negern  aus  Neu-Guinea 
und  dem  Bismarck-Archipel.  Grauenvolle  \'ernichtung  der  zen- 
tralen Gesichtspartie,  welche  unseren  Huacogesichtern  vielfach  ganz 
analog  ist.  \\\\\  irgendeiner,  und  wenn  er  ein  noch  so  intimer 
Kenner  ist,  die  wissenschaftliche  Verantwortung  ĂĽbernehmen,  auf 
Grund  dieser  Abbildungen  allein  eine  Spezialdiagnose  zu  stellen  r 
Der  objektive  Forscher  untersucht  weiter.  Prof.  Dr.  Friedrich 
FĂĽlleborn  vom  Institut  fĂĽr  Tropenkrankheiten,  der  diese  Aut- 
nahmen machte,  läßt  die  Diagnose  trotz  körperlicher,  wenn  auch 
oberflächlicher  Untersuchung  offen,  und  bezeichnet  als  ursächlich 
in  Betracht  kommend:  tertiäre  Syphilis,  Frambösie,  Lepra,  Rhino- 
sklerom,  Lupus  und  die  Buba  Brasiliens.  Ihm  selbst  ist  schon  die 
Ähnlichkeit  mit  den  von  mir  publizierten  Zerstörungen  auf  peru- 
anischen Gefäßen  aufgefallen.  Er  nennt  diese  Erkrankung  der 
SĂĽdseeinsulaner  Rhinopharyngitis  mutilans  oder  gangraenosa.  Dieses 
wissenschaftliche,  einzig  zu  rechtfertigende  Vorgehen  verbietet,  allein 
aus  dem  Anblick  eines  Kunstwerkes  eine  Diagnose  zu  stellen,  und 
deshalb  haben  auch  autoritative  Urteile,  wenn  sie  nicht  alle  ĂĽber- 
einstimmen, keine  GĂĽltigkeit.  Oder  soll  hier  der  Hammelsprung 
entscheiden?  Um  also  positive  Resultate  zu  erzielen,  mĂĽssen 
die  Begleitumstände  geprüft  werden;  wir  müssen  Indizien  haben, 
Analogien  ziehen,  um  endlich  zu  einer  Wahrscheinlichkeitsdiagnose 
zu  kommen.  Vor  allem  ist  es  nötig,  daß  der  Forscher  sich  nicht 
durch  gefällte  Urteile  blenden  läßt,  und  im  ganzen  empfiehlt  es 
sich,  so  unhistorisch  es  auch  klingen  mag,  eigene  Wege  zu  gehen 
und  die  Vorarbeiten  erst  dann  zu  studieren,    wenn   man  selbst  die 


DIAGNOSE  DER  KRANKHEITSSCHILDERUNG. 


417 


eigene  Forschungstätigkeit  abgeschlossen  hat.  Die  Geschichte  der 
Medizin  kennt  eine  Reihe  von  Beispielen,  daĂź  gerade  dieser  Weg 
zu  dem  schönsten  Resultat  getührt  hat.  Die  Schulmedizin  wurde 
von  Zeit  zu  Zeit  aus  ihrem  Geleise  geworfen  und  in  neue  Bahnen 
gelenkt  durch  Outsider,  die  ohne  historische  Belastung  dem  alten 
so  oft  angegriffenen  Feinde  mit  neuen,  bisher  unerprobten  Waffen 
beikamen.  Ohne  die  Kenntnis  der  endlosen  Debatten  und  literari- 
schen Kämpfe  ging  ich  an  die  Untersuchung  der  Huacos  und  suchte 
mir  zunächst  die  Frage  zu  beantworten :  handelt  es  sich  hier  bei 
diesen  a  n  thropomorphen  Keramiken  ĂĽberhaupt  um 
K  r  a  n  k  h  e  i  t  s  d  a  r  s  t  e  1 1  u  n  g  e  n  ?  und  diese  so  wichtige  Frage  kann 
ich  nur  t  ü  r  einen  b  e  s  c  h  r  ä  n  k  t  e  n  Teil  bejahen  ,  um  dies 
vorweg  zu  nehmen.  Und  die  zweite  Frage,  deren  Beantwortung 
fĂĽr  die  Beurteilung  des  Ganzen  ausschlaggebend  sein  muĂźte,  und 
die  seltsamerweise  von  den  Fachleuten  ĂĽberhaupt  gar  nicht  aut- 
gerollt wurde,  lautete:  Welchen  Sinn  hatte  diese  seltsame  Dar- 
stellungsart, zu  welchem  Zweck  schufen  die  Inkaleute  solch  wider- 
liches Kunsthandwerk?  Aus  der  Beantwortung  dieser  Probleme 
hoffte  ich  dann  RĂĽckschlĂĽsse  auf  das  Wesen  der  Krankheit 
ziehen  zu  können  und  der  Frage  näher  zu  treten:  Spricht  diese 
dem  Boden  S  ĂĽ  d  a  m  e  r  i  k  a  s  a  b  g  e  \v  o  n  n  e  n  e  k  e  r  a  m  i  s  c  h  e 
Kunstsprache  nur  von  ei  n  er  K  ra  n  k  h  ei  t,  einer  spezi- 
fischen, die  GemĂĽter  beherrschenden  Volksseuche,  oder  besteht  die 
Möglichkeit,  daß  hier  Krankheiten  \-  e  r  s  c  h  i  e  d  e  n  s  t  e  r  Ä  t  i  o- 
logie  geschildert  wurden?  Wenn  ich  in  folgendem  die  Resultate 
meiner  Untersuchungen  mitteile,  so  glaube  ich,  in  vieler  Beziehung 
positive  Schlüsse  ziehen  zu  können,  die  der  Wirklichkeit  nahe 
kommen.  In  anderen  Beziehungen  aber  muß  man  doch  vorläufig 
noch  ein  Xon  liquet  verzeichnen  und  auf  die  Weiterarbeit  der  Fach- 
leute hoffen. 

Zu  w  e  1  c  h  e  m  Z  ^^•  e  c  k  ,  in  welchem  Sinne  schulen  die 
KĂĽnstler  ĂĽberhaupt  diese  T o  n  b  i  1  d  e  r  ?  Um  ein  e  Beant- 
wortung dieser  Frage  zu  erhalten,  können  wir  nicht  die  Literatur 
der  Inkas  zu  Hilte  nehmen ,    denn   dieses  eigenartige  \'olk  hat  uns 

Holländer,  Plastik  und  Medizin.  -7 


41 8  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ® 

nichts  Schriftliches  hinterlassen,  was  aus  der  vorkolumbischen  Zeit 
stammt.  Die  späteren  Berichterstattungen  sind  gefärbt  und  ungenau. 
Bei  der  BerĂĽhrung  mit  den  Spaniern  ging  das  primitive  Kolorit  ver- 
loren, die  spanische  TĂĽnche  verwischte  den  ursprĂĽnglichen  Cha- 
rakter. Man  muß  es  demnach  versuchen ,  die  Lebensbetätigung, 
die  Lebensauffassung  dieses  hochbegabten  Volkes  aus  seinen  Kultur- 
denkmälern zu  studieren.  Der  Schleier,  der  seine  Religionsvor- 
stellung, seine  Märchenwelt  dicht  verhüllt,  wird  vielleicht  dadurch 
etwas  gelĂĽftet  werden.  Das  wertvollste  Material  besitzen  wir  nun 
in  ihren  kunsthandwerklichen  Leistungen;  sie  liebten  es,  ihre 
Webereien  mit  schönen  Farben  und  Ornamenten  auszustatten  und 
Szenen  des  täglichen  Lebens  hineinzuweben ;  sie  bemalten  mit 
diesen  die  Keramiken  und  bildeten  plastisch  aus  Ton,  gelegentlich 
auch  in  wertvollem  Material,  in  KrĂĽgen,  Tellern  und  SchĂĽsseln 
aus  reinem  Gold,  das  ganze  Szenarium  ihres  Lebens.  Ihr  letzter 
König  versprach  sich  loszulösen  durch  ein  Lösegeld  aus  Gold, 
welches  den  weiten,  groĂźen  Saal,  in  dem  er  stand,  so  hoch  vom 
Boden  erfĂĽllte,  wie  er  mit  der  Spitze  seiner  erhobenen  Hand 
reichen  konnte.  Schnell  fĂĽllte  sich  der  Riesenraum  mit  goldenen 
Geräten,  und  das  betrügliche  Herz  des  Pizarro  und  seiner  Genossen 
bebte  vor  Freude.  Alle  diese  Kostbarkeiten  verschwanden  im 
Schmelztiegel  bis  auf  geringe  Reste.  Manches  birgt  wohl  noch 
die  amerikanische  Erde.  Wir  mĂĽssen  uns  an  die  Keramiken  halten, 
die  natürlich  in  gröberer  Arbeit  uns  von  diesem  Volke,  manchmal 
in  grausamer  Naturtreue,  manchmal  in  poetischer  und  symbolischer 
Form  erzählen.  Neben  mythologischen  Figuren  linden  wir  auf 
diesen  Töpfen  die  Tier-  und  Vogelwelt  dargestellt,  die  Bevölke- 
rung von  Meer  und  FluĂź,  Berg  und  Tal,  das  Leben  von  Freund 
und  Feind.  Wir  sehen  die  Inkas  abgebildet,  wie  sie  zur  Jagd  aus- 
ziehen, wie  sie  Fische  fangen,  ihre  Häuser,  ihre  Spiele  und  Kriegs- 
tänze und  neben  realistischen  Schilderungen  des  Einzelindividuums 
finden  wir  den  Tierleib,  Schneckenwindungen  und  Muscheltorm  zu 
kĂĽnstlerischen  Ornamenten  verwendet.  Das  Geschwinde  des  dahin- 
schieĂźenden  Fisches,  das  Schwammige    der  Qualle,   das  Schleichen 


®  DIAGiNOSE  DER  KRANKHEITSSCHILDERUNG.  410 

des  Fuchses  ist  ihrer  Kunst  Untertan.  Auf  einem  Krug,  dessen 
AuĂźenseite  sich  organisch  und  farbenfreudig  aus  einem  Muschelpaar 
zusammensetzt,  ist  z.  B.  folgende  Szene  geschildert.  Eine  Gruppe 
von  Mäuschen  schleppt  auf  einer  Trage  eine  kranke  Maus.  Die 
Maus  ist  schwer,  und  die  Träger  mühen  sich  weidlich  ab.  Ein 
Mäuschen  putzt  sich  den  Angstschweiß  vom  Gesicht,  die  Invalide 
selbst  fürchtet  herunterzufallen  und  hält  sich  krampfhaft  an  der 
Bahre  lest.  Neben  solchen  reizvollen  Darstellungen,  von  denen 
manche  leicht  verständlich,  hnden  sich  oft  auch  solche  mvthischen 
und  unverständlichen  Inhaltes.  Was  uns  aber  sofort  einleuchtet, 
das  sind  die  Schilderungen  ihrer  Lebensbetätigung.  Sie  zeichneten 
das  Szenarium  des  Daseins  von  der  Geburt  bis  zum  Tode. 

Eine  der  bekanntesten  Huacodarstellungen  ist  die  mit  der  Ge- 
burtsszene (s.  Fig.  161).  In  sitzender  Stellung  findet  die  Entbindung 
statt,  die  Hebamme  entwickelt  das  Kind;  der  Mann,  wie  es  scheint, 
stĂĽtzt  die  KreiĂźende.  Neben  solchen  Geburtsdarstellungen  finden  wir, 
wie  das  bei  einem  derartigen  Volke  beinahe  selbstverständlich,  die 
intime  Darstellung  des  Liebeslebens,  oft  auch  arger  Perversitäten. 
Die  Phantasie  der  Pompejaner  ist  gegen  diese  Inka-Erotik  einseitig. 
Wir  finden  sie  als  Bildner  der  täglichen  Gewohnheit  des  Essens, 
Schlafens,  Toilettemachens  (besonders  hĂĽbsch  ist  ein  Berliner  Krug, 
aut  dem  eine  junge  Dame  ihr  langes  Haar  kämmt).  Wir  begegnen 
auch  Szenen,  die  mehrdeutig  sind,  wie  /..  B.  die  folgende  (s.  Fig.  306). 
Einer,  voll  des  sĂĽĂźen  Mets,  oder  auch  ein  Kranker,  und  dafĂĽr 
sprechen  die  kleinen  Augen  und  eingefallenen  Wangen,  wird  von 
zwei  Kumpanen  gestĂĽtzt.  Kann  es  da  auffallend  erscheinen,  wenn 
in  dieser  allgemeinen  plastischen  Lebensbeschreibung  die 
Nachtseiten  des  Lebens,  Krankheit  und  Tod,  eine  Rolle 
spielen  ? 

DaĂź  die  InkakĂĽnstler  mit  diesen  Darstellungen  von  Krankheit 
und  Tod  aber  in  besonders  umtangreichem  MaĂźe  einem  BedĂĽrfnisse 
nachkamen,  datĂĽr  wird  eine  innere  BegrĂĽndung  vorhanden  gewesen 
sein,  die  wir  in  folgendem  zu  erklären  versuchen. 

Schon   allein    die  Tatsache,   daß  wir   in    den   Höhlengräbern   die 


420 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


eingesackten  Leichen  umgeben  linden  mit  Huacos,  welche  die  di- 
vergentesten Szenen  schildern  —  stammt  doch  unser  ganzes  Material 
aus  solchen  Totenstädten  — ,  spricht  mit  Sicherheit  gegen  die  Ansicht 
einiger  Forscher,  welche  ohne  Kenntnis  der  anderen  Huacos  diese 
Krankheitsdarstellungen  als  Witivgaben  auffassen.  Von  nichts  der- 
gleichen kann  die  Rede  sein.  Die  mitgegebenen  Gefäße  waren  die 
symbolischen  Beigaben  für  ein  anderes  Leben;  die  Kindergräber 
umgab  man  mit  Spielzeug;  den  ganzen  Webeapparat  und  Körb- 
chen mit  Instrumenten  fĂĽr 
allerlei  Handarbeit  legte  man 
in  die  Frauengräber. 

Der  Inkamann  war,  das  geht 
aus  allem  hervor,  ein  zech- 
Iroher  Geselle,  und  wie  er  seine 
ganze  Umgebung  und  alle  Ge- 
genstände seines  täglichen  Ge- 
brauchs kunstgewerblich  ver- 
zierte und  mit  Vorstellungen  aus 
seiner  Märchenwelt  schmückte, 
so  auch  besonders  seine  ver- 
schiedenen Trinkgeräte.  Wenn 
er  aber  nun  den  Krug  zum 
Munde  fĂĽhrte  und  er  sah  auf 
ihm  Krankheit  oder  Tod  ab- 
gebildet, so  konnte  das  zwei  verschiedene  GemĂĽtserregungen  her- 
vorrufen. Die  Stellung,  die  der  einzelne  und  ganze  Völker  dem 
Tode  gegenĂĽber  einnahmen,  war  zu  verschiedenen  Zeiten  verschie- 
den und  ist  auch  im  Laute  des  eigenen  Lebens  dem  Wechsel 
Untertan.  Zwischen  dem  mittleren  Ruhestadium  eines  maĂźvollen 
Indiflerentismus  pendelt  die  Auffassung  zwischen  den  Extremen : 
das  Leben  nur  eine  W^rbereitung  zum  Tode  —  tut  während  des 
Lebens  BuĂźe,  betet,  kasteit  euch  und  denkt  jede  Stunde,  daĂź  sie 
eine  Vorbereitung  sei  für  die  Seligkeit  nach  dem  Tode  —  und  der 
vollendeten  Lebensbejahung.     Was    trennt   diese   lebensverneinende 


Orig ,  -  A  u/n .      Berlin ,    l  'ölke  rk  u  «  de  m  u  seit » 

Fig-  306.     Gruppe  mit  Krankem. 


ZWECK  DER  DARSTELLUNGEN. 


421 


melancholische  Anspannung  der  menschlichen  Seele  von  dem  Ăśber- 
springen des  Gedankenbogens  in  den  gegenteiligen  GefĂĽhlrausch? 
EĂźt  und  trinkt  und  liebt  und  jubiliert,  denn  der  morgige  Tag,  die 
nächste  Stunde  kann   und  wird  vielleicht  den  Tod  bringen! 

Das  Emblem  für  diese  beiden  konträren  Lebensauffassungen,  die 
Allegorie  fĂĽr  Lebensfreude  wie  fĂĽr  Sterbensseligkeit,  war  bei  den 
verschiedenen  Völkerstämmen  das  Gerippe,  das 
Totenskelett,  der  Totenschädel.  Drohte  bei 
den  opulenten  Gastmählern  des  alten  Roms  die 
Trinklust  nachzulassen,  so  lieĂź  wohl  der  Gast- 
geber ein  kleines  Gerippe  aus  Silber  »antanzen«. 
Dieser  Ausdruck  ist  wohl  deshalb  der  richtige, 
weil  wir  uns  nach  Petronius  vorstellen  mĂĽssen, 
daĂź  ein  solches  bewegliches  FigĂĽrchen  wie 
eine  ALirionette  arbeitete.  Larvam  argenteam 
attulit  servus  sie  aptatam,  ut  articuli  eins  verte- 
braeque  laxatae  in  omnem  partem  verterentur 
(Petronius .  in  der  cena  Trimalchionis).  Das 
Original  aus  dem  Dresdener  Antiquarium  (siehe 
Fig.  307)  zeigt  noch  die  Vorrichtung  der  be- 
weglichen Extremitäten.  Dem  Geiste  klassi- 
scher  Lebensauffassung  entsprechend,  galt 
sicherlich  solch  Skelett  nicht  als  Warnung  vor 
Unmäßigkeit  und  Diätfehlern,  sondern:  sie 
erimus  cuncti,  postquam  nos  auteret  orcus; 
ergo  vivamus,  dum  licet  esse  bene.  Plutarch  erzählt  in  seinem 
»Gastmahle  der  sieben  Weisen« ,  daß  man  in  Ägypten  ein  Skelett 
in  das  Gastzimmer  stellte,  das  anreizen  sollte,  wenngleich  nicht  zum 
Schwelgen  und  Saufen,  so  doch  zu  gegenseitiger  Freundschaft 
und  Liebe.  Die  diametral  entgegengesetzte  Vorstellung  verband  die 
frĂĽhchristliche  Kunst  mit  der  Todesvorstellung.  Mit  wenigen  x\us- 
nahmen  erfĂĽllte  das  Geklapper  der  Menschenbeine  mit  Mollakkorden 
ganze  Jahrhunderte.  Schädel  und  Gerippe,  halbtaule  Leichname 
(schon    voller   Gewürm,    Mäuse    und  Schlangen,    und    der  Tod  als 


Orig.'Aufii.  Dresden,  Albertinnm. 

Fig.  307.  Antikes  Skelett. 


422 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Hautknochenmensch)  wurden  das  beliebteste  Thema  der  frĂĽhen 
Kunst,  das  in  allen  Tonarten  variiert  wurde.  Als  besondere  Aus- 
schmĂĽckung des  Gedankens  war  der  Totentanz  zu  einer 
kĂĽnstlerischen  Lieblingsidee  geworden.  Der  Tod ,  die  Fiedel 
spielend  oder  die  Flöte  blasend  oder  irgendein  anderes  Musik- 
instrument  handhabend,  fĂĽhrt    im    Reigen    dem    gleichen   Ziele  zu: 


l'icot .  Aiinari.     ^r'a^c'i.   Museum. 

Fig.  308.     Skelettmosaik. 


Äbtissin  und  Troßdirne,  König  und  Wegelagerer.  Dieses  ewig 
gleiche  Thema  zu  paraphrasieren,  ihm  neue  Seiten  abzuge- 
winnen, war  kĂĽnstlerischer  Ehrgeiz;  bis  zu  welchem  Grade  das 
gelang,  möge  man  bei  der  Betrachtung  des  Holbeinschen  Toten- 
tanzes erkunden.  (Auch  die  Entgleisungen  dieser  Geschmacks- 
richtung sind  bekannt.     Schöne  Frauen,  gemalt  oder  als  Atrappen, 


ZWECK  DER  DARSTELLUNGEN. 


423 


die  sich  bei  näherem  Zusehen  als  Knochengerippe  entpuppen.)  Ist 
nun  aber  ein  solches  Emblem  des  Todes  auf  einem  Trinkbecher 
angebracht,  so  kann  es  diese  asketisch-kirchliche  Bedeutung  nicht 
haben,  auch  nicht  die  Bedeutung  des  Giftzeichens,  »trink  nicht, 
oder  du  bist  ein  Kind  des  Todes«,  und  so  ist  auch  der  Vasentorso 
(siehe  Fig.  309),  den  Schliemann  in  Pergamon  ausgegraben,  nur 
so    aufzufassen,    »trink   bei   Zeiten«.      Auch    die   trunkene  Haltung 


Orig.-Aitjn.     Bfrlin,  Schlieiiiann-Santinl. 

Fig.  309.      Hellenistischer  Trinkkrug  aus  Pergamon. 

des  Skelettes  auf  der  hellenistischen  Vase  und  die  durch  Musik- 
instrumente und  Weinbehälter  bestrittenen  Verzierungen  deuten 
nach  dieser  Richtung.  Angeblich  als  Ausdruck  einer  epikuräischen 
Lebensauffassung  finden  wir 'allerorten  Skelettdarstellungen  mit  dem 
Hinweis   auf   das  Vergängliche  und  das  Ewige. 

Könnte  nun  der  Anblick  eines  Mosaikbildes,  namentlich, 
wenn  es  vielleicht  an  einer  (jräberstelle  oder  in  einem  Baderaum 
(siehe  Fig.  308)  angebracht,  die  negierende  Seite  menschlicher 
GrĂĽbelei    betonen,  so  kann  die  Anordnung  der  Skelette   auf  einem 


424 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Trinkkrug  oder  auf  einem  EĂźtisch  nur  in  der  Richtung  des  Ge- 
nusses gehen').  AuĂźer  dem  SchHemannhecher  sah  ich  solche  mit 
schönen  Skeletten  verzierte  im  Louvre.  E.  Caetan  i-Lo  vat  el  1  i 
beschreibt  ähnliche  (Monumenti  antichi  public,  per  cura  della  Acca- 
demia  dei  Lincei;  Vol.  V.  1895  [s.  Fig.  310])  silberne  und  bron- 
zene Skelettlarven  und  fĂĽgt  die  hier  wieder- 
holten Fragmente  von  Trinkgefäßen  bei,  die  in 
ihrer  AusfĂĽhrung  sehr  an  die  Trinkbecher  von 
Boscoreale  erinnern  (s.  Fig.  311  u.  312).  Alle 
.AJUH^f^I  diese  Dinge  sind  Umschreibungen  des  Lebens- 
â–   r'^^^^F  1  prinzips:  \'itam  dum  vives,  vive  oder  amici, 
•  ...?'•»  1  jy,-,-,  vivimus  vivamus ;  oder  comedamus  et  bi- 
bamus,  cras  enim   moriamur. 

Unter  den  Silber-  und  Goldtunden  aus  an- 
tiker Zeit  nimmt  der  1893  bei  Pompeji  ge- 
fundene und  von  Baron  Edmund  v.  Roth- 
schild^) dem  Louvre  ĂĽberwiesene  groĂźe  Schatz 
von  Boscoreale  eine  Sonderstellung  ein.  Uns 
interessieren  zumeist  die  beiden  nach  ihrer  Form 
»modiolus«  genannten  Trinkbecher:  illustrieren  sie 
doch  nicht  nur  in  vollendetster  Form  die  von  uns 
angezogene  Art  der  Schädel-  und  Skelettbecher, 
sondern  beinahe  überflüssigerweise  erklärt  die 
antike  Legende  aut  den  Bechern  Zweck  und 
Sitte.  Der  erste  Becher,  der  die  Katalogmarke 
7  trägt,  ist  in  Hochreliefform  mit  einer  Rosen- 
girlande geschmĂĽckt.  Darunter  sind  groĂźe  und  kleine  Skelette  in 
lebendiger  Pose  dargestellt.  Zwei  Skelette  stehen  meist  in  engerer 
Beziehung.  So  das  Paar  neben  dem  DreifuĂź.  Es  sind  zwei  Philo- 
sophen, die  Skelette  tragen  noch  deren  charakteristischen  Attri- 
bute:  den  Schultersack  und    den   langen  Stab.     Der  links  stehende, 


Roi>[,  Mus.   Kircherianunt. 

Fig.  310. 
Antike  Skelettlarve. 


')  Siehe  auch  das  Pompejanische  Skelettmosaik  in  Neapel  als  Zierde   eines  Speisesaales, 
welches  in  jeder  Hand  Trinkgefäße  hält. 

-)  Argenterie  du  Tresor  de  Boscoreale,  par  Heron  de  \'illefosse.     Paris  lyo.;. 


ANTIKE  SKELETTMARIONETTEN. 


425 


als  Zeno  der  Athener  bezeichnete,  zeigt  auf  den  anderen  im  Bettel- 
sack,  der  die  Beischrift  Epikur  der  Athener  hat.  Seine  Geste  ist 
eine  beschimpiende.  Ăśber  dem  auf  dem  DreifuĂź  Hegenden  Opfer- 
gebäck steht  eingeritzt:  »Der  Genuß  ist  weitaus  das  Höchste«; 
andere  Sprüche  auf  den  Bechern  kiuten :  »Genieße  während  du  am 
Leben  bist,  denn  der  morgige  Tag  ist  ungewiß«  —  »Das  Leben 
ist  ein  Theater«.  Alles  wiederkehrende  Paraphrasen  über  das  »Carpe 
diem«.  Als  Persönlichkeiten  werden  noch  bezeichnet  Moschion, 
Dcmetrius  von  Phaleron ,  der  Athener  Monimus,  Menander  und 
Archilochus  und  Sophokles. 


>'»""tHIW»W?>l*   • 


Fig-  311- 

Antike  Trinkoefäße  mit  Skelettdarstellungen 


Reproduktion  aus  Caeiaiti-Lovaielli . 

Fig.  312. 


Ăśbersetzen  wir  diese  klassische  Formel  der  philosophischen 
Spötterei  in  das  Peruanische,  so  liegen  hier  Vorstellungen  ideo- 
logischer Art  so  nahe  beieinander,  daĂź  wir  den  engen  Kreis  mensch- 
licher Vorstellung  wieder  einmal  bewundern.  Wenn  beide  Völker, 
die  eine  Welt  trennte,  und  die  wirklich  auf  zwei  verschiedenen 
Sternen  hätten  wohnen  können  ,  zu  so  verwandter  mvthologischer 
Formenbildung  kommen  konnten,  auch  Gorgoneion,  einem  Schreck- 
bild mit  herausgestreckter  Zunge  und  übereinandergreifenden  Zähnen, 
so  kann  die  Gemeinsamkeit  anderer  Lebensvorstellungen  nicht 
wundern. 

Wir  mĂĽssen  nun    nach    dieser    notwendigen  Abschweifung  den 


426  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ® 

Beweis  erbringen,  daĂź  ein  Teil  der  trĂĽber  als  Krankbeits- 
darstellung  aufgefaßten  Gesicbtsverändcrungen  offen- 
bare T  o  t  e  n  k  r  ĂĽ  g  e  waren,  d.  b .  KrĂĽge,  auf  denen  der 
Tod  dem  Trinker  entgegengrinste  und  ibn  zum  GenuĂź 
aufforderte. 

Als  unzweifelbaftes  Beweisstück  wird  man  den  Scbädelkrug 
der  Fig.   3 1 3  anerkennen. 

An  diesem  Schädel  tällt  allerlei  aut;  zunächst  der  nocb  vorhandene 
Zusammenhang  der  Kiefer;  ja  es  scheinen  nocb  Tätowierungsstriche 


f 


^"^iH 


Fig.  313- 

sichtbar.  Dann  aber  zwei  jederseits  in  der  Schlätengegend  an- 
gebrachte dunkle  Vertiefungen,  für  die  ich  keine  Erklärung  habe. 
Sie  wiederholen  sich  auf  anderen  KrĂĽgen.  Besondere  Aufmerk- 
samkeit verdient  die  Nasen-Mundpartie,  deren  Schwund  und  Kon- 
figuration schon  entfernt  an  die  beschriebenen  Mutilationen  erinnert. 
Daß  hier,  wie  auch  in  den  anderen  Fällen  der  Schädel  ungenau 
wiedergegeben  ist,  hängt  wohl  weniger,  wie  bei  den  Skelettzeicb- 
nungen  des  frĂĽhen  Mittelalters,  mit  der  Verkennung  seiner  anatomi- 
schen Beschaffenheit  zusammen,  als  mit  der  Tatsache,  daĂź  die  Luft 
und  der  Boden  dieser  Gegenden  zu  einer  spontanen  Mumifikation 
der  Gewebe  fĂĽhrt.  Und  ganz  abgesehen  von  dem  groĂźen  Toten- 
kult, den  dieses  merkwĂĽrdige  Volk  betrieb,  hatte  es  auch  sonst  noch 


MUMIEN. 


427 


häuhg  Gelegenheit,  mumifizierte  Tote  zu  sehen.  Ich  erinnere  nur 
daran,  daß  sie  den  Mumien  ihrer  auf  Thronen  sitzenden  Inkakönie;e 
bei  Festen  Reverenz  bezeigten  und  es  auĂźerdem  Hebten,  den  Mu- 
miensäcken, in  denen  ihre  Toten,  manchmal  mehrere  auf  ein- 
mal ,  steckten ,  falsche  Köpfe  aufzusetzen ,  die  sie  kunstvoll  mit 
eingelegten  Augen  und  Xasen  herzustellen  wuĂźten.  Wiederum  ein 
Analogen  zu  den  Gesichtsdarstellungen  der  ägyptischen  Mumien- 
behälter und  den  goldenen  mykenischen  Totenmasken. 

Aut  dem  nächsten  Kruge  (s.  Fig.  314)   ist   das    Skeletthafte   des 
Kopfes  noch  deutlicher,  obwohl  der  Schädel  noch  ganz  in  der  um- 


fl 


Orig.-Aufn.     Berlin,    l'ĂĽlkerknndcnmseitm. 

Fig.  314.     Skelettkrug. 


Ori^.'Ati/u.     Berlin,    lolkerkuniieiniiseum. 

Fig.  315.     Mumie. 


hĂĽllenden  Kopfbekleidung  steckt  und  namentlich  auch  noch  die 
Ohren  mit  den  Ohrpflöcken,  den  Abzeichen  der  Adelskaste,  er- 
halten sind. 

Hat  man  sich  die  Nasen-  und  Mundpartie  dieser  TotenkrĂĽge 
gemerkt,  so  wird  es  nicht  schwer,  einen  Teil  der  angeblichen 
Gesichtsmutilationen  als  Todesdarstellungen,  als  die  Por- 
trätierung der  Mumien  anzuerkennen.  Dieses  gilt  z.  B.  auch 
von  folgendem  Kopfe  (s.  Fig.   313). 

Ein  Nasenrest  ist  noch  vorhanden.     Der  Mund  ist  klein     rins- 


428 


KRAXKHEITSDARSTELLr.NGEN. 


förmig  geschrumpft,  die  Backen  eingefallen,  das  Leben  fehlt  in  den 
eingelegten  Augen.     Das  Ganze  steckt  noch  in  der  Uniform. 

Dieses  Starre,  Leblose,  Mumienhafte  wird  hervorragend  geschil- 
dert durch  die  folgenden  KrĂĽge  (s.  Fig.   316  u.   317). 

Die  starren  Augen  sind  hier  eingelegt.  Das  hiesige  Völker- 
kundemuseum besitzt  solche  kĂĽnstliche  Augen.     Dasselbe  gilt  von 


Orig.-Aii/tt.     Bt'rlitt,    lölkerkuitdfiituseum. 

Fig.  316.     Mumie. 


den  übergroßen  Zähnen.  Hier  wird  ein  Mumienkopt  geschildert,  wie 
er  durch  die  Beschaffenheit  von  Lutt  und  Boden  hervorgerufen  wird. 
Zur  Erhaltung  des  menschlichen  Äußern  wurden  nur  die  erloschenen 
Augen  wieder  eingesetzt.  Der  Nasenschwund  ist  ĂĽbereinstimmend 
mit  demjenigen  auf  dem  unzweifelhaften  Totenschädel.  Bloß  die 
Gestalt  der  Oberlippe  macht  der  Deutung  Schwierigkeiten.  \\'ir 
finden  zwar  hier  einen  Schwund  derselben,    wie    er   tatsächlich    in 


MUMIEN. 


429 


Wirklichkeit    vorkommt.     Die    Lippe    trocknet    ein    und    zieht    sich 
zurĂĽck,    den    Oberkiefer    mit    der    Zahnreihe    freilegend    (man  ver- 
gleiche   ägyptische    Mumien    und    die    peruanischen    Mumien    des 
Museums).      Der    feine    Saum ,    den    hier    die    Töpfer    regelmäßig 
markiert   haben,   sieht   oft   so  aus,   als  wenn  man  dem  Toten  mit 
einem  Schnitt  zur  Nasenwurzel  die  Oberlippe  gespalten  hätte  (viel- 
leicht   zu    irgendwelcher    Zeremonie    oder    Veranstaltung).      Dieser 
Gedanke  wird  gestĂĽtzt  durch  einen  Topf,  den  ein  Unkundiger  sofort 
als  Porträt  eines  Mannes  mit 
Wolfsrachen   oder  Zwischen- 
kiefer auffassen  möchte.   Auch 
hier   handelt  es  sich  um  den 
Kopt  eines  nicht  mehr  Leben- 
den, der  in  unerforschter  Ab- 
sicht in  dieser  Weise   verän- 
dert ist.    Im  Wiener  Museum 
sah  ich  eine  ähnliche  Schnitt- 
fĂĽhrung an  der  seitlichen  Ober- 
lippe.   Doch  wir  wollen  nicht 
in  das  Stoppelfeld  von  Hypo- 
thesen uns  verlaufen,  sondern 
nach   weiteren    Beweisen   su- 
chen,   daĂź   ein  Teil   der   anthropomorphen   KrĂĽge   als    Krankheits- 
darstellung ausfallt  und  zu  den  Toten-  oder  SkelettkrĂĽgen  rechnet. 
Einen  solchen  bringt  meines  Erachtens  die  ganze  Gruppe   der  soo-. 
blinden  Bettler. 

Wir  betrachten  zunächst  die  Gesichter  der  Figuren,  die  mit 
tamburinschlagender  Pose  auf  den  KrĂĽgen  sitzen.  Diese  Figur  ist 
so  typisch,  die  Haltung  und  der  Gesichtsausdruck  trotz  aller  Varia- 
tionen so  wiederkehrend,  daĂź  man  erst  durch  die  Nebeneinander- 
betrachtung sich  überzeugen  läßt,  daß  hier  keine  Gußform  ver- 
wandt wurde,  sondern  daĂź  alle  diese  Darstellungen  immer  nur 
Wiederholungen  desselben  Vorwurfs,  vielleicht  auch  desselben  Vor- 
gangs darstellen.     Mund,  Nase,    vorspringende  Backenknochen,  oft 


•Aufn.     Berlin,    l'olkerkundeimcseutn. 

Fig-  317- 


430 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Schwund  der  Oberlippe  charakterisieren  diese  Gesichter  unabänder- 
Hch  als  Mumien,  Verstorbene,  Hautknochenmänner  im  mittelalterlichen 
Sinne,  die  genau,  wie  diese  musikmachend,  den  Totenreigen  an- 
fĂĽhren und  zum  Totentanz  aufspielen.  Und  da  sind  wir  wieder 
in  der  Auffassung  fĂĽr  die  gegenseitigen  Beeinflussungen  durch 
verschlagene  Schiffe  und  Kommunikationen  unbekannter  Art,  im 
schönsten    Fahrwasser:     denn    diese    Figuren    krönen    vielfach 

einen  Krug,  auf  dem  in  einem 
R  e  1  i  e  f  b  a  n  d  tatsächlich  der 
schönste  Totentanz  im  mittel- 
alterlichen Sinne  abgebildet 
ist  (s.  Fig.  318  u.   319). 

Gemalt  und  in  Basrelief  ge- 
formt, finden  wir  da  an  den  beiden 
im  Bilde  vorgefĂĽhrten  KrĂĽgen 
Tote,  die  Musik  machen.  Zwei 
groĂźe  Krieger  mit  fliegenden  Ge- 
wändern blasen  auf  der  richtigen 
hellenischen  Panflöte,  die  größte 
l'igur  auf  einem  länglichen  Blas- 
instrument. Dazwischen  stehen 
ChichakrĂĽge;  eine  ganze  Toten- 
familie —  die  ganze  Gesellschaft  ist 
nasenlos  —  tanzt  nach  ihrer  melan- 
cholischen Weise  einen  Schrittanz. 
Den  Beweis,  daĂź  diese  noch 
im  Gewand  steckenden  Tänzer 
Tote  sind,  den  erbringen  ähnliche  Darstellungen,  auf  denen  die 
nackten  Tänzer  ihr  Gerippe  zeigen.  Grausig  ist  z.  B.  eine  Ver- 
storbene charakterisiert,  die  ihr  hohläugiges  Kind  mit  sich  schleppt. 
Dabei  sind  alle  diese  Toten  so  gedacht  und  so  gebildet,  wie  sie 
im  Leben  handelten  und  wandelten,  ganz  im  Bilde  der  klassischen 
Antike.  Ihre  Gesichter  korrespondieren  mit  den  Darstellungen,  die 
man  als  Mutilation  bisher  bezeichnete,  vollkommen. 


Orig.-Au/n.     Berlin.    \'olk,-rk, .,:,:,:„::,,,  :,„!_ 

Fig.  jiS.    Totentanzdarstcllunu  im  Relief. 


TOTENTANZ. 


431 


Von  dem  einen  Relief krug  (s.  Fig.  320)  habe  ich  einige  Tvpen 
zeichnen  hissen,  welche  ein  besonderes  Interesse  verdienen.  So 
den  einen  edlen  Toten  mit  dem  Federhelm,  weil  dieser  un- 
zweifelhaft eine  Prothese  trägt  und  sich  mit  seinem  amputierten 
Bein  ungeschickt  und  hinkend  tortbewegt;  sodann  noch  einen 
Totenkopf,  der  noch  in  seinem  Helm  steckt,  und  das  ganze  Relief- 
band des  Totentanzes  (s.  Fig.   321). 

Ich  meine,  der  Beweis,  daĂź  ein  Teil  dieser  meist  als  Syphilis 
angesprochenen  Gesichtsveränderungen  sich  als  die  Porträtierung 
des  Todes,  der  Mumie  nachweisen  lieĂź,  ist 
damit  einwandsfrei  erbracht. 

K  r  a  n  k  h  e  i  t  s  d  a  r  s  t  e  1 1  u  n  g  e  n.  Es  hieĂźe 
das  Kind  mit  dem  Bade  ausschĂĽtten,  wenn 
wir  durch  die  Erkenntnis  der  Mumien-  und 
Totendarstellung  die  Krankheitsporträtierung 
als  solche  ĂĽberhaupt  in  Abrede  stellen 
wollten.  Ganz  im  Gegenteil  betonen  wir 
ausdrĂĽcklich,  daĂź  die  InkakĂĽnstler  auch  auf 
diesem  Gebiete  Hervorragendes  geleistet 
haben  und  alle  konkurrierenden  Plastiker 
anderer  Zonen  aus  dem  Felde  schlugen. 
Nachdem    wir    nun    aber  diesen  Einblick   in 

jTi  !•  t  TTII  I     Ot  ig.- All/n.    Berlin,  l  olkerkn}tdeini(sett>n. 

das  Leben  dieses  seltsamen  Volkes  taten,  und 

t'g-  3 IQ.      lotentanzkrug. 

ihre  Sitte  der  kunstgewerblichen  Verzierungen 

wĂĽrdigten,  brauchen  wir  nicht  lange  mehr  darĂĽber  zu  diskutieren, 
welche  Krankheitstorm  der  Gegenstand  ihrer  Schilderungen  war. 
Gelegentlich  haben  sie  alle  möglichen  Schicksalsschläge  aufgenommen. 
Es  würde  auch  sonst  eine  unverständliche  Vergewaltigung  sein,  die 
von  uns  allein  schon  wiedergegebenen  Krankheitstormen  in  ein 
System  zu  pressen.  Es  wird  die  Aufgabe  einer  Spezialarbeit  sein, 
namentlich  unter  Zuhilfenahme  der  uns  nicht  zugänglichen  Samm- 
lungen in  SĂĽdamerika  alle  vorkommenden  Erkrankungen  zu  regi- 
strieren und  abzubilden.  Unsere  Aufgabe  ist  eine  wesentlich  be- 
scheidenere;   wir   sahen    schon,    daĂź   sie    Meister    waren    aut    dem 


432 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Gebiete  der  Blindendarstellung,    wir  sahen  den   merkwĂĽrdigen  Fall 
von  einseitiger  Fazialislähmung  mit  X'erlust  des  anderen  Auges. 

Dieser  Kopf  kommt  ĂĽbrigens  auch  ohne  begleitende  Blindheit 
vor  und  mit  umgekehrter  Darstellung  in  Florenz.  Es  liest  nahe, 
anzunehmen,  daß  das  erste  Original,  nach  dem  diese  Töpfe  ge- 
arbeitet waren,  einen  bekannten  Fall  aus  der  Geschichte  der  Inkas 
repräsentierte,  nach  welchem  später  Kopien  gemacht  wurden ;  dieser 
Kopf  nahm  unter  den  Inkaleuten  vielleicht  die  Stellung  ein,  wie  bei 
uns  z.  B.  das  Martyrium  irgendeines  Heiligen.  Wenn  wir  uns 
noch  einen  Augenblick  mit  der  Diagnose  des  Mannes   mit   univer- 


Orig.-A»/n.      Berlin,    l'blkerkuftdemuseutn. 

Fig.  320.     Typen  vom  Relief. 

sellem  Ausschlag  beschäftigen  wollen,  so  muß  man  sich  hüten, 
selbst  in  den  gemachten  Fehler  einer  Spezialdiagnose  zu  verfallen 
oder  wenigstens  eine  solche  mit  Bestimmtheit  auszusprechen.  Wir 
sehen  nur  einen  Körper,  der  über  und  über  besät  ist  mit  Protu- 
beranzen. Diese  stehen  nicht  auf  intakter  Haut,  sondern  sie  haben 
im  Gegenteil  eine  entzĂĽndliche  Schwellung  veranlaĂźt.  Der  Kontrast 
der  befallenen  FĂĽĂźe  und  der  atrophischen  freien  Arme  ist  in  die 
Augen  springend.  J.  Xcumann  motiviert  seine  Diagnose  Fibroma 
molluscum  nicht  eingehend  und  schlieĂźt  nur  weiter,  daĂź  der  Patient 
in  seiner  rechten    Hand    keinen    RĂĽckenkratzer,    sondern    ein    Salb- 


TOTENTANZ. 


433 


instrument  halte.  Ich  will  an  die  Stelle  des  höchst  unwahrschein- 
lichen Fibroms  keine  gelehrte  Gegendiagnose  setzen,  sondern  nur 
meinen,  daĂź  hier  eine  akute  juckende,  vielleicht  skabiose  Krankheit 
zum  Ausdruck  gebracht  werden  sollte,  denn  der  Patient  schneidet 
eine  jämmerliche  Grimasse;  er  ist  nicht  angezogen,  sondern  hat 
sich  eine  An  von  Schurzfell  umgehängt,  und  sucht  sich  mit  der 
rechten  Hand  in  verzwicktester  Körperstellung  an  einem  Punkt  zu 
kratzen,  den  er  partout  nicht  erreichen  kann.  Als  unterstrichener 
Hinweis  hätte  ein  witziger  Künstler  auf  den  Bauch  des  Kruges  ein 
entsprechendes  Zitat  gesetzt.  Der  schriftunkundige  Inkamann  wuĂźte 
sich  noch    anders    zu    helfen.       Das  ursprüngliche  Doppelgefäß  gab 


if.   .^tt-;iiefi.      Bt^rliit,    l'oUit'rl^uiniiiiiust'un 


Fig.  321.     Totentanz. 


beim  Ein- und  x\usgieĂźen  einen  pfeifenden  Klagelaut  von  sich,  wie 
solche    Flötenkrüge    in    Peru    beliebt  waren. 

Extremitätenerkrankungen  müssen  nicht  häufig  gewesen  sein.  Ich 
habe  allerdings  als  Krug  gearbeitet  nur  einen  unförmig  geschwol- 
lenen Fuß  in  Erinnerung;  um  so  häufiger  sind  aber  Verluste  der 
GliedmaĂźen  bekannt  geworden.  Wir  sahen  bereits  bei  Fig.  303 
einen  Mann  ohne  Füße.  Das  Berliner  Völkerkundemuseum  besitzt 
einen  Reitersmann,  der  auf  einem  liegenden  Lama  sitzt,  ohne  Beine 
mit  der  typischen  eingezogenen  Narbe.  Beide  Leute  tragen  im 
Gesicht  die  Krankheitsnarben,  doch  kommen  auch  Amputierte  mit 
gesundem  Gesicht  zur  Darstellung.  Desgleichen  erwähnten  wir 
bereits,  daß  oftmals  die  Tamburinschläger  fußlos  dargestellt  sind. 
Zu  der  Summe  dieser  Beobachtungen  mĂĽssen  wir  noch  den  hin- 
kenden Toten  mit  seiner  Prothese  in  Erinnerung  bringen,  und 
einen  Fall,    den  Ashmead    publiziert    aus  Chicama,    bei    dem   ein 


Hollander,  Plastik  und  Medizin. 


28 


434 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


sitzender,  groĂźohriger  Mann  Nasendestruktionen,  Ausschlag  im 
Gesicht  und  eine  doppelseitige  hohe  Amputation  aufweist.  Wir 
finden  also  in  groĂźer  Anzahl  und  bei  verschiedenen  Tvpen  Verluste 
der  unteren  Extremitäten  und  nicht  nur  beider,  wie  dies  bisher 
behauptet  wurde,  sowohl  am  Unter-  wie  am  Oberschenkel.  Gleich- 
falls ĂĽberholt  ist  die  Behauptung  vom  ausschlieĂźlichen  Verlust  der 
unteren  Extremitäten.  Im  Berliner  Museum  befindet  sich  ein  Krug 
mit    offenbarer    Handerkrankung,    und    Mr.  Ashmead   publizierte 

einen  schönen  Huaco  mit  sicherem  Armvcrlust 
ohne  Gesichtsmutilation^)  (s.  Fig.  322). 

Die  Kombination  der  Gesichtserkrankung 
mit  dem  Gliederverlust  war  es,  welche  der  Be- 
hauptung der  präkolumbischen  Lepra  zunächst 
ihre  HauptstĂĽtze  gab.  Nach  Abweisung  dieser 
tritt  die  Anschauung  des  bestraften  Verbrecher- 
tums oder  der  ZĂĽchtigung  Kriegsgefangener  mit 
Abschneiden  der  Nase  und  Abhacken  der  Beine 
wieder  in  den  Vordergrund.  Nachdem  wir  aber 
sehen  werden,  daĂź  die  Wundmale  im  Gesicht 
Krankheitseffekte  sind,  mĂĽssen  wir  auf  die 
Suche  auch  nach  anderen  GrĂĽnden  gehen,  welche 
dieses  Bild  erklären.  Dazu  ist  es  aber  nötig, 
den  interessantesten  Teil  dieser  Inkafrage  zu- 
erst zu  diskutieren,  den  der  Zerstörung  der  mittleren  Gesichts- 
partie. 

Um  zu  einer  klaren  Vorstellung  ĂĽber  den  Charakter  der  Er- 
krankung, welche  zu  einer  Zerstörung  des  Mittelgesichtes 
fĂĽhrt,  zu  gelangen,  mĂĽssen  wir  uns  einige  charakteristische  Spezi- 
mina  aussuchen,  bei  denen  der  Krankheitsprozeß  möglichst  rein 
und  zweifelsohne  zutage  liegt.  Denn  es  bleiben  in  der  groĂźen 
Sammlung  naturgemäß  immerhin  zahlreiche  Objekte  übrig,  deren 
Klassifikation  fraglich  ist.  Bei  der  Ăśberlegung,  ob  hier  der  Tod, 
die    Mumie    porträtiert    wurde,    oder   ob    vielleicht   doch    an    einen 


Fig.  322. 


Reprodiilitioii . 

Amputierter. 


')  New  Yorl:  Medical  Journal  1909,  Okt. 


UTA  PERUANA. 


435 


Krankheitstall  zu  denken  ist,  bleibt  die  hypothetische  Möglichkeit 
bestehen ,  daĂź  wir  es  mit  der  Darstellung  eines  Todesfalles  zu 
tun  haben,  der  vielleicht  durch  diese  Krankheit  hervorgerufen  wurde. 
AuĂźer  den  bereits  wiedergegebenen  Typen  bringen  wir  nun  in 
folgendem  noch  einige  neue  Huacos,  auf  denen  diese  besondere 
Krankheit  kraĂź  zutage  tritt. 

Der  Absicht    des   Bildners,   den    Trinker   zu   erinnern  »Genieße 
bei  Zeiten«,  entsprachen  im  wesentlichen  die  tertiären  späten  Krank- 
heitsformen;    es    wird    infolgedessen  schwer   sein,    das   initiale  Sta- 
dium   dargestellt    zu    finden.      Mög- 
licherweise  repräsentiert   das   Gesicht 
(s.  Fig.  298)    mit    den    vollkommen 
verschwollenen  GesichtszĂĽgen  ein  sol- 
ches.  Jedenfalls  muĂź  dem  Zerfall  der 
Nase  eine  Intumeszenz  in  dieser  oder 
ähnlicher  Art  vorangegangen  sein.  Der 


Beginn    des    Leidens    und    sein  Aus- 


-ö 


Ml  IIA 


J •'<''■// it ,    I  olkcrkundcmust  K» 

Fig.  i^l- 


bruch  ist  offenbar  ein  lokaler,  und 
die  gesunde  Umgebung  macht  den 
Versuch,  sich  gegen  das  Umsichgreifen 
der  Herderkrankung  durch  entzĂĽnd- 
liche regionäreSchwellung  zu  schützen; 
indem  ihr  dies  gelingt,  restiert  ge- 
legentlich eine  Persistenz  des  hypertrophischen  Gewebes,  an  der  sich 
offenbar  auch  der  Knochen  auffällig  beteiligen  kann.  Das  zeigen 
zur  Evidenz  die  ganz  grotesken  Bildungen  der  Mundgegend  (siehe 
Fig.  323  u.  324).  \\'ir  sahen  schon,  daĂź  im  wesentlichen  die  Ge- 
lehrten zu  einer  negativen  Beurteilung  gekommen  sind,  und  wenn 
wir  unsere  klinischen  Erfahrungen  zusammenfassen,  so  können  wir 
sagen,  daĂź  alle  lokalisierten  destruktiven  Prozesse  wie  Noma,  Car- 
cinoma, lokaler  Rotz,  Lupus,  Syphilis  und  Lepra  gelegentlich  ein- 
mal solche  Zerstörungen  anrichten  können,  aber  sie  tun  es  nur 
ganz  ausnahmsweise  und  auch  nur  annähernd.  Wenn  sich  aber 
solche  Darstellung   mit  einer  derartigen  Häufigkeit  und 


436 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


Ăśbereinstimmung  vorfinden,  so  muĂź  natĂĽrlich  eine  immer 
wiederkehrende  ordinäre  und  jedem  bekannte  Krankheits- 
form Modell  gesessen  haben  —  nicht  ein  ausgefallenes  Krank- 
heitsbild. I:in  Wort  noch  ĂĽber  die  Massenhaftigkeit  der  Funde. 
Man  könnte  einwenden,  daß  alle  diese  Darstellungen  auf  mehrere 
Einzelfälle  Bezug  haben,  ein  Martyrium  eines  bekannten  Heiligen 
oder  ähnliches.  Dagegen  aber  spricht  mit  Sicherheit  das  Indi- 
viduelle des  Einzeltalles,  sowohl  nach  Alter,  Stand,  (jeschlecht  und 
Sippe.  Die  einzelnen  Töpte  nun  haben,  wie  gesagt,  jeder  für  sich 
eine  wechselnde  Verwandtschaft  zu  den  verschiedenen  genannten 
Krankheiten.     So  erinnert  ja  das  Prohl   des  Reitersmannes  auf  dem 

Lama  am  ehesten  an  tertiäre  Lues. 
Die  Fig.  297  an  Lupus.  Die  Be- 
trachtung des  Cjcsamtbildes  aber  lehnt 
die  Beziehungen  mit  Entschiedenheit 
ab  und  lehrt,  daĂź  eine  uns  unbekannte, 
von  auĂźen  eindringende,  schnell  zum 
Verfall  fĂĽhrende,  prognostisch  aber 
nicht  so  ungĂĽnstige  Krankheit  zu 
diesem  Bilde  tĂĽhrt,  welches  mit  der 
R  h  i  n  o  p  h  a  r  \'  n  g  i  t  i  s  m  u  t  i  1  a  n  s  der 
SĂĽdsee  Verwandtschaft  hat.  Diese 
Krankheit  muĂź  einen  endemischen  Seuchencharakter  getragen  haben. 
Es  ist  hier  nicht  der  Platz,  in  eine  spezifisch  medizinische  Kon- 
troverse einzutreten,  und  die  angefĂĽhrten,  uns  bekannten  Krank- 
heiten für  den  Einzeltall  in  den  Bereich  der  Möglichkeit  zu  bringen, 
fĂĽr  das  Ganze  aber,  als  nicht  in  Betracht  kommend,  abzulehnen. 
Wir  mĂĽssen  nur  nach  \\  ĂĽrdigung  aller  Tatsachen  eine  spezifische 
Krankheit  annehmen,  die  wir  ruhig  als  Uta  oder  Llaga 
bezeichnen  mögen,  um  so  mehr,  als  wir  neuerdings  durch  die 
Publikationen  mit  dem  ähnlichen  Krankheitsbilde  dieser  noch 
jetzt  in  Peru  ^â– orkommenden  Krankheit  vertraut  gemacht  sind. 
Diese  Abbildungen  zeigen  einen  Verlauf,  der  den  keramischen 
Schilderungen  entspricht:    massige  Infiltrationen  von  Nasen,  Lippen 


Orig.-Aujn.      Dtrlin,    I  'olkcrkundeviuscnin . 

Fig-  324.     Prognathie. 


â– gg  UTA  PERUANA.  ^^y 

und  Rachen ,  schneller  phagadenischer  Zerfall  und  \'ernarbungs- 
tendenz  nach  AbstoĂźung  der  erkrankten  Teile  unter  oft  grotesker 
Narbenhildung. 

Es  sind  uns  nun  durch  die  Publikationen  Ashmeads  Töpfe 
zur  Anschauung  gebracht,  auf  denen  die  InkakĂĽnstler  die  noch 
heute  gĂĽltige  Volksvorstellung,  daĂź  Insekten  oder  Eidechsen  diese 
Krankheit  verursachen,  zum  Ausdruck  brachten.  In  der  Umeebune 
der  angetressenen  Körperteile,  namentlich  an  der  Nase,  sitzen 
nagende,  skorpionähnliche  Tiere.  Ich  finde  in  dieser  Darstellung 
nur  den  Ausdruck  einer  vt)lkstĂĽnilichen  Vorstellung  einer  fressenden 
Krankheit. 

Die  größte  Schwierigkeit  für  eine  einigermaßen  plausible  Deu- 
tung machen  aber  die  vieltachen  Am  p  u  tation  s  darstellungen. 
Die  Erklärungen  der  Autoren,  daß  die  spezihsche  Schädlichkeit  mit 
Vorliebe  die  unbedeckten  Körperteile,  also  Gesicht  und  Füße  ergriffe, 
hat  entschieden  etwas  fĂĽr  sich,  aber  dann  vermissen  wir  doch  die 
Darstellung  des  geschwĂĽrigen  krankhaften  Prozesses  auf  den  Glie- 
dern; dasselbe  gälte  natürlich  auch  bei  der  Annahme  von  Lepra. 
Es  macht  hier  viel  eher  den  Eindruck,  als  wenn  der  Verlust  der 
GliedmaĂźen  betont  werden  sollte,  nicht  eine  Erkrankung  der- 
selben.  Die  unregelmäßige,  oft  bizarre  Fußdeformation,  wie  sie  bei 
der  Lepra  vorkommt,  wäre  dem  darstellenden  Naturalisten  eine  will- 
kommene Aufgabe  gewesen,  die  er  sich  sicher  nicht  hätte  entgehen 
lassen.  Wir  bedauern,  tür  die  häuhge  Verbindung  zwischen  dem 
Verluste  der  Extremitäten  und  der  Krankheitsschilderung  im  Gesicht 
eine  befriedigende  anatomisch-pathologische  Erklärung  nicht  rinden 
zu  können;  es  müßte  denn  bloß  der  Gipfelpunkt  erreichbaren 
menschlichen  UnglĂĽcks  hier  eine  Schilderung  erfahren  haben ,  fĂĽr 
die  eine  uns  unbekannt  gebliebene  Historie  einer  peruanischen 
Berühmtheit  ein  N'orbild  abgegeben  hätte.  Was  wir  aber  mit 
Bestimmtheit  behaupten  können  ist,  daß  dieses  Volk  chirurgisch 
fortgeschritten  war,  und  daĂź  die  so  oft  notwendige  Abnahme  der 
Glieder  ihnen  keine  besonderen  technischen  Schwieria^keiten  se- 
macht    haben    kann.     Die    vielen    gut    aussehenden    Amnutations- 


438  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.  ^ 

StĂĽmpfe,  die  Kenntnis  der  Prothesen  und  last  not  least  die  groĂźe 
Zahl  der  vorgenommenen  Trepanationen,  fĂĽr  die  die  Berliner 
Sammlung  zahlreiche  BeweisstĂĽcke  besitzt,  bringt  dafĂĽr  den  Beleg. 
Denken  muß  man  noch  an  eine  komplizierende  Gangrän  der  Füße 
durch  KokagenuĂź  oder  im  Sinne  der  peripheren  Arteriosklerose 
russischer  Zigarettenraucher.  Die  neuen  l'unde^)  haben  tĂĽr  den 
Verlust  der  Beine  die  Annahme  grausamer  Bestrafung  doch  wieder 
näher  gerückt;  jedenfalls  interessiert  in  der  Mitteilung  von  Velez 
die  Abbildung  der  Mumie,  deren  UnterschenkelstĂĽmpte  in  Holz- 
beinen stecken. 

Es  hat  uns  also  insofern  diese  Untersuchung  der  altperuani- 
schen Terrakotten  eine  Enttäuschung  gebracht,  als  wir  durch  diese 
Funde  keine  neuen  Beweisstücke  für  das  Bestehen  einer  prä- 
kolumbischen  Svphilis  oder  Lepra  erhielten.  Wir  können  nur 
umgekehrt  den  SchluĂź  ziehen,  daĂź  die  Lues  mit  Wahrscheinlich- 
keit den  Inkavolkern  unbekannt  war,  da  sie  sonst  wohl  auch  Ver- 
änderungen an  den  Genitalien  geschildert  hätten,  und  die  Krank- 
heitsschilderungen als  solche  nicht  tĂĽr  Lues  sprechen.  Anderseits 
aber  war  uns  diese  etwas  breiter  angelegte  Betrachtung  ĂĽber 
Deutung  von  Kunsterzeugnissen  doch  insofern  von  Wert,  als  sie 
den  ungefähren  Weg  und  die  Schwierigkeit  einer  Diagnosen- 
stellung zeigte  unter  Ablehnung  naheliegender  naiver  und  kritikloser 
Beurteilungen. 

Wir  waren  durch  das  Studium  der  Töpfe  selbst,  durch  die  Be- 
trachtung ihrer  Stellung  im  Rahmen  der  anderen  plastischen  Schil- 
derungen der  Altperuaner  und  durch  die  gezogenen  Parallelen  mit 
Gewohnheiten  und  Anschauungen  anderer  Völker  in  der  Lage,  eine 
größere  Anzahl  dieser  angeblichen  Mutilationen  als  Todesdarstel- 
lungen testzulegen.  Auf  Grund  dieser  Erkenntnis  ergibt  sich  wie 
von  selbst  die  Lösung  des  Kartotfelproblems.  Die  nasenlosen  Alten 
repräsentieren  keine  Erkrankung,  sondern  die  toten  Eltern,  die 
faulende  Frucht;    die   spitzen  Nasen,    die    an  Stelle  der  Keime  die 


')  La   Presse   mOdicale ,    23.  Oktober  igog;    Les   vases  Pcruviens    anthropomorphes   von 
M.  Vclez-Lima. 


DIE  KARTOFFELALLEGORIE. 


439 


Schale  durchstoĂźen,  sind  die  jungen  Triebe.  WahrHch,  in  aller  Ein- 
tachheit  ein  uns  bisher  verschlossener  schöner  Vergleich  vom  Kommen 
und  Gehen  in  der  Natur.  Die  Mutterkartoffel  vergeht,  und  aus 
ihrem  toten  Leibe  sprieĂźt  neues,  vielfaches  Leben  (s.  Fig.   325). 

Alles  in  allem  fĂĽhrte  uns  die  Betrachtung  dieser  realistischen 
kleinen  Kunstwerke  in  das  GemĂĽtsleben  eines  ebenso  seltsamen  wie 
eigenartigen  Kulturvolkes  ein.  Dieser  Staat,  der  seinen  Untertanen 
einen  persönlichen   Besitz   verbot,    und    den  Bürgern    zur   Aufgabe 


Ori^.-.-itt/'ri.     Bcrtin,    l\>lkcrkitndemusÂŁuu 


Fig-  325.     Kartoffelknollen    mit    den   Mumiengesichtern   der   Eltern   und    den    spitzen   Nasen 

als  jungen  Trieben  der  Kinder. 

machte,  die  Lebensunterhaltung  durch  den  Dienst  und  verteilte  Ar- 
beitsleistung zu  erkämpfen,  schuf  Männer  mit  einer  Lebensfreudig- 
keit, die  in  ihrer  Art  einzig  ist.  Die  Geschichte  ihres  Unterganges 
aber  lehrt  auch  ihre  Todesverachtung  und  ihr  mutiges  Sterben  auf 
dem  Felde  der  Ehre.  Doch  diese  Hingabe  an  König  und  Reich 
war  verknĂĽpft  mit  einer  vollendeten  Lebensbejahung.  Dies  trink- 
frohe Volk  war  erfĂĽllt  von  klassischem  Lebensgeist  mit  dem  Motto 
»Carpe  diem«. 


440 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


VERLETZUNGEN  UND  VERWUNDUNGEN. 


Fig.  326.    Sterbende  Löwin  vom  Palaste  des  Assurbanipals  (Kujundschik). 

Obwohl  der  Arzt  die  Untersuchung  und  Behandlung  von 
Wunden  und  \'erletzungen  zur  täglichen  Aufgabe  hat,  so  sind  wir 
doch  eigentlich  Laien  auf  dem  Gebiete  der  Verwundung  selbst. 
Für  die  antike  Kunst ,  die  tausendfältig  \'erwundungen  in  der 
Schlacht  schilderte,  ist  nur  der  Moment  der  \'erwundung  von  Inter- 
esse und  die  Reaktion  des  Körpers  auf  dieselbe.  Der  Arzt  aber 
erscheint  aut  dem  Schauplatze,  ^venn  die  \'orstellung  zu  Ende  ist, 
er  sieht  nicht  den  Moment  der  Verwundung,  sondern  nur  die 
späteren  Folgen.  \\\x  können  also  vom  medizinischen  Standpunkte 
aus,  die  wir  keiner  Reiterschlacht  beigewohnt  haben,  die  alten 
Kunstwerke  nicht  kritisieren,  sondern  nur  von  ihnen  lernen.  Der 
antike  Bildhauer  dagegen  hatte  Kampf  und  Tod  vor  Augen,  und 
selbst  dann,  wenn  er  nicht  als  ruhmreicher  Krieger  am  Kampfe 
selbst  teilgenommen,  waren  ihm  die  blutreichen  Gladiatorenkämpfe, 
die  Spiele  in  der  Arena  und  der  Palästra  Studienplatz.  AW-nn  ich 
von    diesem    Gesichtspunkte    aus    auf  eigene   Beobachtungen   mich 


VERLETZUNGEN. 


441 


Kolli,   ^Uistitin  Kapitol. 


Fig.  327.     Sterbender  Gallier.     .Antiker  Mnrmor. 


StĂĽtzen  darf,  so  habe  ich  von  den  antiken  Darstellungen  dieser  Art 
erst  ein    größeres  Verständnis   bekommen,    seitdem   ich    den  Ring- 


.\IuiÂŁiun   !\itptiol - 


Fig.  32S.     Sterbender  Gallier,  etwas  mehr  en  face. 


AA2  KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


kämpf  studiert  und  namentlich  den  Boxerkämpfen  beigewohnt  habe. 
So  ist  es  fĂĽr  mich  eine  ausgemachte  Sache,  daĂź  ich  vorher  den 
sogenannten  »Sterbenden  GaUiercc  und  den  »Sterbenden  Ghidiator« 
vollkommen  falsch  beurteilt  habe.  Die  Größe  dieses  Meisterwerkes 
wird  nur  demjenigen  offenbar,  der  die  Stellungen  studiert  hat,  in 
denen  der  durch  »Knock  out«  zu  Boden  geworfene  Boxer  bestrebt  ist, 
sich  wieder  aufzurichten.  Das  noch  halb  UnbewuĂźte,  das  Unkoor- 
dinierte  seiner  Bewegungen  und  dabei  das  Kraftlose  wird  in  diesen 


tig-  329.     Sterbender  Gladiator. 

Kompositionen  mit  derselben  wundervollen  Realistik  wiedergegeben, 
wie  der  immanente  Wille,  wieder  auf  die  Beine  zu  kommen;  beide 
kräftige  Männer  streben  wieder  in  die  Höhe,  sie  würden  nach  einigem 
Taumeln  wohl  auch  wieder  sich  aufrichten  beim  gewöhnlichen 
Faustkampfe;  hier  aber  traf  sie  das  tödliche  Eisen.  Es  ist  bei  der 
Beurteilung  dieser  grandiosen  plastischen  Leistung  ziemlich  belang- 
los, daĂź  die  Schwertverletzung  an  einer  Stelle  sitzt,  welche  kaum 
einen  sofortigen  Tod  herbeifĂĽhren  kann.  Bei  der  Skulptur  aus  dem 
Kapitolinischen  Museum   in  Rom   trifft   der  SchwertstoĂź  die  rechte 


VERLETZUNGEN. 


443 


Mamillarlinie  und  dĂĽrfte  eine  Leberverletzung  hervorgerufen  haben. 
Den  sterbenden  Kämpfer  in  Neapel,  eines  der  Weihgeschenke  des 
König  Attalus,  traf  der  Todesstoß  handbreit  unter  dem  Herzen. 
Hier  wie  dort  ist  am  Körper  heftiger  Blutverlust  angedeutet.  Aut 
die  Ähnlichkeit  der  Komposition  dieser  beiden  macht  schon  O ver- 
beck') aufmerksam.     Er   sucht    den   römischen   sterbenden  Gallier 


Fig-  330-     Verwundeter  Kämpfer. 

aber  so  zu  erklären,  daß  er  auf  den  Knien  liegend  sich  selbst  in 
sein  Schwert  gestĂĽrzt  habe,  und  daĂź  er  in  schwerem  Todeskampfe 
ringe,  während  der  andere  gelassener  sein  Ende  erwarte  und  auf 
das  Ermatten  des  Sterbenden  der  kĂĽnstlerische  Nachdruck  gelegt 
sei.     Ich  glaube  die  Figuren  in  der  Weise  aufzulassen,    daĂź   beide 


')  J.  O verbeck,    Geschichte  der  griech.  Plastik,  Leipzig  iSSi. 


444 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


sich  im  nächsten  Moment  noch  einmal  erheben  werden,  daß  dann 
aber  der  kapitohnische  Krieger  auf  die  Brust,  der  neapolitanische 
auf  den  RĂĽcken  stĂĽrzen  wird.  Der  Vergleich  der  in  etwas  ver- 
änderter Stellung  zweimal  autgenommenen  Photographie  (s.  Fig.  327 


Mailand. 


Eig.  331.     Archaische  Niobide  (Mitte  des  5.  Jahrh.i. 

u.  328)  erweckt  den  Eindruck,   als  ob  der  \'ersuch   des  Aufrichtens 
bereits  eine  Idee  fortgeschritten  sei. 

Im  ĂĽbrigen  besitzt  das  Ludovisische  Museum  in  Rom  die 
schöne  Gruppe  des  Gallierpaares,  die  sich  selbst  den  Tod  bei- 
bringen; angstvoll  ausschauend,  nicht  aus  Todesfurcht,  sondern 
ob  er  noch  zeitig  genug   vor  Ankunft    des  Feindes    handelt,    stößt 


VERLETZUNGEN. 


445 


sich  der  Krieger  sein  Schwert  dorthin ,  wo  er  dem  Leben  sicher 
ein  Ende  bereitet.  Aus  der  großen  Zahl  ähnlicher  Darstellungen 
und  gleichfalls  ein  Teil  der  attalischen  Weihgeschenke  ragt  die 
Pariser  Statue  des  nackten  Kämpfers  durch  realistische  Behand- 
lung   der   Wunde    hervor    (s.  Fig.   330),    ein    LanzenstoĂź    hat    die 


J  lorriiz,    l'jĂźzieit. 

Fig.  332.     Verwundeter  Niobide,  von  der  groĂźen  Niobidengruppe  (4.  Jahrh.j. 

groĂźe  Schlagader  des  linken  Oberschenkels  getroffen,  das  Blut 
stĂĽrzt  massenhaft  hervor,  er  ist  auf  die  Knie  gesunken  und  sucht 
sich  vor  dem  TodesstoĂźe  des  offenbar  berittenen  Gegners  durch 
Vorhaltung  des  (verloren  gegangenen)  Schildes  zu  schĂĽtzen;  der 
rechte  Arm  ist  ergänzt.  Alle  diese  und  ähnliche  Darstellungen 
von    Kampfszenen,  Verwundungen,    Abwehrbewegungen  verblassen 


446 


KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 


vor  den  Schilderungen  dieser  Art  aut  dem  sogenannten  Alexander- 
sarkophag in  Konstantinopel.  Es  ist  zwecklos,  hier  die  Details  be- 
schreiben zu  wollen,  jede  Einzelligur  ist  nach  dem  Leben  studiert. 
Ist  es  oft  aus  der  Situation  der  kämpfenden  Paare  aut  diesem 
Meisterwerke  noch  unentschieden,  wer  Sieger  ist  und  wer  im 
nächsten  Moment  den  Boden  bedecken  wird,  ein  Blick  in  den  Aus- 
druck der  Augen  zeigt  dem  Betrachter,  aut  welcher  Seite  der  Sieg 
sein  wird. 

Die  Niobidengruppe  sucht  in  den  verschiedensten  Positionen 
den  unverhoti'ten  tötenden  Streich  zu  schildern,  welche  göttliche 
Kraft  den  schutzlosen  Menschen  zutĂĽgt. 

Wir  bringen  zwei  Niobidenstatuen  aus  verschiedenen  Kunst- 
epochen; eine  Tochter  und  einen  Sohn  der  Tantalustochter,  beide 
im  RĂĽcken  getroffen;  die  Mutter,  ĂĽber  das  Furchtbare  ihres  Schick- 
sals erstarrt,  wurde  bekanntlich  zu  Stein  und  in  die  einsamen 
KlĂĽfte  des  phrygischen  Sipylos  versetzt. 

Den  Betrachter  der  Florentiner  Niobidenplastik  aber  erfaĂźt  kein 
gleichartig  innerliches  Schauern,  kein  grausiges  Weh  ĂĽber  die  Ver- 
gänglichkeit alles  Irdischen,  die  Todgeweihtheit  auch  der  eignen 
Kinder,  sondern  nur  ästhetischer  Genuß  über  die  Schönheit  der 
Abwehrstellung.  Statt  Erschauern  ĂĽber  selbsterlebtes  Schicksal,  nur 
theatralische  Bewegung  ĂĽber  dramatische  Flandlung. 

Hellenische  Kunst  wandte  sich  ab  von  der  brutalen  Wirklichkeit. 
Eine  solche  aber  zeigt  mit  geringen  Mitteln  ergreifend  uns  natĂĽr- 
lich die  frĂĽhe  assyrische  Kunst  an  dem  Palaste  des  Assurbanipals, 
dem  Sardanapal   der  Griechen. 

Die  berühmte  Löwin  von  Kujundschik  traf  eine  Lanze,  welche 
die  Wirbelsäule  derartig  verletzte,  daß  das  Tier  brüllend  vor  Wut 
und  Schmerz  zu  entweichen  sucht,  die  gelähmten  hinteren  Ex- 
tremitäten nach  sich  schleifend  (s.  Fig.   326). 

Einen  noch  realistischeren  Tod  stirbt  der  große  Löwe,  er  hat 
den  TodesstoĂź  in  die  Lunge  erhalten  mit  Verletzung  der  groĂźen 
Lungengefäße,  und  ein  aus  dem  Rachen  hervorquellender  enormer 
Blutsturz  macht  seinem  Leben  ein  Ende  (s.  Fig.   333). 


VERWUNDUNGEN. 


447 


Das  sind  jagdliche  Beobachtungen  erfahrener  Weidmänner,  die 
wohl  wissen,  wo  die  Lanze  oder  der  Pfeil  sitzen  muĂź,  um  das 
wilde  Tier  unschädlich  zu  machen. 


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British  Museuit 


^'^g-  ll3'     Assyrischer  Löwe  vom  Palaste  Assurbanipals 


DER  CHIRURGISCHE  INSTRUMENTENKASTEN 
UND  DER  SCHRĂ–PFKOPF  ALS  ANTIKE  WAHR- 
ZEICHEN ÄRZTLICHER  TÄTIGKEIT. 

n  einer  unscheinbaren  Stelle  des  Berliner  Alten  Museums 
und  ziemlich  unauttindbar  tür  den  gewöhnlichen  Besucher 
hängt  in  einem  Gange,  der  zur  Bibliothek  führt,  ein  helle- 
nistisches, im  \'erhältnis  zu  den  anderen  besser  erhaltenes  Relief. 
Die  Mitte  desselben  nimmt  ein  mit  Bukranion  und  Girlande  ver- 
zierter Altar  ein.  \'or  demselben  sitzt  aut  einem  erhöhten  Stuhle 
mit  RĂĽckenlehne  und  FuĂźstĂĽtze  ein  mit  einem  Chiton  und  Hima- 
tion  bekleideter  Mann.  In  seiner  stehen  Pose,  ohne  daĂź  er  sich  an- 
lehnte, sieht  er  nicht  aut  die  sich  ihm  Nahenden,  sondern  mehr  aut 
den  Betrachter  des  Denksteines.  In  der  linken  Hand,  deren  vierter 
Finger  einen  Ring  trägt,  hält  er  eine  Schrittrolle,  die  rechte  streckt 
er  aus,  so  daĂź  man  die  innere  Hand  sieht,  die  sich  in  Schwurstellung 
befindet  und  unverhältnismäßig  groß  erscheint.  Ihm  nahen  eine 
Matrone  und  ein  JĂĽngling,  vielleicht  Gattin  und  Sohn,  und  ein  Diener 
fĂĽhrt  in  einer  etwas  merkwĂĽrdigen  Haltung  ein  gesatteltes  Pferd 
heran.  Zwischen  diesen  Figuren  erhebt  sich  ein  Baum,  an  dem 
sich  eine  armdicke  Schlange  herautwindet,  um  sich  gleichtalls  dem 
Thronenden  zuzuwenden.  Wir  haben  es  also  bis  hierher  mit  einem 
ganz  gewöhnlichen,  uns  vielfach  aus  besserer  Zeit  edler  und  voll- 
kommener dargestellten  X'organg,  nämlich  der  \'erehrung  eines 
heroisierten  Toten,  zu  tun.  Dieser  Heros  wird  nun  aber  dadurch 
fĂĽr  uns  besonders  interessant,  daĂź  derselbe  durch  ein  chirurgisches 
Besteck  als  x^rzt  charakterisiert  ist^).  Dieses  chirurgische  Besteck 
ist  einfach  und  ohne  jede  weitere  Motivierung  oben  angebracht, 
ähnlich  wie  wir  das  sonst  mit  Pferdeköpfen  gewohnt  sind.    Es  ist 

')  Das   Relief   ist   publiziert   bei    O.   Jahn,    Sitzungsberichte    d.    Königl.  Sachs.  Ges.    d. 
Wissenschaften,  Leipzig  iS6i. 


HEROISIERTER  CHIRURG. 


449 


fĂĽr  uns  eine  besondere  Freude,  daĂź  die  Instrumente  auf  demselben 
ganx  ausgezeichnet  erhalten  sind.  Die  Deutlichkeit  dieser  sechs 
Instrumente  liegt  auch  daran,  daĂź  sie  erhaben  aus  dem  Marmor 
herausgearbeitet  in  der  aufgeschlagenen  Pyxis  liegen.  Die  Scharniere 
des  Kastens  zeigen  dessen  Schlußfähigkeit.  Vier  schneidende  In- 
strumente füllen  das  Besteck,  zwei  davon  haben  ein  sichelförmioes 


Orig.-Au/„.  nach  Gipsabgii/s.     Berlin,   Alles  Museum. 

Fig-  334.     Adoration  eines  heroisierten  Arztes.     Hellenist.  Relief. 

Aussehen,  zwei  andere  mit  breiterem  Handgriff  laufen  hackmesser- 
ähnlich aus.  Wir  werden  nicht  fehlgehen,  wenn  wir  diese  letzteren 
als  die  Kataschasteres  der  Alten,  als  Schröpfmesser  ansprechen.  In 
der  rechten  Hälfte  des  Bestecks  ruhen  dann  noch  zwei  Zangen  mit 
verschiedengestaltetem  Griff  und  BiĂź.  Gerade  diese  Beschaffenheit 
ihrer  langen  Beißflächen  macht  es  unwahrscheinlich,  daß  dies  Zahn- 
zangen  sein   sollen.     Letztere  waren    nach    den    in    unserem  Besitz 


Holländer,   Plaätik   und   Medizin. 


29 


450 


DER  CHIRURGISCHE  INSTRUMENTEN  KASTEN. 


befindlichen  Kopien  mehr  rabenschnabeltörmig.  Wir  haben  es  hier 
offenbar  mit  einem  Arzte  zu  tun,  der  die  groĂźe  Chirurgie  aus- 
geĂĽbt hat. 

Zu  einem  ähnHchen  Schluß  führt  uns  die  Betrachtung  eines 
Sarkophages,  der  sich  in  der  Nähe  von  Rom  befindet.  Ein  in 
einen  Philosophenmantel  gehĂĽllter  Arzt,  dessen  FĂĽĂźe  Sandalen 
tragen,  sitzt  da  auf  einem  Sessel  und  studiert  in  einer  Schriftrolle. 
Die  Schlagschatten  lassen  den  Kopf  übermäßig  groß  erscheinen. 
Vor  ihm  steht  ein  schlanker  Schrank,  durch  dessen  geöffnete  Doppel- 
tĂĽren wir  einen  Einblick  in  denselben  gewinnen;  das  untere  Fach 
ist    leer,    in    ihm    ruhte  offenbar  der  Instrumentenkasten,    der  aut- 


Fig-  335-     Antiker  Sarkophag  eines  Arztes. 

geklappt  oben  auf  dem  Schranke  steht.  Der  Inhalt  dieses  Kastens 
ist  leider  nicht  mehr  so  deutlich  sichtbar,  immerhin  erkennen  wir 
mit  Sicherheit  ein  lanzettförmiges  Messer  rechts  und  ein  hebelartig 
geformtes  Instrument  links,  über  welches  wir  später  noch  sprechen 
werden.  Im  mittleren  Fache  erkennen  wir  ein  schalenartiges  Geläß, 
welches  der  erste  Beschreiber  dieses  Sarkophags  E.  Petersen') 
als  den  Geldkasten  anspricht.  Doch  ist  auch  immerhin  möglich, 
daß  das  Gefäß  medizinischen  Zwecken  diente.  Als  Griechenarzt 
gibt  sich  unser  Kollege  aus  spätheidnischer,  resp.  frühchristhcher 
Zeit  nicht  nur  durch  seine  Kleidung  zu  erkennen,  sondern  auch 
durch  das  Distichon,    welches   den  Rand  des  Sarkophages  und  die 

')  E.Petersen,  Mitteil,  des  Kaiserl.  Deutschen  Archäol.  Instituts  in  Rom,  Band  15,   1900. 


ANTIKER  INSTRUMENTENSCHRANK 


451 


Mittelptosten,  welche  die  Kannclierung  unterbrechen,  ausfĂĽllt.  Der 
Anfang  dieses  stand  offenbar  auf  dem  verloren  gegangenen  Deckel. 
Auf  alle  Fälle  bietet  es  einen  Genuß,  hier  auf  jener  marmornen 
HĂĽlle,  die  den  Leib  eines  gelehrten  Arztes  aus  der  antiken  Zeit 
beherbergte,  dargestellt  zu  sehen,  wie  ein  Kollege  in  seiner  Studier- 


\adH 


ĂśtMMiAi 


IBBlĂĽdiitoMirlr  liWiiiitr'ĂĽ'-r 
Fig-  33('-     Detail  des  vorigen. 


Orig.-Aujfi. 


Stube  dasitzt  und  eine  Operation,  die  er  im  Begriff"  ist  vorzunehmen, 
noch  einmal  ĂĽberliest.  Bibliothek  und  Operationsinstrumentarium 
faĂźte  damals  allerdings  noch  der  kleine  Raum  dieses  Schrankes. 
Wir  haben  es  bei  diesem  Operationsschrank  mit  einem  Unikum 
zu   tun;    ich    kenne    nur     noch    eine    ähnliche    Darstellung   eines 


452 


DER  CHIRURGISCHE  INSTRUMENTENKASTEN. 


Medizinschrankes    auf    einer    pompejanischen    Freske   lier;    hier   ist 
der  Schrank  noch  reicher  und  enthäk  zu  oberst  ein  »Heihgenbildcc 


(JQ 


C 

3 


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p 


3 
(JQ 


Eine   weitere   autgeschlagene  Pyxis   finden    wir   auf  einer  Basis, 
welche     im    Jahre     1877     ii^i     athenischen    Asklepieion     gefunden 


CHIRURGISCHER  INSTRUMENTENKASTEN. 


45  3 


wurde').  Der  Inhalt  dieses  Instrumentenkastens  unterscheidet  sich 
jedoch  von  dem  unseres  GrabreHefs  in  autfallender  Weise  dadurch, 
daĂź  in  diesem  Etui  sich  nur  schneidende  Instrumente  befinden;  auĂźer- 
dem dadurch,  daĂź  die  einzelnen  Instrumente  nach  Art  der  modernen 
Verpackung  in  ihrer  Lage  durch  ZwischenstĂĽcke  festgehalten  werden. 
Drei  von  den  Messern  mit  stark  gebogener  Schnittfläche  sind  voll- 
kommen gleich  gestaltet,  auch  die  beiden  anderen  mit  einer  etwas 
sichelförmigen  Schnittfläche  stimmen  in  der  Form  iiberein,  liegen 
aber  in  umgekehrter  Richtung.  Das  sechste  Instrument  dagegen 
stellt  einen  stumpfen  doppelseitigen  Haken  dar.  Die  Erklärung 
dieser  Instrumente  und  zwar  der  besonderen  Auswahl  der- 
selben finden  wir  in  den  zu  beiden  Seiten  des  Besteckes  an- 
gebrachten Körpern.  Es  sind  das  ohne  jeden  Zweifel  Schröpfköpfe, 
wie  wir  solche  in  ziemlicher  Auswahl  zum  Beispiel  in  Neapel  im 
Nationalmuseum  als  pompejanische  FundstĂĽcke  sahen  und  auch 
andersher  kennen  (s.  Fig.  ^^c/^.  An  dem  einen  Schröpfkopf  ist 
der  Haltring  umgeklappt,  bei  dem  anderen  steht  er  aufrecht.  Wir 
haben  es  hier  also  mit  einem  Schröpf  besteck  zu  tun.  Mit  Wahr- 
scheinlichkeit nahm  der  Operateur,  um  die  mehrfache  Wirkung  bei 
demselben  Eingriff  zu  haben,  gleichzeitig  zwei  oder  drei  Messer 
in  die  Hand,  um  die  Haut  zu  ritzen.  Die  schmäleren  Messer  sind, 
wie  auch  Professor  Anagnostakis  ĂĽberzeugend  nachweist,  zur 
Hautritzung  bestimmte  Messer  an  schwerer  zugänglichen  Stellen. 
Das  hebeltörmige  Instrument,  das  beinahe  wie  ein  Geburtshaken 
aussieht,  hatte  nur  den  Zweck,  den  Schröpfkopf  zu  halten ,  resp. 
auch  die  Abnahme  desselben  durch  Unterschieben  zu  erleichtern. 
Dieses  Instrument  ist  dasselbe,  welches  wir,  allerdings  undeut- 
licher, schon  auf  dem  Sarkophag  gesehen  haben  und  noch  weiter 
beobachten  werden.  Offenbar  diente  diese  Basis  dazu,  wie  auch 
ihre  Höhlung  an  ihrer  Oberfläche  beweist,  eine  Weihgabe  auf- 
zunehmen. Wir  dĂĽrfen  dabei  aber  schon  wegen  der  Fundstelle 
nicht  an  ein  Grabmonument    denken,    sondern    an    eine  \'otivgabe. 


')  A.    Anagnostakis,    Bulletin  de  correspondance  hellenique.     i   annee    1S77,  p.  212; 
ferner  bei  Gurlt,  Geschichte  der  Chirurgie  abgebildet.     Sybel  3279.     Arch,  Zeit    1S77,   p.  166 


454 


DER  CHIRURGISCHE  INSTRUMENTENKASTEN. 


irgend  ein  Weihgeschenk  eines  Arztes,  der  Spezialist  im  Schröpfen 
war,  vielleicht  an  einen  silbernen  großen  Schröpf  köpf.  Eine  Porträt- 
statue wird  dagegen  wegen  der  Kleinheit  dieser  Marmorbasis,  deren 
MaĂźe  44x28  cm  sind,  weniger  in  Frage  kommen  als  eine  BĂĽste. 
Auf  alle  Fälle  ist  uns  bekannt,  daß  im  athenischen  Asklepieion 
sich  Statuen  von  Ärzten  befanden,  so  von  Hippokrates,  dem  hier 
und  in  Kos  göttliche  Ehren  erwiesen  und  geopfert  wurde.  Über 
die  große  Bedeutung,  die  das  Schröpfen  in  der  altgriechischen 
Medizin  hatte,  erfahren  wir  durch  Galen  und  Herodot').     Auch 


Athen,  Ashlepieiou.    Reprcdiiktioit. 

Fig-  33^-     Basis  mit  Scliröpfköpfen  und  Schröpfkopfetui. 

in  Plutarchs  Gastmahl  der  sieben  Weisen  findet  sich  eine  Stelle  mit 
Bezug  auf  diese  Heilhandlung  der  Alten  (134  B,  C); 

»Kannst  du  sagen,  was  das  ist;  Einer  setzte  dem  anderen  Erz 
mit  Feuer  an  den  Körper?  Nein,  antwortete  Kleodor,  ich  brauche 
es  auch  nicht  zu  wissen!  Und  doch  ist  niemand,  sagte  Äsop,  der 
es  besser  wissen  und  machen  könnte;  willst  du  es  leugnen,  so 
nehme  ich  die  Schröpfköpfe  zu  Zeugen.  Kleodor  lachte  darüber, 
denn  unter  allen  Ärzten  seiner  Zeit  bediente  er  sich  der  Schröpf- 
köpfe am  meisten,  und  durch  ihn  war  dieses  Mittel  zu  dem  größten 
Ruhme  gekommen.« 

Ein   weiteres    derartiges  Besteck,   allerdings   ohne    Schröpfköpfe 


')  S.  Näheres  K.  B.  Lampr  OS,  Chirurg,  nepl  aiy.uiüv  xal  cixuaa;«);  itapct  Toi;  äpyaio;?   1895. 


DAS  SCHRĂ–PFEN. 


455 


und  auch  mehr  mit  Instrumenten  der  groĂźen  Chirurgie,  linden  wir 
auf  einem  Grabrehef  eines  x^rztes  bei  Palestrina. 

Jahn')  bildet  auf  Tafel  9,  Fig.  lo  den  aufgeschlagenen  In- 
strumentenkasten ab,  der  auf  diesem  Grabstein  angebracht  ist.  Die 
Inschrift  lautet:  D.  AI.  P.  Aelio  Pio  Curtiano  medico  amico  bene 
merito  Curtius  Crispinus  Arruntianus.  Der  Instrumentenkasten  war 
zwischen  zwei  Rollen  angebracht.  Jahn  bemerkt  trotz  dieser  ein- 
deutigen Inschrift,  daĂź  Kundige  die  Instrumente  als  nicht  chirurgische 


..<Bfci~, 

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\'eapel,  Xat.-Must'ttiii. 

l'ij^.  ,vi9.     Oiiginalschrüpfköpfe  aus  Bronze,  dazwischen  Arzneikästchen. 

erkannt  hätten,  sondern  als  solche  zum  Polieren  und  Glätten.  Die 
Abbildung  jedoch,  die  dieser  Autor  von  dem  sonderbaren  Inhalt 
des  Instrumentenkastens  gibt,  und  die  von  vielen  Autoren  ĂĽber- 
nommen wird  (S  v  o  r  o  n  o  s ;  Nikolaus  G  e  r  z  e  t  i  c "),  berechtigte  zu 
der  Annahme,  daĂź  ein  Teil  dieser  Instrumente  unrichtig:  daroestellt 
war  und  daĂź  es  sich  doch  um  chirurgische  Instrumente  handelt. 
Diesen  gut  erhaltenen  Grabstein  suchte  und  fand  ich  in  einem 
Korridor  des  Hauses  derBarberini  in  Palestrina  und  machte  Aufnahmen 
(s.   Fig.   340)    sowie    einen    GipsabguĂź    von    der  Instrumententafel. 


')  Jahn,  Darstellungen  antiker  Reliefs,  welche  sich  auf  Handwerk  und  Handelsverkehr 
beziehen.    Abhandlungen  d.  Königl.  Sachs.  Ges.  d.  Wissenschaften,  Leipzig  iS6i. 

^)  Nikolaus  Gerzetic,  Ăśber  aufgefundene  chir.  Instrumente  des  Altertums  in  Vimi- 
nacium  (Serbien!,  Karansebes  1S94. 


456 


DER  CHIRURGISCHE  IXSTRUÄIEXTEXKASTEX. 


Möglich,  daß  es  sich  bei  dem  Kollegen,  der  in  dem  alten  Präneste 
praktizierte,  um  die  antike  Spezies  »Badearzt«  gehandelt  hat.  Die 
Grotten  mit  den  schönen  Mosaiken,  über  die  QuelKvasser  fließt, 
sind  noch  erhalten,  ebenso  wie  die  Reste  des  alten  Fortunatempels. 
In  deren  Umgebung  hat  man  allerlei  Körperexvotos  gefunden,  die 
für  den  Charakter  des  Platzes  auch  als  einer  Heilstätte  sprechen. 
Was  unter  den  Zeichnern  der  Instrumente  die  \'er\virrung  hervor- 
gerufen hat,  das  sind  die  ersten 
schlanken,  in  der  Mitte  verdickten, 
beiderseits  umgebogenen  Hebelin- 
strumente, aus  denen  Jahn  unter 
Benutzung  der  tolgenden  sonden- 
ähnlichen Cauterien  eine  Art  von 
Fiedelbogen  gemacht  hat.  G  e  r- 
zetic  hält  diese  Dinge  für  eine 
Anzahl  von  Strigiles.  Wir  sehen 
sofort,  daĂź  hier  die  beiden  ersten 
Instrumente  links  und  rechts  iden- 
tisch sind  mit  den  uns  bereits  be- 
kannten Schröpfhebeln.  Interessant 
ist,  daĂź  beide  vorkommenden  Arten 
abgebildet  sind,  sowohl  die  in  ein 
und  die  in  zwei  Enden  auslaufende 
Form.  Dann  folgen  jederseits 
Sonden  resp.  Cauterien.  Auf  der 
einen  Seite  erkannte  man  sodann 
eine  Pinzette  und  vier  Messer  mit 
verschiedenen  Schnittflächen  sowohl  in  der  tvpischen  Schröpt- 
messerform  wie  auch  solche,  die  wir  als  Bruchmesser  bezeichnen 
wĂĽrden.  Leider  ist  das  obere  SteinstĂĽck  verwittert,  so  daĂź  nicht 
mehr  zu  erkennen  ist,  welches  Ende  die  Myrtenblattsonde  hat. 
Aus  der  zweiseitig  ausgearbeiteten  Form  der  anderen  Instrumente 
mĂĽssen  wir  schlieĂźen ,  daĂź  alle  doppelseitig  benutzbar  waren  und 
gearbeitet  im  Sinne    auch    der   modernen   EtuistĂĽckc. 


Fig.  340.     Grabstein  eines  .Arztes 
aus  Palestrina  mit  Instrumentenpy.xis. 


INSTRUMENTENKASTEN. 


457 


Der  Vollständigkeit  halber  wollen  wir  an  dieser  Stelle  noch 
einen  1902  in  Ungarn  gefundenen  Grabstein  eines  Soldaten  der 
legio  XI.  erwähnen,  welcher  dadurch  ganz  besonders  charakterisiert 
wird,  daĂź  unterhalb  der  Grabinschrift  (siehe  Fig.  341)  ein  chir- 
urgischer Instrumentenkasten  eingehauen  ist;  dieses  Kriegsinstru- 
mentenetui  unterscheidet  sich  von  den  bisherigen  durch  die 
Querleisten,  in  denen  die  Instrumente  (wie  noch  heutzutage) 
festgefĂĽgter    und    sicherer  lagern.     Zweifellos  zu    erkennen    ist    ein 


r/\hÄSv'y\ 


■K  NN- XXX] II- ST! PX^r« 

-ASVViVS-CP.  F:.rfrv;v  '^ 


ReproäuJUiou  nacJt  Habfrling. 

Fig.  341.     Grabstein  eines  röm.  Legionärs  (mit  chir.  Instrumentenkasten). 

Skalpell,  ein  scharfer  Haken  und  eine  Zange  mit  verschiedenen  langen 
Branchen  (Reproduziert  nach  Dr.  Haberling,  Die  altrömischen 
Militärärzte).  Liebe!'),  der  diesen  Stein  zuerst  veröffentlicht, 
nimmt,  wie  auch  Haberling,  an,  daß  Satrius  Rufus  ein  Militärarzt 
war;  auffallend  ist  es  aber  immerhin,  daĂź  er  schlechtweg  als  miles 
bezeichnet  wird,  ohne  den  Zusatz  Medicus.  Die  Buchstaben  C.  P.  F. 
hinter  der  XI.  Legion  bedeuten  den  Ehrennamen  dieser  Legion, 
Claudia  pia  lidelis;  diese  Legion  stand  von  Augustus  bis  Vespasian 

')  Liebel,  Zum  Sanitätswesen  im   röm.  Heer.    Wiener  Studien   1902. 


458 


DER  CHIRURGISCHE  INSTRUMENTENKASTEN  USW. 


^ 

^-j-» 


in  Dalmatien  und  hatte  in  Burnum  ihr  Lager;  der  Grabstein  stammt 
demnach  noch  aus  dem   i.  Jahrhundert  n.  Chr. 


SCHRĂ–PFKOPF. 

Wie  heutzutage  das  Rasierbecken  das  Wahrzeichen  der  Barbiere 
und  frĂĽher  der  an  der  TĂĽr  festgestecine  Wedel  die  Signatur  der 
Badestube  war,   so    war   die   aufgeschlagene  Instrumentenpyxis   das 


Ori^.-Ait/it,  ttack  Gipsabgii/s. 

Flg.  342.     Fragment  eines  athen.  Giebelsteines  vom  Grabmal  des  Arztes  Laberios. 

offenbare  Wahrzeichen  für  den  Operateur  und  der  Schröpf  köpf  tür 
den  Mediziner  ĂĽberhaupt.  Obwohl  ich  dafĂĽr  weiter  keinen  litera- 
rischen Nachweis  linde,  kann  man  doch  annehmen,  daĂź  groĂźe,  vor 
der  Haustür  stehende  Nachbildungen  eines  Schröpfkoptes  die  Woh- 
nung des  x\rztes  bezeichneten ;  daĂź  sie  die  letzte  Wohnung  eines 
solchen  gelegentlich  schmĂĽckten,  dafĂĽr  sprechen  mehrere  in  Athen 
gefundene  Grabsteine;  so  das  BruchstĂĽck  eines  Giebelfeldes,  auf 
dem  rechts  oben  gewissermaßen  das  Wappen  des  Arztes,  ein  Schröpt- 
kopf,  die  frĂĽhere  bĂĽrgerliche  Stellung  des  unter  ihm  begrabenen 
»Laberios«  anzeigt  (s.  Fig.  342). 

Denselben  quergestellten  Schröptkopt  als  ärztliches  Wappen  finden 
wir  auf  einem  Grabstein  eines  Ehepaares  im  Athen.  Nationalmuseuni 


SCHRĂ–PFKOPF. 


459 


(Nr.  1193).  Über  dem  Manne  befindet  sich  ein  großer  Schröpfkopf 
quergestellt;  oberhalb  der  mutilierten  Inschrift  sehen  wir  ein  auf- 
fallendes Bandornament  (s.  Fig.  343),  das   beinahe  wie  eine  Ader- 


Orig, -All/u.     Athen.  Xat.-MuscNm. 

Fig.  343.     Antiker  Grabstein  eines  Arztes  mit  Schröpfkopf. 

laĂźbinde   aussieht:    die   heraldische   Verzierung    der   Badergilde   im 
Mittelalter. 

Ähnliche  Verhältnisse   ersehen   wir   auf  dem   berühmten   Steine 
des  Britischen  Museums,  der  einstmals  das  Familiengrab  des  Arztes 


460  DER  CHIRURGISCHE  INSTRUMENTENKASTEN  USW.  ^ 

Jason  deckte,  welcher  von  Fauvel  in  Attika  gefunden  wurde  (siehe 
Fig.  344).  Nach  dem  Gesagten  Hegt  die  Deutung  dieser  Szene  auf 
der  flachen  Hand,  und  es  ist  kaum  verständlich,  wie  man  über  dieses 
große  Gerät  und  seine  Bedeutung  im  Zweifel  sein  konnte.  Da  sitzt 
in  bequemer  Stellung  der  Arzt  auf  seinem  Sessel  und  untersucht 
einen  vierschrötig  gebauten  Patienten,  der  ihn  ängstlich  und  doch 
vertrauend  betrachtet,  die  flache  Hand  mit  ausgestreckten  Fingern 
ruht  aut  der  Magengegend;  es  ist  dies  iibrigens  eine  Fingerstellung, 
die  allein  das  feine  GefĂĽhl  der  beweglichen  Bauchdecke  ĂĽbermitteln 
kann;  zur  Seite  steht  ein  riesig  großer  Schröpfkopf.  Natürlich  nicht 
zum  Gebrauch  fĂĽr  diesen  Klienten  oder  in  einem  anderen  Falle, 
sondern  als  rein  attributives  Emblem:  ein  Aushängeschild  des  Arztes, 
die  Hausmarke  seiner  Tätigkeit.  Früher  erklärte  man  dieses  In- 
strument, von  dem  ĂĽbrigens  im  Wiesbadener  Museum  ein  StĂĽck  aus 
der  Zeit  aut  bewahrt  wird,  als  bronzenen  SchluĂźzapfen  des  Hypo- 
kaustum  und  als  Svmbol  des  Schwitzbades. 

Der  Schröpfkopt  (Sikya)  wurde  in  dem  Maße  das  medizinische 
Wahrzeichen  par  excellence,  daĂź  wir  es  auf  vielen  MĂĽnzen  antiker 
Heil-  und  Bäderstädte  wiederfinden.  Es  ist  das  Verdienst  von 
Lambros,  dies  nachgewiesen  zu  haben,  was  zunächst  zwar  von 
Becker  und  Fried  län  der  bestritten  wurde;  auf  der  Vorderseite 
finden  wir  aut  Münzen  von  Epidauros,  Ägiale  und  anderen  den 
lorbeerbekränzten  Kopt  des  Äskulap  oder  auch  eines  römischen 
Kaisers,  aut  der  Rückseite  entweder  einen  Schröpfkopf  in  der 
Mitte  und  darunter,  zum  Emblem  vereinigt,  Schröpfmesser  und 
ĂĽber  Kreuz  gestellte  Hebel  (s.  Fig.  64);  auf  anderen  wieder 
finden  wir  zwischen  zwei  großen  Schröpfköpfen  ein  wie  ein  Drei- 
zack aussehendes  Instrument,  von  dem  ich  annehme,  daĂź  es  viel- 
leicht einen  Apparat  darstellt,  um  gleichzeitig  drei  Schröpfwunden 
auf  einmal  zu  machen.  Der  Schröpfkopf  war  das  heilige  Symbol 
des  Asklepioskultes  dieser  Gegenden,  und  nahm  zuletzt  als  wirk- 
same Potenz  göttliche  Gestalt  an.  Diese  Kraft  übernahm  die 
Glockenform  des  Instrumentes  und  wurde  zum  Gotte  Telesphorus 
erhoben.    Eine  StĂĽtze  fĂĽr  diese  zuerst  von  Svoronos  ausgesprochene 


DER  SCHRĂśPFKOPF. 


461 


'/•  I  A  ^k;.. 


Loiiuoii,  i^rit.  Mu^t-itm.    .\  uch  einer  ^hot.  des  Leipziger  Inst,  fĂĽr  Geschichte  der  Medizin. 

Fig.  344.     Hell.  Relief.     Der  Arzt  Jason  untersucht  einen  Kranken,  daneben  Schröpfkopf. 

Hypothese  ergibt  die  MĂĽnzenkunde.  Dieselben  kleinasiatischen  und 
insularen  MĂĽnzen  fĂĽhren  bald  den  Schropfkopf,  bald  den  Teles- 
phorus    als    Zeichen.      Und   auch   das  kann   man   hinzutĂĽgen,   daĂź 


462 


DER  CHIRURGISCHE  INSTRUMENTENKASTEN  USW. 


sich  noch  bis  heute   die  Sitte  strichförmiger  blutiger  Schröpfung  bei 
den  Völkern  dieser  Zone  besonders  erhalten  hat. 

Vielleicht  werden  sich  gelegentlich  Funde  mehren,  bei  denen 
durch  die  Embleme  Schröpfkopf  und  Instrumentenkasten  der  ärzt- 
liche Stand  des  Spenders  eines  Weihgeschenks  oder  ein  Grabdenkmal 


Orig.-Aufn,     Oaiieria  iapidaria.  V atikmi. 

F'g-  345-     Werkstatt  eines  Messerschmiedes. 

charakterisiert  wird.  Ein  einzigartiges  Dokument  aber  dĂĽrtte  ein 
groĂźer  in  der  Galleria  Iapidaria  des  Vatikans  befindlicher  Cippus  sein, 
der  uns  in  die  Werkstatt  und  den  \'erkaufsladen  eines  römischen 
Messerschmiedes  tĂĽhrt  (s.  Fig.  343    u.   346). 

Das  erste  Bild  zeigt  die  Werkstatt.  Ein  junger  Mann  sitzt  auf 
einem  Block  vor  einem  Ofen,  in  dem  man  das  Feuer  flackern  sieht, 
daneben  ein  Blasebalg,  davor  ein  AmboĂź.  Mit  der  linken  Hand 
hält  er  ein  Metallstäbchen,   welches  ein  vor  ihm  stehender  Gehilfe 


DIE  WERKSTATT. 


463 


mit  einem  Hammer  bearbeitet.  Hier  wird  kaltes  Eisen  getrieben, 
da  der  sitzende  Meister  dasselbe  ohne  Zange  anfaĂźt.  Ăśber  der 
Arbeitergruppe  hängen  an  einem  Winkelhaken  vier  fertige  Instru- 
mente, ein  Hackmesser,  eine  Zange  und  ein  Strigilis  (s.  Fig.  345). 


Ong.-Aufn.     Rom. 


tig-  346.     Verkaufsladen  eines  Messerschmiedes. 


Die  Gegenseite  zeigt  uns  den  \'erkaufsladen.  In  einer  unge- 
gürteten  Tunika  bietet  der  Verkäufer  einem  Bürger  in  der  Toga  einen 
Gegenstand  an.  Unter  der  Theke  befindet  sich  ein  Schubkasten. 
DarĂĽber  erhebt  sich  ein  FlĂĽgelschrank,  der  die  Ware  beherbergt  und 
zur  Schau  bringt.    Die  unterste  Reihe  ist  mit  Futteralen  ausgefĂĽllt. 


464  DER  CHIRURGISCHE  INSTRUMENTENKASTEN  USW.  ® 

Dann  kommt  eine  Reihe  von  IVlessern,  die  scheinbar  Klappmesser  sind, 
wie  solche  im  Original  z.  B.  das  Britische  Museum  aufweist.  Zu  oberst 
hängen  sichelförmige  Schneidemesser.  Jahn,  der  diesen  Grabstein 
zuerst  beschreibt,  nimmt  an,  daĂź  hier  nicht  grobes  Handwerkszeug 
gefertigt  und  verkauft  wurde,  sondern  daĂź  es  sich  in  erster  Reihe  um 
chirurgische   Instrumente,    namentlich   Fistelmesser,   gehandelt   hat. 


â– X. 


.jc 


'jMi!SJi.U,. 


-^      A^-   â–   fe 

Xaclt  der/t  Xc'ffaih'  7>on  Bassetigc, 

Fig-  347.     Relief  vom  Tempel  von  Köm  Omboi  in  Ägypten,  Instrumentenkasten. 

Nun,  der  feine  Messerschmied  der  damaligen  Epoche  wird  mit 
Sicherheit  auch  die  Herstellung  dieser  besorgt  haben,  ohne  daĂź  es 
Spezialisten  dieser  Art  gegeben  hat.  Die  Beobachtung  jedoch,  daĂź 
der  Handgriff  mehrfach  in  Tierköpfe  auslauft,  spricht  dafür,  daß 
auch  das  Instrumentarium  für  Schlächter  und  Opferschlächter  in 
dieser  Werkstatt  hergestellt  wurde.  Allerdings  erinnere  ich  daran, 
daĂź  die  Sammlung  im  Kaiserin-1-ricdrich-Hause  z.  B.  einen  chirur- 
gischen scharfen  Haken  besitzt,  der  in  einen  Eidechsenkopf  ausläuft. 


ÄRZTLICHE  BESTECKE. 


465 


Ähnliche  Grabrehefs  mit  der  Darstellung  von  Handwerkern  bei 
der  Arbeit  gibt  es  mehrere.  Bas  senge')  bildet  einen  chirurgisch- 
medizinischen Instrumentenschrank  aus  dem  Tempel  von  Korn 
Omboi  in  Überägypten  ab.  Dieser  Tempel,  erst  1893  aus  dem 
Schutt  geborgen,  gehörte  dem  krokodilköphgen  Gotte  Sobk,  der  mit 
dem  Sonnengott  identifiziert  wurde.     Wenn  wir  in  diesem  Arma- 


Orig.-Au/n.     B.-rlhi.   Altes  Miiseiiii 

Fig.  34S.     Ärztliche  Besteck.     Antike  Bronze. 


mentarium  nun  auch  viele  Gegenstände  finden,  die  ein  Mediziner 
wohl  gebrauchen  könnte,  z.  B.  Zangen,  Waagen,  Instrumente,  die 
wie  Cauterien  aussehen,  Haken  und  sondenähnliche  Instrumente, 
so  hat  sich  mir  gegenüber  doch  Professor  Schäfer  als  Fachmann 
datür  ausgesprochen,  daß  hier  mit  größter  Wahrscheinlichkeit  das 
Instrumentarium  von  Goldschmieden  oder  einer  verwandten  Be- 
rutsart    zur    Darstellung    kommen    sollte;    ähnlich    urteilen    andere 


')  Medizinische   Eindrücke   auf  einer  Winterreise   nach   Ägypten   von   Oberstabsarzt  Dr. 
R.  Bassenge,  Zeitschrift  f.  Balneol.,  Klimat.  und  Kurorthygiene  1910,  Nr.   iS. 

Hollander,   Plastik  und  Medizin.  -o 


466 


DER  CHIRURGISCHE  INSTRUMENTENKASTEN  USW. 


Ägyptologcn;     doch     hat    die    Darstellung   für  uns   auf   alle   Fälle 
Interesse. 

Die  groĂźen  komplizierten  Instrumente,  die  z.  B.  den  pompeja- 
nischen  Funden  entstammen,  haben  zur  \'oraussetzung  der  Auf- 
bewahrung Schränke  oder  große  Kästen.  Solche  hat  uns  bisher  die 
Erde   nicht   wiedergegeben,    wohl   aber   eine  Reihe  kleinerer  Etuis, 


Aujn.     Xt'ii/'el,  Xiit  -Museitn 

Fig.  34q     Deckel  eines  InstiuiTientenl<astcns  mit  eingelegten  Figuren. 

in    denen    römische  Ärzte    das    Instrumentarium    tür    den    täglichen 
Gebrauch   und  namentlich  auch  Medikamente  mit  sich  tĂĽhrten. 

Als  Tvpus  dieser  oft  schön  verzierten  Kästchen  zeigen  wir  den 
kleinen  Bronzekasten  des  Berliner  Antiquariums,  auf  welchem  der 
Heilgott,  in  einem  Tempel  stehend  und  auf  einen  Schlangenstab 
sich  stützend,  erscheint.  Ob  die  Kästchen  im  Innern  richtig 
verteilt  sind,  ist  fraglich,  vielleicht  war  seitwärts  noch  Platz  tür 
eine  Elfenbeinröhre  mit  Sonden. 


TASCHENAPĂśTHEKEN. 


467 


Den  fast  gleichen  Kasten  fand  ich  in  Neapel  unter  den  pom- 
pejanischen  Funden  aus  Bronze,  mit  Silber  die  Figuren  Asklepios 
und  Hvgieia  eingraviert;  es  scheint  aber  nur  noch  der  Deckel  er- 
halten (s.  Fig.  349). 

Einen  ähnlichen  Kasten  aus  Elfenhein  bildet  der  bekannte  Sammler 
Reh  er  aus  Genf  ab  aus  dem  Museum  in  Lyon').  Mit  riesigen 
Schlangen  ausgerüstete  Heildämonen  verzieren  den  Deckel  des 
Kastens,  der  einstmals  Taschenapotheke  eines  Heidenarztes  war  und 
dann  zum  Reliquienschrein  der  Valeriuskirche  erhöht  wurde.  In 
Mainz  und  Xanten  und  bei  Köln  tand  man  im  Flußbett  ähnliche 
Kästen,    zum  'Feil   noch   mit   Inhalt. 


')  B.  Reber,    Phaimacie   de  poche  dun  mCdecin   romair.    Bull,  de   la  Socictc  frangaise 
d'Histoire  de  la  medecine,  I'aris   1903. 


HYGIENE  UND  HEILHÄNDLUNG. 


s  bleibt  als  reizvolle  Aufgabe  medizinischer  archäologischer 
Betrachtung  die  Frage,  ob  wir  in  den  Resten  der  antiken 
äj  Plastik  und  Skulptur  verwertbare  Hinweise  finden  auf  die 
Methodik  und  die  Anwendung  der  Heilhandlung  selbst.  Schon  aus 
den  voraufgegangenen  Betrachtungen  beantwortet  sich  diese  Frage 
mit  Hinweis  aut  den  sogenannten  Krankenbesuch  des  Asklepios.  Denn 
obwohl  der  Inkubationsgott  seinem  eigentlichen  Wesen  nach  zunächst 
persönlich  Heilhandlungen  nicht  begeht,  hnden  wir  doch  solche 
wenigstens  in  seiner  Nähe,  unter  seinem  Patronate  gelegentlich  dar- 
gestellt.  A\  ir  werden  unter  Zuhiltenahme  namentlich  des  Vasen- 
schmucks eine  Reihe  von  Darstellungen  aus  der  primitiven  Volks- 
chirurgie kennen  lernen;  aber  alle  diese  gelegentlichen  plastischen 
Schilderungen  treten  weit  zurĂĽck  nach  Zahl  und  intimer  AusfĂĽhrung 
gegenĂĽber  den  Schilderungen  aus  dem  Gebiet  der  prophylaktischen 
MaĂźnahmen.  Entsprechend  der  fehlerhaften  oder  tehlenden  Erkenntnis 
physiologischerBeobachtungen  und  den  ĂĽberaus  mangelhatten  anato- 
mischen Erfahrungen  schwankte  zunächst  die  Medizin  zwischen  Philo- 
sophie und  Beredsamkeit,  und  das  ^'olk  zeigte  zunächst  das  instinktive 
Bestreben,  sich  von  den  Medizinern  unabhängigzu  machen.  Dies  stei- 
gerte sich  in  der  katonischen  Zeit  zu  einer  ausgesprochenen  Aversion 
gegen  die  Ärzte.  W'n  zeigten'),  daß  einer  der  größten  Ärztehasser  aller 
Zeiten,  Petrarca,  sich  auf  diesem  Gebiete  merkwĂĽrdigerweise  hei  Pli- 
nius  Rat  holt.  Zu  Beginn  seiner  kurzen  Zusammenstellung  medizin- 
geschichtlicher  Entwicklung  weist  Plinius  darauf  hin,  daĂź  die  Heil- 
kunde die  Mittel,  welche  so  leicht  zu  haben  und  zweckmäßig  waren, 
veralten  lieĂź.  Er  meint  damit  das,  was  wir  heutzutage  vielleicht  mit 
einer  naturgemäßen  Lebensweise  bezeichnen  würden.    Schuld  daran 


')  Holländer,  Die  Karikatur  und  Satire  in  der  Medizin,  Seite  54. 


DER  ZENSOR  CATO.  469 


seien  die  Ärzte  mit  ihren  wechselvoilen  Ansichten.  Nachdem  er 
dann  in  ziemHch  weitschweifiger  Manier  die  Gewinnsucht  der  Ärzte, 
ihre   Schwatzhaftigkeit,    ihre   Reklamesucht,    ihre   Unmenschlichkeit 


rlwt.   Alinari.     Rom,    Vatikan, 

F'g-  35°-     Apoxyomenos,  Marmorkopie  einer  Statue  des  Lysipp. 

im  Schneiden  und  Brennen  abgehandelt  hat,  freut  er  sich,  die  eigenen 
Worte  des  Zensors  Cato  an  seinen  Sohn  anführen  zu  können, 
deren  Schlußsatz  lautet:  Der  Umgang  mit  Ärzten  ist  dir  unter- 
sagt.    Er    kommt    dann    bald    auf  diejenigen  Punkte   zu   sprechen, 


470 


HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG. 


"mmi^i^'  ^iMmf^§ 


welche  uns  an  dieser  Stelle  interessieren:  »Das  Mischen  von  Arz- 
neien beträfe  das  Wohl  des  einzelnen,  die  Einfuhr  aber  jener 
Dinge,  welche  wir  uns  bei  gesundem  Leibe  gefallen  lassen,  ver- 
derben allgemein  die  reinen  Sitten  des 
Landes.  In  dieser  Hinsicht  bemängelt  er 
die  RingĂĽbungen,  das  Nacktsalben,  welche 
man  der  Gesundheit  wegen  eingefĂĽhrt 
haben  will,  ferner  die  heißen  Bäder,  wo- 
durch, wie  man  vorgibt,  die  Speisen  im 
Körper  verdaut  werden,  aber  so,  daß  jeder 
weniger  gesund  herauskommt  und  die 
Gehorsamsten  herausgetragen  werden;  fer- 
ner  das  Trinken  bei  nĂĽchternem  Magen, 
das  Erbrechen  und  das  abermalige  Trin- 
ken, ferner  die  unmännliche,  durch  Harze 
bewirkte  Enthaarung  und  die  gleichfalls 
durch  1-nthaarung  zur  Schau  gestellten 
Geschlechtsteile  der  Frauen.  So  sei  Catos 
Ausspruch,  daĂź  durch  nichts  mehr  als 
durch  die  Heilkunst  die  Sittenverderbnis 
befördert  werde,  zur  Wahrheit  geworden« 
(Plinius,  29.  Kapitel,   Vll   u.  Vlll). 

Das  griechische  Streben  nach  voll- 
kommener Gesundheit  und  Schönheit  des 
Körpers,  die  hellenischen  Sitten  der  Ring- 
schule, der  Bäder,  ja  vielfach  auch  der 
Kleidung,  haben  trotz  Cato  und  Plinius 
im  römischen  Reiche  festen  Fuß  gefaßt; 
ja  wir  können  wohl  die  Behauptung  wa- 
gen, daß  diese  griechisch-römische  Körperkultur  in  vieler  Beziehung 
heute  noch  für  uns  vorbildlich  ist.  Bei  dieser  präventiven  Stählung 
des  Körpers  spielte  natürlich  die  Kleidung  eine  große  Rolle,  mehr 
noch  wie  die  Kleidung  die  Entkleidung  und  deren  leichte  Mög- 
lichkeit.    Nur    in    dem,    was    wir    heutzutaue    mit    dem    modernen 


Orii^.-Au/n.     Athen 

l*'g-  .i5'-     WeiĂźgrundige  griech. 

Lekythos  mit  Darstellung  eines 

JĂĽnglings  mit  der  Strigilis. 


DIE  KRANKHEITSVERHĂśTUNG. 


471 


Schlagworte   der  Nacktkultur   bezeichnen,    liegt   aber    eine  Gewähr 
fĂĽr  die  dauernde  Kontrolle  des  eigenen  Leibes. 

Die  antike  Zeit  war  mehr  auf  die  \'erhĂĽtung  von  Erkrankungen 
angewiesen  und  sah  auch  in  der  Stählung  des  Körpers,  im  Ver- 
bot bestimmter  Nahrung  und  in  ähnlichen  Dingen  ihre  beste  Pro- 
phylaxe.   Die  Leistungen  der  alten  Welt  nach  dieser  Richtung  dem 


M»«PZ'»*Wfc!'iJ^6wrf^t3ffik^?X^ 


sstAbt  ; 


s 


At/teti.   Xat.-MiisfK 


F'g-  352-     Das  Bad  des  Udysscus.     Antikes  Relief. 


Publikum  einmal  vor  Augen  zu  führen,  ist  eine  der  schönen  und 
groĂźen  Bestrebungen  der  Dresdener  Hygiene- Ausstellung. 
Karl  Sudhoffs  Name  bĂĽrgt  dafĂĽr,  daĂź  dies  Ziel  trotz  der  enormen 
Schwierigkeiten  in  der  Sammlung  und  \'orlĂĽhrLing  des  xMaterials  rest- 
los erreicht  werden  wird')!   Mehr  aber  wie  Beleuchtung,  Heizung, 


')  Anmerk.  bei  der  Korrektur.  Unter  dem  Beifall  der  ganzen  Welt  vollzog  sich  mitt- 
lerweilen die  Lösung  dieser  großen  Kulturaufgabe. 


472  HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG.  ® 

Abortanlagen,  Gewandung  und  Kleidung,  die  antike  Wasserver- 
sorgung interessiert  uns  an  dieser  Stelle  das  Badewesen  und  die 
technische  Seite  der  Gymnastik.  Alle  diese  Körperübungen  wie 
Ringkampf,  Faustkampf,  Diskus-  und  Speerwurf,  Lauf  und 
Sprung,  Reiten  und  Schwimmen  und  alles,  was  heute  ungefähr 
unter  den  Begriff  der  Leichtathletik  fällt,  finden  wir  nun  zerstreut 
auf  kunstgewerblichen  Arbeiten  aller  Art  geschildert.  Terrakotten 
im  Stil  der  bekannten  Tanagrafiguren  zeigten  uns  hiervon  schon 
allerlei,  gelegentlich  auch  der  Schmuck  von  Gräbern  und  Weih- 
geschenken; die  Dominante  aber  aut  diesem  Gebiet  ist  die  Ver- 
zierung der  Keramiken,  die  \'asenbilder.  Karl  S  u  d  h  o  ff  hat  diese ') 
intimen  und  reizvollen  Schilderungen  des  antiken  Bades  in  seiner 
Vielgestaltigkeit  studiert  und  uns  gewissermaĂźen  lebendige  Photo- 
graphien des  antiken  Bades  gegeben.  Die  Jahrtausende  konnten  der 
Frische  dieses  Einblicks  keinen  Abbruch  tun;  wir  sehen  hier  FuĂź- 
bäder, teils  in  der  Form  wirklichen  Reinigungsbedürtnisses,  teils  auch 
als  Illustrationen  der  berĂĽhmten  FuĂźwaschung  des  Odysseus  (siehe 
Fig.  332)  oder  der  des  Skiron.  Dieser  Unhold  zwang  an  felsiger 
KĂĽste  vorbeiziehende  friedliche  Wanderer,  ihm  die  FĂĽĂźe  zu  baden. 
Den  so  Beschäftigten  schleuderte  er  mit  einem  Fußtritt  ins  Meer. 
Theseus  war  es,  der  den  Skiron  homöopathisch  behandelte,  er  warf 
den  Burschen  selbst  ins  Meer,  resp.  er  erschlug  ihn  mit  seiner 
eigenen  ehernen  FuĂźbadewanne.  Sudhott  zeigt  uns  an  einer 
großen  Reihe  von  \'asenbildern  die  Pflege  der  Füße,  der  die  größte 
Aufmerksamkeit  zuteil  wurde.  Wir  sehen  da  z.  B.  aut  einer  Vase 
aus  dem  Louvre  eine  bronzene  niedere  Wanne  mit  verziertem 
DreifuĂź  und  Henkel;  ein  junger  Mann  ringt  soeben  den  Schwamm, 
mit  dem  er  sich  gewaschen  hat,  aus;  an  der  Wand  hängen  die 
Sandalen,  gegenüber  hängt  der  Aryballos,  d.  i.  die  Ülflasche  mit 
der  Strigilis,  mit  welcher  er  sich  geölt  und  geschaht  hat.  Das 
Pendant  dazu  linden  wir  in  der  Berliner  Sammlung,  wo  gezeigt 
wird,    wie   ein   iunues  Mädchen   sich   nach  dem  Fußbade  die  San- 


')  Karl    Sudhoff,    Aus    dem    antiken    Badewesen,    Berlin     niio.      Allg.    Medizinische 
Verlagsanstalt. 


BRAUSEBAD. 


473 


dalcn  anbindet.  So  kann  man  den  intimen  Toilettegeheimnissen 
der  griechischen  Frauen  beiwohnen;  wir  sehen  die  grĂĽndhche 
Remigung,  auch  des  Unterkörpers,  mit  dem  Schwamm,  die  be- 
sondere Sorgfah  in  der  Behandlung  des  Haares,  welches  zu- 
nächst hochgebunden,  dann  gelöst,  gewaschen,  später  aber  aus- 
gerungen wird,  nachdem  eine  Genossin  aus  einem  o;roĂźen  Kruse 
Wasser    ĂĽber    den     Kopf    gegossen     hat.      Wird    das    Brausebad, 


Ori^.'Aufn.      Bt-rlin.   Altt-s  Museum, 

Fig.  353.     Brausebad,     (jiicchisches  Vasenbild. 

eine  Vorahnung  des  Lassars  eben,  benutzt,  wobei  das  W^asser 
aus  allerlei  Tierköpfen  heraussprudelt,  so  zog  man  eine  Bade- 
kappe an  oder  die  Haare  wurden  in  kleinste  Flechten  gewickelt 
(s-Fifv33  3)- 

hm  im  antiken  Leben  derartig  zur  Gewohnheit  gewordener 
Gebiauch,  der  so  häufig  auf  Vasenbildern  vorkommt,  hat  natürlich 
auch    die    Plastik    beschäftigt.      Schon   Sud  hoff  (1.  c.)  bildet    eine 


474 


HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG. 


kyprische  Terrakotta  ab ,  mit  einer  kleinen  dicken  tetten  Person, 
die  sich  die  FĂĽĂźe  reinigt. 

Das  Toiletteinstrumentarium ,  von  dem  die  Originale  nament- 
lich in  Neapel  und  London  in  groĂźer  Auswahl  vorhanden  sind, 
finden  wir  auch  plastisch  auf  Grabsteinen  geschildert. 

Die  Grabplatte  im  Berliner  Museum  Nr.  791  mit  den  weiblichen 
Toilettegegenständen,  Kamm,  Fläschchen,  Spiegel  mit  Grift,  stammt 


V 


Xeaf>ei. 


FiE 


Das  Instrumentarium  des  Bades. 


zwar  aus  später  Zeit  (271  n.  Chr.),  wir  wissen  aber  aus  \'asen- 
bildern  und  aus  mykcnischen  Funden,  daĂź  dieselbe  doppelseitige, 
heute  noch  moderne  Elfenbeinkammform  schon  sehr  frĂĽhzeitig 
vorkam. 

Es  existiert  eine  Reihe  statuarischer  Werke,  auf  denen  die  Be- 
nutzung der  Strigilis  gezeigt  wird.  Das  berĂĽhmteste  unter  ihnen 
ist  das  Meisterwerk  des  Lvsippos  aus  dem  Museum  des  Vatikans 
(s.  Fig.  350).  Wir  müssen  uns  vorstellen,  daß  der  »Apoxyomenos« 
genannte  /Athlet  seine  Kämpfe  beendet  hat  und  im  Begriff  ist,  sich  mit 


TOILETTEINSTRUMENTARIUM.  in  r 


dem  Salböl  allen  Staub  zu  entfernen,  abzuseifen,  wie  wir  uns  modern 
ausdrücken  würden.     Über   die  Formenschönheit   dieser   Statue   ist 
so  viel  geschrieben,  daß  wir  darauf  verzichten  können,  näher  in  die 
Betrachtung   dieser   fĂĽr  den  Meister   typischen  Bildung  einzutreten. 
Wir  erwähnen  nur,  daß  es  sich  um  eine  überlebensgroße  Kopie  der 
berĂĽhmten  Erzstatue   handelt;    das  Original    stand   in   der  Portikus 
des   Agrippa    beim    Pantheon;   gefunden    wurde    unsere    Statue    in 
einer  kleinen  NebenstraĂźe  von   Trastevcre,    die   seither   den   Namen 
X'iccolo    dcir  Atleta    erhielt.       Die    Handhabe    des    Schabeisens    ist 
antik,  im   ĂĽbrigen   ist  das  Wort  Schabeisen  fĂĽr  den  antiken  Strieoel 
unzulässig,    da    derselbe    aus    Bronze    hergestellt    war.     Es    finden 
sich    zahlreiche    Formen    des  Striegels;    in    verschiedensten  Größen, 
mit   verschiedenen    KrĂĽmmungen.     Oft    ist    die    Handhabe    kunst- 
handwerklich    verziert.       Der    Striegel     gehört    zu     den     tvpischen 
Weihgaben    in    Alännergräbern ,    und    besitzt    die    Sammlung    des 
Kaiserin-Friedrich-Hauses  unter  anderen   ein  schönes  Exemplar  aus 
Terrakotta  mit  der  Aufschrift  »Anakletu«.    Die  antiken  Statuen   von 
Athleten,    Badenden  und  ähnlichen  nackten  Figuren   haben   vielfach 
ihre  Arme  eingebĂĽĂźt.    Bei  der  Restauration  hat  man  ihnen  dann  mit 
Vorliebe    in    die  Hände    einen  Striegel  oder  die  Ölflasche  gegeben. 
Besser  erhalten  finden  wir  dieselbe  Darstellung  auf  den  Vasenbildern. 
Wir  sahen  schon  in  dem  schönen  Werke  von  Karl  Sudhoff  dieses 
Instrument  ziemlich  regelmäßig  in  der  Hand  der  Männer  oder  an  der 
Wand  hängend  zum  Gebrauch.     Auf  einer  schönen  weißsrundieen 
Lekythos  der  athenischen  Sammlung  sehen  wir  die  Zeichnung  eines 
Jünglings,    der   in    der  Linken    das   grazile  Instrument   hält    (siehe 
Flg.   33 1).      Das    Instrument    selbst    kommt    vom    6.   Jahrhundert 
V.  Chr.   bis  zum  3.  n.  Chr.  vor,  und   wir  erwähnten  bereits,  daß  der 
Name  der  Besitzer  gelegentlich  auf  ihnen  eingeschrieben  war.    DaĂź 
auch  die  Frauen  sich  des  Striegels  bedienten,  beweisen  die  silbernen 
StĂĽcke,  welche  sich  in  dem  berĂĽhmten  Sarkophag  einer  etruskischen 
Edlen  Seianti  Thanunia  vorfimden    (jetzt    im    Britischen  Museum). 
Die  Tatsache  aber,  daĂź  mehrere  solcher  Striegel  mit  Aryballos  und 
Schale   zum  Auffangen    des   abgeschabten  Stauböls   an   einem   Rino- 


476 


HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG. 


sich    vorfinden  (s.  Fig.   354),    spricht    dafür,    daß   späterhin    dieses 
Geschäft  von   Badedienern   besorgt  wurde.     Auch    auf  Grabsteinen 


Bcrlbi,  Altes  Museum. 

Fig-  355-     Attisches  Grabrelief  (4.  Jahrb.). 

finden  wir  das  Instrumentarium  der  Palästra  und  des  Gvmnasiums 
mehrtach.  Beweis  dafĂĽr,  daĂź  man  diesen  antiken  Badeapparat  mit 
sich    nahm    aut    dem  Wege   zur  Ringschule.     DaĂź    dies    nicht    nur 


DIE  TECHNIK  DES  BADES. 


â– 477 


die  jüngeren  Menschen  taten,  zeigt  uns  ein  schönes  attisches  Grab- 
relief (jetzt  Berlin)  aus  dem  4.  Jahrhundert  (s.  Fig.  j)^).  Hier 
sehen  wir  die  Szene  dargestellt,  wie  der  Mann,  in  der  Linken  Salb- 
tiasche  (Arvhallos)  und  Striegel  haltend,  sich  von  seiner  Frau,  der 
offenbar  Verstorbenen,  verabschiedet.  Der  tägliche  Gang,  der  tägliche 
Abschied  symbolisiert  hier  den  ewiiren. 


Fig.  356.     Silberner  Eimer  mit  Badeszenen  in  Basrelief. 

Die  Instrumente  selbst,  welche  solchem  Badezwecke  dienten, 
sind  vielfach  mit  unerhörtem  Reichtum  und  künstlerischem  Auf- 
wände gefertigt.  Namentlich  das  Neapeler  Nationalmuseum  zeigt 
nach  dieser  Richtung  hin  die  kostbarsten  Exemplare;  es  sind  dort 
ganze  Sammlungen    von  Flaschen    und    Gefäßen    zum    Salben    und 


478 


HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG. 


fĂĽr  Balsam  mit  g-oldcnen  Inkrustationen  oder  aucli  aus  seltenem 
Glas  mit  erhöhter  oder  geschnittener  Arbeit.  Die  Darstellungen  aut 
diesen  sind  meist  mythologischen  Inhaltes,  gelegentlich  aber  beziehen 
sie  sich  auch  auf  den  Zweck  des  Gefäßes.  Transportable  Wasser- 
gefäße, die  wahrscheinlich  auch  mit  warmem  Wasser  getüllt  waren, 


Orig.-Phot      XeafcL 


Fig.  357.     RĂĽckseite  von  Figur  355. 

sahen  wir  in  Originalen  und  auch  auf  Vasenbildern  vielfach.  Es 
wiederholt  sich  die  Szene  des  Ăśbergusses  von  Wasser  ĂĽber  die 
«rereinieten  Locken  eines  sich  hinhockenden  Weibes.  Ein  besonders 
schöner  silberner  Eimer  aus  Neapel  gewährt  uns  in  getriebener  Arbeit 
einen  Einblick  in  ein  antikes  Frauenbad  (s.  Fig.  ^-^G  u.  337);  aut 
der  Vorderseite  sitzt  eine   vornehme   Dame,    deren  linker  l'uĂź  von 


BADESZENEN. 


479 


,â– ;        -o 


13 

5 


480  HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG.  ® 

einer  Dienerin  getrocknet  oder  massiert  wird.  Eine  andere  bringt 
ihr,  wie  es  scheint,  eine  Flasche  mit  Balsam,  während  eine  dritte  in 
einem  Gefäß,  dessen  seltsame  Form  uns  noch  heute  in  Unteritalien 
begegnet,  Wasser  zum  ĂśberguĂź  herbeischafft.  Die  andere  Seite 
dieses  kostbaren  Gefäßes  zeigt  uns  die  fertig  gebadete  und  ge- 
salbte Schone  im  Begriff,  zunächst  die  Brustbinde  (Strophion)  an- 
zulegen und  sich  dann  anzuziehen. 

Bei  dieser  klassischen  Badeszene  erinnern  wir  uns,  daĂź  die  ganze 
spätere  Kunst  aus  dem  Badewesen  Anregung  über  Anregung  er- 
halten hat.  Mit  dem  Untergang  der  antiken  Weltauttassung  ver- 
schwand auch  aus  dem  abendländischen  Leben  zunächst  das  Wasser- 
bad, mehr  noch  aber  das,  was  wir  mit  dem  modernen  Schlagwort 
die  »Nacktkultur«  nennen.  Sich  nackt  zu  zeigen  und  nackte  Körper 
zu  betrachten  war  sĂĽndhaft  und  auch  kaum  im  privaten  Leben, 
sicher  aber  nicht  im  öffentlichen  Leben  möglich.  Die  Entwicklungs- 
kurve des  Badelebens  hat  dann  die  größten  Schwankungen  gezeigt, 
je  nachdem  die  Anregungen  von  entgegengesetzter  Seite  kamen.  Ăśber 
den  Aufschwung  und  den  Niedergang  deutschen  Badewesens  ziehe  man 
das  eingehende  groĂź  angelegte  Standard- Werk  von  Allred  ALtrtin') 
zu  Rate.  Es  gab  Zeiten,  in  denen  namentlich  im  Gegensatz  zu  dem 
ausgedehnten  orientalischen  Badewesen  das  warme  Bad  als  ver- 
boten galt.  Es  ist  historisch  belegt,  daĂź  z.  B.  die  heilige  Elisabeth 
in  ihrem  Leben  niemals  warm  gebadet  hat.  So  konnte  eine  täg- 
liche Gewohnheit  und  ein  dem  Essen  und  Trinken  gleichkommendes 
BedĂĽrfnis  zum  Gastgeschenk  werden  und  eine  kirchliche  Kulthand- 
lung. Die  realistische  Szene  einer  FuĂźwaschung  kann  doch  eigent- 
lich in  ihrer  Darstellung  nicht  zwischen  groĂźen  Breiten  pendeln. 
SchlieĂźlich  steckt  dieser  einfache  \'organg  Grenzen  und  doch  liegt 
zwischen  einer  solchen  antiken  FuĂźwaschung  und  der  Darstellung 
eines  della  Robbia  eine  ganze  Welt  (s.  Fig.  338). 

Wir  begnügen  uns  mit  diesem  gedrängten  Hinweis  auf  plastische 
Darstellungen  aus  dem  Gebiete  des  öffentlichen  Badewesens. 


')  Alfred   Martin,    Deutsches    Badewesen    in    vergangenen   Tagen,    1906,    bei   Eugen 
Diederichs,  Jena. 


HEILHANDLUNG.  48 1 


HEILHANDLUNG.  l^fSKT  m      ^'g  ^59.   zunftsiege 


Eine  »plastische«  Therapie  in  dem  Sinne  des  vorhegenden  Buches 
muĂź  einen  durchaus  schiefen  und  falschen  Eindruck  machen.  Der 
intime  Wirgang  der  Heilung  verträgt  nicht  eine  dekorative  monu- 
mentale Behandlung. 

Trotzdem  ist  es  seltsam,  wie  das  sammelnde  Auge  doch  hie 
und  da  versteckte  Blumen  sieht,  die,  zu  einem  kleinen  StrauĂź  ge- 
sammelt, den  Arzt  erfreuen  werden.  Ein  Herharium  ist  es  nicht, 
und  auf  Reichhaltigkeit  dieses  Abschnittes  darf  man  nicht  rechnen. 
Zunächst  die  prähistorische  Therapie.  Die  wird  uns  in  einigen 
überaus  reizvollen  Exemplaren  geschildert.  Da  ist  zunächst  noch 
aus  den  Fabeltagen  der  Menschheit,  wo  Halbgötter  und  Halb- 
menschen auf  bunten  Wiesen  sich  tummelten,  einem  Satyr  ein 
Malheur  passiert.  Beim  Springen  muĂźte  er  es  erfahren,  daĂź  sein 
Halbbruder,  der  Pan,  mit  seinen  BockfĂĽĂźen  besser  daran  war  als  er. 
Er  hat  sich  den  Dorn  tief  in  den  rechten  FuĂź  gestoĂźen,  als  er,  durch 
den  WeingenuĂź  etwas  angeheitert,  herumtummelte.  Aus  dieser  pein- 
vollen Situation  befreite  ihn  der  Pan,  der  mit  sachverständiger 
Miene  den  FuĂź  untersucht  und  mit  spitzen  Fingern  den  Dorn 
herauszieht  (s.  Fig.  360). 

Rieh  er  bildet  aus  dem  Louvre  die  gleiche  Szene  ab.  Doch  ist 
die  Komposition  eine  andere.  Hier  krĂĽmmt  sich,  auf  einem  Stein- 
fels sitzend,  ein  Mensch.  Seine  Gesichtszüge  verraten  den  größten 
Schmerz.  Ein  junger  Pan  sitzt  gemĂĽtlich  vor  ihm  und  zieht  mit 
Vorsicht  aus  dem    ĂĽber   das   rechte  Knie   gelegten   linken  FuĂź   den 


Holländer,   i'laslik  und  Medizin. 


482 


HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG. 


Dorn.  Auch  hier  muß  man  wohl  bei  der  Häutigkeit  solcher  Dar- 
stellungen daran  denken,  daĂź  ein  bestimmter  mythologischer  Vor- 
gang eine  Schilderung  erfuhr. 

BerĂĽhmter  noch  als  diese  Darstellung  ist  die  Antike-Bronze 
des  Dornausziehers,  von  der  es  eine  ganze  Reihe  Repliken  gibt. 
Die    kapitolinische  Bronze    wird    wohl    als    Original    angesprochen. 


/''W'f.   AĂĽtuiri. 

Fig.  360.     Pan  einem  Satyr  einen  Dorn  ausziehend. 


Hier  sehen  wir  einen  Knaben  damit  beschäftigt,  sich  einen  Dorn 
selbst  aus  dem  l'uße  zu  ziehen.  Die  ganze  Komposition  verrät 
bereits  eine  groĂźe  Meisterschaft.  Die  aufgeworfenen  Lippen  sind 
ein  charakteristischer  Zug  fĂĽr  die  gespannte  Aufmerksamkeit  und 
die  Behutsamkeit  des  kleinen  Operateurs.  Ăśber  diese  an  und  fĂĽr 
sich  einfache  Darstellung  existiert  bereits  eine  größere  Literatur. 
Die  Archäologen  haben  angenommen,  daß  das  liebenswürdige  Motiv 
die   Genredarstellung  allein  noch    nicht    erkläre    und    daß  wohl    ein 


DER  DORNAUSZIEHER. 


483 


besonderer  AnlaĂź  vorgelegen  haben  mĂĽsse  fĂĽr  die  Entstehung 
dieser  doch  immerhin  fĂĽr  die  Antike  auffallenden  Szene.  Friede- 
rich-Wolters') wiederholt  die  Vermutung,  es  sei  ein  Knabe,  der 
sich  im  Wettlaut  einen  Dorn  in  den  I'\iĂź  getreten  und  trotzdem 
noch  siegte;  er  weist  auf  den  Mythus  hin,  der  z.  B.  von  Lokros 
erzählt  wird,  daß  ein  Orakelspruch  diesem  als  Gründungsstelle  einer 


.ipitol. 


Fig. 


Dornausziehen.     Antike  Bronze. 


Niederlassung  den  Ort  angewiesen  habe,  wo  ihm  eine  Dornver- 
letzung zustoĂźen  wĂĽrde.  Die  Entstehung  dieser  Bronze  aus  dem 
Konservatorenpalast  wird  in  das  3.  Jahrhundert  gelegt.  Das  alte 
Motiv  aber  wird  später  durch  Wiederholung,  namentlich  in  Marmor, 
der  Form   der  späteren  Kunst   angepaßt.     Aus   der  Reihe  von  Er- 


')  Die  GipsabgĂĽsse  antiker  Bildwerke  Friedericli-Wolters,  Berlin   1885. 


484  HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG.  ^ 

klärungen  dieses  Falles  von  natürlicher  chirurgischer  Selbsthilfe 
erwähne  ich  die  von  Svoronos,  der  in  diesem  Knaben  einen  Gott 
aus  dem  Kreise  der  Heilgötter,  einen  jungen  Podalleirios  sieht;  dieser 
geistreiche  Autor  hat  ja  auch  den  Versuch  gemacht,  das  beliebte 
Gegenstück,  den  mit  der  Gans  kämptenden  Knaben,  für  einen  anderen 
Sohn  des  Heilgottes  Janiskos  auszugeben.  Für  uns  wäre  die  Be- 
stätigung dieser  Hypothese  natürlich  eine  willkommene  Bereicherung 
unseres  medizinischen  Pantheons. 

Von  den  wunderbaren  Heilhandlungen  des  Asklepios  dĂĽrfen  wir 
schon  deshalb  keine  größeren  statuarischen  Werke  und  plastischen 
Erinnerungen  erwarten,  weil  der  Gott  ja  selbst  in  den  allerwenigsten 
Fällen  selbsthandelnd  auftritt.  Die  Votivreliefs  selbst  zeigen  meist 
nur  den  Dank.  Eine  Heilhandlung  als  solche  (welche  sogar  nach 
Svoronos  in  einer  Trepanation  besteht)  zeigte  uns  das  S.  122, 
Fig.  36  abgebildete  Relief  mit  der  Kopfoperation  eines  auf  einer 
Kline  Liegenden  durch  einen  Gehilfen. 

Aut  demselben  Boden  einer  primitiven  Therapie  stehen  einige 
andere  mythologische  Szenen.  Bekannt  ist  auch  durch  Richers 
Reproduktion  der  gravierte  antike  Stein,  auf  dem  wir  den  ver- 
wundeten Philoktet  sehen,  wie  er  mit  dem  FlĂĽgel  eines 
großen  \'ogels  seinem  wunden  Bein  Kühlung  zufächelt.  Es  ist 
zweifelsohne  eine  groĂźe  Kunstleistung,  in  den  kleinsten  Rahmen 
einer  Gemme  so  viel  Stimmung  hineinzulegen.  In  der  Ilias  (XI, 
313)  wird  erzählt,  daß  die  Wunde,  die  sich  dieser  Heros  auf 
diese  Weise  zuzog,  einen  derartig  unerträglichen  Fötor  verbreitete, 
daß  ihn  seine  Genossen  auf  der  öden  Insel  Lemnos  im  Stich 
lieĂźen;  erst  nach  9  Jahren  wurde  er  durch  Odysseus  zurĂĽck- 
geholt und  durch  Machaon  geheilt.  Auf  Vasenbildern  und  Spie- 
geln wird  uns  gelegentlich  der  verletzte  oder  hinkende  Philoktet 
vorgefĂĽhrt. 

Als  dritte  Stute  ärztlicher  Therapie  kommen  wir  zu  der  Dar- 
stellung von  Heilhandlungen  zur  historischen  Zeit.  Da  wird  das 
Material  nun  ein  ganz  auffallend  dĂĽrftiges.  In  der  Nekropole  von 
Sakkärah    entdeckte   Loret    Reliefs    von    chirurgischen    Operationen 


OPERATIONSSZENEN. 


485 


Xack  dem   Orig-.-Xcgat.  von  Jean   Capari. 

Fig.  362.     Operationsszenen.     Nekropole  von  Sakkärah. 


486  HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG.  ^ 

am  Grabe  eines  hochstehenden  Bediensteten  eines  Königs  aus  der 
sechsten  Dynastie,  ungefähr  2500  v.  Chr.,  an  den  Türpfosten  des 
Einganges.  Von  den  sieben  Gruppen  ist  die  erste,  vierte  und  fĂĽnfte 
stärker  beschädigt.  Diese  Szenen  wurden  von  W.  Max  Müller') 
zunächst  beschrieben. 

Als  Kulturdenkmal  ersten  Ranges  imponiert  hier  die  von  uns 
abgebildete  Beschneidung,  deren  zwei  Szenen  wiedergegeben  werden. 
In  beiden  Fällen  sitzt  der  Operateur  und  arbeitet  mit  einem  großen 
Messer.  Bei  der  ersten  Szene  werden  dabei,  wegen  der  Schmerz- 
haftigkeit,  dem  Jüngling  die  Hände  vor  dem  Gesicht  festgehalten, 
damit  er  den  blutigen  Vorgang  auch  nicht  sehe.  Beim  zweiten 
Akt  stĂĽtzt  der  JĂĽngling  die  Linke  auf  dem  Kopfe  des  Operateurs, 
der  die  Worte  sagt:  »Ich  werde  dir  gut  tun.«  Der  Jüngling  er- 
widert: »Arzt,  das  wird  vortrefllich  sein.«  Die  andere  von  uns 
gebrachte  Szene  zeigt  einen  Knieenden  zwischen  zwei  anderen  in 
derselben  Stellung,  von  denen  jeder  eine  der  beiden  Hände  des 
Mittleren  erfaĂźt  hat.  Es  ist  dabei  von  Interesse,  daĂź  der  auf  dem 
Relief  noch  erhaltene  Operateur  dem  Patienten  den  RĂĽcken  zudreht, 
während  der  andere  durch  den  Bruch  des  Steines  verloren  ge- 
gangene, offenbar  den  Patienten  nur  festgehalten  hat.  Darunter 
sehen  wir,  wie  ein  Operateur  die  rechte  Hand  des  Patienten  nimmt 
und  an  ihr  eine  Operation  vornimmt.  Daneben  ist  eine  Szene  ge- 
schildert mit  einer  FuĂźoperation.  Oberhalb  der  Beschneidungsszene 
scheint  ein  auf  einem  Schemel  sitzender  Operateur  eine  Massage 
an  einem  r.  Beine  auszuĂĽben.  Daneben  versucht  ein  Operateur  mit 
einem  Instrument  am  RĂĽcken  eines  gleichfalls  sitzenden  Kranken 
vielleicht  einen  Abszeß  zu  eröffnen.  Die  naheliegendste  Erklärung, 
daß  hier  ein  königlicher  Leibarzt  seine  letzte  Ruhestätte  mit  Szenen 
aus  seinem  Berufsleben  hat  schmücken  lassen,  wird  von  den  Archäo- 
logen aus  GrĂĽnden,  die  wir  hier  nicht  diskutieren  wollen,  als  un- 
wahrscheinlich bezeichnet. 


')  W.  Max  MĂĽUer,  The  earliest  representations  of  surgical  Operations.  Egyptological 
researches,  results  of  a  Journey  in  1904.  Washington,  D,  C:  Published  by  the  Carnegie 
Institution  of  Washington,  June  1906,  s.  auch  Jean  Capart,  Une  rue  de  tombeaux  a 
Saqqärah,  Brüssel   1907. 


OPERATIONSSZENEN. 


487 


F'g-  363.     Operationsszenen  aus  einem  Grabe  von  Sakkärah,  2500  v.  Chr. 


488  HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG. 


Dann  kommt  wieder  eine  groĂźe  Pause,  bis  wir  wieder  plasti- 
sche Darstellungen  dieser  Art  aus  historischer  Zeit  finden.  Das 
nächste  Beispiel  ist  die  Darstellung  römischer  iVIilitärärzte. 


Zusa>n»iengeseizt  »ach  Cichorius. 

Fig.  364.     Römischer  Militäiverbandplatz.     Trajanssäule. 

Da  finden  wir  auf  Schlachtenbildern  die  Rettung  und  Bergung 
von  Verwundeten    und    Toten. 

Das  berühmteste  Beispiel  ist  die  Darstellung  römischer  Militär- 
ärzte auf  dem  Verbandplatze.  Diese  Stelle  von  dem  Relief  der 
Trajanssäule   ist  vielfach   reproduziert,  leider   ist  gerade   die   Szene 


RÖMISCHE  MILITÄRÄRZTE.  _|89 


bei    Cichorius^),    nach  dem  wir  auch  die  Abbildung  zusammen- 
setzten, in  zwei  Teile  gerissen. 

Hören  wir  die  genaue  Schilderung  dieses  Autors:  »Im  \"order- 
grunde  sitzen  zwei  verwundete  Römer  aut  felsigem  Boden,  links  ein 
Legionär  mit  Panzer,  aber  ohne  Helm,  der  sich  mit  der  rechten  Hand 
auf  den  Felsen  stützt,  während  ihn  ein  anderer  Legionär  mit  beiden 


Orig.-Ait/n.  nach  dem  Gipsahgu/s 

I^'g-  365.     Vase  aus  Elektron  (4.  Jahrh.  v.  Chr.),  Bandagierung. 

Armen  unter  die  Schultern  gefaĂźt  hat,  und  ein  dritter  Soldat,  der 
mit  bracae  tunica,  Zackenkoller,  forcale,  Helm  und  balteus  bekleidet 
ist,  seinen  linken  Arm  vorsichtig  an  der  Achsel  und  an  der  Hand 
hält.  Rechts  davon  sitzt,  nach  links  gewandt,  mit  vor  Schmerzen 
verzerrtem  Gesicht  ein  Auxiliar  in  der  ĂĽblichen  Uniform,  mit  der 
linken  Hand  stĂĽtzt  er  sich  auf  den  Felsen.  Das  rechte  Bein  ist 
gerade   ausgestreckt,   und    die    linke  groĂźe  Zehe  ist  nach  oben  ge- 

')  Conrad  ("ichorius,  Die  Reliefs  der Trajanssäule,  Berlin  1S96,  Tafelband  I,  30/31,  102/103. 


490 


HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG. 


krĂĽmmt;  der  rechte  Arm  und  die  linke  Hand  ruhen  auf  der  Schulter 
des  links  stehenden  Arztes.  Dieser  beugt  sich  nach  vorne  ĂĽber  den 
Verwundeten  und  wickelt  um  dessen  Bein  eine  Rolle,  die  er  mit 
der  rechten  Hand  umfaĂźt  und  nach  der  er  mit  der  linken  Hand 
unter  dem  Bein  des  \'erwundeten  weg  greift.  Der  Arzt  trägt  caligae 
bracae,  doppelte  tunica,  ein  ganz  kurzes,  vielgezacktes  Koller,  for- 
cale,  Helm  ohne  Nackenschild,  und  der  baltcus   mit  teilweise  zer- 


Orig.-Atifrt     nach  dein  Gipsabgu/s. 

Fig.  j66.     Mundoperation. 


störtem  kurzen  Schwert,  dessen  Knaut  am  rechten  Oberarm  sicht- 
bar ist.« 

Cichorius  sieht  in  der  Darstellung  einen  militärischen  \'erband- 
platz  hinter  der  Schlachtlinie;  dorthin  werden  die  Verwundeten 
zurĂĽcktransportiert.  Diesem  Autor  ist  es  schon  autgetallen,  daĂź 
der  Arzt  die  Leinwandrolle  ĂĽber  den  Hosen  anlegt,  statt  auf  der 
bloßen  Haut.    Die  Erklärung  liegt  wohl  in  dem  Wunsche,  die  starke 


MILITÄRISCHER  VERBANDPLATZ. 


491 


Blutung  möglichst  schnell  zu  stillen.  Der  verwundete  Legionär  ist 
ein  Nationalromer,  der  seinen  Schmerz  verbeißt,  während  der  pere- 
grine  Auxiliar  nicht  nur  ein  vor  Schmerz  verzerrtes  Gesicht  zeigt, 
sondern  auch  noch  durch  die  KrĂĽmmung  der  groĂźen  Zehe  Zeichen 
seines  Zusammenbruches  gibt.  Es  ist  behauptet  worden,  daĂź  die 
von  Dio  berichtete  Historie,  wonach  der  Kaiser  Trajan  seine  eigene 
Garderobe  als  Verbandzeug  hergegeben  habe,  hier  ein  plastisches 
Denkmal  gefunden  habe;  das  ist  aber  unwahrscheinlich,  weil  diese 


Fig.  367.     Aryballos  i.Peytel«. 

Szene   sich   in    der   ersten   Schlacht   (bei  Tapae)   gegen   die  Dakier 
ereignete. 

Solche  Szenen  mit  Hilteleistungen  während  des  Kampfes  linden 
wir  namentlich  auf  Sarkophagen.  Eine  besonders  glückliche  Lösung 
des  Abtragens  \'erwundeter  aus  dem  SchlachtgetĂĽmmel  finden  wir 
z.  B.  aut  einem  Sarkophag  des  Stambuler  Antikenmuseums.  Wenn 
wir  nun  nicht  ganz  leer  ausgehen  wollen  und  einige  antike  Schil- 
derungen der  vorzeitig  beliebten  Heilverfahren  vor  Augen  fĂĽhren 
wollen,  so  mĂĽssen  wir  uns  schon  wieder  an  die  Vasenbilder 
wenden.     Nachdem  wir   noch   einmal    einen  Blick  geworfen  haben 


492 


HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG. 


auf  das  interessante  Grabrelief  in  London  (s.  S.  461),  wo  wir 
sogar  so  weit  gehen  können,  von  einer  Untersuchung  durch 
einen  MagenspeziaHsten  zu  sprechen,  wenden  wir  uns  einigen 
Schilderungen  zu ,  welche  uns  in  die  Werkstatt  der  antiken  Chir- 
urgie fĂĽhren. 

Im  Jahre  1830  fand  man  bei  der  Ă–ffnung  eines  groĂźen  Grab- 
hügels, Kul-Oba  genannt,  in  der  Krim  einen  ungewöhnlich  reichen 
Schatz^),  der  sich  jetzt  in  der  Petersburger  Ermitage  befindet.  Uns 
interessiert  eine  kleine  V'ase  von  WeiĂźgold  (Elektron)  mit  einem 
Relief  aus  getriebener  Arbeit.  Diese  wahrscheinlich  aus  dem  4.  Jahr- 
hundert stammende  griechische  Arbeit  zeigt  uns  Gruppen  von  Skvthen 
im  Gespräch  oder  in  kriegerischer  Beschäftigung.  Das  eine  Paar 
stellt  nun  ^^'ohl  die  am  besten  erhaltene  Schilderung  eines  Ver- 
bandes dar;  sowohl  die  technische  Seite  der  Bandabnahme  oder 
Bandanlage  ist  eindrucksvoll  geschildert,  als  der  Schmerz  des  \'er- 
wundeten  vortrefflich  charakterisiert.  Bei  dem  anderen  Paare  sieht 
man  einen  iMann  in  der  Tracht  der  Skvthen,  wie  solche  jetzt  noch 
im  südlichen  Rußland  üblich  ist,  einem  anderen  in  den  geöffneten 
Mund  fassen;  auch  hier  ist  der  Untersuchte  mit  seiner  Besorgnis 
vor  Schmerz  drastisch  geschildert.  Ob  es  sich  darum  handelt, 
daĂź  ein  Zahn  gezogen  wird  oder  ob  hier  nur  eine  Untersuchung, 
vielleicht  einer  Verletzung,  geschildert  werden  sollte,  steht  dahin 
(s.  Fig.  j6)   u.  366). 

In  der  Fondation  Eugene  Piot  1896")  hat  E.  Pottier  eine  uns 
besonders  interessierende  \'ase  der  Privatsammlung  Pevtel  ab- 
gebildet und  beschrieben  und  gleichzeitig  weitere  acht  griechische 
Vasenbilder  zusammengestellt,  welche  durch  ihren  Inhalt  sich  als 
Szenen  der  Antikentherapie  kennzeichnen.  Weitaus  im  Vorder- 
grunde unseres  Interesses  steht  ein  Arvbailos,  welcher  nach  Pot- 
tiers  Auflassung  einen  Einblick  gewähren  soll  in  eine  griechische 


')  Antiquites  du  Bosphore  Cimmerien  Taf.  13  1—3;  ferner  Jean  Heitz,  Note  sur  un 
vase  grec  de  rErmitage  ou  sont  figurees  des  Operations  chirurgicales.  Nouvelle  Iconogr.  de 
la  Salp.   1901. 

-)  Fondation  Piot,  Monuments  et  ML'moires,  Paris  1906,  une  clinic]ue  grecque  au  Ve  siecle 
von  E.  Pottier. 


KRIEGSCHIRURGIE. 


493 


494 


HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG. 


Klinik  des  3.  Jahrhunderts;  Adolf  Kronfeld,  der  sich  gleichfalls 
mit  der  Studie  Pottiers  beschäftigt  hat,  sagt  mit  größerem  Recht 
»Poliklinik«.  Wir  folgen  hei  der  Betrachtung  dieser  interessanten 
Ă–l-  und  Parlumflasche  dem  Monumentalwerke,  dem  wir  auch  die 
Abbildung  entnommen  haben.  Die  beiden  Eroten,  welche  wie 
Schwimmer  dahinfliegen,  gehören  wohl  nicht  zur  Sache.  Beginnen  wir 
mit  der  leider  am  meisten  lädierten  Figur  des  jungen  Arztes,  welcher 
in  der  Mitte  des  Rundbildes  dasitzt,  leicht  gekleidet  in  ein  Himation; 
ein  rotes  Band  hält  seine  schwarzen  Haare  zusammen.  Die  Füße 
hat  er  unter  seinem  Lehnsitz  gekreuzt.  Pottier  nimmt  nun  an, 
daß  die  Handbewegung  des  Arztes  darauf  schließen  läßt,  als  wenn 
er  oberhalb  des  Handgelenks  dem  Klienten  ein  Band  umwickeln 
wolle.  Es  sei  allerdings  die  weiĂźe  Retusche  des  \'erhandes  ver- 
loren gegangen.  Aus  der  vorliegenden  Zeichnung  aber  scheint  mir 
das  ebensowenig  ersichtlich,  wie  aus  der  Photographie  der  ganzen 
Vase,  da  die  Haltung  des  linken  Armes  des  Arztes  eine  solche 
Einwicklung  unmöglich  macht.  Dann  würde  er  ja  den  eigenen 
Arm  mit  einwickeln.  Es  wäre  bei  dieser  Handstellung  nur  eine 
zirkuläre  Entwicklung  am  Oberarm  möglich.  Dagegen  spricht  die 
Daumenstellung  der  linken  Hand.  Unzweifelhaft  ist  der  Moment 
der  \"enaesectio  geschildert.  Vor  der  Gruppe  steht  ein  groĂźes 
Bronzegefäß,  welches  wir  schon  von  den  Bädern  her  kennen. 
Die  Stellung  des  nackten  Patienten,  welcher  sein  Himation  wie 
einen  Mantel  ĂĽber  die  linke  Schulter  geworten  hat,  drĂĽckt  aut 
der  einen  Seite  eine  gespannte  Erwartung,  aut  der  anderen  Seite 
ein  gewisses  ängstliches  Zurückweichen  aus.  An  seinem  linken 
Handgelenk  hängt  ein  rotgefärbtes  Armband,  welches  offenbar  eine 
Art  von  Amulett  vorstellt.  Hinter  diesem  Klienten  sitzt  nun  ein 
zweiter  mit  entblößtem  Oberkörper,  der  sich  mit  der  rechten  Hand 
auf  einen  langen  Stock  stĂĽtzt.  Die  linke  Hand  ruht  ausgestreckt  auf 
den  Knien.  In  der  Höhe  des  Biceps  ist  dieser  Arm  durch  ein  weißes 
Band  kreuzweise  verbunden.  Dieser  Klient  trägt  sein  rotes  Amulett- 
band am  linken  Beine.  Hinter  diesem  steht  wiederum  das  ziemlich 
zerstörte  Bild  eines  Mannes,    welcher  an  einer   roten  Blume  riecht. 


VASENBILDER  MIT  HEILSZENEX. 


495 


Aut  der  anderen  Seite  stĂĽtzt  sich  ein  Mann  mit  gekreuzten  Beinen 
auf  einen  Stock;  er  scheint  mit  dem  kleinen  difformen  Menschen, 
der  vor  ihm  steht,  im  Gespräch  zu  sein.  Der  große  Mann  zeigt 
ĂĽber  die  Brust  gekreuzt  die  Reste  einer  weiĂźen  Bandage.  Der 
kleine  Mann  zeichnet  sich  durch  seine  groteske  Häßlichkeit  aus 
und  erinnert  sotort  an  das  Aussehen  der  von  uns  charakterisierten 
Zwerge.  Im  Gegensatz  zu  dem  typischen  griechischen  Protil  zeigt 
er  eine  eingefallene  Stumplnase  und  die  für  diese  Köpfe  tvpische 
fliehende  Stirn.  Sein  massiver  Leib  ist  stark  behaart  und  seine 
Genitalien  inhbuliert.  Aut  dem  Rücken  trägt  er,  wie  Pottier  an- 
nimmt, einen  Hasen,  der  beinahe  so  groĂź  ist  wie  er  selbst,  das 
offenbare  Geschenk  tĂĽr  di::n  Arzt.  Zwischen  ihm  und  dem  antiken 
Kollegen  bewegt  sich  nun  noch  eine  Gestalt  mit  einer  gewissen 
^'orsicht  an  einem  Stock.  Um  das  linke  Bein  zieht  sich  kreuzweise 
gestellt  wieder  der  weiĂźe  \'erband.  Seine  blonden  Haare  sind  auch 
mit  einem  roten  Bändchen  verziert.  In  der  Umgebung  des  Arztes, 
oberhalb  seines  Koptes,  befinden  sich  nun  mehrere  Gegenstände, 
welche  wir  mit  Sicherheit  als  Schröpfköpfe  ansprechen  müssen.  Zur 
Erklärung  dieser  Szenerie  übergehend,  stellt  zunächst  der  erste  Be- 
schreiher  mit  HĂĽte  \on  Pozzi  fest,  daĂź  hier  natĂĽrlich  die  ange- 
legten Verbände  keine  A'erstauchungen  oder  Frakturen  signalisieren 
sollen,  sondern  es  sind  Aderlaßverbände.  Es  ist  ja  hinlänglich  be- 
kannt, daĂź  Hippokrates,  Galen,  Celsus  den  AderlaĂź  kannten  und 
ausĂĽbten.  Das  hohe  Alter  dieses  volksmedizinischen  Eingriff"es  geht 
schon  aus  der  Behauptung  des  Plinius  hervor,  diese  Technik  habe 
das  Nilpferd  der  Menschheit  gezeigt,  da  es  sich  gelegentlich  an 
scharten  Pflanzenblättern  selbst  zu  Ader  lasse.  Man  ließ  zwar  mit 
^'orliebe  am  Arm,  doch  auch  am  Fuß  in  der  Knöchelgegend  zur 
Ader.  Auch  die  Erklärung  Pozzis,  daß  der  Klient  mit  der  Brust- 
bandage off"enbar  blutig  geschröpft  sei,  erscheint  plausibel.  Das 
Alter  des  jugendlichen  Arztes,  im  Gegensatz  zu  den  BĂĽrgern  im 
richtigen  Mannesalter,  ist  Pottier  aufgefallen.  Er  erklärt  die  Jugend 
des  Operateurs,  indem  er  ihn  gewissermaĂźen  als  Assistenten  eines 
größeren  Arztes  hinstellt,    der   die   feste  Hand  der  Jugend  benutzt, 


496  HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG.  ® 

um  seine  Operationen  auszufĂĽhren.  Denn  nach  Celsus  mĂĽsse  der 
Chirurg  jugendHch  sein.  Den  grotesken  Zwerg  faĂźt  Pottier  als 
Sldaven  und  Bedienten  des  Arztes  auf,  dessen  Körperzustand  der 
Arzt  gewissermaßen  zu  Studien  benutzt  haben  könnte,  und  als 
Reklame  im  Sinne  des  Gegensatzes.  Doch  weist  auch  Pt)ttier 
ausdrücklich  auf  die  auch  von  uns  erwähnte  prophylaktische  und 
abwendende  Wirkung  grotesker  Zwerge  hin.  Hin  solcher  Sklave 
mußte  natürlich  ein  famoses  Aushängeschild  für  einen  Arzt  sein.    So 


(/'r/^'  -P/tot.  iiii  A'ttts.  iin/t.  litst.,  Athen. 

Fig.  369.     Krug  mit  Darstellung  von  Verletzungen. 

geistreich  auch  diese  Hypothese  ist,  so  wĂĽrde  man  schlieĂźlich  auch 
ohne  alle  andere  Erklärung  sich  über  die  Anwesenheit  einer  derartigen 
Figur  im  Sprechzimmer  eines  Arztes  nicht  wundern.  Vergleicht  man 
nun  diese  eingehende  Schilderung  des  französischen  Gelehrten  mit 
der  von  ihm  abgebildeten  Originalphotographie  des  Aryballos,  so 
drängt  einem  sich  ordentlich  die  Frage  auf,  wieso  der  Autor  die  so 
naheliegende  Auffassung  nicht  ausgesprochen  hat,  daĂź  der  Arzt 
gerade  im  Begriff  ist,  einen  AderlaĂź  auszulĂĽhren.  Alles  spricht 
doch  in  der  Haltung  des  Arztes  und  der  Klienten  fĂĽr  diese  Hand- 


VASENBILDER. 


497 


lung.  Die  Stellung  der  Hand  und  namentlich  des  linken  Daumens 
des  Arztes  zeigt  das  feste  Zugreifen.  Eine  FĂĽllung  der  Vene,  die 
allerdings  eine  Kompression  oberhalb  zur  Voraussetzung  hätte, 
scheint  sogar  auf  der  Photographie  des  Originalkruges  angedeutet. 
Was  fĂĽr  mich  aber  am  meisten  dafĂĽr  spricht,  das  ist  die  Stellung 
des  Klienten,  der  sich  etwas  tĂĽrchtct  und  scheinbar  von  dem  Arzt 


Ori^.-Phot.  des   Kais.   arch.   liist  .    Athen. 

Fig.  370.     RĂĽckseite  von  Figur  369. 

abstrebt;  dann  noch  zu  seinen  FĂĽĂźen  der  Louter  zum  Auttangen 
des  Blutes. 

Noch  ein  zweiter  Punkt  bedarf  der  Erklärung.  Wie  aus  der 
Photographie  ersichtlich  ist,  hängen  an  der  Wand  Schröpfköpte. 
Sollen  das  wirkliche  Schröpfköpfe  sein  oder  analog  dem  Messing- 
becken unserer  heutigen  Barbiere  ärztliche  Firmenschilder?  Für  das 
erstere  spricht  die  Mehrzahl  der  Instrumente,  tĂĽr  das  letztere  ihre 
un verhältnismäßige  Größe. 

Derselbe  Autor  bespricht  nun  noch  einen  größeren  Krater  des 
Athenischen  Nationalmuseums,   den   er  wegen  der  \"erbände,  welche 

Holländer,   Plastik  und  Medizin.  3- 


498  HYGIENE  UND  HEILHANDLUNG.  ^ 

mehrere  der  Personen  tragen,  dieser  Gruppe  zuzählt.  Ich  habe 
diesen  Krug  zusammen  mit  dem  Ephoren  Stais  genau  untersucht, 
kann  aber  nicht  zu  demselben  Resultate  wie  Potticr  kommen. 
Zunächst  ist  die  Zeichnung  und  die  ganze  Aufmachung  dieser  Ke- 
ramik eine  recht  flĂĽchtige  und  minderwertige.  Die  Figuren  sind 
skizzenhaft  behandelt,  und  alles,  was  man  sagen  kann,  ist,  daĂź 
hier  zwei  Personen  Bandagen  am  Kopfe  haben,  eine  gleichzeitig 
noch  an  der  groĂźen  Zehe,  die  der  unglĂĽckliche  Besitzer  derselben 
mit  schmerzhafter  Gebärde  hochzieht.  Außerdem  aber  befindet  sich 
noch  eine  flĂĽchtig  hingeworfene  Figur  auf  der  \'ase,  die  sich  mit 
der  linken  Hand  unter  die  rechte  Achsel  faĂźt  und  dabei  diesen  Arm 
in  einer  Stellung  hält,  als  wenn  er  verstaucht  oder  luxiert  wäre. 
Immerhin  ist  die  Vermutung,  daĂź  es  sich  um  leichtere  Verletzungen 
handeln  möge,  wie  solche  bei  athletischen  Kämpfen  häufig  vor- 
kommen,  nicht   von    der  Hand  zu  weisen:    um  eine  Heilhandlung 


o 


handelt  es  sich  aber  nicht;  die  ĂĽbrigen  vorkommenden  Figuren 
scheinen  doch  darauf  hinzuweisen,  daĂź  hier  eine  groteske  Szene  aus 
einer  Komödie  gezeigt  werden  sollte. 

Die  anderen  \on  Pottier  erwähnten  acht  Vasenbilder  (s.  1.  c.) 
haben  folgenden  Inhalt: 

1.  Sthenelos  verbindet  die  Hand  des  Diomedes.  Griechische 
Vase  aus  der  Kollektion  Hope.  Schwarze  Figuren  des  6.  Jahr- 
hunderts; s.  Reinach,  Repertoire  des  Vases  I,  p.  82.  Saglio  Dict. 
des  Antiq.  Fig.  1399. 

2.  Die  Schale  des  Sosias,  Achilles  verbindet  den  Arm  des  Pa- 
troklos;  Abbildung  s.  Holländer,  Medizin  in  der  kl.  Malerei 
S.  173. 

3.  Der  verwundete  Telephos;  s.  Smith,  Catalogue  of  the  greek 
and  etrusk.  Vases  in  the  British  Museum  III,  p.  247,  E  382. 

4.  Krieger  verbinden  ihre  Wunden,  Florentiner  \'ase.  Nach- 
ahmungen des  Gegenstandes  von  der  ficoronischen  Cista.  F.  Behn, 
Die  ficoronische  Cista,  Leipzig   1907,  p.  26,  pl.  II. 

5.  Machaon  verbindet  das  Bein  des  Philoktetes,  etruskischer 
Spiegel  in  Bologna.     Gerhard,  Etrusk.  Spiegel  pl.  394. 


VASENBILDER. 


499 


6.  Verwundeter  Krieger  wird  am  Bein  verbunden.  Gesclinittener 
Stein.     Saglio  Dict.  Fig.  1410. 

7.  Militärärzte  verbinden  Verwundete.  Basrelief  von  der  Trajan- 
säule,  s.  Saglio  Dict.  Fig.  4891  und  Fröhner,  Col.  Trajane  pl.  6-^, 
s.  uns.  Abbildung  Fig.  364. 

8.  Die  Brust  des  toten  Patroklos  ist  verbunden.  Die  Bandage 
unterstĂĽtzt  durch  zwei  Tragriemen.  Freske  von  einem  etruskischen 
Grabe  zu  Vulci.     Martha  l'Art.  etrusque  p.  393,  Fig.  269. 


Fig.  371- 


PATRONE. 

DIE  GROSSEN  KRANKENHEILER  UND  DIE  HEILPATRONE. 

ntcr  Berufung  auf  die  Autorschaft  von  Adolf  Harnack') 
zeigten  wir,  daĂź  im  Beginn  die  neue  Lehre  einen  wesent- 
lichen therapeutischen  Einschlag  aufwies.  Jesus  trat 
in  erster  Linie  als  Heiland  auf,  in  seinem  Namen  fanden  Hei- 
lungen  statt. 

Wir  zeigten  terner,  daĂź  im  dritten  und  vierten  nachchristlichen 
Jahrhundert  dem  Asklepioskult  eine  noch  ungeschwächte  Kraft  inne- 
wohnte, und  daĂź  auch  die  Tempel  des  Sarapis  imd  der  Isis  mit 
Heilsuchenden  getĂĽllt  waren.  Diese  HeiligtĂĽmer  der  alexandrini- 
schen  Gottheiten,  z.  B.  das  Serapeum  von  Kanopus,  erfreuten 
sich  in  der  Kaiserzeit  nicht  nur  des  Besuches  von  Heiden,  sondern 
auch  von  Christgläubigen  und  Juden  (s.  Petrus  der  Iberer  und 
Sophronius).  Der  Kaiser  Julian  gehörte  noch  zu  den  überzeug- 
testen Verehrern  des  Aesculapius.  Des  Kaisers  Zeitgenosse  und 
Freund,  der  Rhetor  Libanius,  war  derartig  von  den  Traumorakeln 
des  Gottes  ĂĽberzeugt  und  von  seinen  Erfolgen  befriedigt,  daĂź  er 
sogar  seinen  Bruder,  als  er  selbst  nicht  reisefähig  war,  beauftragte, 
fĂĽr  ihn  im  Tempel  zu  schlafen.  Ein  anderer  Zeitgenosse  Kaiser 
Julians,  der  Rhetor  Acacius,  sah  in  der  Zerstörung  des  Tempels 
des  Heilgottes  eine  der  schwersten  Schädigungen  der  religiösen 
Interessen  der  Altgläubigen ;  er  freut  sich ,  daß  wenigstens  einige 
dieser  Tempel  von   der  WTit  der  Zerstörer  verschont  blieben.     Die 


')  Adolf  Harnaclc,  Medizinisches  aus  der  ältesten  Kirchengeschichte;  ferner  Dr.  RudoK 
Pfleiderer,  Die  Attribute  der  Heiligen,  Ulm  1S9S.  Die  Anfänge  des  Heiligenkults  in  der 
christlichen  Kirche  von  Ernst  Lucius,  1904,  TĂĽbingen.  Die  Patronate  der  Heiligen  von 
Dietrich  H,  Keller,  Ulm  1905.  J.  E.  Wessely,  Iconographie  Gottes  und  der  Heiligen, 
Leipzig  1874. 


KOSMAS  UND  DAMIAN.  50I 


neuplatonischen  Philosophen  waren  im  3.  Jahrhundert  noch  die 
eifrigsten  Verehrer  des  letzten  Olympiers. 

Diesem  ausgedehnten  Kult  der  Heilgötter  gegenüber  war  es  für 
die  neue  Kirche  ein  aussichtsloses  Unternehmen,  den  Glauben  an 
das  Vorhandensein  höherer  Mächte,  welche  Kranken  Heilmittel 
offenbarten,  einfach  zu  nehmen;  in  kluger  Berechnung  begnĂĽgte 
man  sich  damit,  die  bisherigen  Heilgötter  durch  christliche  Märtyrer 
zu  ersetzen.  »Mit  der  größten  Leichtigkeit«,  sagt  Lucius,  »hat  sich 
daher  auf  dem  Wege  des  ĂĽbernatĂĽrlichen  Heilwesens  der  Ăśbergang 
von  der  alten  zur  neuen  Religion  vollzogen.«  In  den  Heilungs- 
geschichten des  6.  Jahrhunderts  sieht  derselbe  xA.utor  eine  lehrreiche 
Ăśbereinstimmung  mit  den  Lmiata  des  klassischen  Altertums.  Kranke, 
die  bisher  vergeblich  bei  Ärzten  Genesung  suchten,  schliefen  in  den 
Kirchen,  wo  ihnen  der  Heilmärtyrer  erscheint  und  ihnen  meist 
irgendeine  Kur  verordnet,  gelegentlich  aber  sich  auch  veranlaĂźt  sieht, 
selbst  Hand  anzulegen.  Die  Zahl  der  Märtyrer,  auf  welche  die 
Tradition  der  antiken  Heilgötter  überging,  ist  eine  bedeutende. 

Besonders  klar  liegt  z.  B.  diese  Umwandlung  bei  der  hl.  Agatha 
(iMartvrium  232  p.  Chr.).  Sie  wurde  gemartert  und  ihre  BrĂĽste 
abgeschnitten,  weil  sie  sich  angeblich  der  Begehrlichkeit  des  Gou- 
verneurs Quintian  widersetzte.  Begraben  liegt  sie  nämlich  in  Catania, 
einem  Platze,  wo  schon  seit  alters  der  Dea  bona  groĂźe  BrĂĽste  ge- 
opfert wurden,  als  der  Spenderin  des  warmen  Regens. 


KOSMAS  UND  DAMIAN. 

Einen  Ruf,  der  die  Grenzen  eines  Lokalkultus  ĂĽberschritt, 
machten  sich  nur  wenige  Märtyrer,  unter  ihnen  an  erster  Stelle  das 
BrĂĽderpaar  Kosmas  und  Damian').  Hs  ist  fĂĽr  uns  gleichgĂĽltig, 
ob  diese  Märtyrer  den  Asklepios  beerbten  oder  ob,  wie  Deubner 
das  annimmt,  sie  die  Heiltätigkeit  eines  anderen  klassischen  Brüder- 
paares der  göttlichen  Dioskuren  fortsetzten').    Der  Grund  der  Vor- 

'}  Kosmas  und  Damian  von  Ludwig  Deubner,  Leipzig  und  Berlin   1907. 
2)  Der  Heilige  aber,    der  selbst  den  Xamen  des  Asklepios   erbte,    Saint  Asciepe,  Bischof 
von  Limoges  (VIU.  Jahrh.)  wurde  frĂĽher  noch  gegen  Blutung  angerufen,  ist  aber  ganz  vergessen. 


302  DIE  INKUBATIONSHEILIGEN. 


Herrschaft  dieser  Araber  liegt  wohl  in  der  Tatsache,  daĂź  sie  ihr 
Glück  durch  einen  hohen  Klienten  machten.  Als  nämlich  der  Kaiser 
Justinian  so  schwer  erkrankt  war,  daß  er  von  den  Ärzten  bereits 
aufgegeben  war,  erschienen  ihm  die  Heiligen  und  retteten  ihn  auf 
wunderbare  Weise.  Ein  Kaiser  aber,  dessen  Person  im  Mittelpunkte 
der  damaligen  Welt  stand,  war  schon  in  der  Lage,  einem  Kulte 
eine  außergewöhnliche  Bedeutung  zu  geben.  Nicht  nur  in  der 
Reichshauptstadt  erstanden  Kirchen,  nicht  nur  hier  wuchs  ihr  Ruf; 
sie  kurierten  nach  dem  alten  Rezepte;  unter  verschiedenen  Gestalten 
erschienen  sie;  in  beinahe  allen  Fällen  verordneten  sie  sonderbare, 
selbst  widersinnige  Kuren,  sie  heilten  auch  durch  Handauflegung. 
Aus  Dankbarkeit  hat  ĂĽbrigens  der  Kaiser  Justinian  nicht  nur  den 
beiden  Heiligen  Kirchen  bauen  lassen,  sondern  die  Stadt  Kyrrhos 
in  Nordsvrien,  in  der  diese  arabischen  Ärzte  ano-eblich  beoraben 
waren,  befestigt,  mit  herrlichen  Bauten  geschmĂĽckt  und  ihr  eine 
Wasserleitung  gegeben. 

Über  die  Herkunft  der  Brüder,  welche  die  Patrone  der  Ärzte 
wurden,  schwebt  ein  völliges  Dunkel.  Doch  nicht  nur  Dunkelheit, 
sondern  greulicheVervvirrung,  da  die  griechische  Kirche  drei  Heiligen- 
paare des  gleichen  Namens  kennt;  eines  stammt  aus  Asien,  ein 
zweites  Paar  aus  Rom,  ein  drittes  aus  Arabien.  Ihr  Fest  fällt  am 
I.November,  am  i.  Juli  und  am  17.  Oktober.  Nach  Deubner 
ist  es  kein  Zweifel ,  daß  die  Asiaten  das  älteste  und  bedeutendste 
Brüderpaar  sind.  Der  »Verfertiger«  ihres  Lebens  weiß  ihm  indi- 
viduelle Schattierungen  zu  geben ;  sie  werden  nach  Anerkennung 
des  Christentums  als  Staatsreligion  geboren.  Ihre  Mutter  Theodote 
ist  eine  fromme  Frau  und  unterweist  die  Söhne  in  der  Heiligen 
Schrift,  aber  der  Heilige  Geist  verleiht  ihnen  die  ärztliche  Kunst,  sie 
heilen  umsonst  Menschen  und  Tiere.  Unter  den  geheilten  Kranken 
befand  sich  eine  Frau  namens  Palladia;  diese  bestĂĽrmte  unter  furcht- 
baren SchwĂĽren  den  hl.  Damian,  daĂź  er  wenigstens  drei  Eier  als 
Lohn  für  seine  ärztliche  Tätigkeit  annehme.  Damian  gibt  nach, 
erregt  aber  dadurch  den  heftigsten  Unwillen  des  Bruders,  der  im 
Todesfalle  sogar  getrennt  von  Damian  bestattet  zu  werden  verlangt. 


KOSMAS  UND  DAMIAN.  503 


Gott  ändert  im  Traum  den  Sinn  des  Kosmas,  aber  die  Heiligen 
sterben,  ohne  daß  Kosmas  seine  Sinnesänderung  kundgibt.  Als 
nun  groĂźe  Ratlosigkeit  unter  dem  versammelten  Volke  herrscht,  er- 
scheint ein  von  Kosmas  geheiltes  Kamel  und  berichtet  mit  mensch- 
licher Stimme,  daĂź  der  Herr  die  Heiligen  beieinander  zu  bestatten 
befehle.  Dies  geschieht  auch,  und  ihre  Gräber  bewähren  sich  als- 
bald durch  die  Fortsetzung  von  Wundertaten. 

Nach  Deubner  ist  dieses  alles  reine  Erfindung,  einzig  real 
vielleicht  der  Name  des  Begräbnisortes  Pelusion,  denn  diese  ägyp- 
tische Stadt  rechnen  die  Griechen  noch  zu  Asien.  »Was  sie  aber 
als  lebensfähig  hatten,  das  wurde  ihnen  als  Erbteil  der  Söhne  des 
Zeus.«  Auf  eine  volle  Anerkennung  als  anargyroi,  d.  h.  Gratis- 
heiler, durften  sie  jedoch,  namentlich  in  Rom,  nur  rechnen,  wenn 
die  Märtyrerkrone  noch  als  Nimbus  ihr  Haupt  verherrlichte.  Der 
ruhige  Tod  der  Asiaten  genĂĽgte  nicht,  und  so  kam  noch  das  so- 
genannte römische  Martyrium  hinzu.  Die  Heiligen  werden  beim 
Kaiser  Carinus  oder  auch  Maximian  verleumdet,  vor  ihn  gefĂĽhrt 
und  mit  Foltern  bedroht;  sie  drehen  ihm  aber  durch  ihr  Wort  den 
Kopf  nach  hinten  herum,  der  Kaiser  wird  von  ihnen  sodann  gerettet 
und  bekehrt.  Trotzdem  aber  werden  sie  auf  einen  Berg  gefĂĽhrt 
und  durch  Stein  würfe  getötet.  Das  sogenannte  arabische  Mar- 
tvrium  ist  ein  nach  dem  ĂĽblichen  Schema  angefertigtes  Elaborat 
und  soll  in  Anlehnung  an  die  Legende  des  h.  Zenobius  und  der 
h.  Zenobia  entstanden  sein.  Die  Heiligen  blieben  inmitten  des  Scheiter- 
haufens unversehrt,  das  Feuer  wurde  vom  Winde  weggeblasen  und 
verbrannte  einige  der  Umstehenden.  Auch  die  Tortur  ĂĽberstanden 
sie  ohne  irgendwelchen  Gliederbruch,  dann  wurden  sie  an  das  Kreuz 
senaeelt  und  gesteinigt,  doch  die  Steine  flogen  ebenso  wie  die 
Pfeile  auf  diejenigen  zurĂĽck,  welche  sie  geschleudert  hatten;  schlieĂź- 
lich wurden  sie  geköpft.  Ihr  Martyrium  ist  übrigens  in  einer  Bilder- 
serie in  der  Florentiner  Galerie  von  Pesellino  gemalt.  Von  den 
vielen  Wundertaten,  die  sie  verrichteten,  machte  sie  folgende  zu 
Patronen    der  Chirurgen').     Ein   Mann,    welcher   Krebs    am   Beine 

')  S.  bei  Du  Broc  de  Segange,  vgl.  S.  515. 


5^4 


PATRONE. 


Phot.   Alittari.     Florenz,  ^lediceerK-af>eUt\ 

Fig.  372.     Der  h.  Kosmas  von  Montorsoli. 


hatte,  ging  in  ihre  Kirche  zu  Rom  und  betete;  er  schhef  auch  bald 
ein,  und  die  Heihgen  er.schienen  ihm.    Der  eine  hiek  in  der  Hand 


KOSMAS  UND  DAMIAN. 


505 


Fig. 


Phot.  Alinari.     Florenz,  Hh-iiuYtil-ctj^t-iir. 

Der  h.  Damian  von  Raffaello  da  Montelupo. 


eine  Salbenbüchsc,  der  andere  ein  Messer.  »Auf  welche  Weise  ver- 
fahren wir,«  sagte  der  h.  Kosmas,  »um  das  Bein  zu  ersetzen, 
wenn   wir  es  abgeschnitten  haben?«    »Man  bringt  soeben   zum  Be- 


3o6 


PATRONE. 


gräbnis  einen  Mauren  nach  St.  Peter,«  antwortete  Damian,  »nehmen 
wir  sein  Bein,  es  wird  dieses  hier  ersetzen.«  Wie  gesagt  geschah, 
und  bei  seinem  Erwachen  war  der  Kranke  geheik,  nur  hatte  er  ein 
schwarzes  Bein.  Er  erzählte  seinen  gehabten  Traum,  man  hef  eihgst 
zum  Grabe  des  Mauren,  und  da  dieser  ein  weiĂźes  Bein  hatte,  so 
war  die  Intervention  der  HeiHgen  zweifelsohne  sichergestellt.  Diese 
Szene  ist  mehrfach,  namentlich  von  den  alten  Holländern  so  rea- 
listisch geschildert,  als  wenn  eine  moderne  chirurgische  Trans- 
plantation ausgeführt  worden  wäre. 

Ihre  berĂĽhmteste  Kirche  wurde  ihnen  am  Forum  Romanum, 
angeblich  auf  den  TrĂĽmmern  des  Tempels  von  Romulus  und 
Remus,  nach  anderen  aut  dem  der  Dioskuren,  im  Anfange  des 
6.  Jahrhunderts  vom  Papste  Felix  geweiht.  Das  BrĂĽderpaar  war 
schon  vor  der  Wiedereroberung  Italiens  durch  Justinian  aus  dem 
Orient  eingefĂĽhrt.  Bereits  um  400  gab  es  eine  ihnen  geweihte 
Kapelle  bei  Aleppo;  ein  Ritterorden  zu  Ehren  der  Heiligen  wurde 
in  Palästina  gestiftet.  Schon  im  6.  Jahrhundert  wird  eine  Kirche 
ihres  Namens  in  Jerusalem  erwähnt,  eine  solche  besaß  schon  im 
3.  Jahrhundert  Kyrrhos,  welche  Stadt,  wie  wir  bereits  erwähnten, 
den  Anspruch  erhob,  die  Gebeine  der  Heiligen  zu  besitzen. 

Betrachten  wir  die  Embleme  dieser  Ärztepatronc.  Als  nicht  miß- 
zuverstehendes Attribut  erwähnt  Pfleiderer  den  Schlangenstab  des 
Kosmas;  meist  werden  sie  dargestellt  jugendlich,  bartlos,  in  langer 
Robe  mit  Pelzbesatz  und  Mütze,  in  der  Hand  ein  Arzneigefäß,  Urin- 
glas oder  Pflasterspatel,  seltener  andere  chirurgische  Instrumente.  Als 
Ortspatronate  bezeichnet  Kerler:  Böhmen,  Essen,  Florenz,  Goslar, 
Prag,  Salamanca,  Zürich.  Sie  sind  die  Patrone  der  Apotheker,  Ärzte, 
Ammen,  Bandagisten,  Barbiere,  Bruchärzte,  Chirurgen,  Drogisten, 
Friseure,  Krämer,  Wachszieher,  Zuckerbäcker  und  Schacherer. 

Größere  monumentale  Statuen  der  Brüder  von  künstlerischem 
Wert  sind  sehr  selten.  Als  Schutzheilige  der  Mediceer  befinden 
sie  sich  in  deren  berĂĽhmter  Florentiner  Kapelle,  wie  diese  ja  auch 
Florentiner  MĂĽnzen  mit  ihnen  schmĂĽckten. 

Dort  neben  den  gigantischen  Schöpfungen  des  Michelangelo  in 


KOSMAS  UND  DAMIAN. 


507 


der  Sas;restia  nuova,  neben  einer  unvollendeten  Madonna  des  Meisters 
steht  Damianus  von  Raftaello  da  Montelupo  und  Kosmas  von  der 


Phot.  Allnari. 

tig-  374-     Mosaikljilder  des  Kosmas  und  Damian  in  der  nach  ihnen  yen.  Kirche  zu  Rom 

(6.  Jahrh.). 


Hand  des  Mitarbeiters  Michelangelos  an  der  Figur  Giulianos  Fra 
Giov.  Angiolo  da  Montorsoli.  Sie  waren  als  Schmuck  des  Grabmals 
Lorenzo  il  Magnifico    ursprĂĽnglich   bestimmt  (s.  Fig.  372  u.  373). 


5o8 


PATRONE. 


Die  Statuen  in  der  Alediceergruft  geben  ein  ZwillingsbrĂĽderpaar 
von  groĂźer  WĂĽrde,  aber  ohne  besondere  Charakteristik.  Sonst 
wird  noch  ihr  Martyrium  geschildert,  oder  wie  sie  Kranke  unent- 
geltlich   kurieren.      Ich    erinnere    an    die    Gemälde    im    Städelschen 


Fig-  375-     Italien.    Renaissance.    Der  h.  Kosmas. 


Institut  von  Roger  van  der  Weyden,  von  Carreno  de  Aliranda  in 
der  Eremitage  zu  Petersburg  oder  an  die  Florentiner  Bilder  von 
Lorenzo  und  Pesellino,  als  Begleiter  der  Madonna  von  Robusti 
in  Venedig,  ferner  an  das  Votivbild  von  13 12  mit  Bezug  auf  die 
Pest  von  Venedig  von   der  Meisterhand  Tizians. 


§§  DER  H.  ANTONIUS  VON  PADUA.  509 

Aus  dem  \'crglcich  dieser  verschiedenen  \"ersuche,  Persönlich- 
keiten zu  prägen,  erkennen  wir  das  künstlerische  Fiasko  dieser 
Nachfolger  der  Dioskuren.  Betrachten  wir  ihre  ersten  Darstellungen, 
so  erkennt  man  schon  die  Verlegenheit  der  KĂĽnstler,  aus  der  Legende 
der  verschiedenen  BrĂĽder  etwas  Einheitliches  zu  schaffen.  Man 
benutzte  ihre  arabisch-asiatische  Herkunft  und  gab  ihnen  ein  orien- 
talisches Gepräge.  So  finden  wir  sie  dargestellt  auf  einem  musivi- 
schen  Bilde  in  ihrer  ersten  römischen  Kirche  neben  dem  Kirchen- 
stifter, dem  Papst  Felix.  Von  unschöner  Gestalt,  schwarzbärti^, 
großäugig  (s.  Fig.  374). 

Die  spätere  Malerei  aber  verläßt  diesen  Typus  und  stellt  sie 
jugendlich  dar.  Aus  den  oben  genannten  Stätten  ihres  Kultes 
stammen  die  versprengten  gotischen  Figuren,  welche  die  Heiligen 
darstellen.  Eine  solche  verdanke  ich  der  gĂĽtigen  Ăśberweisung  des 
Kollegen  Daniels  in  Amsterdam;  der  Besitzer  ist  Professor  Dr.  Lanz; 
wir  haben  eine  italienische  Plastik  um  1300  vor  uns.  Ob  hier  einer 
der  BrĂĽder  zur  Vorstellung  kommen  sollte  oder  vielmehr  nur  ein 
Arzt  überhaupt,  läßt  sich  schon  deshalb  nicht  entscheiden,  weil, 
ähnlich  wie  zur  römischen  Kaiserzeit,  bei  den  Ärzten  die  Neieune 
bestand,  sich  unter  dem  Bilde  und  in  der  Stellung  der  Patrone  ab- 
bilden zu  lassen. 


DER  HEILIGE  ANTONIUS  VON  PADUA. 

Der  Wundertat  der  »Transplantation«  steht  die  »Autoplastik« 
des  Paduaner  Stadtheiligen  gegenüber;  der  häufigen  Darstellung  des 
Wiederansetzens  eines  abgeschnittenen  Beines  (s.  Fig.  376  u.  377) 
liegt  folgende  Legende  zugrunde.  Ein  JĂĽngling  hatte  sich  beim 
Heiligen  selbst  angegeben ,  seiner  Mutter  einen  FuĂźtritt  versetzt 
zu  haben.  Der  Heilige  bedeutete  dem  Manne,  daĂź  ein  Kind,  das 
seine  Mutter  getreten  habe,  verdiente,  daĂź  man  ihm  den  FuĂź  ab- 
schneide. Der  BĂĽĂźer  ging  nach  Hause  und  schnitt  sich  in  seiner 
tiefen  Reue  den  FuĂź  ab.  Dem  benachrichtigten  Heiligen  aber  ge- 
lang  es,   unter   Gebeten   Bein    und   FuĂź   wieder   zusammenzufĂĽgen 


510 


PATRONE. 


und  den  JĂĽngling  zu  heilen.  Aut  dem  bekannteren  Hochrelief  des 
Tullio  Lombardo  in  der  Basihka  di  S.  Antonio  in  Padua  ist  die 
leidenschaftliche  Erregung  der  umstehenden  Zuschauer  und  nament- 


Orig.- All/n.      Berlin,   Histor.   Sainntluiig  hii  Kaiserin-Friedyich-Haus, 

Fig.  376.     Das  Wunder  des  h.  Antonius,     Tirol.  Holzskulptur. 


lieh  der  Mutter  kraftvoller  zum  Ausdruck  gekommen ,  als  das 
Wunder  selbst.  Ähnliche  asklepiadische  Heiltat  vollbrachte  der 
h.  Eligius,  wie  wir  sehen  werden,  beim  Pferde. 


ANTONIUSVVUNDER. 


511 


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-3 
5 


5  I  2  PATRONE. 


ZENO  UND  ZENOBIA. 

Dieses  Geschwisterpaar  zeigt  in  seiner  Legende  eine  auffallende 
Ăśbereinstimmung  mit  unseren  Heilpatronen  Kosmas  und  Damian, 
aber  trotz  ihrer  Bedeutung  konnten  sie  in  der  orientalischen  Kirche 
doch  nicht  gegen  das  BrĂĽderpaar  aufkommen. 


CYRUS  UND  JOHANNES. 

Cilücklicher  in  diesem  Wettstreite  war  das  Märtvrerpaar  Cvrus 
und  Johannes,  die  Heiligen  von  Menuthis.  Der  spätere 
Patriarch  von  Jerusalem  Sophronius  hat  aus  der  Unzahl  der 
Wunderheilungen  dieser  Heiligen  angeblich  nur  die  ausgewählt, 
die  er  selbst  erlebt  oder  die  er  durch  Augenzeugen  erfuhr;  ihn 
leitete  hei  seiner  Heiligengeschichte  die  Dankbarkeit,  weil  er  durch 
sie  von  schwerem  Augenleiden  befreit  wurde.  Die  Beschreibung, 
die  wir  durch  Vermittlung  von  Ernst  Lucius  von  dem  Tempel- 
leben in  Menuthis  zu  Beginn  des  7.  Jahrhunderts  erhalten,  ent- 
spricht im  groĂźen  und  im  kleinen  dem,  was  wir  von  den  antiken 
Heilstätten  des  Äskulap  erfuhren.  \\'ie  dies  von  Lucius  historisch 
belegt  wird,  sind  wir  aber  diesmal  nicht  auf  geistvolle  Hypothesen 
gestellt  bezĂĽglich  der  Herkunft  und  der  Wesensart  der  Heiligen, 
sondern  die  Sachlage  ist  durchsichtig;  in  Menuthis  existierte  ein 
alter  Kult  der  Lsis,  welche  hier  in  unmittelbarer  Nähe  des  Sera- 
peums  von  Kanopus  eine  groĂźe  Anziehungskraft  als  Heilerin  aus- 
ĂĽbte. Die  neue  Kirche  war  sich  klar,  daĂź  es  sich  hier  nur  um  eine 
Personenfrage  handeln  konnte.  Zunächst  hatte  man  zu  Ende  des 
4.  Jahrhunderts  dem  heidnischen  Heiligtume  eine  Kirche  gegenĂĽber- 
gestellt, doch  erst  der  Bischof  Cyrill  erkannte,  daĂź  die  alte  Wunder- 
täterin nur  durch  einen  christlichen  Konkurrenten  gebrochen  werden 
könne,  und  aus  diesem  Grunde  brachte  er  die  angeblichen  Reliquien 
aus  einem  Massengrabe  bei  der  Markuskirche  nach  Menuthis  und 
präparierte  ihre  Legende,  nach  der  Cvrus  bereits  bei   Lebzeiten  ein 


MARTYRERKULT. 


513 


Arzt  gewesen  sei.  Schnell  erwarben  die  Reliquien  sich  durch  Wunder- 
taten das  Vertrauen  der  Christen,  später  auch  der  Heiden,  und  der 
Tempel  der  Isis  stand  leer. 


MARTYRERKULT. 

Zum  \'erständnis  des  Alärtyrerkultes  und  seines  Zusammenhanges 
mit  der  Antike  erinnern  wir  an  die  Opferung  von  Speise  und 
Trank  an  ihren  Gräbern,  und  an  die  bei  denselben  veranstalteten 
Mahlzeiten.  Die  heidnische  Sitte  der  Weihgeschenke  wurde  natĂĽr- 
lich auch  übernommen,  man  brachte  den  Märtyrern  Geld  und  Gut 
und  legte  aut  den  Gräbern  gemünztes  Geld  und  wertvolle  Gegen- 
stände nieder.  Tieropter  blieben  dieselben,  Ochsen  und  tette 
Schweine  wurden  geopfert.  Dabei  kamen  bedeutsame  Wunder  vor. 
Hin  fettes  Schwein  war  vom  Besitzer  zurĂĽckgelassen,  es  lief  allein 
zur  Opferstätte ;  eine  dem  Heiligen  gelobte  Kuh  findet  von  selbst 
den  Weg  und  bietet  sich  den  Armen  zur  Nahrung  an.  DaĂź  auch 
die  körperlichen  Weihgeschenke  die  Märtyrerbasiliken  füllten,  haben 
wir  früher  bereits  erwähnt;  sie  zierten  oft  zu  vielen  Tausenden  die 
Wände  der  Tempel,  sie  waren  aus  Gold  und  Silber,  doch  auch 
Ott  aus  Ton,  denn  die  Märtvrer  nahmen  auch  geringwertige  Gegen- 
stände gerne  an  als  Ausdruck  der  Dankbarkeit;  und  auch  darin 
zeigt  sich  die  Gleichheit  menschlicher  Dankesbetätigung,  daß  hier 
und  dort  dem  Asklepios  und  den  Märtvrern  geistige  Werke  von 
dankbaren  GemĂĽtern  gestiltet  wurden.  Wie  Aristarchus  aus  Tegea 
als  Dank  tür  seine  Genesung  das  Drama  »Asklepios«  verfaßte,  so 
haben  christliche  Dichter  Dankeslieder  zum  Jahresfeste  ihres  Heiligen 
verfaĂźt.  Als  Gegenleistungen  figurieren  dann  die  Wundertaten,  die 
sie  ihren  Verehrern  erwiesen.  Solche  \Wmder  ereigneten  sich  zahl- 
los, manchmal  sofort,  manchmal  aber  erst  längere  Zeit  später, 
nachdem  die  Kranken  dem  Bereiche  und  der  Machtsphäre  einer 
Reliquie  genähert  wurden;  besonders  schnell  ging  es  mit  den  Be- 
sessenen ;  wie  eine  brennende  Flamme  dringt  die  \Winderkraft  auf 
den  Dämon  ein,  ihm  derartige  Qualen  bereitend,  daß  er  sich  nicht 

Holländer,  Plastik  und  Medizin.  33 


514 


PATRONE. 


länger  beherrschen  kann  und  schreit,  beut,  knirscht,  zischt.  Das 
Märtyrergrab  ist  der  Ort,  an  dem  die  Dämonen  brüllen.  Lucius 
entnimmt  den  Schilderungen  eines  Hilarius,  eines  Augustin,  Pau- 
linus  u.  a.  das  Benehmen  der  Besessenen  in  der  Kirche.  Sie  laufen 
in  der  Kirche  umher,  umklammern  den  Altar,  schlagen  sich  mit 
eigenen  Händen,  drehen  den  Kopt  im  Kreise,  beugen  sich  rücklings 
mit  dem  Scheitel  bis  zur  Erde,  manchmal  auch  scheinen  sie  in  der 
Luft  zu  schweben.  Dieser  Bewegungstaumel  entsteht  durch  die 
Begier  des  gequälten  Dämons,  sich  vom  Kranken  zu  trennen. 
Schließlich  aber  findet  er  einen  Ausweg  aus  dem  Körper;  bald 
durch  den  Mund,  bald  durch  die  Augenhöhle  verläßt  der  Teufel 
den  Kranken,  aut  diesem  Ausweg  noch  ein  letztes  Mal  den  Kranken 
schädigend,  das  Auge  blendend  oder  den  Mund  mit  Blut  und  Liter 
füllend.  Die  Teufelsgeburt  förderte  das  Verschlucken  von  Staub 
von  den  heiligen  Gräbern  oder  von  Wasser  oder  Öl  aus  der  Um- 
gebung des  Grabes  (Handel  mit  solchen  Ă–lkrĂĽgen  und  Ă–lampullen 
[chrismaria],  die  oft  heilige  Personen  darstellten  [Menas-KrĂĽge]). 
Auch  die  ĂĽbrigen  Riten  entstammen  heidnischer  Praxis;  vorher- 
gegangenes Fasten,  Reinigungen  und  \or  allem  der  von  den 
Priestern  angeordnete  Tempelschlaf  gingen  dem  Exorzismus  voraus. 
Es  gab  Kranke,  die  monatelang  die  hikubation  fortsetzten.  Pau- 
linus  von  Nola  ist  von  dem  Gedanken  an  die  Märtyrer  so 
erfĂĽllt,  daĂź  er  vom  heiligen  Felix  auf  Schritt  und  Tritt  sich  zu 
Wasser  und  zu  Lande  beschĂĽtzt  fĂĽhlt;  ein  anderer  Rhetor 
Aristides!  Eine  neue  Note,  welche  allerdings  von  klassischer 
Lebensauffassung  sich  weltenweit  entfernte,  war  die  kultische  Ver- 
ehrung von  Gegenständen,  welche  die  heiligen  Märtyrer  besessen, 
getragen  oder  auch  nur  berĂĽhrt  hatten.  Die  Wunderkraft  derselben 
hatte  sich  eingesogen  in  die  TĂĽcher,  GewandstĂĽcke  und  die  Knochen, 
die  heilige  Kralt  drang  in  das  Öl  ein,  welches  in  der  Nähe  des 
Grabes  stand.  Ahm  schleppte  die  in  Reliquienkästchen  oder  Kapseln 
geborgenen  Reste  der  Heiligen  am  Körper  und  auf  Reisen  mit  sich 
herum;    es    braucht    nicht    erst   besonders    betont    zu  werden,    daĂź 


diese  die  wirksamsten  Amulette  waren,  die  die  damalige  Zeit  kannte. 


SPEZIALPATRONE.  5  I  5 


und  daĂź  die  ReliquienhĂĽllc  oft  an  Kostbarkeit  mit  der  Nichtigkeit 
des  Inlialtes  wetteiferte.  FĂĽgen  wir  noch  hinzu,  daĂź  die  Mysterien 
der  ahen  Zeit  übergingen  in  die  Märtyrerfeste,  so  haben  wir  den 
Ring  geschlossen,  besonders  wenn  wir  noch  bedenken,  daĂź  diese 
Veranstahungen  namenthch  zunächst  mehr  Volksfeste  waren  als 
rein  kirchliche. 

Wir  haben  uns  bei  unserem  kurzen  Hinweis  auf  die  Geschichte 
der  Heilmärtvrer  natürlich  nur  auf  einige  Beispiele  beziehen  können. 
Die  Lehre  der  Patrone  und  ihrer  Anrufung  bei  bestimmten  Krank- 
heiten ist  ein  Studium  fĂĽr  sich.  Wir  verweisen  Interessenten  auf 
das  Werk  von  Louis  du  Broc  de  Segange').  Da  gibt  es  Hei- 
ligenhilfe gegen  HalsabszeĂź,  Verbrennungen,  AlpdrĂĽcken,  Steine, 
Koliken,  Kinderkoliken,  Kinderkrämpfe,  Erysipel,  gegen  gelbes  Fieber, 
Hämorrhoiden,  Hernien,  Wassersucht,  Lepra,  gegen  Wunden  und 
GeschwĂĽlste  an  den  Beinen,  gegen  Skorbut,  Unfruchtbarkeit,  gegen 
Urinverhaltung  (Bischof  Benoit),  während  gegen  Inkontinenz  des 
Urines  der  hl.  Gervais  angerufen  wird,  gegen  Typhus  und  Husten. 
Allein  27  Patrone  sind  wirksam  gegen  eheliche  Sterilität;  gegen  die 
Pest  werden  mehrere  Dutzend  Heilige  aufgezählt,  während  man 
bei  Gicht  nur  die  Auswahl  unter  20  Heiligen  hat.  Schier  endlos 
ist  die  Liste  der  wirksamen  Heiligen  gegen  das  Fieber  und  die 
Liste  der  Patrone  bei  Schwangeren  und  solchen  in  Kindsnöten. 
Es  gibt  auch  zwei  Heilige  gegen  ĂĽberschĂĽssigen  MilchfluĂź;  gegen 
böse  Frauen  aber  können  sich,  wie  ich  nebenbei  noch  verraten  will, 
Ehemänner  nur  an  zwei  Patrone  wenden. 

SANCTUS  ELIGIUS  (Eloy)  VON  NOYON. 

Dieser  Eligius  (in  Köln  nennt  man  ihn  Elogius)  gilt  als  Be- 
kehrer der  Flanderer  (388—639).  Er  kam  als  einfacher  Goldschmied 
nach  Paris  und  erlangte  an  König  Dagoberts  Hof  großen  Einfluß. 
Nach  dessen  Tode  wurde  er  gezwungen,   geistlich  zu  werden  und 


')  Louis  du  Broc  de  Segange,  Les  Saints  Patrons  des  Corporations  et  Protecteurs 
Spec.  invoques  dans  les  Maladies.    Paris  18S7. 


5  I  6  PATRONE. 


Bischof  von  Novon.     In  diesen  Biscliot   teilen  sich  als  Patron  alle 
Eisen-,  Gold-  und  Silberarbeiter,  namentlich  aber  die  Goldschmiede, 


I'h'yfiiz,   Or  Stift  Michcle. 

Fig-  378.     Der  h.  Eligius. 


da  er  als  Lehrling  schon  groĂźe  Taten  vollbrachte;  aber  auch  die 
Schmiede  sehen  in  ihm  nach  einer  deutschen  Legende  den  heiligen 
Hufschmied.      Line    der   edelsten    Legenden    knĂĽpft    sich    an    diese 


S.  ELIGIUS. 


SI7 


5i8 


PATRONE. 


Tätigkeit,  welche  aucli  auf  unserem  Bilde  einen  schönen  plastischen 
Ausdruck  gefunden  hat.  Eligius  der  Hufschmied  hatte  im  Vertrauen 
auf  seine  Kunst  auf  sein  Aushängeschild  geschrieben;  »Meister  der 
Meister«.  Da  kam  eines  Abends  Christus  in  seine  Schmiede  und 
verdingte  sich  bei  ihm  als  Schmiedgeselle,  und  der  konnte  es  doch 
noch  besser.  Die  Methode  des  göttlichen  Gesellen  war  radikal  genug, 
er   schlug   dem  Pferde  den  FuĂź  ab,    beschlug   ihn    und    setzte    ihn 


Fig.  380.     Das  Wunder  des  h.  Eligius.     Holzskulptur. 


wieder  an;  da  kam  eines  Tages  in  Abwesenheit  seines  Gesellen  ein 
vornehmer  Reiter  vor  die  Schmiede  geritten,  es  war  der  hl.  Georg, 
um  sein  Pferd  beschlao;en  zu  lassen.  Eligius  wollte  nun  die  Arbeit 
seines  Gesellen  nachahmen,  und  es  glĂĽckte  ihm  alles  bis  auf  das 
Wiederansetzen  des  abgeschlagenen ,  aber  während  der  Arbeit 
abgestorbenen  FuĂźes.  Der  unglĂĽckliche  Meister  beschloĂź,  seinem 
Leben   ein  Ende   zu   machen;    in    diesem    dramatischen    Momente 


HEILPATRONE.  5  i  C) 


trat  Christus  hinter  ihn  und  heilte  ckn  Schaden.  Auf  seinem 
Denkmal  in  l'lorenz  (s.  Fig.  37S)  sehen  wir  den  Bischot  in  schöner 
Haltung,  ĂĽber  ihm  als  Giebelfeld  den  Goldschmiedmeister  oder 
Hufschmied,  am  Sockel  die  Hufschmiede  und  seine  berĂĽhmte  Tat 
(s.  Fig.  379);  in  der  Miite  eine  gehörnte  Frau  mit  lächelndem 
Gesichte,  das  Sinnbild  des  Hochmutes. 

Dieselbe  Szene,  als  ganz  hervorragende  Buchsbaumschnitzerei, 
eine  xA.rbeit  des  i(^.  Jahrhunderts  aus  der  Sammlung  Lanna  (siehe 
Fig.  3 So).  Die  Ähnlichkeit  dieses  Wunders  mit  den  Leistungen  des 
hl.  Antonius  von  Padua  und  der  Anargyroi  liegt  aut  der  Hand, 
aber  Originalität  können  alle  diese  Wunder  nicht  beanspruchen, 
denn  auch  Asklepios  ist  in  der  i\ntike  dargestellt,  wie  er  verletzte 
Tiere  heilt.  Unsere  MĂĽnze  (Fig.  381)  zeigt  einen  Stier,  der  dem 
Asklepios  sein  rechtes  \'orderbein  aut  den  SchoĂź  legt. 


Fig.  381.     JMĂĽnze  aus  Parium. 


SANTA  MARGHERITA  VON  CORTONA. 

Was  ĂĽber  diese  Heilige  bekannt  ist,  interessiert  eigentlich  uns 
Mediziner  wenig.  Es  wird  berichtet'),  daĂź  sie  trĂĽber  ein  sĂĽnd- 
haftes Leben  gefĂĽhrt  habe,  aber  durch  den  Anblick  ihres  erschlagenen 
Buhlen  bekehrt,  gebĂĽlk  habe.  Sie  starb  1297.  Unser  Interesse  an 
dieser  Franziskanerin  steht  und  tällt  mit  den  Reliefs  an  ihrem  Marmor- 
sarkophag in  Cortona  (s.  Fig.  382).  Dieses  A'Ieisterwerk  des  Xiccolo 
Pisano  hat  schon  die  Aufmerksamkeit  von  Charcot  und   Riebet") 


')  I.  E.  Wcssely,    Ikonographie  Gottes   und   der  Heiligen.    Leipzig  1S74. 
°)  Nouvelle  Iconogr.  de  la  Salpctriure   1898. 


520 


PATRONE. 


Fig.  382.     NiccolĂĽ  Pisano,  Basrelief  vom  Sarkophag   der  h.   Margherita  von  Cortona. 


HiaiRtaMaMaHiM 


Fig.  383.     Niccolö  Pisano,  Basrelief  mit  den  Wundertaten. 


HEILPATRONE. 


521 


erweckt.  Wir  sehen  da  einen  in  wilden  Zuckungen  sich  befindĂĽchen 
Knaben,  den  man  zum  Grabe  des  Märtyrers  geschleppt  hat;  die 
Stellung  dieses  Kindes  ist  nun  eine  vorzĂĽgliche  realistische  Illustration 
realer  Beobachtung.  Wir  lasen  schon  die  Berichte,  wie  sich  der 
Teufel  unter  Krämpfen  der  Besessenen  von  seinem  Wirte  befreie.  Hier 
sehen  wir  solche  Krampfstellung  geschildert.  DaĂź  dieser  Meister  die 
Erscheinungen  hysterischer  Konvulsionen  studiert  hat,  entnahmen 
wir  ja  auch  schon  dem  Sarkophage  des  hl.  Dominikus  von  Bologna. 
Auch  auf  der  Gegenseite  (s.  Fig.  383)  sehen  wir  mehrere  Krank- 
heitsfälle, zunächst  wiederum  einen  Knaben  mit  dem  typischen 
Zeichen  einer  zur  Kontraktur  führenden  Kinderlähmung.  Der  bärtige 
Mann  wird  von  Charcot  als  charakteristische  hysterische  Läh- 
mung rekognosziert.  Bei  der  letzten  Figur  schwankt  er  zwischen 
Gravidität  und  Hvdropsie. 

SANCTUS  VEIT  (Vitus,  französisch  Guy). 

Der  hl.  Veit  ist  der  Patron  der  Schauspieler,  Tänzer  und  Gaukler; 
angeruien  wird  er  auĂźerdem  gegen  Epilepsie,  SchlangenbiĂź,  Tollwut 
und  allerlei  Viehkrankheiten.  Seine  Ortspatronate  sind  Böhmen, 
die  Abtei  Corvey,  Höxter,  I^rag,  Sachsen  und  Sizilien.  Seine  Attri- 
bute sind  Buch,  Hahn,  Kessel.  Die  besondere  BerĂĽhmtheit  dieses 
Heiligen  in  der  Medizin  entstammt  der  Chorea  sancti  Viti.  Seit 
dem  Jahre  141 8  wird  der  hl.  Veit  gegen  diese  Tanzwut  angerufen, 
nachdem  der  Magistrat  der  Stadt  StraĂźburg  offiziell  die  von  Tanz- 
wut Befallenen  nach  einer  Kapelle  des  Heiligen  bringen  lieĂź,  wo 
sie  durch  Gebete  geheilt  wurden.  Alt')  berichtet,  daĂź  Kranke  mit 
Anfällen,  namentlich  junge  Mädchen,  zu  der  Kapelle  des  Heiligen 
nach  Ulm  wallfahrteten  und  dort  so  lange  tanzten,  bis  sie  vor 
Schwäche  umfielen,  und  dann  waren  sie  ein  Jahr  von  neuen  An- 
fällen verschont.  Der  Hahn,  den  der  Heilige  in  der  Hand  trägt, 
hat  zu  mehreren  Auslegungen  gefĂĽhrt.  In  Erinnerung  an  das  antike 
Symbol    des    Heilgottes    glaubte    man    dieses    Attribut    dem    Helfer 

')  Heinrich  Alt,    Die  Heiligenbilder.    Berlin  1845. 


522 


PATRONE. 


gegen  den  Veitstanz  zukommen  zu  lassen;  andere  wieder  beziehen 
diesen  frĂĽhen  Wecker  auf  die  Tatsache,  daĂź  der  HeiHge  auch  gegen 
zu  langes  Schlafen  angerufen  wird. 

Heiliger  Veit,  weck'  mich  zu  rechter  Zeit! 
Andere  wieder  nehmen  an,  daß  der  \'eit  in  Böhmen  der  Nach- 
folger des  slawischen  Gottes  Swanbowit  gewesen  sei,  dem  man 
Hähne  geopfert  habe.  Zur  Erleichterung  der  Aufnahme  des  Evan- 
geliums brachte  jedenfalls  Otto  von  Bamberg  den  heidnischen 
Pommern  eine  Reliquie  des  hl.  Veit  in  einem  silbernen  Reliquien- 
kasten mit,  auf  dem  ein  Hahn  abgebildet  war.  Wessely  (1.  c.) 
berichtet,  daß  es  in  Böhmen  noch  im  Jahre  1836  auf  dem  Eande 
gebräuchlich  war,  am  14.  Juni  einen  geschmückten  Hahn  in  teier- 
lichem  Aufzuge  herumzutragen  und  auf  dem  Marktplatze  zu  ent- 
haupten. Die  seltenen  Darstellungen  befassen  sich  meistens  mit 
seinem  Martvrium  (13.  Juni  303).  Er  wird  in  einem  Kessel  sitzend 
dargestellt,  in  welchem  er  in  Ol  gesotten  wird,  in  der  Hand  ein 
Buch,  auf  dem  ein  Hahn  sitzt  (s.  Eig.  133). 

PANTALEON  VON  NICOMEDIEN. 

Dieser  Märtvrer  ist  ein  Spezialpatron  der  Arzte,  außer  diesen 
nehmen  ihn  aber  noch  die  Ammen  deshalb  fĂĽr  sich  in  Anspruch, 
weil  bei  seiner  Enthauptung  dem  Rumpfe  Milch  entfloĂź.  Dieser 
wie  auch  der  \'orangegangene  gehören  zu  den  14  Nothelfern;  sein 
Ortspatronat  ist  Oporto,  unter  seinen  Attributen  an  erster  Stelle 
das  Arzneifläschchen.  Uns  interessiert,  daß  dieser  Heilige  Arzt  des 
römischen  Kaisers  Maximian  gewesen  ist  und  natürlich  große  Heil- 
erfolge erzielte,  namentlich  als  er  zum  Christentum  bekehrt  war. 
Dem  Kaiser  von  neidischen  Kollegen  denunziert,  proponierte  er 
demselben  gewissermaĂźen  eine  Wette;  er  lieĂź  einen  unheilbaren 
Kranken  kommen,  einen  Paralytischen,  der  seit  langen  Jahren  an  das 
Bett  gefesselt  war;  des  Kaisers  Priester  sollten  nun  Jupiter,  Apollon 
und  Äskulap  anrufen  oder  auch  andere  Götter,  er  aber  werde  Jesum 
Christum    bitten.     Während    das    erstere    natürlich     keinen    Ertolo- 


PANTALEON. 


523 


hatte,  ging  der  Kranke,  nachdem  Pantaleon  ihn  unter  Anrufung  des 
Heihindes  berĂĽhrt  hatte,  geheilt  davon.  Dieser  Anbhck  bekehrte  die 
Zuschauer  zum  Christentum,  die  Ahgiäubigen  aber  veranhißten  den 
Kaiser  Maximian,  Pantaleon  zu  zwingen,  den  alten  Göttern  zu 
opfern.  Als  er  dies  verweigerte,  setzte  man  ihn  einer  Reihe  grau- 
samer Foltern  aus.  Er  wurde  ins  Meer  geworfen,  ohne  zu  ertrinken; 
wilden  Tieren  als  Speise  vorgesetzt,  die  ihn  aber  verschonten;  eine 
Statue  zeigt  ihn  mit  einem  Löwen,  den  er  streichelt.  Schließlich 
wurde  er  enthauptet,  wobei  aus  der  Schnittwunde  Milch  hervor- 
strömte. Mit  Schwert  und  Arzneischale  zeigt  ihn  ein  Gemälde 
von   Ittenbach  in  der  Bonner  Kirche. 


ROCHUS. 

Einer  der  Hauptpatrone  der  Medizin,  der  wohl  auch  weitaus  die 
meisten  bildlichen  Darstellungen  gefunden  hat,  ist  Rochus,  der 
am  16.  August  1327  starb.  Er  ist  der  Patron  der  Ärzte,  Chirurgen 
und  Apotheker;  er  wird  angerufen  gegen  die  Pest,  Epidemien,  Toll- 
wut, Cholera,  Knieleiden,  Krätze  und  ist  außerdem  noch  der  Spital- 
patron. Seine  Ortspatronate  sind  Montpellier,  Parma,  Venedig.  Seine 
Lebensgeschichte  gestaltete  sich  ungefähr  folgendermaßen.  Er  ent- 
stammte einer  Patrizierfamilie  von  Montpellier;  die  Mutter,  die  zuerst 
lange  Zeit  steril  war,  gebar  ihn  endlich  nach  langem  Bitten,  wobei 
das  Kind  auf  der  Brust  ein  rotes  Kreuzeszeichen  trug.  Mit  20  Jahren 
verlor  er  seinen  Witer,  \"erschenkte  sein  Vermögen  an  die  Armen 
und  unternahm  eine  Wallfahrt  nach  Rom.  Als  er  nach  Aquapen- 
dente  kam,  wĂĽtete  dort  eine  furchtbare  Pest;  schnell  entschlossen 
widmete  er  sich  den  Pestkranken  und  den  Pesttoten.  Letztere  be- 
grub er,  die  noch  Lebenden  heilte  er  durch  das  Zeichen  des  Kreuzes. 
Bald  erlosch  unter  seinen  Händen  die  Pest  an  den  Stätten,  wo  er 
heilend  auftrat;  in  drei  Jahren  befreite  er  diese  Plätze,  die  ewige 
Stadt  eingeschlossen.  In  dem  Hospital  von  Piacenza  ergrifl"  ihn 
selbst  die  Pest.  Um  durch  seine  Klagen  die  anderen  Kranken  nicht 
zu  stören,  entfloh  er  in  einen  Wald.    Hier  wurden  seine  Pestbeulen 


524 


PATRONE. 


® 


von  einem  ihm  bis  dahin  fremden  Hund  geleckt,  der  ihm  auĂźerdem 
noch  Nahrung  zutrug.    Geheilt  wandte  er  sich  seiner  Vaterstadt  zu; 


Fig.  3S4.     Der  h.  Rochus  mit  der  Pestbeule. 


in  den  zwölf  Jahren   aber   hatte   das  Leben   ihn  derartig  verändert, 
daß   man    den   zurückgekehrten  Wohltäter  als  Vagabunden    in    das 


ROCHUS. 


525 


Gefän2;nis  warf.  Eints  Ta^es  fand  man  ihn  in  seiner  Zelle  tot. 
Da  aber  sein  Kerker  durch  himmlisches  Licht  erleuchtet  war,  so 
lieĂź  sich  der  Gouxerneur  der  Stadt  diese  Erscheinung  zeigen.  Der 
Gouverneur,  welcher  der  Onkel  von  Rochus  war,  erkannte  ihn  an 
dem  roten  Kreuz  auf  seiner  Brust  und  an  einem  Täfelchen,  welches 
bei  dem  toten  Heiligen  gefunden  wurde: 
»Alle  diejenigen,  welche  von  der  Pest  er- 
griffen, den  Namen  des  hl.  Rochus  anruten, 
werden  von  ihrem  Leiden  betreit  sein.« 
Der  Heilige  erhielt  ein  ĂĽberaus  feierliches 
Begräbnis,  und  im  Jahre  1483  wurden  seine 
Gebeine  in  eine  ihm  zu  Ehren  errichtete 
Kirche  ĂĽberfĂĽhrt.  Venedig  kam  aut  eigene 
Weise  zu  den  heiligen  Gebeinen  des  Rochus; 
eine  wĂĽtende  Pest  wurde  von  der  Levante 
eingefĂĽhrt.  In  ihrer  Not  beauftragten  sie, 
in  Montpellier  die  Gebeine  des  Heiligen  zu 
stehlen,  was  auch  geschah,  und  man  setzte 
diese  in  der  neu  errichteten  Kirche  di 
S.  Rocco  bei.  Im  Jahre  1836  ist  dieser 
Diebstahl  wieder  zum  Teil  gut  gemacht, 
indem  die  Venezianer  Kirche  darein  ein- 
willigte, die  Hälfte  der  Reliquien  wieder 
nach  Montpellier  auszuliefern.  Der  Heilige 
und  sein  Bildnis  hat  auch  noch  nach  sei- 
nem Tode  vielfach  Beweise  seiner  Schutz- 
kraft gegen  die  Pest  gegeben. 

Die  Zahl  der  Gemälde  des  hl.  Rochus  ist 
eine  enorme.  Guido  Reni  und  die  Carracci  malten  ihn,  wie  er 
seine  irdischen  GĂĽter  verteilt.  Paris  Bordone,  Bassano,  Robusti 
malten  ihn,  wie  er  Kranke  heilt,  dieselben,  wie  seine  Schenkel- 
wunde vom  Hunde  geleckt  wird.  Peter  Paul  Rubens  zeigt  ihn 
in  der  Pest  von  Alost.  Unzählig  aber  sind  seine  plastischen  Dar- 
stellungen,  welche  in  typischer  Weise  sein  Bildnis  verewigen.     Er 


Orig.-Aufn. 

t^ig-  385-    Unbekannter  Heiliger 
mit  verkrĂĽppeltem  Kind. 

HĂĽlzskulptUT  circa  i^cmd. 


526  PATRONE. 


Steht  da  als  Pilger,  mit  seinem  Pilgerstabe  in  der  Hand  (den  man 
ĂĽbrigens  heute  noch  in  Montpellier  aufbewahrt),  und  zeigt  auf 
seine  Pestbeule  am  Oberschenkel  (s.  Fig.  384).  Sein  ganzes  Leben 
aber  hat  in  der  Scuola  di  S.  Rocco  zu  Venedig  in  20  Reliefs  eine 


Verewigung  gefunden. 


Orig.-Au/n.      Berlin,   Altes  Museum. 

Fig.  386.     Antiker  IMarmor. 

Polyphem  (Nase  unter  dem  Auge  statt  ĂĽber  demselben, 

daher  ohne  Anlehnung  an  menschliche  MiĂźgeburt). 


GRÄBDENKMÄLER  UND  MONUMENTE 
VON  ÄRZTEN. 


Fig.  387. 


m  eigentlichen  Sinne  gehört  an  diese  Stelle  auch  das 
behauene  Steinmaterial,  welches  den  unter  die  Götter  ver- 
setzten Ärzten  gewidmet  war.  Dies  haben  wir  eingehend 
bereits  besprochen.  Leider  sind  von  den  Bildsäulen,  welche  nach 
literarischem  Ausweis  dem  Hippokrates  errichtet  waren,  keine  er- 
halten. Wir  müssen  uns  mit  einem  schönen  Porträtkopf  abspeisen 
lassen,  der,  bei  Albano  gefunden,  sich  jetzt  im  Britischen  Museum 
befindet  (s.  Fig.  388).  Die  Nase  und  das  linke  Ohr  des  Kopfes 
sind  neu.  Die  Deutung  auf  Hippokrates  hat  E.  Q.  Visconti  (Ico- 
nographie  I.  S.  273)  aufgestellt,  obwohl  die  Ähnlichkeit  mit  dem 
einzig  sicheren  Porträt  des  großen  Arztes  auf  Münzen  von  Kos 
aus  der  Kaiserzeit  ziemlich  gering  ist  (s.  Fig.  390—392).  Außer- 
dem spricht  der  Stil  der  BĂĽste  schon  mit  ziemlicher  Sicherheit  gegen 
ein  Porträt  des  3.  Jahrhunderts.  Sicher  ist  nur,  daß  wir  einen 
Mann  porträtiert  sehen,  der  mit  einem  gewissen  sorgenden  und 
besorgten  Blick  nach  auĂźen  und  innen  dem  Leben  gegenĂĽbersteht, 
einem   Manne,    dessen    nachdenkliches    Haupt    eine   groĂźe    Summe 


528 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


tiefen  Wissens  umschließt  und  dem  als  Ergebnis  täglicher  Sorge, 
täglichen  Sinnens  eine  gewisse  melancholische  Entsagung  die  edlen 
Züge  verstimmt.  Dieser  gewaltige  Schädel  mit  der  imponieren- 
den Stirn,  die  gedankenschwer  gefurcht  ist.  und  dem  charak- 
teristischen Munde,  dessen  Oberlippe  links  leicht  herunterhängt, 
kann    recht    gut    das    Porträt    eines    bedeutenden    gelehrten    Arztes 


Or;^  -.L'^m     nach   ^  .ipiav-uU .      Brit.   Museum, 

Fig.  3SS.     Angeblicher  Hippokrates.     Antike  BĂĽste. 


sein.  Wir  wollen  noch  erwähnen,  daß  auch  das  Museum  von 
Madrid  eine  angebliche  Hippokratesbüste  besitzt  mit  ergänzter 
Nase,  Brust  und  Inschrift.  Der  Kopf  ist  ausdrucksloser,  paĂźt  eher 
in  den  älteren  Stil  und  zeigt  eine  gewisse  Ähnlichkeit  mit  der 
MĂĽnze  von  Kos. 

Im  Athenischen  Nationalmuseum  findet  sich  ein  uraltes  Köpfchen, 
welches  mit  groĂźer  Wahrscheinlichkeit  einen  Arzt  darstellt  (Fig.  389). 


HIPPOKRATES. 


329 


Es  wurde  im  Jahre  1902  in  einem  Grabe  an  der  heiligen  StraĂźe 
zusammen  mit  einigen  chirurgischen  Instrumentengefunden.  Stais 
beschreibt  diesen  Gegenstand  (Nr.  1981  des  Kataloges)  und  nimmt 
an,  daĂź  es  vielleicht  der  Kopf  des  Hippo- 
krates,  mit  dessen  Zügen  eine  gewisse  Ähn- 
lichkeit vorhanden  sei,  sein  könne.  Der  Kopt 
war  offenbar  auf  einer  Reliefplatte  als  Schmuck 
angebracht.  Es  wiire  im  Sinne  antiker  Le- 
bensauffassung, daß  ein  Arzt  seine  Grabstätte 
mit  dem  Bildnis  des  Hippokrates  schmĂĽckte. 
So  mĂĽssen  wir  uns  an  die  antiken  MĂĽnz- 
funde halten,  wenn  wir  von  unseres  Ärzt- 
heros' Antlitz  eine  ungefähre  Vorstellung 
machen  wollen.  Das  bezeichnete  Porträt,  von 
dem  wir  eine  vergrößerte  Wiedergabe  ver- 
suchten, existiert  nur  in  einem  StĂĽck.  Noch 
eine  andere  wirkliche  oder  imaginäre  \'er- 
bindung  aus  jener  groĂźen  Zeit  ragt  in  unsere  Tage  hinein;  ein  uraltes 
lebendes  Denkmal  mit  einem  kolossalen  Fundament.  Die  mit  Recht 
oder  Unrecht  so  genannte  Platane   des   Hippokrates  sah   an- 


Orig.-Auftt.     Athen.   Xat  -Museum. 

Fig.  3S9. 
Bildnis  des  Hippokrates. 


Fig.  390. 
MĂĽnze  mit  Hippokrates. 


Orig.'Au/n,  nach  den  Originalen  des  Berliner  Alten  Mt*sennts. 

Fig.  391-  Fig.  392- 

Münze  von  Kos  mit  dem  Porträt  Revers  der  Hippo- 

des  Hippokrates.  krates-MĂĽnze. 


geblich  in  ihrem  Schatten  die  SchĂĽler  jener  antiken  hochberĂĽhmten 
Medizinschule  (s.  Fig.   393). 

C.  Plinius  berichtet  im  29.  Buche  seiner  Naturgeschichte  Kap.  I,  9 
von  dem  x^rzte  Thessalus,  der  zu  Neros  Zeiten  durch  AnmaĂźung  und 
Unwissenheit  berĂĽhmt    und  berĂĽchtigt,   sich  an  der  Via  Appia  ein 


Holländer,  Plastik  und  Medi/in. 


.i4 


530 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN 


groĂźes  Grabmal  errichten  lieĂź,  aut  dem  er  sich  den  Beinamen 
latronices,  d.  i.  Besieger  der  Ärzte,  beilegte.  Die  Zeitgeschichte 
berichtet  von  diesem  Reklamehelden,  daĂź  er,  von  gemeiner  Herkunft, 
bei  seinem  Ausgange  sich  von  einem  Heer  von  Schlächtern  und 
Köchen  begleiten  ließ  und  alle  Maximen  seiner  Kollegen  bis  hinauf 
zu  Hippokrates  umstieĂź.  Im  ĂĽbrigen  scheint  das  Urteil  des  Plinius 
und  auch  das  des  Galenus  ĂĽber  diesen  GrĂĽnder  der  methodischen 
Schule  (Quum  novam  sectam  condiderim  aus  einem  Brief  an  Nero) 
ein  nicht  ungetrĂĽbtes  gewesen  zu  sein;  da  des  Thessalus  zahlreiche 
Schriften  verloren  sind,  fehlt  uns  ein  eigenes  Urteil. 

Rene  Brian')  hat  auf  24  \'otiv-  und  Grabsteinen  Mitteilungen 
über  Militärärzte  gesammelt.  Haberling^)  hat  diese  Zahl  auf 
57  gebracht  und  auch  eine  Anzahl  solcher  Grabsteine  abgebildet. 
Wir  hatten  die  Abbildung  des  Soldaten  der  legio  XI.  deshalb  wieder- 
gegeben, weil  dieser  Soldat  durch  das  unter  dem  Stein  angebrachte 
chirurgische  Besteck  als  Arzt  gekennzeichnet  ist.  Wir  erwähnen 
ferner  aus  demselben  Werke  noch  die  Abbildung  des  Grabdenk- 
mals eines  Medicus  Ordinarius  der  ersten  tungrischen  Kohorte. 
Diesen  Grabstein  fand  man  in  England  in  Housesteads,  dem  alten 
Kastell  Borcovicium  am  Hadrianswall,  welches  ĂĽbrigens  durch  Aus- 
grabung vollständig  freigelegt  ist.  Der  Grabstein  dieses  jungen  Mili- 
tärarztes, der  schon  mit  23  Jahren  sterben  mußte,  befindet  sich 
jetzt  im  Museum  von  Newcastle. 

Ein  Erinnerungsstein  an  einen  römischen  Kohortenarzt,  wenn 
auch  kein  Grabstein,  fand  sich  in  dem  Mainstädtchen  Obernburg 
(jetzt  im  Museum  Aschaffenburg).  Dieser  aus  Ostia  stammende 
Kollege  weihte  zum  Heile  seines  Kommandeurs  diesen  architek- 
tonisch interessanten  Stein  dem  Jupiter  und  Apollo,  dem  Äskulap, 
der  Salus,  sowie  der  Fortuna.  Solche  Votivsteine,  die  der  Arzt 
fĂĽr  seine  Ala,  eine  Reiterschwadron  oder  ĂĽberhaupt  seine  Truppe 
weihte,  sind  uns  mehrfach  bekannt  geworden. 

Aus  der  römischen  Zeit  stammt  ein  Grabmonument  eines  Arztes, 


')  Rene   Brian,  Du  Service  de  Santc  militaire  chez  les  Romains.    Paris  1866. 
-)  Haberling,   Die  altrümischen  Militärärzte.    Berlin   lyio. 


DIE  PLATANE  DES  HIPPOKRATES. 


531 


welches   bei   aller  Einfachheit    und  Strenge  einen   imposanten  Ein- 
druck  macht.      In   einem    kleinen    tempelartigen  Vorbau    steht    die 


Marmorbüste  eines  unbekannten  Römers'),  der  mit  leicht  lächelndem 

')  Benndorf-Schöne,    Die   antiken  Bildwerke    des   lateran.  Museums,    Leipzig   1S67, 
Nr.  343,  abgebildet  Monumenti  V,  tav.  7. 


532 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


menschenfreundlichen  und  doch  ernst-nachdcnkHchen  Gesichte  den 
Betrachter  ansieht.    Um  seine  Taille  schläft  sich  in  schonen  Win- 


Fig.  394.     Bildnis  eines  unbekannten  römischen  Arztes. 

düngen  die  Schlange  des  Äskulap;  welcher  Arzt  durch  diesen  Stein 
verewigt  werden  sollte,  das  entzieht  sich  vollkommen  unserer  Kennt- 


ARTEMON. 


533 


nis.  Wir  kennen  nur  die  Faniilienzugehörigkeit  des  Grabmals  und 
die  Diai;nose,  daĂź  es  ein  antiker  Kollege  ist,  stĂĽtzt  sich  ausschlieĂź- 
lich auf  die  Art  des  Abschlusses  der  BĂĽste  durch  die  Schlange. 
Dieses  Band  in  dieser  Fürni  kann  allerdings  kaum  als  die  gewöhn- 
liche Gräberschlange  gedeutet  werden. 

Eine  andere  interessante  Grabsäule  eines  Arztes,  und  zwar  eines 
namentlich  bekannten,  befindet 
sich  in  der  kleinen  Sammlung 
von  Antiken  in  dem  Museum  der 
evangelischen  Schule  in  Smvrna. 
Der  weiĂźe  Marmor  ist  1,48  m 
hoch  und  0,72  m  breit.  Der  Stein 
ist  intakt  bis  auf  die  linke  Hand 
und  die  Xase.  Der  Arzt  Artemon 
steht  da  im  Hochrelief,  prächtig 
gearbeitet,  im  Chiton  und  kurzen 
Ärmeln.  Darüber  trägt  er  einen 
Mantel ;  an  den  FĂĽĂźen  sind  San- 
dalen, die  Hand  hält  eine  Rolle. 
Zur  Seite  stehen  zwei  Knaben 
in  kurzen  Gewändern,  der  linke 
trägt  aut  der  Schulter  eine  Kas- 
sette mit  Tabletten,  der  rechte 
steht  da  mit  dem  Ausdruck  der 
Trauer. 

Auf  der  neben  dem  Arzte  be- 
findlichen Stele  bemerkt  man 
zuoberst  eine  \'ase,  darunter  einen 
Kranz  mit  dem  Hinweis,  daĂź  das 
Ganze    eine  Stittunu    der    Stadt- 


i  hij^'  -AuJ)i.     Sinyyfia. 

Fig.  395- 
Statue  des  Arztes  Artemon  aus  Smvrna. 


gemeinde  ist.  Darunter  folgt  der  Name  des  Arztes  und  seiner 
Familie.  Der  Arbeit  nach  entstammt  dieser  Stein  dem  i.  Jahr- 
hundert V.  Chr.,  Strahü  erwähnt  (XII,  580)  die  berühmte  Ärzteschule 
zu  seiner  \'äter  Zeit  unter  dem  auch  aut  unserem  Stein  genannten 


534 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


Hikesios.     Es  ist  das  der  Arzt,  der  die  sogenannte  erasystrateische 

Schule    um    loo  v.  Chr.  in  Smvrna    zur  besonderen  BlĂĽte  brachte. 

Wir  werden   nicht  fehlgehen,  wenn  wir  unter  der  groĂźen  Zahl 

der  anonvmen  antiken  Porträthüsten  auch  einige  Bildnisse  berühmter 


Orig.-Au/n.     i  olkesiftie . 

Fig.  396.     Monument  des  Entdeckers  des  Blutkreislaufes  William  Harvey. 

Ärzte  versteckt  vermuten,  denn  dafür  daß  die  Gründer  von 
Ärzteschulen  sowie  auch  berühmte  kaiserliche  Leibeärzte  sich  selbst 
häufig  porträtieren  ließen,  und  daß  sie  von  Gemeinden,  Schülern 
und  X'erwandten  in  Erz  und  Marmor  verewigt  wurden ,  besitzen 
wir  literarische  Belege  (s.  auch  den  jugendlichen  Äskulap  im  \'atikan). 


®  DAS  PORTRÄT  VON  SAMBUCUS.  535 

Doch  leider  trennten  sich  meistens  die  antiken  Untersätze,  welche 
die  Weilischrift  enthiehen,  von  den  Köpfen,  so  daß  wir  jetzt  aut 
ZutälHgkeiten    in    der  Rekognoszierung   derselben  angewiesen  sind. 

Immerhin  ist  es  ja  möglich,  daß  sich  spätere  Darstellungen  auf 
damals  noch  erhaltene  und  erkannte  antike  Statuen  beziehen.  So 
ist  es  interessant,  sich  einmal  die  Porträts  der  antiken  Ärzte  anzu- 
sehen, wie  sie  sich  J.  Sambucus  um  die  Mitte  des  16.  Jahrhunderts 
vorgestellt  hat.  Das  Werk  des  Sambucus  (d.  h.  »Hollunder«, 
Wiener  Arzt  und  Historiker  13  31  — 1583),  führt  uns  unsere  medi- 
zinischen Vorfahren  porträtähnlich  vor;  es  bringt  zunächst  die  Götter- 
familie, dann  aber  auch  das  älteste  mir  bekannt  gewordene  Porträt 
des  Hippokrates  in  graphischer  AustĂĽhrung;  (in  Parenthese  be- 
merke ich,  daß  die  Neuausgabe  der  »Erkenntnisse«^)  dasselbe  als 
Titelbild  trägt,  mit  der  falschen  Bezeichnung  aus  dem  17.  Jahr- 
hundert nach  Peter  von  der  Borscht).  Ob  sich  nun  Sambucus 
bei  der  Darstellung  antiker  Ärzte  an  irgendwelche  Überlieferungen 
gehalten  hat,  namentlich  z.B.  bei  den  Kopten  des  Galenus,  des 
Dioskorides,  des  Xenokrates,  Plinius,  Apollonius  usw.  erscheint  des- 
halb zum  mindesten  fraglich,  weil  er  auch  ein  detailliertes  Porträt 
bringt  von  Machaon. 

So  schön  es  nun  auch  wäre,  wenn  wir  die  Personalgeschichte 
der  Medizin  mit  Bildnissen  unserer  Großen  verzieren  könnten,  welche 
von  den  Grabmonumenten  oder  Denkmälern  herrührten,  die  eine 
dankbare  Menschheit  ihnen  gesetzt  hat,  so  ist  dieses  Unternehmen 
deshalb  von  Haus  aus  unmöglich,  weil  die  W^elt  den  Fürsten  der 
Heilkunde  solche  zum  größten  Teile  schuldig  geblieben  ist.  Nun, 
wir  können  troh  sein ,  von  dem  einen  oder  dem  anderen  die  un- 
gefähre Gestalt,  durch  Bildnisse  überliefert,  erhalten  zu  haben.  Die 
Liste  derjenigen  Mediziner,  deren  Bildsäule  tehlt,  ist  lang;  von 
anderen  wieder  steht  sie  versteckt  an  einsamer  Stelle,  wo  kaum 
jemand  sie  vermutet.  Das  ärztliche  Pantheon  fehlt  selbst  in  Buch- 
ausgabe. Das  kĂĽhne  und  groĂźangelegte  Unternehmen  des  Pariser 
Prof.  R  a  p  h  a  e  1  B 1  a  n  c  h  a  r  d  (Corpus  inscriptionum  ad  medicinam 

')  Theod.  Beck,   Hippokrates  »Erkenntnisse«  bei  Diederichs,  Jena  1907. 


536  GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


biologiamque  spectantium.  Tom.  pr.  1909,  Paris,  Asselin  et  Houzeau) 

wird    nach    seiner  Vollendung    diese  Zusammenstellung  erleichtern. 

Des   groĂźen  Entdeckers    des   Blutkreislaufes   einzige  Statue  \on 


Bologna. 

F'g-  397-     Caspare  Tagliacozzi. 


über  Lebensgröße  steht  an  der  englischen  Küste  in  seinem  Geburts- 
orte Folkestonc;  während  er  in  der  einen  Hand  aufmerksam  ein 
Herz  beobachtet,  fĂĽhlt  er  mit  der  anderen  das  Pulsieren  des  eigenen 


BERÜHMTE  ÄRZTE. 


537 


(s.  Fig.  396).  Der  Plastiker,  der  dieses  Mannes  Monument  formte, 
hatte  es  leicht,  die  GroĂźtat,  die  seinen  Namen  unvergeĂźlich  macht, 
zum  Ausdruck  zu  bringen.  m\u(  heinahe  gleiche  Weise  verfuhr  man 
bei  dem  Manne,  welcher  die  plastischen  Operationen  auf  eine 
wissenschaftliche  Basis  stellte.  In  einer  Nische  steht,  mit  einem 
Hermelinmantel  geschmĂĽckt,  der  berĂĽhmte  Caspare  Tagliacozzi. 
Schon  zu  Lebzeiten  wurden  ihm  im  Archigimnasio  zu  Bologna 
Ehrentafeln  aufgestellt,  nach  seinem  Tode  aber  sein  Standbild 
(s.  Fig.  397),  auf  dem  er  als  Symbol  seiner  chirurgischen  Haupt- 
leistungen eine  künstliche  Nase  in  der  Hand  hält,  errichtet.  Sein 
Leichnam  aber  wurde,  nachdem  er  im  Kloster  der  Kirche  Johannes 
des  Täuters  beigesetzt  war,  wieder  ausgegraben;  man  hatte  eine 
überirdische  Stimme  gehört,  daß  dieser  Meister  der  Chirurgie  ver- 
dammt sei;  darauf  wurde  er  wie  ein  \'erbrecher  hmter  der  ALuier 
begraben.  Jedenfalls  ist  heutigentags  sein  Leichenstein  nicht  mehr 
aufzufinden'). 

Doch  so  einfach  hat  es  der  KĂĽnstler  bei  den  ganz  CroĂźen  nicht. 
Es  drängt  sich  selten  die  Summe  ihrer  Bahnbrechertätigkeit  in  ein 
Symbol  oder  eine  Handlung.  Diese  Schwierigkeit  sahen  wir  in 
unseren  Tagen,  als  man  dem  R  u  d  o  I  f  \'i  rc  h  o  w  ein  wĂĽrdiges 
Denkmal  setzen  wollte.  Das  X'ielfache  seiner  Leistungen  auf  den 
verschiedenen  Cebieten  sollte  charakterisiert  werden.  Seine  Statur 
eignete  sicli  nicht  zur  monumentalen  \'erkörperung,  das  hätte  von 
seiner  schlichten  Persönlichkeit  ein  falsches  Bild  gegeben.  ALin 
wählte  eine  Allegorie,  aber  eine  Allegorie,  die  eines  Kochs  Eigen- 
art besser  charakterisiert  hätte  als  die  feine  Gelehrtentätigkeit  des 
die   Wahrheit  suchenden  Naturbeobachters  und  Denkers. 

Vielleicht  hat  die  neue  Richtung  recht,  die  statt  plastischer  Kunst- 
leistungen dem  Andenken  großer  Männer  gerecht  zu  werden  sucht 
durch  Errichtung  von  Gebäuden  und  ganzen  Tempeln,  in  deren  Hallen 
die  Lebensarbeit  des  Heroisierten  fortgefĂĽhrt  wird  durch  \'ollbrin- 
gung  wissenschaftlicher  Wunder  unter  Anrufung  seines  Namens, 
seiner  Person  und  seiner  \^orarbeit. 

')  E.   Gurlt,   Geschichte  der  Chirurgie.    Berhn,  Aug.  Hirschvvald   1S5S. 


538 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


Orig-.'Au/n.     Koliegieiihirche,   Jeva. 

Fig.  398.     Epitaphium  des  Jenenser  Professors  Johann  Arnold  Friderici. 


Fig-  399 


Orig.-An/ti. 

Renaissance- 
medaille auf 
Amlirosius  Juni; 


Fig.  400.     â– )  MĂĽnze  von  Kos  mit  dem  Kopf  des 

Xenophon,  Leibarzt  des  Kaisers  Claudius. 

^)  Camelius,  Leibarzt  des  Kaisers  Augustus. 


Fig.  401.    Revers  einer  Asklepios- 

jMĂĽnze  aus  Alexandria, 

der  As.  Julia  Mammaea,  vergr. 


Fig.  402. 


Ăśrig.-Aitfn. 

Hieronymus 
Fracastorius 
1483  — 1553. 


Fig.  403.     Revers  der  SchaumĂĽnze  des  D.  Petrus  Bonus  Avogari  von  Ferrara. 


Fig.  404. 
Leonhart  Thurneisser  zum  Thurm 


Fig.  405.     Hufeland. 


Fig.  406. 


,.*!•' 


Imiifmedaille. 


Fig.  407.     Medaille  des  D.  Marcus  Antonius  de  la  Torre,  Professor  der  Anatomie  in  Padua. 


Fig.  408.     Medaille  des  Marsilius  Ficinus  aus  Florenz,  1499. 


Fig.  409.     Medaille  auf  Gerhard  van  Swietcn. 


542 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


Eine  verkleinerte  Ausgabe  der  Sepulkralmonumente  und  der 
Standbilder  sind  die  Medaillen  und  Plaketten.  Dankbar  mĂĽssen 
wir  anerkennen,  daĂź  medizinische  Historiker  und  Sammler  es  ver- 
sucht haben ,  solche  auf  Ärzte  und  Naturforscher  geschlagenen 
Münzen  und  Medaillen  zu  sammeln.  \'on  der  größten')  solcher 
medizinischer  Medaillensammlung  (zirka  3000  StĂĽck)  wird  ein  aus- 
fĂĽhrlicher Katalog  durch  Professor  Kubitschek  in  Wien  vorbereitet. 
Das  wäre  allerdings  ein  würdiges  Gegenstück  zu  der  »Pestilentia 
in  nummis«"),  wenn  ein  solcher  Porträtkatalog  mehr  vom  Stand- 
punkt der  Medizinhistorie  als  vom  Standpunkt  des  Xumismatikers 
erreichbar  wäre. 

Es  gibt  kaum  eine  Sammeltätigkeit  auf  mediko-historischem  Ge- 
biet, welche  in  dem  MaĂźe  zu  erfreulichen  Studien  auffordert,  wie 
eine  solche  von  MĂĽnzen  und  Medaillen.  Bei  der  Weite  des  Gebietes 
ist  die  Beschränkung  auf  bestimmte  Ausschnitte  empfehlenswert. 
Die  Fächer  solcher  Einzelsammlungen  ordnen  sich  nach  den  Ge- 
sichtspunkten: antike  MĂĽnzen  mit  Darstellungen  aus  unserem  Gebiet; 
deutsche,  ausländische  Ärzte,  Medaillen  auf  Epidemien,  Medaillen 
auf  Versammlungen  von  Ärzten,  Gründungen  von  Krankenhäuser 
und  wohltätige  Stiftungen  usw.  Wir  bringen  in  unsern  Stich- 
proben nur  einige  schöne  Beispiele  und  benutzen  aus  Pietät  zum 
Teil  dabei  die  Kupferstiche  aus  J.  C.  W.  MoeĂźen's  grundlegendem 
Werke  der  Besprechung  einer  Berlinischen  Medaillen-Sammlung, 
die  aus  Gedächtnis-Münzen  berühmter  Ärzte  besteht  vom  Jahre  1773. 
Unter  den  Beispielen  einzelner  Monumente  von  Ärzten,  auf  die  wir 
uns  hier  beschränken  müssen,  fällt  das  Epitaphium  aus  der  Kollegien- 
kirche in  Jena  auf  durch  die  vielen  Embleme,  mit  denen  der  Jenenser 
Professor  der  Philosophie,  Medizin,  Anatomie,  Chirurgie  und  Botanik 
Johann  Arnold  Friderici  sein  Andenken  ehren  lieĂź")  (s.  Fig.  398). 
Da  finden  wir  neben  Emblemen  des  Seziersaales  und  der  Garten- 
kunst   die  Zeichen   seines    Instrumentariums    als    Arabesken,   ferner 


')  Dr.  Brettaue rs  Sammlung,  jetzt  im  Besitz  der  Wiener  Universität. 
*)  L.  Pfeiffer  u.  C.  Rouland,  Pestilentia  in  nummis,  TĂĽbingen  1S82. 
^)  Ich  verdanke  die  Orig.-Photogr.  Herrn  Prof.  Dr.  Franz,  Beriin. 


ALBRECHT  VON  HALLER.  543 


Testobjekte  seiner  Sezierkunst  sowohl  wie  seiner  operativen  Tätig- 
keit; unter  seinem  eleganten  Porträt  steht  die  brennende  Kerze  mit 
der  damals  für  die  ärztliche  Tätigkeit  so  beliebten  Devise  »aliis 
inserviendo  consumor«.  Sein  Lebenslicht  war,  wie  man  sieht,  noch 
nicht  zur  Hälfte  abgebrannt,  da  verlosch  es  schon. 

Es  ist  eine  eigentümliche  Erscheinung,  daß  bei  denjenigen  Ärzten, 
welche  auĂźer  in  ihrem  Metier  sich  nebenher  noch  aut  anderen  Ge- 
bieten betätigten  und  sich  namentlich  dichterisch  einen  kleineren  oder 
größeren  Namen  gemacht  haben,  daß  bei  diesen  »Bicephalen«,  wie 
sich  gerne  Pariser  Gelehrte  dieser  Art  nennen,  die  Neigung  kon- 
statiert wird,  die  bildende  Kunst  in  Nahrung  zu  setzen.  \'on  unserem 
groĂźen  Schiller  bis  zu  Justinus  Kerner,  von  Albrecht  von  Haller  bis 
auf  Redi  ist  das  der  Fall.  Bei  Schiller  ĂĽberwiegt  allerdings  der 
dichterische  Anteil  an  seiner  WeltberĂĽhmtheit  in  dem  MaĂźe,  daĂź 
der  Hinweis  auf  seinen  gleichzeitig  ärztlichen  Charakter  beinahe  als 
Witz  betrachtet  werden  dĂĽrfte.  Es  ist  deshalb  ziemlich  ĂĽberflĂĽssig, 
wenn  eine  medizinische  Münzensammlung  Wert  daraut  legt,  sämt- 
liche auf  den  Dichter  Schiller  geprägte  Medaillen  zu  besitzen.  Bei 
AI  brecht  von  Haller  ist  das  Verhältnis  zwischen  Dichter  und  Arzt, 
Naturforscherund  Poet  mit  RĂĽcksicht  auf  seine  internationale  BerĂĽhmt- 
heit schon  ausgeglichener.  Der  groĂźe  Haller  hat  sein  Bildnis  in  jeg- 
licher Form  der  Nachwelt  hinterlassen.  In  der  groĂźen  Arbeit  von 
Arthur  Weese^)  werden  allein  aus  AnlaĂź  der  EnthĂĽllung  seines 
Denkmals  in  Bern  anläßlich  seines  200jährigen  Geburtstages  }6  Me- 
daillen und  Reliefs  und  14  Denkmäler  aufgeführt.  Die  Durchsicht  dieser 
lehrt  ĂĽbrigens,  daĂź  meines  Erachtens  fast  alle  BĂĽsten  anders  aussehen; 
teilweise  liegt  es  daran,  daĂź  sich  der  Kopf  des  Mannes  so  ganz  ver- 
schieden gibt,  je  nachdem  der  Gelehrte  die  große  Perücke  trägt  oder 
seine  natĂĽrliche  Kopfbildung  zeigt.  Keinesfalls  wĂĽrden  wir,  die 
wir  meist  gewohnt  sind,  sein  Bild  mit  den  gekräuselten  Locken  der 
zunächst  bis  aut  die  Schulter  lallenden,  später  etwas  kürzeren  Perücke 
vor  Augen  zu  haben,  den  Imperatorenkopf  wieder  erkennen,  den 
er  z.  B.   aut   einer  Göttinger  Terrakotta  hat.      Im  ganzen  können 


')  Arthur  Weese,   Die  Bildnisse  Albrechts  von  Haller,  Bern,  A.  Francke,  1909. 


544 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


wir  sagen,  daß  die  Originalportrats  und  Schabekunstblätter  ihn  zopfig 
und  altertĂĽmlich  darstellen,  fast  alle  Plastiker  aber  aus  dem  Anfang 
des  19.  Jahrhunderts  nach  dem  Vorgange  von  Caldellari  klassi- 
zistisch. Eine  Ausnahme  macht  die  schöne  Büste  von  Funk,  die 
wir   deshalb   auch  im  Bilde  wiedergeben  (s.  Fig.  410).     Die  BĂĽste 


Fig.  410.     Albrecht  von  Hallcr.     BĂĽste  v.  Funk,   1775. 

Stammt  aus  dem  Jahre  1775:  sie  stellt  den  .Mann  dar  als  Präsident 
einer  gelehrten  \'ersamm]ung. 

Francesco  Redi,  1626 — 1694,  dessen  Bildnis  zu  Florenz  im 
Portikus  der  Uftizien  steht  (s.  Fig.  411),  zeigt  schon  an  dem  Attribute 
die  \'erbindung  des  Schlangenstabes  mit  der  Lyra  seine  verschiedene 
Bedeutun"  ;  er  hat  sich  um  die  schönwissenschaftliche  Literatur  Italiens 


REDI.     VON  GRAEFE. 


545 


verdient  gemacht;  poetische  Begabung,  praktische  TĂĽchtigkeit  und 
wissenschaftliche  Gelahrtheit  hielten  sich  bei  ihm  die  Wage.  Durch 
seine  Untersuchungen  ĂĽber  die  Fortpflanzung  der  niederen  Tiere 
kam  er  zu  dem  Satze:  omne  vivum  ex  ovo;  er  gilt  auch  als  Ent- 
decker der  parasitären  Ursache  der  Krätze. 

Ein    würdiges   und   schönes  Monument   setzte   man   AI  brecht 


Fig.  411.     F'iancesco  Redi,  1626—1694. 


Florenz 


von  Graefe  für  seine  rühm-  und  segensreiche  Tätigkeit  als 
Augenarzt.  Hier  kam  alles  zusammen,  um  dem  KĂĽnstler  die  beste 
Unterlage  zugeben;  der  imponierend  schöne  Mann  und  die  leichte 
Ausdrucksweise  für  die  Art  seiner  Tätigkeit.  Im  Jahre  1882  weihte 
man  das  Denkmal  fĂĽr  ihn,  der  am  20.  Juli  1870,  erst  42  Jahre  alt, 
starb  und,  neben  Donders  und  Arlt,  als  der  bedeutendste  Augen- 


Holländer,   Plastik  und  Medizin. 


35 


546 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


3 

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ANDREA  VACCA  BERLINGHIERI. 


547 


arzt    des     19.   Jahrhunderts    gik  (s.    Fig.    412).      Die    Stellung    der 
Figur    sowohl    wie    die   Autfassung    des    Relietschmuckes    sind  be- 


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wunderungswĂĽrdig;  namentlich  aut  dem  letzteren  faĂźt  der  KĂĽnstler 
frisch  in  das  Leben  und  zeigt  uns  Männer  und  Frauen  der  verschie- 


548  GRABDENKMALER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


denen  Stände,  denen  der  Arzt  geholfen.  Siemering  nahm  nicht  die 
Zuflucht  zur  Antike,  wie  es  der  größere  Künstler  B.  Thorwaldsen 
aut  dem  Campe  Santo  in  Pisa  bei  dem  kleineren  Augenarzte  tat, 
denn  des  Andrea  \'acca  Berlinghieri  Bedeutung,  des  Genossen 
Dupuytrens  und  des  SchĂĽlers  von  Hunter,  liegt  in  seiner  um- 
tassenden  Tätigkeit  auf  dem  weiten  Gebiete  der  Chirurgie.    Zahlreich 


Phot.  Alinari.     Florenz. 

Fig.  414-     Denkmal  von  Salvino  de  Armato  degli  Armati. 

(Des  angeblichen  Erfinders  der  Brillen.} 

sind  seine  Arbeiten  ĂĽber  das  Aneur_vsnia,  ĂĽber  den  Steinschnitt  und 
andere  Gebiete  der  groĂźen  Chirurgie.  War  es  nur  eine  allgemeine 
Allegorie  aut  die  heilende  Tätigkeit  dieses  großen  Arztes,  wenn 
Thorwaldsen  in  wundervoll  komponiertem  antikisierendem  Relief 
die  Geschichte  der  Tobiasheilung  vorfĂĽhrte,  oder  wollte  er  damit 
auf  eine  von  \'acca  angegebene  blutige  Lidoperation  zur  Heilung  der 
Trichiasis  anspielen  (s.  Fig.  413)?  Bei  der  Gelegenheit  werfen  wir  noch 
einen  kurzen  Blick  aut  den  einfachen  Erinnerungsstein  (im  Florentiner 


JOHANN  GOERCKE. 


549 


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'^ss^    \^      \^j^      <^      \^     \i^     >*^      ^^,      .„^      i^      ;;^      ;,^_^  Nag* 


0?-i^.-Phoi.   der  Akademie. 

F'g-  4>5-     Grabmonument  fĂĽr  Johann  Goercke  im  Garten  der  Kaiser-Wilhelms-Akadeniie. 

{1750— 1822.) 


350  GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN.  ® 

Kloster  Santa  Maria  Maggiore)  des  angeblichen  Erfinders  der  »Berilli«, 
des  Salvino  de  Armato  degli  Armati,  der  1817  starb  (s.  Fig.  414). 
Wir  treuen  uns,  durch  das  Entgegenkommen  Seiner  Exzellenz 
des  Generalstabsarztes  der  Armee  v.  Sc  h  j  erning  zwei  Denkmäler 
publizieren  zu   können,  welche,   in  sich  die  größten  künstlerischen 


Orig.'Phot.     Berlin. 

Fij,'.  416.     Grabdenkmal  für  den  Generalstabsarzt  Cothenius  (1708  —  17S9). 

Gegensätze,  zwei  um  die  Kriegsmedizin  verdiente  Männer  ehren: 
die  des  Cothenius  und  Jtihann  Goercke;  beide  zumal  noch 
Monumente  mit  Anlehnung  an  die  xAntike  stehen  in  den  Gärten  des 
neuen  Heimes  der  Kaiser-Wilhelms-Akademie.  Das  ältere  zeigt  uns 
die   trauernde   Medizin   an  der  Graburne  eines  ihrer  großen  Söhne. 


MILITÄRÄRZTE. 


551 


Der  Knabe  hält  den  Schlangenstab  wie  der  Tod  seine  Fackel,  und 
Hvgieia  deckt  traurig  den  Deckel  auf  die  Graburne.  Aut  dem 
anderen  aber  sehen  wir  in  strenger,  reiner  Form  ein  wundervoll 
komponiertes  Relief,  wie  es  einem 
antiken  Sarkophag  zur  Ehre  gerei- 
chen wĂĽrde.  Doch  der  PreuĂźen- 
helm, den  der  in  der  Mitte  stehende 
Krieger  und  Sieger  trägt,  verrät  die 
prophetische  Tendenz.  Auf  der 
einen  Seite  ist  hier  das  GetĂĽmmel 
der  Schlacht,  die  \'^erwundung,  ge- 
schildert; aut  der  anderen  das  Ab- 
tragen der  \'er\vundeten  und  ihre 
Pflege  durch  Militärärzte.  Die  Arzte 
des  preuĂźischen  Heeres ,  die  im 
Jahre  1823  ihrem  FĂĽhrer  diesen 
Erinnerungsstein  setzten,  konnten 
sich  selbst  nicht  schöner  ehren. 

GewiĂź,  die  letzten  Jahre  haben 
manche  verspätete  Ehrung  den  Ma- 
nen unserer  großen  Männer  gebracht; 
ich  erinnere  nur  an  das  Denkmal 
fĂĽr  S  e  m  m  e  1  w e  i  li ;  eine  internatio- 
nale Sammlung  machte  gieichtalls 
das  imposante  Pariser  Monument 
fĂĽr  P  a  s  t  e  u  r  zum  Gemeinbesitz  der 
Menschheit;  an  Finsens  Denk- 
mal denke  ich,  an  das  von  Da- 
niel s  e  n  in  Bergen  und  manche 
anderen,  doch  auch  an  das  noch 
fehlende  des  rheinischen  Johann 
Weier,  der  da  als  erster  Arzt  das  Schandmal  des  Hexenglaubens 
auswischen  wollte. 

So  dankenswert  es  wäre,  einmal  durch  eine  Rundtrage  die  Büsten 


Orig-Au/n. 
Berlin,   Kaiserin-Friedrich-Haus,   mediko-hist.  Abts- 

Fig.  417.     Kl.  vergoldete  Statuette  von 
Johann  L.  Schoenlein,  1793 — 1864. 


532 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


und  Porträtstatuen  der  hervorragenden  Mediziner  zu  sammeln  und 
zu  katalogisieren,  welche  sich  in  den  Universitäten  und  den  Ver- 
sammlungshäusern gelehrter  Körperschaften  belinden,  so  sehr  be- 
dauern wir  es,  hier  auch  noch  nicht  einmal  andeutungsweise  auf 
die  uns  persönlich  bekannt  gewordenen  Plastiken  dieser  x^rt  hinweisen 
zu  können.     Ich  will  nur  daran  erinnern,  daß  die  \'orarbeit  tür  diese 


.liiisterdtnji. 

l'ig.  41S.     C.  E.  Daniels. 

(Giiinder  des  medizin  histoiischen  Museums  in  Amsterdam.) 

Sammelarbeit  teilweise  vorliegt,  indem  z.  B.  die  Socictc  de  Chi- 
rurgie de  Paris,  icSöj — 1908  (durch  Lucian  Hahn  et  Hrnest 
Wickersheimer),  das  Roval  College  of  Surgeons  in  London 
(durch  Arthur  Keith),  die  Senckenbergsche  Stiftung  in  Frankfurt 
(durch  Ernst  Roediger)  ihren  Bilder- und  BĂĽstenbestand  heraus- 
gegeben haben. 

Diese  Arbeit  wäre  eine  würdige  Aufgabe  tür  ein  mcdizin-histo- 
risches    Institut.     Wir   wollen    hier  gewissermaĂźen    nur   als  Typus 


C.  E.  DANIELS. 


553 


solcher  Porträtbüsten  und  als 
verspätete  Ehrung  für  sein  Ju- 
biläum, die  Büste  des  Mannes 
abbilden,  welcher  als  erster 
ein  medizin-historisches  Mu- 
seum grĂĽndete  und  in  stiller 
Gelehrtenarbeit  die  Beziehun- 
oen  zwischen  Medizin  und 
Kunsthistorie  erforschte,  des 
holländischen  Arztes  und 
Historikers     C.    H.    Daniels 

(Fig.  4i8)- 

Zu  diesen  plastischen  Er- 
innerungen an  berĂĽhmte 
Ärzte  kommen  nun  noch 
gelegentlich  Denkmäler,  die 
an  bestimmte  \'orgänge  aus 
der  xMedizingeschichte  erin- 
nern sollen.  Ich  denke  z.  B. 
an  das  kleine  humoristi- 
sche Bronce-Denkmal')  der 
ersten  Berliner  Chlortitorm- 
narkose  von  \V.  Wolft.  Rie- 
sengroĂź ragt  ernst  die  Pest- 
säule in  Wien  aus  dem 
Häusergewirr  aut  dem  Gra- 
ben. Sie  erinnert  an  das  fĂĽr 
Wien  furchtbare  Jahr  1697 
mit  seinen  über  70000  zäh- 
lenden Opfern  der  Pest  (siehe 
Fig.  419). 

Das    Denkmal    lenners 


')  Original    im   Kaiserin-Friedrich- 
Haus,  mediko-hist.  .Sammlung. 


I-ig.  419.     Pestsäule  (1697)  in  Wien. 


334 


GRABDENKMÄLER  UND  ÄIONUMENTE  VON  ÄRZTEM. 


(1837)  auf  dem  Tratalgar  Square  ist  nicht  nur  eine  Personal- 
ehrung, sondern  gewissermaßen  auch  die  öffenthche  Anerkennung 
der  Impfung.  Diese  lieĂź  an  vielen  Stellen  Jenners  Standbild  er- 
stehen ^). 

Wo   aber    steht  das    Denkmal    der  Chirurgie,    des   inter- 
nationalen   Siegesdenkmals    ĂĽber    die    ĂĽberwundenen    Feinde    ope- 


Phct.  Alinari,     riitĂĽia. 

Fig.  420.     Das  Wappen  der  Medici. 

rativer  ^"erwundung,   der  Eiterung,   Blutung  und  der  schmerzlosen 
Operation  ? 

Der  Geschichte  der  Personalmedizin  entsprechend,  fand  auch 
die  der  großen  \'olkskrankheiten  ihre  numismatische  Verkörperung. 
Zahlreiche  Medaillen  wurden  geprägt  aut  die  verschiedenen  Cholera- 
und  Pestepidemien  in  den  verschiedenen  Städten  und  Ländern. 
Meist  dankbare  Erinnerungsmünzen  an  das  Erlöschen  der  Krankheit, 

■)  Siehe  auch  Montevcrdes  schönes  Denkmal  in  Genua,  Abbildung  s.  Holländer,  Karikatur 
und  Satire,  Seite  295. 


KAISER-VVILHELMS-AKADEMIE. 


555 


deren  frische  Prägung  oft  noch  nicht  abgegriffen  war,  als  eine  neue 
Epidemie   hereinbrach. 


F 


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— ^ 


Fig.  421.     Portal  der  Kaiser-Wilhclms-Akademie.  Berlin. 

Zum  SchlĂĽsse  unserer  Betrachtuno;en  wenden  wir  uns  noch  den 
allgemeineren  plastischen  S;^enen  aus  dem  weiten  Gebiete  der  Me- 
dizin zu,    den  Emblemen  und  dem  architektonischen  Schmuck  von 


556 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


Krankenhäusern  und  ärztlichen  Instituten.  Zum  Teil  ergaben  sich 
solche  in  höherem  Maße  und  reicherem  Flusse,  als  es  die  Ebbe 
unserer   Tage  und    die    NĂĽchternheit    unserer    heutigen    Kranken- 


Florenz. 


Fig.  422.     Das  Wappen  der  Medici. 


hausbauten  vermuten  läßt,  aus  dem  Schatze  der  antiken  plastischen 
Vergangenheit.  Aus  der  Antike  stammen  auch  heute  noch  wirksame 
und  allgemein    verständliche    Svmbolc.     Das    zeigt    auch    ein    Blick 


HOSPITALSCHMUCK. 


557 


auf  das  Portal  der  neuen 
Kaiser-Wilhelnis-Akade- 
miefür  das  militärärztliche 
Bildungswesen.  HĂĽtend 
und  stolz  bewachen  As- 
klepios  und  Hygieia  den 
Eingang  (s.  Fig.  421). 

Als  Hinweis  aut  ihre 
medizinische  Vergangen- 
heit finden  wir  da  na- 
mentlich in  Florenz  viel- 
fach das  Wappen  der 
Mediceer  (Fig.420u.422). 
Auf  glattem  Hintergrunde 
springen  sechs  rundliche 
Körper  vor,  welche  I^illen 
bedeuten  sollen.  Dieses 
deutliche  Zeichen  auf  die 
Herkunft  der  berĂĽhmten 
Familie  läßt  sich  aber 
nicht  bis  in  die  letzte  Kon- 
sequenz beweisen.  Hier 
spielt  die  mĂĽndliche  Ăśber- 
lieferung die  Hauptrolle. 
Eine  weitere  StĂĽtze  aber 
fĂĽr  diese  heraldische  fin- 
den wir  in  der  Tatsache, 
daĂź  auch  die  Heiligen 
der  Medizin  die  Heiligen 
der  Familie  sind.  Wir 
sahen  ja  die  Statuen  des 
Kosmas  und  Damian  im 
Bilde,  die  tĂĽr  das  (Grab- 
mal   eines    der   berĂĽhm- 


358  GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN.  ® 

testen  Söhne  der  Mediziner-Familie  bestimmt  waren.  Ihr  Wappen 
nimmt  die  grandiose  Form  erst  an,  nachdem  ein  Familienmitglied 
das  Pontitikat  erlangte  (Fig.  422). 

Noch  ein  anderes  Wappen  erwähnen  wir,  welches  in  seiner  Ein- 
fachheit harmonisch  stilisiert  ist:  das  der  Kirche  und  des  Hospitals 
Santa  Maria  Nuova  zu  Florenz,  welches  Wappen  ĂĽberall  ĂĽber 
TĂĽren  und  Fenstern  sich  wiederholt.  Ein  Kreuz  in  der  Form 
einer  KrĂĽcke. 

Der  fraglos  berühmteste  und  schönste  Schmuck  eines  Hospitals  mit 
Hinweis  aut  den  Inhalt  und  Zweck  des  Hauses  bildet  der  berĂĽhmte 
Fries  della  Robbias  in  Pistoia  am  Ostpedale  del  Ceppo.  Er  stellt 
das  Hauptwerk  Giovannis  della  Robbia  (1469 — 1329)  dar.  Hören 
wir,  was  Jakob  Burckhardt  in  seinem  Cicerone  von  dieser  Arbeit 
sagt.  »Der  Fries  mit  den  Werken  der  Barmherzigkeit,  hier  von 
Ordensleuten  ausgeübt,  zeichnet  sich  durch  gute  dramatische  Erzäh- 
lungen in  hgurenreichen  Szenen  aus.  In  dieser  späten  und  im  Aufbau 
und  naturalistischer  Durchbildung  schon  weit  hinter  Luca's  Arbeiten 
zurückstehenden  Kompositionen  kann  man  noch  die  Mäßigung  in 
der  \'ielfarbigkeit  erkennen.  Konsequenz  der  Färbung  war  ferner  das 
Verzichten  auf  allen  landschaftlichen  und  sonstigen  perspektivischen 
Hintergrund,  der  ohne  große  Buntheit  nicht  wäre  anzubringen  ge- 
wesen. Ăśberhaupt  ist  diese  Arbeit  fast  ebenso  wichtig  durch  das, 
was  die  KĂĽnstler  mit  weisem  Bedacht  weglieĂźen,  als  durch  das 
was  sie  gaben.  Das  italienische  Relief  ist  rein  von  sich  aus  hier 
dem  griechischen  näher  gekommen,  als  irgendwo  mit  Hilte  römischer 
\'orbilder.((  Das  Detail  der  Pilgerautnahme  vom  Fries  zeigten  wir 
bereits;  während  in  den  Zwickeln  die  vier  Wappen  des  Hospitals 
der  Stadt  Pistoia  und  der  Medici  sich  befinden  (s.  Fig.  420),  zieht 
ein  rundes  Rehetband  sich  von  der  linken  Schmalseite  ĂĽber  der 
Loggia  bis  an  die  rechte  Ecke.  Zwischen  den  Pilastern  stehen 
Einzelfiguren  und  zerlegen  das  breite  Band  in  sechs  Abschnitte.  Gio- 
vanni hat  die  Arbeit  nicht  vollenden  können,  die  letzte  Szene  wurde 
1383  von  Paladini  in  bemaltem  Tone  hergestellt,  da  die  Technik 
des  Glasurbrandes  nicht  mehr  ausgeĂĽbt  wurde.    Der  F'ries  umfaĂźt  die 


HOSPITALSCHMUCK. 


559 


Bekleidung  der  Nackenden,  die  Pilgerautnalime,  Krankenheilung,  Ge- 
fängnisbesiich,  Sterbetrost,  Speisung  und  Tränkung  der  Hungernden. 
In  mehr  oder  weniger  lebendigen  Szenen  vollzieht  sich  diese  Schilde- 
rung an  die  hundert  Einzelfiguren.  Auch  Paul  Seh  ubring,  der  das 
Werk  von  Luca  della  Rt)bbia  und  seiner  Familie  bearbeitete'),  findet, 
daĂź  von  diesen  Reliefs  die  bestgelungenen  diejenigen  sind,  welche  uns 
gerade  am   meisten   interessieren  (s.  Fig.  423).     Er  sagt  von  ihnen 


Orig  .-An/n. 


Fig.  424.     Portal  des  Elisalicth  Krankenhauses  in  Haarler 


folgendes:  »Links  stehen  die  Betten  Nr.  19  und  Nr.  20.  Sie  sind 
doppelt  numeriert,  um  Irrtümer  zu  vermeiden.  Zwei  Ärzte  sind 
um  den  Kranken  tätig,  dessen  Puls  gefühlt,  dessen  ^\'asser  kontrolliert 
wird.  Ein  Assistent  schreibt  die  kiebertemperatur  auf,  der  Kranke 
im  Bett  Nr.  19  wird  eben  aufgerichtet,  weil  seine  Kopfwunde  ge- 
waschen werden  soll.  l:s  scheint  schlimm  zu  stehen,  das  deuten 
die  Gebärden  der  Mittelfiguren  an.     Sicher  sind  hier  viele  Porträts 

')  Paul   Schubring,    Luca  della  Robbia  und  seine  Familie.    Velhagen  &â–   Klasing,   1905. 


560 


GRABDENKaiÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


versteckt.  Der  Heilige,  dessen  FĂĽLk  gebadet  werden,  wird  der 
Pilger  Jacobus  Major  sein.«  Hierzu  möchten  wir  noch  folgende 
Bemerkung  machen.  Der  KĂĽnstler  hat  hier  offenbar  die  innere  und 
die  äußere  Medizin  charakterisieren  wollen.  Die  äußere  svmbolisierte 
er  durch  die  Schilderung  einer  Kopfverletzung.  Der  junge  Mensch, 
der  diese  erhalten  hat,  ist  dabei  lamos  dem  Leben  abgelauscht.    Er 


Fig.  425.     Portal  vom  Haarlemer  Barbara-Krankenhaus. 


Ori^.-Aujtu 


StĂĽtzt  sich  auf  den  linken  x\rm,  mit  der  Rechten  die  untersuchende 
Hand  des  Arztes  kontrollierend,  um  diese  im  Momente  des  Schmerz- 
empfindens zurĂĽckzustoĂźen.  Daneben  steht  ein  Dienender  mit  einer 
WaschschĂĽssel.  Die  innere  Medizin  zeigt  die  zwei  groĂźen  diagnosti- 
schen Waffen  der  damaligen  Zeit,  das  PulsfĂĽhlen  und  die  Urinschau. 
Die  Gesichter  der  beiden  untersuchenden  Ärzte  sind  offenbare  Porträts; 
der   den  Urin  betrachtende  Kollege   eine   damals   bekannte  Person- 


HOSPITALSCHMUCK. 


s6i 


lichkeit,  die  man  schon  an 
ihrem   HĂĽftleiden  wieder- 
erkannte.    Die  Zwischen- 
szene wird  ausgefĂĽllt  durch 
SchĂĽler,  welche  in  einem 
Buche  ĂĽber  Lkn  Fall  nach- 
lesen.    Das  »x-^ufschreiben 
der  Fieberten! peraturcc  \-on 
Schubring  ist  nicht  so  ganz 
wörtlich  zu  nehmen.  Ganz 
so    vorgeschritten     waren 
damals  die  Kollegen  in  der 
Dependence  der  Santa  Maria 
Nuova   von  Florenz  noch 
nicht,  das  dauerte  noch  ein 
paar    hundert    Jahre;     da- 
gegen    disputierte     schon 
damals,    wie    es  den  An- 
schein   hat,    der  \'orstand 
des     Hospitals     mit     den 
Ärzten. 

Die    ganze   Geschichte 
unserer  heimischen  Kran- 
kenhäuser erklärt   es,    daß 
wir     aul"    solch     schönen 
plastischen  Schmuck,    wie 
er  sich  jenseits  der  Alpen 
findet,  wenig  rechnen  kön- 
nen.    Was    ich    fand,    ist 
ĂĽberaus    dĂĽrftig  und    ent- 
spricht   z.  B.    dem    unbe- 
deutenden und  steifen  Gie- 
belsteine, den  man  aus  der 
alten  Charite  pietätvoll  mit 

Holländer,  Plaslik'und  Medizin. 


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j62  GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN.  ® 

herĂĽbergenommen,  um  ihn  in  die  Fassade  der  neuen  medizinischen 
KHnik  in  Berlin  einzubauen.  Ein  zumal  an  einem  Krankenhause 
ziemlich  ĂĽberflĂĽssiger  Hinweis  auf  die  Geburt  und  den  Tod. 
Konnte  man  den  geängstigten  Kranken,  welche  hoffnungsvoll  der 
HospitaltĂĽr  zustreben,  nicht  etwas  Ermutigenderes  bieten?  Denn 
ĂĽbertriebenen  Sinn  fĂĽr  die  Historie  werden  dieselben  in  diesem 
Momente  kaum  fĂĽhlen! 

Es  erinnert  dieser  Charitc-Schmuck  einigermaĂźen  an  die  Supra- 
porte des  St.  Elisabeth-Krankenhauses  in  Haarlem,  aut  welcher  der 
Transport  eines  Kranken  oder  gar  eines  Toten  in  dieses  alte  »Gast- 
haus« recht  realistisch  geschildert  wird  (s.  Fig.  424).  Im  Gegen- 
satz hierzu  macht  die  Plastik  des  Haarlemer  Barbara-Krankenhauses, 
welche  gleichfalls  Kollege  Daniels  so  freundlich  war  fĂĽr  mich 
photographieren  zu  lassen  (Fig.  423),  einen  gemĂĽtlicheren  und 
vertraulicheren  Eindruck.  Wir  sehen  da  in  die  Räume  des  Kranken- 
hauses hinein  und  in  die  Logen,  in  denen  die  l^atienten  liegen;  vor 
ihnen  sitzen  besuchende  Verwandte  oder  auch  behandelnde  Ärzte. 
Ein  solcher  Einblick  in  ein  Haus  gibt  dem  Ängstlichen  Mut  zum 
Eintritt.  Der  interessanteste  dieser  holländischen  Giebelsteine  ent- 
stammt dem  früheren  Städtischen  Krankenhause  in  Dordrecht,  »des 
Gast-  und  Siechenhauses  in  der  Fischstraße  aus  dem  Jahre  1372« 
(Fig.  426).  Auf  diesem  hochinteressanten  Relief  sehen  wir  den 
Weg  ins  Krankenhaus  geschildert.  Um  zwei  Hauptgruppen  herum, 
der  einer  getragenen  Frau  und  der  eines  Mannes,  dessen  linker 
Arm,  wie  es  scheint,  gebrochen  ist,  gruppieren  sich  Amputierte, 
Gelähmte,  welche  sich  an  Krücken  und  mit  eigenartigen  \'erband- 
vorrichtungen  zum  Arzte  begeben.  Der  Vergleich  mit  dem  italie- 
nischen Relief  zeigt  die  rein  malerische  Behandlung  des  plastisch 
unvollkommeneren  Technikers  mit  einer  gewissen  Innigkeit  des 
GefĂĽhls. 

Dieser  immerhin  interessanten  Schilderung  der  KrankenfĂĽrsorge 
und  des  Krankentransportes  aus  dem  16.  Jahrhundert  gegenĂĽber 
fällt  der  Eingang  des  St.  Pieters  Gasthuis,  einer  Arbeit  des  Jan 
van  Luchterus,  1736,  mit  der  akademischen  Krankenallegorie  ab 


KRANKENHAUSPORTALE. 


563 


(Fig.  427).  Der  Vollständigkeit  wegen  zeigen  wir  noch  _  den 
hĂĽbschen  Torgang  des  alten  Dordrechter  Pesthauses  vom  Heiligen 
Geist  (Fig.  428). 

Gelegentlich  gilt  es  und  galt  es,  unter  den  KĂĽnsten  und  Wissen- 
schatten auch  die  Heilkunst  allegorisch  darzustellen.  Namentlich  die 
FrĂĽhrenaissance  schmĂĽckte  mit  solchen  meist  korrespondierenden  Fi- 


Fig.  427.     Portal  des  St.  Pieters  Gasthuis  (1736). 


guren  ihre  Gebäude.  Auch  die  sogenannten  Kleinmeister  liebten  es, 
Serien  zu  stechen  von  symbolischen  Figuren,  welche  aus  der  Vor- 
stellung abstrakter  Begriffe  genommen  waren;  so  z.  B.  der  acht 
theologischen  und  moralischen  Tugenden.  In  der  Mehrzahl  dieser 
wird  unter  den  Folgen  sowohl  der  Wissenschaften  als  auch  der  KĂĽnste 
oder  der  Gewerbebetriebe  die  Heilkunst  vergessen.  Es  liegt  dies 
daran,  daß  eine  allgemein  verständliche  und  naheliegende  Personi- 


564 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


fizierung,  wie  z.  B.  bei  der  Justiz,  fehlt;  da  wo  sie  aber  wirklich 
einmal  dargestellt  wird,  wird  ihre  Deutung  oft  verkannt  und  ist 
sie  in  Wirklichkeit  auch  zweifelhaft.  Ein  gutes  Beispiel  fĂĽr  diese 
Behauptung  bietet  die  Skulptur  des  Florentiner  Domes.  Da  sind 
am    berĂĽhmten    Campanile   aus    der    Schule    des    Andrea  Pisano 


Fig.  42S.     Eingang  zum  alten  Pesthaus  vom  Heiligen  Geist  in  Dordrecht. 

allegorische  Figuren  rings  um  den  Glockenturm  angebracht,  die 
gewissermaßen  eine  Enzyklopädie  menschlicher  Betätigungen  geben. 
Unter  diesen  Figuren  von  Frauen  sind  zwei,  welche  als  Arithmetik 
und  als  Strafrecht  angesprochen  werden. 

Die  jus  penale  genannte  Allegorie  zeigt  eine  ernste,  geradeaus- 


ALLEGORIE. 


563 


schauende  Frauenfigur  mit  Schleier  und  Mantel,  welche  in  der 
rechten  Hand  eine  riesige  Schere  hält.  Es  ist  immerhin  die  Mög- 
lichkeit einer  Vorstellung,  daĂź  mit  dieser  Symbolik  das  Recht  des 
Abschneidens  des  Lebensfadens  angedeutet  werden  sollte.  Die  Arith- 
metik genannte  Frauenfigur  mit  jugendlicherem  Habitus  liest  in  einem 
großen  Buche,    welches  sie  in  der  linken  Hand    hält,    während   sie 


Schnlf  dfs  risanfl. 

Fig  429-     Allegorie  auf  die  Heilkunst  [':)  am  Florentiner  Glockenturm. 

in  der  rechten  Hand  eine  große  Zange  hält  (Fig.  429).  Der  Aus- 
druck ihres  Gesichtes  ist  im  Gegensatz  zu  der  vorhergehenden  ein 
entschieden  liebenswürdiger.  Man  könnte  immerhin  daran  denken, 
daĂź  der  KĂĽnstler  mit  dieser  Frauenfigur  die  Heilkunde  personifizieren 
wollte.      Am    Sockel    sind    nun    aber   Szenen    plastisch    ausgefĂĽhrt, 


s66 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


welche    die  verschiedenen  Tätigkeiten  ausdrüclien.     Unsere  Abbil- 
dung (s.  Fig.  430)   zeigt   nun   eine  Szene,   welche  die  Bezeichnung 


Florentiner  Catitpattile 


Fig.  430.     Ärztliche  Kunst. 


»L'Arte  ceramica«  führt.     Diese  Auflassung  aber  ist   eine  durchaus 
irrtümliche,    und   es   sollte   ohne   jeden   Zweifel   hier   ärztliche   Be- 


BEHANDLUNG.     HEILUNG. 


567 


handlung  dargestellt  werden.  Da  sit/ct  auf  seinem  gotischen  Stuhle 
der  Doktor,  dessen  Antlitz  vielleicht  ein  Porträt  darstellt,  in  seiner 
Arbeitsstube  und  betrachtet  mit  einer  Geste,  die  eine  der  typischsten 
geworden  ist  und  die  sich  jahrhundertelang  bis  in  die  holländische 


Florenz^  Baptisterinm, 


Y'v.  431.     Heilung  von  Andrea  Pisano. 


Malerei  erhalten  hat,  als  Ausdruck  ärztlicher  Diagnostik  den  Urin. 
Zu  dem  Arzte  kommen  mehrere  Personen,  welche  in  der  Hand 
die  Tragkorbchen  halten,  in  denen  die  Urinflaschen  aufbewahrt 
waren.     Wir  zeigten,  daĂź  in  dieser  Urinschau  nicht  nur  die  ganze 


5  6S  GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN.  ® 

diagnostische  ärztliche  Tätigkeit  sich  äußerte,  sondern  daß  die  Ärzte 
auch  noch  allerlei  Keusches  und  Unkeusches  aus  der  Beschaffenheit 
des  Sekretes  herauslasen.  Darauf  deutet  aber  beinahe  die  im 
Vordergrunde  stehende  jugendliche  Person  hin,  welche  mit  ängst- 
lichem, erwartungsvollem  Blick  zusieht  und  den  Orakelspruch  er- 
wartet. Die  Geste,  mit  der  sie  auf  eine  im  Hintergrunde  stehende 
Frau  weist,  will  vielleicht  ausdrĂĽcken,  daĂź  der  Inhalt  des  unter- 
suchten Glases  gar  nicht  von  ihr  sei.  Als  weitere  Staffage  sehen 
wir  noch  eine  Jugendliche  und  eine  Matrone,  deren  Geheimnis 
noch  im  Körbchen  steckt;  auf  zwei  Etageren  sind  in  vielgestaltigen 
Flaschen,  welche  Veranlassung  zur  falschen  xA.uslegung  gaben, 
allerlei  Salben  und  Medikamente  dieses  Arztes  aus  dem  14.  Jahr- 
hundert aufbewahrt. 

Ähnliche  Embleme  finden  wir  auf  den  Kirchentüren.  Die  Bronze- 
tür vom  Südportal  des  Battisterio  in  Florenz  zeigt  uns  in  schöner 
gedrängter  Form  die  Fleilhandlungen  an  Kranken  (s.  Fig.  431}. 
Der  der  Gruppe  von  Gelähmten  und  Gichtbrüchigen  in  der  Pose 
des  Redenden  GegenĂĽberstehende  und  sie  alle  etwas  ĂĽberragende 
Johannes  ist  ein  Meisterwerk  des  Andrea  Pisano.  Diese  Beispiele 
mögen  genügen  als  Ausdruck  der  in  jener  Zeit  beliebten  Relief- 
darstellungen, welche  gewissermaĂźen  das  ganze  heilige  und  profane 
l'un  der  Menschen  schildern.  Der  Unterschied  dieser  plastischen  Er- 
zählungen zwischen  der  antiken  und  christlichen  Svmbolik  ist  von 
großem  Interesse.  Burckhardt^)  präzisiert  in  seiner  überzeugenden 
Anschauung  und  Darstellung  diesen  ungefähr  folgendermaßen:  »Die 
christliche  Symbolik  ist  nicht  volkstĂĽmlichen  Ursprungs,  nicht  mit 
der  Religion  und  mit  der  Kunst  von  selbst  entstanden  wie  die 
antike,  sondern  durch  Kombination  und  Abstraktion  Gelehrter  und 
Wissender  aus  den  verschiedensten  Stellen  der  Bibel  gewonnen. 
Schon  deshalb  hat  sie  nur  eine  bedingte  GĂĽltigkeit  in  der  Kunst 
erreicht.«  Prüfen  wir  den  Inhalt  dieser  Behauptungen,  so  erkennen 
wir  ihre  Richtigkeit  und  ihre  Tiefe  an  dem  von  uns  selbst  bei- 
gebrachten Material.    Wir  sahen,    wie   die  Attribute  des  Heilgottes 

')  Jakol)  B  11  rcUhard t ,  Der  Cicerone,   1904. 


EMBLEME. 


569 


nicht   der  Idee    eines   begabten   KĂĽnstlers   entsprangen,   auch   nicht 
die  Inkrustation  einer  Erzählung   bedeuteten,   sondern   daß  sie  all- 
mählich mit  der  Gottheit   zugleich   geboren   wurden   und   aus  sich 
heraus    plastische    Form    annahmen.      Erdständige,    allmählich    ge- 
wachsene Formen  und  Begriffe,  deren  Deutung  sogar  und  richtige 
Auffassung  zeitweilig   verloren    ging,    deren 
innige  Verbindung  aber  als  nun  einmal  be- 
stehend hingenommen    wurde   als    offizielles 
Beiwerk.    So  sehen  wir  auch,  daĂź  diese  nicht 
ergrĂĽbclten,    sondern    gewachsenen  Vorstel- 
lungen   die    Zeiten    ĂĽberdauerten    und    heute 
noch  so  populär  sind,  heute  noch  im  Wilks- 
bewuĂźtsein  den  Begriff  versinnbildlichen.    So 
hat  es  auch  gar  keinen  Sinn,  heute  fĂĽr  die 
Heil  Wissenschaft  und  -kunst  neue,  geistvoll 
komponierte  Allegorien  zu  suchen ;  sie  wer- 
den  keinen   festen    FuĂź   fassen    und    in    das 
VolksbewuĂźtsein   so  wenig  eindringen,    wie 
die  zahllosen  Attribute  der  Heiligen,  zu  deren 
Enträtselung    man   ein  Codebuch   zur  Hand 
haben   müßte.    \\\is  wir  aber  verlangen  kön- 
nen,  ist,    daĂź  die  KĂĽnstler  und  Architekten 
bei     ihren     archäologischen    Anleihen     sich 
keine  groben  orthographischen  Fehler  dieser 
Kunstsprache  zuschulden  kommen  lassen.  Das 
Studium    unseres   Illustrationsmaterials    wird 
hoffentlich,  fĂĽr  diesen  Zweck  verwandt,  gelegentlich  Anreo-uno-  oeben 
Eine  Fundgrube   fĂĽr   oft   originelle  Gedanken   auf  dem  Gebiete 
der   Emblemkunst   sind   die    Exlibris.      Die   Zusammenstellung   der 
Ärzteexlibris  durch  Henrv  Andre')    aber  zeigt,    daß   eine   medi- 
zinische Heraldik  versagt,  und  daĂź  es  den  Wenigsten  geglĂĽckt  ist, 
dem  ärztlichen  Wesen  einen  durchsichtigen  allegorischen  und  dabei 
kĂĽnstlerischen  Ausdruck  zu  geben. 


l'r.-f^.-A,,/,!. 

Berlin .    Kiiiseriu-FyiedriLh-llaus. 

Fig.  432.     Prozessionsstange 
der  Gilde  der  Gugelmänner. 

SĂĽddeutsche  Hu]z_-,kiilptur. 


')  Henry   .Andre-,   Les  Ex-Libris  de  mcdecins,  Paris  190S. 


570 


GRABDENKMÄLER  UND  MONUMENTE  VON  ÄRZTEN. 


Schließlich  gehörte  der  Arzt  doch  zu  den  Gewerbetreibenden.  Ver- 
o^eblich  suchte  ich  nach  Schildern  und  plastischen  Gildezeichen  fĂĽr  das 


Orlg.-Aufn.     I.cndm,  Museum  des  Royal  College  ef  Surgeoiis. 

Fig.  433.     Aushängeschild  eines  Chirurgen,  1623. 

Heilpersonal;  es  haben  sich  solche  fĂĽr  die  Bader  und  die  niederen 
Ano-ehöriiren  des  Heilstandes  in  Deutschland  wohl  kaum  noch  er- 
halten.     Da"eo;en   kennen'  wir    das  Aussehen   mancher  Bader-  und 


®  AUSHÄNGESCHILD.  r  n  i 

Chirurgenwappen  und  ihrer  Fahnen  aus  Abbildungen  und  BĂĽchern. 
Meist  waren  die  Zeichen  ihres  Handwerkes  auf  den  Wappen  an- 
gebracht. Die  äkesten  Wappen  der  Londoner  Barbierchirurgen- 
gilde hatten  z.  B.  drei  Rasiermesser  im  Schilde  (The  Annais  of  the 
Barber-Surgeons  of  London  by  Austin  Joung),  andere  wieder  die 
AderlaĂźbinde  und  einen  Vogel,  im  Museum  des  Royal  College  of 
Surgeons  of  England  fand  ich  ein  altes  interessantes  Aushängeschild 
eines  Arztes  vom  Jahre  1623  (s.  Fig.  433).  In  der  Mitte  steht  in  \-oller 
Größe  vor  seiner  Apotheke  der  Medikus  mit  Radmantel,  Pumphosen 
und  groĂźer  MĂĽhlsteinkrause.  Um  ihn  herum  zeigt  die  Schnitzarbeit 
die  Proben  und  die  Leistungen  seiner  Kunst,  mit  auffallenden  Farben 
dekoriert.  Zuoberst  links  ein  Aderlaß;  an  der  Wand  hängt  ein  leder- 
nes Instrumententutteral,  darunter  sieht  man  einer  Amputation  zu, 
die  sehr  gemĂĽtlich  hergeht  und  demnach  gar  nicht  so  schlimm  ist, 
wie  die  Leute  glauben.  Das  Zahnziehen  ist  eine  reine  Freude  bei  des 
Arztes  Geschicklichkeit,  ebenso  wie  das  Einrenken  der  Schulter  und 
die  Behandlung  der  bösen  Brust.  Xur  in  einem  Punkte,  auf  dem 
zuletzt  dargestellten  Bilde,  geht  der  Doktor  scharf  vor;  er  glaubt 
nicht  ohne  weiteres  den  Beteuerungen  über  Zahlungsunfähigkeit  und 
untersucht  die  Taschen  auf  metallischen  Inhalt  persönlich.  In  der 
Mitte  ĂĽber  ihm  ist  die  innere  Medizin  zur  plastischen  Darstellung 
gebracht.  Diesmal  hat  der  Doktor  den  langen  Rock  der  Akademiker 
angelegt,  wozu  natĂĽrlich  ein  Privileg  erforderlich  war.  In  einem 
Bette  mit  zurĂĽckgezogenen  Gardinen  liegt  eine  Kranke.  Der  Arzt 
ist  bei  der  Ui inschau.  Aber  er  scheint  nicht  viel  von  der  Krank- 
heit zu  halten ,  denn  die  Bewegung  seiner  rechten  Hand  drĂĽckt 
eine  stumme  Resignation  aus,  und  chirurgische  Eingriffe  werden  auch 
besser  bezahlt.  Darunter  aber  steht  gewissermaĂźen  als  unter- 
strichene Empfehlung  an  die  Leser  das  goldene  Wort  von  Jesus 
Sirach : 

Aliissimus  creavit  de  terra  Medecynam 
et  vir  prudens  non  abhorrehit  illam. 


LITERATUR-  UND  QUELLENVERZEICHNIS. 

Siehe  auĂźerdem  die  FuĂźnoten  und  die  literarischen  Textangaben. 


Paul  R  i  c  li  e  r ,  L'art  et  la  medecine.  Paris,  Gaultier,  Magnier  et  Co.  Ohne 
Jahreszahl  (1901). 

P  1  0  ß  -  B  a  r  t  e  1  s,  Das  Weib  in  der  Natur-  und  Völkerkunde.     Leipzig  1902. 

Graf  W  0  I  f  f  Wilhelm  B  a  u  d  i  s  s  i  n,  E  s  h  m  u  n  -  A  s  k  1  e  p  i  o  s,  Fest- 
schrift fĂĽr  NĂĽldeke. 

Wilhelm  Freiherr  von  Landau,  Vorläufige  Nachrichten  über  die  im 
E  s  h  m  u  n  -  T  e  m  p  e  I  bei  Sidon  gefundenen  phönikischen  A  1  t  e  r  t  ü  m  e  r. 
Mitteilungen  der  Vorderasiat.   Gesellsch.   1904,   Heft  5. 

Friedrich  Küchler,  Beiträge  zur  Kenntnis  der  a  s  s  y  r  i  s  c  h  -  b  a  b  y- 
Ionischen  Medizin.  Ăśbersetzung  und  Kommentar.  Leipzig  1904.  (Ab- 
bildung assyrisch-babylonischer  Keilschrifttafel  n.) 

Karl  Frank,  Babylonische  Beschwörungsreliefs.  Leipziger  semitische  Studien. 
Leipzig   1908. 

Paul  Rocher,  Sur  quelques  caracteres  anatomiques  des  jambes  des  Statues 
egyptiennes.     Revue  de  l'ecole  d'Anthropologie.     Februar  1903. 

Rudolf  Herzog,  Aus  dem  Asklepieion  von  Kos.  Archiv  fĂĽr  Religionswissen- 
schaft 1907.  X. 

I.  N.  S  V  0  r  0  n  0  s.  Das  Athener  Nationalmuseum.   Athen  1908.    Deutsch  von  Barth. 

M.  Bieber,  Attische  Reliefs  in  Kassel.  Mitteilungen  des  Kaiserl.  Deutschen  Archäolog. 
Inst.,  Athen.  Abt.  1910,  Band  35. 

W.  D  ö  r  p  f  e  I  d,  P.  J  a  c  o  b  s  t  h  a  1,  P.  S  c  h  a  z  m  a  n  n,  Bericht  über  die  Ar- 
beiten zu  Pergamon  1906/07.  Mitteilungen  des  Kaiserl.  deutschen  Archäolog. 
Inst.,  Athen.  Abt.,  Band  33.    (Asklepiosdarstellungen.) 

Julius  Zieh  e  n,  Studien  zu  den  Asklepiosreliefs.  Mitteilungen  des  Kaiserl. 
Deutschen  Archäolog.  Inst.,  Athen.  Abt.    1892,   Band   17. 

S  c  h  w  a  r  t  z,  Die  altgriechischen  Schlangengottheiten.  Programm  des 
Friedrich  Werderschen  Gymnasiums  1858. 

F.  von  Duhn,  „Griechische  Reliefs,  gefunden  in  den  Ausgrabungen  der  Archäolog. 
Gesellschaft  am  SĂĽdfuĂź  der  Akropolis",  enthaltend  die  Beschreibung  der  Votiv- 
reliefs  an  Asklepios.    Archäologische  Zeitung.     Berlin  1877. 

Paul  L  a  m  b  r  0  s,  Münzen  der  Insel  Amorgos.  Archäologische  Zeitschrift,  heraus- 
gegeben von  der  Altertumsgesellschaft  in  Athen.  Besprochen  in  der  Numis- 
matischen Zeitschrift  IL    Wien  1870. 

K.  IL   I.     Aa;j.~f>oc,  IlzrA  or/.'jöjv  v.al  i'.y.'A'jZMC  na,oä  tolc  äo/aioir.     Aö-f^vat   1S95. 

Otto  Keller,  Tiere  des  klassischen  Altertums  in  kulturhistorischer  Beziehung. 
Innsbruck  1887.    (Es  fehlen  Schlange,  Hahn  usw.) 

Aravantinos,  Asklepiaka  bei  W.  D  r  u  g  u  1  i  n.    Leipzig  1907. 

Amelung,  Archiv  fĂĽr  Religionswissenschaft  1905.  VIII. 

0.  R  0  Ăź  b  a  c  h.  Das  Dianaheiligtum  in  Nemi.  Verhandl.  deutscher  Philol.  imd 
Schulmänner.    Görlitz  1890. 

Ludovicus  Scheue  k.  De  Telesphoro  Deo.     Inaug.-Diss.     Göttingen  1888. 


LITERATUR-  UND  QUELLENVERZEICHNIS.  r  n  , 


0.  J  a  h  n,  Ăśbur  Darstellungen  antiker  Reliefs,  welche  sich  auf  Handwerk  und  Handels- 
verkehr beziehen.   Abhandl.  der  Königl.  Sächsischen  Gesellschaft.    Leipzig  1861. 
Pausanias,  Beschreibung  von  Griechenland.     Aus  dem  Griechischen  ĂĽb'ersetzt 

von  Dr.  J.  H.  Chr.   Schubart.     Langenscheidtsche  Verlagsbuchhandlung. 
Julius  H  i  r  s  c  h  b  e  r  g,  Hellasfahrten.    Veit  &  Co.,  Leipzig  1910. 
P  a  n  0  f  k  a,  Asklepios  und  Asklepiaden.    Abhandl.  der  Königl.  preußischen  Akad. 

der  Wissenschaften.     Berlin   1845. 
P  a  n  0  f  k  a.  Die  Heilgötter  der  Griechen.    Abhandl.  der  Königl.  preußischen  Akad. 

der  Wissenschaften   1843. 
F.  G.  Welcker,  Kleine  Schriften.    Zu  den  AltertĂĽmern  der  Heilkunde.    Bonn  1850. 
P  a  u  1  W  0  1  t  e  r  s,  Darstellungen  des  Asklepios.   Mitteilungen  des  Kaiserl.  deutschen 

Archäolog.  Inst.,  Athen.  Abt.  1892,  Band  17. 
J.  Z  i  e  h  e  n,   Studien  zu  den  Asklepiosreliefs.    Mitteilungen  des  Kaiserl.  deutschen 

Archäolog.  Inst.  Athen.  Abt.    1892. 
Petersen,   Der   Sarkophag  eines  Arztes.      Mitteilungen   des   Kaiserl.   deutschen 

Archäolog.  Inst.  Rom.  Abt.,  Band  15.     Rom  1900. 
T  h.    B  a  u  n  a  c  k,    Inschriften   aus   dem   Kretischen  Asklepieion.     Philologus  1890. 
F.  von  D  u  h  n,  Archäologische  Zeitung  1877. 
L.  von  Sybel,  Archäologische  Zeitung  1877. 
Röscher,  Lexikon  der  griechischen  und  römischen  Mythologie.   („Asklepios"  von 

Thraemer.) 
C  1  a  r  a  c,  Musee  de  Sculpture. 
Aristophanes,  Plutos. 

PauIGirard,  L'Asclepieion  d'Athenes  d 'apres  de  recentes  decouvertes.   Paris  1882. 
L  ö  w  e.  De  figura  Aesculapi.    Diss.   Straßburg  1887. 
F.  Andry,  Gazette  medicale  de  Paris  1850.    (Attribute  des  Gottes.)    „Une  visite 

medicale  au  musee  des  antiques." 
M.  Ho  1  I  ä  n  d  e  r,  De  Anaglyphis  sepulcralibus  graecis,  quae  coenam  repraesentare 

dicuntur.     Diss.  Berlin   1865. 
S  t  i  e  d  a,    Anatomisches   ĂĽber   altitalische  Weihgeschenke.     Bonnet-Merkels    Ana- 
tomische Hefte  1901,  Band   15—16. 
Alexander,   Zur   Kenntnis   der   etruskischen   Weihgeschenke.      Bonnet-Merkels 

Anatomische  Hefte  1905.     Band   30. 
R  e  i  s  c  h,  Griechische  Weihgeschenke.    Abhandl.  des  archäologisch-epigraphischen 

Seminars  der  Universität  Wien   1890,   Heft  8. 
A.  K  r  0  n  f  e  I  d,  Beiträge  zur  Geschichte  der  Medizin.   Wiener  medizinische  Wochen- 
schrift 1910. 
Luigi     Sambon,    Donaria    of    Medical    Interest    in    the    Oppenheimer   Collec- 
tion  of  Etrurian  and  Roman  Antiquities.    British  Medical  Journal.    July  1895. 
Ed.  P  e  r  g  e  n  s,  Oreilles  artificielles  et  oreille  en  bronce  de  l'ancien  Eevpte  '   lanus 

1909. 
Hugo  Magnus,    Die    plastische    Auffassung    der    Gebärmutter    in    der 
Volksmedizin.       Mitteilungen    der    Schlesischen    Gesellschaft    fĂĽr    Volkskunde, 
Heft   15.     Breslau   1906. 
Felix  R  e  g  n  a  u  1  t,  Les  Maladies  des  Yeux  dans  L'Art  antique.    La  Presse  Medi- 
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M  0  r  r  i  s  J  a  s  t  r  0  w,  The  Things  and  Names  for  the  L  i  v  r  e  in  Babylonian.    Zeit- 
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M.  Tsakyroglos,  '\z-ry/.^j'j.v:/A  ;Lr>or'jta  -i-M.  i^  [y.zy.-/.f^  sv  tf,  /^pajj.s;/-?,  xr^-  yi[>.b;jYf^:;. 
Privatdruck.     (Preisschrift   1904).     151  Abbildungen.     Athen' 1905. 


374 


LITERATUR-  UND  OUELLENVERZEICHNTS. 


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Felix  Regnault,  L'Oto-Rhinologie  devant  l'art  antique.  Les  Maladies 
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A.  F  0  n  a  h  n,  Der  altägyptische  Arzt  Iwoti  mit  Abbild.  Archiv  für  Geschichte  der 
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F.  C.  L.  Sic  kl  er.  Die  Hieroglyphen  in  dem  Mythus  des  Äskulapius  nebst 
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Jean  Capart,  Une  Rue  de  Tombeaux  ä  Saqqärah.  Premier  volume  texte.  Se- 
cond  volume  planches.    Bei  Vromant  &  Cie.     Bruxelles   1907. 

V.  Seh  eil,  Notes  d'epigraphie  et  d'archeologie  assyriennes.  Recueils  1901/02. 
Donaria  aus  Babylonien  (Schröpfköpfe?  aus  Kalkstein  mit  Weihinschriften  für 
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H.  Villard  Montpellier,  La  circoncision  dans  l'art.  La  Chronique  Medicale 
1909.  (Abbildungen  eines  Kapitals  von  Chambon  [Puy  de  Dome],  11.  Jahr- 
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Paul  Richter,  Über  Ärztegötter  und  Ärztezeichen.  Deutsche  medizinische 
Wochenschrift   1911,  Nr.   19. 

Samuel  H  e  r  1  i  c  h,  Antike  Wunderkuren.  Wissenschaftl.  Beilage  zum  Jahresbericht 
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F  r  i  e  d  r  i  c  h  S  c  h  a  t  z.  Die  griechischen  Götter  und  die  menschlichen  Mißgeburten. 
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Hans  Bad,  Geschlechtsleben,  Geburt  und  MiĂźgeburt  in  der  asiatischen  My- 
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Karl  Sud  hoff.  Aus  dem  antiken  Badewesen.  Medizinisch-kulturgeschichtliche 
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lagsanstalt, Berlin  1910. 
Ludwig  Hopf,  Die  Heilgötter  und  Heilstätten  des  Altertums.  Eine  archäo- 
logisch-medizinische Studie.     Franz  Pietzcker,  TĂĽbingen   1904. 

0  1 1  0  R  u  b  e  n  s  0  h  n.  Das  Aushängeschild    eines  Traumdeuters,    in:    „Festschrift 

fĂĽr  Johannes  Vahlen".     Druck  und  Verlag  von  Georg  Reimer,  Berlin  1900. 
L.  Asch  off  (Göttingen),   Mitteilungen  zur  Geschichte  der  Medizin  und   Natur- 
wissenschaft.    1903. 
R.  Brian,  Du  Service  de  sante  militaire  chez  les  Romains.     Paris  1866. 
A.  Furtwängler,  Zu  den  Skulpturen  des  A  s  k  1  e  p  i  o  s  t  e  m  p  e  1  s  von  Epi- 
dauros.    Akademische  Rede.    MĂĽnchen  1903. 


LITERATUR-  UND  QUELLEXVERZEICHNIS.  c  n  r 


R  a  p  h  a  e  1  B  1  a  n  c  h  a  r  d,  Epigraphie  Medicale.     Corpus  inscriptionum  ad  medi- 

cinam  biologiaiiique  spectantium.     Tome  premier.     Paris,  November   1909. 
E.  von  Sacken,  Die  antiken   Bronzen  des  k.  k.  MĂĽnz-  und  Antikenkabinetts. 

Wien   1871. 
Gräfin  Caetano-Lovatelli,   Monumenti    antichi    public,   per  cura    della 
Reale  Accademia  dei  Lincei  1895,  Vol.  V.    (Tonbecher  mit  Gerippen  verziert.) 

Otto  Weinreich,  Antike  Heilungswunder.  Untersuchungen  zum  Wunder- 
glauben der  Griechen  und  Römer.  Religionsgeschichtliche  Versuche  und  Vor- 
arbeiten.    GieĂźen  1909. 

von   Ö  f  e  1  e.  Die  ältesten  Darstellungen  chirurgischer  Operationen.     Janus  1907. 

Nikolaus  Gerzetic,  Ăśber  aufgefundene  chirurgische  Instrumente  des  Alter- 
tums in  Viminacium  (Kostolac  in  Serbien),  nebst  Anhang  über  die  ältesten 
Behelfe  der  Medizin  im  Dienste  des  Sonnenkultus.  Karansebes  1894.  Druck 
der  Diözesan-Buchdruckerei. 

Deneff  e,  Chirurgie  antique.  Anvers  1893.  EtĂĽde  sur  la  trousse  d'un  Chirurgien 
Gallo-Romain  du  111.  siecle. 

R  0  b  e  r  t  M  ĂĽ  1 1  e  r  h  e  i  m,  Die  W  o  c  h  e  n  s  t  u  b  e  in  der  Kunst.  Kulturhistorische 
Studie.     Ferdinand  Enke,  Stuttgart  1904. 

H  u  g  0  M  a  g  n  u  s.  Die  Darstellung  des  Auges  in  der  antiken  Plastik.    Leipzig  1892. 

R.  G  r  e  e  f  f.  Ăśber  Darstellungen  von  Blindenheilungen  auf  altchristlichen  Sarko- 
phagen.   Zentralblatt  fĂĽr  praktische  Augenheilkunde  1908. 

Artur  Zweiniger,  Der  lebendige  Homer.  Eine  Wiederherstellung  der  Ge- 
sichtszĂĽge des  lebendigen  Homer  auf  Grund  der  Totenmaske,  1909.  E.  A.  See- 
mann. 

C  0  n  z  e,  Ăśber  die  Darstellung  des  menschlichen  Auges  in  der  antiken  Skulptur. 
Abhandlungen  der  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Berlin  1892. 

L.  W  a  c  h  h  0  1  z.  Ein  Zwitter  vor  Gericht  im  Jahre  1561.  Vierteljahrschrift  fĂĽr 
gerichtliche  Medizin  1911,  Band  41.  (Verurteilung  eines  angeblich  weiblichen 
Hermaphroditen  zum  Feuertode  wegen  männlicher  Betätigung.  Aus  den  Straf- 
akten der  Stadt  Krakau.) 

Henri  Meige,  L'infantilisme,  le  feminisme  et  les  hermaphrodites  antiques. 
L'Anthropologie  1895. 

Henri  Meige,  Le  mal  de  Pott  dans  l'art  antique.  Traveau,x  de  Neurologie 
Chirurg.  1897  und  die  Veröffentlichungen  der  Nouvelle  Icono- 
graphie  de   la    Salpetriere. 

Jean  I  c  t  i  s,   Les  Hermaphrodites.     La  Presse  medicale.     Dezember  1910. 

S  a  1  0  m  0  n  R  e  i  n  a  c  h,  Un  indice  chronologique  applicable  aux  figures  feminines 
de  l'art  grec.  Revue  des  etudes  grecques  1908,  Tome  XXI.  (Stellung  der  Mammae 
zueinander  als  verläßliches  Kriterium  der  Kunstepochen.) 

C  h  a  r  c  0  t  et  R  i  c  h  e  r,  Deux  Bas-reliefs  de  Nicolas  de  Pisa.   1890,  p.  134. 

Gilles  de  la  Tou  rette,  Un  buste  d'eveque   guerissant    les   ecrouelles  1891. 

Henri  Meige,  Les  Nains  et  les  Bossus  dans  l'art.     1896. 

Joseph  Kirchner,  Die  Darstellung  des  ersten  Menschenpaares  in  der  bilden- 
den Kunst.     Stuttgart,  Ferdinand  Enke.  1903. 

A  d  0  1  f  H  a  r  n  a  c  k.  Medizinisches  aus  der  ältesten  Kirchengeschichte.  J.  C.  Hinrich- 
sche  Buchhandlung,  Leipzig  1892. 

Friedrich  Boerner,  De  Cosma  et  Damiano  Artis  Medicae  Diis  Olim  et 
Adhuc  Hodie  Hinc  Illincque  Tutelaribus.     Helmestadi  MDCCLl. 

M.  H  ö  f  1  e  r  (Tölz),  Heilige  Krankenheiler.    Janus  1909. 

Broc  de  Segange,  Les  saints  patrons  de  corporations  et  protecteurs  spec. 
invoques  dans  les  maladies.    Paris  1888. 


376  LITERATUR-  UND  OUELLENVERZEICHXIS.  ^ 

A.  N.  P  a  c  h  i  n  g  c  r,  Ăśber  Krankheitspatrone  auf  Medaillen.  Archiv  fĂĽr  Geschichte 
der  Medizin   1909,   Band  3. 

A.  N.  P  a  c  h  i  n  g  e  r,  Ăśber  Krankheitspatrone  auf  Heiligenbildern.  Archiv  fĂĽr 
Geschichte  der  Medizin  1909,  Band  2,  Heft  2. 

E.  Lucius,  Die  Anfänge  des  Heiligenkults  in  der  christlichen  Kirche.  Tübingen 
1904. 

K  0  s  m  a  s  und  D  a  ni  i  a  n,  Texte  und  Einleitung  von  Ludwig  D  e  u  b  n  e  r. 
Leipzig  und  Berlin,  Teubner  1907. 

M.  H  ö  f  1  e  r.  Das  Herz  als  G  e  b  i  1  d  b  r  0  t.  Archiv  für  Anthropologie,  Band  5, 
Heft  3—4. 

Marie  A  n  d  r  e  e  -  E  y  s  n,  K  i  r  c  h  e  n  s  t  a  u  b  heilt  Wunden.  Zeitschrift 
des  Vereins  fĂĽr  Volkskunde   1906. 

S.  H  a  u  c  k.  Die  Entstehung  des  Christustypus. 

Inca  Garcilasso  de  la  Vega,   Histoire  des  Incas.     Amsterdam   1757. 

Oskar  M  arten  s.  Ein  sozialistischer  GroĂźstaat  vor  400  Jahren.    Berlin  1895. 

Artur  Baeßler,  Altperuanische  Kunst.     Beiträge  zur  Archäologie  des  Inkareiches. 

A.  St  übel  und  U  h  1  e.  Die  Ruinenstätte  vor  Tiahuanaco.     Breslau  1892. 

W.  ReiĂź  und  S  t  ĂĽ  b  e  1,  Das  Totenfeld  von  Ancon  in  Peru.     Berlin. 

R.  A.  P  h  i  1  i  p  p  i,  Descripcion  de  los  idolos  peruanos  de  greda  cocida.  Anales 
del  Museo  National  de  Chile   1891. 

Charles  W.  M  e  a  d,  Peruvian  Mummies.     New  York   1907. 

Reinhold  B.  Brehm,  Das  Inkareich.  Zur  Staats-  und  Sittengeschichte  des 
Kaisertums.     Jena  1885. 

Alex.  Hrdlicka,  Diseases  of  the  Indians  more  especially  of  the  Southwest 
United  States  and  Nord  Mexico.  Washington  med.  Annais  1906,  Vol.  IV,  Nr.  6. 
(Mitt.  Nr.  28.)  (Untersuchte  viele  vorkolumbischen  Grabstätten  des  genannten 
Gebietes  und  fand  hier,  ebenso  wie  in  Peru,  keine  Lues,  so  daĂź  ihm  der  ameri- 
kanische Ursprung  der  Lues  unwahrscheinlich  ist.) 

P  a  d  r  e  B.  d  e  1  a  s  C  a  s  a  s.  De  las  antiguas  gentes  de  Peru.    .Madrid  1892. 

Pedro  S  a  r  m  i  e  n  t  0,     Geschichte  des  Inkaruhmes.     Berlin   1906. 

L  0  r  t  e  t,  La  Syphilis  dans  la  prehistoire.  La  chronique  medicale  1908,  Nr.  6, 
S.   193  u.  L 

K  a  r  1  J  ä  g  e  r,  Beiträge  zur  frühzeitlicheii  Chirurgie;  beobachtet  nach  dem  Material 
der  Königl.   Staatssammlung  .München.     C.  W.  Kreideis,  Wiesbaden   1907. 

Johannes  Ranke,  Über  altperuanische  Schädel  von  Ancon  und  Pachacamae, 
gesch.  von  I.  K.  H.  Prinzessin  Therese  von  Bayern.  Abhandl.  der  Mathem. -Physik. 
Klasse  der  Königl.  Bayrischen  Akademie  der  Wissenschaften,  Band  20.  Mün- 
chen  1900. 

Zeitschrift  fĂĽr   Ethnologie    1895,    1897,    1898,    1899,    1900,    1901,    1902. 

Verhandlungen  und  Mitteilungen  der  ersten  Internationalen  Lepra-Konferenz.  B.  1897. 
(Abhandl.  Ashmeads  S.  171,  Abt.  4.) 

D  e  r  m  a  t  0  1.  Z  e  n  t  r  a  I  b  1  a  t  t,  Jahrgang  III,  Nr.  2. 

A  s  h  m  e  a  d,  The  Canadian  Journal  of  Medicin  and  Surgery.  .March  1899.  ,.No 
evidence  in  America  of  Pre-Columbian  leprosy." 

Ashmead,  The  St.  Louis  Medical  and  derm.  Journal  1900  und  1901.  Pre- 
Columbian  Lupus  as  represented  on  the  Huaco  pottery  of  Peru. 

Walter  Lehmann,  Syphilis  und  Uta  in  Peru.  Globus  1910.  (Mit  Bezug  auf 
die  präkolumbischen  Keramiken.) 

C.  Z  e  t  z  s  c  h  e.  Altperuanische  Kunst.    Die  Welt  der  Technik  1907,  Nr.  11. 

N.  Velez,  Les  Vases  peruviens  anthropomorphes.     Presse  medicale  1909,  Nr.  85. 


VERLAGS- 
WERKE 


y erlag  von  FERDINAM)  ENKE  in  Stuttgart. 


Die  medizin  in  der  l{la»i$dien  fnalecei. 

Von    Eugen    Holländer,   Prof.  Dr.  med.  in   Berlin. 

Mit  165  in  den  Text  gedruckten  Abbildungen.     Hoch  4". 

Geheftet  M.  16.—  Eleg.  geb.  M.  18.— 

Inhalt: 

Vorwort  —  Einleitung  —  Die   Anatomiegemälde  —  Medizinische  Gruppenbilder   —   Krank- 
heitsdarstellungen —  Innere   Medizin   —  Chirurgie  —  Allegorien,   Hospitäler   und   Wochen- 
stuben  —  Heiligenbeliandlung  —  Schlußwort. 


Urteile  der  Presse. 


Der  Verfasser  bespricht  die  in  sehr  guten  Autotypien  vorgefĂĽhrten  Darstellungeu  medizinischen 
Inhalts,  die  er  als  Kunstfreund  in  den  Galerien  der  Alten  Welt  aufgefunden  und  gesammelt  hat.  in  an- 
ziehender Weise,  und  zwar  gruppiert  die  Anatomiegennilde.  Krankheitsdarstellungeu  (Aussatz.  Syiiliili^, 
Pest  usw.).  Innere  Medizin.  Chirurgie,  Allegorien,  Hospitaler  und  Wochenstuben  und  Heiligeubehaiidhnm' 
j.Ein  frohes  Werk  außerberuflicher  Tätigkeit"  nennt  der  Verfasser  selbst  sein  Buch,  und  die  Freude,  dii- 
ihm  die  Arbeit  bereitet  haben  mag,  teilt  sich  sofort  dem  Leser  mit.  KĂĽnstlerischer  und  historischer  Sinu, 
unterstĂĽtzt  durch  die  Hilfsmittel  der  modernen  Technik,  haben  hier  ein  Prachtwerk  im  besten  Siune  des 
Wortes  gescharten.  Wim-hner  me.Uzhnsch,    W»che„s,h.-ii;  1S03.  Xr.  50. 

Wie  sehr  hat  der  Autor  die  an  sein  Werk  geknĂĽpften  Hoftnungen  und  Erwartungen  zu  ĂĽbertrumpfen 
verstanden!  Denn  ebenso  glänzend  wie  die  äußere  Ausstattung.  Auswahl,  photographische  Reproduktion 
der  Gemälde  und  die  sonstige  typographische  Technik  hervortritt,  ebenso,  ja  noch  glänzender,  ist  der  die 
Bilder  begleitende  Text.  p^^f   Xagel-Berlin.     De„!srl,c  Jer.-Iezei,„„!)  i:o4.  X,-.  1. 

Bevor  wir  auf  den  Inhalt  dieses  hochinteressanten  Werkes  etwas  eingehen,  können  wir  es  uns  nicht 
versagen,  auf  die  geradezu  mustergĂĽltige  Ausstattung  dieses  Werkes  die  Aufmerksamkeit  zu  lenken 
belten  wohl  hat  eine  Verlagsbuchhandlung  in  derartig  splendider  Weise  ein  Werk  ausgestattet  wie  das 
vorliegende.  Die  Vervielfältigungen  siud  teils  iu  Autotyjpie.  teils  auch  in  anderen  Reproduktiousmethoden 
ausgetĂĽhit  und  geben  die  Originale  in  einer  NatĂĽrlichkeit  und  Klarheit  wieder,  die  selbst  dem  KĂĽnstler 
das  Studium  der  Technik  ermöglicht,  Hollander  ist  ein  Kunstfreund  im  besten  Sinne  des  Wortes.  Er 
treibt  zielbewuĂźt  seine  Studien  und  hat  es,  was  Beurteilung  anlangt,  zu  einer  Vollendung  gebracht  die 
Ihn  über  den  gewöhnlichen  Dilettantismus  erhebt.  Als  begeisterter  Verehrer  der  hoUän  tischen  und  flämischen 
Schule  hat  er  es  sich  zur  Aufgabe  gemacht,  in  mĂĽhevollen  und  an  kĂĽnstlerischen  GenĂĽssen  reichen  Studien 
aHe  die  "Werke  der  klassischen  M.alerei  aufzusuchen,  die  in  Beziehung  zur  Medizin  stehen.  Er  bietet  uns 
111  seinem  \\  erk  an  der  Hand  klassischer  Bilder  einen  Teil  der  Geschichte  der  Medizin.  Daß  naturgemäß 
ein  so  in  das  Leben  der  einzelnen  eingreifendes  Gebiet  wie  das  der  .Medizin  seinen  EinfluĂź  auf  die  Kunst 
ausüben  würde  und  ausgeübt  hat,  ist  ganz  selbstverständlich,  und  wie  die  Maler  aller  Zeiten  wenigstens 
teilweise,  in  ihien  Bildern  die  Zeit,  in  der  sie  lebten,  wiederg.aben.  so  finden  wir  in  diesen  Werken  der 
holländischen  Sammlung  treue  Bilder  vom  Stand  der  Medizin,  von  der  Stellung  der  .Aerzte.  von  Epidemien 
hygienischen  Einrichtungen  und  anderem  jener  Zeit.  In  klarer  und  der  Bedeutung  der  Einzelheiten  voll 
Rechnung  tragender  Darstellung  hat  Holländer  den  verbindenden  Text  für  seine  165  Tafeln  gegeben  Es 
muĂź  eine  schwere  Aufgabe  gewesen  sein,  diese  groĂźe  Z.ahl  von  klassischen  Bildwerken  der  Reproduktion 
zugänglich  zu  machen,  und  jeder,  der  das  Buch  in  die  H,and  nimmt,  wird  von  seinem  Inhalt  gefesselt 
werden  und  winl  es  mit  dem  BewuĂźtsein  fortlegen,  in  der  erfreulichsten  und  angenehmsten  Weise  ein 
Teil  der  Geschichte  derMeilizin  durchlaufen  zu  haben.  Wohl  dem.  welcher  in  so  nĂĽtzlicher  und  fĂĽr  die 
Mitmenschen  erfreulicher  Weise  außerberuflich  tätig  sein  kann  wie  der  Verfasser;    P.  M. 

Per  Tilg  l;;04.  .V/-.  llö. 


Verlag  von  FERDINAND  ENKE  in  Stuttgart. 

Die  Knrihotur  und  Satire  in  der  Medizin. 

MeĂĽiko-kunsthistorische  Studien 

von 

EUGEN  HOLLANDER,  Prof.  Dr.  med.  in  Berlin. 
Kartoniert  M.  24.—    Mit  10  farbigen  Tafeln  nnd  223  Abbiiclnnoen  im  Text.    Eleg.  geb.  M.  27.— 


-^'    ^:-'r 


Urteile  der  Presse. 


Ein  prächtiges  Werk,  wie  selten  eines  geeignet,  auf  dem  Weibnachtstiselie  der  Aerzte  zu 
prangen.  Mit  außerordentlichem  Fleiße  und  vor  allem  mit  außerordentlichem  Kunstverständnis 
hat  der  Verfasser  aus  all  den  Abbildungen,  die  die  Satire  und  Karikatur  seit  Jahrhunderten 
über  den  ärztlichen  Stand  geliefert  haben,  das  künstlerisch  Wertvolle  ausgesucht  und  in 
vorzĂĽglichen  Reproduktionen,  wie  man  sie  bei  dem  Verlage  von  Ferdinand  Enke  ge- 
wohnt ist,  wiedergegeben.  .Jllhicliener  mediz.  Wochenschrift"  1905,  Nr.  51. 

So  wird  das  Buch  dem  geplagten  Arzte  von  heute  eine  spannungenlösende  geistige 
Erquickung  sein,  ein  frischer  Trunk  Quellwassers,  geschöpft  aus  der  köstlich  sprudelnden 
Vergangenheit,  die  ihn  einige  Jahrzehnte  Nichtbeachtung  fast  gering  zu  schätzen  gewöhnt 
haben.  UnwillkĂĽrlich  wird  er  in  angenehmster  Form  nicht  nur  eine  ganze  Reihe  historischer 
Daten  aus  der  Medizin  frĂĽherer  Zeiten  in  sich  aufnehmen,  er  wird  auch  von  recht  historischer 
Forschung  einen  Hauch  verspürt  haben,  der  in  immer  wiederkehrender  Beschäftigung  mit 
dem  vom  Verfasser  und  Verleger  gleich  vollkommen  ausgestatteten  Buche  sich  langsam 
zum  unwiderstehlichen  Luftstrom  gestalten  möge,  der  ihn  der  Geschichte  seines  Standes 
und  seiner  Wissenschaft  in  die  gerne  sich  öffnenden  Arme  treiben  wird.  Darum  auch 
unseren  besonderen  Segen  dem  schönen  Buche  auf  seinen  Weg!  Doch  auch  unsere  ganz 
uuhistorische,  kĂĽnstlerische  und  menschliche  Seele  von  heute  freut  sich  daran. 
Mitteilungen  zur  Geschichte  der  Medizin.  Karl  Sudhoff,   Geh.  Med.  Bat,  Prof.  der 

r.  Band.  A'r.  1.  1906.  Geschichte  der  Medizin,   l'niv.  Leipzig. 

Holländer  hat  mit  diesem  seinem  neuesten  Prachtwerk  nicht  nur  sein  erstes  in  idealer 
Weise  ergänzt,  sondern  auch  die  historische  Literatur  mit  einer  weiteren  Gabe  von  monu- 
mentaler Bedeutung  bereichert.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daĂź  dieses  neueste  Gegen- 
stück zu  dem  älteren  Werk  im  A^erein  mit  ihm  dem  Verfasser  einen  hervorragenden  und 
dauernden  Platz  in  der  Literatur  der  medizinischen  Kulturgeschichte  sichert.  —  Noch  mehr 
fast  als  das  vor  zwei  Jahren  erschienene  Werk  wird  die  „Karikatur  und  Satire  in  der  Medizin" 
das  EntzĂĽcken  der  kunstfreudigen  und  kunstfreundlicben  Kollegen  erregen  und  als  ĂĽberaus 
geschmackvolle  und  passende  Weihnachtsgabe  in  ihren  Kreisen  weite  Verbreitung  finden. 
Deutsche  Aerzte-Zeitung  1905,  Heft  -^i.  Paget,  Prof.  der  Geschichte  der  Medizin.  Unir.  Berlin. 


A  erlag  von  FERDINAND  ENKE  in  Stuttgart, 

Geschichte  der  Medizin. 

Von  Prof.  Dr.  M.  NEUBURGER. 

Zwei  Bände.  

I.  Band.     gr.  8°.     1906.     geh.  M.  9.—  ;  in  Leinw.  geb.  .M.  lu.40. 
II.  Band,  I.  Teil.     Mit  3  Tafeln,     gr.  8".     1911.     geb.  M.  13.60;  in  Leinw.  geb.  M.  15.— 

^ie^ochenstube  in  der  JCunst. 

Eine  kulturhistorische  Studie 


Dr.  med.  ROBERT  MULLERHEIM. 

Mit  13S  Abbildungen.  Hoch  4".  1904.  Kartoniert  M.  16.—  ;  elegant  in  Leinw.  geb.  M.  18. 


INHALT:   Vorwort.   —  Eiiifiihniiig.  —  Die  Woclieustulie.    —  Das   Bett.  —   Gebiirtsstiilil.   —   Pflege   der 

Wöchnerin.  —  Pflege  des  Kindes  —  Kleidung  des  Kindes.  —  Einiilirung  des  Kindes.  —  Bett  des  Kindes.  — 

Glaube  und  Aberglaube  in  der  Woclienstube.  —  Volkstümliche  und  gelehrte  Anschauungen.  —  Kultus  der 

Wöchnerin.  —  Ende  des  Wochenbetts.  —  Anhang.  —  Quellen  und  Anmerkungen. 


Hnndliuch  der  prahtischen  Chmie. 

In  Verbindung  mit 

Prof.  Dr.  V.  Angerei-  in  Jliinchen,  Prof  fir.  Borchardt  in  Berlin,  Prof.  Dr.  v.  Bramann  in  Halle.  Prof. 
Dr.  V.  Eiseisberg  in  Wien,  Pnif.  Dr.  Friedrich  in  Jlavburg,  Prof.  Dr.  Gralf  in  Bonn,  Prof.  Dr.  Graser 
in  Erlangen  Prof.  Dr.  v.  Hacker  in  Graz,  Piof  Dr.  Henle  in  Dortmund,  Dr  Hoffa,  weil.  I'rof.  in  Berlin. 
Prof  Dr  Hofmeister  in  Stuttgart,  Prof.  Dr  Jordan  in  Heidelberg,  Prof-  Dr  Kausch  in  Schöneberg- 
Berlin  Prof  Ur  Kehr  in  Halljerstadt,  Prof.  Dr.  Körte  in  Berlin,  Prof.  Dr.  F.  Krause  ni  Berhn ,  Prof. 
Pr  Krönlein  in  Zürich,  Prof-  Dr.  Kümmel  in  Heidelberg,  Prof.  Dr  Kümmell  in  Hamburg,  Prof.  Dr. 
KĂĽttner  in  Breslau,  Prof.  Dr.  Lexer  in  Jena,  Primararzt  Dr.  Lotheissen  in  Wien,  Dr.  v.  iVlikulicz, 
weil  Prof.  in  Breslau,  Dr.  Nasse,  weil.  Prof.  in  Berlin,  Dr.  Nitze,  wril  Prof  in  Berlin,  Stabsarzt  Dr. 
Rammstedt  in  MĂĽnster  i.  W.,  Prof.  Ur  Reiche!  in  fhemnitz,  Prof.  Dr.  Riedinger  in  WĂĽrzburg,  Prof 
Dr  Römer  in  Straßburg,  Prof  Dr.  Rotter  in  Berlin,  Dr.  Schede,  weil  Prof.  in  Bonn,  Prof.  Dr  Schlange 
in  Hannover,  Prof.  Dr.  SchlaMer  in  ZĂĽrich,  Oberarzt  Dr  Schreiber  in  Augsburg,  Prof  Dr.  Sonnenburg 
in  Berlin.  Prof.  Dr.  Steinthal  in  Stuttgart,  Oberarzt  Dr.  Wiesmann  in  Herisau,  Prof.  Dr  Wilms  in  Heidelberg 

bearbeitet  und  berausgegetien  von 

Prof.  Dr.  E.  von  Bergmann     und     Prof.  Dr.  P.  von  Bruns 

in  Berlin  in  TĂĽbingen. 

Dritie  umgearbeitete  jfuflage.     -x-     /Vif«/  Uünde. 

Mit  1312  Textabbildungen,     gr.  S".     1907.     geh.  M.  103.— ,  in  Leinw.  geb.  M.  118.- 


I.  Band:  Chirurgie  des  Kopfes. 
II.  Band:  Chirurgie   des  Halses,  der  Brust  und  der  Wirbelsäule. 

III.  Band:  Chirurgie  des  Bauches. 

IV.  Band:  Chirui'gie  des  Beckens. 

V.  Band:  Chirurgie  der  Extremitäten. 


Yerlag  von  FERDINAND  ENKE  iu  Stuttgart. 

Handbuch  der  praktischen  Medizin. 

Bearbeitet  von 

Geh.  llediziiialrat  Prof.  Dr.  Brieger  in  Berlin,  Geli  Mediziiiahat  Prof.  Dr.  Damsch  in  liöttingen,  Prof. 
Dr.  Dehio  in  Dor|iat.  Geli.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Ebstein  in  Göttingen,  Prof  Dr.  Edinger  in  Frank- 
furt a.  M.,  Prof  Dr  Epstein  in  Prag,  Dr.  Finlay  in  Havanna,  Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  FĂĽrbringer 
in  Berlin.  Prof.  Dr.  E  Grawitz  in  Charlottenliurg.  Geli.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Harnack  in  Halle  a.  S. 
Prof.  Dr.  Jadassohn  in  Dem.  (.Uicrarzt  Prof.  Dr.  KĂĽmmell  in  Hamlnng-Eppendorf,  Prof.  Dr.  Laache  iii 
Christiania,  Prof,  Dr.  Lenhartz  in  Hanibiirg-Eiiiiendorf.  Prof.  Dr.  Lorenz  in  Graz.  Stabsarzt  Prof.  Dr.  Marx 
in  Krankfurt  a.  JI  ,  Geh.  .Medizinalrat  Prof.  Dr  Mendel  in  Berlin.  I^rof.  In-  Nicolaier  in  Berlin,  Prof.  Dr. 
Obersteiner  in  Wien,  Hofrat  Prof.  Dr.  PHbram  in  Prag,  Prof.  Dr.  Redlich  in  Wien,  Oberarzt  Prof! 
Dr.  Reiche  in  Hamburg-EpiMMidorf,  Piof  Dr  Romberg  in  TĂĽbingen,  Prot.  Dr.  Rosenstein  in  Leiden.  Prof 
Dr.  Rumpf  in  Bonn,  Prof  Dr.  Schwalbe  in  Berlin,  Prof.  Dr.  Sticker  in  MĂĽnster  i.  W.,  Geh.  Medizi'nalrat 
Prof.  Dr,  StrĂĽbing  ni  <;ieifswald,  Geli.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Unverricht  in  Jlagdeburg,  Geh.  Medizinalrat 
Prof.  Dr.  Wassermann  in  Berlin,  Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Ziehen  in  Berlin. 

Unter  Redaktion  von 

Dr.  W.  Ebstein        und       Prof.  Dr.  J.  Schwalbe 

Geheimer  Medizinalrat,  o.  Professor  in  Göttingen  Herausgeber  der  Deutschen  med.  Wochensclirifl 

herausgegeben  von 

W.  EBSTEIN. 

Z\vcite,  vollständig  unigearbeitete  Auflafit. 


Vier  Bände. 


232  Bogen.    Mit  261  Textabbildungen,    gr.  8".    1905/06. 
Geheftet  M.  77.—  ;  in  Leinwand  gebunden  IVI.  85.— 

I.  Band.  Krankheiten  der  Atniung's-,  der  Kreislanfsorgaue,  des  Blutes  und  der 
Blutdriiscn.  67  Bogen.  Mit  75  Textabbildungen,  gr.  8".  1905.  Geh.  M.  22.—,  in 
Leinw.  geb.  M.  24. — 

II.  Band.  Kninklieiten  der  Verdaiiiings-,  der  Hariioraraue  und  des  männlichen  Ge- 
schlechtsapparates.  Venerische  Krankheiten.  61  Bogen.  Mit  54  Textabbildungen, 
gr.  8".     1905.     Geh.  M.  20.—,  in  Leinw.  geb.  M.  22.— 

111.  Band.  Krankheiten  des  Nervensystems  (mit  EinschluĂź  der  Psychosen).  Krank- 
heiten der  Bewegungsorgane.  59  Bogen.  Mit  81  Textabbildungen,  gr.  8°.  1905. 
Geh.  M.  20.—,  in  Leinw.  geb.  M.  22.— 

IV.  Band.  Infektionskrankheiten.  Zoonosen,  Konstitutionskrankheiten,  Verg-iftungen 
durch  Metalle,  durch  Tier-  und  Fäuluisgifte.  45  Bogen.  Mit  51  Textabbildungen 
gr.  8».    1906.    Geh.  M.  15.—.  in  Leinw.  geb.  M.  17.— 

Chirurgie  des  praktischen  Arztes. 

it  EiiiscliluĂź  der  Auien-,  Ohren-  und  Zaiinhranidieiten. 

Bearbeitet  von  Prof  Dr  k.  Fraeiikel  in  Wien,  Geh.  Medizinalrat  Prof  Dr.  K.  (iarri-  in  Bonn,  Prof.  Dr. 
H.  Häekel  in  Stettin,  Prof.  Dr  ('.  Hess  in  Würzburg,  Geh.  Medizinalrat  Prof  Dr  F.  König  in  Grune- 
wald-Berlin. Prof.  Dr  AV.  KĂĽmmel  in  Heidelberg,  I.  Oberarzt  Prof.  Dr.  U.  KĂĽmmell  in  Hamlaug-Eppen- 
dorf,  Prof.  Dr.  (i.  I.edderhose  in  StralSburg  i.  E.,  Prof.  Dr.  K.  Leser  in  Halle  a.  S. ,  Prof.  Dr.  W.  .MĂĽller 
in  Rostock  i.  M. ,  Prof.  Dr.  J.  Scheff  in  Wien,  Prof.  Dr.  0.  Tilmann  in  Köln. 

Mit  171  Abbildungen,     gr.  8°.     1907.     Geheftet  M.  20.—,  in  Leinwand  geb.  M.  22.— 

(Zugleich  ErgĂĽnziingshand  zum  Handbuch  der  praktischen  Medizin.    2.  Aufl.) 


Verlag  von  FERDINAND  ENKE  in  Stuttgart. 

Allgemeine  Pathologie. 

Ein  Lehrbuch  fĂĽr  Studierende  und  Aerzte. 
Von  Prof.  Dr.  E.  Schwalbe. 

Mit  591  teils  farbigen  Textabbildungen.  Lex.  8".  1911.   geh.  W.  •2-2.—  ;  in  Halbfrz.  geb.  M.  24.— 

Orthopädische  Operationslehre. 

Von  Prof.  Dr.  O.  Vulpius  und  Dr.  A.  Stoffel. 

I.  Hälfte. 

Mit  202  teils  farbigen  Textabbildungen.     Lex.  8".     1911.     geh.  M.  12.— 

Handbuch  der  allgemeinen  Chirurgie 

zum  Gebrauche  fĂĽr  Aerzte  und  Studierende. 

Von  Geh.  Rat  Prof.  Dr.  E.  Lexer. 

Zwei  ISäiido.    ^^^^Z    Fünfte  umgearbeitete  Auflage. 

Mit  890  teils  farbigen  Textabbildungen  und  einem  Vorwort  von  Prof.  K.  von  Bergmann, 
gr.  8°.  1911.  geh.  M.  2-2M;  in  Leinw.  geb.  M.  -iS.— 


Lehrbuch  der  Greisenkrankheiten. 

Unter  Mitwirkung  von 

Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Damsch  in  Göttingen,  Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Ebstein 
in  Göttingen,  Geh.  Medizinalrat  Prof  Dr.  Ewald  in  Berlin,  Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Für- 
bringer  in  Berlin.  Prof.  Dr.  Grawitz  in  Chailottenburg,  Prof  Dr.  Hirsch  in  Göttingen, 
Prof.  Dr.  Hoppe-Seyler  in  Kiel,  Prof.  Dr.  Jadassohii  in  Bern,  Prof.  Dr.  Baron  A.  v.  Koränyi 
in  Budapest,  Geh.  Medizinalrat  Prof  Dr.  Naiinyn  in  Baden-Baden,  Prof.  Dr.  Ortner  in 
Innsbruck,  Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Siemerling  in  Kiel,  Prof.  Dr.  Sternberg  in  Wien 

herausgegeben  von 

Prof.  Dr.  J.  Schwalbe,  Berlin. 

gr.  8°.     1909.     geb.  M.  26.—  ;  in  Halbfrz.  geb.  M.  28.— 

Handbuch  der  Unfallerkrankungen 

einsclilieĂźlicli  der  Invalidenbegutachtung. 

unter  Mitwirkuiis  von  Sanitätsrat  Dr.  E.  Cr.imer.  ('otlljus,  lir.  AV.  küliiip,  Cottbus, 
Gell.  Rat  Prof.  Dr.  \.  Passow,  Berlin  iind  Ln\  V.  Kr.  StliniiUI,  Cottbus. 

Yen  Geh.  Rat  Prof.  Dr.  C.Thieni. 

Zweite  (fiinz/ich  iim.f/f arbeitete  Aiiflaf/e.  —  Zirei  Bande. 
Mit  268  Textabbildungen,     «r.   8".     1909-1910.     geb.  I\I.  66.60;   in  Halbfrz.   geb.  M.  72.60 


WMrni 


Ein  Lehr-  und  Handbuch   für  Militärärzte 
des  Friedens-  und  des  Beurlaubtenstandes. 

Unter  Mitwirkung  zahlreicher  Fachmänner  herausgegeben  von  den  Generalärzten 

Dr.  A.  Villaret  und  Dr.  F.  Paalzow. 

Mit  10  Abbildungen,     gr.  8".     1909.     geh.  M.  26.— ;    in  Halbfrz.  geb.  M.  28.— 


Verlag  von  FERDINAND  ENKE  iu  Stuttgart. 


In  zwanzigster  Auflage  erschien: 

Die 

Schönheit  des  weiblichen  Körpers. 

Den  Müttern,  Ärzten  nnd  Künstlern  gewidmet. 

Von  Dr.  C.  M.  Stmtz. 

Mit  270  teils  farbigen  Abbildungen  im  Text,   6  Tafeln  in  Diiplex-Autotypie  und   1   Tafel 

in  Farbendruck. 

gr.  8".    1910. 

Geheftet  M.  15.60;  in  Leinwand  gebunden  M.  17.60. 

Inhalt: 

Einleitung.  — 
I.  Der  moderne 
Schönheit.sbegriff. 
—  II.  Darstellung 
«eib  lieber  Schön- 
heit durch  die  bil- 
dende   Kunst.     — 

III.  Weibliche 
Schönheit    in     der 
Literatur.     —    IV. 

Proportionslehre 
und  Kanon.  —  V. 
lĂĽnfluĂź  der  Ent- 
\vicklung  und  Ver- 
erbung auf  den 
Körper.  —  VI.  Ein- 
1 1  aĂź  von  Geschlecht 
und  Lebensalter.  — 
VII.  EinfluĂź  von 
Ernähi'ung         und 

Lebensweise.  — 
\TII.  EinfluĂź  von 
Krankheiten  auf 
die  Körpertorm.  — 
IX.  EinfluĂź  der 
Kleider  auf  die 
ICörperform.  —  X. 
lieurteilung  des 
Körpers  im  allge- 
meinen. —  XI. 
Kopf  und  Hals.  — 
XII.  Rumpf. 

Schulter,  Brust.  Bauch,  Rücken,  Hüften  und  Gesäß.  —  XIII.  Obere  Gliedmaßen.  — 
XIV.  Untere  Gliedmaßen.  —  XV.  Schönheit  der  Farbe.  —  XVI.  Schönheit  der  Bewe.gung. 
Stellungen  des  ruhenden  Körpers.  Stellungen  des  bewegten  Körpers.  —  XVII.  überblicli  der 
gegebenen  Zeichen  normaler  Körperbildung.  —  XVIII.  Verwertung  in  der  Kunst  und  Kunst- 
kritik, ilodelle.  —  XIX.  Vorschriften  zur  Erhalttmg  und  Förderung  weiblicher  Schönheit. 
—  Sachverzeichnis.  —  Namenverzeichnis. 


buddeuisctie.     SoliĂĽne  Naekeuliuien  und  Diehiingslalte  um  Hals. 


Das  Werk  hat  in  der  Presse  die  wärmste  Anerkennung  gefunden,  wie 
die  umstehend  abgedruckte  Besprecliung ,  ausgewählt  aus  der  großen  Zahl 
vorliegender   Kritiken,    genĂĽgend  dartut.    Das   Erscheinen    von    zwanzig 


Yerlag  von  FERDINAND  ENKE  in  Sfuttgait. 

Auflagen  in  zwölf  Jahren  (die  erste  Auflage  wurde  Mitte  Oktober  1898 
ausgegeben)  beweist,  wie  sehr  das  Buch  die  Gunst  des  Leserkreises,  fĂĽr  den 
es  bestimmt  ist,  im  Fluge  zu  gewinnen  verstanden  hat.  Es  kann  dasselbe 
in  seinem  geschmackvollen  Gewände  auch  zu  Geschenken  für  Künstler,  Kunst- 
freunde, Ärzte  und  Mütter,  für  welche  Kreise  es  geschrieben  ist,  wärmstens 
empfohlen  werden. 
=^=^^===^^=^^^  Urteil  der  Presse.  — 

Die  Pai'Ole  langer  Jahre  war  es,  daĂź  man  sich  naiv  nnd  nicht  kritisch  der  Natur  gegenĂĽberzustellen 
habe.  Aber  alle  Bewegungen  auf  dem  Gebiete  der  Kunst  sind  zu  vergleichen  mit  Pendelschwingungen. 
Sie  schieĂźen  ĂĽber  das  Ziel,  die  Mitte  hinaus,  um  dann  von  neuem  einer  Reaktion  zu  verfallen,  immer  in 
dem  Bestreben,  endlich  das  richtige  Ideal  zu  erreichen.  Vor  zehn  Jahren  hätte  man  ein  Buch  wie  das  obige 
ĂĽberflĂĽssiger  gefunden,  als  man  es  heute  tut.  In  der  Tat  sind  solche  Themata  fĂĽr  den  KĂĽnstler  wichtiger, 
als  die  jĂĽngst  verflossene  Zeit  es  meinte.  Nicht  um  ein  klassizistisches  Programm  handelt  es  sich,  sondern 
um  eine  erhöhte  Kritik  der  Natur  gegenüber.  So  gut  es  besonders  schön  ausgebildete  Individuen  gibt, 
gibt  es  auch  das  Gegenteil  davon,  und  es  ist  neben  der  naiven  Nachbildung  auch  ein  Ziel  des  KĂĽnstlers, 
diese  Formen  voneinander  unterscheiden  zu  lernen.  Dies  kann  der  moderne  KĂĽnstler  jedoch  allein  mit 
Hilfe  der  Wissenschaft.  Er  kann  nicht,  wie  einst  die  Griechen,  täglich  den  Anblick  von  schönen,  nackten 
Körpern  genießen;  viel  natürliches  Gefühl  ist  uns  dadurch  verloren  gegangen,  was  wir  durch  anatomisches 
und  physiologisches  Studium  ersetzen  mĂĽssen  Da  kann  denn  ein  ernstes  Buch,  welches  sich  auf  dieses 
Spezialthema  des  weiblichen  Körpers  beschränkt,  nur  willkoniraen  sein.  Die  Kenntnis  der  zahllosen 
Fehler  und  VerkrĂĽppelungen  leichterer  und  schwerer  Art,  wie  durch  Korsett,  Schuliwerk  einerseits  und 
gewisse  Krankheiten,  wie  besonders  Rhachitis  anderseits,  ist  leider  bei  KĂĽnstlern  sowohl  als  bei  Laien 
eine  noch  viel  zu  geringe,  um  stets  zu  der  richtigen  Kritik  gegenĂĽber  dem  jeweiligen  Modell  gefĂĽhrt  zu 
haben.  Von  dem  Standpunkte  aus  ist  das  Buch  als  vortrefllich  zu  bezeichnen. 

Kunst  fĂĽr  Alle.     T4.  Jahrgang.     1899.     Heft  20. 


Soeben  erschien,  gänzlicti  umgearbeitet  und  erweitert,  die  siebente  Auflage  von: 

Die  Rassenschönheit  des  Weibes. 

Von 

Dr.  C.  //.  Stratz. 

Mit  346  Textabbildungen  und  1  Tafel, 
gr.  8".    1911.    geheftet  M.  16.-;  in  Leinwand  geb.  M.  18.— 

Das  Internationale  Archiv  fĂĽr  Ethnographie,  Band  XV,  sagt  ĂĽber  eine  vorhergehende  Auflage  dieses  Buches: 
In  dem  vorliegenden  Werk  hat  der  durch  eine  Reihe  ähnlicher  Arbeiten  bekannte  Verfasser  infolge 
der  Dezenz,  mit  der  er  alle  schwierigen  Fragen  behandelt,  nicht  allein  ein  MeisterstĂĽck  der  Stilbehandlung, 
sondern  auch  ein  Buch  geliefert,  das  nicht  allein  durch  jene,  welche  sich  fĂĽr  rassenanatomische  Fragen 
interessieren,  sondern  auch  durch  Augehörige  weiterer  Kreise,  ja  selbst  durch  Frauen  gelesen  zu  werden 
verdient  .  .  . 

Inhalt: 

Einleitung.  —  I.  Rassencharakter  nnd  Rassenschönheit.  —  II.  Das  weibliche  Rassenideal.  —  III.  Älteste 
protomorphe  Rassengruppe.  1.  Australierinnen.  2.  Papua  3.  Melanesierinnen,  Salomoninseln,  Bismarck- 
archipel,  Adnüralitätsinseln.  —  IV.  Afrikanische  Rassengruppe.  1.  Die  Koikoius.  2.  .\kka  und  Zwergnegc- 
rinuen.  3.  Die  schwarze  Hauptrasse,  Bantunegerinnen,  Sudannegerinnen.  1.  Die  äthiopische  Mischrasse.  — 
V.  Spätere  protomorphe  Rassengruppe.  1.  Amerik.anerinnen.  ä.  Ozeauerinnen:  Sandwichinsulanerinnen, 
Samoanerimien  ,  Fr«uiids£haftsinsulanerinnen,  Neuseeländerinnen,  Tahitierinneu,  Fidschiinsulaneriunen,  Ka- 
rolinen. 3.  Malaiinnen:  Die  Sundaiuseln.  —  VI.  Gelbe  Rassengruppe.  1.  Eskimos.  2.  Die  gelbe  Haupt" 
rasse:  Chinesinnen,  Japanerinnen.  .3.  Tataren  und  Turanier.  4.  Indochinesen:  Slam,  Anara  nnd  Cochinchina, 
Birma.  —  VII.  Weiße  Rassengruppe.  1.  Wedda.  2.  Ainos.  3.  Der  asiatische  Hauptstamm  der  weißen  Rasse.  — 
VIII.  Die  drei  weißen  Rassenzweige.  1.  Die  afrikanische  Rasse:  Ägypten,  Berberische  Stämme.  Maurische 
Stämme.  2.  Die  romanische  Rasse:  Spanien,  Italien,  Griechenland,  Frankreich,  Belgien.  3.  Die  nordische  Rasse: 
Niederland,  Österreich-Ungarn,  Deutschland,  Rußland,  Dänemark,  Skandinavien,  Großbritannien,  .\merika. 


Druck  der  Union  Deutsche  Verlagsgesellschaft  in  Stuttgart. 


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Elegant  in  Leinwand  gebunden  77/.  30.—,  hartoniert  m.  28.— 


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